Melpomene/Band 1/016 Bei dem Grabe eines Mannes, der mit einem Regenschirm erstochen wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 76–83
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[76]

16. Bei dem Grabe eines Mannes, der mit einem Regenschirm erstochen wurde.

Melod. III.

1. Hier schlummert eines Mannes Leiche,
Und modert in der Todtenbahr,
Der selbst durch seine bösen Streiche
Die Ursach seines Todes war.
Er war der Trunkenheit ergeben
Der Spötterey und Händelsucht,
So ward von seinem bösen Leben
Sein früher Tod die böse Frucht.
[77]
2. Er wollte dennoch sich vermählen,
Und suchte eines Mädchens Hand,
Allein er mußte lange wählen,
Bis er das Unglücksopfer fand:
Denn wo man seine Bosheit kannte,
Da war vergeben seine Wahl,
Er kam, als er sich weiter wandte,
Zuletzt ins schöne Illerthal.

3. Da fand er nun ein schönes Mädchen
Von schlankem Wuchs und schwarzem Haar,
Das fleißig, wie am Spinnerädchen,
In jedem Hausgeschäfte war;
Besonders war in ihrer Jugend
Sie voll der Eingezogenheit,
Und weihte sich der wahren Tugend
In unbefleckter Reinigkeit.

4. Sie hoffte nun ihr Glück zu machen
Mit diesem Mann im Ehestand,
Doch ihrer Hoffnung Stützen brachen
Nachdem sie sich mit ihm verband;
Er wallte nach gewohnter Weise
Beständig auf der Lasterbahn,
Genoß zu viel von Trank und Speise,
Und fieng mit andern Händel an.

5. Zwar wollte ihn sein Weib bekehren,
Allein er gab ihr kein Gehör,
Verloren waren ihre Lehren;
Und ach! wie fiel es ihr so schwer!
[78] Denn als sie öfter dessetwegen
Ihn doch um seine Bessrung bath,
So wurde sie mit vielen Schlägen
Mißhandelt für den guten Rath.

6. Sie mußte nun geduldig leiden,
Was nimmermehr zu ändern war,
Um seine Schläge zu vermeiden,
Und jede tödtliche Gefahr;
Sie schwieg daher zu der Verblendung,
Die seinen Seelenblick umfieng,
Und zu der thörichten Verschwendung,
In der ihr Wohlstand untergieng,

7. Sie weinte bitter manche Stunden
Und Niemand weinte tröstend mit,
Und immer bluteten die Wunden,
Woran ihr armes Herze litt;
Denn ach! sie klagte ihre Schmerzen
Vertrauenvoll nur Gott allein,
Und wagte keinem andern Herzen
Zu klagen ihrer Seele Pein.

8. Sie konnte keine Stund mehr schlafen,
Und die Verdauung war gestört,
Und durch die Leiden, die sie trafen,
Ward ihr so starker Leib verzehrt:
Denn ach! es kam in ihre Seele
Kein sanfter Hoffnungstrahl zurück,
Und in der ausgeweinten Höhle
Versank ihr düstrer Thränenblick.
[79]
9. So lag sie einmal ohne Schlummer
Die ganze Nacht im höchsten Schmerz,
Und wie ein Wurm zerfraß der Kummer
Ohn’ Unterlaß ihr armes Herz;
Der Mann war wieder ausgeblieben,
Wie öfter schon, die ganze Nacht,
Um besser ihre Furcht zu üben
Vor einer derben Schlägetracht.

10. Es schwand die Nacht, es kam der Morgen,
Allein der Mann kam nicht zurück;
Da sah mit ahnungvollen Sorgen
Entgegen ihm ihr Jammerblick.
Sie fieng nun ängstlich an zu beben,
So lange blieb er niemal aus;
Es ward ihr bange für sein Leben:
Sie suchte ihn von Haus zu Haus.

11. Sie fragte seine Spießgesellen:
Wo doch ihr Mann geblieben sey,
Die unverholen ihr erzählen
Von einer kleinen Schlägerey,
Die unter Wegs sich zugetragen,
Veranlaßt durch Betrug im Spiel,
Und wie er, weil er sie geschlagen,
Durch einen Stoß zu Boden fiel.

12. Er sey bald wieder aufgestanden,
Hab zu verfolgen sie gesucht,
Sie aber nimmermehr zu Handen
Bekommen auf der schnellen Flucht.
[80] Sie konnten es beinah nicht fassen,
Daß er nicht heim gekommen sey;
Er werde leicht sich finden lassen,
Und standen ihr beim Suchen bei.

13. Sie suchten ihn den ganzen Morgen,
Und fanden ihn am Nachmittag
In eines Waldes Nacht verborgen,
Wo er an einem Stumpen lag.
Doch welch ein Anblick! Blut entstellte
Das schwer verwundete Gesicht,
Und zu der Schmerzensqual gesellte
Sich Mangel an Verstandeslicht.

14. Man säumte nicht, ihn heimzutragen,
Und rief sogleich den Arzt herbei,
Der nicht ermangelte, zu sagen:
Daß tödtlich er verwundet sey.
Man brauchte zwar der Mittel viele,
Um zu entfernen die Gefahr,
Allein sie führten nicht zum Ziele,
Weil sein Gehirn verletzet war.

15. Er wurde von der Wuth der Schmerzen
In seinem schwer verletzten Haupt,
Im Kampfe mit gesundem Herzen
Der Rettungshoffnung ganz beraubt:
Denn leider nahm die Hirnentzündung
Unwiderstehlich überhand,
Wodurch am Ende die Verbindung
Der Seele mit dem Leib verschwand.
[81]
16. So starb der Mann an seinen Wunden,
In seiner beßten Lebenskraft,
Und hatte seinen Tod gefunden
Im Sturme wilder Leidenschaft;
Denn hätte er nach Lib’ und Frieden,
Wie Jesus uns befiehlt, gestrebt,
So hätte er vielleicht hienieden
Noch fünfzig Jahre lang gelebt.

17. Man untersuchte die Geschichte,
Und fand das Übel unheilbar,
Weil ihm die Wunde im Gesichte
Bis ins Gehirn gedrungen war;
Sein Gegner hatte in der Hitze
Des Streites ihm, ganz unbedacht,
Mit harter Regenschirmes Spitze
Die Todeswunde beigebracht.

18. So geht es öfter bei Gesellen
Der Sauf- und Spiel- und Händelsucht
Und öfter ist, wie bei Duellen,
Der Tod hievon die böse Frucht;
Drum hüte dich vor diesen Fehlern,
Und meide Spiel und Trunkenheit,
Entziehe vielmehr deinen Quälern
Durch Fliehen die Gelegenheit.

19. Befolge treulich Jesu Lehren,
Und biethe, schlägt man dich sogar
Ins Angesicht, statt dich zu wehren,
Es nocheinmal zum Streiche dar;
[82] Verzeih die Unbild deinen Brüdern,
Neun hundert neun und neunzigmal,
Anstatt dieselbe zu erwiedern
Durch eine noch so große Qual.

20. Und will mit dir dein Bruder rechten
Um deinen Rock, so sei bereit,
Anstatt mit ihm darum zu fechten,
Zu geben ihm dein Oberkleid:
Dann seydt ihr eures Vaters Kinder;
Er läßt den milden Sonnenschein
Und Regen dem verstockten Sünder,
Wie dem Gerechten angedeihn.

21. Ja, liebe wie dich selbst den Nächsten,
Verzeih dem Feinde seine Schuld;
Lieb über Alles Gott den Höchsten,
Dann wird dir seine Gnad und Huld;
Dann kannst Du hoffnungvoll erblassen,
Und froh dem Tod entgegensehn,
Gott wird dir deine Schuld erlassen,
Und ewig dich begnadigen.

22. Allein was kann ein Sünder hoffen,
Der immer sich zu rächen sucht?
Er wird, wenn ihn der Tod getroffen,
Bei Gottes Richterstuhl verflucht:
Hinweg von mir, Vermaledeiter!
So ruft ihm Gott im Grimme zu,
Du bist als unversöhnter Streiter
Beraubt der ewig wahren Ruh.
[83]
23. Jedoch, wir wollen nicht verdammen
Den armen Bruder hier im Grab,
Und hoffen: daß der Hölle Flammen
Gott ihn zur Straf nicht übergab:
Wir wollen vielmehr für ihn bethen,
Daß Gott ihm eine Schuld verzeih,
Und ihn von jeder Qual zu retten
Voll Gnad und Huld bereitet sey.

24. Sein Unglück aber soll uns lehren,
Stets gegen Feinde mild zu seyn,
Und wenn wir schwer beleidigt wären,
Denselben dennoch zu verzeihn,
Und nur durch Wohlthun uns zu rächen
An unseren Beleidigern,
Dann wird einst unser Richter sprechen:
Geh in die Freude deines Herrn!