Mann oder Kind

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Schl.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Mann oder Kind
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 34, S. 543–544
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Berthold Sigismund
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[543] Mann oder Kind. So hell und laut wie das Beil des Thomas klang kein anderes Beil durch den Wald; so sicher und lustig wie er fuhr Niemand auf dem gefällten Stamm von der Höhe hinunter in die Tiefe; so lebensvoll und lebensselig jodelte kein Anderer auf den langen, breiten Flößen, die das prächtige Gehölz des Rheinlandes hinunter nach Holland brachten. Wo der Thomas mit anpackte, da ging Alles noch einmal so frisch und rasch und auch bei schwerster Arbeit noch einmal so leicht. Der „lustige Thomas“, der „tapfere Thomas“, der „prächtige Thomas“, so wurde er weit und breit genannt, und als er geheirathet hatte und einen Jungen bekam, da war er noch lustiger, noch tapferer und prächtiger, und seine Frau, die Gertrud, war ganz so wir er, und der Junge versprach es zu werden. Alle Welt hatte ihre Freude an den Dreien; die größte Freude aber hatte Eines an den Andern und ein Jedes wieder an sich selbst.

Auf einmal aber schlug der Blitz ein in das reiche Glück, der Blitz des Beiles, das der Thomas so mächtig im Forste schwang. Es war ein frischer Frübmorgen, da stand der Thomas schon vor einem Stamm, der gefällt werden sollte; seine Frau und sein Junge daneben, um hernach die Spähne zu sammeln, und es waren tüchtige Spähne, die der Thomas gewöhnlich herausschlug. Jetzt reckte er sein Beil hoch auf, warf die Blicke ihm nach, und als ein goldiger Sonnenstrahl auf des Beiles Schneide funkelte, rief der Thomas lustig zu Weib und Kind hin: „Seht Ihr die Sternschnuppe? Hui!“ und an dem niedersausenden Beil fuhr der goldige Strahl zur Erde nieder. War das nicht wirklich wie eine Sternschnuppe anzusehen? Doch Beil und Strahl streiften nur leise den Stamm, fuhren aber dem Thomas in den Fuß. Da gab es nun zwar nicht viel Thränen, aber doch ein großes Herzeleid und noch größer war die Sorge, wie der Mann nach Hause geschafft werde, denn es war noch kein Anderer auf dem Platz. Der Thomas war ja immer der Erste. Er war aber auch jetzt der Erste, der den Muth und die Laune nicht verlor und damit auch Weib und Kind wieder tapfer machte. Ein naher Bergquell gab das Wasser zum Auswaschen der schweren Wunde; der kleine, resolute Anton zog rasch sein Leinenhemdchen zum Verband aus, und als dieser sorgsam angelegt war, stemmte sich der Thomas, die großen, weißen Zähne fest zusammenbeißend, fest an sein Weib, faßte seines Anton’s Schulter an und meinte: „Na, nun rasch zu. Wir haben ja nicht weit bis daheim, und dann ist’s schon gut.“ Und um desto eher daheim zu sein, nahmen sie den Weg über die Eisenbahn; zwar den verbotenen, aber jetzt doch den richtigen, weil der nächste. Nun sollte jedoch das Unglück erst recht kommen, denn an der ersten Bahnschiene stieß der Thomas mit dem kranken Fuße an, stolperte, fiel vor der Bahn nieder und riß den Jungen so mit sich um, daß der mitten auf die Bahn zu liegen kam, aber an einem Schienenhaken hängen blieb und den Fuß brach. Beide konnten sich nicht rasch wieder erheben, und da kam auch schon der Dampfwagen herangebraust und zermalmend hin über den Anton.

So lautete die kurze, aber schreckliche Geschichte, wie sie vom Thomas und seiner Frau erzählt wurde zum Entsetzen und tiefsten Mitleid Aller, die sie vernahmen.

Aber es mußte dabei wohl noch ein besonderer, geheimnißvoller Umstand gewaltet haben, den Beide verschwiegen hatten; denn sie mochten trotz hundertfältigen Anfragens und drängenden Bittens die schreckliche Geschichte nur einmal erzählen und dann nie wieder. Sie verwiesen dann stets auf das, was sie schon gesagt hätten, und es war immer, als wenn ein kalter Schauer sie überlief, wenn sie auf’s Neue daran erinnert wurden. Das dauerte Jahre lang so. Und Jahre lang dauerte die tiefe Schwermuth, die von jenem Unglück an den ehedem so lustigen Thomas und besonders seine ihm so ganz ebenbürtig gewesene Gertrude ergriffen hatte. Das schwer verwundete Bein war längst geheilt; tapfer und tüchtig schwang der Thomas wieder sein Beil, stand die Gertrude ihm wieder zur Seite. Noth und Sorge waren gar nicht an sie herangetreten; die Liebe und Achtung Aller genossen sie nach wie vor, wie sie auch selbst sich einander liebten wie ehedem; kein Wort der Klage hörte man von ihnen, und dennoch, dennoch immer dieselbe tiefe Trauer, die jedes Lächeln von den Lippen der sonst so lustigen, lebensseligen Leute genommen hatte. War es denn einzig die tiefe Trauer um das verunglückte Kind? Bei solchen Naturen, wie sie von je es gewesen waren, so ganz und gar gesund an Leib und Seele, so resolut bei jedem Ungemach, so tüchtig an Verstand, so aus dem doppelten F F „frisch, fromm, fröhlich und frei“, bei solchen Leuten war das durchaus nicht zu denken. Es mußte und mußte da noch ein Geheimniß vorliegen, und lange Zeit bemühte ich mich, das Vertrauen der tief Betrübten zu gewinnen. Wohl reizte mich dabei ein lebhaftes psychologisches Interesse; ja, gestehe ich es offen: sogar ein criminalistisches, der leise Gedanke an die etwaige Möglichkeit irgend einer geheimnißvollen Unthat; hauptsächlich aber war es doch nur der Wunsch, helfen zu können und die wackern Menschen sich selbst und der Welt wieder zu geben, denen sie zu so heller Zierde und Freude gedient hatten. Indessen mußte ich gerade in meiner amtlichen Stellung mit der höchsten Vorsicht, mit dem äußersten Tact dabei zu Werke gehen. Wie es mir endlich gelang, das bleibe wieder mein Geheimniß und ist auch ganz nebensächlich bei demjenigen, was ich erforschen wollte. Genug, daß mir dies gelang; daß Frau Thomas mir einst, in Gegenwart ihres Mannes, ihr schwer gepreßtes Herz erschloß und Folgendes erzählte:

„Als ich meinen Anton bekommen hatte, war mir mein Mann noch lieber und war ich noch froher, wenn er bei mir saß. Aber ich konnte ihn [544] doch auch wieder zeitweis leichter missen als sonsten und horchte nicht mehr so ängstlich an Thür und Fenster, wenn er mal über die Zeit ausblieb. Ich sagte ihm auch wohl und lachte hell dazu: ‚Jetzt kannst Du mir schon gestohlen werden, jetzt hab’ ich mein Kind,‘ und dann lachte er auch mit dem ganzen Gesicht dazu und sagte: ‚Na, wenn Du das Kind allerweil lieber hast als mich, dann brauchst Du mich ja nicht mehr,‘ und dann ging er zur Thür hinaus und that grimmig bös. Ich wußt’ schon, daß er Uz trieb und hatte meine Freud’ dran und that auch so mit; so, als wenn ich mich gar nicht um ihn kümmern thät; aber mitten in der Freud’ und dem Uz klopfte mir doch das Herz und es wurde mir unruhig, bis er wieder den Kopf in die Thür steckte und mit seinen großen Zähnen mich anlachte und fragte: ‚Das Kind oder den Mann?‘ Da rief ich denn geschwind: ‚Den Mann, den Mann!‘ und wenn er nun hereintrat und ich ihn wieder bei mir wußte, dann wollt’ ich ihn wieder uzen und sagte: ‚Aber doch das Kind! Etsch!‘ Und dann nahm er mir das Bübchen von der Brust, schwenkte es hoch in die Höh’ und rief: ‚Ja, Du hast Recht!‘ Und dann hat er mich auch wohl um den Hals gefaßt und mir einen Kuß gegeben, und so hatten wir denn unsere tausend Freud’ an dem Streit.“

Frau Thomas machte eine Pause und sah vor sich nieder, während ihr Mann trübselig mit dem Kopfe nickte, als wolle er bestätigen, was die Frau erzählt hatte. Sie begann dann auf’s Neue:

„Ich mußte Ihnen das schon erzählen, Herr Amtmann, denn wenn’s auch wie weit abliegt von der Sach’, es gehört doch dazu; es hat uns ja darnach gar schrecklich viel zu denken gemacht und wir haben gemeint, es sei eine Sünd’ gewesen mit dem Uz, den wir so trieben, weil’s gar so schrecklich Ernst damit wurd’.“

Die Erzählerin war so ergriffen, daß sie einige Augenblicke nicht sprechen konnte: dann blickte sie zu ihrem Mann auf, gleichsam um Hülfe flehend, daß er selbst die Hauptsache erzählen möge. Er verstand sie auch wohl, schüttelte aber traurig mit dem Kopf und machte eine leise Handbewegung, so, als wenn er sagen wollte: ‚Sprich Du nur weiter,‘ doch blickte er sie gut und aufmunternd an und sie sprach nun auch weiter:

„So wie wir’s damals erzählt haben, bis wir zur Eisenbahn gekommen waren, ist’s ganz genau; aber justement nun ist’s anders gewesen und wir haben’s keinem Menschen nicht sagen mögen: wir wissen eigentlich selber nicht, warum. Darum aber hat’s uns auch wohl desto schwerer im Gemüth gelegen und ich hab’ mir nun denkt, es wird mir besser, wenn’s noch ein anderer Mensch weiß, und ein Mensch, der gut ist und gescheidt, wie Sie, Herr Amtmann, daß er mir sagen kann, ob ich ein Unrecht gethan hab. Die Sach’ war nämlich so: Als mein Anton und ich den Vater eben vor die Eisenbahn führten, hört’ ich schon den Dampfwagen schnauben, aber ich sah noch nichts von ihm, denn der Nebel lag über mannshoch auf dem Grund und ich dacht’, das Ungethüm wär noch weit ab. Es war denn auch jede Minute kostbar, daß wir nach daheim kamen, denn mein Thomas mußte partout wimmern vor Schmerz und er meint’, sein Fuß brenne ihm wie Höllenstein. Es war ja auch nur ein Hupferle hinüber und wir hätten auch noch lange Zeit gehabt, hinüberzukommen, wenn mein Mann nicht gestolpert und gestürzt wäre und der Jung’ nicht den Fuß gebrochen hätte. Alle Beide lagen nun mitten auf der Bahn, rechts von mir der Thomas, links abgeschleudert der Anton. Und in demselben Augenblick, wie sie dalagen und aufschrien, hört ich das Ungethüm erschrecklich stöhnen und schnauben und durch den dicken Nebel sah ich seine glühenden Augen gar grausam gierig auf den Thomas und den Anton gericht’ und ich sah dicke Funken durch den Nebel wibbeln, als wenn der Teufel die Hölle stochert, und die Dampfwolken jagten wild durcheinander, nach oben und unten, wie Geisterspuk. So sah ich’s vor mir und war wie wirbelig, und wenn ich tausend Jahr alt werd’, ich kann’s nimmer vergessen, und in demselben Augenblick sah ich: Nur den Thomas könnt’ ich retten oder den Anton. Herr Amtmann, Herr Amtmann! Es mag viel Millionen Herzeleid auf der Welt geben, aber das Alles kann nicht so erschrecklich und grausam sein, wie das, was ich nun ertrug in wenig Augenblicken. Und darnach hab’ ich nimmer begreifen können, wie man in gar so kurzer Zeit und bei so entsetzlicher Angst so viel durchdenken könnt’, als ich’s nun that! Das Mutterherz riß mich gewaltig hin zum Kind und schon war ich auf dem Sprung’ zu ihm und wollte den Thomas liegen lassen, und dann hielt mich’s wieder zurück, als wenn des Herrgotts Hand selber mich faßte, und dann dacht’ ich: er war eher dein, als das Kind; er hat das eheste Anrecht und du hast am Altar geschworen, ihn nimmer zu verlassen. Und dann fühlt’ ich auch, daß ich ihn doch noch lieber hätt’ als das Kind, und daß er auch mehr nütz sei auf der Welt, und zugleich dachte ich auch wieder, das sei abscheulich, so zu denken, und keine Mutter dürfe vom Kind lassen, wenn sie nicht eine Rabenmutter wär. Und da sah ich das Ungethüm aus dem Nebel herausrasen, schrecklich anzusehen, und hörte die schwarzen Männer da oben rufen und ich sah, daß sie das Ungethüm aufhalten wollten, aber daß es nicht ging und da faßte ich mir das Herz und wandte mich ab vom Kind und griff nach meinem Manne und packte ihn, als wenn ich ein Ries’ wäre, und zog ihn mit einem Ruck von den Schienen weg und da stampfte das Ungethüm auch schon hin über mein armes, armes Kind. Es war todt und ganz caput!“

Frau Thomas saß auf einmal wie gelähmt an Geist und Gliedern vor mir und starrte mich an mit glanzlosen Augen. Ihr Mann bebte an allen Gliedern und er griff an seinen Bart, als wenn er sich daran festhalten wollte. Dann aber nahm er sich zusammen und während ich erschüttert von ihr zu ihm blickte und die tiefe Stille der schrecklichen Erinnerung durch kein Wort entweihen wollte, trat Thomas an die Seite seiner Frau und legte seinen starken Arm liebevoll um ihren Nacken. Das schien sie wie elektrisch zu berühren. Sie wandte sich mit schmerzlich glücklichem Lächeln zu ihrem Mann um und faßte seine Hand und hielt sie fest; dann sah sie mich mit schweren, fragenden Blicken an; so, als ob sie schon aus meinen Augen, meinen Zügen das Urtheil erforschen wolle, welches ich über das außerordentliche Ereigniß fällen werde. Ich konnte sie nur tief gerührt, mit dem liebevollsten Mitleid und der innigsten Hochachtung ansehen. Ich konnte ihr dann nur die Hand reichen und sagen:

„Arme, arme Mutter! Rechtschaffene, tapfere Frau!“ Da fiel es wie Wolkenschatten von ihrem schwermuthsvollen Antlitz, von ihren umflorten Augen; ein helles Roth der Freude flog über ihr Antlitz und ihre Augen belebten sich mit wundersam rührender Kraft. Strahlenden Blickes sah Thomas mich an, hoch aufgerichtet, den einen Arm fast zitternd vorgestreckt, und zum ersten Mal seit Jahren sah man wieder seine großen, weißen Zähne glänzen.

„Herr Amtmann!“ rief die Frau jetzt aus, „Gott vergelte Ihnen Ihr Herz und Ihr Wort viel tausige Mal!“ Sie stand auf und umfaßte ihren Mann und sah ihm freudig in das glänzende Gesicht und wieder rief sie aus: „Herr Amtmann, mir ist’s, als wenn wir nun doch noch wieder glücklich werden könnten! Nicht wahr, Thomas?“

„Mir ist’s accurat so!“ schluchzte Thomas und bemühte sich dann nicht mehr, die fest zurückgehaltenen Thränen noch länger zu bergen. Sie flossen jäh und voll herab, herab auf die Hand seiner Gertrude, und auch Gertrude weinte so heiß und so glücklich, wie ich niemals einen Menscken weinen sah. Damals und seitdem hatten sie keine Thräne vergossen, jetzt weinten sie sich frei und stark. Ich ließ sie still gewähren. Frau Thomas begann dann wieder:

„Sehen Sie, Herr Amtmann, das war’s, was mich so verwandelt hat, was mir alle Freude der Welt schier mit Wermuth versetzte und immer wieder mich fragen ließ: ‚Hast du auch recht gehandelt? Hast du dich nicht versündigt an deines Leibes Fleisch und Blut?‘ Ich konnte nicht Ruh und Freud’ mehr finden seit der Stund’, und ich hab dem Thomas gesagt, daß ich nimmermehr wieder ein Kind haben dürfte.“ Sie schwieg mit tiefem Erröthen und ich fühlte, daß nun der rechte Augenblick gekommen sei, wo ich auch durch ein ernstes, mahnendes Wort noch nachhaltig eingreifen könne in das Geschick dieser braven Menschen. Ich sagte daher sehr nachdrücklich:

„Sie sprachen jetzt nur von sich, Frau Thomas; aber Ihr Mann – litt denn auch der so lang und schrecklich an jenem Ereigniß?“ Frau Thomas sah mich groß an, dann antwortete sie nicht ohne einige Verlegenheit:

„Das wohl gerad’ nicht, aber weil ich so elendiglich war, war er’s auch und er ließ mich gewähren.“

„Ha ha, da haben wir’s!“ warf ich rasch ein und fuhr dann lebhaft erregt fort: „Sehen Sie, Frau Thomas, das war Ihr Unrecht, Ihr Unrecht an Ihrem Manne. Sie zeigten ihm ja Tag für Tag, wie schrecklich theuer Sie ihn sich erkauft hatten; Ihr Leid mußte ihn auch seinetwegen schmerzen, mußte ihm das Opfer, das Sie ihm gebracht, bitter vergällen, mußte ihn zweifeln lassen, ob Sie ihn auch wirklich noch so lieb hätten, wie Ihre Wahl es ihm gezeigt hatte, und er war zu gut, um Ihnen das Alles zu sagen. Nicht wahr, Herr Thomas?“

Thomas war in immer größere Bewegung gekommen, er hatte schon einige Male angesetzt, um mitzusprechen, er hatte mit dem weit vorgebeugten Kopfe lebhaft genickt und mit der ausgestreckten Hand auf und nieder gewinkt, als eifrige Bestätigung alles dessen, was ich sagte. Jetzt brodelte es förmlich aus ihm heraus: „Accurat so ist’s, accurat so, wie der Amtmann sagt, wahrhaftig! Ich hab’s ganz so gedacht und gefühlt so, ja, und es hat mir das Herz abbrechen wollen und ich hab’s doch nicht sagen mögen, weil sie doch so viel für mich gethan hatte. Und daß wir kein Kind mehr haben sollten, machte mir das Herz oft so tief, wie der Brunnen ist.“

Süße, züchtige Scham, bange Verlegenheit, selige Freude, ernstvolle Vorwürfe – das Alles, Alles malte sich deutlich im ganzen Wesen der Frau ab, bis sie auf einmal ihrem Mann um den Hals fiel und ausrief: „Verzeih! verzeih!“

Da wurde der gute Thomas puterroth vor Verlegenheit, so, als ob er etwas ganz Dummes gemacht habe. Es war rührend, ihn so zu sehen. Nun noch dies und jenes gute, festigende Wort von mir, und ich ging und durfte überzeugt sein, daß das Glück hier wieder walten werde. Und so geschah’s denn auch. Wieder ist Thomas der lustige, tapfere, prächtige Thomas, ist seine Gertrud ganz ebenso und sein Junge verspricht es zu werden. Wieder hat alle Welt ihre Freude an den Dreien, hat die größte Freude Eines am Andern und ein Jedes wieder an sich selbst. Aber niemals wieder haben sie den „Uz“ gemacht, wer der Gertrud am liebsten sei: der Mann oder das Kind?
Schl.