Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band
Als ich im Jahre 1842, von schwerer Krankheit genesen, nach langer Abwesenheit wieder unter Euch trat und Euer „Willkommen!“ mir entgegen jubelte, da versprach ich Euch: „Der letzte Jahrgang meines Lebens soll auch der letzte Jahrgang meines Universums seyn!“ – Neun Monate sind jetzt verflossen, seitdem vom elften Bande das letzte Heft erschienen, und Viele fragen: Ist Meyer gestorben?
Nicht der Tod hat sein Gelübde gelöst und auch nicht Krankheit hat es in Bann geschlagen. Andere Geister legten sein Wort in Fesseln. Unermeßliche Arbeit und nimmer rastende Sorge haben sich getheilt in die Habe seiner Seele, und seine Kraft ist aufgegangen in dem maßlosen Streben nach einem zwar großen, aber doch nur materiellen Wirken. Die Pforten der Berge hat er aufgeschlossen, mit den Gnomen und Erdgeistern hat er Brüderschaft getrunken und die Schätze, die sie hüteten, hat er an den Tag gebracht. Tausende, die seinem Willen gehorchen, durchdringen die Klüfte und Spalten der Erde auf sein Geheiß und des Dampfes und der Menschen Kraft fördert die Beute an’s Licht aus mehr als fünfzig Schächten. Erzgruben und Eisenbahnen, Kohlenminen und Eisenwerke sind die Parole, welche den Stundenkreis seines Werktages durchläuft, und die Sorge für seine Arbeiterschaaren weckt ihn jeden Morgen und legt sich jeden Abend mit ihm nieder. So hat Gott ihm den Frevel vergolten, den er getrieben hat mit der Willensfreiheit, welche dem Menschen vergönnt ist, und weil er in seinem innersten Heiligthum eine Fackel angezündet, deren Licht nicht nach den höhern Gütern, sondern nach den Schätzen der Tiefe leuchtet.
Aber der nämliche Wille, welcher den Bann gestrickt hat, hat auch die Kraft behalten, ihn zu zerreißen. Ich bin nicht so in der Leidenschaft für mein gewerbliches Wirken befangen, daß alles Bessere gebrochen und abgethan wäre und alle meine Seelensterne erloschen. Tief zwar, ich bekenne es offenherzig, hat es meinen Geist in das irdische gemeine Daseyn niedergezogen; aber geknickt sind darum seine Schwingen nicht. Von heute an sollen sie ihn auf’s Neue zu seiner höhern Bestimmung tragen. Daß es so ist, davon gebe die Fortsetzung meines Buchs – des Universums – das erste Zeichen.
[4] Ich kehre nach diesem ehrlichen Bekenntniß aufrechten Gangs in den Kreis zurück, der mir so lieb von jeher gewesen. – Zunächst komme ich zu Euch, Ihr alten Freunde, die Getreuen in Gesinnung und Streben seit geraumer Zeit. Ihr werdet mich wieder bei Euch aufnehmen. Ihr werdet unsern Widersachern nicht den Wahn gönnen, daß eine Trennung unter uns geschehen und unser Band gelöst sey. Gleichheit der Gesinnung hat es geknüpft; Humanität und freie Weltanschauung haben es befestigt; sie sind auch die Bürgen seiner künftigen Dauer.
Sodann gehe ich auf Euch zu, Ihr jüngern Freunde, und zu Euch, Ihr Andern, deren Glaube unter des Zweifels Last schier gesunken war. Oeffnet mir Eure Reihen und schließt den Kreis von Neuem um den alten Meister. Das ist sein Versprechen: Jedes seiner Worte komme aus seinem Herzen, denn nur was aus dem Herzen warm, stark, siegreich wieder zum Herzen dringt, dringt in das Leben. In dem Einen aber sey unser Bund unzertrennlich: Unsere Liebe umfasse alles Gute auf Erden, und unser Haß sey gerichtet gegen das Schlechte unter allen Formen.
Zum Dritten wende ich mich zu Euch, die Ihr mich bisher nicht gekannt habt, und jetzt zum ersten Male eintretet in meinen Leserkreis: – ich reiche Euch die Hand zum herzlichen Willkommen. Sammelt Euch um mich so lange der Geist aus mir redet, welcher so Viele vor Euch mir befreundet hat. Wenn aber je meine Worte hohltönendes Erz würden und leeres Schellengeläute, dann laßt mich allein stehen und die Erbschaft dieses Buches trete irgend ein Usurpator an, der für das Bessere im Leben und in der Zeit würdiger das Wort zu führen weiß. Kein Götzendienst ist alberner als der der bloßen Gewohnheit, und ein Wollen und Streben ohne Kraft und That hat keinen Anspruch auf Achtung.
Ich war immer der Meinung, das bescheidene Maaß meiner Salbung und meiner Weihe käme von Oben, und ich hätte daran kein Verdienst. – Nach so vielen empfangenen Beweisen der Theilnahme, die mein langes Schweigen auf’s Neue hervorgerufen, darf ich die Pflicht der Treue im Berufe nicht verleugnen. Die Geister der Tiefe kann ich zwar nicht missen, und auch die großen Werke meiner Arbeit nicht verlassen; ich werde aber nicht wieder dulden, daß die Pflichten, welche sie mir auferlegen, mich den höheren entfremden.
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Nicht Könige!“ –
Kennst du den Bund, der viele Jahre schon in Deutschland an jedem Herde sitzt, seine Genossen zählt in allen Ständen, unter Männern und unter Frauen, unter der Jugend wie unter den Alten; den Bund, der tagt bei hellem Sonnenschein und Reden hält auf Märkten und auf Straßen, im Klub und in der Schenke; den Bund, der sich erkennt ohne Zeichen, der ohne Obere fest zusammen steht; die Propaganda, welche keine Waffen führt und dennoch herrscht in Millionen Herzen; die Verschwörung, vor deren Macht die gesalbten Häupter kein Nimbus schützt und die mit sicherer Hand dem Verbrechen bis auf die höchsten Throne nachfolgt? Kennst du den Bund? – Es ist die heilige Allianz des gekränkten Rechtsbewußtseyns, des entrüsteten Nationalgefühls, der getretenen Menschenehre, der beleidigten Manneswürde, der betrogenen Hoffnungen, des mißhandelten Volksvertrauens, der versagten Rechtsforderungen, des verkümmerten Wohlstandes, der hoffnungslosen Armuth, des gequälten und gefolterten und gehöhnten Lebens – gegen den frechen Uebermuth der Herrschaft, gegen das stolze, starre, volksfeindliche Beamtenthum, gegen den Zwang der herzlosen Gewalt, gegen den todten, kalten Mechanismus des Regierens, gegen aristokratische Anmaßung, gegen die Raubsucht und die Judenkniffe der Finanz, gegen das Verkehrte in den Prinzipien der Staatsverwaltung, Rechtspflege und Volkserziehung; – es ist der heilige Bund des grimmen Unmuths über unsere Zustände, der seit Jahren jeden Patrioten erfüllt mit dem Schmerzgefühl tiefer Schmach, die von einem Ende des Vaterlandes zum andern durch alle Geister zieht. – Das ist das Geheimniß von dem deutschen Bunde zur Entfernung der Willkürherrschaft, zur Rettung der Volksehre, zur Aufrichtung der Menschenwürde, zur Entfesselung der Volkskräfte, zur Machterhebung der Nation, zur Vindikation ihres ewigen Rechts auf Selbstherrschaft und Selbstregierung und ihres Willens, der Monarchie, so lange ihr überhaupt noch Bestand oder Duldung in deutschen Landen zu gönnen sey, die Macht zu nehmen, das Volk im Aufbau seines Glücks zu stören oder es daran zu hindern. Dieses ist die permanente Verschwörung des hellen Tags, welche die dumme Polizei so lange bei Laternenschein gesucht hat. Und dieser Konspiration habe ich angehört von Anbeginn, ich habe sie gefördert ohne Unterlaß; ich habe sie gepredigt aller Orten, [70] ihr Ziel und ihre Bedeutung habe ich jederzeit verkündigt. Rastlos ist mein Wirken für sie gewesen; nie aber war’s ein Wirken bei verschlossenen Thüren, oder in Kisten und Kästen verborgen, oder in Briefen versiegelt. Nein! nichts wissend von Menschenfurcht und baar jener zagen Sorglichkeit, welche sich äußeren Verhältnissen unterordnet und das Licht unter den Scheffel stellt, habe ich meine Herzensgedanken immer ausgesprochen ohne Hehl, und wo es galt, ein Recht zu vertreten, oder die unterdrückte Unschuld mit dem Schild des Worts zu decken, keine Macht, kein Verhältniß geschont. Das ist offenkundig; und doch hat das nicht gehindert, mich zu verdächtigen, mich zu verfolgen, mich anzuklagen, mich vor Gericht zu ziehen und, als die Proscription der Volksmänner in unserm Deutschland auf der Tagesordnung stand, mich auf der Liste oben an zu stellen. Wie es früher geschah, so geschieht’s heute noch; wie heute, so wird’s künftig seyn. Kann man mich verderben, so wird man mich verderben. Immerhin! der Sturm des losgeketteten Hasses und der blinden Leidenschaft soll mich nicht bekümmern. Weht er Ziegeln von meinem Dache, lege ich andere auf; schlägt er mir die Schornsteine herab, baue ich neue, festere ein. – Gegen hundert offene Feinde habe ich stets tausend stille Freunde gewonnen, die auf meine Seite traten und in meiner Ueberzeugung das Echo ihrer eigenen fanden. Also ist’s dreißig Jahre fortgegangen, bis der gerechte Gott der gerechten Sache den Sieg verlieh, und so soll’s bleiben bis an’s Ende. Die schwachen Kräfte, die ich von Oben habe, will ich anwenden, einzugreifen in das Rad der Zeit, antreibend oder hemmend, abhaltend oder ermunternd, tadelnd oder lobend, wie ich’s eben für Recht halte und es der Aufschrift meiner Fahne: – „Humanität und Freiheit!“ – ansteht. – Grau wird mein Haar und der Frost des Lebens fängt an, mich zu schütteln. Das soll aber nicht schaden. So lange die Flamme im Herzen nicht niedergeht, wird der alte Tribun in Sachen der Völker ein Wölkchen mit zu sprechen haben; sinkt aber das Feuer, – nun, so weiß er, daß er zu nichts mehr nutz ist, und dann legt er die Feder nieder. –
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