MKL1888:Roggen

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Meyers Konversations-Lexikon
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Wikipedia-Artikel: Roggen (Gattung)
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Wiktionary-Eintrag: Roggen
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Originalseite(n)
883, 884

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Empfohlene Zitierweise
Roggen. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 13, S. 883. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Roggen&oldid=- (Version vom 05.03.2015)

Roggen (Secale L.), Gattung aus der Familie der Gramineen, Gräser mit vierseitiger, dichter, nickender Ähre, zweiblütigen Ährchen und pfriemenförmigen, rauh gekielten Hüllspelzen, welche nur halb so lang sind wie die Deckspelzen, von denen die äußere auf der Spitze eine mäßig lange Granne trägt. S. cereale L., mit 1,25–2 m hohem Halm und lanzettlichen, begrannten, am Kiel steifborstigen Deckspelzen, wird in mehreren Varietäten als Brotfrucht kultiviert. Der R. gedeiht am besten in kräftigem, sandigem Lehmboden, gibt aber auch in Sandboden, Kalkmergel und nicht zu strengem, thonreichem Boden, auch in etwas moorigem Sandland gute Ernten. In zu bindigem Boden kultiviert man ihn wohl mit Weizen zusammen als Gemengkorn und erhält aus letzterm ein schönes Brot. Man unterscheidet gemeinen oder Landroggen und Staudenroggen; letzterer wahrscheinlich nur eine durch Begünstigung der Bestockung erlangte Varietät. Der R. akkommodiert sich leichter als andre Kulturgewächse den äußern Einflüssen, wie Boden, Klima, Dungkraft, behält die erlangten Eigenschaften auf dem neuen Standort einige Jahre bei und wird dann dem Landroggen der Gegend gleich. Es gibt keine konstanten Roggenvarietäten, obgleich die meisten im Handel als solche angepriesen werden. Viel trägt hierzu die Fremdbestäubung bei. Sommerroggen ist eine Kulturform des Winterroggens, und beide Formen lassen sich ineinander überführen. Zum gemeinen R. gehören unter andern: der Propsteiroggen aus der Propstei in Holstein, sehr ergiebig, für ausgesprochenen Roggenboden mit vorherrschendem Sandgehalt und nicht rauhes Klima; der Kampiner R. aus der Kampine Belgiens, ebenfalls für Sandboden; der römische R. soll sehr genügsam im Boden sein; der spanische Doppelroggen für bindigern Boden; der Kleberroggen (Spätkorn) vom Westerwald für Gebirgsgegenden mit rauherm Klima; der Schilfroggen, über 2 m hoch, mit sehr großen, aber lockern Ähren und langen Spelzen. Man baut den gemeinen R. als Winterkorn, soweit es das Klima zuläßt, als Sommerkorn auch auf sandigem, lockerm Boden, welcher frühzeitige Bestellung gestattet. Sommerkorn reift etwa 14 Tage später und gibt um ein Viertel weniger Korn und Stroh als Winterkorn; seine Körner sind kleiner, aber dünnschalig und mehlreich. Wo man mit Sicherheit Winterroggen baut, ist es stets ein Fehler, Sommerroggen zu säen. Der R. verlangt einen zur völligen Mürbheit vorbereiteten Boden, auf welchem die Einsaat aber erst geschehen darf, wenn sich das Erdreich völlig gesetzt hat. Dieselbe muß so früh erfolgen, daß sich die Pflanze noch vor dem Einbruch des Winters gut bestocken kann. Stehende Nässe erträgt der R. viel weniger als Weizen, und besonders sind ihm nasse Frühjahre gefährlich oder solche, wo Stürme bei trocknem Wetter die Wurzeln bloßlegen. Die Roggenblüte ist gegen Frost sehr empfindlich. Zu starker Blattwuchs ist zu vermeiden, weil er das Lagern begünstigt. Der Staudenroggen fordert bessern Boden und zeitige Bestellung. Hierher gehören: der Johannisroggen, welcher, bereits im Juli gesäet, im Herbst einen Futterschnitt und im folgenden Jahr eine Ernte gibt, der abessinische und Jerusalemer R. Den kleinkörnigen Winterstaudenroggen baut man im Gebirge auf Sandboden und frischem Waldboden. Sommerstaudenkorn eignet sich für rauheres Klima und nicht zu dürftigen Boden ganz vorzüglich und gibt eine reiche Ernte, wenn auch das Mehl etwas geringer ist als das des Winterkorns. Über Aussaat, Ertrag, Keimfähigkeit etc. belehrt die nachstehende Tabelle:

Roggen Aussaat auf 1 Hektar Ertrag von 1 Hektar Vegetationsperiode Wochen 1 Hektoliter wiegt Kilogr.
breitwürfig Hektoliter gedrillt Hektoliter Körner Hektoliter Stroh 100 Kilogr.
Winterroggen 1,8–4,0 1,5–2,2 5–19–42 29–40–60 40–46 66–73–80
Staudenroggen 1,2–3,0 0,1–1,6
Sommerroggen 2,1–2,9 1,7–2,6 10–17–20 15–22–30 59–64–68

R. enthält im Mittel 11,43 Proz. eiweißartige Körper, 1,71 Fett, 67,82 Stärkemehl und Dextrin, 2,01 Holzfaser, 1,77 Asche und 15,26 Proz. Wasser. Die Eiweißstoffe bestehen aus Mucedin und Glutenkasein (s. Kleber), während Pflanzenleim und Glutenfibrin zu fehlen scheinen. Die Asche des Roggens ist reich an Kali, Magnesia und Phosphorsäure. Feinde des Roggens sind besonders Mutterkorn und Rost und von den Tieren dieselben, welche auch dem Weizen verderblich werden. R. ist die hauptsächlichste Getreidefrucht, das Korn, im nördlichen Europa, in Deutschland, Polen, Rußland, Skandinavien, Dänemark, Holland und Belgien; er wird in Europa und Asien vom 50. bis 60. und 65.°, in Nordamerika vom 40.–55.° nördl. Br. kultiviert und in Mitteldeutschland bis 900 m Höhe. Man benutzt ihn auch zur Mästung des Geflügels, in der Bierbrauerei und Spiritusfabrikation, zu Grütze und als Kaffeesurrogat; auch das Stroh findet vielfache Verwendung. Der Handel mit R. ist sehr bedeutend. In Deutschland geben die Mark, Schlesien, Pommern, Mecklenburg, Posen Korn ab, ebenso Böhmen, Mähren, Ungarn, während Sachsen, ein Teil Bayerns und Thüringens Abnehmer sind. Für das überseeische Geschäft sind Königsberg und Stettin Hauptplätze, dann Danzig, Elbing, Memel, in Rußland Riga, Petersburg, Reval. Man verschifft hauptsächlich russisches und polnisches Korn, dann solches aus Preußen und Pommern, das beste aus Weißrußland. Die Sendungen gehen nach Holland, Dänemark, Schweden, Frankreich, Hamburg. England baut fast gar keinen R., führt aber etwas ein; auch Nordamerika liefert R. nach Europa. Das Vaterland des Roggens ist nicht genau bekannt; das keltische Wort Secal oder Segal, das germanische [884] Rog, Rya, das slawische Regi deuten auf den Ursprung in den Ländern zwischen Alpen und Schwarzem Meer. Weder Inder noch Ägypter kannten den R.; die Griechen erhielten ihn aus Thrakien etc.; die Römer bauten ihn mit Weizen als Grünfutter an. Schließlich hat er sich wenig über die germanischen und slawischen Volksgebiete hinaus verbreitet und nimmt einen weniger breiten Gürtel ein als der Weizen.