Melpomene/Band 1/064 Bei dem Grabe eines Mannes, der in Betrunkenheit erfror

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 212–218
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[212]

64. Bei dem Grabe eines Mannes, der in Betrunkenheit erfror.

Melod. I.

1. Schon seit dem ersten Februar
War eine solche Kälte,
Daß sie den Blutumlauf sogar
In vielen Adern stellte;
Sie stieg am Kältemesserstab
[213] Auf sechs und zwanzig Grad hinab,
Wie Jedermann bekannt ist.

2. Da hatten viele Händ und Füß,
Und Nase, Mund und Ohren,
Sogar das Leben selbst, wie dieß
Erfahrung lehrt, verloren,
Da suchte Jedermann das Feur;
Wie war die Wärme da so theur,
Wie nöthig Bett und Kleider!

3. Wer also konnte, blieb zu Haus
Beim warmen Ofen sitzen,
Und gieng nicht in die Luft hinaus,
Sich vor dem Frost zu schützen,
Und war besonders bei der Nacht
Auf eine warme Ruh bedacht,
Die er im Bette suchte.

4. Nicht so, der hier im Grabe ruht:
Er suchte in der Schenke
Zu widerstehn der Kälte Wuth
Durch geistige Getränke;
Genoß jedoch von diesem Saft
So viel, daß seiner Füsse Kraft
Ihn kaum noch tragen konnte.

5. Doch wollte er bei Nacht allein
Berauscht nach Hause gehen,
Und konnte, voll vom Brantewein,
Beinahe nicht mehr stehen:
Der Wirth jedoch, besorgt für ihn,
Sah weislich nach, ob wohl dahin
Er glücklich kommen werde.
[214]
6. Allein anstatt nach Haus zu gehn,
Gieng er zum andern Wirthe,
Wohin, was öfter schon geschehn,
Der Kirschengeist ihn führte,
Und fiel gleich mit der Thür ins Haus
Erschrocken sprang der Wirth heraus,
Zu sehen, was es gebe.

7. Da lag er nun der Länge nach,
Und ohne sich zu regen,
Und statterte: ich bin so schwach,
Und muß mich niederlegen,
Man half ihm also wieder auf,
Und unterstützte seinen Lauf
Bis in die warme Stube.

8. Ihr wißt, so lallte er; ich hab’s
Schon lang so in den Füssen,
Und werde wohl durch einen Schnaps
Mich wieder stärken müssen;
Und setzte sich am nächsten Tisch,
Und soff aufs neue, wie ein Fisch,
Vom besten Kirschenwasser.

9. Sein Weib mit ihren Kindern war
Zu Haus in größten Sorgen,
Denn öfter blieb er ja sogar
Im Wirthshaus, bis am Morgen;
Sie kam und bath voll Zärtlichkeit:
Er möcht bei dieser Kälte heut
Mit ihr nach Hause gehen.

10. Was? ich? du Himmelsakrament!
So fieng er an zu fluchen;
[215] O daß ich dich zerreissen könnt!
Du wagst es mich zu suchen?
Du gehst mir auf der Stell nach Haus,
Sonst werf ich dich zur Thür hinaus,
Ich laß mir nichts befehlen.

11. So will ich, wenn du einmal gehst,
Dich doch nach Hause führen,
Damit du nicht zu Grunde gehst,
Du könntest leicht erfrieren,
Denn ach! es ist so grausam kalt.
So bath sie, und die Sorge malt
Sich ab in ihren Zügen.

12. Da stand er auf, und pakte sie,
Um sie hinauszuschmeissen,
Sie aber gab sich alle Müh,
Ihm wieder auszureissen,
Und hielt es heimzugehn für gut,
Um seiner oft erprobten Wuth
Im Rausche auszuweichen.

13. Er aber blieb, und soff dabei,
Das seine Augen glüten.
Es kam jedoch die Polizei,
Den Gästen abzubiethen;
Er taumelte betrunken fort,
Entschlossen, sich am Weibe dort
Für diese Schmach zu rächen.

14. So kam er fünfzig Schritte weit,
Und stürzte wackelnd nieder:
Da waren schon in kurzer Zeit
[216] Erfroren seine Glieder;
Das Blut gefror in seinem Lauf,
Und leider steht er nicht mehr auf,
Bis an dem jüngsten Tage.

15. So fand am frühen Morgen ihn
Der Both, und machte Lärmen.
Man kam, und wollte sich bemühn,
Ihn wieder zu erwärmen,
Doch blieb vergebens alle Müh,
Die strenge Kälte hatte sie
Zum Voraus schon vereitelt.

16. So hat der arme Trunkenbold
Im Rausch erfrieren müssen;
Er mußte seinen Sündensold
Mit seinem Leben büssen,
Und wird ihn dort in jener Welt,
Wo Gott ein strenges Urtheil fällt,
Auf ewig zahlen müssen.

17. Ein Säufer wird, wie Paulus spricht,
In seinen Sünden sterben,
Und nach dem Tode sicher nicht
Das Reich des Himmels erben,
So muß das schrecklichste Gericht
Der unbekehrte Bösewicht
In jener Welt bestehen.

18. Die arme Wittwe würde nie
So schmerzlich ihn beklagen,
Er hatte ja schon öfter sie
Beinahe todt geschlagen;
[217] Es ist ihr um sein Seelenheil,
Deswegen nimmt sie herzlich Theil
An seinem gähen Tode.

19. Und welche Hoffnung können wir
Für seine Seele nähren,
Als nur, er würde, wenn er hier
Noch lebte, sich bekehren;
So aber ist es schon zu spät,
Denn jeder Hoffnungstrahl vergeht
In der verscherzten Bußzeit.

20. Wir können nur von Liebe voll
Für seine Seele bethen:
Gott woll zu seinem ew’gen Wohl
Ihn vom Verderben retten,
Und durch das Feur der Reinigung
Doch endlich noch Begnadigung
Ihm angedeihen lassen. —

21. So folget der Betrunkenheit
Die Strafe auf dem Fuße,
Und raubet uns die nöth’ge Zeit
Zu einer wahren Buße,
Und wer dem Trunk ergeben ist
Und bleibt, der lebet nicht als Christ,
Und kann nicht selig werden.

22. Besonders ist der Brantewein
Zum Trunk nicht nur entbehrlich;
Er schläfert auch die Sinne ein,
Und wird dadurch gefährlich,
[218] Er schwächt die Leib und Seelenkraft,
Und trocknet auf den Lebenssaft,
Anstatt ihn zu vermehren.

23. So laufen alle offenbar,
Die zu viel Brantwein trinken,
Und in die Kälte gehn, Gefahr,
Im Tode hin zu sinken;
Da schläfert sie der Brantewein,
Und so der Hauch des Todes ein,
Um nicht mehr zu erwachen.

24. Laßt uns daher das Giftgesäuf
Gebrannten Geists verachten,
Sonst macht es uns zum Tode reif,
Wo wirs am mindsten dachten,
Und künftig für den Durst allein
Nur weiß- und braunes Bier, und Wein
Mit Wasser, mässig trinken.

25. Hingegen wollen wir dafür,
Was wir zu viel genössen,
Dem armen Durst’gen Bruder hier
Als Labetrunk einflössen;
Dann wird am Ende dieser Zeit
Gott unsern Durst nach Seligkeit
Zum Lohn auf ewig stillen.