Melpomene/Band 2/080 Bei dem Grabe eines Flossers, der den 20. März 1838 ertrank

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Seite: Band 2, S. 210–215
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[210]

80. Bei dem Grabe eines Flossers, der den 20. März 1838 ertrank.

Melod. II.

1. Hier liegt der Leib von einem Flosser
In sanfter stiller Grabesruh;
Im tiefen Illerstrome schloß er
Für diese Welt die Augen zu:
Denn er verlohr das Gleichgewicht,
Und so erlosch sein Lebenslicht.

2. Er war noch in den beßten Jahren,
In vollster Lebens-Lust und Kraft,
Und öfter auf dem Floß gefahren
Zum Zwecke seiner Handelschaft,
Die er mit Holz im Großen trieb,
Wobei er stets voll Sorgen blieb.

3. Er wußte nemlich, wie gefährlich
Das Flossen auf der Iller war,
Denn dieses stellte leider jährlich
So manches Unglücksopfer dar,
Da oft ein Flosser, von dem Floß
Hinausgestürtzt, sein Leben schloß.

4. Deswegen wars ihm immer bange
So oft er einen Floß betrat,
Und mit der starken Ruderstange,
Den Floß zu leiten, Züge that,
[211] Weil manchen Flosser so beim Zug
Das Ruder in die Iller schlug.

5. Deswegen hielt durch frommes Leben
Er immer sich zum Tod bereit,
Und war, so oft er sich begeben
Auf einen Floß, voll Ängstlichkeit:
Es könnte leicht auf einem Floß
Auch treffen ihn ein gleiches Loos.

6. Und so bestieg zum letztenmale
Er seinen Floß von Ahnung voll:
Daß er das Land im Illerthale
Ach! nimmermehr betretten soll,
Und schied von Weib und Kind so schwer,
Als wenns sein letzter Abschied wär.

7. So fuhr er fort mit einer schweren
Und bangen Brust bis Egelsee,
Und wollte noch zurücke kehren,
Damit er der Gefahr entgeh;
Doch stand zu seinem größten Leid
Kein Flosserknecht für ihn bereit.

8. Er fuhr daher in Gottes Namen
Mit seinem Kameraten fort,
Und als sie bis nach Kirchberg kamen,
Dem so gefahrenvollen Ort,
So schwam ein Brett dem Floße nah,
Das er zu seinem Unglück sah.

9. Er wollte es dem Fluß entziehen
Mit seiner Axt, und hieb darnach;
[212] Doch ward vereitelt sein Bemühen:
Es war nicht nah genug, und ach!
Er hieb umsonst, und traf es nicht,
Und stürtzte aus dem Gleichgewicht.

10. So stürtzte mit gesenktem Haupte
Er plötzlich in den Strom hinein
Und dieser gähe Sturtz erlaubte
Ihm keiner Hoffnung Dämmerschein,
Obwohl er laut um Hülfe rief;
Denn reissend war der Strom, und tief.

11. Die Wellen hatten ihn verschlungen
In einem Nu mit Haut und Haar,
Wo durch den Hals in seine Lungen
Das Wasser eingedrungen war,
Bis Puls und Athem stille stand,
Und er sein Lebensende fand.

12. Es reichte zwar sein Mitgeselle,
Der bey ihm auf dem Flosse war,
Das lange Ruder auf der Stelle
Zu seiner Lebensrettung dar;
Allein es war nicht lang genug,
Obwohl ers ihm entgegen schlug.

13. Vergebens rang er seine Hände,
Als dreimal er empor getaucht;
Es nahte sich sein Lebensende,
Sein letzter Athem war verhaucht;
So sank er in den Strom hinab
Der nicht mehr ihn zurücke gab. –
[213]
14. Die Gattin fiel in Todeswehen,
Als sie des Mannes Tod erfuhr;
Denn ach! sie sollt ihn nicht mehr sehen,
Der ihr auf ewig Treue schwur
Vor Gottes heiligem Altar,
Und plötzlich ihr entrissen war.

15. Man denke sich in ihre Lage
Als, ohne die ersehnte Frucht,
Man ängstlich vierzehn lange Tage
Im Wasser ihren Mann gesucht,
Bis man zuletzt, in Kies und Sand
Begraben, seine Leiche fand.

16. Da liegt er nun vor ihren Blicken,
Des theuren Manns entseelter Leib;
Die Schmerzen wollen sie erdrücken,
Das arme, trostberaubte Weib;
Beklommen droht ihr schwaches Herz
Zu brechen unter seinem Schmerz.

17. Denn ach! wer giebt nun ihren Kindern,
Statt des verlohrnen Vaters, Brod,
Und was vermag die Noth zu lindern,
Die in der Zukunft sie bedroht?
Wer nimmt an ihren Leiden Theil,
Und sorget für ihr Seelenheil?

18. So fragt die Mutter dreier Waisen,
Und Jesus gibt zur Antwort ihr:
Ich will sie kleiden, tränken, speisen;
Komm nur mit ihnen her zu mir,
[214] Ich mache sie den Engeln gleich,
Denn ihrer ist das Himmelreich.

19. Auch wirst du einstens wieder finden
Dort oben deinen treuen Mann,
Denn er bereute seine Sünden,
Und hat des Guten viel gethan,
Da er den Armen in der Noth
So liebreich seine Hände both.

20. Wie Balsam flossen diese Gründe
Des Trostes auf ihr wundes Herz;
Sie sprach entzückt: in Jesu finde
Ich Linderung für meinen Schmerz;
Und gab mit hoffnungvollem Sinn
Sich in die Fügung Gottes hin.

21. Nun ruhe sanft im Erdenschooße,
Der du aus Unbesonnenheit
Herabgestürtzt von deinem Floße,
Und so ins Reich der Ewigkeit;
Wir hoffen: daß dir Gott verzeih,
Und deiner Seele gnädig sey.

22. Euch aber, lebensfrohe Flosser!
Stellt sich sein Tod zur Warnung dar;
Ihr schwebet allemal in großer,
Und augenscheinlicher Gefahr,
So oft ihr einen Floß besteigt,
Wie eures Bruders Beispiel zeigt.

23. Erinnert euch lebendig dessen,
Und seyt beständig auf der Hut,
[215] Seyt nie verwegen und vermessen,
Und überleget, was ihr thut,
Wenn in Gefahren euch der Tod
Im Wasser zu verschlingen droht.

24. Das Schwimmen wird euch schwer gelingen
Denn eure Kleidung wird durchnässt,
Ihr möget mit den Wellen ringen;
Allein wenn euch die Kraft verlässt,
So sinkt ihr auf den Grund hinab,
Und so ins kalte Wassergrab.

25. Drum haltet euch durch frommes Leben
Beständig auf den Tod gefaßt,
Dann dürft ihr nicht im Tode beben,
Wenn euch sein kalter Arm umfasst,
Und sterbet voll der Zuversicht
Auf Gottes gnädiges Gericht.