Melpomene/Band 1/085 Bei dem Grabe eines Mannes, der bei einem Fuhrwerk umkam

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 267–272
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[267]

85. Bei dem Grabe eines Mannes, der bei einem Fuhrwerk umkam.

Melod. XII.

1. Hier stehen wir bei einem Grab
Von einem jungen Manne;
Er stürtzte unverhofft hinab,
Gleich einer starken Tanne,
[268] Die plötzlich eines Sturmes Macht
Entwurzelt mit Gewalt,
Bey deren Sturz der Wald erkracht,
Und donnernd wiederhallt.

2. Er hatte einen Zug bespannt
Mit jungen raschen Pferden,
Die gegen ihres Lenkers Hand
Sich muthig bäumend sperrten.
Er hatte auf den Wagen sich
Gesetzt mit einem Kind,
Obwohl gespornt vom Haberstich
Die Pferde muthig sind.

3. So brauchte er die größte Kraft
Dieselben zu bezähmen,
Sie wollten immer, aufgerafft
Am Zug, den Reißaus nehmen;
Auf einmal brach der Hebezug,
Die Pferde wurden frey,
Da gings in ungehemmtem Flug
An Stock und Stein vorbey.

4. Der Bauer hatte dummerweis
Vom Wagen springen wollen,
Auf dem gefährlichen Geleis
Die Pferde einzuhollen;
Allein bei diesem Sprunge kam
Er in das hintre Rad,
Das ihn in seine Speichen nahm,
Und drehte ohne Gnad.
[269]
5. So gieng es fort in rascher Flucht
Hinauf, hinab die Strangen;
Doch blieb er, was er auch versucht,
Im Schwung des Rades hangen;
Im auf und ab zerquetschte er
Nun öfter Brust und Haupt,
Und wurde der Besinnung, schwer
Am Hirn verletzt, beraubt.

6. Und als herabgeflogen war
Das Rad von seiner Axe,
So zeigte sich, daß die Gefahr
Des Lebens immer wachse.
Man eilte zwar zu retten ihn,
Und trug den Armen heim,
Doch alle Hoffnung war dahin
Bis auf den letzten Keim.

7. Da rief das Weib: das ist nicht arg,
Er ist ja noch am Leben,
Da brauchet man noch keinen Sarg,
Es wird sich wieder geben;
In Zukunft gibt er besser Acht;
Allein in Stettenrein,
Da hat man einen todt gebracht,
Das wird wohl ärger seyn.

8. Indessen ist dem dummen Weib
Die Äusserung zu verzeihen,
Bald wird sie bei dem todten Leib
Des Mannes es bereuen,
Was sie aus Unbesonnenheit
[270] Bei diesem Anblick sprach,
Es folgte ja in kurzer Zeit
Ihr lautes Weh und Ach.

9. Man rief des Artztes Hülfe zwar,
Und suchte ihn zu retten,
Doch immer schwebten in Gefahr
Des Mannes Lebensketten;
Er fieng im Schleim zu röcheln an,
Die Pulse nahmen ab,
Weswegen man dem armen Mann
Die letzte Ölung gab.

10. Er kämpfte sieben Stunden lang
In bittern Todeswehen,
Bis ihm der Tod zum Herzen drang,
Da wars um ihn geschehen;
Der letzte Hauch des Lebens fiel
In seine Brust hinab,
Es nahte sich sein Lebensziel,
Und stürtzte ihn ins Grab.

11. So ist aus Unvorsichtigkeit
Sein Leben abgeloffen,
Er könnte sonst noch lange Zeit
Gesund zu leben hoffen;
Denn wer sich in Gefahr begiebt,
Der geht in ihr zu Grund,
Und wer sich in der Vorsicht übt,
Der lebet lang gesund.

12. Und nun, wo ist das Kind im Fall
Des Wagens hingekommen?
[271] Es ward von Gott, der überall
Regiert, in Schutz genommen,
Es sprang gesund und unverletzt
Vom Boden wieder auf,
Und sicher wird auch fortgesetzt
Noch lang sein Lebenslauf.

13. Indessen dürfen wir uns nicht
In die Gefahr begeben,
Denn es ist unsre strengste Pflicht,
Zu schützen unser Leben;
Wer in vermessner Zuversicht
Sein Leben wagen kann,
Der tadle Gottes Vorsicht nicht;
Er hat es selbst gethan.

14. Allein es hat sich, leider! oft
Bei Pferden, Pflug und Wagen,
Bei größter Vorsicht unverhofft
Ein Unglück zugetragen;
Aus diesem Grunde brauchen wir
Der Vorsicht nie zuviel,
Und kommen einst zum Lohn dafür
Zum fernsten Lebensziel.

15. Laßt uns daher zu jeder Zeit
Mit weiser Vorsicht handeln,
Und mitten in Gefährlichkeit
Den Weg der Tugend wandeln;
Und sollten dann in der Gefahr
Wir doch zu Grunde gehn,
So würde dieses offenbar
Durch Gottes Hand geschehn.
[272]
16. Nun ruhe sanft, Unglücklicher!
In deinem frühen Grabe;
Wir hoffen, daß dir Gott der Herr
Die Schuld verziehen habe,
Die du aus Unvorsichtigkeit
Dir aufgebürdet hast,
Und daß er dich im letzten Streit
Mit Vaterhuld umfasst.