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New-Orleans (Meyer’s Universum)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
DXXXXIV Der Maskenball im Opernhaus in Paris Meyer’s Universum, oder Abbildung und Beschreibung des Sehenswerthesten und Merkwürdigsten der Natur und Kunst auf der ganzen Erde. Zwölfter Band (1847) von Joseph Meyer
DXXXXV. New-Orleans
DXXXXVI. Speyer
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NEW ORLEANS

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DXXXXV. New-Orleans.




Die neue Welt ist der alten Tod, und als wäre in jener ein neues Eden aufgethan, so wandern Millionen fort und Millionen, die nicht selbst wandern können, weisen Amerika ihren Kindern und Enkeln mit den Worten: „Seht dort die neue Heimath!“ Wem ist’s zu verdenken? Wem können unsere Zustände gefallen? und wer kann die Möglichkeit ihrer Fortdauer ertragen? Rastlos, wie vom bösen Geist besessen, jagen sich ja in Deutschland die Dinge und Menschen durcheinander und an ein Ordnen ist bei diesem Widerspiel unversöhnlicher Kräfte nicht zu denken. Alle Halbheit hat von jeher zum Verderben geführt und jetzt schon sehen wir Alle ein, daß uns nur die volle Freiheit was nützen kann. Niemand kann Feuer und Wasser mengen – und doch vertragen sich diese beiden [99] Elemente noch leichter, als das Prinzip der Volkshoheit mit dem alten Schulbegriff der konstitutionellen Monarchie. – Es ist platte Thorheit, auf solcher Grundlage den Neubau des deutschen Staats aufzuführen. Hat noch je eine konstitutionelle Staatsverfassung, trotz der unzähligen Experimente, ihrem Zweck entsprochen? Keine, weil keine es vermag. Gute Staatsverfassungen sollen der Ausdruck geselliger Vereine seyn, welche selbstständige Menschen unter sich zu wechselseitiger Hülfleistung und zu gegenseitigem Schutz, zu gemeinsamer Sicherheit und zur Vermehrung ihres Glücks errichten; nicht aber das, was unsere konstitutionellen Monarchien daraus machen, Anstalten, um die arbeitenden Majoritäten auf Kosten der genießenden und verzehrenden Minoritäten auszubeuten. Darum ist in solchen Staaten jeder Schritt, der dieses Ziel nicht fördert, auf Täuschung berechnet und alles Thun zum Gegentheil nur scheinbar, ein Thun ohne Frucht und Segen. Jede Maßregel für Volksfreiheit läßt, wenn man ihr scharf auf den Grund sieht, alsbald die verborgene Verneinung erkennen. Das ganze volksfreiheitliche Treiben der konstitutionellen Regierungen ist dem Saturn zu vergleichen, der seine Kinder zeugt und – frißt. So lange die Nation diesen Widerspruch im Prinzip gelten läßt, so lange muß sie die Hoffnung auf die Aerndte ihrer Märzaussaat vertagen, und keine Kraft, kein Genie, kein aufopfernder Einzelwille kann ihr helfen. Ihre Männer, seyen sie Männer der höchsten Fähigkeit, des reinsten Willens und des unerschrockensten Muthes – sie mögen sich aufreiben im ausdauernden Kampf; aber es wird nichts fruchten. Solcher Zustand ist nachgerade unerträglich geworden; Allen unerträglich. Er muß enden. Da die Monarchie es verschmäht hat, die Braut der deutschen Zukunft – die Republik – zum Altare zu führen, ihr aber eine andere Bestimmung als die, dem souveränen Volke den seitlichen Uebergang zur Selbstregierung zu vermitteln und zu erleichtern, nicht eingeräumt werden kann, so bleibt dem Volke nichts übrig, als ganz mit ihr zu brechen und den feindseligen Gegensatz seiner Hoheit zu entfernen. Es kann keinen Selbstmord begehen um der Alleinherrschaft willen, und noch weniger ist ihm zuzumuthen, daß es, nachdem es der Freiheit Altäre aufgerichtet und ihr so blutige und theure Opfer gebracht hat, seinen alten Drängern gestatte, sie wieder umzureißen und das frühere System zurückzuführen, welches den Bürger verjagt, damit der demüthige Unterthan und willenlose Knecht zurückkehre und der Mensch wieder zur bloßen Ziffer herabsinke, die nur nach dem Ertrage zählt. Die Monarchie hat durch ihre Reaktionsversuche seit der Revolution dem Volke bewiesen, daß kein Vertrag mit ihr zu schließen sey. Will also die Nation nicht im fortdauernden stillen Bürgerkrieg mit ihren Regierungen auf Glück und Ruhe verzichten, will sie nicht zulassen, daß das gesellschaftliche Leben sich aufreibe und auflöse im unnatürlichen Streite zwischen Haupt und Gliedern, so muß sie jetzt die Konsequenzen ihrer Erhebung entschlossen bis an’s Ziel verfolgen. Die Tage der Täuschung sind vorüber. Unter gleißender Hülle birgt die Monarchie die bitterste Feindschaft gegen die Majestät des Volks und dessen Freiheit, und läßt man ihr Zeit, die Gifte, welche sie grausam und unerbittlich in ihrer Werkstatt bereitet, dem verhaßten Volksgeiste beizubringen, so wird die deutsche Freiheit [100] vor der Entwickelung sterben und endigen in einem Reiche der Gewalt und wüthenden Leidenschaften, in welchem das Raubthier sich selbst Alles, den Andern nichts gestattet. Dann ist keine Zukunft mehr für Deutschland, als der starre Despotismus der Viel- oder der Alleinherrschaft; und ihr Resultat ist – Knechtschaft, Barabarei und Volkselend. Das eben ist’s was so Viele fürchten, denen die Hoffnungssonne im Westen aufgeht und die den Rettungsanker in Amerika auswerfen.

New-Orleans ist das künftige London der neuen Welt. Schon ist’s nach Größe und Bevölkerung die dritte Stadt der Union, nach Reichthum und Handel die zweite des Welttheils und nur New-York über ihr. Aber ihre Lage gibt ihr eine Wachsfähigkeit von so ungeheuerer Kraft und solchem Nachhalt, daß es kein Zweifel ist, daß sie, noch ehe das Jahrhundert schließt, New-York überflügelt haben wird. – Als die Hafenstadt des Missisippithals beherrscht sie über 40,000 engl. Meilen natürliche Wasserstraßen und durch Kanäle und Eisenbahnen streckt sie ihre Verbindungen diesseits bis in das atlantische Meer und westwärts bis zum stillen Ocean aus. 300 Dampfboote unterhalten ununterbrochen den Verkehr auf diesem unermeßlichen Gebiete und 2000 Flußfahrzeuge führen die Produkte desselben herbei, welche New-Orleans der übrigen Welt zusendet. Von Baumwolle allein werden hier jährlich über 100 Millionen Pfund verladen, und über 30 Millionen Gulden ist der Werth der übrigen Ausfuhren in den letzten Jahren gewesen. So unermeßlich dieser Verkehr erscheint: er ist doch nur der Anfang von dem, was er seyn wird, wenn einst das Handelsgebiet von Neu-Orleans, das eine Bevölkerung von 200 Millionen bergen kann, seine Kulturfähigkeit vollständig entwickelt haben wird. Diese Entwickelung wird mit jedem Jahre rascher und kräftiger; denn der Strom der Einwanderung mündet jetzt vorzugsweise in dieses Gebiet aus und steigert dessen Produktion an Handelsgütern immer fort. Daher das Wachsen der Stadt selbst in einer Weise, die sogar in der neuen Welt außerordentlich, in der alten aber ohne Beispiel ist. 1732 war New-Orleans ein Flecken, den 500 Europäer und 2000 Sklaven bewohnten. Die Bevölkerung war bis 1802 langsam auf 10,000 angewachsen. Nachdem jedoch Louisiana als Staat in die Union aufgenommen worden war, wuchs sie reißend: 1831 hatte sie 50,000 Einwohner, 1847 100,000.

Ohne Ein Hinderniß wäre das Aufblühen von New-Orleans noch riesenhafter, und dies eine Hemmniß wird wohl auch ewig als Blei an seinen Schwingen hängen. Die Stadt wird nämlich auf drei Seiten von unermeßlichen Sümpfen eingeschlossen, die nie trocken zu legen sind und die die Dominien der Alligatoren und Schlangen bleiben. – Hier hat der Genius des Todes sein Laboratorium und Jahr aus Jahr ein dezimirt er mit dem „gelben Fieber“, das alle 12 Monate neu geboren wird, die Bevölkerung. Wenn im Hochsommer der grüne Schleim die endlosen Cypressensümpfe bedeckt und seine Miasmen der stolzen Stadt in’s Antlitz bläst, dann flieht Alles, was fliehen kann, fort in gesundere Gegenden und der Tod erhebt von dem bleibenden Theil der Bevölkerung unerbittlich einen kaum erschwinglichen Tribut.