Melpomene/Band 1/025 Bei dem Grabe eines Kindes, das in einen südenden Kessel fiel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< 025 Bei dem Grabe eines Kindes, das in einen südenden Kessel fiel >>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 113–117
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
Jung Melpomene 1113.jpg
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe

[113]

25. Bei dem Grabe eines Kindes, das in einen südenden Kessel fiel.

Melod. VII.

1. Hier liegt ein hoffnungvoller Knabe,
Er starb als unschuldvolles Kind.[1]
So gehet manches Kind zu Grabe,
Weil Eltern unvorsichtig sind.
Schon in der Kindheit erstem Kleide
War es der Eltern größte Freude,
Als ihrer Liebe erste Frucht;
Sie haben nur für es zu leben,
Und es zum Glücke zu erheben,
Und so sein wahres Heil gesucht.

2. Doch leider! bei dem beßten Willen
Ist oft der Eltern Liebe blind,
Da ihre Pflichten zu erfüllen
Sie manchmal gar nicht thätig sind;
[114] Sie sind voll Leichtsinn und Verblendung
Bei aller Sorgfalt und Verwendung
Für ihrer Kinder Wohlergehn;
Denn durch ihr kleinlichtes Versehen
Ists öfter um ein Kind geschehen,
Wie wir aus diesem Beispiel sehn.

3. Die Affen lieben ihre Kinder,
Und drücken sie aus Liebe todt,
Allein ihr Trieb ist nur ein blinder
Sie kennen nicht Gefahr und Noth:
So ist es nicht bei Menschenkindern;
Die Eltern sollen das verhindern,
Was ihren Kindern schaden kann:
Allein sie sind zu träg zum Denken,
Und ihre Handlungen zu lenken
Nach der Erziehung weisem Plan.

4. So gieng es diesem armen Kinde
Durch seiner Mutter leichten Sinn;
Man sollte der Verblendung Binde
Von ihren blöden Augen ziehn:
Allein anstatt ihr Kind zu pflegen,
Und es in Sicherheit zu legen,
Nahm sie es zu der Arbeit mit;
Es mußte also sie verhindern,
Und ihre Achtsamkeit vermindern,
Bei einem jeden Schritt und Tritt.

5. So nahm sie einmal aus dem Sessel
Den theuren Liebling auf den Arm,
Und gieng mit ihm zu einem Kessel
Gefüllt mit Wasser siedend warm:
[115] Allein sie brauchte beide Hände,
Und setzte ihn zu diesem Ende
Auf schmalem Kesselrande hin,
Und gieng ein wenig auf die Seite,
Damit sie noch etwas bereite,
Und ließ das Kind aus ihrem Sinn.

6. Nun regte sich der muntre Knabe,
Er konnte ja nicht ruhig seyn,
Am Rand von seinem heissen Grabe,
Und stürzte umgekehrt hinein.
Die Mutter hörte in der Nähe
Den Fall und dachte: was geschehe:
Und was im Kessel so gethan!
Und sprang herbei um nachzuschauen,
Und traf voll Beben, Angst und Grauen
Im Kessel ihren Liebling an.

7. Bei diesem Anblick fuhr der Schrecken
Als wie ein Schwerdt durch ihre Brust,
Ihr Athem blieb im Halse stecken;
Sie stand betäubt und unbewußt.
Sie zog jedoch ganz unwillkührlich,
Denn dieses ist ja ganz natürlich,
Den Liebling aus dem Sutt heraus;
Er lebte zwar noch einge Stunden,
Allein am ganzen Leib geschunden,
Und hauchte dann das Leben aus.

8. Da liegt er nun in ihren Armen,
Doch ohne alle Hoffnung todt;
Sie rief den Himmel um Erbarmen
Und Rettung an in ihrer Noth:
[116] Allein die Arme schrie vergebens
Um Rettung ihres Kindes Lebens,
Des Himmels Ohren blieben taub,
Das Kind, gesotten und geschunden,
War rettungslos für sie verschwunden,
Und ist und bleibt des Todes Raub.

9. Nun leidet sie die schwerste Strafe
Für ihre Unvorsichtigkeit;
Ihr Liebling schreckt sie auf im Schlafe,
Und raubt ihr jede Lebensfreud;
Sie sieht ihn Tag und Nacht geschunden;
Und welche Leiden sie empfunden,
Seit sie verlor den zweiten Veit,
Das kann kein Menschenherz empfinden,
Denn alle andre Leiden finden
Doch ihre Lindrung in der Zeit.

10. Gebt also immer Acht, ihr Eltern!
Wenn euch die Kindeslieb durchdringt,
Damit euch ja in den Behältern
Des Wassers nie ein Kind versinkt.
Ihr müßt für eurer Kinder Leben
Dem strengen Richter Antwort geben,
Dem Richter ohne Gnad und Huld;
Doch sorget mehr für ihre Seelen,
Denn wenn sie einst im Himmel fehlen,
So ists gewöhnlich eure Schuld.

11. Verwahret sie vor jeder Sünde,
Die ewig ins Verderben stürtzt;
Denn besser wäre es dem Kinde,
Sein Leben würde abgekürtzt,
[117] Als daß es einst in Sünden sterbe,
Und so an Leib und Seel verderbe,
Es hätte besser nie gelebt;
Bewahret also von der Jugend
Bis in das Alter ihre Tugend,
Die sie zur Seligkeit erhebt.

12. Doch tröstet euch, wenn ihr unschuldig
An ihrem Tode seyd, und denkt:
Ich leide ihren Tod geduldig,
Gott hat ihr Schicksal so gelenkt;
Und wenn in Unschuld sie vollenden,
So denkt: sie sind in Gottes Händen,
Und dort in jenen selgen Höhn,
Dort werdet ihr sie wieder finden,
Wenn ihr gestorben ohne Sünden,
Dort werdet ihr sie wieder sehn.

Anmerkungen (Wikisource)

Jungs Errata (Bd. 2, S. 293) wurden in den Text eingearbeitet.

  1. korrigiert, Vorlage: „Kin“