Opiumhandel und Opiumindustrie

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Textdaten
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Autor: F. D–ch.
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Titel: Opiumhandel und Opiumindustrie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 506
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[506] Opiumhandel und Opiumindustrie. Nicht allein dem Laien, auch Demjenigen, der mit den Dimensionen des Großhandels etwas näher bekannt ist, fehlt häufig der Maßstab für die Bedeutung des Opiumhandels und der Opiumindustrie. Unser Wissen beschränkt sich der Hauptsache nach auf die Thatsache, daß die Orientalen, namentlich die Chinesen, abscheuliche Opiumesser sind, daß selbst das Prügeln mit Bambusstöcken, ja sogar die Todesstrafe diesem Laster keinen Einhalt zu thun vermögen, daß das sittenstrenge, fromme England, die Heimath der Bibelgesellschaften, China wegen seines Opiumhandels im Jahre 1840 bekriegte und daß es gegenwärtig jährlich nahezu für zehn Millionen Pfund Sterling von diesem Gifte an die Chinesen verkauft. Handelt es sich jedoch um diejenigen Quantitäten, welche bei uns verbraucht werden, so fehlen uns die Anhaltspunkte für eine Schätzung, denn es sind scheinbar ungemein kleine Mengen, um die es sich hier handelt. Im Großhandel erreicht der Opiumverbrauch jedoch ungeheure Dimensionen, namentlich seitdem die Medicin mit Vorliebe das Opium und seine Fabrikate verwendet.

Es läßt sich annehmen, und wir greifen unsere Zahl eher zu gering als zu hoch, daß auf dem europäischen Festlande mindestens sechstausend Centner Opium in einem Werthe von sechs Millionen Gulden allein zur Darstellung seiner Pflanzensalze (Alcaloide) verbraucht und daß mindestens ebenso viel zu anderen Arzneizwecken verwandt werden. Aus diesen Ziffern ersieht man die Bedeutung des Opiums für die moderne Medicin. Was würde heute Tabernämontanus sagen, der im sechszehnten Jahrhundert einst mit Entrüstung ausrief:

„Die Landstreicher und verzweifelte Juden haben diesen Saft beständig im Gebrauch und pflegen große Wunderzeichen damit auszurichten, dieweilen sie gar behend alle Schmerzen damit können stillen und widerlegen und ihnen selbst damit ein Ansehen bei dem gemeinen Mann geben. Vor solchen losen Aerzten will ich Jedermann gewarnt haben, daß er solche Leut’, so gar kein Gewissen haben, müßig gehe: denn sie gedenken nur die Schmerzen zu lindern, es gehe nachher wie es wolle.“

Die drei Hauptstapelplätze des continentalen Opiumhandels sind gegenwärtig die chemischen Fabriken von E. Merk in Darmstadt, Dubosc in Paris und F. Jobst in Stuttgart. Die erstere ist unstreitig die bedeutendste. Ihr Begründer ist der als der größte Opiumbrenner berühmte, 1860 verstorbene Heinrich Emanuel Merk. Er betrieb anfänglich die Morphiumfabrikation in einem kleinen Gartenhause und verarbeitete Quantitäten von nur wenigen Pfunden. Heute bedeckt die Fabrik den Raum eines ganzen Stadtviertels, und allein zum Zwecke der Morphiumdarstellung werden täglich fünf Centner Opium, etwa einen Werth von fünftausend Gulden repräsentirend, verarbeitet. Der Gesammtopiumconsum der Fabrik dürfte sich über zweitausend Centner belaufen. Ihr Waarenlager stellt einen Werth von mindestens einer Million Gulden dar, und noch weit höher beläuft sich wohl der Jahresumsatz. In Paris besitzt die Firma eine Filiale. Neben Deutschland sind es vorzugsweise die Schweiz, Italien, Belgien, die Niederlande und Rußland, wo die Fabrik ihre Präparate absetzt. Allein der Absatz nach Italien soll einen Werth von über hunderttausend Gulden repräsentiren.

Dieser überraschende Engros-Betrieb der Darstellung der Opiumpräparate ist besonders darum merkwürdig, weil auch hier durch das Beispiel gezeigt wird, wie jeder Geschäftsbetrieb erst dadurch, daß mit großen Massen gearbeitet wird, zu einem einträglichen wird. Bekanntlich verringern sich die auf das Product entfallenden Kosten in dem Maße, als die Masse des Materials zunimmt. Bei der Opiumindustrie tritt aber der Preis des Rohmaterials der Anwendung dieses für die meisten Zweige der chemischen Industrie geltenden Grundsatzes hindernd entgegen. Einmal sind von dem Opium sehr verschiedene Qualitäten im Handel und die theuereren, diejenigen, welche das meiste Morphium enthalten, sind die einträglicheren, und außerdem ist der Preis des Opiums überhaupt ein so hoher – der Centner kostet gegenwärtig circa tausend Gulden – daß es sich, will man günstige Handelsconjuncturen benützen, um Summen handelt, welche nur wenigen auserwählten Sterblichen zu Gebote stehen. Nur Actiengesellschaften können auf diesem Gebiete der Industrie noch prosperiren.

Bei der Merk’schen Fabrikation kommt noch besonders das Verdienst des Gründers der Fabrik hinzu, welcher eine Methode für die Darstellung der Opiumalcaloide gefunden hat, durch welche die einzelnen Pflanzensalze nicht allein auf das Vollständigste ausgeschieden werden können, sondern welche auch diejenigen Bestandtheile, welche keinen Handelswerth besitzen, auf die einfachste Art entfernt.

Das Opium enthält neben seinen Alcaloiden, dem Morphium, Mekonin, Thebain, Narcein und Codein, nämlich noch mehrere andere zu beseitigende organische Substanzen, namentlich Kautschuk, Gummi, Eiweiß und Porphyroxin, welche die Herstellung eines reinen Productes wesentlich erschweren können, und welche gerade durch die Merk’sche Methode rasch beseitigt werden.

Bei einem guten Opium erhält man aus fünf Centnern mindestens achtzehn Kilogramm Morphium, welche, das Pfund zu hundertsechsunddreißig bis hundertundvierzig Gulden gerechnet, einen Werth von etwas über fünftausend Gulden repräsentiren, fünfhundertzehn Gramm Codein im Werth von zweihundert Gulden, dreihundertsechszig Gramm Thebain im Werthe von siebenhundertzwanzig Gulden, ebensoviel Mekonin im gleichen Werthe, und endlich ergiebt sich eine Ausbeute von zweihundertfünfundachtzig Gramm Narcein im Werthe von fünfhundertsechszig Gulden, so daß sich bei der fabrikmäßigen Ausbeutung des Opiums ein aus Obigem leicht zu berechnender, ansehnlicher täglicher Gewinn ergiebt.

Alles das kömmt in den Handel und wird mit wahrhaft fabelhafter Schnelligkeit consumirt, so daß das, was die verschiedenen bestehenden Fabriken produciren, oft kaum ausreicht, um den Bedarf zu decken. Manchem erscheinen die Zahlen, um welche es sich im Großbetrieb handelt, ungeheuerlich. Es klingt unglaublich, wenn man hört, daß eine Londoner Firma wöchentlich zweitausend Säcke Weizenmehl zu jenen kleinen, unscheinbaren Biscuits verbraucht, welche bei den Damen als Dessert so beliebt sind. An dem Beispiele der Opiumalcaloide, von denen ein kleines Stäubchen bereits seine Wirkung auf den thierischen Organismus ausübt, glaube ich meinen Lesern gezeigt zu haben, zu welchen ungeheuren Ziffern auch die unscheinbarsten Quantitäten anwachsen, sobald es sich um den Bedarf ganzer Länder und Völker handelt.

F. D–ch.