Melpomene/Band 2/047 Bei dem Grabe eines Jünglings, der von einem Pferdte erschlagen wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 133–138
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[133]

47. Bei dem Grabe eines Jünglings, der von einem Pferdte erschlagen wurde.

Melod. II.

1. In Trauer wurde hier begraben
Ein hoffnungvoller Bauernsohn,
Und eh wir es vermuthet haben,
Schlug seine letzte Stunde schon;
Denn ach! durch einen Pferdteschlag
Erschien sein letzter Lebenstag.

2. Er fuhr auf Schlitten, schwer beladen
Mit Boden, auf den Wiesengrund,
Und dachte nicht an einen Schaden,
Vielwen’ger an die Todesstund;
[134] Da schlug ein Vorpferdt muthig aus,
Und über einen Strick hinaus.

3. Er suchte wieder einzulencken
Die Stricke zum bestimmten Zug,
Als plötzlich ihn beim Niedersenken
Das andre Pferdt zu Boden schlug;
Er fiel betäubt in Ohnmacht hin,
Als hätt ein Blitz getroffen ihn.

4. Zwar er erhollte bald sich wieder,
Und stand von diesem Falle auf,
Allein schon war durch alle Glieder
Gehemmet seine Blutes Lauf;
Da fühlte er den höchsten Schmerz;
Denn ach! getroffen war sein Herz.

5. Er kehrte langsam, schmerzbeklommen,
In seiner Eltern Haus zurück;
Man ließ sogleich den Bader kommen
Zu retten seines Lebens Glück;
Allein der Bader sprach sogleich:
Es sei gefährlich dieser Streich.

6. Man seumte nicht, den Arzt zu hollen,
Der auch in kurzer Zeit erschien;
Allein des Herzens Pulse rollen
Schon nicht mehr durch die Adern hin;
Man schlug ihm eine Ader auf,
Sie lief, und stand sogleich im Lauf.

7. So wuchs mit jeder Viertelstunde
Des Lebens schreckliche Gefahr,
Indem vermuthlich eine Wunde
[135] Im Herzen selbst entstanden war;
Denn ach! der Arme wurde bald
An Händ und Füssen todeskalt.

8. Man rief vor seinem Lebensende
Daher den Seelenarzt herbei,
Daß durch die heil’gen Sakramente
Zum Sterben er bereitet sey:
Er fluchte seiner Sündenschuld,
Und bath um Gottes Vaterhuld,

9. Da sprach er noch zu seinen Lieben:
Weil ich denn sterben muß, so soll
Mein Tod euch nicht so sehr betrüben,
Ich sterbe ja der Hoffnung voll:
Gott werde mir dort gnädig seyn,
Und mir die Seligkeit verleihn.

10. Lebt wohl! auf baldes Wiedersehen!
Ich scheide gern von dieser Welt;
Von ohngefähr ists nicht geschehen,
Daß mich der gähe Tod befällt,
Mir wird gewiß mein Seelenheil
Durch diesen frühen Tod zu Theil.

11. Denn ach! die Welt ist voll Gefahren
Für Unschuld und Gerechtigkeit,
Besonders in den Jugendjahren,
Voll Leichtsinn und Verwegenheit
Wo die Verführung sich so leicht
In unbewachte Herzen schleicht.

12. Und ach! was sind die Erdengüter?
Was ist ihr fröhlicher Genuß?
[136] Sie tauschen irdische Gemüther,
Und Reue folgt und Überdruß,
Und nur der[1] Tugendschatz allein
Kann uns im Tode noch erfreun.

13. O lernet, ihr Eltern und Geschwistern!
An meinem Grabe weise seyn,
Und seyt ja nicht nach Gütern lüstern,
Die euch im Tode nicht mehr freun,
Und sucht euch einen Tugendschatz
Für sie zum ewigen Ersatz.

14. Was nützen mich nun alle Freuden,
Der Welt, die mir der Tod entreisst?
Ich muß getäuscht von ihnen scheiden,
Da keine mir den Trost verheisst:
Daß sie mir folgt in jene Welt,
Indem mich nun der Tod befällt.

15. Ich dank euch mit gerührtem Herzen
Für alles mir ertheilte Gut!
O lasst euch meinen Tod nicht schmerzen!
Ich leid ihn ja mit Heldenmuth,
Denn Jesus, Gottes eigner Sohn
Starb auch für mich. Ich – sterbe – schon.

16. Da fiel er in die letzten Züge,
Und röchelte den Todeston,
Und trug den größten aller Siege,
Den über Welt und Tod, davon,
Verblich in kalter Todesfarb,
Und neigte sanft sein Haupt und starb.
[137]
17. So starb der hoffnungvolle Junge,
Aus Mangel an Behutsamkeit;
Deswegen schildert keine Zunge
Das grenzenlose Herzenleid
Der Eltern und Geschwistrigen,
Die ihrem Schmerz kein Ende sehn.

18. Denn ach! er stand an ihrer Spitze
Beim Umtrieb ihrer Landwürthschaft,
War der Familie zur Stütze,
Und seine schwachen Eltern Kraft,
Und dennoch modert hier im Grab
Gebrochen ihrer Hoffnung Stab.

19. Kein Wunder, wenn sich jedem Grunde
Des Trostes ihr Gemüth verschliesst,
Und lange noch die Herzenswunde
Mit namenlosen Schmerzen fliesst,
Die ihm der letzte Athemzug
Des schnell verlohrnen Sohnes schlug,

20. Doch seine unschuldvolle Jugend,
Und seine wahre Frömmigkeit,
Und seine mackellose Tugend
Versüsset noch ihr Herzenleid,
Und hebet ihren Thränenblick
Empor zu seinem Himmelsglück.

21. Vergesset also nie beim Fahren
Mit Pferdten weislich umzugehn,
Und euch die Leiden zu ersparen,
Die ohne Vorsicht leicht entstehn,
Und stellt euch niemal hinten an,
Damit euch keines schlagen kann.
[138]
22. Nun ruhe sanft in deinem Grabe,
Du früh entschlafner Jüngling du!
Noch bleibet uns der Trost: Gott habe
Verliehen dir die wahre Ruh,
Womit in höchster Seligkeit
Er alle Frommen dort erfreut.


  1. Anmerkung von Wikisource: in der Vorlage: de