Melpomene/Band 1/094 Bei der Leiche eines Mordbrenners, der enthauptet wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 1, S. 293–299
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[293]

94. Bei der Leiche eines Mordbrenners, der enthauptet wurde.

Melod. I.

1. Hier schließt ein alter Bösewicht
Sein lasterhaftes Leben,
Wo wir bei diesem Blutgericht
Vor Angst und Schrecken beben;
Hier wird er ohne Huld und Gnad
Für seine kühne Lasterthat
Durchs Henkerschwert enthauptet.
[294]
2. Er war als kleiner Bube schon
Nach allem Bösen lüstern,
Und sprach voll Hoffart, Spott und Hohn
Mit Eltern und Geschwistern,
Und hatte sich der strengen Zucht
Gewaltsam zu entziehn gesucht
Durch unbeugsamen Starrsinn.

3. Man mußte Alles nur durch Zwang
Von seinem Trotz gewinnen,
Und sah ihn, eh er folgte, lang
Darüber sich besinnen,
Und wollte was der kleine Wicht,
Es mochte recht seyn, oder nicht,
So ließ er sichs nicht wehren.

4. So wuchsen Stolz, Unmässigkeit,
Und Habsucht mit dem Neide,
Und ungezähmte Lüsternheit
Und süsse Schadenfreude,
Und Müssiggang mit vieler Kraft
Bei ihm heran zur Leidenschaft,
Die seinen Geist beherrschte.

5. Er nahm an Bosheit immer zu,
Und saß oft ganze Tage
Und ganze Nächte ohne Ruh
Beim Spiel- und Saufgelage,
Dann fieng er Streit und Händel an,
Und seine Gegner mußten dann
Vor seinem Zorn entfliehen.
[295]
6. Und so bekam er einmal Streit
Mit einem Spielkamraten,
Und war in seiner Wuth bereit
Zu kühnen Frevelthaten,
Und zog das Messer aus der Scheid,
Und stieß es rasch mit Heftigkeit
Dem Gegner in die Lenden.

7. Der Arme wurde todtenbleich,
Und starb an seinen Wunden;
Allein der Mörder war sogleich
In einem Nu verschwunden,
Jedoch in Bälde aufgerafft,
Und seine Mörderthat bestraft
Mit vielen Zuchthausjahren. –

8. Dann ließ er sich zum Militär
In Östreich angaschiren,
Und o! wie fiel ihm da so schwer
Das viele Exerziren!
Allein er hatte keine Wahl,
Und mußte also schon die Qual
Des schweren Dienstes dulden.

9. Er harrte seine Dienstzeit aus,
Daß er entlassen würde,
Und kam an ihrem End nach Haus
Zu seiner Freunde Bürde;
Sie mußten ihn im Müssiggang,
In Schwelgerey, und stetem Hang
Zur Händelsucht ernähren.

10. Wie konnte dieß der Tochtermann
Von seinem Bruder leiden?
[296] Es giengen also Händel an
Tagtäglich zwischen beiden;
Der alte Lump, der Bettelhund,
Der Müssigfresser, hieß es, und
Er mußte aus dem Hause.

11. In seinem Busen kochte er
Nun stille Wuth und Rache;
Er fand ja keine Zuflucht mehr
In seines Vaters Dache.
Wohlan! so dachte er im Grimm,
Ich räche mich, und stecke ihm
Aufs Haus den rothen Hahnen.

12. Gedacht, gethan! Um Mitternacht,
Wo Alles in den Armen
Des Schlafes lag, auf Ruh bedacht,
Ergriff er ohn’ Erbarmen,
Mit mordesbrennerischer Hand
Den angefachten Feuerbrand,
Das Strohdach anzuzünden.

13. Das Feur ergriff das dürre Stroh
Mit wahrer Blitzesschnelle,
Der Brandesstifter aber floh
Aus der entstandnen Helle,
Um hinter einem schwarzen Zaun
Das Haus in Flammen anzuschaun,
Und sich daran zu weiden.

14. Er hoffte Bruder, Weib und Mann
Im Bette zu verbrennen,
Um seinen feur’gen Racheplan
[297] Befriedigen zu können;
Doch ein Franzose lag im Heu,
Und wachte auf, und sein Geschrey
Entriß auch sie dem Schlafe.

15. Das Feuer gönnte keine Zeit,
Die Kleider anzuziehen,
Und kaum zur Lebenssicherheit
Den Flammen zu entfliehen;
Die Magd entfloh im Leibgewand,
Der Knecht die Hosen in der Hand,
Die andern in den Hemden.

16. Vergebens war die größte Müh
Die Stallthür aufzuschnellen,
Die Pferde und das liebe Vieh
Verbrannten in den Ställen,
Die Kleider und das Hausgeräth
Zu retten war es schon zu spät,
Und Alles war verloren.

17. Es ist nur Schad, so rief der Baur,
Um meine schönen Kittel!
Da rief ein Mann: du Thor! bedaur
Vielmehr die andern Mittel
Das Haus, das Bett, den Kastenwerth,
Die Frucht, das Futter, Vieh und Pferd
Und andres Baumannsfahrniß. –

18. In Bälde war das ganze Haus
Verzehret von den Flammen,
Und stürtzte krachend, welch ein Graus!
In Glut und Kohl zusammen,
[298] Eh man es noch zu retten kam,
Und die gestürtzte Masse schwam
In einem Feuermeere.

19. Indessen sagte Jedermann,
Ergriffen vom Verdachte:
Das hat der böse Lenz gethan,
Der aus dem Staub sich machte,
Allein er hat auch keine Flucht
Der Strafe zu entgehn gesucht,
Und wurde bald ergriffen.

20. Er war in Tannheim, wo er schnitt,
Als ihn die Schergen fanden,
Und sprach sogleich ich gehe mit,
Und both sich ihren Banden
Ganz willig dar, und zeigte an:
Ihr habt an mir den rechten Mann,
Ich hab es angezunden.

21. Er wiederholte beim Gericht
Das nemliche Bekenntniß,
Und machte noch, der Bösewicht,
Das schreckliche Geständniß:
Das Feur hab ihn nicht mehr gefreut,
Als er, vom Feuertod befreyt,
Den Hausherrn schreyen hörte.

22. Sein Urtheil hieß: Weil er durch Brand
Und Morden Rache suchte,
Und dieses selber eingestand,
So sterbe der Verfluchte;
[299] Er sterbe durch das Henkerschwert,
Des Erdenlebens nicht mehr werth,
Und reif zur Höllenstrafe.

23. Und sehet, wie er zum Gericht
Schon auf dem Stuhle sitzet
Mit todesblassem Angesicht;
Das Schwert des Henkers blitzet
Durch seinen Hals mit einem Streich,
Und seine Seele fährt ins Reich
Der Ewigkeit hinüber.

24. O möcht er doch in jener Welt
Beim Richter Gnade finden!
Es hat ihm ja doch nicht gefehlt
An Reu für seine Sünden.
Laßt uns daher zu Gott um Gnad
Für seine kühne Lasterthat
Aus Bruderliebe bitten.

25. Wer aber glaubet, daß er steh,
Seh zu, daß er nicht wanke,
Und keine Lasterthat begeh,
Und lobe Gott, und danke
Für die von ihm empfangne Gnad,
Und weiche nie vom Tugendpfad
Bis an sein Lebensende.