Miletus
| Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig. |
Längst vergangene Epochen sind der Spiegel der Gegenwart, und in den Gesetzen der Ausbreitung des ältesten organischen Lebens, der Pflanze, erkennen wir die Regeln für die Verbreitung des jüngsten Kindes der Schöpfung auf Erden – des Menschen. Das Gewächs zieht seine Nahrung aus der Erde; der Mensch thut dasselbe. Wie die Pflanze keimt, ihre Organismen allmählig selbstthätig sich entwickeln, die bestimmte Gestalt sich ausprägt, und die Formen sich mehr und mehr entfalten in dem Maße, in welchem das Wachsthum fortschreitet; wie der Baum grünt und blüht und sich fortpflanzt und, seinen Samen um sich streuend, erst Gruppen, dann Wälder bildet, oder, indem Stürme den Samen in die Ferne tragen, neue Standorte gewinnt: so bildet der Mensch sich aus, gründet Familien, dann Stämme, dann Völker, dann Kolonien; – und wie die Pflanzen sich scheiden in verschiedene Klassen nach der höhern oder niedern Vollkommenheit ihres Organismus, so in seinen Raçen auch der Mensch. Das ganze physische Leben des Menschen steht dem pflanzlichen so nahe, daß wir uns des Gedankens nicht entziehen können, es sey eine Erbschaft von den ältern organischen Wesen, eine von ihnen überkommene Schuld, deren Amortisation noch lange nicht vollendet ist. Auch die nach uns kommenden Reihen höherer Erdwesen werden ihren Theil daran behalten. Sey ihr Geist auch vollkommener, als der unserige, immer werden sie als Erdbürger einen Leib haben, und dieser wird den unabänderlichen Gesetzen der organischen Welt unterworfen seyn so gut wie die menschliche Hülle.
Doch lassen wir die Elohim der Zukunft! Unser Bild führt uns zu der Vergangenheit, zu Geschlechtern, die ausgeträumt haben ihren Lebenstraum vor Jahrtausenden; es führt uns zu jenem bewunderten Volke, das seinen [49] Tag zwar längst ausgelebt hat, dessen Wirksamkeit aber durch künftige Seiten geht und dessen Rechte und Befugnisse auf dem Leben haftend geblieben sind und von der Zukunft Anerkennung fordern. Auf dem Boden des Griechenthums liegt noch immer Gold unter dem Schutte anderthalb-tausendjähriger, barbarischer Knechtung und der Zeit ist die Wünschelruthe in die Hand gegeben, welche das edle Metall zu rechter Stunde aus seinem Dunkel zieht. Wenn der türkische Leichnam nicht mehr auf seinem Grabe drückt, dann wird die griechische Welt auferstehen und als neuer Lebenskern des Orients zu Tage treten.
Ueber dem Portale der Westmünster-Abtei in London stehen die Worte:
Eine stolze Inschrift, aber wahr. Denn die großen Todten der britischen Nation liegen in jenen Hallen. Haben sie gelebt? so frage ich allemal, sehe ich Trümmer zerstörter Völkersitze, öder Wohnplätze verschwundener Generationen. Wie unter den Millionen, die gedankenlos an jener Inschrift vorüber gehen, ohne sie zu lesen, nur Einige sind, die gelebt haben, so sind auch unter den unzähligen Trümmern untergegangener Herrlichkeiten auf der Erde nur wenige, in welchen der Lorbeer der Unsterblichkeit noch zwischen dem Gestein wuchert und mit seinem Grün die Mauern kleidet.
An diesem zerbrochenen Denkstein auf dem Grabe von Milet steht auch der stolze Spruch der Westminsterkirche. Der Geist der Freiheit hat ihn eingegraben, und er hat ihn fruchtbar gemacht für ewige Zeiten.
Wirf einen Blick auf eine Karte der alten Welt und wandle an der Hand der prüfenden Geschichte durch ihre Ruinenmassen. Wo tritt dir der Geist der Vergangenheit groß und stolz entgegen und erzählt von Thaten, welche die Menschheit ehren, und von Schaffen und Wirken, das Jahrhunderte lang segenbringend sich über das Volk ausbreitete? Nicht erscheint er über Trümmern von Mausoleen der Völkerbändiger; auch nicht über den Trümmern eines Palastes, den der Machtspruch eines Despoten emporzauberte, um in seinem Glanze vor aller Welt zu strahlen; auch nicht über Tempelgrüften allgewaltiger Priester; auch nicht über Denkmäler kannibalischen Völkerstreits, wo der Heldenmuth seine Lorbeern ärndtet; auch nicht über Ruinen, die blinder Glaubenshaß aufgerichtet: nein, nicht so. Ganz anders, als da, wo Tod und Knechtschaft sich um die Menschen stritten und höchstens eine Dichterklage in den Trümmern irrt, predigt der Geist der Vergangenheit da, wo muthige Völker das Glück auf den eigenen Willen bauten! Dort schweigt die Klage! Wer Menschen und Völker [50] werthet und schätzt nach Dem, was sie vollbracht haben, vergießt keine Thräne auf den Trümmern von Korinth, auf der Ebene Sparta’s, auf den Schutthaufen der Akropolis Athens. Erhoben fühlt er seine Seele vor den Gestalten großer Menschen, deren Geist einst dort die Massen belebte, die den Schimmer ihres ewigen Lebensgrüns auch auf die Millionen warfen, aus denen sie hervorragten. Du neigst dich mit Ehrfurcht vor dieser untergegangenen Welt, aus welcher jedes Antlitz, jedes Gebäude, jedes Kunstwerk dir die Kunde gibt, daß hier der Geist der Freiheit geherrscht und mit ihm die Genien des Schönen und Edlen im Leben des Volks gewaltet, und mit Stolz erfüllt dich das Bewußtseyn, als Mensch verbunden zu seyn mit dem Geiste, der jene Männer geleitet, und fähig, nach der Höhe zu streben, auf welcher sie gestanden. Vergänglich und wandelbar ist Alles, was Leben hat; beklagenswerth ist nur, was untergeht, ohne gelebt zu haben auch für die kommenden Geschlechter.
Ohne gelebt zu haben! Es ist ein fürchterliches Wort. Und dennoch – blickt um euch: wie manche Herrlichkeit der Gegenwart blendet heute euer Auge, die, wenn sie morgen in Trümmern ginge, der Menschheit so wenig hinterließe, daß auch über ihr der Geist der Geschichte schweigend stehen, oder mit mahnendem Finger auf sie hinzeigen würde. Oder glaubt ihr, ich behaupte zu viel, wenn ich sage, mein Auge ruht stolzer und frober auf dem Bilde vor mir, auf den Ruinen von Milet, als auf dem kaiserlichen Petersburg mit all seiner goldenen Pracht?
Fort mit dem Gedanken an das finstere, tückisch um sich schielende Knutenthum, fort mit der Hauptstadt der Hundedemuth und der Katzentreue! Vor uns hebt sich die ewige Klarheit und Heiterkeit des griechischen Lebens aus dem trümmerreichen Boden empor: das herrliche Milet, Kleinasiens Athen, die Stadt der Rührigkeit, der Tapferkeit, des Reichthums und der Lust.
Unweit des vielbesungenen Mäander, in einer der anmuthigsten Landschaften Ioniens, den Inseln Samos und Pathmos gegenüber, an der Küste des ägeischen Meeres und an der Grenze von Karien, streckte das gefeierte Milet zwischen reizenden Höhenzügen seine prächtigen Glieder aus. Von allen Städten der kleinasiatischen Westküste konnten nur Ephesus und Smyrna sich mit dieser mächtigen Schwester messen, die als erste Stadt Ioniens, so wie als Handelsstadt und Hauptwaffenplatz der ionischen Griechen auch in staatlicher Beziehung von hoher Bedeutung war. Alle Künste des Friedens wie des Kriegs hatten hier ihren Wohnsitz. Der Ruhm und die Macht der Milesier waren sprichwörtlich; ihre Schiffe durchfurchten alle damals bekannten Seewege und ihre Streitmacht gebot selbst den siegreichen Waffen der lydischen Könige Halt an der Grenze des milesischen Gebiets. Vor Allem bewährte sich aber ihre unermüdliche Schafflust und ihr glücklicher Unternehmungsgeist in der Gründung von Kolonien. Die Zahl der Töchter dieser fruchtbarsten aller Mütter gibt Seneca zu 380 an; mildern auch andere Angaben diese Zahl, so wird doch als sicher berichtet, daß sehr viele bekannte Städte der griechischen [51] Welt milesischen Ursprungs seyen. Wohin Milet seine Schiffe und seine Männer sandte, dahin folgte auch der Kunst- und Gewerbfleiß nach. Das „prächtige“ Milet, sagte die alte Welt. Herrlich vor allem Andern waren seine Theater und Tempel. Berühmt war seine Akademie; denn die gelehrte Bildung stand zu Milet in Blüthe und Ansehen und mehre der gefeiertsen Männer des Alterthums nennen es ihre Vaterstadt; so Thales, einer der sieben Weisen Griechenlands, der Erste, der die Naturwissenschaften in den Kreis seiner philosophischen Forschungen zog; sein Schüler Anaximander, der Erfinder der Landkarten, des Erdglobus und der Sonnenuhren, so wie dessen Nachfolger Anaximenes, der Geschichtsschreiber Hekatäus und Andere. Auf so üppigem Boden konnte neben dem Nützlichen, Schönen und Edlen auch das Unkraut nicht fehlen. Reichthum macht Uebermuth, sagt unser altes Sprichwort, und Uebermuth führt zu Schwelgerei. Milet war in dieser Beziehung das Paris der alten Welt.
Verfall der Sitten geht mit dem der Freiheit immer Hand in Hand. – Die Selbstständigkeit des Freistaats ging zuerst gegen Cyrus verloren. Doch genossen die Milesier unter persischer Hoheit noch ziemlicher Unabhängigkeit. Wo ihr Schwert nicht siegen konnte, milderte ihr Gold die Niederlage. Als sie sich aber während der Perserkriege den ionischen Griechen, welche die Fahne der Erhebung gegen Persien aufgesteckt hatten, anschlossen, verfiel die Stadt dem Geschick alles Schönen und Großen auf der Erde: sie wurde in den Staub getreten. Die Zerstörung Milets im J. 494 v. Chr. war so vollständig und schnitt so tief in die Lebensadern der Bevölkerung, daß es sich nie wieder zu dem alten Glanz emporarbeiten konnte. Kämpfe mit Samos und der peloponnesische Krieg zehrten von der kaum wieder gesammelten Kraft. Die Schlacht bei Milet, 411, zwischen den Athenern und den von einer peloponnesischen Flotte unterstützten Milesiern, ging zwar noch mild an der Stadt vorüber; dagegen bestrafte Artaxerxes den Beistand, weichen sie dem jüngeren Cyrus geleistet hatte, auf die härteste Art: alle Einwohner wurden zu Sklaven gemacht. Erst Alexanders Sieg löste diese Fesseln. So tief war aber durch die erduldete Knechtschaft Muth und Kraft der Milesier bereits gesunken, daß sie nach den Tagen des Sturms sich nicht wieder ermannen konnten. Auch das Christenthum, das in Milet schon zur Apostelzeit Wurzel schlug, konnte für die Erhebung der gesunkenen Stadt nichts wirken. Es zog vielmehr eine Menge jener Lebenskräfte, die den materiellen Interessen gewidmet waren, hinüber zu den Bestrebungen, welche den Verkehr mit einer höheren Welt sich zum Ziel setzen und in der Erweiterung des Reiches Gottes ihre Genugthuung suchen, nicht in der Vermehrung von vergänglichem Gute und irdischer Macht. Vor dem lichtumflossenen Himmelsgeiste der christlichen Offenbarung beugte sich der Erdengeist. Milet wurde eine jener ältesten Priesterschulen, deren Zöglinge das empfangene Licht hinaustrugen in alle Welt. Das Kirchliche ragte über das Staatliche und Zeitliche, und bei diesem Verhältniß sank Milet allmählig zu einer wenig bedeutenden Handelsstadt herab und hauchte zuletzt unter den blutigen Händen ostasiatischer Räuberhorden sein Leben aus. – Die Mutter [52] ist todt, aber von dem Segen, der aus ihrem Schooße hervorging, von den Pflanzstädten des glorreichen Miletus, bewahrt noch manche ein Andenken, und die großen Männer Milets leben noch heute in den Geistern fort, auch wenn man in dem türkischen Dorfe, das jetzt sich zwischen den Ruinen verkriecht, in Palath-Sha, den Namen nicht mehr kennt von Dem, was darunter begraben liegt.