Oeffentliche Desinfektionsanstalten

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Titel: Oeffentliche Desinfektionsanstalten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 645–647
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Oeffentliche Desinfektionsanstalten.
Die Gartenlaube (1889) b 645.jpg

Desinfektionsapparat von Oskar Schimmel u. Komp. in Chemnitz.

Unserer Zeit war es vorbehalten, einen der grimmigsten Feinde der Menschheit, die Seuche, zu entlarven. Jahrtausende lang seufzte die Menschheit unter der Geißel der ansteckenden und epidemischen Krankheiten, rang mit dem Dämon der Pest und der Cholera, ohne das Wesen dieser verheerenden Krankheiten zu kennen, und war darum machtlos in der Bekämpfung derselben. Der Wissenschaft ist es nunmehr gelungen, die Ursache der meisten jener Krankheiten festzustellen, und wir wissen alle, welchen Antheil an diesem Triumphe die deutsche Forschung gehabt hat. Wir wissen nunmehr, daß Bakterien die Erzeuger der meisten Seuchen sind, und nachdem dies einmal festgestellt ist, rüsten wir uns, den Feind zielbewußt zu bekämpfen.

Zerstörung des Ansteckungsstoffes, Desinfektion, das war schon seit langer Zeit das Schlagwort der Aerzte. Aber nur zu oft tappte man dabei im Dunkeln umher, nur selten konnte man die richtigen Mittel finden. Feuer war noch das sicherste, und man verbrannte darum Kleider und Betten der an Seuche Erkrankten, zerstörte werthvolle Güter, um das werthvollste, das Leben, zu retten. Noch heute wendet man dieses Mittel an; wir möchten nur als Beispiel anführen, daß während der letzten Choleraepidemie auf Sicilien in Katania allein auf einmal 3500 Matratzen verbrannt wurden.

Die italienischen Behörden kannten damals anscheinend noch nicht eine deutsche Erfindung, welche es ermöglicht, fast alle Gegenstände unseres Haushaltes, unsere Kleidung und Wäsche aufs gründlichste zu desinfizieren, ohne deren fernere Benutzung irgend wie in Frage zu stellen. Wir haben bereits im Jahre 1883 (Nr. 52 der „Gartenlaube“) auf jene Erfindung kurz hingewiesen; heute sind wir in der Lage, von ihrem praktischen Nutzen zu berichten und gemeinnützige Anstalten zu beschreiben, welche durch sie hervorgerufen worden sind.

Schon im Jahre 1881 hatte die Firma Oskar Schimmel u. Komp. in Chemnitz die Anwendung heißer Dämpfe zur Desinfektion empfohlen und einen Apparat zu diesem Zwecke hergestellt. Zu dieser Zeit wurde durch die Arbeiten Kochs, des Entdeckers des Cholerabacillus, und seiner Schüler festgestellt, daß heiße [646] Wasserdämpfe von mindestens 100° C. das sicherste Mittel seien, Gebrauchsgegenstände zu desinfizieren, da sie imstande sind, in verhältnißmäßig kurzer Zeit auch die Keime der meisten mikroskopischen Lebewesen zu zerstören.

Die Gartenlaube (1889) b 646 1.jpg

In der ersten öffentlichen Desinfektionsanstalt in Berlin.

Der Schimmelsche Apparat wurde inzwischen in mehreren Krankenhäusern eingeführt, und da er sich dort bewährte, so wandte man ihm doppelte Aufmerksamkeit zu. Er bestand siegreich alle Prüfungen und Versuche, die man mit ihm anstellte, und man entschloß sich im Jahre 1886, eine öffentliche Desinfektionsanstalt zu gründen und mit diesem Apparat auszurüsten. Der deutschen Reichshauptstadt gebührt der Ruhm, diese gemeinnützige Neuerung ins Leben gerufen zu haben.

Heute besitzt Berlin bereits zwei derartige Anstalten, die fortwährend von besonders abgesandten Sachverständigen der größten Städte des In- und Auslandes besichtigt werden, und auch in anderen Großstädten findet man dergleichen Einrichtungen. Es ist aber im Interesse der Volkswohlfahrt zu wünschen, daß die Bewegung sich ausbreite und selbst in die kleineren Städte dringe. Gleichzeitig ist auch erforderlich, daß breite Volksschichten mit dem Nutzen der öffentlichen Desinfektionsanstalten vertraut gemacht werden und von ihnen in entsprechender Weise Gebrauch machen.

Wie ist eine solche Anstalt beschaffen wie geht es in derselben zu? Wir wollen versuchen, es in aller Kürze zu schildern.

Zunächst wollen wir den Desinfektionsapparat selbst ins Auge fassen.

Unsere Abbildung S. 645 veranschaulicht uns die Konstruktion der neuesten Form desselben. Wir haben einen cylindrischen eisernen Kasten vor uns. Die Rohre, die in denselben münden oder von ihm aufsteigen, dienen zum Vorwärmen des Apparates, zum Zuführen heißer Dämpfe oder zur Ableitung derselben und zur schließlichen Lüftung. Der Dampfdruck wird durch Ventile geregelt. Im Innern des Kastens, der selbstverständlich in beliebiger Größe hergestellt werden kann, befindet sich ein verschiebbares Wagengestell, auf welches die zu desinfizierenden Gegenstände wie Matratzen, Betten, Wäsche, Kleider etc. gelegt werden. Ist das Wagengestell gefüllt, so wird es auf Schienen in den Apparat hineingeschoben, die Thür luftdicht verschlossen und heißer Dampf unter einem bestimmten Druck etwa eine Viertelstunde lang in den Apparat hineingelassen. Während dieser Zeit wird selbst das dickste Polster der größten Matratzen derartig erhitzt, daß die Temperatur über 100° C. beträgt, und somit ist in dieser Zeit der gesammte Inhalt des Wagengestells aufs gründlichste desinfiziert.

Die Gartenlaube (1889) b 646 2.jpg

Schematischer Grundriß einer öffentlichen Desinfektionsanstalt.

Außer den cylindrischen Apparaten werden auch viereckige gebaut. Wir sehen sie auf unserer obenstehenden Abbildung wiedergegeben. Im Hintergrunde ist an einem derselben das Wagengestell vorgeschoben und wird gerade gefüllt. Die mit II und III bezeichneten Apparate sind geschlossen, befinden sich in Thätigkeit. Die Abbildung stellt einen der Desinfektionsräume der ersten öffentlichen Desinfektionsanstalt in Berlin dar.

Die Einzelheiten des Bildes werden unseren Lesern sofort klar, [647] wenn wir ihnen eine Skizze der allgemeinen Einrichtung einer solchen Anstalt entwerfen. N. N. wünscht, daß seine Sachen, da in der Familie ein Diphtheritisfall vorgekommen ist, desinfiziert werden. Nach erfolgter Anzeige, die in Berlin auch durch jede telephonische Gelegenheit besorgt werden kann, fährt vor seinem Hause ein Anstaltswagen vor. Das Anstaltspersonal füllt die Sachen in mitgebrachte Leinwandsäcke, die mit Carbolsäure besprengt sind, und fährt mit ihnen nach der Anstalt ab.

Einen Grundriß derselben finden wir in der beigegebenen Planzeichnung.

Der Wagen fährt vor die Thür T1; hier werden die mit Ansteckungskeimen behafteten Sachen in Empfang genommen und in den Aufbewahrungsraum R1 gebracht. Von diesem gelangen sie in den eigentlichen Desinfektionsraum D1, den wir in dem großen Bilde dargestellt sehen. Von jedem der drei Apparate (a), die hier aufgestellt sind, ist nur die Hälfte sichtbar; denn die Räume D1 und D2 sind durch eine luftdichte Wand (W) von einander getrennt und in diese sind die Apparate eingemauert. Im Raum D1 wird der Wagen des Apparates mit den zu desinfizierenden Sachen gefüllt und, nachdem der Apparat geschlossen worden ist, der Dampf eingelassen. Ist die Desinfektion nach einer festgesetzten Frist, etwa einer halben Stunde, beendet, dann wird durch ein Klingelzeichen das Personal in dem Raume D2 davon in Kenntniß gesetzt. Es öffnet hierauf die in diesem Raume befindliche zweite Thür des Apparates, zieht den Wagen heraus, entnimmt ihm die desinfizierten Gegenstände und bringt sie in den Aufbewahrungsraum R2, der von dem Raume R1 gleichfalls durch eine luftdichte Wand abgeschlossen ist.

Ein neuer Wagen fährt hierauf vor die Thür T2 und bringt die desinfizierten Sachen dem Eigenthümer zurück, der sie ohne die geringste Gefahr für die Gesundheit wieder benutzen kann.

In der Anstalt ist aufs strengste der Grundsatz durchgeführt, daß zwischen den Leuten, welche mit den zu desinfizierenden Sachen, und denjenigen, die mit den desinfizierten Sachen zu thun haben, keine Berührung stattfindet. Für beide Theile sind besondere Eingänge geschaffen, auch der Wagenhof ist durch eine Mauer abgetheilt; besondere Wagen holen die Sachen ab und besondere bringen sie zurück.

In diesen Apparaten, die in ähnlicher Form nunmehr auch von anderen Firmen gebaut werden, können alle Gebrauchsgegenstände desinfiziert werden, und fast keiner erleidet durch die heißen Dämpfe Beschädigung. Nur das Leder wird brüchig und nur bei unecht gefärbten Stoffen leidet etwas die Farbe, während die echt gefärbten unverändert bleiben. Die Federbetten werden sogar durch die Behandlung mit Dampf sozusagen aufgebessert.

Die öffentlichen Desinfektionsanstalten sind eine der mächtigsten Waffen, die uns die Neuzeit gegen die Verbreitung von Seuchen geliefert hat. Der Wunsch nach ihrer Ausbreitung ist durchaus gerechtfertigt, und bald wird vielleicht die Zeit kommen, in welcher der Gedanke des auf diesem Gebiete hochverdienten Verwaltungsdirektors des Berliner Krankenhauses Moabit, Heinrich Merke, zur Verwirklichung gelangt. Bei der Gründung der ersten Berliner Anstalt hat derselbe vorgeschlagen, daß in einem jeden Kreise eine fliegende Desinfektionsanstalt errichtet würde, welche im Falle der Noth, also bei Ausbruch einer Epidemie, den bedrohten Städtchen und Dörfern zu Hilfe eilen könnte. Der Gedanke ist beherzigenswerth. Deutschland wäre ja dadurch in steter Kriegsbereitschaft gegen die heimtückischsten Feinde, welche jahraus jahrein so viel blühende Menschenleben dahinraffen. Möchte dieser Gedanke in den gemeinnützigen Vereinen und den Gemeindeverbänden einen lebhaften Wiederhall finden! Wir haben die Seuche, unsere Todfeindin, in ihrem Wesen erkannt, suchen wir also mit den sicher treffenden Waffen der Technik und der Wissenschaft ihrer Ausbreitung Einhalt zu gebieten. *