Melpomene/Band 1/079 Bei dem Grabe eines Jünglings, der an der Wasserscheu starb

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<< 079 Bei dem Grabe eines Jünglings, der an der Wasserscheu starb >>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 247–252
von: [[{{{AUTOR}}}]]
Zusammenfassung: {{{ZUSAMMENFASSUNG}}}
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
Jung Melpomene 1247.jpg
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe

[247]

79. Bei dem Grabe eines Jünglings, der an der Wasserscheu starb.

Melod. III.

1. Hier liegt ein hoffnungvoller Junge
Er war in vollster Lebenskraft
Auf eine Weis, die keine Zunge
Beschreibt, gewaltsam hingerafft.
Er wurde nemlich vor zwölf Tagen
Von einem Hunde in die Hand
Gebissen, ohne es zu sagen,
Indem er keinen Schmerz empfand.

[248] 2. Er heilte bald die leichte Wunde,
Und dachte nicht an die Gefahr,
In welcher doch seit dieser Stunde
Sein hoffnungvolles Leben war.
Allein am neunten Tage spürte
Er schon der Schmerzen heisse Glut,
Und wenn sich nur ein Lüftchen rührte,
Gerieth er schon in höchste Wuth.

3. Und rasend fieng er an zu wüthen
Beim Anblick einer Flüssigkeit,
Und Alle, die ihn sahn, geriethen
In schreckliche Verlegenheit.
Man hatte zwar ihm helfen wollen,
Und rief sogleich den Artzt herbei;
Doch dieser sagte unverholen:
Er habe schon die Wasserscheu;

4. Der Kranke sey nicht mehr zu retten,
Man laufe nur mit ihm Gefahr,
Und legte ihn in starke Ketten,
Was uns zum Schutze nöthig war.
In Bälde wurden seine Blicke
Entflammt in einer heissen Glut;
Da riß er wie verfaulte Stricke
Die Ketten ab in seiner Wuth.

5. Er brüllte, tobte, raßte, schäumte,
Empört von seinem Leidensturm,
War auf den Boden sich, und bäumte
Sich wieder auf, als wie ein Wurm.
Er hatte Menschen anzufallen
[249] Und zu zerfleischen oft gesucht;
Vor Schrecken ward vor ihm von Allen
Ergriffen blitzeschnell die Flucht.

6. Am Ende suchte man mit Stangen;
Weil sonst kein Mittel übrig war,
Und Wagenleitern ihn zu fangen
Um sich zu schützen vor Gefahr:
So hatten viele sich versammelt
Und seine Bändigung bezweckt
Mit Leitern ihm den Weg verrammelt,
Und ihn zu Boden hingestreckt.

7. Da lag er nun in Wuth und Krämpfen,
Und spie und schäumte immerdar,
Und seine Wuth war nicht zu dämpfen,
Als bis er ganz entkräftet war.
So kam der Anfall öfter wieder,
Und ließ auch öfter wieder nach,
Es zuckten krampfhaft seine Glieder
Und endlich ward er todesschwach.

8. Es nahte sich sein Lebensende,
Er kam zum völligen Verstand,
Und gab sich hin in Gottes Hände,
Indem sein Lebenshauch verschwand:
So war der Jüngling ohne Wissen,
Weil er darauf nicht Achtung gab,
Von einem wüth’gen Hund gebissen,
Und hier versenkt ins frühe Grab.

9. Noch zittern wir vor Angst, und beben
Vor seinem Todeskampf zurück,
[250] Und seine Wuth und Krämpfe schweben
Noch lang vor unserm Thränenblick.
Der Eltern und Geschwistern Herzen,
Wie bluten sie bei seinem Tod;
Denn ach! zur Lindrung ihrer Schmerzen
Wo ist ein Trost in ihrer Noth?

10. Das einzige, was ihr Leiden mindert,
Und mässigt ihrer Seele Pein,
Und ihre grossen Schmerzen lindert,
Ist ihrer Hoffnung Dämmerschein:
Er hab gebüßt für seine Sünden
Durch seinen Tod, und sie bereut,
Und werde Gottes Gnade finden,
Im Reich der ewigen Seligkeit.

11. O Gott! verzeih dem armen Jungen
Die Grösse seiner Sündenschuld,
Und laß für die Beleidigungen
Ihm angedeihen deine Huld.
Verfahre nicht nach deiner Strenge
Mit ihm in deinem Strafgericht,
Und wend von seiner Sündenmenge
Hinweg dein strenges Angesicht.

12. Sein Unglück aber soll uns lehren,
Uns immer weislich vorzusehn,
Und allen Folgen vorzukehren,
Die oft aus einem Biß entstehn;
Und hätte uns ein Thier gebissen,
Es sey nun wüthend, oder nicht,
So soll es auf der Stelle wissen
Der Artzt nach weiser Lebenspflicht.

[251] 13. Denn Anfangs ist noch zu verwehren
Dem Gift der Übergang ins Blut,
Und also sicher vorzukehren
Dem Schreckenstod der Hundeswuth:
Hingegen wenn die Wasserscheue
Sich einmal eingestellet hat,
So hilft kein Mittel mehr, die Reue
Und die Verzweiflung kommt zu spat.

14. Drum laßt uns, diesem vorzubeugen
Doch keinem fremden Hunde traun,
Und hätten wir auch einen eigen,
Auf ihn mit steter Vorsicht schaun;
Und sollt er etwas traurig werden,
Und thun, was er sonst nie gethan,
Und ungewöhnlich sich geberden;
Sol legt ihm eine Kette an.

15. Doch laßt uns mehr die Leidenschaften,
Dieß Gift für Leib und Seele fliehn,
Denn diese Geisteshunde rafften
Mehr Menschen, als die Hundswuth, hin;
Der Habsucht hündisches Begehren
Der Wohllust Gift, den Übermuth,
Das übermässige Verzehren,
Des Neides Wurm, des Zornes Wuth;

26. So laßt uns mehr die Sünde scheuen
Als Wüthende das Wasser scheun,
Und gänzlich uns der Tugend weihen,
Und stets zum Tod bereitet seyn:
Dann mag des Lebens uns berauben
[252] Das scharfe Gift der Hundeswuth;
Wir steigen durch den wahren Glauben
Empor zu Gott dem höchsten Gut.

Anmerkungen (Wikisource)

Wasserscheu (auch Hydrophobie, Wasserfurcht ist ein veraltetes Synonym für die Tollwut.

Jungs Errata (Bd. 2, S. 294) wurden in den Text eingearbeitet.