Melpomene/Band 1/076 Bei dem Grabe zweier Männer, die beim Schlittenfahren umkamen

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 237-244
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[237]

76. Bei dem Grabe zweier Männer, die beim Schlittenfahren umkamen.

Melod. I.

1. Dieß neugewölbte Grab verschließt
Zwo unverhoffte Leichen;
Und ach! dem grossen Unglück ist
Kein andres zu vergleichen,
[238] Das diese beiden Männer traf:
Sie mußten durch die Todesstraf
Für ihren Leichtsinn büssen.

2. Sie fuhren nemlich zum Gericht,
Ein Zeugniß abzugeben
Und voll der Lebenszuversicht
Dem nahen Tod entgegen,
Weil sie beim Fuhrwerk unbedacht
Auf ihre Sicherheit, nicht Acht
Genug gegeben hatten.

3. Es ließ der Hausknecht dummerweis
Zu lang die Hebekette,
Die sonst den Schlitten im Geleis
Der Bahn gehalten hätte;
Sie war daher um viel zu lang,
An Bergen den zu raschen Gang
Des Schlittens aufzuhalten.

4. Als nun des Schlittens rascher Zug
Sich nicht mehr halten liesse,
So schoß er plötzlich vor, und schlug
Das Pferd in seine Füsse.
Es schlug mit beiden Füssen aus,
Und bede fielen vorn heraus
Dem Pferdeschlag entgegen.

5. Dem einen wurde seine Stirn
Mit einem Streich zersplittert,
Dem andern aber das Gehirn
Im gähen Sturz erschüttert;
[239] Da lagen bede todesbleich,
Als hätte sie ein Donnerstreich
Zu Boden hin geschmettert.

6. Dann schlug den Schlitten im Karre
Das Pferd in tausend Stücke;
Sie flogen schwürrend in die Höh,
Und Alles blieb zurücke
Bis an die Deixel; diese schlug
Das Pferd bei seinem raschen Flug
Beständig in die Füsse.

7. So war es bis nach Aiterach[1]
In schnellster Flucht gegangen;
Da that es ganz erschöpft gemach,
Und ließ sich willig fangen,
Und stand mit seinem frommen Sinn
Als wie ein sanftes Lamm, und schien
Zu suchen seine Herren.

8. Aus dieses Pferdes Anblick war
Ganz deutlich zu ersehen:
Daß in des Klausestichs Gefahr
Ein Unglücksfall geschehen;
Man eilte schreckenvoll herbei:
Ob etwa noch zu helfen sey
Bei diesem Unglücksfalle.

9. Man sah die beiden Männer von
Der weiten Ferne liegen,
Und fand sie beide kämpfen schon
In ihren letzten Zügen;
[240] Sie röchelten den Todeston,
Und ihre armen Seelen flohn
Aus dem zerquetschten Hirne.

10. Man hatte ihnen also nicht
Mehr Hülfe leisten können,
Und wusch mit Schnee ihr Angesicht,
Sie besser zu erkennen;
Da zeigte dann der Augenschein:
Daß es bekannte Bauern seyn,
Nicht weit von Ochsenhausen.[2]

11. Man trug sie nun nach Aiterach
Auf starken Tannenzweigen,
Und sandte einen Bothen nach
Dem Amt, es anzuzeigen. —
Die Leichen wurden dann sezirt,
Und unermüdet nachgespürt
Dem Grund von diesem Unglück.

12. Man hatte bald im Hirn, dem Sitz
Des Lebens und der Seele,
Gefunden: daß bei vieler Hitz
Die weise Vorsicht fehle,
Und eine grosse Portion
Von Leichtsinn ihre Stelle schon
Von Kindheit an erfüllte.

13. Sonst hätten sie den Hebezug,
Noch eh sie aufgesessen
Und ob er kurz und lang genug
Zum Fahren sey, gemessen,
[241] Und keinem Knecht, von Leichtsinn voll,
Mit einem gleichen Leichtsinn, toll
Ihr Leben anvertrauet.

14. In jedem Falle wären sie
Schon an des Berges Höhe,
Damit in schneller Fahrt doch nie
Ein Unglücksfall entstehe,
Herabgestiegen, und bequem,
Denn auch das Gehn ist angenehm,
Den Berg hinab gegangen.

15. Dann würden beide sicherlich
Noch lange glücklich leben,
Das große Unglück hätte sich
Ganz sicher nicht ergeben,
Sie wären dann mit Sicherheit,
Zu ihrer Lieben größten Freud,
Nach Haus zurück gekommen.

16. Und welch ein Schrecken muß das Herz
Der Ihrigen durchzücken,
Wenn sie mit hoffnunglosem Schmerz
Den Leichenzug erblicken,
Der sie entseelt nach Hause bringt!
Denn ach! gleich einem Dolch durchdringt
Der Anblick ihre Herzen.

17. Sie stürtzen in der Leidenwuth
Sich hin auf ihre Leichen,
Um sie in einer heissen Fluth
Von Thränen einzuweichen,
[242] Umarmen sie verzweiflungvoll,
Und rufen auf zu Gott: er soll
Sie nocheinmal beleben.

18. Allein ihr blut’ger Thränenblick
Ist eitel und vergebens,
Ihr Klagen bringet nicht zurück
Den Funken ihres Lebens;
Zerschmettert ist und bleibt ihr Haupt,
Und jeder Lebensspur beraupt
Bis an dem jüngsten Tage.

19. Doch tröstet euch in eurem Leid,
Ihr Mütter! mit den Kindern;
Denn sicher wird im Lauf der Zeit
Gott eure Schmerzen lindern,
Und denkt: es fällt von unserm Haupt
Kein Härchen, wenn es nicht erlaubt
Der Herr des Tods und Lebens.

20. Es kann daher vielweniger
Ein Mensch im Tod erblassen,
Es habe denn es Gott der Herr
Mit Liebe zugelassen;
Und sicher hat sie Gottes Hand
Durch ihren gähen Tod ins Land
Der Seligkeit geführet.

21. Sie handelten doch jederzeit
Mit redlichem Gewissen
Obwohl durch Unvorsichtigkeit
Sie uns der Tod entrissen,
[243] Und hielten so durch Frömmigkeit
Sich stets zum guten Tod bereit
Mit christlich weiser Vorsicht.

22. So tröstet euch, und bethet an
Den weisen Rathschluß Gottes,
Und wandelt immer auf der Bahn
Des göttlichen Gebothes,
Daß, wenn euch gäh der Tod befällt,
Ihr hoffnungsvoll in jene Welt
Hinüber gehen könnet.

23. Nun ruhet sanft im Erdenschoos,
Ihr schnell verlornen Brüder!
Bald trift auch uns des Todes Loos,
Dann sehen wir uns wieder
Bei Gott im ewig wahren Licht,
Wenn immer auf der Bahn der Pflicht
Wir bis zum Tode wallen.

24. Doch soll uns euer Unglücksfall
Die größte Vorsicht lehren,
Dem gähen Unglück allemal
Durch Klugheit vorzukehren,
Uns immer weislich vorzusehn,
Damit wir nicht zu Grunde gehn
Aus vorsichtslosem Leichtsinn.

25. Besonders wollen niemal wir
Herab von Bergen fahren,
Und lieber sicher gehn dafür,
Und uns die Angst ersparen:
[244] Es könnte leicht ein Mißgeschick
Bei größter Vorsicht uns das Glück
Des Erdenlebens rauben.

26. Es ist noch immer früh genug,
Im Tode zu erblassen,
Wenn wir uns auch durch keinen Trug
Der Hoffnung täuschen lassen;
Denn bei der größten Sicherheit,
Und ängstlichsten Vorsichtigkeit
Kann uns der Tod befallen.

27. Laßt uns daher die Bahn der Pflicht
Und Tugend nie verlassen,
Bis sterbend unser Auge bricht,
Und wir im Tod erblassen,
Denn mag er uns das Leben hier
Entreissen, denn er führt dafür
Uns ein ins Reich des Himmels.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Aitrach an der Iller (Oberamt Leutkirch)
  2. Ochsenhausen (Oberamt Biberach)