Melpomene/Band 2/008 Bei dem Grab eines Jünglings, der sich zu tod tanzte

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 37–40
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[37]

8. Bei dem Grab eines Jünglings, der sich zu tod tanzte.

Melod. I. XVI.

1. In diesem neuen Grabe ruht
Ein hoffnungvoller Junge,
Und seiner Eltern Schmerzenwuth
Beschreibet keine Zunge;
Denn ach! er war ihr einz’ger Sohn,
Und modert nun im Grabe schon,
Und ist für sie verlohren.

2. Er war in vollster Lebenskraft,
Im schönsten Jugendglanze,
Jedoch ein Sklav der Leidenschaft
Zur wilden Lust im Tanze:
Er tanzte nun am Kirchweihfest
So heftig, daß er sich den Rest
Der Lebenszeit verkürzte.

3. Denn ach! er tanzte so geschwind
Dahin in Langauszügen,
Als durch den Zug von Sturmeswind
Die leichten Schwalben fliegen;
Allein der Mensch ist keine Schwalb
Die fliegen kann, und dessenthalb
Auch nicht gemacht zum Fliegen.

4. So tanzte vierzehn Stunden lang,
Wie toll, der arme Junge,
Und wie vom Sturm getrieben drang
[38] Das Blut durch seine Lunge;
Der Athem wurde schnell und kurz,
Und drohte mit dem Blutessturz
Aus angestrotzten Adern.

5. So tobte sein gepeitschtes Blut,
Die braunen Wangen glüten,
Die Augen funkelten wie Glut,
Als wenn sie Funken sprühten,
Der ganze Leib zerfloß in Schweiß,
Die Zunge wurde brennend heiß,
Und lechzete nach Kühlung.

6. Da trank er nun nach Sättigung
Getränke voll der Kälte,
Was in der abgekühlten Lung
Das Blut im Laufe stellte;
Da sank er nun in Ohnmacht hin,
Und ach! sein junges Leben schien
Auf ewig schon verschwunden.

7. Man brachte ihn durch Mittel zwar
Zu sich in ein’gen Stunden;
Allein was halfs? auf immer war
Sein Lebensglück verschwunden,
Verschwunden der Gesundheit Lust;
Denn es entstand in seiner Brust
Ein unheilbarer Husten.

8. Er brauchte zwar der Mittel viel,
Und hoffte zu genesen,
Doch was er nahm zu diesem Ziel,
Ist ohne Frucht gewesen;
[39] Sein Körper zehrte langsam ab,
Und stürtzte ihn ins frühe Grab,
Den sonst so starken Jüngling.

9. Umsonst ertönt an seinem Grab
Der Eltern lautes Klagen;
Gebrochen ist ihr einz’ger Stab
In ihren alten Tagen:
Sie weinen sich die Augen roth,
Und wünschen sehnlich ihren Tod,
Als ihre letzte Zuflucht.

10. So gehts der Jugend leider heut
Noch oft bei ihren Tänzen,
Die ohne Ziel und Mässigkeit
An baaren Unsinn grenzen;
Denn nur ein Thor voll blinder Wuth
Kann so mit leichtsinnvollem Muth
Dem Tod entgegen tanzen.

11. Es tanzen zwar die Weisen auch,
Doch nur sich langsam drehend,
Sie tanzen mit Vernunftgebrauch,
Und nur vorübergehend,
Und prägen uns die Lehre ein:
Beim Tanzen muß man mässig seyn,
Als wie in allen Dingen.

12. Wenn du daher zum Tanze gehst,
O leichtsinnvolle Jugend!
Und ohne Vorsicht bist, so stehst
Du in Gefahr der Tugend;
Und ach! du schwebest offenbar
[40] Mit Leib und Leben in Gefahr,
Wie mit dem Heil der Seele.

13. Sey also mässig jederzeit
In dem Genuß der Freuden,
Denn Freuden ohne Mässigkeit
Verwandeln sich in Leiden;
Und ach! du würdest es zu spät,
Wenn jede Lust der Welt vergeht,
In Ewigkeit bereuen.

14. Nun lasst uns dem Unglücklichen
Noch eine Thräne weihen,
Zu Gott aus Bruderliebe flehn:
Er möchte ihm verzeihen,
Was er gethan aus Unverstand,
Und ihm ins wahre Vaterland
Den Eingang nicht verschliessen.