Melpomene/Band 2/055 Bei dem Grabe eines Mannes, der von einer Tanne erschlagen wurde

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 158–161
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[158]

55. Bei dem Grabe eines Mannes, der von einer Tanne erschlagen wurde.

Melod. I.

1. Ach! dieser Grabeshügel deckt
Den Leib von einem Manne,
Zum Tode plötzlich hingestreckt,
Beim Sturtz von einer Tanne,
Die fern von ihm gefället war;
Er traute blindlings der Gefahr,
Die ihm von weitem drohte,

2. Er gieng hinaus, der arme Mann
Gefälltes Holz zu spalten,
Und mochte sich in blindem Wahn
Im Wald für sicher halten.
Obwohl in seiner Nachbarschaft
Noch andre, durch der Arme Kraft,
Sehr grosse Tannen fällten.

3. Er glaubte fern genug zu seyn
Vom Falle dieser Tanne,
Doch die Entfernung war zu klein,
Und drohte diesem Manne
Mit seinem nahen Lebensziel,
Sobald die Riesentanne fiel
Mit ihren tausend Armen.

4. Sie fiel, und schlug in ihrem Fall
Noch viele Bäume nieder,
[159] Und ihres schweren Sturtzes Hall
Ertönte zehnfach wieder;
Der Arme sah dem Falle zu,
Und blieb in ungestörter Ruh
Auf seinem Posten stehen.

5. Auf einmal kam ein Eichenast
In einem großen Bogen
Mit seiner zentnerschweren Last
Auf ihn herabgeflogen;
Er sah es zwar, und wollte fliehn,
Allein der Ast erreichte ihn,
Und schlug ihn gäh zu Boden.

6. Da lag er nun im kalten Moos,
Und schwam in seinem Blute
Besinnung und bewegunglos;
Der Puls im Herzen ruhte;
Vertilgt war jede Lebensspur,
Denn ach! des Astes Spitze fuhr
Ihm durch die Schedelknochen.

7. So fanden ihn im Todesarm
Die andern Mitarbeiter,
Und trugen ihn noch lebenswarm,
Um ihn zu retten, weiter,
Und brachten ihn nach Haus zurück;
Doch leider blieb sein Lebensglück
Für diese Welt verschwunden.

8. Vergebens war des Arztes Müh
Ihn wieder zu beleben;
Das Weib mit ihren Kindern schrie,
[160] Und ihre Herzen beben
Beim Anblick seiner Leich zurück,
Und wollen ihrem Thränenblick
Nicht glauben, was sie sehen.

9. Da liegt sie nun im frühen Grab
Die Stütze ihres Lebens,
Gebrochen ist ihr Hoffnungstab,
Sie sehnen sich vergebens
Nach irgend einem Trostesgrund,
Als nur allein in Jesu Mund,
Und seiner Offenbarung.

10. Er sagte: daß Gott das Geschrey
Der jungen Raben höre,
Und auch der Waisen Vater sey
Und sicher sie ernähre,
Und ohne seinen Willen kann
Kein Spatz, vielweniger ein Mann
Herab vom Tache fallen.

11. Lasst uns daher von weitem schon
Der Todsgefahr entgehen,
Wir flöhen sonst zu spät davon,
Wenn wir sie kommen sehen,
Ein Schritt, ein Tritt, ein Augenblick,
Und schon ist unser Lebensglück,
Eh wirs versehn, verschwunden.

12. Nun ruhe sanft, Unglücklicher!
Im kühlen Schoos der Erde,
Wir hoffen: daß dir Gott der Herr
Die Schuld verzeihen werde,
[161] Die du aus Unvorsichtigkeit
Dir zugezogen, und die Zeit
Des Lebens dir verkürztest.

13. Denn weislich hielt er immer sich
Zum gähen Tod bereitet,
Und Gottes Hand hat sicherlich
Sein Schicksal so geleitet,
Daß plötzlich, ohne Kampf und Streit,
Im Tode er die Seligkeit
Zum Tugendlohn empfange.