Malerische Wanderungen durch Kurland/Doblen, der Flecken und die Ruinen der alten Burg

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Groß-Bersen, nebst dem dazu gehörigen Park Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Der Hof und Park in Heyden; Weg bis Mitau
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Doblen, der Flecken und die Ruinen der alten Burg.

Der jetzige Flecken Doblen, welcher 28 Werst von Mitau am Berse-Fluß, auf einer ziemlichen Anhöhe liegt, hat nur 15 Häuser, alle von Holz erbaut. In der Mitte steht die steinerne Kirchspielskirche, deren Thurm, mit seinen nach oben zu sich immer mehr verjüngenden Absätzen, fast einem senkrecht stehenden ausgezogenen Perspektive gleicht, und so in seiner Qualität als Kirchenthurm für ein Symbol der Aussicht in die Ewigkeit gelten kann. Hier war ehemals der Sitz eines Komthurs in der 1263 vom Herrmeister Burchard von Hornhusen erbauten Feste. Unter allen alten Burgen Kurlands, die ich kenne, Goldingen, Amboten und Allschwangen etwa ausgenommen, hat Doblen, von der Wasserseite her, die romantischste Lage, Wenn man aus dem ersten Hause im Flecken, [377] dem Krongute Doblen gegenüber, die hier immer breiter und tiefer strömende Berse betrachtet, wie sie am Fuße des Schloßberges sich durch Gebüsch windet, bald sich, wie ein See, vor der Mühle ausbreitet und bey derselben schäumend über einen Abfall herunterstürzt; dann seinen Blick auf die grünen Wiesen und die sie rings umgebenden Hügel, welche, großen Theils mit neuen Gebäuden bebaut, das Ganze wie in einem Kessel einschließen, wendet, und nach der Seite des Stromes hin auf der Scheitel des höchsten dieser Hügel die schönen Ruinen des alten Schlosses gewahrt: so weilt das Auge lange mit Lust auf der schönen Landschaft. Am Abhänge des Hügels, auf dem die Ruine steht, führt, längs der Berse, ein Gang durch Weiden- und Faulbaumgesträuch nach dem Krongute Doblen, woselbst sich auch, in einem Nebengebäude, die zwischen Bächhoff und Mitau liegende Poststation befindet. Ich sah hier mehrere Faulbaumstauden, die, wie in einem weißen Schleyer, in dem Gewebe von Schmetterlingslarven so eingehüllt waren, daß kaum noch die hinwelkenden Blätter erblickt werden konnten. [378] So, dachte ich, wiederholt die Natur in einem kürzern Zeitumlauf eine Scene, wie sie sie oben in den Ruinen des alten Schlosses, nur in weiterem Zeitenschwunge, dargestellt hat; — wie jezt hier den blühenden Baum, auf dem sich kurz zuvor Nachtigallen wiegten, ein Gespinst verschleyert; so decken Nebel der Vorzeit die Spuren der vollen Lebenskraft, die einst in diesen Ruinen wirkte. Der Mensch und die Larve der Ephemere haben endlich ihren Raupenstand gewechselt, und beyden gelingt es nur, ihre Gräber über ihr Daseyn hinausreichen zu lassen. — Die hohe Mauer hat sich an einigen Stellen noch sehr erhalten, auch in dem Innern der Ruinen stehen die Wände noch zum Theil, und zeigen selbst Spuren der ehemaligen Einrichtung in Besten von Streckbalken, Wandschränken und Treppen. Vor nicht vollen hundert Jahren soll man in der Schloßkirche noch Gottesdienst gehalten haben. Diese hat auch bis jezt noch dem Zahne der Zeit am kräftigsten widerstanden; wenigstens ist das hohe Kreuzgewölbe noch ziemlich vollständig erhalten. Da, wo dieses sich aus den Seitenwänden zu erheben aufängt, [379] wird es von kleinen, aus einer grünlichen Marmorart gehauenen Tragsteinen unterstützt, Auch von der Kanzel sind deutliche Reste und eben so von dem Glockenthurme vorhanden. Hin und wieder ist indessen das Gewölbe schon eingestürzt, und junge Bäume, die oben auf demselben Wurzel gefaßt haben, blicken durch die geborstene Decke herab auf den mit Schutt und Trümmern angefüllten Boden, über den ihre herabfallenden Schatten hinwallen. Hier thut ein Blick zu dem schönen blauen Himmelsgewölbe, durch das zerbrochene der alten Kirche, dem Herzen wohl; wie die Ewigkeit umfaßt jenes Ruinen und die blühende Natur in unendlicher Weite! Hinter der Kirche, wo wahrscheinlich die Wohnungen der Geistlichen waren, kann man über einige aus der Mauer hervorragende Steine bis zu einer Windeltreppe gelangen, die zu einem Thurme führt, der mit dem Gewölbe der Kirche gleich hoch ist. Es gelang mir, diese Höhe zu erreichen und durch eine herrliche Aussicht ward ich reichlich belohnt. Zu Johannis pflegt man hier, nach einer alten vaterländischen Sitte, in die Fensterößnungen des Thurmes Theertonnen [380] zu stellen und diese anzuzünden. — Es muß ein schönes erhabenes Gemälde seyn, wenn in einer stillen Sommernacht diese ehrwürdigen Steinmassen von den Flammen erhellt werden, und die Glut aus des Thurmes gewölbten Fenstern auf das grüne Laub und den tiefen stillen Strom am Fulse des Schloßberges, wie feuriger Thau, herabsinkt. Ich würde glauben, die Vorzeit selbst zu erblicken, wie sie, von flammenden Erinnerungen geweckt, hier aus einem ihrer vielen Gräber mit glühendem Auge herabschaut. An der äußern Mauer der Kirche fand ich, wie in Dondangen, einzelne große Steine, die aus der übrigens glatten und geraden, noch mit einem Kalkanwurf bedeckten Mauer, her- vorragten. Ich kann mir diese absichtliche Unregelmäßigkeit nicht anders erklären, als daß es Denksteine irgend einer merkwürdigen Begebenheit seyn sollen; vielleicht der Wiederherstellung der Kirche und des Schlosses, das einmal, wenn ich des Inhalts der Chronik mich recht erinnere, von den Lithauern erobert und zum Theil zerstört wurde, Aber diese Denksteine, welche die Vergangenheit in einem großen Spiele um Leben [381] und Ehre der Helden, wie Würfel, hinwarf, bezeichnen jezt, da die Spieler davon gegangen sind, doch nicht mehr, wer hier gewann oder verlor.

Die Ringmauer hat sich beynahe ganz erhalten, und von dem runden Thurme über dem Haupteingange zum Schlosse steht noch die Hälfte. Der Tummelplatz ist weit und groß, und da, wo die Wohnungen gewesen sind‚ sieht man noch Scheidewände und Balkenstücke, auch die Spuren eines unterirdischen Ganges hinter der Kirche, wo die Erde dem Gange nachgefallen ist. Die schmetternden Trompetentöne des Thurmwächters, als eiserne Männer den Tummelplarz füllten, als vom Fußtritt der Ritter und Knappen die Mauern wiederhallten, als Mönche in der Kirche beteten, an deren Gewölbe der Gesang, wie jezt der Sturm, vorüberzog — welch ein Leben voll Kraft und Größe damals! und jezt ringsum Schweigen, Tod und Verwüstung.

Nicht mit der löschenden Fackel, ein freundlich lächelnder Jüngling,
Der in die menschliche Brust Friede und Ruhe gesenkt,

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Nein, als eiserner Krieger, ehern die Flügel beschwinget,
Die nur das Dunkel der Nacht, stockende Finsterniß, trägt:
So erschien hier der Tod und hielt in den starrenden Armen
Alles Dassyn gefaßt, das er wie Blüthen zerdrückt.
Hier ein liebliches Weib versucht, an den Schwingen sich haltend,
Noch im letzten Moment ringend dem Räuber zu fliehn;
Doch nur eiliger noch entführen sie schwirrend die Flügel,
Und über Gräber und Nacht rauschet der gräßliche Flug.
Dort den Säugling erfaßt die nimmer ruhende Rechte,
Und schon im mordenden Hauch schwand ihm das Leben dahin.
Über den offenen Sarg des Helden, bewacht von der Blutgier,
Schreitet der Tod; wo er tritt, sinken selbst Gräber dahin.
Doch, wo führt er es hin, dieß frische gemordete Daseyn,
Wem sind die Opfer bestimmt, die er dem Leben entreißt?
Ha, dort harret sie schon, des Schrecklichen schreckliche Herrin!
Sklav der Verwesung! du trägst ihr deine Beute in den Schooß;
Gierig erfaßt sie sie schon, selbst der Erinnerung Blüthen,
Welche der Liebe Gefühl noch auf das Opfer gestreut,
Welkend zerfallen sie hier, entweht vom Hauch der Verwesung,

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Die nur in sinkendem Staub? ehret der Urkraft Gebot;
Diese ergreifet sie selbst, an ihres Gespinstes Gewebe
Hat Vernichtung ja schon schrecklich den Faden geknüpft,
Daß sie mit sinkender Hand ermesse die Tiefe des Grabes,
Bis der Verwässung Gewalt Himmel und Erde zerstört.

In diesem fürchterlichen Bilde, das mir die Phantasie aus der Erinnerung an ein wahrhaft poetisches Gemälde des Herrn Maler Grune in Zierau lebhaft darstellte, erschienen mir diese Trümmer ehemaliger Größe, um die sich die Verwüstung, wie unten am Fuße des Berges das Gespinst der Larven um den sterbenden Baum, gefaltet hatte