Melpomene/Band 1/041 Bei dem Grabe eines Mannes, der in einer Mörgelgrube ums Leben kam

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 160–165
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[160]

41. Bei dem Grabe eines Mannes, der in einer Mörgelgrube ums Leben kam.

Melod. III.

1. Hier schloß ein Mann sein junges Leben,
Getroffen von des Todes Hand,
Weil er sich in Gefahr begeben,
Die offen ihm vor Augen stand.
Er wollte nemlich Mörgel graben
Aus einem tiefen Erdenschacht,
Und eh wir es vermuthet haben,
Verschließt ihn schon die Grabesnacht.

2. Es war an einem Frühlingsmorgen,
Als er sich in den Schacht begab,
Er stieg hinab ohn’ alle Sorgen,
Und dachte nicht an Tod und Grab:
Und dennoch ward er von der Höhe
Von einem Kiesesturtz bedroht,
Und die Gefahr war in der Nähe,
Und ach! er fand in ihr den Tod.

3. Es hiengen zwar die Kieselsteine
Zusamen durch der Kälte Kraft,
Allein am warmen Sonnenschein
Zerschmolz des Eises kühler Saft,
Und schon began herabzurollen
[161] So manches Häufchen Stein und Sand,
Und hätte deutlich warnen sollen
Den Mann, der in der Tiefe stand.

4. Doch jede Warnung war vergeben,
Er traute blindlings der Gefahr,
In der doch offenbar sein Leben,
Das höchste Gut der Erde, war:
Denn plötzlich stürzte das Gerölle
Herab wohl tausend Zentner schwer,
Und von dem Mann war auf der Stelle
Auch nicht ein Haar zu sehen mehr.

5. So ward lebendig er begraben
Von einem Haufen Sand und Kies;
Er wollte es nicht besser haben,
Weil er sich ja nicht warnen ließ;
Er hätte doch vermuthen sollen:
Wie leicht kann itzt auf mich herab
Die Masse dieser Steine rollen,
Und mich bedecken wie das Grab.

6. Er hatte ja als kleiner Bube
Schon oft gehört von der Gefahr,
Wo Mancher in der Mörgelgrube
Lebendig schon begraben war:
Doch die Begierde, zu gewinnen
Durch Mörgeln auf dem Feldergrund,
Ließ dessen ihn sich nicht entsinnen
In der gefahrenvollen Stund.

7. So gehts: wer die Gefahren liebet,
Und taub ist vor der Warnung Mund,
[162] Und thöricht sich darein begiebet,
Der geht gewiß darin zu Grund.
Man könnte leicht die Meinung schöpfen
An dieses Mannes Grabesrand:
Es fehle solchen Menschenköpfen
Sogar an menschlichem Verstand:

8. Denn offenbar sein Leben wagen
Um einen kleinlichen Gewinn,
Und sich dem Tod entgegen tragen,
Ist Mangel an gesundem Sinn.
Wir wollen also voll der Liebe
Vermuthen, daß aus Unverstand,
Und von der Habsucht blindem Triebe
Geblendet, er sein Ende fand.

9. Indessen gieng die Schreckenskunde
Von diesem großem Unglücksfall
Im Dorf herum von Mund zu Munde
In tausendfachem Wiederhall:
Die Mörgelgrub ist eingefallen,
Und hat den Riedbaur zugedeckt,
So hört man durch die Luft erschallen,
Was jedes Herz mit Angst bewegt.

10. Man eilte, ihn herauszugraben
Aus tiefem Schutt von Sand und Kies,
Zwar ohne einen Trost zu haben:
Daß er sich lebend finden ließ,
Doch wollte man die Hoffnung nähren,
Und lauschte mit gespitztem Ohr,
Und glaubte ein Gestön zu hören,
Das aber wieder sich verlor.
[163]
11. Man grub daher mit aller Schnelle,
Es war Gefahr auf dem Verzug,
Als plötzlich aus dem Kiesgerölle
Ein Seufzer an die Ohren schlug.
Auf einmal sah man, welche Freude!
Das End von seinem Schaufelstiel,
Wobei noch was von seinem Kleide
In die entzückten Augen fiel.

12. Er lebte noch, und konnte schnaufen
Am Zugang frischer Lebenslust!
Man zog ihn aus dem Schutteshaufen
Lebendig aus der Todtengruft.
Doch welch ein Anblick! Todesblässe
Umzog den starren Thränenblick,
Und in die leeren Blutgefässe
Kam kein Ersatz von Blut zurück.

13. Der ganze Leib war wie geschunden
Und oft gebrochen Arm und Bein,
Und alle Hoffnung war verschwunden:
Er möchte noch zu retten seyn;
Das Blut entquoll den vielen Wunden,
Wovon sein Leib zerfleischet war,
Vergebens wurden sie verbunden,
Sie bluteten doch immerdar.

14. Er wurde sanft nach Haus getragen,
Entkleidet und ins Bett gelegt,
Und unter namenlosen Klagen
Nach aller Möglichkeit verpflegt:
Doch alle Pflege war vergebens,
[164] Er röchelte den Todeston;
Es kam das Ende seines Lebens,
Und seine Seele floh davon.

15. Und ach! wie jammern Weib und Kinder
Bei seinem unverhofften Grab!
Denn ach! gebrochen ist geschwinder,
Als sie gedacht, ihr Hoffnungstab.
Wenn sie die Mörgelgrube sehen,
Gehts ihnen wie ein Stich ins Herz;
Allein geschehen bleibt geschehen,
Und nichts versüsset ihren Schmerz.

16. Dieß Unglück soll uns Vorsicht lehren
Bei jeder möglichen Gefahr,
Und will uns falscher Schein bethören,
So denkt: es bleibet ewig wahr:
Wer blindlings den Gefahren trauet,
Und jede Warnung stolz verschmäht,
Der hat sein Heil auf Sand gebauet,
Wo sein Gebäu zu Grunde geht.

17. Nun ruhe sanft in deinem Grabe,
Du armer, unglückvoller Mann!
O daß dir Gott verziehen habe,
Was du aus Eigennutz gethan.
Wir wollen stets zum Himmel flehen
Für deiner armen Seele Heil:
O würde doch in jenen Höhen
Dir bald die Seligkeit zu Theil.

18. Dein Todfall aber soll uns lehren:
Beständig auf der Hut zu seyn,
[165] Und nie die Ordnung zu verkehren,
Dem Mittel nie den Zweck zu weihn;
Besonders aber den Gefahren
Der Tugend weniger zu traun,
Um einstens mit den Engelschaaren
Gott ewig selig anzuschaun.

Anmerkungen (Wikisource)

Jungs Errata (Bd. 2, S. 294) wurden in den Text eingearbeitet.

Mergel, ein Sedimentgestein aus Ton und Kalk, ist ein Grundstoff für die Zementherstellung.