Melpomene/Band 1/023 Bey dem Grabe eines Kindes, das von seinem Vater erstochen wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 103–108
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[103]
23. Bey dem Grabe eines Kindes, das von seinem Vater erstochen wurde.

Melod. IV.

1. In diesem Grabe modert
Ein unschuldvolles Kind,
Vom Tode abgefodert,
Weil Eltern thöricht sind.

2. Es war ein holder Knabe,
Und voll der Munterkeit
Und hatte auf dem Stabe
Zu reiten seine Freud.
[104]
3. Er war im Flügelkleide
Der Eltern höchste Lust,
Sie drückten ihn mit Freude
An die entzückte Brust.

4. Deswegen nahm der Vater
Den Liebling immer mit,
Und leider! dieses that er
Beim Fahren wie beim Ritt.

5. Er ließ ihn fahren, reiten
Ins Feld und dann zurück
Nicht, ohne stets zu leiten
Auf ihn den Sorgenblick.

6. So fuhr er einst ins Futter,
Woran er Mangel litt;
Da sprach zu ihm die Mutter:
Nimm doch das Büble mit.

7. Er that es ohne Zagen
Gehorsam seinem Weib,
Und setzte auf den Wagen
Das Kind zum Zeitvertreib.

8. Dann fieng er an zu mähen
Den Klee vom Thaue schwer;
Der Knabe blieb nicht stehen,
Und hüpfte hin und her.

9. Dann legte er sich nieder
Ermüdet in die Ruh,
Und schloß die Augenlieder
In sanftem Schlummer zu.
[105]
10. Der Vater sah ihn liegen
Im Schlafe hingestreckt,
Und hatte vor den Fliegen
Mit Klee ihn zugedeckt.

11. Dann fuhr er fort zu mähen
Auf sein Geschäft bedacht,
Und ließ, was bald geschehen,
Den Liebling ausser Acht;

12. Und hatte so indessen,
In seinem Leichtsinn da,
Das arme Kind vergessen,
Weil er es nicht mehr sah.

13. Dann lud er auf den Wagen
Den abgemähten Klee,
Und stach in seine Lagen
Den Dreizack ein – oh weh!

14. Denn jetzt durchfuhr die Gabel
Das Kind mit Klee bedeckt,
Er hatte es beim Nabel
Mit selber angesteckt.

15. Das Kind begann zu grillen,
Durchbohrt vom Gabelstich,
Und plötzlich zu verstillen
Indem sein Aug verblich.

16. Man denke sich den Schrecken
Des Vaters, als er da
Es an der Gabel stecken,
Und so verbluten sah.
[106]
17. Er zog die Gabel plötzlich
Aus dem durchbohrten Bauch;
Doch schon war unersetzlich
Des Kindes letzter Hauch.

18. Er nahm die blut’ge Leiche
Mit Zittern auf den Arm,
Und sah, wie sie erbleiche,
Und schrie: daß Gott erbarm!

19. Allein, da half kein Schreyen,
Die Reue kam zu spat,
Er kann sich nicht verzeihen,
Was er aus Leichtsinn that.

20. Und erst der Mutter Klagen,
Als er nach Hause kam,
Die Leiche auf dem Wagen,
Und ganz in Thränen schwam.

21. Sie las die Mordgeschichte
Von ihrem Kinde schon
In seinem Angesichte
Und seinem Klageton.

22. Sie schrie: was ist geschehen?
Was hast du doch gethan?
Und wollte fast vergehen
Und fieng zu heulen an.

23. Er schluchzete: der Knabe
Hat sich mit Klee bedeckt;
Ich wußt es nicht, und habe
Ihn grausam angesteckt.
[107]
24. Unsäglich ist mein Jammer
Bei diesem Mißgeschick.
Sie aber schrie: Grausamer!
Gieb mir das Kind zurück.

25. Sie wollte ihn zerreissen,
Er aber sprach zu ihr:
Du hast michs ja geheissen:
Nimm doch das Kind mit dir.

26. Glaub sicherlich, ich habe
Es nicht mit Fleiß gethan;
Getödtet ist der Knabe,
Auch du bist Schuld daran.

27. So werfen sie tagtäglich
Sich vor des Kindes Tod,
Und ach! es ist unsäglich
Die Grösse ihrer Noth.

28. So bringet oft ein blinder
Gedankenloser Sinn
Der Eltern ihre Kinder
Dem Tod zum Opfer hin.

29. Versagt daher den Kleinen,
O Eltern! ihre Bitt,
Und nehmt, auch wenn sie weinen,
Sie nie zur Arbeit mit.

30. Sie müßen euch nur hindern,
Ihr laßt sie außer Acht,
Und dieses hat den Kindern
Schon oft den Tod gebracht.
[108]
31. Der Leichtsinn ist vermessen,
Die Reue nach der That,
Das müßt ihr nie vergessen,
Kommt allemal zu spat.

32. Bedenkt, daß Gott die Kinder
Zur Pfleg euch übergab,
Und stürtzt sie nicht in blinder
Vergessenheit ins Grab.

33. Sorgt immer für ihr Leben,
Und ihren Unschuldsinn,
Und leitet ihr Bestreben
Zur wahren Tugend hin.

34. Dann stehen sie im Bunde
Mit Gottes Vaterhuld,
Und gehen nicht zu Grunde
Durch eure eigne Schuld.

35. Dann wird, wenn sie erblassen
In Todes kalter Hand,
Sie Jesus kommen lassen
Ins wahre Vaterland.