Melpomene/Band 2/072 Bei dem Grabe eines alten Mannes, der auszehrte

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aus: Melpomene
Seite: Band 2, S. 190–191
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[190]

72. Bei dem Grabe eines alten Mannes, der auszehrte.

Melod. XVIII.

1. O welche unverhoffte Leiche
In diesem abgelebten Mann,
Wo sich der Arme und der Reiche
In einem Spiegel sehen kann.
Dann ach! mit jedem Glockenschlage,
Mit jedem Puls, mit jedem Hauch,
Verfliegen unsre Lebenstage
Und schwinden hin als wie der Rauch

2. So gieng es diesem armen Manne
Der ein und achtzig Jahr alt war;
Nun stellt sich uns wie eine Spanne
Sein doch so langes Leben dar;
Er war sogar vor dreien Tagen
Nach seiner Meinung noch gesund,
Auf einmal hat für ihn geschlagen
Die unverhoffte Todesstund.

3. Indeßen schwanden doch schon lange
Die Kräften seines Lebens hin,
Und immer war es ihm so bange,
Und freudenleer sein Herz und Sinn;
Er zehrte ab auf Haut und Knochen,
Und gieng umher dem Tode gleich,
Sein düstres Auge war gebrochen,
Und seine Lippe kalt und bleich.

[191] 4. Auf einmal sank er kraftlos nieder,
Und fiel in Zuckungen und Krampf,
Und schloß die welken Augenlieder,
Und rang den bittern Todeskampf.
Doch litt er alle diese Schmerzen
Mit gänzlicher Ergebenheit,
Und war mit reuevollem Herzen
Zu einem guten Tod bereit.

5. Deswegen können wir auch hoffen,
Daß er, obwohl er plötzlich starb,
Doch fand für sich den Himmel offen,
Und Gottes Gnade sich erwarb.
Laßt und daher das Böse meiden,
Und stets zum Tod bereit seyn,
Dann gehen wir beim letzten Scheiden
Dort in des Himmels Freuden ein.