Melpomene/Band 1/045 Bei dem Grabe eines Invaliden

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 171–173
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[171]

45. Bei dem Grabe eines Invaliden.

Melod. II.

1. Hier stehen wir in tiefer Trauer
An unsres armen Bruders Grab,
Und fühlen kalte Todesschauer,
Und sehen ahnungvoll hinab;
Denn es bedeckt in kurzer Zeit
Auch uns des Grabes Dunkelheit.

2. Denn was ist unser Erdenleben?
Ein dumpfer Schlaf, ein eitler Traum,
[172] Und wenn wir auch in Wonne schweben,
So ist es nur ein leerer Schaum,
Und unsre größte Lebenszeit
Ist Leiden, Schmerz und Eitelkeit.

3. Dieß hat der Bruder hier erfahren
Durch seine ganze Lebenszeit,
Denn alle seine Tage waren
Nur Elend, Schmerz und Bitterkeit,
Und erst im Grabe fand, Gott Lob!
Die wahre Ruh der zweite Job.

4. Als Jüngling ward er ausgehoben
Zum schweren Dienst im blut’gen Krieg,
Wo Mord und Tod wie Stürme toben;
Da ward ihm heisser Kampf und Sieg;
Und schmähliche Gefangenschaft
Verzehrte seine Lebenskraft.

5. Voll Hoffnung kehrte er zurücke
Als Invalid ins Vaterland,
Wo er statt dem verdienten Glücke
Nur Armuth, Noth und Leiden fand;
Er trug vier Groschen Tageslohn
Für sich und Weib und Kind davon.

6. Da schwand der Rest von seinen Kräften
Aus seiner sonst so starken Brust,
Und unter ganz verdorbnen Säften
Verlor er jede Lebenslust.
So nahm das Übel überhand,
Bis ein Geschwür im Fuß entstand.
[173]
7. Oft wühlte zwar des Arztes Messer
In seinem schmerzdurchglüten Fuß,
Allein es wurde doch nicht besser
Und immer blieb der Eiterfluß;
Es fehlte ihm gesundes Blut,
Und immer stieg der Schmerzen Wuth.

8. So zehrte bis auf Haut und Knochen
Sein Körper ab in Qual und Schmerz,
Und von des Todes Pfeil durchstochen
Brach langsam nur sein Felsenherz,
Daß acht und vierzig Stunden lang
Er heftig mit dem Tode rang.

9. Doch litt er alle diese Schmerzen
Mit unerschöpflicher Geduld,
Bereute mit zerknirschtem Herzen
Noch seine große Sündenschuld,
Und trat in höchster Zuversicht
Vor Gottes heil’ges Angesicht.

10. Und sicher fand er nun dort oben
Bei Gottes Thron Barmherzigkeit,
Und wird nun seinen Schöpfer loben
In ewig namenloser Freud,
Die auch für dich, o wahrer Christ!
Nach deinem Tod bereitet ist.