MKL1888:Mytilēne
[961] Mytilēne, im Altertum die wichtigste Stadt der Insel Lesbos, auf deren Ostseite, hatte zwei Häfen (einen Kriegs- und einen Handelshafen) sowie starke Befestigungen und war durch ihre hohe Bildung wie eifrige Förderung von Kunst und Wissenschaft von alters her berühmt (s. Lesbos). Nachdem die Insel 428 unter Mytilenes Leitung von dem Attischen Seebund abgefallen war, wurde die Stadt nach langer Belagerung von den Athenern erobert, grausam bestraft und ihrer Mauern und Seemacht beraubt. Zur Zeit Alexanders d. Gr. litt M. sehr infolge der Einnahme durch die Perser und der spätern Eroberung durch die Makedonier. Indessen erholte es sich von diesen und spätern Schlägen immer schnell wieder und wurde später von den römischen Kaisern, besonders von Tiberius und Nerva, wesentlich begünstigt. Im Mittelalter ging der Name M. (türk. Midüllü) auf die ganze Insel über. Die heutige Hauptstadt M. (bisher bloß Kastro genannt) ist Sitz des Kaimakams und eines griechischen Metropoliten, hat ein großes mittelalterliches Schloß, 16 Moscheen und angeblich 15,000 Einw.
[633] Mytilene. Nach Robert Koldewey, der in den Jahren 1885 und 1886 die antiken Reste der Insel Lesbos untersucht hat (vgl. dessen „Die antiken Baureste der Insel Lesbos“, Berl. 1890), lag der älteste Teil der Stadt M. mit der Akropolis, deren Stelle heute die 1373 von Franz Gatelusi erbaute Burg einnimmt, auf einer bis 55 m hohen kleinen Insel an der Ostküste von Lesbos. Die größere, aber jüngere Hälfte der Stadt lag auf Lesbos selbst, von dem andern Teil durch einen heute zu festem Lande gewordenen Sund getrennt. Zwei oder drei Brücken verbanden beide Stadtteile. Der Lauf der antiken, aus dem 5. Jahrh. v. Chr. stammenden Stadtmauer läßt sich im W. noch genau verfolgen; sie setzt sich auf den Dämmen fort, welche den nördlichen Hafen einschlossen, so daß dieser also innerhalb der Stadt lag. Erst zu Anfang dieses Jahrhunderts kam dieser nördliche Hafen zu gunsten des südlichen außer Gebrauch. Von antiken Gebäuden läßt sich außer zerstreuten Fragmenten nur die Stätte des Theaters nahe der höchsten Stelle der Westhälfte der Stadt nachweisen; herrlich gelegen, mit umfassender Aussicht und prachtvoll ausgestattet, gewährte es bei 107 m Durchmesser ca. 10,000 Personen Raum. Sonst sind noch die römische Wasserleitung, welche von W. her von den Quellen am Hag. Ilias kommt, und die Nekropolen vor dem Nord- und Südthor der Westhälfte der Stadt zu nennen. Der Umfang Mytilenes betrug 5 km, ihr Flächeninhalt 140 Hektar (für das perikleïsche Athen sind die entsprechenden Zahlen 6 km und 220 Hektar), und das meiste davon war bebaut. M. war somit weitaus die bedeutendste Stadt der Insel, zu deren Blüte besonders der treffliche, von N. wie von S. her zu erreichende Hafen beitrug, ein Vorteil, der durch die Versandung des Meeresarmes für immer vernichtet ist.
