Mein Lebensbild

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Textdaten
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Autor: C. E.
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Titel: Mein Lebensbild
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 479–482
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Eine Autobiographie Bocks bis in die 1850er Jahre, dem folgt eine Biographie der späteren Zeit
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[479] 
Mein Lebensbild.[1]


Die Gartenlaube (1874) b 479.jpg

Professor Dr. Carl Ernst Bock.
Nach seiner letzten Photographie.


Am 21. Februar 1809 zu Leipzig geboren, wurde ich schon von früher Jugend an von meinem Vater, Prosector am Leipziger anatomischen Theater, in die menschliche Anatomie praktisch eingeführt und bekam sehr zeitig durch die zahlreichen Amputationen, denen ich nach der Leipziger Schlacht in einem Hospitale beiwohnen durfte, Neigung zur operativen Chirurgie. Ich übernahm deshalb, nachdem ich vom Jahre 1827 bis 1830 auf der Leipziger Universität Medicin und Chirurgie studirt hatte, die Assistentenstelle bei einem sehr geschickten und beschäftigten Wundarzte Leipzigs, sowie an der chirurgischen Station des Stadtkrankenhauses.

Als im Jahre 1830 von den Polen Aerzte für ihre Armee [480] gesucht wurden, begab ich mich, nach vorheriger Erlangung des Leipziger Doctorgrades, zu Anfang 1831 nach Warschau, erhielt hier als sogenannter Stabsarzt eine Abtheilung für innere und äußere Krankheiten in einem der größten Hospitäler und fand so Gelegenheit, die Cholera, den Typhus, Entzündungen und Verwundungen aller Art sattsam kennen zu lernen, sowie zahlreiche Operationen auszuführen. Nach der Uebergabe Warschaus an die Russen diente ich bei diesen noch einige Zeit in derselben Stellung als Stabsarzt und kehrte Ende 1831 nach Leipzig zurück. Hier habilitirte ich mich als Privatdocent und praktischer Arzt, wurde aber sehr bald (zu Anfang 1833) durch den Tod meines Vaters, welcher außer meiner Mutter und mir noch vier großentheils unerzogene Kinder ganz mittellos hinterließ, vorzugsweise in die akademische und leider auch in die literarische Laufbahn gedrängt, um die Hinterlassenen erhalten und die kleineren Geschwister erziehen zu können. Daß ich auf diese Weise schon im vierundzwanzigsten Lebensjahre die schweren Pflichten eines Versorgers einer größeren Familie übernehmen mußte und ich diese Pflichten durch zahlreiche Examinatorien und literarische Arbeiten auch zu erfüllen im Stande war, das scheint in mir einen ziemlichen Grad von Vertrauen auf eigene Kraft ausgebildet zu haben, ließ mich aber freilich nicht die Zeit und Geldmittel gewinnen, um wissenschaftliche Untersuchungen anzustellen und mir dadurch eine Stellung in der Wissenschaft erringen zu können. Denn so eingebildet bin ich nie gewesen, zu glauben, daß meine aus der Sorge um’s tägliche Brod entstandenen anatomischen Compendien (das Handbuch, das Taschenbuch und der Handatlas) der Anatomie – obschon sie in kurzer Zeit vier Auflagen[2] erlebten, für das Studium der Anatomie sehr brauchbar erfunden und in mehrere Sprachen übersetzt wurden – mir einen besonderen Namen unter den Männern der Wissenschaft gemacht hätten. Nur so viel kann ich, ohne anmaßend zu sein, von mir behaupten, daß ich durch das jahrelange Examinatoriengeben die Fähigkeit gut zu dociren erlangt habe.

Auch als mir 1839 eine außerordentliche Professur der Medicin (in den ersten Jahren ohne Gehalt, später mit einem kleinen Gehalte) ertheilt wurde, konnte ich die Wissenschaft nicht anders als zu meiner eigenen Fortbildung und zur Erhaltung meiner durch meine Verheirathung vergrößerten Familie betreiben.

So arbeitete ich, Examinatorien gebend und schriftstellernd, unter Sorge und Noth still und geduldig bis zum Jahre 1845, wo meine Ruhe und Duldsamkeit plötzlich einen gewaltigen Stoß dadurch erlitt, daß man mir die vorher angetragene und zugesicherte Stelle eines pathologischen Anatomen, auf welche hin ich längere Zeit tüchtig losgearbeitet hatte, ohne Weiteres und zu Gunsten eines jungen Begünstigten versagen wollte. Ich erlangte diese Stellung zwar, doch erst nach Bekämpfung verschiedener Hindernisse, wobei ich freilich mehrere Verstöße gegen die gute Lebensart und Artigkeit zu machen gezwungen war. Ich suchte mich nun in Wien und Prag ebensowohl in der pathologischen Anatomie wie in der Diagnostik so weit auszubilden, daß ich in diesen Zweigen der Medicin in Leipzig als Lehrer aufzutreten mich nicht zu scheuen brauchte, wie meine pathologisch-anatomischen und diagnostischen Werke allenfalls beweisen.

Bei dem Besuche der genannten österreichischen Universitäten und Hospitäler hatte ich nun aber einsehen lernen, wie weit wir damals in Leipzig in Bezug auf die praktischen Zweige der Medicin noch zurück waren, und, einmal aus meiner bescheidenen Ruhe aufgerüttelt, unternahm ich es, trotz aller Anfeindungen und Verdächtigungen, trotz der Drohungen mit Absetzung und bedeutender Geldopfer für Druckschriften, in noch vormärzlicher Zeit, wenn nicht als Reformator der Medicin, doch wenigstens als Vorkämpfer für die neuere aufzutreten, ohne aber dabei für mich selbst eine bessere Stellung erkämpfen zu wollen. Und es gelang mir nicht blos, der sogenannten physiologischen Medicin Eingang zu verschaffen, sondern auch zur Berufung Oppolzer’s nach Leipzig als Professor der Klinik und Primärarzt des Stadtkrankenhauses beizutragen. Jetzt war ich nun zwar zur Ruhe, aber nicht zu besseren Einnahmen gelangt, konnte noch ebenso wenig wie früher nur für die Wissenschaft leben und wirken und mußte fortwährend von Freund und Feind hören, daß ich bei meinen erfolgreichen reformatorischen Bestrebungen „doch nicht so grob zu sein“ und „das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten gebraucht hätte“. Als ob man Krebsschäden mit Rosenwasser curiren könnte!

Mit Oppolzer in sehr freundschaftlichem Verhältnisse lebend, vertrat ich während der mehrmaligen Abwesenheit desselben dessen Stelle, leitete während der beiden Cholera-Epidemien die Behandlung der Kranken im Hospitale und wurde nach der Berufung Oppolzer’s nach Wien vom Leipziger Stadtrathe zum interimistischen Primärarzte des Stadtkrankenhauses ernannt. Als solcher nahm ich in klinischen, streng physiologischen Vorträgen Gelegenheit, den Studirenden die von mir im Warschauer Hospitale gemachten Erfahrungen über die Heilprocesse der Natur bei Krankheiten mitzutheilen und zu zeigen, wie die allermeisten Krankheiten auch ohne die dagegen empfohlenen Arzneimittel, nur bei gehörigem diätetischem Verfahren heilen.

Durch die Besetzung der klinischen Professur in der Person Wunderlich’s ward ich natürlich von dieser praktisch-medicinischen Wirksamkeit im Hospitale wieder entfernt und auf die pathologische Anatomie (mit Sectionen und physikalischer Diagnostik) verwiesen, doch ließ mich Privat- und Consiliarpraxis nie zum bloßen Theoretiker werden (oder, wie manche meiner Collegen behaupteten, „zwar zum guten Diagnostiker, aber schlechten Therapeuten“). Von zeitraubenden wissenschaftlichen Entdeckungen konnte bei meiner pecuniären Lage noch immer keine Rede sein, da bei den gewaltigen Fortschritten der Medicin und Naturwissenschaften, sowie dem kostspieligen Leben in Leipzig schon viel dazu gehört, in der Wissenschaft und im bürgerlichen Leben seine Stellung gehörig zu behaupten. Die Erfahrungen aber, welche ich seit Jahren am Sectionstische und Krankenbette gemacht und die ich in meinem Lehrbuche der Diagnostik niedergelegt habe, werden, in Anbetracht meiner früheren compilatorischen Arbeiten, auch von Solchen entweder gar nicht beachtet oder über die Achsel angesehen, die wahrlich keine Ursache dazu hätten, wenn sie sich auch für Heroen in der Wissenschaft halten. Denn wer heutzutage durch das Mikroskop eine neue Zelle u. dgl. entdeckt oder mit der Redensart „das ist so“ und „das habe ich öfters gesehen“ Schwachköpfen zu imponiren versteht, wird gewöhnlich für etwas Rechtes angesehen.

Durch wissenschaftliche Entdeckungen zu nützen, versagten und versagen mir sonach meine Verhältnisse; es ging deshalb mein Streben dahin, wenigstens als Lehrer, aber nicht blos der Studirenden, sondern auch der Laien, durch Wort und Schrift nach meinen Kräften nützlich zu sein, da in mir die Ueberzeugung fest wurzelt, daß Krankheiten in der Zukunft auch nicht besser als jetzt und am allerwenigsten durch Arzneimittel geheilt, wohl aber recht gut durch eine naturgemäße Lebensweise verhütet werden können, und daß durch Belehrung des Volkes (vorzüglich der Jugend durch die Mütter und Lehrer) über die Natur und den menschlichen Körper ein verständigeres, willenskräftigeres, weniger abergläubisches, moralisch besseres und gesünderes, kurz ein glücklicheres Menschengeschlecht als das jetzige herangezogen werden könne.

So bin ich denn bei sanguinisch-cholerischem Temperamente und bei einer auf die Naturwissenschaften gegründeten materialistischen Weltanschauung durch meine Lebensumstände zu einem ziemlich willenskräftigen (nach Manchen „starrköpfigen“), protectionslosen, complimentenfeindlichen (nach Manchen „groben und rücksichtslosen“), mäßig-ehrgeizigen und uneigennützigen Manne geworden, der sich nicht so leicht imponiren und einschüchtern läßt, und dessen ganzes Streben dahin geht: durch Aufklärung und Belehrung zur Verbesserung und zum Glücklichwerden des Menschengeschlechts etwas beizutragen, sich selbst aber, so weit es noch möglich ist, zur wahren Humanität zu erziehen. Freilich verstehe ich unter wahrer Humanität nicht etwa Duldsamkeit und Aufopferung in jeder Beziehung, sondern nur vernunftgemäße und wirklich frommende Menschenliebe ohne krankhafte Sentimentalität. Daß ich unter den wissenschaftlichen Forschern einen Platz nicht habe, weiß ich, doch bin ich bei den Medicin Studirenden durch meine Lehrbücher und beim Laien durch meine populär-medicinischen Vorträge und Aufsätze, sowie bei den Turnern durch Gründung des Leipziger Turnvereins, nicht unbekannt und nutzlos geblieben. Wenn ich mich 1848 von allem politischen Treiben entfernt hielt, obschon ich früher bei der Leipziger Communalgarde eine höhere Charge und auch die Stelle eines [481] Stadtverordneten eingenommen habe, so liegt dies darin, daß ich dem Verlaufe und der Behandlung des damaligen politischen Uebels eine sehr schlechte Prognose stellen mußte. Feinde besitze ich eine hübsche Anzahl, jedoch auch genügende Freunde. Uebrigens war ich stets vollkommen zufrieden, wenn ich mich selbst zum Freunde hatte und diese Freundschaft zu verdienen glaubte.




Bock’s autobiographische Skizze reicht bis in die ersten fünfziger Jahre und wurde noch vor dem Erscheinen des „Buchs vom gesunden und kranken Menschen“ geschrieben. Klar und bestimmt findet sich in derselben bereits vorgezeichnet, wohin von nun an (nachdem erst noch 1854 sein jetzt vergriffener pathologisch-anatomischer Atlas erschienen war) Bock’s Interesse und enthusiastisches Streben sich vorzugsweise wendete. Durch die 1853 entstandene und sehr bald in die weitesten Kreise dringende „Gartenlaube“ bot sich ihm ein fruchtbares Feld, Vorurtheile und Aberglauben in großem Stile zu bekämpfen, die Ergebnisse der Wissenschaft dem Volke zugänglich zu machen und so durch Aufklärung und Belehrung zur Besserung und Beglückung der Menschen beizutragen. Er hat dies denn auch durch seine später vielfach nachgeahmten populär-medicinischen, hygieinischen und allgemein-naturwissenschaftlichen Arbeiten in durchgreifendster Weise gethan. Als eiserner Charakter, überzeugungstreu und muthvoll, hat er rücksichtslos gekämpft, nicht nur gegen Curirlaien, Geheimmittelschwindel, Homöopathie, sondern vor Allem gegen Veraltetes und Ueberlebtes in der Heilkunst selbst. Bock entwickelte dabei eine seltene Befähigung, jene weiten Schichten der Bevölkerung, welche wenig lesen und zumal für wissenschaftliche Belehrung unvorbereitet und schwer zugänglich sind, zu „packen“ und mächtig fortzureißen zur Erkenntniß. Unermüdlich wußte er immer neue Wege zu finden, neues Licht in altes Dunkel zu werfen, neue Waffen gegen tiefgewurzelte Vorurtheile zu schmieden und kräftig zu schwingen.

Angeregt durch vor Frauen und Lehrern gehaltene populäre Vorträge, und in der Absicht, „Müttern und Lehrern, in deren Händen die Zukunft kommender Geschlechter liegt und von denen vorzugsweise die körperliche, geistige und moralische Vervollkommnung des Menschengeschlechtes zu erwarten steht“, einen Wegweiser zur naturgemäßen (geistigen wie leiblichen) Pflege des Menschenkörpers zu geben, entstand das „Buch vom gesunden und kranken Menschen“ (jetzt in neun Auflagen und hundertzwanzigtausend Exemplaren verbreitet und in viele fremde Sprachen übersetzt). Hier legte er vermöge seines großartigen Unterrichtstalents die Elemente der Lehren vom Bau und Leben des Menschen in klarster, faßlichster Weise nieder und zeigte, wie eine wissenschaftliche Gesundheitspflege das körperliche Wohl nicht nur wahren, sondern auch Schwächen des Organismus beseitigen oder doch mildern und Krankheiten verhüten kann.

Mit großem Nachdrucke und auf Grund systematischer Beobachtungen hob er die unendliche Wichtigkeit der Erziehung, besonders im frühesten Kindesalter hervor und gab in seiner schlichten, eindringlichen Weise, neben den Anleitungen zur körperlichen Pflege des Kindes, die werthvollsten Winke zu dessen geistiger Erziehung.

Indem er schließlich offen die Resultate der Erfahrungen bekannte, welche er als vorurtheilsfreier Beobachter am Krankenbett und Sectionstisch gemacht hatte, schmälerte er zwar nicht unbedeutend den Nimbus der Heilkunst, respective der ärztlichen Machtvollkommenheit, aber um so nachdrücklicher hat er damit auf die Nothwendigkeit einer an der Hand der Wissenschaft fortschreitenden Gesundheitspflege hingewiesen und den Schwerpunkt der ärztlichen Thätigkeit in die den Krankheiten vorbauenden, sie verhütenden Maßregeln, die Prophylaxis, gelegt.

Nicht allein die Gesichtspunkte des Gesundheitslehrers, welcher Krankheiten verhüten und naturgemäße Ansichten über die Pflege des gesunden und kranken Menschen verbreiten möchte, leiteten Bock, wenn er durch sein Buch vom Menschen und die Gartenlaube Kenntnisse über den menschlichen Körper im Volke ausstreute. Bock war kein einseitiger Fachgelehrter und betonte nicht nur die hohe Bedeutung der Naturwissenschaften für die Medicin, sondern erblickte in ihnen auch eines der wichtigsten allgemeinen Bildungsmittel. Ihm war es ein Kriterium des denkenden Menschen, ob man nach dem ursächlichen Zusammenhange in der uns umgebenden Natur frage. Das Bedürfniß nach Erkenntniß des großen Naturganzen und der dasselbe beherrschenden Gesetze wollte er in weiteren Kreisen wecken, da er dafür hielt, daß es in seiner Befriedigung nicht nur unverlöschlichen Reiz, sowie reinen Genuß gewähre, sondern auch sittlich veredelnd einwirke. Indem er nun zeigte, daß der Mensch innig der Natur verbunden und ihren Gesetzen unterworfen ist, daß seine Stellung in der Natur, nicht außer oder über ihr ist, beabsichtigte er das Interesse für diese Allmutter zu wecken und damit zur Veredlung der Gesellschaft beizutragen.

In dieser Zeit entstand auch ein kleines nicht veröffentlichtes Schriftchen, „Der Mensch der Zukunft bei materialistischer Weltanschauung“, über welches sich (1855) Ludwig Feuerbach, dem es durch einen Bekannten Bock’s vorgelegt worden war, folgendermaßen äußerte: „Sie erhalten hier das Manuscript des Herrn Dr. Bock zurück; ich habe es noch an demselben Abend, wo ich es erhalten hatte, bis spät in die Nacht hinein mit ebenso durch das Vorwort gespannter wie durch den Text befriedigter Erwartung durchgelesen. Ich bin Ihnen sehr dankbar für diese so zu sagen persönliche Bekanntschaft des Herrn Dr. Bock; ich kannte denselben zwar längst aus einigen vortrefflichen kerngesunden populär-medicinischen Zeitungsartikeln, aber ich dachte nicht, daß ein Professor der pathologischen Anatomie so principiell und consequent denkt und gesinnt ist. Wie selten sind solche Menschen in unserer Zeit der Zerrissenheit und Charakterlosigkeit! Herr Bock behandelt den Kampf des Spiritualismus wider den Materialismus als Arzt, als Patholog, daher seine Ruhe, seine praktische Ansicht, daß das einzige Arzneimittel wider den Antimaterialismus nur die Erziehung ist. Ich stimme vollkommen bei. – –“

Obgleich noch als Universitätslehrer (bis zum Frühling 1873) thätig und neue Auflagen seiner Werke bearbeitend, zog er sich doch immer mehr aus seiner Stellung als pathologischer Anatom zurück, da er es für die Pflicht des ältern Gelehrten hielt, bei Zeiten jüngeren Kräften Platz zu machen. Dem Volke und der Schule wollte er die Thätigkeit seines Lebensabends widmen. So entstand 1865 der Volksgesundheitslehrer (jetzt in 6. Auflage à 30 und 25,000 Exemplaren) und 1868 das Schulbuch „Bau, Leben und Pflege des menschlichen Körpers“ (jetzt in 9. Auflage à 12 und 10,000 Exemplaren). Die in der „Gartenlaube“ erschienenen Artikel über geistige und körperliche Pflege des Schulkindes ließ er in erweiterter Form als Broschüre drucken und verbreitete sie in achtzigtausend Exemplaren unter den Lehrern Deutschlands, Oesterreichs und der Schweiz. Dankschreiben aus den verschiedensten Theilen Deutschlands (darunter sogar eines von einem katholischen Decan in Tirol), sowie vom Auslande gingen Bock zu. In Oesterreich und Ungarn verbreitete das Cultusministerium die Broschüre unter den Lehrern. Uebersetzt wurde sie in’s Russische, Polnische, Holländische, Italienische und Croatische.

Zu dem von Bock mit Nachdruck geforderten anthropologischen Schulunterricht, für welchen er bereits das Schulbuch ausgearbeitet hatte, fehlten billige Anschauungsmittel. Unter seiner Anleitung und Mitwirkung stellten in den letzten Jahren die Gebrüder Steger in Leipzig eine Sammlung plastisch-anatomischer Modelle her, welche sich durch Naturtreue und billigen Preis auszeichnen. Um letztern zu ermöglichen und so auch der Volksschule Lehrmittel zu schaffen, verzichtete Bock auf jeglichen Gewinnantheil. Es war eine seiner letzten und herzlichsten Freuden, als er einige Wochen vor seinem Tode in Wiesbaden die Nachricht erhielt, daß der vom preußischen Cultusministerium zur Weltausstellung nach Wien abgesandte Referent die Einführung der Lehrmittel in Preußen befürworten wolle.

So lebte er in letzter Zeit ein stilles, in sich selbst seine Befriedigung findendes Leben der Arbeit. Viel beschäftigten ihn die neuen Auflagen seines „Buchs vom gesunden und kranken Menschen“, welche einander rasch folgten. Den Fortschritten der Medicin wie der Naturwissenschaften überhaupt widmete er bis zuletzt großes Interesse. Auch den pädagogischen Bestrebungen, insbesondere dem Kindergarten, wandte er stete Aufmerksamkeit zu. Großen Genuß und hohe Befriedigung gewährte ihm in seinen letzten Lebensjahren das Studium der „Entwickelungs- und Abstammungslehre“. Im Gegensatz zu so vielen Fachgelehrten, welche in ihrer Specialität aufgehen und den Blick auf das große Naturganze verlieren, [482] fühlte er das lebhafteste Bedürfniß, den Zusammenhang der Naturerscheinungen zu erkennen. Begeistert und mit tiefem Verständniß nahm er die Früchte der geistvollen Arbeiten eines Darwin und Häckel in sich auf und begrüßte freudig die in jüngster Zeit sich häufenden Beweise für ihre Wahrheit.

Indem er den Geist den höchsten Fragen der Wissenschaft und den edelsten Bestrebungen der Menschheit zuwendete, wurde es Bock leicht, die Leiden der letzten Jahre gelassen zu ertragen. Ein durch Ueberanstrengung entstandenes Augenübel verhinderte ihn längere Zeit an anhaltendem Lesen wie Schreiben. Er mußte sich Alles vorlesen lassen und dictirte seine Arbeiten. In Folge früherer Lungenkrankheit seit Langem nur mit zwei Drittel Lunge athmend, traten allmählich weitere Veränderungen in dieser sowie im Herzen ein. Er erkannte seinen Zustand sehr genau und wußte, daß zur Genesung keine Aussicht mehr war. Im Mai 1873 verließ er Leipzig (nachdem er noch vorher die achte Auflage des Schulbuchs bearbeitet hatte), Erleichterung und gemüthliche Erhebung in den Wäldern Thüringens suchend. Mit bewunderungswürdiger Kraft ertrug er die qualvollsten Erstickungsanfälle und durchwachte halbe Nächte; er war noch im Stande, am Tage sich geistig zu beschäftigen und voll Heiterkeit und Humor mit Menschen zu verkehren. Lange hielt er sich durch seine eiserne Willenskraft aufrecht, bis die immer heftiger auftretenden Erstickungsanfälle häufiger wurden. Wochenlang war sein Leben in Gefahr; dann trat noch einmal Besserung ein.

Im October zog er nach Wiesbaden im Bewußtsein, daß die fortschreitenden organischen Veränderungen noch heftige Steigerungen seines Leidens in Aussicht stellten, wenn nicht durch andere Möglichkeiten ein rascheres Ende herbeigeführt würde. Mit völliger Ruhe sah er dem Unvermeidlichen in’s Auge. Er bearbeitete eine neue Auflage (die zehnte) des „Buches vom gesunden und kranken Menschen“, beschäftigte sich viel mit dem Studium der Entwickelungslehre und schrieb verschiedene Artikel für die Gartenlaube, welcher er bis zuletzt treue Anhänglichkeit bewahrte.

Am 16. Februar traten leichte Lähmungserscheinungen in den rechten Gliedmaßen ein; auch das Sprechen war erschwert. Am 18. begann sich die zunehmende Lähmung den Athmungsmuskeln und der Speiseröhre mitzutheilen. Er machte mit größter Gelassenheit auf die so charakteristischen Symptome aufmerksam und bezeichnete die bevorstehende Befreiung als ein Glück für sich. Mit Umsicht traf er verschiedene Anordnungen, welche für seinen gefaßten, klaren Geisteszustand Zeugniß ablegten. Er bestimmte, daß er in Wiesbaden und zwar in einfachster, stiller Weise, ohne Geistlichkeit beerdigt werde, in Begleitung seiner Kinder und eines alten Freundes, dem er dort wieder begegnet war. Dann trug er auf, „alle seine Freunde und Bekannte zu grüßen“ und fragte nach Tag, Datum und Stunde. Es war am 19. Februar gegen Abend. Den Kindern suchte er das Scheiden zu erleichtern und hatte für jedes Einzelne ein Abschiedswort.

Erschöpft ließ er sein müdes Haupt niedriger betten und schloß mit einem Lebewohl die Augen zum letzten Schlafe. Bis zu seinem letzten Worte bewahrte er, trotz schwer verständlicher Sprache und weit ausgedehnter Lähmung, eine Würde, wie sie nur bei vollständigem innerem Gleichgewichte bestehen kann. Ohne Kampf wurden die Athemzüge schwächer, seltener. Er schien zu schlafen, als sein Herz bereits stillstand. – –

Bock war ein Mann von seltener Klarheit und Energie des Gedankens, ein unerschütterlicher, selbstloser Charakter; durchdrungen von echter Menschen- und Wahrheitsliebe war es ihm eine innere Nöthigung, das Rechte und Gute zu thun, die Wahrheit zu suchen und sie zu bekennen. Die Interessen der Gesammtheit standen ihm stets höher als die eigenen; sie vermochten ihn allezeit über persönliche Heimsuchungen zu erheben. So bietet er ein leuchtendes Beispiel, daß man auf dem Boden der modernen Naturwissenschaft stehen, den Spiritualismus bekämpfen und doch die idealsten Grundsätze zur Richtschnur seines Lebens wählen und begeistert nach der Erkenntniß des Schönen, Wahren und Guten streben kann.

Alle seine Bestrebungen galten der guten Sache. Hatte er sein Ziel erreicht, so war er befriedigt, ob ihm Anerkennung gewährt oder versagt wurde. So genügte es ihm, daß sein mit seltenem Freimuthe und unerbittlich scharfer Kritik geführter Kampf für die Reform der Medicin in Sachsen ein siegreicher war und mit dem Sturze der alten Medicin endigte, wenn er auch von Seiten der Regierung keine andere Anerkennung fand, als mit Absetzung bedroht zu werden.

Als Arzt besaß Bock den Ruf eines ausgezeichneten Diagnostikers. Seine Behandlung bestand keineswegs, wie man ihm nachzusagen liebte, in „Nichts“, sondern machte von allen naturgemäßen Hülfsmitteln in streng individualisirter Weise Gebrauch. Als erste Eigenschaft des Arztes galt ihm wahre Humanität, welche sowohl Nachsicht wie erzieherische Strenge am rechten Orte zu üben weiß. Psychische Leiden und Schwächen entgingen ihm selten, und er behandelte sie als feiner Psycholog. – Unermüdlich war er für Ausbreitung von Kenntnissen zur Gesundheitslehre thätig; auch im geselligen Verkehre ergriff er jede Gelegenheit und schuf vielfach eine solche, um, ohne Ansehen der Person, Jünger für seine Grundsätze zu werben und aufklärend auf Lehrer, Mütter, Arbeiter etc. einzuwirken.

Im Herzen seiner Schüler, auf welche er, nicht nur durch die Macht seines seltenen Lehrtalentes, sondern auch durch die Würde seines Charakters und die entschiedene Bekämpfung des blinden Autoritätsglaubens, segensreichen Einfluß geübt hat, wird sein Andenken ein lebendiges bleiben. Wie er es verstanden hat, auf die Jugend einzuwirken, mögen folgende Zeilen aus dem Briefe eines seiner Schüler bestätigen: „Er war mir ein Lehrer, dem ich Wissen und Wollen verdanke, vor Allem das unverfälschte Bekenntniß, das ununterbrochene Erforschen der Wahrheit. Leider gehört dieses Bekennen nicht zum guten Ton, und darum gilt der Träger der Wahrheit für unklug, für schroff. Was er als Lehrer den Studenten gewesen ist und hätte werden können, wenn man ihn nicht daran gehindert hätte, was er aber als Lehrer des Volks gewesen ist – das führt ihn ein in die Hallen der Unsterblichkeit.“

Unter den Vorwürfen, die gegen Bock erhoben wurden, war wohl der häufigste: „er ist ein heftiger, rücksichtsloser, grober Mann.“ Kein Wunder! Ebenso, daß eine Anzahl theils erfundener Anekdoten, theils entstellter Vorgänge erzählt wurden zum Belege dafür. Nicht soll hier behauptet werden, daß er in seiner Polemik gegen gemeinschädliche Verkehrtheiten, Humanitätsheuchelei und Scheinliberalismus, die er allerwärts umherwuchern sah, seidene Handschuhe angezogen hätte, auch soll nicht verschwiegen werden, daß ihm unter Umständen Heftigkeit und eine gewisse Schroffheit eigen sein konnten. Ganz besonders schien es seinen Zorn zu reizen, wenn er dünkelvolle Unwissenheit und Anmaßung, inhumanes Benehmen (besonders gegen Untergebene) in sogenannten gebildeten Kreisen traf, denn hier pflegte er seinem Spott mit Vorliebe freien Lauf zu lassen oder seine Mißbilligung sehr deutlich auszusprechen.

Sehr verschieden führte er jedoch seine Streiche, je nachdem er nur Vorurtheil, Schlendrian, Unverstand u. dgl. oder bösen Willen, Gewissenlosigkeit und Heuchelei vor sich sah. Nicht selten war aber seine Derbheit gewissermaßen nur die Hand, die er vor sein Gesicht hielt, um seine eigene Rührung zu verbergen, denn er barg unter einer rauhen Schale ein reiches und tiefes Gemüth, von welchem sich Züge der größten Zartheit erzählen ließen. Er liebte es einmal nicht, Gefühle blicken zu lassen, geschweige mit denselben zu prunken. Der diese Zeilen schreibt, war Zeuge, wie ein Lehrer, dem Bock im tiefsten Elende wirksamen Beistand geleistet hatte, seinen überströmenden Dankgefühlen Ausdruck lieh. Bock zerdrückte sich Thränen im Auge und – verwies ihm fast rauh weiteres Danken. Hülfe spenden war ihm zur andern Natur geworden, und er hatte sich in den Ruf eines reichen Mannes gebracht, der er nicht war, weil er reichlich, oft und gern spendete.

Für Naturschönheit und Kunst hatte er ein feinsinniges Verständniß, und nächst der Arbeit waren sie in den verschiedenen Nüancen des Lebens seine Trösterinnen. Heiterkeit und Humor begleiteten ihn trotz aller Kämpfe und manch’ bitterer Enttäuschung durch’s Leben; auch während seiner Leidenszeit blieben sie ihm großentheils noch eigen.

Die Saat, die Bock für Volkserziehung und Volksaufklärung ausgestreut, sie wird aufgehen und noch fortwirken zu einer Zeit, wo sein Name nur noch von Einzelnen gekannt sein wird. Denn er stand im Dienste jener Mächte, welche nur mit der Menschheit selbst untergehen; er war ein Apostel der Erkenntniß, der Wahrheit und der Humanität.
C. E.

  1. Obwohl uns, theils auf unser Ansuchen, theils unaufgefordert, eine Reihe schätzenswerther Arbeiten zur Würdigung Bock’s zugegangen ist, so glauben wir doch Pietätspflichten erfüllen zu müssen, indem wir diesen Beiträgen die Veröffentlichung einer uns schon seit längeren Jahren bekannten selbstbiographischen Skizze des Verstorbenen voranschicken. Wir fügen dem im knappen Bock’schen Styl gehaltenen kleinen Lebensabriß, welcher nur bis in die ersten fünfziger Jahre reicht, eine ausführlichere Fortsetzung desselben aus einer dem Dahingegangenen befreundeten Feder hinzu. Eine Abbildung des Bock’schen Grabmals gedenken wir später folgen zu lassen.
    D. Red.
  2. Das Taschenbuch noch 1864 die fünfte, und der Atlas 1871 die sechste.