MKL1888:Stolze

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Meyers Konversations-Lexikon
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Wikipedia-Artikel: Heinrich August Wilhelm Stolze
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Seite mit dem Stichwort „Stolze“ in Meyers Konversations-Lexikon

Originalseite(n)
347, 348

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Stolze. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 15, S. 347. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Stolze&oldid=- (Version vom 09.10.2014)

Stolze, Heinrich August Wilhelm, Begründer des nach ihm benannten stenographischen Systems, geb. 20. Mai 1798 zu Berlin, besuchte das Joachimsthalsche Gymnasium daselbst, um sich zum Studium der Theologie vorzubereiten, mußte aber beschränkter Vermögensverhältnisse wegen 1817 eine Anstellung im Büreau der Berliner Feuerversicherungsanstalt annehmen. Schon 1815 beim Eintritt in die Prima wurde S. auf den Gedanken geführt, zur Erleichterung der Arbeitslast sich mit der Kurzschrift bekannt zu machen, und der große Umfang seiner neuen Berufsarbeiten lenkte ihn 1818 abermals und ernstlicher auf die Stenographie. Er erlernte 1820 das Mosengeilsche System, fand es aber seinen Erwartungen nicht entsprechend. Von da ab versuchte er selbst neue Wege einzuschlagen und machte die Stenographie zum Gegenstand seiner besondern Beschäftigung, indem er alle ihm zugänglichen ältern und neuern Systeme der Kurzschrift durcharbeitete. Das Studium der Lautphysiologie und der damals jungen Sprachwissenschaft zeigte ihm, welche Kürzungsvorteile eine Stenographie aus der Beachtung des Wesens der Laute und aus dem Anschluß an die Etymologie ziehen könne. Durch das Erscheinen von Gabelsbergers Redezeichenkunst und W. v. Humboldts Werk über die [348] Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues wurde S. auf die Idee der symbolischen Vokalbezeichnung geführt. Er gab 1835 seine Stelle bei der Feuerversicherungsanstalt auf und widmete sich ganz der Ausarbeitung seiner Stenographie, welche 1840 abgeschlossen und 1841 mit Unterstützung des preußischen Kultusministeriums in dem „Theoretisch-praktischen Lehrbuch der deutschen Stenographie“ (Berl.) veröffentlicht ward. Weitere Publikationen von S. sind: „Ausführlicher Lehrgang der deutschen Stenographie“ (Berl. 1852, 9. Aufl. 1886); „Anleitung zur deutschen Stenographie“ (das. 1845, 52. Aufl. 1889); „Stenographisches Lesebuch“ (das. 1852, 2. Aufl. 1861); „Normalübertragung der Aufgaben etc.“ (das. 1865). Seit 1852 war S. Vorsteher des stenographischen Büreaus des Hauses der Abgeordneten in Berlin und starb daselbst 8. Jan. 1867. Vgl. Michaelis, Nachruf an W. S. (Berl. 1867); Derselbe, Festrede zur Übergabe der S.-Büste etc. (das. 1882); Kreßler, W. Stolze (das. 1884); Käding, Die Denkmäler Stolzes (das. 1889).

Das Ziel, welches S. im Auge hatte, war nicht die Schaffung eines Werkzeugs zum Redennachschreiben, sondern das höhere der Herstellung eines allgemeinen Erleichterungsmittels bei jeder ausgedehntern Schreibthätigkeit. Vollständigkeit und Genauigkeit der Lautbezeichnung galten ihm ebensosehr als Grundbedingungen wie die Kürze. Erst später, nachdem die Stolzesche Stenographie in den preußischen Kammern Eingang als Mittel zum Nachschreiben der Reden gefunden, fügte S. für diesen Zweck weitere Bestimmungen hinzu, die aber nicht erschöpfend waren und sich als hinderlich bei der Erreichung des eigentlichen Ziels erwiesen. Systemreformen von 1868 und 1872 gingen daher wieder auf Stolzes ursprüngliches Ziel zurück, eine weitere von 1888 schuf abermals wesentliche Vereinfachungen. In dieser neuesten Gestalt ist das System etwa viermal kürzer als die gewöhnliche Schrift und erfordert ungefähr 10 Unterrichtsstunden. Seine Zeichen bildete S. nach Gabelsbergers Vorgang aus Teilzügen der gewöhnlichen Schrift und verteilte dieselben nach bestimmt ausgesprochenen Grundsätzen auf das Alphabet. Die meisten Vokale bezeichnet er symbolisch durch Stellung des Wortbildes zur Schriftlinie, durch kurzen oder langen Bindestrich sowie durch Druck oder Nichtdruck im begleitenden Konsonanten. In der hierbei durchgeführten Idee, den sonst bedeutungslosen Bindestrich als Träger der Vokalsymbolik zu verwenden, liegt neben Erhebung der Kurzschrift zu höherer Bestimmung Stolzes Hauptverdienst um die Fortbildung der Stenographie. Endlich werden gewisse häufig vorkommende Wörter und Silben durch feststehende, aus Teilen des Ganzen gebildete Abkürzungen (Siglen) bezeichnet. Das Stolzesche System ist auf eine Reihe fremder Sprachen übertragen worden, nämlich auf das Niederländische, Schwedische, Englische; Lateinische, Italienische, Französische, Portugiesische, Spanische; Russische, Serbische; Magyarische. Eine nennenswerte staatliche Fürsorge genießt die Stolzesche Stenographie nicht, sie verdankt ihre Ausbreitung fast allein der Privatthätigkeit ihrer Anhänger. In einigen Lehranstalten Preußens und der Schweiz wird sie fakultativ, in mehreren preußischen Militärschulen obligatorisch gelehrt; die amtliche Kommission zur Prüfung der Stenographielehrer in Budapest prüft sowohl Kandidaten, welche das Stolzesche, als solche, die das Gabelsbergersche System vortragen wollen. Im deutschen, schwedischen und ungarischen Reichstag, im preußischen, anhaltischen und württembergischen Landtag, in mehreren preußischen Provinziallandtagen und im Großen Rat zu Bern dient die Stolzesche Stenographie wie deren Übertragungen teils allein, teils neben andern Systemen zur amtlichen Aufnahme der gehaltenen Reden. Zur größten Verbreitung als Verkehrsschrift ist das Stolzesche System in der Schweiz gelangt; ferner besitzt es in seinem Ursprungsland Preußen sowie in ganz Nord- und Mitteldeutschland außer Sachsen das Übergewicht, während es in Österreich und Süddeutschland neben der staatlich gepflegten Redezeichenkunst Gabelsbergers nicht aufgekommen ist. Von den Stolzeschen Lehrmitteln wurden mehr als ¼ Mill. Exemplare abgesetzt. Infolge der oben erwähnten Systemrevisionen von 1868, 1872 und 1888, denen sich ein Teil der Schule widersetzte, entstand eine Spaltung in die kleine, unter sich wieder geteilte altstolzesche und die numerisch bedeutend überwiegende neustolzesche Richtung. Beide Richtungen zusammen zählen gegenwärtig 450 Vereine (der älteste und zugleich erste des europäischen Kontinents der zu Berlin seit 1844) mit 10,500 Mitgliedern und werden durch 20 Fachzeitschriften vertreten, deren älteste, das „Archiv für Stenographie“, seit 1849 erscheint. Nach Gegenden und Provinzen sind diese Vereine in Verbänden zusammengefaßt. Jede der beiden Stolzeschen Richtungen besitzt eine eigne Organisation; an der Spitze der Neustolzeaner steht der Vorstand des Verbandes Stolzescher Stenographenvereine (Sitz Berlin), während die vereinigten altstolzeschen Körperschaften in dem Vorstand der Verbände (Sitz Berlin) eine leitende Stelle besitzen. Aus dem Stolzeschen System sind mehrere abgeleitete Systeme hervorgegangen, z. B. die von Erkmann (1876), Velten (1876), Lentze (1881). Vgl. „Systemurkunde der deutschen Kurzschrift von W. S.“ (Berl. 1888); Stolze, Anleitung zur deutschen Stenographie (52. Aufl., das. 1889); Derselbe, Ausführlicher Lehrgang der deutschen Stenographie (9. Aufl., das. 1886); Frei, Lehrbuch der deutschen Stenographie (9. Aufl., Wetzikon 1889); Käding, Der Unterricht in der Stolzeschen Stenographie (2. Aufl., Berl. 1885); Knövenagel und Ryssel (Altstolzeaner), Vollständiges praktisches Lehrbuch der deutschen Stenographie (7. Aufl., Hannov. 1886); Simmerlein, Das Kürzungswesen in der stenographischen Praxis (4. Aufl., Berl. 1887); Knövenagel, Redezeichenkunst oder deutsche Kurzschrift? (3. Aufl., Hannover 1880); F. Stolze, Gabelsberger oder S.? (Berl. 1864); Häpe, Die Stenographie als Unterrichtsgegenstand (Dresd. 1863); Kaselitz, Kritische Würdigung der deutschen Kurzschriftsysteme von S., Gabelsberger und Arends (Berl. 1875); Miller, Die Stenographien von S. und Faulmann (Wien 1886); Steinbrink, Zur Entstehungsgeschichte des Stolzeschen Systems (im „Archiv für Stenographie“ 1885); Müller, Die Organisationsbestrebungen der Stolzeschen Schule (Berl. 1883); Krumbein, W. S. und der Entwickelungsgang seiner Schule (Dresd. 1876); Mitzschke, Museum der Stolzeschen Stenographie (2. Aufl., Berl. 1877); Alge, Geschichte der Stenographie in der Schweiz (Gossau 1877); „Serapeum der Stolzeschen Stenographie“ (Berl. 1874, Nachtrag 1876).