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MKL1888:Parallaxe

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Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Parallaxe“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 12 (1888), Seite 705707
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Parallaxe. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 12, Seite 705–707. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Parallaxe (Version vom 19.12.2025)

[705]

Fig. 1.

Parallaxe (grch., Abweichung), in der angewandten Mathematik der Winkel, den zwei von den Standpunkten und (Fig. 1) nach dem Punkt gezogene gerade Linien [706] einschließen, also der Winkel, unter welchem die Strecke , von aus gesehen, erscheint. Derselbe ist im allgemeinen um so kleiner, je weiter von und entfernt ist. Bewegt man sich von dem Standpunkt nach , so dreht sich die Gesichtslinie um den Winkel , und wenn hinter in weiter Ferne ein Hintergrund liegt, so hat es den Anschein, als rückte auf demselben fort, aber in einer Richtung, die der Bewegung des Beobachters entgegengesetzt ist. Diese scheinbare Bewegung des Objekts ist um so stärker, je näher dasselbe liegt. Diese Wahrnehmung, die wir an irdischen Gegenständen täglich machen, wiederholt sich auch bei Beobachtung des Mondes und der uns näher liegenden Planeten: sie erscheinen an einer andern Stelle des scheinbaren Himmelsgewölbes, an einem andern scheinbaren Ort, je nach dem Punkte der Erdoberfläche, von dem aus die Beobachtung erfolgt. Infolgedessen werden auch Bedeckungen der Sterne und der Sonne durch den Mond (Sonnenfinsternisse) sowie Vorübergänge des Merkur und der Venus vor der Sonne von verschiedenen Beobachtern zu verschiedener Zeit und in verschiedener Weise gesehen. In den astronomischen Tafeln gibt man aber die geozentrischen Orte der Himmelskörper an, d. h. die Orte, an denen sie bei der Beobachtung vom Erdmittelpunkt aus erscheinen würden. Um daraus die

Fig. 2.

scheinbaren Orte der Gestirne für jeden Punkt der Erde abzuleiten, bedarf es der Kenntnis der P., d. h. des Winkels, unter welchem, vom Stern aus gesehen, der Erdhalbmesser erscheint. In Fig. 2 ist der Erdmittelpunkt, der Kreis ein Meridian der Erde, der Horizont des Punktes , parallel zu ; der Beobachtungspunkt liegt so, daß der Stern im Zenith erscheint, während ihn der Beobachter in in der Höhe

Fig. 3.

erblickt. Der Winkel ist dann die Höhenparallaxe des Sterns . Erscheint im Punkt der Stern am Horizont, wie in Fig. 3, so ist der Winkel die Horizontalparallaxe von . Durch die P. wird die Höhe eines Sterns vermindert, denn erfolgte in Fig. 2 die Beobachtung des Sterns von aus, so daß parallel der Horizont ist, so wäre die Höhe von . Wenn die P. bekannt ist, so findet man leicht die Entfernung des Sterns vom Erdmittelpunkt, ausgedrückt in Erdhalbmessern . Aus Fig. 2 folgt nämlich , und aus Fig. 3 ergibt sich . Wegen der Kleinheit von und setzt man dafür , wo aber und nicht in Gradmaß, sondern als Bogen, ausgedrückt in Teilen des Halbmessers, anzugeben sind (; , , ). Aus der Vergleichung der beiden Ausdrücke für folgt: , d. h. die Höhenparallaxe ist gleich der Horizontalparallaxe, multipliziert mit dem Kosinus der Höhe. Die erstere verschwindet also im Zenith (), der scheinbare Ort fällt dann mit dem geozentrischen zusammen. Es wurde bereits erwähnt, daß die Parallaxen der Sterne sehr klein sind. Am größten ist die Horizontalparallaxe des Mondes; sie schwankt zwischen 54 und 61′ und beträgt im Mittel 57,03′, d. h. im Bogenmaß , und die mittlere Entfernung des Mondes vom Erdmittelpunkt ist daher 60,28 Erdhalbmesser. Um die Horizontalparallaxe des Mondes zu

Fig. 4.

finden, beobachtet man an zwei auf demselben Meridian gelegenen Punkten und der Erde (Fig. 4) die Kulminationshöhen und des Mondmittelpunktes ; ist dann der Winkel oder der Unterschied der geographischen Breiten von u. bekannt (), so ergibt sich der Winkel oder , u. die Horizontalparallaxe von ist: . In gleicher Weise läßt sich auch die P. des Mars und der uns am nächsten kommenden Planetoiden zur Zeit der Opposition finden. Bei der Sonne aber kann man auf diese Weise die P. nicht finden, weil sie viel zu klein ist. Sie beträgt nämlich (nach Newcomb) 8,85″, d. h. in Bogenmaß , und die Entfernung der Erde von der Sonne beträgt daher 23,300 Erdhalbmesser. Über die Bestimmung dieser wichtigen Größe vgl. Sonne. Die bisher betrachtete P., die scheinbare Größe des Erdhalbmessers für einen Beobachter auf einem Stern, heißt auch die tägliche P. Für genaue Rechnungen ist noch die vorstehend vernachlässigte Abweichung der Erde von der Kugelform in Betracht zu ziehen. Vgl. Brünnow, Sphärische Astronomie, 3. Abschnitt (Leipz. 1862). Für die Fixsterne läßt sich ihrer ungeheuern Entfernung wegen eine tägliche P. nicht finden; wohl aber läßt sich erwarten, daß die uns zunächst liegenden Fixsterne eine scheinbare Ortsveränderung zeigen werden, wenn man sie von zwei einander diametral entgegengesetzten Punkten der Erdbahn, also in zwei um 1/2 Jahr voneinander abstehenden Zeitpunkten, beobachtet. Durch solche Beobachtungen hat man bei einer kleinen Anzahl von Fixsternen die jährliche P. gefunden, d. h. den Winkel (Fig. 3), welchen zwei Gerade einschließen, von denen die eine vom Stern nach der Sonne , die andre nach einem Punkt der Erdbahn gezogen ist, vorausgesetzt, daß der Radius senkrecht auf steht. Wenn die jährliche P. 1″, d. h. in Bogenmaß , beträgt, so ist der Stern 206,264,8 Erdbahnhalbmesser od. Sonnenweiten (zu 148,670,000 km oder ungefähr 20 Mill. geogr. Meilen) von der Sonne entfernt; das Licht, welches nach Cornu in einer Sekunde 300,400 km zurücklegt, braucht für diese Entfernung nahezu 31/4 Jahre. Die größte Fixsternparallaxe, die des Sterns α Centauri, beträgt aber nur ungefähr 0,9″; auch dieser nächste Fixstern ist also noch weiter als die angegebene Strecke von uns entfernt (vgl. Fixsterne, S. 322). Die am sichersten bestimmten Fixsternparallaxen nebst den daraus abgeleiteten Abständen der betreffenden Sterne von der Sonne in Sonnenweiten und in Jahren Lichtzeit sind folgende:

[707]

Name des Sterns Größe Parallaxe Entfernung
Sonnen­weiten Licht­jahre
Groombridge 34 8,2 0,307″ ± 0,025 672000 10,6
Polarstern 2 0,057 ± 0,010 3820000 60,3
α im Fuhrmann 1 0,046 ± 0,200 4484000 70,8
Sirius 1 0,193 1069000 16,9
ι im Großen Bären 3 0,133 ± 0,106 1551000 24,6
Lalande 21185 7,3 0,501 ± 0,011 412000 6,5
   21258 8,7 0,207 ± 0,010 764000 12,1
Groombridge 1830 6,7 0,118 ± 0,011 1748000 27,6
Arktur 1 0,127 ± 0,073 1624000 25,7
α im Centauren 1 0,919 ± 0,034 224500 3,5
Öltzen 17415/16 9,0 0,254 ± 0,021 812100 12,8
70 p im Ophiuchus 4 0,169 ± 0,010 1220500 19,2
Wega 1 0,180 ± 0,02 1146000 18,1
σ im Drachen 5 0,246 ± 0,013 838000 13,2
61 im Schwan 5,6 0,511 ± 0,028 403650 6,3
Bradley 3077 5,9 0,055 ± 0,026 3750000 59,2
85 im Pegasus 6,1 0,054 ± 0,019 3820000 60,3


Ergänzungen und Nachträge
Die neuen Artikel sind mit einem bezeichnet. Das Register am Schluß des Bandes ist zu vergleichen.
Band 17 (1890), Seite 642643
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[642] Parallaxe. Während früher die periodischen, in der Zeit eines Umlaufs der Erde um die Sonne vor sich gehenden Veränderungen in der gegenseitigen Lage benachbarter Fixsterne, aus denen man ihre P. ableitet, nur durch direkte Messungen am Himmel ermittelt werden konnten, hat man in der neuern Zeit in der mikrometrischen Ausmessung der photographischen Bilder der Sterne ein ungleich bequemeres und ebenso zuverlässiges Hilfsmittel gefunden. Die folgende Zusammenstellung der zuverlässigsten bisher berechneten Fixsternparallaxen enthält bereits mehrere auf diese Weise gefundene Werte. Die Sterne sind (nach dem Vorgang von Oudemans, „Astronomische Nachrichten“, Nr. 2915–2916) geordnet nach der Größe der jährlichen Eigenbewegung; die Sterngrößen sind teils die von Pickering aus Helligkeitsmessungen berechneten (vgl. Astrophotometrie, Bd. 17), teils Goulds „Uranometria Argentina“ entnommen. Die Entfernung ist in Lichtjahren ausgedrückt, einer P. von einer Bogensekunde entspricht eine Entfernung von 206,265 Erdbahnhalbmessern oder 3¼ Jahren Lichtzeit.

[643]

Tafel der Fixstern-Parallaxen.
Name des Sterns Größe Jährl. Eigen­bewegung Parallaxe Entfer­nung Licht­jahre Autorität Messungen in den Jahren
Groombridge 1830 6,5 7,08 0,226″ ± 0,141 14 Peters 1842–43 Pulkowa
      0,166 ± 0,018 20 Schlüter 1842–43 Königsberg
      0,114 ± 0,019 28 Wichmann 1847–51 Königsberg
      0,034 ± 0,029 96 O. Struve 1847–49 Pulkowa
      0,097 ± 0,023 33 Brünnow 1870–71 Dublin
Lacaille 9352 7,5 6,96 0,280 ± 0,02 12 Gill 1855 Kap (Heliometer)
61 im Schwan 5,1 5,16 0,314 ± 0,0136 10 Bessel 1837–38 Königsberger Heliometer
      0,348 ± 0,0095 9 Bessel 1837–40
      0,360 ± 0,012 9 Peters neue Bearb. d. Königsb. Beobacht.
      0,349 ± 0,080 9 Peters 1842–43 Pulkowa
      0,564 ± 0,016 6 Auwers 1860–62 Königsberg
      0,468 7 Ball 1878
      0,270 ± 0,010 12 A. Hall 1882
      0,429 ± 0,014 8 Pritchard 1886–87 photographisch
612 im Schwan     0,435 ± 0,014 8 Pritchard
Lalande 21185 6,9 4,75 0,501 ± 0,0011 6,5 Winnecke 1857–58 (Heliometer)
ε im Indianer 5,2 4,60 0,220 ± 0,03 15 Gill und Elkin 1885 Kap (Heliometer)
Lalande 21258 8,5 4,40 0,260 ± 0,020 12,5 Krüger 1863 Bonn (Heliometer)
      0,262 ± 0,011 12,5 Auwers 1866 Königsberg (Heliometer)
02 im Eridanus 4,5 4,05 0,170 ± 0,02 19 Gill 1885 Kap (Heliometer)
μ in der Kassiopeia 5,2 3,75 0,035 ± 0,025 93 Pritchard 1886 photographisch
α im Centaur 0,7 3,67 0,913 3,5 Henderson und Maclear 1840 Kap
      0,919 3,5 1842–48
      0,521 ± 0,066 6 Mösta 1860–84 Santiago
      0,750 ± 0,01 4,3 Gill und Elkin 1885 Kap (Heliometer)
Öltzen 11677 9,0 3,04 0,242 ± 0,043 13 Geelmuyden 1878–79
ε im Eridanus 4,4 3,03 0,140 ± 0,02 23 Elkin 1885 Kap (Heliometer)
Groombridge 34 7,9 2,80 0,307 ± 0,025 10,6 Auwers 1863–66 Gotha
Struve 2398 8,2 2,40 0,353 ± 0,014 9 Lamp 1883–87
Arcturus 0,0 2,28 0,127 ± 0,073 25,5 Peters Hamburger Meridiankreis
      0,018 ± 0,022 186 Elkin 1888
Bradley 3077 5,5 2,09 0,055 ± 0,026 59 Brünnow 1870–71 Dublin
ζ im Tukan 4,1 2,05 0,060 ± 0,02 54 Elkin 1885 Kap (Heliometer)
σ im Drachen 4,7 1,84 0,246 ± 0,013 13 Brünnow 1869–70 Dublin
Groombridge 1618 6,5 1,43 0,322 ± 0,023 10 Ball 1878–80
Sirius −1,4 1,31 0,150 22 Maclear Kap
      0,193 17 Gyldén aus Maclears Beobachtungen
      0,380 ± 0,01 8 Gill und Elkin Kap 1885
      0,266 ± 0,047 12 Elkin 1888
85 im Pegasus 5,8 1,31 0,054 ± 0,019 60 Brünnow 1869–70 Dublin
Öltzen 17415–16 9 1,27 0,247 ± 0,021 13 Krüger 1861–62 (Heliometer)
Procyon 0,5 1,25 0,398 ± 0,061 8 L. Struve 1863–68 Pulkowa
      0,240 ± 0,029 13,5 Auwers 1861–62 Königsberg
η in der Kassiopeia 3,6 1,20 0,154 ± 0,045 21 O. Struve 1855
70 p im Schlangenträger 4,1 1,13 0,162 ± 0,007 20 Krüger 1863 Bonn (Heliometer)
α im Adler 1,0 0,65 0,199 ± 0,047 16 Elkin 1887–88
6 (Bode) im Schwan 6,6 0,64 0,482 ± 0,054 6,7 Ball 1880–81
β in den Zwillingen 1,1 0,64 0,068 ± 0,047 48 Elkin 1888
β in der Kassiopeia 2,4 0,55 0,176 ± 0,047 18 Pritchard 1888 photographisch
      0,148 ± 0,056 22 Pritchard 1888 photographisch
10 im Großen Bär 4,2 0,51 0,200 ± 0,11 16 Belopolsky 1863–70 Pulkowa
ε im Großen Bär 3,2 0,50 0,133 ± 0,106 24 Peters 1842–43 Pulkowa
α im Fuhrmann 0,2 0,43 0,046 ± 0,020 71 Peters 1846
      0,107 ± 0,047 30 Elkin 1887–88 (Heliometer)
Struve 1516 7 0,42 0,280 ± 0,04 11 Berberich 1841–66
α in der Leier 0,2 0,36 0,261 ± 0,0254 12,5 Struve 1835–38
      0,103 ± 0,053 31 Peters 1842 Pulkowa
      0,147 ± 0,009 22 O. Struve 1851–53
      0,206 ± 0,0084 15 Brünnow 1868–69 Dublin
      0,134 ± 0,005 24 Hall 1880–81
      0,034 ± 0,045 96 Elkin 1888
α im Löwen 1,4 0,27 0,093 ± 0,047 35 Elkin 1888
α in den Zwillingen 1,6 0,21 0,198 ± 0,140 16 Johnson 1854–55 (Heliometer)
α im Stier 1,0 0,19 0,516 ± 0,057 6,3 Shdanow O. Struves Beobachtungen
      0,116 ± 0,029 28 Elkin 1888
      0,102 ± 0,030 32 A. Hall 1886–87
ν1 im Drachen 4,9 0,16 0,320 ± 0,076 10 Belopolsky 1862–67 Pulkowa
ν2 im Drachen 4,8 0,16 0,280 ± 0,088 11 Belopolsky 1862–67 Pulkowa
β im Centaur 1,2 0,09 0,173 ± 0,07 19 Mösta 1860–64 Santiago
      0,000 ± 0,02 Gill 1885 Kap (Heliometer)
η im Herkules 3,7 0,08 0,400 ± 0,072 8 Belopolsky 1862–72 Pulkowa
α in der Kassiopeia 2,25 0,05 0,075 ± 0,024 43 Pritchard 1888 photographisch
Polarstern 1,15 0,045 0,106 ± 0,012 32 Peters Dorpater Beobachtungen
      0,076 ± 0,013 43 Struve Pulkowaer Beobachtungen
γ im Drachen 2,35 0,03 0,092 ± 0,070 35 Auwers 1728 Kew
α im Schiff Argo 0,4 0,00 0,030 ± 0,03 108 Elkin 1885 Kap (Heliometer)