Meister Philipp

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Titel: Meister Philipp
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4-8
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Meister Philipp.
Ein Hausbild aus der Reformationszeit.
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Warum war den 25. August 1518 in Wittenberg Alles in Bewegung? Warum strömen Studenten, Professoren, Beamte, Geistliche dort nach jenem Hörsaale? Der junge, neue Professor, welcher vor vier Tagen hier ankam, hält heute seine Antrittsrede. Schon mehrere Tage lebte man in Spannung, heute ist die Neugierde auf’s Höchste gestiegen. Die Thür öffnet sich endlich, und es erscheint ein kleines, unansehnliches, hageres Männchen in langem, bis auf die Füße reichendem Rocke und geht mit schüchternem Schritt auf den Lehrstuhl zu. Die Erwartung der Hörer sinkt tief, sie glauben, der Kurfürst sei getäuscht worden. Als aber das Männlein sich emporhebt, als von seiner gewölbten hohen Stirn, seinem blauen, geistvollen, aber doch sanften Augenpaar der große und edle Geist strahlt und von seinem Munde eine lateinische Rede in Kraft und Anmuth fließt, da durchzieht jede Brust ein Gefühl der Bewunderung; seine Leistungen übertreffen noch seinen ihm vorausgeeilten Ruf. Selbst Luther, der mit anwesend, ist ganz begeistert. Melanchthon, er war es, sprach von der Verbesserung des Studienwesens und begründete namentlich seine Ansicht, daß es in Staat und Kirche werde besser stehen, wenn die beiden alten Sprachen, Griechisch und Latein, wieder mehr und besser getrieben würden.

Philipp Melanchthon (wie er seinen deutschen Namen Schwarzerd gräcisirt hatte) bezog, erst zwölf Jahre alt, 1509 die Universität Heidelberg, erlangte zwei Jahre später die Würde eines Baccalaureus, ging, weil man ihm hier die Magisterwürde verweigerte, 1512 nach Tübingen, wo er 1514 Magister wurde und als Lehrer auftrat und wo er auf Reuchlin’s Veranlassung 1518 den Ruf nach Wittenberg erhielt.

Weil Melanchthon in der Vertheidigung des evangelischen Glaubens als ein so kenntnißreicher Gottesgelehrter sich bewies, so wurde er bald Baccalaureus der Theologie mit 100 meißnischen

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„Nicht weinen, lieb’ Väterle!“

Gulden Gehalt. Später erhöhte sich seine Besoldung, im Jahre 1526 auf 200 Gulden, 1536 auf 300 Gulden und 1541 auf 400 Gulden. Mehr hat er nie erhalten; ja selbst dieses Wenige ging nicht gut ein. Die theologische Doctorwürde nahm er jedoch durchaus nicht an, und doch sagten Alle mit Luther von ihm: „Was wir in den Wissenschaften und der Philosophie wissen, das danken wir Philippo. Es ist zwar ein einfacher Magister, aber auch ein Doctor über alle Doctores!“ Geistlicher und Prediger war Melanchthon nicht. Die Sage erzählt, er habe nicht zu predigen vermocht, da er vor der ganzen Gemeinde stets so viele Angst bekommen habe. Luther redete ihm zu, sich doch Muth zu fassen, zur Probe solle er erst vor einer Menge Töpfe predigen und sich diese als Zuhörer denken. Dies geschah auch; als aber das gelehrte Männchen vor der Gemeinde predigt, bleibt es richtig stecken. Luther, der mit zuhörte, ruft ihm lächelnd hinauf: „Komm herunter, gutes Schaf, laß mich hinauf!“ – Nun besteigt Luther die Kanzel und donnert anders los; aber Melanchthon genht mit den Worten weg: „Ja, Köpfe sind nicht Töpfe!“

Unser Reformator Philippus war ein äußerst fleißiger Mann. Er arbeitete Sommer und Winter von früh zwei oder drei Uhr an bis Abends neun Uhr mit einer solchen Leidenschaft und Anstrengung, daß Alle für seine Gesundheit sehr besorgt waren. Auch die gröbere sächsische Lebensweise, welche gegen die bessere schwäbische Küche sehr abstach, behagte ihm nicht. Er schien daher bald nach seiner Uebersiedelung nach Wittenberg sich körperlich zu verzehren. Der Kurfürst, der den Melanchthon wegen seiner Leistungen liebte, [6] mahnte ihn von seiner übertriebenen Arbeitsamkeit ab und schickte ihm zur Arznei Wein aus seinem Weinkeller, ihn dabei auf I. Tim. 5, 23 verweisend: „Trinke nicht mehr Wasser, sondern brauche ein wenig Wein, um Deines Magens willen, und daß Du oft krank bist.“ Luther aber kam auf ein besseres Heilmittel: die Liebe. Er macht daher Melanchthon den Vorschlag, zu heirathen; darin glaubt er zugleich auch das geeignetste Mittel gefunden zu haben, seinen Philipp in Wittenberg zu halten. Dieser aber will durchaus von Vermählung nichts wissen, da er durch die neuen Vetterschaften und die Kinderstube in seinen Studien gestört zu werden fürchtet. Nach vielem Sträuben und Gegenreden willigt er endlich in das über ihm schwebende Verhängniß. Luther sucht ihm nun eine Braut aus und macht den Freiwerber. Von ihm hatte Melanchthon nichts zu fürchten, da er als Mönch das Gelübde der Ehelosigkeit abgelegt hatte. Das auserkorene Mägdlein war Katharina Krapp, des Bürgermeisters Hieronymus Krapp zu Wittenberg Tochter, in gleichem Alter mit dem Herrn Bräutigam, 23 Jahre alt. Melanchthon spielt zwar keinen zärtlichen Geliebten, da er mit seinen Gedanken nicht in der irdischen Welt, sondern im kalten Reiche der Wissenschaft lebt; aber er erhält doch das Jawort und wird ein glücklicher Bräutigam, da seine Braut ein stilles, sanftes, frommes Täubchen ist. Am 28. August 1520 verlobt er sich mit ihr, und am 26. November desselben Jahres findet die Vermählung statt, wobei er seinem Käthchen ein neues Kleid schenkt. Als fröhlicher Hochzeitsgast darf natürlich der heitere Martin Luther nicht fehlen. An seinem Hochzeitstage liest Melanchthon kein Colleg, sondern schlägt an’s schwarze Bret: A studiis hodie facit etc. d. h. auf Deutsch: Von den Studien läßt heute Philippus eine angenehme Erholung eintreten und wird Euch nicht des Paulus heilige Lehren verkünden.

Melanchthon’s Gemahlin war eine brave Frau, allein sehr verzagten, ängstlichen Gemüthes, das leicht in weinerliche Klagen ausbrach, wodurch sie, statt den furchtsamen Gemahl aufzumuntern und zu erheben, ihm sein Herz oft noch mehr belastete. Auch war sie mitunter etwas kränklich, und um Küche und Schränke bekümmerte sie sich leider auch nicht übermäßig viel. Uebrigens ging es auch in Melanchthon’s Hause nicht hoch her; man befleißigte sich eines einfachen Lebens, was schon durch die geringen Einnahmen bei der Theuerung der Nahrungsmittel geboten war. Die öffentlichen Vorlesungen hielt Melanchthon meist umsonst, unterstützte viele arme Studenten, die, oft in mißbräuchlicher Weise, ihn bestürmten. Melanchthon’s Zimmer waren nicht mit kostbaren Möbeln geziert, statt des Sophas diente damals eine Art Lotterbett und Ruhebank, Stühle etc. von Holz und massiv und dauerhaft gebaut. – An seinem Tische nahmen einige Zöglinge seiner Privatschule Theil, die seine Hausgenossen waren, mitunter auch Freunde und Gäste. Bei Tische liebte er heitere Gespräche und Scherze. „Wie findest Du den Wein?“ hören wir ihn jetzt einen seiner Gäste fragen, als er guten Wein, den er geschenkt erhalten, präsentirte. Trocken antwortete der Gefragte: „Er ist nicht schlecht!“ „Ei,“ erwiderte der empfindliche Hauswirth, „so muß man guten Wein nicht loben!“ Wieder finden wir den Reformator bei einem Bekannten zum Besuche. Als dieser sich lange beklagt und entschuldigt, daß er in der Eile den Tisch nicht besser habe besetzen können, entgegnete Melanchthon heiter: „Eure Entschuldigung ist wahrlich größer, als mein Magen. Wäre der Appetit überall so groß, wie Ihr zu meinen scheint, so müßte der liebe Gott in dieser Welt sehr viel anschaffen.“

Wenn Melanchthon mit Luther auf der Straße dahinwandelte, so sah es aus, als ging ein Vater mit seinem Sohne, denn Melanchthon reichte seinem kräftigen Freunde nur bis an die Achseln. Melanchton hatte ein hageres Gesicht, das von einem starken Barte und lockigem Haupthaar umwallt war. Die eine Schulter ließ er etwas sinken, was ihm viele seiner Jünger nachahmten. Er ging im bloßen Halse, den nur eine Krause schmückte, und trug einen langen blauen, aus gemeinem Tuch gefertigten Rock mit weiten Aermeln. In seinem Hause fand man ihn oft im langen Hausrock und mit einer Schlafmütze. Von dem berühmten Dr. Reuchlin hatte er die Gewohnheit gelernt, drei leinene Hemden zur Erwärmung seines Leibes über einander zu tragen.

Mitunter treffen wir unsern Philippus zu Mittag in seiner Behausung nicht an; er sitzt in der befreundeten Lutherischen Familie, neben Frau Käthchen und einem Gaste. Wenn bei Luthers ein Geburtstag gefeiert wird, so darf Nachmittags und Abends Meister Philipp natürlich nicht fehlen. Da geht es nicht immer gelehrt, sondern öfter noch humoristisch her; die werthe Hausfrau giebt nicht selten, wenn sie vor der männlichen Gelehrsamkeit aufkommen kann, auch ihr Wort mit dazu. An Doctor Luther’s Tische hätte es uns übrigens auch gefallen können. Die Frau Doctorin war eine recht solide Köchin, der Herr Doctor liebte und hatte ein recht trinkbares Glas Wein; Geist und Witz umsprudelten den Rebensaft – was begehrt ein Gast mehr? –

Welche herrliche Stunden verlebten die Wittenberger auch zusammen bei Bier und Kegelspiel im Gasthaus zum schwarzen Bären! Dort kam man oft Nachmittags zusammen. Aus dicken steinernen Krügen trank man das damals berühmte Eimbecker Bier, mit dem auch Luther 1521 nach seiner kräftigen Rede auf dem Wormser Reichstage vom Herzog von Lüneburg erquickt wurde. War gutes Wetter, so ging man auf die Kegelbahn im Garten, zog die Röcke aus und kegelte; bei Regenwetter und Abends begab man sich hinein in die Wirthsstube. Dabei ist Dr. Martin immer der heitere Mann, der Andere anregt, neckt und schraubt, auch unsern guten M. Philipp mit; dieser ergötzt sich zwar an der munteren Geselligkeit höchlich, spielt aber immer den stillen Schüchternen und Feinen, der jedoch mitunter auch mit einem geistreichen Gedankenblitz, einem treffenden Witzfunken plötzlich zündend in die Gesellschaft einschlägt, daß allgemeine Heiterkeit entsteht.

Rührend ist das erste Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn nach sechsjähriger Trennung, als Melanchthon 1524 von Wittenberg aus zum ersten Mal wieder in seine Heimath reist. Auf die Erholungsreise begleiten ihn der Professor Nesen von Wittenberg, ferner Joachim Camerarius, sein treuester und bester Freund, den er wie seinen Bruder liebte, und zwei seiner Zöglinge, Franz Burchard von Weimar und Johannes Silberborner von Worms. Sie reisten zu Pferde, und da dieselben nicht zu den besten gehörten, die gelehrten Herren aber auch nicht die besten Reiter waren, so ging der Spazierritt langsam, und es gab viel zu lachen. In Frankfurt, wo Nesen zurückblieb, hielten sie sich nur kurze Zeit auf. Nun ging es weiter, dem hochgeliebten Schwabenlande zu. Je näher Melanchthon demselben kam, desto freudiger klopfte sein Herz, und als er endlich die Thürme und Giebel seiner theueren Vaterstadt Bretten wiedersah, stieg er vom Pferde, fiel voll Rührung auf seine Kniee und rief, seine Hände faltend: „O heimathlicher Boden! Wie danke ich Gott dem Herrn, daß ich Dich wiedersehen durfte!“

Jetzt endlich sieht er das alte liebe Haus wieder, in dem er auf des Vaters Schooße gesessen und an dem Herzen der liebreichen Mutter gelegen hatte! Aber ach, der gute Vater ist nicht mehr! Da erblickt er seine Mutter, sie stürzen einander in die Arme, vor Schmerzen und Freude weinend, drücken sich fest und innig und wollten nicht von einander lassen. Mit Wonne blickte die Mutter ihren Sohn an, aber nun nicht mehr auf ihn herab, sondern zu ihm hinauf; sie war eine schlichte Meistersfrau geblieben, er aber ein gelehrter Professor und berühmter Mann geworden. Als unvollendeten Jüngling hatte sie ihren Philipp verlassen und als vollendeten Mann sah sie ihn wieder. In ihrem kindlichen Gemüth und Verstand war sie eine gute Katholikin geblieben und sie schüttelte gar bedenklich ihr Haupt, daß ihr Sohn der neuen Lehre zugethan war und sie gar noch verbreitete; er suchte zwar seine Mutter über das Evangelium aufzuklären, aber sie verharrte beim Alten. – Während nun Philipp’s Gefährten weiterzogen, blieb er bei seiner Mutter. Wie staunte diese, wenn vornehmer Besuch, wie mehrmals geschah, zum Herrn Sohn kam! So erschien ein Schriftführer des päpstlichen Gesandten, Compegius, um Melanchthon von der evangelischen Sache abwendig zu machen, aber Melanchthon war kein schwankes Rohr, er erklärte: „Was ich als Wahrheit einmal erkannt habe, das behaupte ich ohne alle Rücksicht unter allen Umständen.“ So überbrachten ihm drei Professoren von der Universität Heidelberg als Ehrengeschenk einen schön gearbeiteten silbernen Becher. – Nur mit schwerem Herzen riß der Magister sich von der Heimath wieder los.

So viel Ansehen und Ehre Melanchthon auch genoß, so war doch keineswegs sein Lebensbild aus lauter Licht gemalt. Im Jahre 1540 auf einer Reise zu einer kirchlichen Versammlung in Weimar überfiel ihn plötzlich eine heftige Krankheit und brachte ihn dem Tode nahe. Der kurfürstliche Hof schickte ärztliche Hülfe und ließ Luther von Wittenberg holen. Melanchthon aß und trank nicht und war ganz verfallen. Erschrocken von diesem Anblick ruft [7] Dr. Luther aus: „Behüt Gott, wie hat mir der Teufel dies Werkzeug geschändet!“ Durch Gebet und kräftige Zusprache rettete ihn Luther, der allein der rechte Arzt war. Melanchthon war von großer Angst krank geworden. Er hatte des Landgrafen Philipp von Hessen ungesetzlichen Schritt, noch eine zweite Frau zu nehmen, gebilligt; und dieser wollte jetzt Melanchthon’s Gutachten veröffentlichen. Luther ruhte nicht eher, bis sein Freund wieder aß. „Damals,“ sagt Martinus, „mußte mir unser Herrgott herhalten; denn ich warf ihm den Sack vor die Thür und rieb ihm die Ohren mit allen seinen Verheißungen, daß er mich erhören mußte.“ – Melanchthon gesteht selbst zu: „Wäre damals Luther nicht gekommen, so wäre ich gestorben.“

Der schwerste Schlag traf Philippus im Jahre 1546 durch den Tod seines treuen Freundes und Mitreformators Dr. Luther. Als dieser am 23. Januar von Wittenberg nach Eisleben abreiste, sahen sich die beiden großen Männer zum letzten Male; am 18. Februar ward Luther zu seinen Vätern versammelt. Mit ihm hatte Melanchthon 28 Jahre lang, treu verbunden, gelebt und gestrebt, gelitten und gestritten. Am 19. Februar, wo Melanchthon durch Dr. Jonas den Heimgang des lieben Vaters erfahren, kommt Ersterer früh 9 Uhr mit verweinten Augen in das Colleg, um über den Brief an die Römer Unterricht zu halten, und erzählt den Studenten Luther’s letzte Lebenstage und Tod. „Ich bin so bekümmert und leidend,“ sprach er unter Thränen, „daß ich zweifle, ob ich fernerhin dies mein Amt in der Schule ausrichten möge.“ Nachdem er nun in einer Rede seine große Betrübniß ausgesprochen, faltet er seine Hände und betet um Schutz für die Kirche. Alle Studenten weinen und schluchzen laut, wie die Kinder, und es scheint, als ob auch die Wände des Saals mit in laute Klagen ausbrächen. – Melanchthon’s liebster und einziger Freund war nur noch Joachim Camerarius, der immer in seiner Nähe war und ihn auf seinen Reisen begleitete; die meisten andern waren gestorben.

Ein Bild der Wehmuth ist der gefeierte Reformator als heimathloser Flüchtling. Der schmalkaldische Krieg 1547 spielte sich auch nach Wittenberg und Umgegend. Am 6. November wurde die Universität aufgelöst, am 9. flohen Professoren und Studenten, Greise, Frauen und Kinder in furchtbarem Schneegestöber aus der Stadt, und auch Melanchthon ergriff den Wanderstab und entwich auch mit Frau und Kindern. Er verlor den größten Theil seiner Bücher und Habe und irrte als armer Flüchtling, den die Noth bisweilen trieb, fremde Hülfe in Anspruch zu nehmen, in Dessau, Zerbst, Magdeburg, Braunschweig, Nürnberg und a. O. unstät umher. Selbst vom Unglück verfolgt, nahm er sich dennoch der ebenfalls fliehenden Wittwe und Kinder Luther’s, über die er Vormund war, liebreich an und geleitete sie sicher nach Braunschweig.

Gegen Ende des Jahres 1547, nachdem des Krieges Ungewitter sich verzogen, finden wir Melanchthon wieder in seiner gewohnten Thätigkeit zu Wittenberg. Benutzen wir diese friedliche Zeit, um Melanchthon im Kreise seiner Familie zu beobachten.

Große Männer gehören der Welt an; die ganze Menschheit ist ihre Familie, sie können in der Regel ihrer eigenen Familie sich nicht hinreichend widmen. Melanchthon’s Herz war indeß nicht zu weit, als daß es für seine Familie nicht laut genug geschlagen hätte. Er lebte ihr, so viel er konnte, und die Familienstube war ihm die kleine Kirche, in welcher die kleinen Englein seine Seele mit himmlischem Frieden und himmlischen Freuden umschwebten.

Da Melanchthon durch zu viele Geschäfte von der Kindererziehung abgehalten wurde, so mußte sein treuer Diener Johann die Kinder, als sie noch klein waren, aufziehen und unterrichten. Melanchthon erlebte an seinen Kindern nicht lauter Freude. Sein ältester Sohn Philipp erbte nicht des Vaters Geist der Weisheit und des Verstandes; auch erfüllte er nicht immer des Vaters Willen, wie er sich z. B. als 19jähriger Student ohne Vorwissen seines Vaters mit einem Leipziger Mädchen heimlich verlobte. Der zweite Sohn starb frühzeitig. Sein ältestes Kind, Anna, dagegen, ganz das Ebenbild des Vaters, war nicht nur ein sehr talentvolles und gebildetes Mädchen, welche z. B. sehr gut Latein sprach, sondern sie war auch sehr schön und liebenswürdig.

Die Geschichte hat eine rührende Scene von ihr aufbewahrt. Als kleines Kind kommt sie einst zu Melanchthon, der sie unter Allen am meisten liebte, auf die Studirstube gehüpft und findet ihn weinend. Es waren böse Nachrichten eingelaufen, die Melanchthon um eine schöne Hoffnung ärmer machten. Sie sah ihn mit ihren schönen großen Augen eine Weile sinnend an, dann ging sie leise zu dem Weinenden, schmiegte sich weich an seine Kniee und hob ihr Schürzchen, um ihm die Thränen zu trocknen. „Nicht weinen, lieb’ Väterle!“ sagte sie selbst unter Thränen. „Dein Aennchen kann das nicht sehen!“ In der Umarmung seines Kindes vergaß der Vater seines Harmes. – Als sie ein andermal allzulange aus dem Hause weggeblieben ist, fragt Melanchthon die Zurückgekehrte: „Was willst Du nun der Mutter antworten, die Dich tüchtig ausschelten wird?“ – „Nichts,“ war die schnelle Antwort des Kindes im Bewußtsein seiner Schuld. Dieses Wort machte ihm ungemeine Freude, und er wendete es oft an, wenn ihn seine Feinde mit Schelten und Vorwürfen verfolgten. „Was werde ich meinen Feinden antworten? Ich weiß es. Nichts, gar nichts.“ Vierzehn Jahre alt verheirathete sich Anna Melanchthon mit Georg Sabinus, früher Schüler des Philippus, später ein Gelehrter und berühmter lateinischer Dichter. Dieser behandelte indeß seine Frau nicht gut, es war eine unglückliche Ehe, und Anna starb vor Gram. Viele Freude bereitete dem Reformator die zweite Tochter Magdalena, die sich neunzehn Jahre alt mit dem Arzt Dr. Peucer vermählte, der später Leibarzt des Kurfürsten von Sachsen wurde. Von ihren zehn Kindern wurden viele in Melanchthon’s Hause erzogen, wie auch Anna’s Kinder daselbst die Erziehung genossen. Als Anhänger des Calvinismus schmachtete Peucer zwölf Jahre lang im Kerker. – Nachkommen von diesem Arzt Peucer und dessen Frau, also aus weiblicher Linie Melanchthon’s, leben noch mehrere, z. B. in Weimar.

Wie ein Kind wurde von Philippus auch sein treuer Diener Johann, ein gutmüthiger Schwabe, gehalten, der 34 Jahre lang Melanchthon’s Wirthschaft führte und dem die ganze Familie das größte Vertrauen schenkte. Wenn Melanchthon auf Reisen war, so schrieb er an ihn lateinische Briefe. Wir sehen daraus, wie aus dem ferneren Umstande, daß er Melanchthon’s Kinder unterrichtete und Predigten las, daß Johann ein nicht ungebildeter Mann, also wohl mehr ein Famulus war, wie sie die Gelehrten früher hatten.

Melanchthon hatte in seinem Hause zehn Jahre lang auch noch eine Erziehungsanstalt, die er theils aus Liebe zur Jugendbildung, theils um seines Unterhaltes willen errichtete. Wie sorglich er mit seinen Schülern war, beweist ein Brief, in welchem er dem Vater eines Zöglings schreibt, er solle nur fünf Thaler schicken, er wolle schon sorgen, daß der Sohn damit auskomme. Viele dieser Schüler aßen mit an seinem Tische. Einer derselben, der „poetische König“ genannt, führte bei der Mahlzeit den Vorsitz, nämlich der, welcher in der vorher gehaltenen Versammlung das schönste Gedicht geliefert; einen andern erwählte Melanchthon als „König des Hauses“ zur Aufsicht. Melanchthon befaßte sich viel mit diesen Jünglingen, ging mit ihnen aus, ließ sie in seinem Hause vor eingeladenen Gästen lateinische und griechische Theaterstücke aufführen, die Melanchthon mit einem Prolog einleitete. – – –

So groß Melanchthon als Reformator der Kirche, der Schule und der Wissenschaften dastand, und so erhaben er über seine Zeit war, so war er doch nicht ganz frei von den Vorurtheilen derselben. Er glaubte steif und fest an einen persönlichen Teufel und an die Sterndeuterei. Sein Schicksal las er, wie Wallenstein, in den Sternen. Mit Luther fuhr er einst auf einfachem Wägelchen, auf das einige Bündel Stroh gelegt sind, an einem tiefen Abhange vorbei. „Philippe! wie sehr müßte sich doch,“ sprach Luther, „der Teufel freuen, wenn er uns hinunter stürzte und uns den Hals bräche!“ Lächelnd stimmte Melanchthon bei.

Auf einer Reise von Leipzig nach Wittenberg zurück zog sich M. Philipp 1560 ein Fieber zu. Obwohl Melanchthon anfangs von der Krankheit sich nicht ganz niederwerfen ließ und noch mehrere seine gewohnten Arbeiten erledigte, so vermuthete er doch sein Ende, auch die Constellation der Gestirne schien ihm dies zu verkünden. Als die Schwäche sich mehrte, sagte er zu seinem Freunde Camerarius, der von Leipzig zu ihm beschieden worden war: „Ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“[WS 1] Da am 17. April vorübergehende Besserung eingetreten war, ritt Camerarius wieder nach Leipzig zurück. Beide sahen sich nicht wieder. Die Krankheit des Magisters verschlimmerte sich. In der Nähe seines Bettes hing eine große Landkarte, welche er fleißig betrachtete. Da drehte er sich um und sagte mit lächelnder Miene: „Virgundus hat mir einmal aus der Sternguckerkunst prophezeit, ich werde Schiffbruch leiden auf der See; jetzt bin ich nicht weit davon.“ Er verstand [8] darunter die gemalte See auf der Landkarte. Da seine Kräfte mehr und mehr schwanden, ließ er sich am 18. April auf seiner Studirstube ein Reisebett aufschlagen. Im Hineinlegen sagte er: „Das heißt ein Reisebett, wie, wenn ich darin abreisen müßte?“ – Er segnete darauf seine Enkel und seine Tochter, bestellte sein Haus und befahl Gott seine Seele. Am 19. brach sein Todestag an. Seine letzte Sorge war nur noch die Eintracht der Kirche. Auf die Frage Dr. Peucer’s, ob er noch etwas verlange, erwiderte er: „Nichts, als den Himmel!“ – Als Melanchthon im Todeskampfe lag, beteten Professoren und Studenten, und alle Bürger Wittenbergs trauerten.

Abends kurz vor 7 Uhr hatte er geendet und gesiegt. Noch im Tode küßten und liebkosten viele Bewohner Wittenbergs das theure Haupt, und bei seinem Begräbniß, am 21. April, sah man kein Auge thränenleer.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Phil. 1, 23.