P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768)

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Autor: Augustin Bringmann, Florian Baucke
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Titel: P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768)
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Erscheinungsdatum: 1908
Verlag: Herdersche Verlagshandlung
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Erscheinungsort: Freiburg im Breisgau
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Missions[WS 1] - Bibliothek


P. Florian Baucke,
ein deutscher Missionär in Paraguay
(1749–1768)


Nach den Aufzeichnungen Bauckes


neu bearbeitet von


Augustin Bringmann S. J.


Mit 25 Bildern und einer Karte.


Freibug im Breisgau.
Herdersche Verlagshandlung.
1908.
Berlin, Karlsruhe, München, Straßburg, Wien und St. Louis, Mo.
Alle Rechte vorbehalten.


Vorwort.

Die ehemaligen Reduktionen von Paraguay gehören zu den schönsten Schöpfungen, die katholischer Missionseifer jemals hervorgebracht. Ihre erste Gründung und Einrichtung ist ganz das Verdienst der spanischen Jesuiten, eine Frucht heroischer Opfer und Mühen. Daß aber die Reduktionen in ihrer letzten Glanzperiode von 1700 bis 1767 auch in wirtschaftlicher und gewerblicher Hinsicht sich so herrlich entfalteten, haben sie in erster Linie dem praktischen Geschick und unverdrossenen Fleiße der etwa 120 deutschen und niederländischen Missionare zu danken, die in diesem Zeitabschnitte dort wirkten.[1]

Unter diesen deutschen Missionaren nimmt P. Florian Baucke[2] einen ehrenvollen Platz ein.

Geboren am 24. September 1719 zu Witzingen in Schlesien, trat er 1736 in die Gesellschaft Jesu und kam bereits 1748 nach Paraguay, wo er bis 1766 wirkte. Er „war der echte Typus eines deutschen Missionärs, praktisch, erfahren in allen Künsten und Gewerben, ein trefflicher Musiker, voll Humor und von ungewöhnlichem Geschick in der Behandlung der Wilden“[3]. Nach der gewaltsamen Vertreibung der Jesuiten aus den spanischen Kolonien und nach halbjähriger Haft zu Puerto de Santa Maria bei Cádiz kehrte Baucke 1769 in seine deutsche Heimat zurück, lebte nach Aufhebung der Gesellschaft Jesu 1773 mehrere Jahre zu Neuhaus in Böhmen und starb um 1780. Den Aufforderungen lieber Freunde folgend, schrieb er seine sehr interessanten Missionserinnerungen nieder und gedachte dieselben auch im Druck herauszugeben, fand aber für das allzu umfangreiche Manuskript keinen Verleger.

Als Hausfreund des Cistercienserstiftes Zwettl in Nierderösterreich übergab er seine Handschrift dem dortigen Prior, P. Plazidus Assem, der sie mit vielem Fleiße niedlich abschrieb und von Baucke selbst wieder nachsehen und verbessern ließ. Diese Abschrift (die Originalabschrift Bauckes ist, wie es scheint, verloren gegangen) befindet sich heute noch in der Handschriftensammlung (Nr 421 und 422) des Stiftes Zwettl. Sie umfaßt zwei starke Quartbände von zusammen 1046 Seiten und trägt den Titel: „Hin und her, hin süße und vergnügt, her bitter und betrübt; das ist: Treu gegebene Nachricht durch einen im Jahre 1748 aus Europa in West-Amerika, nahmentlich in die Provinz Paraguay abreisenden und im Jahre 1769 nach Europa zurückkehrenden Missionarium, in welcher er besonders seinen in der Provinz Gran Chaco, unter denen Indianern, Mocobier oder so genannten Guaycuru, achtzehnjährigen Aufenthalt, seine Arbeiten, benannter Indianer Heiden- und Christenthum, Zurückreise in Europa, wie auch des Landes Witterung, Erdreich, Gewässer, Früchte, Wälder, Thiere, Vögel, Fische, kriechende und fliegende Ungeziefer, sammt anderen fremden und artigen Beschaffenheiten erzählet, mit verschiedenen Kupfern untermenget, in sechs Theile zergliedert.“

Die von Bauckes Hand stammenden, zum Teil kolorierten Handzeichnungen sind den zwei Bänden beigebunden. Der Rest wird zugleich mit einigen Kleinigkeiten, z. B. Fischgräten, mit denen die Mokobier sich zur Ader lassen, in der Bibliothek des Stiftes aufbewahrt. 1829 gab einer der Stiftsherren, P. Johann Frast, ein Büchlein heraus unter dem Titel:

Pater Florian Pauke’s Reise in die Missionen nach Paraguay, und Geschichte der Missionen St. Xaver und St. Peter. Ein Beytrag zur Geschichte der Jesuiten in Paraguay. Aus der Handschrift Pauke’s herausgegeben von P. Johann Frast, Cistercienser des Stiftes Zwetl und Pfarrer zu Edelbach. Wien 1829. Bey Anton Edlem von Schmid, k. k. privil. und n. ö. Landschafts-Buchdrucker und Buchhändler.“

„Ich nahm mir vor“, so schreibt Frast im Vorwort, „von Paukes Werk alles auszulassen, was die Naturgeschichte des Schauplatzes seines Wirkens betrifft, weil dieser nichts anderes darbietet, als was man in den häufig über Paraguay erschienenen Darstellungen zur Genüge findet. Ich wollte nur das liefern, was Pauke tat und was die Geschichte seiner Mission und seiner Person, angeht. Ich behielt seine Ordnung auf das genaueste bey, erlaubte mir keine Zusätze, stellte nichts anders dar, als was und wie er es that. Nur das zu Weitläufige zog ich zusammen, die veraltete Sprache, wenn ich mich dieses Ausdruckes bedienen darf, übersetzte ich in unsere gegenwärtige.“

Vierzig Jahre später erschien das Buch: P. Florian Baucke, ein Jesuit in Paraguay (1748–1766). Nach dessen eigenen Aufzeichnungen von A. Kobler, Priester der Gesellschaft Jesu. Mit Abbildungen (8° XI u. 712) 1870. Dasselbe bietet sachlich fast den ganzen handschriftlichen Text Bauckes, aber in freier Umarbeitung und ganz moderner Sprache. Es geht also inhaltlich weit über den kürzeren Auszug Frasts hinaus. Anderseits hat Frast die frische Ursprünglichkeit des Originals treuer bewahrt und manche interessante Einzelheiten beibehalten, die bei Kobler fehlen. Die beiden Darstellungen ergänzen sich gegenseitig, und da Frast seit Jahren vergriffen ist, dürfte eine Neuauflage sich wohl rechtfertigen, gehört doch Bauckes Schrift neben den Darstellungen der Patres Dobrizhoffer, Anton Sepp von Rechegg, Martin Schmid, Bernhard Nußdorffer u. a. zu den Besten, was wir über die Reduktionen von Paraguay aus der Feder deutscher Missionare besitzen.

Die neue Ausgabe erscheint sprachlich verbessert, jedoch so, daß der gemütvolle Ton des in sehr unbeholfenem Stil geschriebenen Originals noch einigermaßen durchschimmert. Eine Reihe Bemerkungen und Zusätze, zum Teil aus Kobler herübergenommen, erläutern den Text und zeichnen genauer den geschichtlich-geographischen Gesamtrahmen, in welchen die Schilderung Bauckes hineinfällt.

Das beigefügte Kärtchen zeigt das umfangreiche Ländergebiet, das man noch im 18. Jahrhundert unter dem Namen Paraguay zusammenfaßte.

Die in den Text verflochtenen Illustrationen sind nach den Originalzeichnungen Bauckes hergestellt, die von dem hochwürdigen Herrn Stiftsbibliothekar von Zwettl der Verlagshandlung bereitwilligst zur Benützung überlassen wurden.

So möge der gute alte Baucke abermals in die deutschen Gaue ausziehen und dem heutigen Geschlecht erzählen, wie wackere deutsche Apostel einst in Paraguay gewirkt.


Inhalt.




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Verzeichnis der Abbildungen.
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1. Bespannter Wagen (Carreta). Das Joch (oben links) 21
2. Mokobier 32
3. Tätowierung, Kinn- und Ohrschmuck der Mokobier 34
4. Lederwams der Mokobier, als Panzer getragen 36
5. Wams der Mokobier aus Tigerfell 36
6. Kopfbedeckung der Mokobier 40
7.    "   "   " 41
8.    "   "   " 44
9.    "   "   " 45
10. Lanzen der Mokobier 51
11. Irdene Gefäße der Mokobier 54
12. Wurfschleuder der Mokobier 58
13. Bogen, Pfeile und Köcher der Mokobier 59
14. Tätowierung und Ohrschmuck der Mokobierfrauen 64
15. Haarfrisur eines heiratsfähigen Mokobiermädchens 65
16. Pflug der Reduktionsindianer 79
17. Egge der Reduktionsindianer 80
18. Sattel der Mokobier 82
19.    "   "   " 83
20. Pferdezaum der Mokobier 84
21. Steigbügel der Mokobier 85
22. Lasso der Mokobier 90
23. Wurfschlinge (Bola) der Mokobier 91
24. Pulverhorn der Mokobier 98
25. Die Reduktion des P. Baucke in S. Xavier 109
   
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Erstes Kapitel.
Die Reise P. Bauckes nach Paraguay.

Von Olmütz nach Malaga.

Nach elfjährigem Ansuchen kam vom Ordensgenerale zu Rom endlich 1748 die Erlaubnis, daß ich als Missionar in fremde Länder ziehen dürfe. Vorerst wurde mir Paraguay zum Wirkungskreise angewiesen. Mein Herz war voll Freude, süße Tränen entperlten meinem Auge; kein Gedanke an die Beschwerden der Reise, an das Ungewohnte der Meeresfahrt, an die Gefahren des Todes oder an schmachvolle Marter vermochten meine frohe Stimmung zu trüben. Ich hegte nur das eine Verlangen, baldigst abreisen zu können. Mein Wunsch wurde erfüllt. Obwohl ich erst im dritten Jahre Theologie hörte, wurde ich den 8. Jänner von Olmütz abgesandt, um den 16. zu Brünn vom Kardinal v. Troyern zum Priester geweiht zu werden. Noch am Tage meiner ersten heiligen Messe reiste ich um 4 Uhr nachmittag ab und kam den 11. Hornung[WS 2] in Begleitung eines andern Jesuiten zu Livorno an.

Das für uns bestimmte Schiff war bereits abgefahren. Doch fanden wir bald ein Handelsschiff, das Getreide nach Lissabon führte. Dieses nahm uns auf. Der Kapitän mit dreizehn Matrosen machte die Bemannung aus. Wir waren sieben Jesuiten und hatten noch vier Franziskaner und fünf weltliche Herren zu Reisegefährten.

Den 15. Hornung, um 3 Uhr morgens, hoben wir die Anker und gaben uns den Wellen hin. Am 17. sahen wir Sardinien und Korsika; den folgenden Tag ein englisches Schiff, das Jagd auf uns machte, dann aber, als es die schwedische Flagge bemerkt hatte, seine Richtung änderte.

Nun trat ungünstige Witterung ein. Der Regen nötigte uns, das Verdeck zu verlassen, widrige Winde hemmten unsere Fahrt, bewegten stürmisch die See und erzeugten bei den meisten meiner Gefährten Übelbefinden. Unsere Lage verschlimmerte sich, ein Ungewitter erhöhte die Angst. Ich und ein anderer Ordensgenosse wollten die Herzhaften spielen, ergriffen unsere Violinen, legten sie aber bald wieder weg, als Sturmgeheul und Donnerschläge den erzwungenen Scheinmut vertrieben. Das Eindringen der empörten Wellen, das Krachen beschädigter Balken, die kummervolle Miene des Kapitäns, der bekannte, in seinem ganzen Leben noch kein so ungestümes Gewitter erfahren zu haben, waren ebensoviele Szenen des Schreckens. So ging es die ganze Nacht hindurch. Der kommende Morgen beruhigte uns nur insofern, als wir nun sahen, daß kein festes Land in der Nähe sei, an das uns der noch immer ungebändigte Wind hätte werfen können; sonst waren wir noch immer in der kläglichsten Lage und verharrten mehrere Tage in banger Sorge. Endlich kehrte der glatte Meeresspiegel wieder, die Winde legten sich. Aber schon drohte neues Ungemach. Ein holländischer Kaper tauchte in der Nähe auf, entfernte sich jedoch eiligst, als er bemerkte, wir wären ihm überlegen.

Den 5. März wollten wir, Ruhe suchend, in den Hafen von Malaga einlaufen; widriger Wind zerstörte unsere Hoffnung; er warf unser Schiff in die hohe See zurück und trieb sein tückisches Spiel mit uns bis zum 14. dieses Monats, an dem wir, um 5 Uhr abends, im Hafen die Anker in einer Tiefe von sechzehn Klaftern warfen.

Alsogleich nahte sich eine Barke mit sechs Personen, welche im Namen des Statthalters den Grund unserer Ankunft erforschten. Mit Freude vernahmen wir, daß hier ein Kollegium der Jesuiten sei, und baten, unsere Gegenwart dem Vorsteher des Hauses vorläufig zu melden. Es war nämlich keinem Reisenden gestattet, ohne vorhergegangene Untersuchung des Gesundheitszustandes das Schiff zu verlassen. Fünf Ärzte betraten unser Fahrzeug, wir alle mußten einzeln an ihnen vorbeigehen; sie prüften unser Aussehen und erklärten, daß wir gesund seien und die Stadt besuchen dürften. Während sie sich mit Artigkeit entfernten, ruderte eine von den Jesuiten abgeschickte Barke heran, um uns in die Mitte unserer Ordensbrüder zu bringen. Der Kapitän mahnte uns, nicht lange fortzubleiben, weil er, sobald der Wind günstig sei, die Anker lichten wolle.

Mit einem Gefühle, das ich zu beschreiben nicht imstande bin, betraten wir die Stadt. Die Leute versammelten sich um uns, küßten das Kreuz, das jeder von uns an der Seite hängen hatte, und begleiteten uns ins Kolleg, in dem uns die Jesuiten liebevoll aufnahmen. Es war schon 12 Uhr vorbei; weil wir aber so lange keine heilige Messe gelesen hatten, traten wir noch zum Altare und brachten Gott unser Dankopfer für die glückliche Landung dar. Dann gingen wir zu Tische und kehrten erst am Abend aufs Schiff zurück, begleitet von einer Barke, welche die Freigebigkeit unserer Brüder mit Lebensmitteln gefüllt hatte. Wir verehrten einiges davon unserem wackern Kapitän und fuhren täglich des Morgens in die Stadt, bis zum 22. März.

Der Hafen, ein Werk der Kunst, ist klein, nur für zwanzig Handelsschiffe hinreichend; größere, wie das unsere, müssen drei- oder vierhundert Schritte vor dem Hafen ankern. Derselbe wird fleissig vom Schlamme gereinigt und ist von einer Mauer umschlossen, die auf Steinklippen ruht und einen Leuchtturm hat. Gleich am Hafen schaut ein altes maurisches Kastell von einem Felsblock herab ins Meer. Die kleine Stadt zeigt keine hohen Gebäude; ihre Bewohner erscheinen sonnenverbrannt. Der hiesige Bischof waltet als edler Hirte seines Amtes; täglich konnten wir beim Vorübergehen an seiner Wohnung über hundert Arme sehen, denen er Almosen reichen ließ. An der Außenseite der großen und prächtigen Kathedrale wurde noch gearbeitet. Die Kirche der Jesuiten ist rund, ringsum mit Chören versehen.

Es war eben die Fastenzeit. Während dieser Zeit wird in ganz Spanien am Mittwoch und Freitag eine halbstündige Predigt gehalten, die sie exemplo nennen. Am Sonntag wird nachmittags eine Stunde lang gepredigt, und zwar über einen Zug aus der biblischen Geschichte. So hörte ich einen Priester, der die Geschichte des Moses auf die verschiedenen Sonntage verteilte. Am Mittwoch und Freitag verlassen die Frauen nach der Predigt die Kirche; diese wird geschlossen, die Vorhänge vor die Fenster gezogen; der Psalm Miserere wird unter musikalischer Begleitung abgesungen und fordert die Männer auf, sich zu geißeln.

Am 21. März störte uns ein Kanonenschuß beim Mittagsmahle. Unser Schiffsbefehlshaber meldete uns durch dieses verabredete Zeichen, es sei nun Zeit und günstiger Wind, um das Land zu verlassen und den Weg der Fluten nach Lissabon einzuschlagen. Bald spornte uns ein zweiter Schuß zur Eile an. Wir fuhren in einer Barke zum Schiff, und gleich darauf sagte ein dritter Schuß dem gastlichen Malaga Lebewohl. Den folgenden Morgen befanden wir uns bei der Meerenge von Gibraltar. Zwei Weltteile nähern sich hier und werden nur durch eine zwischen Felsenmauern eingezwängte, zwei spanische Meilen breite Wasserfläche geschieden. Rechts gähnten uns die Kanonenschlünde Gibraltars entgegen, links zog Ceuta mit seiner orientalischen Bauart unser Auge ans sich. Jedoch unsere Hoffnung, durch die Meerenge zu gelangen, wurde vereitelt; widriger Wind trieb uns den 28. März nach Malaga zurück.


Von Malaga nach Lissabon.

Zu Livorno hatten wir die Weisung erhalten, dem Pater Prokurator sobald wie möglich nach Lissabon zu folgen. Dieser war nur kurze Zeit vor uns dahin abgefahren. Aber durch die Ungunst des Meeres verloren wir viele Tage. Statt uns aufs neue einer unsichern Meerfahrt anzuvertrauen, entschlossen wir uns, den Landweg einzuschlagen. Schweren Herzens trennte sich der Kapitän von uns; wiewohl nicht Katholik, hatte er uns dennoch große Zuneigung erwiesen.

Den 31. März stiegen wir, ich und vier meiner Mitbrüder, zu Pferde. Zwei fuhren, des Reitens unkundig, in einem Wagen über das flache Land. So eilten wir fünf über die schneebedeckten Gebirge Andalusiens unserer Bestimmung zu, von einem Weltgeistlichen geführt, der uns zugleich als Dolmetsch diente. Zu Malaga hatten wir ihn im geistlichen Kleide gesehen; jetzt zeigte er sich uns in einem kurzen Rock, braunen Mantel und mit einem Degen an der Seite; vermutlich hatte er nur die kleineren Weihen. Er brachte uns nachts in ein Städtchen. Kaum wurde bekannt, daß fremde Geistliche angekommen, als auch die Vornehmeren und die Ordensmänner uns durch freundlichen Besuch ihre Teilnahme zeigten. Hätten wir uns einen Tag hier aufgehalten, so würden wir durch die höfliche Gewohnheit dieses Landes genötigt worden sein, einen Gegenbesuch zu machen. Ihre Aufmerksamkeit hinderte uns am Genusse des frugalen Abendmahles und der Ruhe. Man pflegt sich hier in der Fastenzeit abends nichts anderes zu gestatten als einige gekochte Kräuter oder Bohnen, die mit warmem Essig und Öl begossen werden; am Wein fehlt es aber nicht.

Unsere weitere Reise brachte uns auf hohe Berge, die eine köstliche Aussicht auf das Meer gewährten oder durch den Anblick herrlicher Olivenpflanzungen unser Auge erquickten. Sehr bald kamen wir in die schöne Ebene, in der uns Lavendel und andere Kräuter entgegendufteten und der als hohe Staude prangende Rosmarin Gerten zur Aufmunterung unserer Pferde lieferte. Manchmal mußten wir am Gestade des Meeres über Muscheln reiten, die durch die Pracht ihrer Formen und Farben meine Bewunderung erregten.

In dem ganz einsam gelegenen Landhause eines abwesenden Edelmannes nahmen wir das Mittagsmahl. Die Nähe der See ließ uns Fische hoffen, doch vergebens; wir erhielten um vieles Geld nur eine kärgliche Erfrischung. Gegen Abend erreichten wir die Stadt Bornos. Eine Bußprozession begegnete uns. Einige der Büßer hatten eine Dornenkrone auf dem Haupte, andere einen Strick um den Hals, andern waren die Füße gefesselt, andere ließen sich von ihren Bedienten führen und trugen einen Pferdezaum im Munde. Wir suchten eine Herberge, fanden aber nur eine schlechte und mußten mit ähnlicher Kost wie am Mittag uns begnügen. Nach der heiligen Messe bediente uns ein adeliger Spanier mit einem Frühstück, dann ritten wir in eine kleine Stadt, in der uns ein Wirt gegen hohe Bezahlung einen Fisch gab, dessen Zubereitung mit Wasser, Salz, Zwiebeln, Öl und Pfeffer uns wenig behagte. Noch trauriger fiel die Bewirtung des Nachts aus: der Richter eines Dorfes brachte uns Salat in seine Scheune, in der wir auch schlafen mußten. Frühe lasen wir in der kleinen Kirche, die, wie alle in den Dörfern, sehr finster war, die heilige Messe. Ich bemerkte, daß sich die Spanier in ihren Gotteshäusern sehr ungleich betragen. Einige stehen nur immer mit gekreuzten Händen in stiller Betrachtung, andere nehmen den Rosenkranz, den sie sonst um den Hals tragen, in die Hand. Einige behalten auch hier die mit Spitzen umnähte linnene Haube, die sie unter dem Hute tragen, selbst bei der heiligen Messe auf, indes andere ihr sonst geflochtenes Haar auflösen und fliegen lassen, besonders wenn sie beichten wollen. Solche, die ihr Haar in seidene Netze schlagen, nehmen diese selbst bei der Wandlung nicht ab.

Die folgende Nacht traf uns in der hübsch gebauten Stadt St Lukas (Sanlúcar) am Ufer des Meeres. Diese Stadt besitzt einen Hafen, mehrere Klöster und ein Kolleg der Jesuiten, wie wir leider zu spät erfuhren. Hier fließt der Guadalquivir dem Meere zu. Wir blieben, weil wir den folgenden Tag über ihn setzen mußten, an seinem Ufer, bestiegen morgens mit unsern Pferden ein breites niederes Schiff und ruderten ganz sanft an das jenseitige Ufer. Zu Xeres de la Frontera, einer hübschen Stadt, die von vielen Adeligen bewohnt wird, hielten wir auf einer steinernen Brücke unser Mittagsmahl, genossen Käse, weißes Brot und trefflichen Wein. Sodann eilten wir durch viele Olivengärten nach Puerto de Santa Maria. Ein großes Gebäude, die Herberge der Missionäre[4], nahm uns freundlich auf. Vier Jesuiten unter einem Vorsteher lebten hier. Er war ein alter Mann von spanischer Abkunft, aber zu Quito in Amerika geboren. Noch immer hing er mit Liebe an seinem Vaterlande und freute sich, als Leiter eines Hauses leben zu können, das Männer aufzunehmen hatte, die in seine unvergeßliche Heimat pilgerten. Vier Tage weilten wir hier, Zeit genug, um einige Bemerkungen zu machen.

Puerto de Santa Maria ist eine von den größeren und schöneren Städten Andalusiens; sie liegt dem berühmten Cádiz gegenüber und wird durch den Hafen von diesem Sitze des Handels getrennt. Mitten zwischen diesen beiden Städten werfen oft mehr als dreihundert Schiffe Anker. Von den Fenstern unserer Herberge genoß ich den Ausblick auf das Treiben am Hafen. Täglich sah ich Schiffe aus- und einlaufen. Jedes Schiff, besonders jedes spanische, muß durch einen Kanonenschuß einen Wegweiser oder Lotsen begehren, den man „Praktikus“ heißt. Dieser begibt sich alsogleich zu dem Ankömmling, besteigt das Verdeck, stellt sich an die Magnetnadel, befiehlt den Matrosen, als wäre er Kapitän und steuert das Schiff in den Hafen. Hat er Unglück, so haftet er für den Schaden; ist das Glück ihm günstig, so erwartet ihn guter Lohn. Dies geschieht wegen des unter der Oberfläche des Wassers befindlichen Felsens, Punta de Diamante, der für Unkundige die Einfahrt sehr gefährlich macht. Auch auf der Seite der Stadt Puerto de Santa Maria ist dieser Hafen nicht ohne Vorsicht zu befahren wegen des Sandes, auf dem Schiffe leicht stranden, wie ich selbst gesehen. Auf der Spitze einer Felsenreihe steht bei Cádiz ein hoher Leuchtturm, der durch sein Licht die Segler mahnt, sich des Nachts der Küste nicht zu nahen. Auch außerhalb des Hafens sind Ankerstellen, wie die Arenas gordas und A las puercas. Dort hielten eben einige französische Kriegsschiffe und lauerten, ob kein Engländer oder Holländer aus dem Hafen auslaufe, um ihn dann auf hohem Meere zu verfolgen; diese Seemächte bekämpften sich damals. Nach einigem Warten liefen sie in den Hafen ein und durchschnitten majestätisch mit gespannten Segeln und weißer fliegender Flagge die Wogen; ihre Kanonen donnerten der Stadt ihren Gruß zu, der mit gleicher Sprache der Feuerschlünde erwidert wurde.

Doch es drängte uns, unsere Weiterreise anzutreten; galt es doch, steile Höhen zu übersteigen. Je näher wir Portugal kamen, desto schlechter wurde die Bewirtung. Als wir die Grenze überschritten hatten, zeigten sich die Leute weniger freundlich als die Spanier. Man sah uns Missionäre schon deshalb mit ungünstigem Auge an, weil wir von Spaniern begleitet wurden und für spanische Missionen bestimmt waren. Denn die Portugiesen lieben ihre Nachbarn wie der Habicht die Lerche; treffen sie einen einzelnen Spanier, so muß dieser auf Spott und Mißhandlung gefaßt sein. Nach manchen Beschwerden kamen wir in die Stadt Miranda. Dort suchten wir das Gasthaus, konnten es aber nicht finden, weil ein Schwarm von Portugiesen uns umringte und bald dahin bald dorthin schickte. Des Spottes müde, zeigte man uns endlich das rechte Haus. Der Empfang daselbst war sehr kalt. Wir waren abgemattet und suchten Ruhe. Während unsere beiden Knechte die wenigen Habseligkeiten in die Wohnung trugen, stutzte die vor dem Hause lachende Menge unsern Pferden die Schweife. Die beiden Spanier, denen die Tiere gehörten, durften keinen Einspruch wagen; sie hätten sich nur argen Mißhandlungen ausgesetzt oder gar ihr Leben gefährdet. Bei diesen Nationen gehen die Erzürnten sogleich mit dem Messer gegeneinander an und machen sich wenig daraus, einen Mord zu begehen, besonders die Portugiesen, bei welchen es Sitte ist, mit entblößtem Degen unter dem Mantel spazieren zu gehen.

Nach vielen Mühseligkeiten gelangten wir endlich in die Stadt Almada. Diese liegt Lissabon gegenüber und ist nur durch den Tajo davon geschieden. Eine Freude war es für uns, die Königsstadt Lissabon, die auf sieben Höhen prangt, zu erblicken. Wir hielten eine wahrhaft köstliche Tafel, denn zu zehn Personen mußten wir für eine Suppe, dreißig Eier, eine Schüssel Fische und etwas über zwei Maß Wein dreiundzwanzig harte Taler bezahlen. Wir bestiegen eine Barke und befanden uns in einer halben Stunde am Ziele unserer Bestimmung.


In Lissabon.

Es war gerade Ostersamstag; bereits spielte Musik. Das erste, was wir sahen, war ein einfacher, langweiliger Tanz, begleitet von einer Gitarre, einer kleinen Trommel und einem Dudelsack. Die Tänzer schlugen den Takt mit einer hölzernen, in der Mitte durchschnittenen Feige, die sie am Mittelfinger hängen hatten. Wir fragten in lateinischer Sprache nach dem Kolleg der Jesuiten; niemand verstand uns. Unser Führer erkundigte sich in spanischer Sprache; ein schallendes Gelächter war die Antwort. Endlich fanden wir einen hier lebenden armen Menschen aus Galicien, der uns für Geld und gute Worte den Weg zeigte. Wir hatten weit zu gehen; ein Haufe Portugiesen begleitete uns bis an den Eingang des Kollegs. Unser Pater Prokurator samt allen nach Amerika bestimmten Missionären empfingen uns hier mit lebhafter Freude. Am andern Morgen begrüßten uns auch die portugiesischen Jesuiten; sie hielten sich jedoch sehr ernst. Ich vergaß aber auch unter ihnen meine deutsche Freundlichkeit nicht.

Hier blieben wir vom 12. April bis zum 17. September. Angenehm überrascht wurde ich am vierzehnten Tage unseres Hierseins durch den Kapitän des schwedischen Schiffes, mit dem wir in Livorno unsere Seefahrt begonnen hatten. Er umarmte mich unversehens auf der Straße und erzählte mir sein trauriges Schicksal. Sein mit Korn beladenes Schiff war in die Hände der Engländer gefallen. Unter dem Vorwande, er liefere dem Feinde Lebensmittel, wurde er als Gefangener in den Hafen von Lissabon geführt. Somit befanden sich auch unsere Koffer in den Händen der Engländer. Wir erhielten sie jedoch bald wieder, ebenso wie der Schwede sein Eigentum, und zwar durch Vermittlung der Königin Maria Anna von Portugal, einer Schwester des verstorbenen Kaisers Karl VI., an welche unser Prokurator das Mißgeschick des schwedischen Schiffes berichtet hatte.

Den Hafen bildet der Tajo, der eine Stunde vor der Stadt sich in das Meer ergießt. Den Eingang des Hafens bewachen zwei Kastelle. Gegen Almada zu liegt auf dem Tajo eine Insel, die zumeist von Juden bewohnt wird. Diese müssen als Kennzeichen grüne Hüte tragen. In Lissabon selbst dürfen sie nicht wohnen. Allwöchentlich gibt man gedruckte Zettel aus: sie erstatten Bericht über die Zahl der Schiffe im Hafen, über die Zeit ihrer Ankunft und Abfahrt, über den Ort der Herkunft und der Bestimmung, über ihre Ladung. Kein Schiff darf ohne Erlaubnis ausladen, keines einladen ohne Aufseher, denen es obliegt, dafür zu sorgen, daß nichts Unrechtes an Bord kommt. Jedoch wird dies nicht immer verhindert: selbst Diebe und Mörder wissen manchmal mit Hilfe der Seeleute zu entwischen.

Die Stadt ist offen, ohne Mauern, besitzt zwei große Hauptplätze, den einen in der Mitte, den andern bei der königlichen Burg. Verschiedene Orden sind hier durch Niederlassungen vertreten. Den Jesuiten gehören vier Häuser: das Kolleg St Anton, das Profeßhaus St Rochus, das Noviziat zu Cotovia und ein viertes Haus am Ende der Stadt, von den Portugiesen De los apostolos genannt, weil es für die Missionäre gebaut wurde. In Cotovia sieht man eine besonders kostbare, dem hl. Franz Xaver geweihte Kapelle. Jaspis und Lapislazuli mit seinen Goldadern schmücken die Wände; den Altar hat man auf königliche Kosten aus Italien sich verschafft.

Lissabon ist der Sitz eines Patriarchen. Man war eben mit der Vollendung seines prächtigen Palastes beschäftigt. Einige Zimmer waren mit niederländischen gestickten Tapeten überzogen, welche die Schlacht Konstantins des Großen gegen Maxentius vorstellten. Man glaubte, ein Gemälde von kunstgeübter Hand zu sehen. An dieses Prachtgebäude stößt die königliche Burg, neben welcher sich die Patriarchalkirche befindet, die zugleich als Hofkapelle dient. Sie ist mehr reich als schön. Der König (Johann V.) läßt hier den Gottesdienst so halten, wie man ihn zu Rom in der St Peterskirche feiert. Den Platz der Kardinäle zu Rom nehmen hier Adelige ein, die jenen ähnlich gekleidet sind; andere geistliche Herren, die gleichfalls zur Erhöhung der Feierlichkeit vom Könige angestellt sind, tragen violette Gewänder. Ich wohnte einer feierlichen Vesper bei, die vom Patriarchen, einem ehrwürdigen Herrn, gehalten wurde. Italiener sangen unter Orgelbegleitung. An beiden Seiten der vorderen Kirche saßen die erwähnten höheren Geistlichen in ihrer der römischen nachgebildeten Ordnung. Der König befand sich auf dem Chore, aber hinter Gitterabschluß. Hier hält er sich auch sonst den Vormittag hindurch auf. Von den Regierungsgeschäften hat er sich zurückgezogen: diese läßt er durch die erlauchte Königin Maria Anna leiten, eine Fürstin, die durch Tugend und Frömmigkeit zeigt, welchem Hause sie entsprossen. Sie ist allbeliebt, eine Mutter der Armen. Ich sah sie mehrmals in die Kirche fahren, und an den Seiten ihres Wagens ihre Almosengeber, die reichlich austeilten. Der Mission der Jesuiten ist sie besonders geneigt[5].

Wir deutsche Jesuiten wurden öfters an ihren Hof gerufen. Sie unterhielt sich mit jedem aus uns über seine persönlichen Verhältnisse. Sichtlich war es ihr ein erhöhtes Vergnügen, wenn sie wahrnahm, daß einer oder der andere ein Untertan Österreichs sei. Sie stand oft über eine Stunde mit uns sprechend bei ihrem Sessel und verweigerte uns die Gnade, ihre Hand zu küssen, mit den Worten: „Geehrte und werte Patres! Andere schätzen es als eine besondere Huld, meine Hand küssen zu dürfen; aber einem Priester, glaube ich, wird dadurch keine große Gunst erwiesen.“

Der alte kränkliche König ließ sich nie sehen. Sein Spaziergang ist aus seinem Kabinett in seine Kapelle. Nur am Namenstage der Königin ließ er sich fürstlich ankleiden, steckte seine Finger voll Ringe, ging ins Zimmer der Königin, schüttelte die Ringe auf ihren Tisch, sagte: „Viel Glück!“ und entfernte sich wieder. Seinem Beichtvater, einem Jesuiten aus dem Kolleg St Anton, ließ er ein besonderes Haus bauen.

Die königliche Burg zeigt von außen nichts Außerordentliches. Gegen den großen Hauptplatz hin hat sie drei Stockwerke, sonst nur zwei. Die Zimmerwände sind mit Sammet überzogen und mit den feinsten goldenen und silbernen Borden ringsum geziert. In der Mitte der Burg zeichnet sich ein Rundbau aus, in welchem der König sein Kabinett besitzt.

Sehr merkwürdig ist die Wasserleitung, die fünf spanische Meilen weit über die höchsten Felsen und tiefsten Täler in die Stadt geführt wird: ein wahrhaft königliches Werk. Man geht bis zum Ursprunge des Wassers durch ein fünf Meilen langes Gewölbe, das durch Kuppeln, die in geringen Entfernungen angebracht sind, hinreichendes Licht erhält. Hin und wieder sind Türen angebracht, um, wenn es beliebt, auch im Freien, auf dem zu beiden Seiten des Gewölbes laufenden breiten Weg, wandeln zu können. Im Innern des gigantischen Mauerwerkes sind doppelte aus Stein gehauene Kanäle, durch die das Wasser rauscht. Ich habe die Quelle besucht, deren Wasser auf diese Art in ein großes Wasserbecken aus Quadern gebracht wird, um Lissabon zu erquicken. Hier wird dann das köstliche Naß in halbeimerige Fässer geschöpft, auf Maultiere geladen und in die Stadt gebracht.

Schon waren drei Monate vergangen, und noch immer lichtete die brasilianische Flotte, mit der wir abgehen sollten, die Anker nicht. Wir übten uns indes in der spanischen und portugiesischen Sprache, besuchten den Beichtvater der Königin, einen Jesuiten, der mit noch einem andern Priester dieses Ordens und einem Laienbruder (alle drei aus der österreichischen Provinz) in einer abgesonderten Wohnung außerhalb des Kollegs zu Cotovia lebt. Hier speisten wir oft auf deutsche Art, da uns die portugiesische gar nicht mundete. Manchmal besuchten wir auch die deutschen Karmeliter, die ein kleines Kloster am Meerhafen besitzen. Sie wurden von der noch lebenden Königin Maria Anna hierher gerufen, die ihnen eine niedliche runde Kirche baute und zur Ehre des hl. Johann von Nepomuk weihen ließ. Die geistliche Gemeinde bestand aus nur sechs Personen, alle aus der österreichischen Provinz ihres Ordens. Sie hatten auf der Reise viel zu dulden gehabt. Im Mittelländischen Meere waren sie von Seeräubern gefangen und nach den afrikanischen Raubstaaten gebracht, einige in der Hitze des Streites verwundet worden. In der beständigen Angst, ermordet zu werden, war es für sie noch ein Trost, daß man sie nur der Kleider beraubte und zum Kaufe ausbot. Ihre Herren waren nicht grausam. Man verhandelte sie mehrmals im Verlauf dreier Jahre. Endlich aber erhielt die Königin Maria Anna Kenntnis von ihrem Mißgeschick und kaufte sie los. Ein Engländer erhielt den Auftrag. Dieser brachte die Ordensmänner glücklich nach Lissabon, wo die Königin mit Tränen in den Augen sie empfing: hatten sie doch, der Einladung der Königin folgend, solches Ungemach auf sich gezogen. Nunmehr standen sie unter dem besondern Schutze ihrer Retterin.

In die Zeit unseres Aufenthaltes zu Lissabon fiel das hohe Fronleichnamsfest. Es war für uns eine große Freude, Zeugen zu sein, mit welcher Pracht man den üblichen Umzug hielt. Auch wir begaben uns, mit Chorröcken angetan, in die königliche Kapelle. Eine unübersehbare Menschenmenge erwartete den Anfang des Zuges. Von der königlichen Kapelle aus wurde der Weg durch die vorzüglichsten Straßen genommen. Die Altäre standen nicht, wie in unserem Lande, bei den Häusern, sondern es waren vier Kirchen bestimmt, durch welche man schritt und einen Altar besuchte. Obwohl wir einen bedeutenden Weg machten, waren wir schon wieder zur königlichen Kapelle zurückgekehrt, noch ehe das Hochwürdigste Gut sie verlassen hatte. Ich sah also noch die Geistlichkeit in ihrem kirchlichen Schmucke. Dieser folgten im violetten Talare jene Herren, die vom Könige zur Haltung des Gottesdienstes bestimmt sind, wie vorher erwähnt worden ist. Nach ihnen gingen jene Adeligen, die die Stelle der Kardinäle vertreten. Sie waren rot gekleidet. Auf diese folgten vierundzwanzig Geistliche mit Dalmatiken und zwölf mit Vespermänteln, in der Hand den bischöflichen Hirtenstab; die Inful wurde daneben getragen. Ihnen schloß sich der Patriarch an. Er trug das Hochwürdigste Gut unter einem sehr reichen Baldachin, welchen die zwei Söhne und die zwei Brüder des Königs trugen. Dem Thronhimmel reihten sich die Minister, die Hofleute, die Ritterorden in ihrem Kostüme, der Adel und die Bürger an. Den Schluß machte ein ganzes Regiment Infanterie. Ein Regiment Reiterei war auf dem großen Platze aufgestellt. Bei jedem Altare gab die Infanterie eine Salve, die Reiter antworteten mit ihren Gewehren; dazu erdröhnte der Donner aus den Kanonen der Citadelle und der Schiffe im Hafen. Über die Straßen waren von einem Dache zum andern leinene Tücher gezogen, um vor der Sonne geschützt gehen zu können. Der mit Brettern bedeckte Weg war mit Tapeten überzogen, mit Blumen bestreut, die Häuser mit Tapeten von Gold- und Silberstoff oder Seide so behängt, daß man von den Mauern nichts mehr erblickte. Es war an diesem Tage ein ungeheurer Reichtum zur Schau gestellt.

Am Sonntage nach diesem Feste wurden wir sechsundfünfzig Missionäre zur Prozession in das Kolleg von Cotovia geladen; auch hier trugen die Prinzen den Baldachin. Am Tage der Oktave des Fronleichnamsfestes begleiteten wir den Umgang im Kolleg zu St Rochus und speisten dort. Eine Menge meist süßer Speisen wurde aufgetischt, besonders Zuckergebäck; dazu kamen auserlesene Früchte. Gewöhnlich lebt man, besonders in unsern Kollegien, sehr sparsam und dabei teuer. Unser Pater Prokurator mußte für jeden von uns täglich einen Gulden sechs Kreuzer deutscher Münze geben. Dafür bediente man uns mit einer Suppe, die bloß getrunken wurde; das Rindfleisch und daneben gekochte Wurzeln und Krauseminze waren nicht besonders anziehend, das Gekoch von geriebener Mandiokowurzel wahrhaft abschreckend. Und dies war alles. Kranken gibt man eine gesottene gewürzte Henne um einen Gulden neun Kreuzer. Beim Essen befleißigt sich der Portugiese nicht allzusehr der Reinlichkeit.


Auf dem Ozean.

Endlich kam der Monat September, in welchem unsere Abfahrt nach dem Lande künftiger Arbeit statthaben sollte. Unser Schiff führte den Namen St Anna; sein Befehlshaber war Don Joseph Fereira, ein katzenäugiger Portugiese, der uns durch gräßliches Fluchen sehr übel erbaute. Ich hatte die Empfindungen eines Studenten, dem die letzte Prüfung den Weg zur Heimatreise bahnt, als ich sah, wie man unsere Betten und Lebensmittel auf das Schiff brachte. Wir beurlaubten uns noch bei der freundlichen Königin. Am 17. September war unsere Wohnung im schwimmenden Hause auf dem Rücken des Ozeans. Wir waren zwei Schiffen anvertraut. Sechs Priester wurden auf eine Fregatte beordert; die andern Jesuiten: Priester, Brüder und Novizen, vierundfünfzig an der Zahl, kamen in ein Kauffahrteischiff.

Alle Schiffe, die mitsammen den Hafen verlassen sollten, waren festlich geziert. Freude herrschte bei uns allen; Pauken und Trompeten verkündeten der Stadt die mutigen Gesinnungen der Scheidenden; und als unsere Flotte, dreiundfünfzig Schiffe stark und von vier Kriegsschiffen begleitet, am 18. die Anker hob, donnerte fast ein jedes, während es an den Citadellen vorbeisegelte, diesen den Abschiedsgruß zu. Der frische Wind in der offenen See schaukelte unser Fahrzeug tüchtig, und diese ungewohnte Bewegung wirkte bald sehr nachteilig auf die Gesundheit unserer Novizen, die klagend das Bett aufsuchten, aber bald wieder genasen. Neun Mohren, Sklaven unseres Kapitäns, ergötzten uns täglich durch Musik. Am Abend wurde von allen im Schiffe die Lauretanische Litanei und der Rosenkranz gebetet, und die Andacht mit einem frommen Gesange beschlossen.

Der Anblick der Kanarischen Inseln brachte wieder Leben in das sonst so Öde der Meeresfahrt. Rechts sahen wir Madeira, das den Portugiesen das vielfarbige Sandelholz liefert; nahe zu unserer Linken den Felsen von Teneriffa, der ohne Spitze in eine Plattform endet. Mit frischem Winde ging es bald weiter, doch zu langsam für meine Wünsche. Matrosen, die mit Harpunen nach großen Fischen warfen, hatten den Reiz der Neuheit für mich verloren, und die Wassermasse mit ihrem Einerlei machte die Sehnsucht nach grünen Matten rege. In unsere Andachtsübungen, die wir keinen Tag unterließen, mischten sich viele Seufzer nach dem festen Lande. Nicht wenig Grund zu unserem Mißbehagen hatte das Schiffsvolk gegeben. Die geringe Achtung, die sie uns erwiesen, ihre Roheit, das beständige Fluchen und Gotteslästern verletzte uns um so mehr, als wir durch unsere Handlungsweise zu erbauen suchten. Und leider muß ich bekennen, daß mir und andern meiner Mitbrüder sowohl auf diesem wie in der Folge auch auf andern Schiffen das Betragen der katholischen Bemannung Ärgernis bereitete. Auf dem schwedischen Schiffe dagegen, mit dem ich das Mittelländische Meer durchzogen hatte, konnte man sich am religiösen Sinn der Mannschaft erbauen.

Etwas Merkwürdiges sah ich in der Nacht des 22. Oktobers. Des Himmels finster umwölkter Anblick drohte mit schweren Gewittern, im Meere dagegen zeigten sich Sterne. Die Portugiesen bemerkten unser Staunen und erzählten, diese Erscheinung rühre aus einer Zeit her, in welcher vierzig Jesuiten, die als Missionäre nach Brasilien fuhren, von holländischen Seeleuten teils auf dem Schiffe ermordet teils in die Fluten geworfen wurden. Katholische Seefahrer pflegen hier diesen Blutzeugen Ehrfurcht zu bezeigen; auch unser Kapitän löste zu ihrem Gedenken neun Kanonen[6].

Gegen den hl. Antonius sind unsere portugiesischen Matrosen weniger artig. Zwar verehren sie ihn und führen seine Statue auf ihren Schiffen mit; fehlt ihnen aber lange Zeit hindurch der günstige Wind, dann binden sie einen Strick um den Hals der Statue und hängen sie am Mastbaum auf; oder sie binden die Statue an ein Seil, werfen sie ins Wasser und lassen sie eine Weile schwimmen.

Mehrere unbedeutende und einige bedeutende Stürme beängstigten uns; aber fast unerträglich wurde bei zunehmender Hitze der Mangel an Trinkwasser. Die Matrosen hatten acht Fässer heimlich für sich genommen, und darum wurden wir genötigt, Durst zu leiden, bis ein heftiger Regen uns Vorrat und Erquickung gab. Endlich weckte uns den 16. Dezember das Geschrei der Matrosen: „Land! Land!“ Es war eine Täuschung, d. h. nur eine tausend Schritte entfernte Sandbank, die uns, hätte man sie nicht bemerkt, den sichern Untergang gebracht haben würde.


Ankunft in Amerika.

Endlich liefen wir in den breiten Silberfluß (La Plata) ein; mit ängstlicher Sorgfalt bedacht, den Steinklippen der Küste auszuweichen, fuhren wir stromaufwärts und erblickten den Hafen und die Feste Montevideo. Doch es wurde Nacht. Trotzdem wollten wir den Hafen noch erreichen. Der Mond gab uns Licht, aber der Strom warf uns gegen die Felsen. Nur unter großer Anstrengung entkamen wir gegen die späteren Stunden des Morgens der Gefahr. Man hatte in der Feste schon abends zuvor unsere Ankunft bemerkt und schickte uns, weil wir nicht eintrafen, eine Barke entgegen. Diese brachte uns in den Hafen. Es war gerade das Weihnachtsfest. Wir lasen auf dem Schiffe die heilige Messe, genossen die Früchte, die Speisen und den Wein, Gaben, die man uns von Montevideo gebracht, und fuhren sodann den Fluß weiter hinauf, nach der Kolonie San Sacramento, wo man uns bereits erwartete, weil der Superior der Jesuiten zu Montevideo schon den Ordensbrüdern zu San Sacramento unsere glückliche Ankunft berichtet hatte. Wir fanden jedoch in der Untiefe des Wassers noch ein Hindernis und mußten mitten im Flusse, der hier über vierzig Meilen breit ist, Anker werfen, um zu übernachten. Ein fürchterliches Gewitter bewillkommte uns, und ein heftiger Sturm schien uns hier am Ziele unserer Seefahrt vernichten zu wollen. Unter eifrigem Gebete erwarteten wir einen freundlicheren Morgen und eine Brigantine aus der Kolonie, die uns dahin geleiten sollte. Den 29. Dezember liefen wir in den Hafen San Sacramento glücklich ein. Mit Frohlocken verließen wir das Schiff und zogen paarweise in die große Kirche, wo ein frommes „Herr, Gott, dich loben wir“ mit musikalischer Begleitung gesungen wurde. Hierauf dankten wir dem Statthalter für seine uns bewiesene Sorge und eilten in unsere „Residenz“ (so werden hier die Ordenshäuser der Jesuiten genannt), wo man unsere Ankunft mit einem prächtigen Mittagsmahle feierte, während dessen uns die Vornehmsten der Stadt mit ihrem Besuche beehrten. Die Stadt selbst, einst unter spanischer, jetzt unter portugiesischer Herrschaft, wird meist von Kaufleuten bewohnt. Die niedrigen Häuser sind in guter Ordnung gebaut. Der unbedeutende Hauptplatz hat die Form eines Vierecks. Es zieren ihn die Pfarrkirche, die Hauptwache und die Wohnung des Statthalters. Das Vieh läßt man auf eben diesem Platze die Nacht verbringen und ihn verunreinigen. Die Ursache dieser mich befremdenden Erscheinung liegt in der Gewohnheit dieser Gegend, das Vieh mit Vorliebe im Freien zu halten. Zudem ist das Gebiet von San Sacramento überaus beschränkt, so daß es sich kaum einige hundert Schritte weit erstreckt. Von allen Seiten wird es von den Spaniern umgeben, die alles, was ihre Grenze berührt, als gute Beute wegnehmen. Die Stadtbewohner leben in großer Abhängigkeit von den spanischen Nachbarn, vor deren ungebetenen Besuchen sie nur durch einige Festungswerke geschützt sind. Eine Bastei mit sechs Kanonen bestreicht den Hafen. Das hiesige Zeughaus, so wichtig es die Portugiesen auch machen, nötigte mir ein Lächeln ab, denn die darin enthaltenen Waffen reichten kaum für ein Regiment hin.


Buenos Aires.

Den 31. Dezember erwarteten wir eine Barke, die uns von San Sacramento über den hier bei zehn Meilen breiten Silberfluß nach Buenos Aires bringen sollte. Sie langte aber erst am Neujahrstage 1749 an. Ungesäumt bestiegen sie sechsundzwanzig Priester; ein starker Wind schwellte das einzige Segel; nachmittags um 4 Uhr liefen wir in den Hafen der Stadt Buenos Aires ein. Ein herzlicher Empfang bewillkommte uns. Außer dem P. Provinzial Emanuel Querini und den meisten Jesuiten erwarteten uns mehrere hundert Spanier am Gestade. Mit ungestümer Freude drängten sie sich an unsere Brust, bis der Zug geordnet war und wir paarweise unter dem Geläute aller Glocken und den freudigen Zurufen der teilnehmenden Volksmenge in die Kirche des Kollegs geführt wurden. Hier sang man ein feierliches Te Deum, in das wir aus voller Seele einstimmten. Auch Entzücken ermattet; behaglich aber war die Ruhe, die ich empfand, als man mir meine Wohnung im Ordenshause anwies und ich mich dem Meere meiner Gefühle überlassen konnte.

Den folgenden Tag machten wir Neuangekommenen dem Statthalter, Herrn Andonaigui, unsere Aufwartung. Für uns Deutsche hatte er besondere Vorliebe; er fragte uns nach manchen deutschen Generälen, die er während des Krieges in Neapel kennen gelernt hatte.

Die ersten acht Tage nach unserer Ankunft wurden wir als Gäste bewirtet. Alles erregte meine Verwunderung; ich befand mich wahrhaft in einer neuen Welt. Der Speisesaal war mit Fenchelkraut und mit Blumen bedeckt; auf dem Tische lagen Zuckerwerk, saure und süße Früchte, schwarze Feigen und andere mir fremde Landesprodukte. An die Speisen mußte ich mich erst gewöhnen; das viele Gewürz und besonders der Pfeffer behagten mir nicht; die berühmte olla podrida (ein beliebtes spanisches Nationalgericht) aber gewann ich bald lieb. Bei solchen Festmählern, mit welchen man die neu angelangten Missionäre jederzeit zu erfreuen suchte, mußten Neger, die dem Kolleg gehörten, Musik machen und Tänze aufführen. Beides taten sie bei dieser Gelegenheit mit viel Geschick.

Bis zum 19. April verweilte ich in dieser Stadt und hatte Muße genug, mich mit ihr bekannt zu machen. Sie ist die größte Stadt in Paraguay, größer als Prag in Böhmen, nicht so prächtig, doch regelmäßiger, mit schnurgeraden Straßen, die zwar breit, aber nicht gepflastert sind. Die Häuser, die gewöhnlich einen reinlichen Hof auf drei Seilen umgeben, sind meist nur ein Stockwerk hoch und gemauert. Die mit flachen Ziegeln belegten Dächer dienen an Sommerabenden zu Spaziergängen. Der viereckige Platz ist sehr ausgedehnt. Die Seite gegen den Silberfluß hat hohe Lauben; in der Mitte steht das Rathaus mit blinkendem Turme; links erblickt man die bischöfliche Residenz, weiterhin die Kathedrale mit zwei bis an die Spitze gemauerten Türmen. Dem Rathause gegenüber droht die mit Schanzen umringte Feste, die von dem Statthalter bewohnt werden muß. Dreißig Infanteristen und sechzehn Dragoner bilden ihre Hauptwache. Unter den zehn Kirchen sind die der Jesuiten und Franziskaner mit Kuppeln versehen. Das Kolleg der Jesuiten hat drei Flügel, die mit der Kirche auf der vierten Seite einen schönen Garten umgeben; ein daranstoßender großer Hof wird von Olivenbäumen beschattet. Die Jesuiten besitzen in der Stadt auch noch eine Residenz für sechs Priester; dieses Haus wurde, während ich in Paraguay war, in ein Kolleg umgestaltet. Gleich daran stößt ein freundliches Gebäude mit drei Flügeln und einem Rundbau, der eine Kirche ist. Ein reicher Spanier hat das Gebäude aufgeführt und eingerichtet. Einen Teil seines Vermögens hat er dazu bestimmt, um von den Zinsen allen jenen Kost und Wohnung zu verschaffen, welche hier die geistlichen Übungen des hl. Ignatius halten wollen. Ein Priester unserer Gesellschaft leitet diese fromme Anstalt.

Die Dominikaner, die Mercedarier, die Rekollekten des heiligen Petrus von Alcantara und die Bethlehemiten haben hier Klöster. Die letzteren gleichen den bekannten Barmherzigen Brüdern und pflegen die Kranken. Ihr Ordenskleid ist braun; darüber tragen sie einen Mantel von der nämlichen Farbe; dieser reicht bis über die Knie herab; an der linken Seite des Mantels ist ein ovales Schildchen angeheftet, welches die Geburt des Herrn darstellt. Darum nennt man sie Bethlehemiten; von den langen Bärten aber, die sie tragen, stammt die andere Bezeichnung, Barbadinos. Sie alle sind Laienbrüder und haben einen Weltpriester als geistlichen Vater. Der Orden besitzt keine gestifteten Güter, sondern lebt von Almosen. – Zwei Niederlassungen von Ordensfrauen leiten Unterrichtsanstalten für Mädchen. Die Kirche des hl. Nikolaus ist eine Pfarrkirche.

Der Silberfluß oder Rio de la Plata, an dessen Ufer die Stadt sich enge anschließt, ergießt sich sechzig Meilen von hier in das Meer. Obschon Buenos Aires den einzigen Hafen von Paraguay besitzt, so verschafft er dennoch nur geringen Nutzen: er ist zu seicht. Große Kaufmannsschiffe müssen über zwanzig Meilen vor der Stadt den Anker werfen und ihre Ladungen durch kleine Fahrzeuge hierher befördern. Als ich 1749 hier anlangte, fand sich ein einziges Schiff da, welches schon seit Jahren auf Befrachtung harrte. Der geringe Handel beschränkt sich zumeist auf Häute von Hornvieh. Der Schleichhandel der Portugiesen schadet der Krone Spaniens bedeutend. In den letzten Jahren meines Aufenthaltes in Paraguay sah man jährlich durchschnittlich nur zwei Schiffe hier.

Regierung und Verwaltung seien hier, so sagt man, derart, wie zu erwarten ist, wenn der Herrscher allzuweit entfernt wohnt. Keiner vergißt sich selbst, Beamte und Handelsherrn bereichern sich. Wer Europa verläßt, um hier Güter zu erwerben, ist nicht immer heikel in der Wahl der Mittel. Die drei Provinzen Paraguays werden durch ebensoviele Statthalter verwaltet. Der erste gebietet über Buenos Aires und wohnt in der gleichnamigen Stadt. Der zweite verwaltet Tucuman, hatte seinen Sitz früher in Cordoba, jetzt in der Stadt Salta an der Grenze Perus. Der dritte ist Statthalter von Paraguay (im engeren Sinne) und residiert in der gleichnamigen Stadt, die auch Assuncion oder Mariä Himmelfahrt heißt. Die Provinzen Buenos Aires, Tucuman und Paraguay haben je einen Bischof. Über diese geistlichen und weltlichen Obrigkeiten ist der Vizekönig gesetzt, der zu Lima wohnt. Der Bischof von Buenos Aires, ein anspruchsloser Herr, zeichnet sich mehr durch würdevolles Benehmen als durch Prachtliebe aus. Ein Bedienter, ein Kutscher und zwei Maultiere bieten wenig Bequemlichkeit; ein violetter, langer Talar von geringem Zeuge, ein Chorrock und darüber ein violettes Mäntelchen, ein grünseidener Hut mit zwei gleichen Schnüren und vier Quasten machten seinen ganzen Schmuck aus. Aber sein Eifer ließ ihn mehrere hundert Meilen reisen, um die Firmung auszuspenden, bei welcher Gelegenheit er unermüdet predigte. Ich bedaure, daß er unserer Gesellschaft nicht sehr geneigt ist.


Fahrt durch die Pampas.

Im April kam von Cordoba der Prokurator der Provinz, P. Carlos Gervazoni, an, um unsere Weiterreise zu befördern. Als dieses in der Stadt bekannt wurde, erhielten wir von den Spaniern verschiedene Geschenke an Lebensmitteln und gutgemeinte Abschiedsbesuche. Wir bestiegen die hohen zweirädrigen Wagen, die ganz von Holz, ohne ein Stückchen Eisen, bestehen, vermittelst einer kleinen Leiter und bereiteten unsere Wohnung in dieser fahrenden Hütte, die mit Kuhhäuten bedeckt war. Vier Ochsen zogen sie, von einem Mulatten mit einem langen Stechrohre regiert. Unsere Karawane zählte bei hundert Wagen und wurde in drei Truppen geteilt. Sehr notwendig ist es, sich mit Lebensmitteln zu versehen und hinlänglich Holz mit sich zu führen, damit man die Nahrung kochen kann. Die Küche ist gleich fertig: man gräbt zwei vier Ellen lange Gruben in Form eines Kreuzes, belegt sie mit eisernen Stäben, unter welchen die Feuerung liegt, und stellt die Töpfe darüber. Geht der Vorrat von Holz aus, so muß man sich mit dürren Disteln, Knochen und Mist von Tieren begnügen. Gewöhnlich schlägt man ein Zelt auf, um darunter zu speisen. Nach Tisch sucht jeder Spanier sogleich seinen Wagen auf, um die gewohnte Siesta zu halten. Nach dem Erwachen werden die Wagen gemeinschaftlich untersucht, ob nichts gebrochen und auszubessern sei, damit man beim Fortsetzen der Reise besonders mit der Ladung keine Ungelegenheit habe. Dreißig Zentner machen die allgemein übliche Ladung aus. Fuhrleute, die sich auf den festen Bau ihres Wagens und die Kraft ihrer Ochsen verlassen können, legen wohl auch siebenunddreißig Zentner auf, falls der Raum ausreicht. Führt man Wein aus Chile nach Paraguay, so lädt man nicht mehr als zwanzig irdene Geschirre, von welchen jedes ungefähr einen Eimer faßt. Ebensoviele Geschirre mit Schmalz nehmen sie als Fracht bei der Rückkehr. Ochsenhäute lädt man hundertfünfundzwanzig bis hundertfünfzig auf. Soll eine Haut als gut gelten, so muß sie über vierzig Pfund wiegen.

P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768) b 021.JPG

Bild 1. Bespannter Wagen (Carreta). Das Joch (oben links).

Wird paraguayisches Kraut ausgeführt, so lädt man zwanzig damit angefüllte viereckige häutene Säcke, jeder etwa zwei Zentner schwer.

Für Reisende haben diese Fuhrwerke manche Bequemlichkeit. Denn abgesehen davon, daß man vor Regen geschützt ist, kann man sich auf seinem Bette, das man der Länge nach darin ausbreitet, gütlich tun. Aber wehe dem, der die Stöße und das Rütteln nicht gewohnt ist! Er wird bald die Hoffnung aufgeben, sich die Langeweile in der öden Gegend durch Schlaf zu vertreiben. Hält die Hitze lange an, so werden die Häute, mit welchen der Wagen überdeckt ist, warm, und niemand kann es mehr im Innern aushalten. Tritt feuchte Witterung ein, so flüchten sich alle Mücken dahin, die den Wagenbewohner derart quälen und stechen, daß sein Leib bald mit Beulen, die empfindlich schmerzen, überzogen ist. Kleidung wehrt diese Insektenangriffe nicht ab, denn sie muß der Hitze wegen leicht sein und wird von ihren Stacheln durchdrungen. Man sehnt sich nach dem Genusse der freien Luft und ist herzlich froh, wenn man auf einen Boden kommt, auf dem man nicht zu beschwerlich gehen kann, oder wenn man die abgestumpften Wagenlenker sagen hört, daß sie bald ausruhen, das Mittagsmahl einnehmen oder Nachtstation halten wollen. Nur sieht man sich dann, was mich anfangs befremdete und ängstigte, aus dem Zustande des Friedens in den entgegengesetzten des Krieges versetzt, ohne genau zu wissen, woher denn der Feind eigentlich kommen werde. Es ist aber leider oft notwendig, sich sicherzustellen und Schutzvorkehrungen zu treffen. So oft die Karawane hält, um Speise zu nehmen oder zu übernachten, bildet jede Truppe eine Wagenburg, damit bei einem Überfall der Indianer sich die Menschen dahin flüchten und besser verteidigen können. Außerdem hat diese Aufstellung den Zweck, daß das Vieh sich des Nachts nicht verlaufen kann.

Nach einer Fahrt von zwanzig Meilen gelangten wir endlich nach Luxan, einem größeren Dorfe, das ganz von Spaniern bewohnt ist. Nachdem wir bei einem gnadenreichen Muttergottesbilde unsere Andacht gepflegt, verließen wir die große schöne Kirche und nach eingenommenem Mittagsmahle den Ort. Sieben Tage und Nächte zogen wir nun über ein unübersehbares flaches Feld. Es ist ganz ohne Baum, ohne Quelle und nur zu oft der Tummelplatz umherstreifender wilder Horden. Die Spanier putzten ihre Gewehre; doch unser Zug wurde nicht beunruhigt. Wir kamen endlich zu einem Wachposten, der aus wenig Menschen, aber vielen Pferden bestand. Einer saß auf einem hohen hölzernen Gerüste, um die Gegend zu überblicken, die andern pflegten im hohen Grase der Ruhe; die Waffen und abgerichtete Hunde lagen neben ihnen. Der Vermieter unserer Wagen hatte hier Ochsen, um sie mit den ermüdeten unseres Zuges umzuwechseln, obwohl auch unter den zehn Ochsen, die je ein Gespann ausmachen, bisher immer im Ziehen gewechselt wurde. Im Verfolge unserer Reise fanden wir sieben oder acht Indianerfamilien von dem Völkerstamme der Pampas. Sie waren noch Heiden, aber freundlich. Ihr Kazike führte den Namen Anton, ohne Christ zu sein, und zeigte gegen uns Missionäre Ehrerbietung. Die aus verschieden gefärbten Pferdehäuten bestehenden Zelte gewährten keinen unangenehmen Anblick; sie waren so stark wie eine Trommel gespannt, desgleichen die Tische aus gleichem Materiale, auf welchen sie die Würfel springen ließen, was sie den Spaniern schon abgelernt haben.


In Cordoba.

Wir hatten schon hundertzwanzig Meilen zurückgelegt, ehe uns wieder Hütten zu Gesichte kamen, aus welchen neugierige Spanier uns betrachteten. Wir sind nicht mehr weit von Cordoba entfernt, so dachten wir, und hatten uns nicht getäuscht. Kaum waren wir über einen Fluß gekommen, da sahen wir eine Laubhütte; angenehme Musik drang an unser Ohr; der ehrwürdige Pater Rektor der Jesuiten aus Cordoba trat hervor und führte uns zu einem schon bereiteten Mahle. Wir übernachteten hier und legten dann früh morgens die noch übrigen zwei kleinen Meilen zur Stadt zurück. Unser Einzug und Empfang war dem in Buenos Aires ganz gleich. Der Speisesaal des Kollegs war mit grünen Bäumen geziert. Die jungen Jesuiten hielten während der acht Tage unseres Ehrenfestes täglich eine lateinische oder spanische Rede oder lasen ein Gedicht vor, wobei die Angekommenen zum Gegenstande der sprachlichen Kunstübungen gewählt wurden.

Cordoba ist die Hauptstadt in der Provinz Tucuman, von mittelmäßiger Größe, mit geraden Straßen, geräumigem Hauptplatze, niedern Gebäuden. Der schönen Kathedralkirche steht ein Bischof mit acht Domherren vor. Der Bischof hat, nach deutschem Gelde gerechnet, zwölftausend Gulden jährliche Einkünfte, nicht viel für ein Land, in dem alles, die Lebensmittel ausgenommen, sehr teuer ist. Seine Residenz unterscheidet sich nicht von einem Bürgerhause; nur sein Vorzimmer und Kabinett weisen Tapeten von Tuch auf. Das bischöfliche Alumnat[WS 3] ist nur für sechs Zöglinge gestiftet, über die ein Domherr als Rektor die Aufsicht führt.

Außer der Kathedrale befinden sich hier noch acht andere Kirchen. Die Dominikaner, die Franziskaner, die Mercedarier, die Ordensfrauen der hl. Katharina und jene der hl. Theresia besitzen hier Klöster. Das Kolleg der Jesuiten ist geräumig; es umfaßt außer dem zweistöckigen Hauptgebäude zwei größere Plätze und noch drei Höfe, auf welchen die verschiedenen Gewerbe ihre Werkstätten haben. Auch eine Apotheke ist dort eingerichtet. Früher war das Noviziat vom Kolleg abgesondert; es besaß ein eigenes Gebäude mit einer Kirche am Ende der Stadt. Jetzt aber ist das Noviziat mit dem Kolleg vereinigt. Jenes andere Haus am Ende der Stadt bleibt für solche bestimmt, die acht Tage hindurch die geistlichen Übungen machen wollen. In diesem Noviziate beim Kolleg beginnen auch die Priester nach vollendeten Studien das dritte Probejahr. Der Prokurator der Provinz bewohnt mit seinen Gehilfen ein eigenes Haus. Die Bibliothek des Kollegs ist klein, aber gewählt; die Kirche macht einen prächtigen Eindruck. An hohen Festtagen strahlt Silberglanz von den mit karmesinrotem Damaste behangenen Wänden; unzählige Lichter vervielfältigen sich in kristallenen Hängeleuchtern. Der Altar ist mit Spiegeln und Kristall belegt; ein Antependium besteht aus geschlagenem Silber, ein anderes ist aus Spiegeln und Kristall zusammengesetzt und mit silbernen und vergoldeten Gewinden geziert. Der Tabernakel, zwei und eine halbe Elle hoch, wurde in Italien verfertigt und weist verschiedenfarbigen Kristall auf. Die kirchlichen Gewänder für das Hochamt, auf silbernem Grunde mit Gold gestickt, schätzt man auf viertausend Taler. Diese Kirche gewinnt noch immer mehr an Schmuck; denn jeder Prokurator, der nach Rom reist und eine Mission nach Amerika abholt, will auch für dieses Gotteshaus etwas ausgezeichnet Schönes mitbringen.

Die Jesuiten lehren an der hiesigen Universität. Ferner steht ein Konvikt für mehr als siebzig junge Leute unter ihrer Leitung. Das Gebäude erhebt sich ihrem Kolleg gegenüber, hat einen eigenen Rektor, einen Minister, zwei Korrepetitoren und einen eigenen Prokurator für die geistige und leibliche Wohlfahrt der Zöglinge. Man nennt diese Anstalt das Kolleg von Monserrat; es besitzt eine reiche Stiftung. Die meisten Zöglinge leben zudem auf eigene Kosten. Die Hausordnung wird mit Strenge gehandhabt. Ein Übertreter wird zunächst gewarnt und bestraft. Bessert er sich nicht, so schickt man den Eltern die Anzeige, für das weitere Fortkommen des Jünglings, dem die Pforte bereits offen stehe, Sorge zu tragen. Ändert er sich noch nicht, so erhält er Befehl, sich mit bürgerlicher Kleidung zu versehen. Ist diese bereit, dann wird er von seinen Mitschülern und dem Pater Rektor bis zur Haustüre begleitet und höflich entlassen. Die Kleidung der Zöglinge ist ein Talar; dieser wird ganz zugenäht, so daß nur für Kopf und Arme Öffnungen angebracht sind. Eine rote Binde von der Breite einer viertel Elle schlingt sich von der Brust über die Schultern und reicht auf dem Rücken bis zum Saume des Kleides herab. An der Form dieses Streifens kann man den Grad erkennen, den sich die einzelnen in ihren Studien erworben haben. Als Aufforderung zu rühmlicher Nachahmung prangen die Bildnisse ehemaliger Zöglinge im Speisesaale. Eine Reihe von Bischöfen und Erzbischöfen ging bereits aus dieser Anstalt hervor.

Ich kehre nun zu mir selber zurück. Die acht Tage, während deren man uns zur Erholung von den Mühseligkeiten der Reise festlich behandelte, waren verflossen; nun galt es, an die Arbeit zu gehen. Ich hatte noch nicht das ganze vierte Jahr der Theologie gehört und mußte mich vorbereiten, die letzte Prüfung zu machen und dann das dritte Probejahr zu vollenden. Nebstdem trug man mir auf, die Musik zu verbessern und die Neger, Sklaven des Kollegs, auf verschiedenen Instrumenten zu üben. Ich sah mich durch die Entdeckung traurig überrascht, daß die mir anvertrauten zwanzig schwarzen Musiker keine Noten kannten, sondern nur aus dem Gehöre sangen und spielten, obwohl sie die Musikalien in den Händen hielten. Ich mußte zum Feste des hl. Ignaz eine Vesper und eine Messe komponieren und hatte nur noch vier Monate Frist. Doch gelang es mir, meine Pflegebefohlenen so weit zu bringen, daß sie mein Werk mit seltener Genauigkeit aufführten, obwohl einzig der Organist die Noten lesen konnte, die andern alle aber nur auf ihr Gehör angewiesen waren. Der Bischof, der die Vesper und das Amt in unserer Kirche hielt, sowie die auf meine Komposition begierigen Stadtbewohner bezeigten mir ihre volle Zufriedenheit.

Der mir sehr geneigte Rektor gönnte mir nach glücklich überstandener Prüfung eine Erholung, die neben andern Gefälligkeiten mich an Cordoba fesseln und den Gedanken, in die Mission zu gehen, zurückdrängen sollten. Denn, wie mir gute Freunde zuflüsterten, dachte er daran, mich als Minister im Konvikt anzustellen. Ich verharrte jedoch bei meinem früheren Entschlusse, nahm aber gleichwohl die angebotene Erholung mit Dank an. Dieselbe bestand darin, das; man mich auf einige Estanzen[7] sandte. So nennt man die Wirtschaftsgüter, auf welchen hauptsächlich Viehzucht getrieben wird. Es gehören manchmal kleine Dörfer, aus sechs oder sieben Familien bestehend, dazu. Unser Kolleg hatte drei solche Estanzen; ein Priester und Laienbrüder bewohnten sie. Die Estanze Alta Gracia war die vorzüglichste von ihnen; dazu gehörte ein Dorf Puesto de S. Antonio, welche jedoch nur einige schlechte Hütten für Neger aufwies, die achttausend zur Maultierzucht bestimmte Stuten und dreitausend Maultiere zu besorgen hatten. Das höchste Gebirge um Cordoba, die Chala, gehört mit vierzehntausend Stück Hornvieh zu diesem Gute. Ich bestieg den Gipfel, hatte oben die angenehmste Witterung, während unter mir ein Gewitter das Tal erschütterte. Mutige Pferde trugen mich und noch andere Jesuiten in die Estanze Candelaria, in der wir nicht lange weilten, weil ein Wetterstrahl uns beinahe erschlagen hätte. Wir sahen am Morgen die Verwüstung des Blitzes, dankten Gott für unsere Erhaltung und kehrten zur Stadt zurück.

Mein drittes Probejahr wurde mir durch den Gedanken versüßt, daß ich nachher zur Bekehrung der Heiden verwendet werden würde; manche Unannehmlichkeit schwand durch diese Vorstellung. Was mir in Europa vielleicht sehr lästig geworden wäre, nahm ich hier leichter, wo die Nähe fremder Gegenstände durch den Reiz der Neuheit mich fesselte. Es befremdete mich anfangs, daß man hier im Probejahr ein braunes Kleid von sehr grobem schweren Tuche tragen muß, das wir Priester nur am Sonntag bei geistlichen Verrichtungen mit unserem sonst gewöhnlichen schwarzen vertauschen durften. Als aber viele alte Missionäre zur Provinzialversammlung nach Cordoba kamen, um einen zu wählen, der als Prokurator nach Rom reisen sollte, und ich von dem Vorsteher der Missionen bereits bekehrter Völkerschaften, dem Pater Bernard Nusdorfer[8], einem Bayern, zur Teilnahme an ihrer Arbeit angeworben wurde, vergaß ich leichten Sinnes auf das schwere Kleid. Seinem Andringen konnte ich jedoch nicht willfahren, weil ich vor Begierde brannte, meine Kräfte einem bisher unbekannten Stamme, der noch christlich werden sollte, zu weihen. Gott gab meinem Wunsche das Gedeihen, und ich erhielt die Weisung, mich in eine neugegründete Mission in der Gegend der Stadt Santa Fé zu begeben. Ich besuchte nach dem Rate des wohlwollenden Pater Rektor noch geschwind meine guten Freunde in den Estanzen, die mir acht gute Reitpferde schenkten. Indes ward im Kolleg meine Reise vorbereitet. Man gab mir einen bequemen Wagen, um einen Weg von beinahe hundert Meilen, größtenteils durch unwirtliche Gegenden, zurückzulegen, in welchen die Wilden manchmal zu streifen, und wen sie treffen, zu ermorden pflegen. So erlag kurz vor dieser Zeit auf dem nämlichen Wege Pater Franz Herera mit sieben weltlichen Personen den Mordwaffen der Wilden.


In Santa Fé.

Glücklich, doch nicht ohne Beschwerden erreichte ich Santa Fé, um hier die Ankunft meiner künftigen Zöglinge zu erwarten. Diese Stadt liegt in einer schönen Ebene an der Ostseite des Flusses Paraná, der hier kleinere Flüsse aufnimmt. Acht Meilen entfernt ist der große See Paiva, dreißig Meilen der Weiße See, der schon oftmals beim Zusammentreffen der Spanier und Indianer Blut getrunken. Fischen, Jagen und Holzfällen ist bei Santa Fé jedermann erlaubt. Die Jesuiten haben in der Stadt ein Kolleg mit vierzehn Personen und eine schöne Kirche; ferner befinden sich dort zwei Pfarrkirchen, eine für die Spanier, die andere für die Mulatten; auch die Dominikaner, die Franziskaner und die Brüder de la Mercede besitzen Klöster. Die offene Stadt mit vielen schattigen Bäumen ist den Anfällen der Indianer sehr ausgesetzt. Im kleinen Hafen erblickt man eine Menge von Angestellten, weil alle Schiffe, die nach Buenos Aires fahren, hier anlegen müssen, um zu mauten.




Zweites Kapitel.
Wirken unter den Mokobiern[9].


In der Reduktion S. Xavier.

Den 9. Juni kamen endlich meine künftigen Schäflein mit einem Mitmissionär, dem Pater Emanuel, in die Stadt, um mich in ihre Heimat zu führen. Zwölf Erwachsene und fünf der Schule noch angehörige Knaben waren die Abgesandten. Ich stand in diesem Augenblick ganz nahe am Ziele meiner Wünsche; man kann sich meine Empfindungen denken. Zwei Tage blieben wir noch in Santa Fé. Mein leutseliges Betragen, meine freundliche Miene gewannen mir das Zutrauen der Indianer, und als ich meine Speisen mit ihnen teilte, ihnen einige Stücke auf der Violine spielte, sie mit der Flöte und dem Waldhorn unterhielt, wurden sie mir so gewogen, daß sie sich auch in später Nacht nicht von mir trennen wollten, obwohl ich nur mit einigen, die etwas Spanisch verstanden, sprechen konnte.

Von Santa Fé bis zu ihrem Stamme beträgt die Entfernung vierunddreißig Meilen, welche man mit Lastwagen in drei Tagen, zu Pferde aber bequem in vierundzwanzig Stunden zurücklegen kann. Doch die schlechte Witterung, unausgesetzte Regengüsse, angeschwollene Flüsse nötigten uns, elf Tage auf dieser Reise zuzubringen. Auf einer ausgetrockneten Haut, die an den vier Ecken so gebunden war, daß die Seiten spannhoch emporstanden, zogen mich meine künftigen Zöglinge über den Fluß, den sie entkleidet durchschwammen. Eine der fürchterlichsten Nächte hinderte uns, auch meine Habseligkeiten an das jenseitige Ufer zu bringen. Die schwarzen Wolken schütteten ganze Ströme von Regen herab, durch nichts konnte ich mich vor Nässe schützen, und das Brüllen naher Raubtiere steigerte meine Angst. Wie froh war ich beim Anbruch der Morgenröte, obwohl neue und noch größere Beschwerden mich erwarteten, da ich noch über einen See setzen mußte. Meine neuen Freunde brachten mich glücklich hinüber und machten mir mit freudestrahlender Miene verständlich, wir seien nun ihrer Heimat nahe. Einige von ihnen waren auf einem näheren Wege heimlich zu ihrem Dorfe vorausgeeilt, um meine Ankunft zu melden. Eine Schar Indianer eilte mir entgegen und fand mich beim Mittagsmahle, das ich mit ihnen teilte. Sie waren mit mir sehr vergnügt. Wir zogen weiter, und ehe ich es dachte, schallte mir das Glöckchen der kleinen Kirche den Willkomm entgegen, und alt und jung fand sich ein, mich zu grüßen. Der eifrige, unerschrockene alte Missionär P. Franz Burges eilte auf mich zu und schloß mich brüderlich in seine Arme. Mit Tränen im Auge flüsterte er mir zu: „Haben Sie Mut und Genügsamkeit!“ Ich sah bald, daß ich beides nötig hatte. Unser erster Gang war in das ärmliche Gotteshaus, der zweite in meine Wohnung. „Mut!“ sagte ich zu mir, als ich diese elende Hütte betrat, wenn ich anders ein mit Tierhäuten umzogenes und ebenso gedecktes Viereck so nennen darf. Von gleicher Bauart war die Küche, nur daß ihr Dach von Stroh war. In der Nähe der Schule hingen zwei Glöckchen an einem Querbalken.

Das erste, was ich unternahm, war, von meinen Handwerkskenntnissen und mitgebrachten Werkzeugen zum Besten der Kirche Gebrauch zu machen; denn dieser gebrach es beinahe an allem. Sie bot nicht mehr Raum als eine Scheune. Der Altar bestand aus einer Lage von Ziegeln; darauf stand ein Kruzifix; eine Kerze zur Rechten und eine zur Linken staken in Qchsenhörnern, die mit Sand gefüllt waren. Ich machte einen Altar aus Leder, spannte Häute auf dicke Holzrahmen, schabte die Haare weg, schnitt Figuren darein, welchen ich gefärbtes Papier unterlegte; die Haut überzog ich mit Leimwasser, überstreute sie mit Glasglanz und richtete dann diesen neuen Altar auf, bei dessen Anblick meine Indianer vor Freude aufjubelten.

Die größte Sorge verwandte ich darauf, möglichst bald ihre Sprache zu erlernen. Aber nirgends fand ich die gehörige Ruhe dazu, denn mein ledernes Haus wimmelte von ungebetenen Gästen, die keine kleine Plage in diesem Lande sind. Die Indianer wohnen nämlich in niedrigen Strohhütten, in denen sie nicht ausrecht stehen können. Sie halten eine Unzahl Hunde und Hühner, die ohne Scheu herumliefen und auch meinen Aufenthaltsort durchstöberten. Gerne machten es sich die Hunde im Schatten meines Bettes bequem. Ihr Anblick war mir ekelerregend, weil sie häufig in der Asche liegen und infolgedessen räudig werden. Die Hühner störten mich oft beim Schreiben und waren durch nichts zu vertreiben. Die Häute, die mir als Wände dienen mußten, trieften bei nasser Witterung; kam trockenes Wetter, dann schrumpften sie ein, zogen einige Pflöcke mit in die Höhe und eröffneten so meinen unwillkommenen Besuchern von allen Seiten den Eingang. Nachts rettete sich das Hornvieh vor den Mücken im Walde in unser Dorf, wurde aber hier von ihnen nicht viel minder gequält, wie mich ihr Brüllen schließen ließ. Mich belästigten die Mücken ebensosehr, und noch mehr die größeren geflügelten Insekten, die um das Licht herumsurrten und in die Schüsseln flatterten. Nicht selten nahm der stinkende Sorillo seinen Weg zu mir und wurde von Nattern und Schlangen, einer sehr häufigen Plage dieser sumpfigen Gegend, abgelöst. In später Nacht oder um 3 Uhr des Morgens stampften die Weiber die Frucht des Johannisbrotbaumes, um aus dessen Mehl ein berauschendes Getränke zu bereiten.

Solche Beschwerden störten mich im Erlernen der Sprache. Dennoch kann ich nicht sagen, daß es mir schwer gefallen ist, hier zu bleiben. Gott hilft bei Unternehmungen, welchen man sich aus Liebe zu ihm und zum Wohle seiner Geschöpfe unterzieht.


Gründungsgeschichte der Reduktion.
Ehe ich hier die Geschichte meiner Arbeiten und Mühen zum Besten der mir Anvertrauten erzähle, ist es notwendig, die Gründung dieser Kolonie, einer von jenen, welche man „Reduktionen“ nennt, zu berichten.
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Bild 2. Mokobier.

Dieses Volk, welches sich „Amokowit“ heißt, von den Spaniern aber die Mokobier (Mocobi) genannt wird, hatte in dem Tale Chaco, mehrere hundert Meilen von der Stadt Santa Fé, seinen Sitz. Die Weite des Weges aber hinderte die Mokobier nicht, diese Stadt feindlich anzufallen, viele Bürger zu morden und Kinder als gute Beute mit sich fortzuführen. Für sich allein schon zahlreich, vereinigten sie sich mit den benachbarten Akallagankis und Tobas und griffen Santa Fé mehrmals mit so glücklichem Erfolg an, daß die Bürger endlich ihre Stadt verließen und achtzehn Meilen weiter rückwärts in einer durch die Natur besser geschützten Lage eine neue Stadt anlegten. Aber auch dort ließ man ihnen keine Ruhe. Sie baten Buenos Aires um Unterstützung; allein die fünfzig Dragoner, die man zu ihrem Schutze schickte, unterlagen den Pfeilen der Indianer. Nun dachte man auf kräftige Gegenwehr: von den entlegenen Städten Corrientes, Cordoba, Tucuman und Santiago del Estero kamen siebzehnhundert Mann. Diese suchten die Barbaren in der Wildnis auf, fanden sie aber nicht; dafür wurden jene Städte, von denen Bewaffnete geschickt worden waren, von den Wilden nur desto ärger beunruhigt.

Da man nach vielen Jahren einsah, die Wilden seien durch Gewalt nicht zu bändigen, dachte man auf andere Mittel. Don Franz von Echague, Kommandant von Santa Fé, ein ebenso wackerer Krieger als frommer Mann, fing die Sache klüger an. Jeder Bürger mußte sich mit Waffen und Lebensmitteln versehen. Dann zog er mit vierhundert Mann hinaus, um die Waldungen zu durchsuchen. Einst stieß er auf neun Indianer; er ließ sie umkreisen. Bald hatten sie ihre Pfeile verschossen, der Kreis engte sie mehr und mehr ein. Wie wütende Löwen drangen nun die Wilden mit ihren Lanzen auf die Spanier ein. Endlich mar man ihnen so nahe gekommen, daß sie ihre langen Lanzen nicht mehr gebrauchen konnten, und nahm sie gefangen. In der Stadt verwahrte man sie gut, wie auch die andern, die man täglich einbrachte. Man behandelte sie freundlich und milde. Der Statthalter ließ sie manchmal in seine Wohnung kommen, redete mit ihnen herablassend durch einen Dolmetsch, bewirtete und beschenkte sie mit ihnen angenehmen Dingen. Die Bürger behandelten sie ebenso. Nach längerer Zeit entließ man sie mit der Versicherung, daß man mit ihrem Volke in Frieden zu leben wünsche. Man gab jedem ein Pferd, damit ihre Genossen sehen sollten, wie wohlwollend man mit ihnen umgegangen sei. Doch auch dieses Mittel hatte nicht ganz den erwünschten Erfolg. Denn die Wilden behielten ihre räuberische Gesinnung noch lange bei.

Das Jesuitenkolleg zu Santa Fé war äußerst tätig, der geängstigten Stadt mit Lebensmitteln auszuhelfen. Aus dem Meierhofe der Väter wurden ihr wöchentlich fünf Wagen mit Weizen, Schmalz und Fleisch zugebracht. Jederzeit mußte die Lieferung durch den Pater Prokurator mit fünfzig Mann begleitet werden. Das beste Mittel, um diesen traurigen Zuständen ein Ende zu machen, war noch nicht versucht worden. Es bestand darin, die Wilden durch die Religion Jesu Christi zu zähmen. Schon lange hatte P. Franz Burges, ein Spanier aus Navarra, den P. Rektor und durch diesen den Kommandanten der Stadt gebeten, ihn den Versuch einer Missionsgründung unter den räuberischen Indianern machen zu lassen. Der Statthalter willigte endlich ein, zwei Jesuiten zu schicken, jedoch nur unter hinreichender militärischer Bedeckung, wie es die königlichen Verordnungen zum Schutze der Missionäre erheischten. Aber die Patres verzichteten auf eine bewaffnete Begleitung. P. Burges und P. Garcia, ein Andalusier, wollten im Vertrauen auf den Beistand des Allerhöchsten den Beweis liefern, daß das heilige Kreuz besser als die kriegerische Waffe der Spanier die Wilden zu besiegen vermöge. Bloß von einem Dolmetscher begleitet, zogen sie aus.

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Bild 3. Tätowierung, Kinn- und Ohrschmuck der Mokobier.

Fünf Meilen vor der Stadt trafen sie auf eine Schar Indianer: Männer, Weiber und Kinder. Schnell liefen die Indianer zu ihren Pferden und stellten sich zur Wehr. Als sie aber nur drei Unbewaffnete sich nähern sahen, kamen sie diesen lauernd entgegen und fragten unwillig, was sie suchten. „Euch und den Frieden, den der Befehlshaber der Stadt durch uns anbietet“, lautete die Antwort. „Kommt in die Stadt, besucht die Bürger, überzeugt euch selbst, daß ihr ohne Gefahr des Lebens und der Freiheit mit den Spaniern verkehren könnt. Wir selbst bieten uns als Unterpfand der Freundschaft an. Gestattet nur, daß wir unter euch wohnen dürfen.“

Dies wirkte. Die Indianer hatten schon von den Missionen gehört, wie sie anderswo eingerichtet worden waren, und von der Ordnung, die dort herrschte. Sie wurden freundlicher und gaben Bescheid, sie wollten nur noch mit ihrem abwesenden Kaziken darüber beraten. Die Jesuiten brachten diesen Hoffnungsstrahl nach Santa Fé. Zwei Monate darauf lagerte sich der Kazike Ariakaiquin mit zahlreichem Gefolge nahe vor der Stadt. Die Missionäre besuchten ihn und wiederholten, was sie früher seinen Untergebenen gesagt. Er erkannte die Verdienste der Jesuiten um andere Völkerschaften an, erklärte aber mit Bitterkeit, er halte die Spanier für falsche Menschen und fürchte, daß sie unter freundschaftlichen Worten den Tigersinn verbergen, mit dem sie dereinst ihre Väter erwürgt hätten. Die Vorstellung der Jesuiten, daß die Spanier nun anders wären, zwang dem Kaziken ein Lächeln und die Bemerkung ab, man werde auch den Patres nicht recht trauen, wenn sie so gute Freunde der Spanier seien. – Jedoch gewann man durch diese Unterredung wenigstens so viel, daß Ariakaiquin länger zu bleiben versprach, um das Betragen der Städter zu beobachten.

Der spanische Befehlshaber besuchte, mit Geschenken wohl versehen, den Kaziken in seinem Lager. Dieser empfing ihn jedoch sehr unfreundlich, äußerte sich in scharfen Ausdrücken über die Spanier und nahm die Einladung, die Stadt zu besuchen, nur unter der Bedingung an, daß die Jesuitenväter stets an seiner Seite bleiben müßten. In der Mitte der beiden Patres ritt er dann zur Wohnung des Kommandanten, übernachtete dort, ganz befriedigt über das zuvorkommende Benehmen der Stadtbewohner und noch mehr über deren zahlreiche Geschenke, die er nicht alle mit sich nehmen konnte. Als die Jesuiten am folgenden Tage ihm das Zurückgelassene überreichten, zwang ihm dieser Beweis von Güte Dank ab und brachte seinen Entschluß zur Reife, die Missionäre unter sein Volk aufzunehmen.

Was die Patres bis dahin bei dem Kaziken gewonnen hatten, zerstob aber schnell; denn einige Tage später wurde der Kazike bei einem Raubzuge gegen Cordoba getötet. Sein Bruder Cithaalin rächte ihn blutig, verheerte die Gegend um Tucuman, machte viele Gefangene, wurde aber, von den Spaniern mit Übermacht angegriffen, verwundet und in die Flucht geschlagen. Während seine Wunde heilte, kamen ihm bessere Gedanken. Er beschloß, die von seinem Bruder begonnenen Unterhandlungen wieder aufzunehmen, sich mit Hilfe der Missionäre den Spaniern zu nähern und ein friedliches Verhältnis herbeizuführen. Er ritt also, von nur zehn Indianern begleitet, in die Nähe der Stadt und verlangte, man solle ihm die zwei Väter herausschicken. P. Burges und P. Garcia kamen alsogleich zu ihm. „Wollt ihr“,
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4. Lederwams der Mokobier, als Panzer getragen.

rief er ihnen lächelnd entgegen, „unsere Väter sein? Ich bin der Bruder des bei Cordoba ermordeten Ariakaiquin; seid ihr die nämlichen, mit welchen er früher gesprochen hat?“ Man bejahte die Frage und lud ihn ein, in die Stadt zu kommen, er werde dort freundliche Aufnahme finden. Nachdenklich begab er sich mit den beiden Jesuiten dahin. Inzwischen hatte sich die Kunde davon verbreitet, und einige neugierige Städter ritten hinaus, um den tapfern Häuptling zu sehen, der ihnen so viel zu schaffen gemacht. Man hatte ihn Postemudo, d. h. der stille Stock genannt, weil ihm der Zorn die Sprache nahm, wenn er mit seinen Feinden sprechen wollte. Cithaalin ärgerte sich über diese Aufdringlichkeit. „Väter, ich habe euch und nicht diese gerufen. Was wollen sie von mir? Ich brauche sie nicht. Laßt sie nach Hause gehen.“ So heischte er in düsterem Ernste. Man willfahrte ihm und suchte ihn zu einem Besuche bei dem Kommandanten zu bewegen. Stolz wandte er sich zu den Jesuiten: „Ich will zu euch, in euer Haus“, sprach er; „ich bin kein Überwundener; was kümmert mich euer Befehlshaber? Will er mit mir reden, so wird er schon erfahren, wo ich bin.“
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Bild 5. Wams der Mokobier aus Tigerfell.

In dem Kolleg kamen alle Jesuiten aus ihren Zimmern, den seltenen Gast zu begrüßen, der den „Hauptmann“ zu sprechen verlangte. Der Pater Rektor stellte sich ihm vor, und gleich rief er, auf Burges und Garcia zeigend: „Diese zwei müssen mit uns gehen; bist du’s zufrieden?“ „Nicht nur zufrieden, sondern ganz glücklich“, lautete die Antwort. „Und solltet ihr noch mehr Priester wünschen, so begehrt sie nur, ich habe noch viele andere.“

Cithaalins Begleiter redeten kein Wort. Sie wurden in die Kirche geführt, die ihnen sehr gefiel und den Kaziken, zur Äußerung brachte: „Ihr habt so schöne Sachen und Gebäude; warum bleiben denn die Spanier nicht in ihren Städten und Häusern? Es wäre besser, als daß sie uns in unsern Steppen und Wäldern nachjagen. Warum suchen sie bei uns, was sie besser und reichlicher zu Hause haben? Besäße ich solche Dinge, ich würde sie nie verlassen.“ Der Kazike wurde durch das Versprechen getröstet, man werde ihm bald ein Dorf und ein schönes Haus bauen.

Der Befehlshaber von Santa Fé kam ins Kolleg, um Cithaalin zu sich einzuladen. Nur auf Zureden der Väter entschloß sich dieser, wenn er erst ausgeruht hätte, der Einladung zu folgen. Am Mittagsmahls im Speisesaal des Hauses teilzunehmen, weigerte er sich, weil er nicht gern auf einem Sessel sitze und die spanische Kost nicht gewöhnt sei. Er lagerte sich mit seinen Leuten unter dem Schatten eines Baumes und verzehrte mit ihnen einen Kessel voll Fleisch; unser Brot war ihm ein wahrer Leckerbissen.

Nach geendetem Mahle verfügte man sich in die Wohnung des Befehlshabers. Dort nahmen die Indianer zum Erstaunen der Anwesenden aufs neue einen Kessel voll Fleisch zu sich. Nunmehr wurde ausgemacht, daß für den Kaziken und seinen Stamm eine Reduktion errichtet werden solle. Vorläufig solle der Kazike sich bemühen, seine Stammesgenossen, die noch in der Wildnis lebten, zu überreden und abzuholen. Die bedrohten Städte der Spanier: Santa Fé, Cordoba, Tucuman und Santiago, frohlockten ob der günstigen Aussicht, nun endlich Ruhe und Sicherheit vor diesen gefährlichen Nachbarn zu gewinnen. Sie versprachen, für die zu gründende Reduktion bereitwillig dreitausend Stück Hornvieh und mehrere hundert Pferde beizusteuern.

Während Cithaalins Abwesenheit erschien ein neuer Feind vor Santa Fé, der Kazike Aletin, ein großer, dicker, einäugiger Mann. Dieser trieb mit seinen Kampfgenossen Rinder und Pferde hinweg. Nur die eilende Tapferkeit des Kommandanten rang ihm acht Meilen vor der Stadt die Beute wieder ab. Der Kommandant erfreute sich aber seines Sieges nicht lange; wenige Tage später starb er. Sein Nachfolger wurde Don Franzisco Antonio de Vera y Muxica. Er war weniger freundlich als sein Vorgänger und suchte durch Strenge sich Ansehen zu verschaffen. Bald wurde an ihm auch der Mangel militärischen Talentes fühlbar. Der Weg friedlicher Unterhandlung fand bei ihm den Vorzug. Darum ließ er sich die Gründung der Reduktion angelegen sein als das beste Mittel, die wilden Horden zu zähmen. Durch seine Leute ließ er den Kaziken Aletin aufsuchen, um ihn mit dem Vorhaben Cithaalins bekannt zu machen. Aletin, durch die erlittene Niederlage gebeugt, vernahm mit Überraschung den Entschluß seines Schwestermannes. Er stellte in Aussicht, gleiches zu tun, sobald er sich von der Absicht seines Verwandten überzeugt habe. Und in der Tat, kaum hatte sich Aletin Gewißheit verschafft, so eilte er aus eigenem Antriebe zu den Jesuiten nach Santa Fé, begehrte Priester und versprach, sogleich einen schicklichen Ort für eine Niederlassung auszusuchen. Man kam in Verlegenheit. Zwei Reduktionen auf einmal gründen, war zu viel, und Aletin vor Cithaalin den Vorzug geben wollte man nicht. Man versprach ihm daher, sollte sein Schwager zur bestimmten Zeit nicht zurückkehren, mit ihm und seinem Volke eine Reduktion zu errichten.

In einem kleinen Meierhofe des Kollegs, unfern der Stadt, erwartete Aletin Cithaalins Ankunft. Da dieser nach vier Monaten noch nicht erschienen war, erhörte man die Bitte Aletins. Burges und Garcia begaben sich an die Stelle, wo die alte Stadt Santa Fé einst gestanden hatte. Es war keine schlechte Gegend, nur zu sehr von Tigern bevölkert. Zweihundert Spanier zogen mit, um eine Kirche und eine Wohnung für die zwei Missionäre zu bauen; denn die Indianer wußten mit solcher Arbeit noch nicht umzugehen. Indes besiegten sie ihre sonstige Trägheit und halfen, soviel sie konnten, mit. In vier Wochen standen die kleine Kirche und vier Wohnungen da, freilich nur aus ungebrannten Ziegeln und mit Schilf gedeckt. Die innere Einrichtung, ein Geschenk der wohlmeinenden Bürger von Santa Fé, war hinreichend.

Die Spanier entfernten sich, und P. Burges trat über mehr als hundertfünfzig Indianer sein Amt als Pfarrer an. Das erste, was ihm Sorge machte, war die Unmäßigkeit seiner Untergebenen, welchen täglich zwei Rinder nebst den von ihnen selbst erjagten Tigern und Hirschen nicht genügten. Sie wollten das ihnen von den Spaniern geschenkte Vieh ganz nach ihrem Belieben verzehren, ohne auf die Zukunft zu denken, und dann wieder in den Wäldern umherschwärmen. Burges stellte ihnen nachdrücklich vor, daß sie auf solche Art keine Zeit finden würden, im Christentum sich zu unterrichten; auch müßten er und sein Gefährte sie verlassen, venn sie nicht gehorchten und nicht arbeiten wollten. Solche Worte wirkten, doch nicht lange.

Der neuen Mission drohte zudem eine noch bedenklichere Gefahr von dem Eigennutze der Spanier. Die Reduktion lag von Santa Fé nur achtzehn Meilen entfernt. Häufige Besuche waren die Folge, und schließlich ließen sich mehrere Indianerfamilien verlocken, in die Stadt zu ziehen. Man behielt sie dort einige Zeit, gab ihnen in Fülle zu essen und bediente sich ihrer als Taglöhner. War die Arbeit getan, so schenkte man ihnen ein wenig Wolle und Geld und sandte sie wieder in die Reduktion mit der Einladung, ein andermal, wenn es wieder Arbeit gebe, abermals zu kommen; man werde sie stets bezahlen, während sie von ihren Geistlichen niemals Geld erhalten würden. Die Verführten, die nicht merkten, daß ihnen die listigen Spanier nicht den zehnten Teil von dem gaben, was ein anderer Taglöhner verlangt haben würde, erklärten nun ihrem Pfarrer rund heraus, ohne Bezahlung würden sie nicht mehr arbeiten; es sei ihnen wohl bekannt, daß die schönen Sachen, von denen man ihnen nur sparsam mitteile, nicht den Priestern, sondern ihnen, den Indianern, gehörten. Es sei also ihr Eigentum; und ihre guten Freunde in Santa Fé hätten ihnen überdies gesagt, sie brauchten ihrem Pater nicht in allem zu gehorchen.

Das war ein Donnerschlag für den eifrigen P. Burges. Ihn konnte nichts trösten als der Beistand Aletins, der ihn ermahnte, die verführten Indianer wegziehen zu lassen und sich ausschließlich mit ihm und den Gutgesinnten zu beschäftigen. Dann hielt Aletin eine kurze und kluge Ansprache an das Volk. „Wenn ihr so fortfahret“, sagte er, „dann wird unser guter Vater, der gekommen ist, um uns Gott kennen zu lehren, von uns wieder fortziehen. Er ist’s, der jetzt für euch Sorge tragen will, während ihr früher, ohne Gott zu kennen, für euch und eure Kinder selbst sorgen mußtet.“

Cithaalins Ankunft mit seinen Leuten störte die Ruhe neuerdings. Zufrieden zwar, daß eine Reduktion begonnen, welcher er sich mit den Seinen anschloß, machte er ungeheure Forderungen an Lebensmitteln, die nicht bewilligt werden konnten, und drohte im heftigsten Zorne, sich selbst von dem Gemeingute der Mission zu nehmen, was er wolle, und sich in Santa Fé zu erkundigen, wie sich der Pfarrer gegen ihn zu verhalten habe.

Burges schickte nach dem Rate Aletins einen Eilboten zum Kommandanten nach Santa Fé mit einem ernsten Briefe. Ob es der Wille des Kommandanten sei, so fragte er, daß die Indianer nach ihrem Gutdünken mit den Lebensmitteln schalten und walten dürften, wie die Spanier ihnen beigebracht. Wäre dies der Fall, so müßte in wenigen Tagen eine Herde von mehreren tausend Stück Hornvieh herbeigeschafft werden. Sei dies aber nicht der Fall, so solle man dem Cithaalin andere Grundsätze beibringen als solche, die der eigennützige Stadtpöbel zu äußern pflege. Die Ordensobern hätten sie, die Jesuiten, nicht als eine Vorpostenwache für Santa Fé, sondern als Lehrer des Christentums hingestellt;
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Bild 6. Kopfbedeckung der Mokobier.

das sei ihr Beruf, dem sie sich bis zum letzten Augenblick ihres Lebens zu weihen bereit seien. Wolle aber der Kommandant die Indianer nur zu Freunden der Spanier und nicht auch zu Freunden Gottes machen, so sei dies seine Sache; er möge dann auch jemand abordnen, der die Wirtschaft der Gemeinde besorge. Diese Sorge sei ohnehin nicht das Amt eines Seelsorgers und nur durch die Spanier den Missionären zugeteilt worden.

Der Brief verfehlte nicht seinen Eindruck. Der Kommandant erkannte sehr wohl das Gefährliche, das dieser Verkehr zwischen den Indianern und Spaniern habe. Es wurde Rat gehalten und verordnet, daß künftig kein Bewohner der Reduktion ohne schriftlich erteilte Erlaubnis des Missionärs zur Stadt kommen dürfe. Die Spanier sollten ihrerseits keinen Indianer aus der Mission zu sich einladen, bei Strafe des Kerkers oder einer Geldbuße.

Erst nachdem diese Verordnung ergangen war, setzte Cithaalin seine Drohung, in der Stadt über die Pflichten des Missionärs Erkundigungen einzuziehen, ins Werk; denn er hatte sich unterdessen mit Jagd beschäftigt. Ein kühler Empfang und die Lehre, seinem Priester in Zukunft zu folgen, war die Frucht seines Rittes. Aber sein Starrsinn besserte sich nicht; er lebte nach gewohnter Weise in der Reduktion und brachte sie bald so weit, daß alle ihre Vorräte aufgezehrt waren. Indes hatte P. Burges vorsorglich von einer andern Mission Hilfe begehrt. Die gehoffte Lieferung traf ein, als die Not schon groß war. Da ließ P. Burges seine Indianer zusammenrufen und erklärte ihnen, daß die Unterstützung der Spanier aufgehört habe. Der angelangte Vorrat sei von Christen, die noch kurz vorher, wie sie, Heiden gewesen wären; weil sie aber der Lehre der Väter gehorcht, seien sie im stande, auch andern Gutes zu tun, die wie sie Gott kennen zu lernen wünschten. Diese Gabe werde er nach seinem Belieben nur an jene austeilen, die sich zur Arbeit bequemten; die andern möchten sich entfernen.
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Bild 7. Kopfbedeckung der Mokobier.

Aletin war es zufrieden; Cithaalin aber murrte und zog mit dreihundert Köpfen von dannen.

P. Burges war über diesen Verlust von Seelen, die er für Jesus zu gewinnen hoffte, untröstlich. Aber Aletin kannte seinen trotzigen Schwager besser und behauptete, er werde bald wiederkommen. Nun suchten die Patres eine feste Tages- und Lebensordnung einzuführen. Die ersten Stunden gehörten dem Unterrichte in der christlichen Lehre. Dann wurde das Feld bearbeitet. Sechs Mann mußten das Vieh hüten. Für je sechs Familien wurde jede Woche ein Rind geschlagen. Die Haut sollte dem Missionär gebracht und von ihm verkauft werden, um für den Erlös Messer, Hacken und Werkzeuge anzuschaffen.

Nach zwei Monaten stellte sich Cithaalin mit seinen Leuten wieder ein. Trotzig blieben sie in ihren aufgeschlagenen Hütten, ohne den Missionär zu begrüßen, ohne etwas zu fordern. Sie erwarteten, P. Burges werde sich ihnen zuerst nähern; denn sie verkannten seinen Eifer für sie keineswegs. Die liebreiche Sorge, mit der dieser kluge Seelenhirt ihnen Nahrung antrug, machte sie geschmeidiger, und ohne ein Wort darüber zu verlieren, fügten sie sich in die Ordnung.

Der gute Fortgang der Reduktion wurde durch einen Angriff von achtzehn Abiponern[10] gefährdet, die den Anführer der Viehhüter von S. Xavier ermordeten. Die Söhne desselben schworen dem feindlichen Stamme Rache, suchten aber vergeblich nach den entflohenen Tätern und waren entschlossen, mit allen Streitbaren der neuen Gemeinde den ganzen Stamm der Feinde zu bekriegen. Die sanften Worte des P. Burges jedoch hatten so viele Gewalt über die erzürnten Gemüter, daß sie ihren Vorsatz aufgaben.

Ein neuer Überfall und Raub von seiten wilder Indianer zwang zur Verfolgung und Zurückeroberung der weggetriebenen Pferde. Da entdeckte man erst, daß nicht die Abiponer, sondern ihre eigenen Stammesverwandten, die Mokobier, unter Anführung des Kaziken Nevedagnak die Feinde waren, die diesmal ebenso glücklich wie das erste Mal mit ihrer Beute entkamen. Entmutigt durch vergebliches Nachsetzen, aufgebracht über die Spanier, die ihren neuen Freunden nie zu Hilfe eilten, und besorgt, in dieser Gegend wiederholten Räubereien ausgesetzt zu sein, verlangten die Reduktionsindianer von dem Missionär, daß er einen andern Platz, tiefer in der Wildnis, für eine ruhigere Niederlassung suche. P. Burges stimmte mit Freuden bei, leitete beim Kommandanten die nötigen Schritte ein und gewann den Provinzial des Ordens für den Plan der Übersiedelung. Der Kommandant von Santa Fé machte große Schwierigkeiten. Ein Befehl des Gouverneurs von Buenos Aires, den sich der Provinzial zu verschaffen gewußt, machte sie aber schwinden. Die Reduktion suchte und fand einen andern Ort, sechs Meilen von dem vorigen an einem Arme des Paranástromes, Algarrobos genannt. Eine vier Meilen breite und vierzig Meilen lange Insel, mit unzähligen Jagdtieren bevölkert, machte der Kolonie diesen Aufenthalt besonders angenehm; am meisten freute man sich über die Herden wilder Pferde, aus welchen die Ankömmlinge den durch Nevedagnak verübten Raub ersetzen konnten.

Leider zerstörte ein Brand die kaum fertig gewordene Kirche und die Wohnung der Missionäre. Angestrengte Tätigkeit machte den erlittenen Schaden wieder gut. In einem halben Jahre war ein ganzes Dorf eingerichtet, um abermals von einem andern Elemente vernichtet zu werden. Der Paraná wuchs zu einem Meere an und überschwemmte das ganze Gebiet derart, daß man nur die Gipfel der höchsten Bäume sehen konnte. Die Bewohner, auf eine Anhöhe geflüchtet, mußten vierzig Tage lang dort verweilen, sich von Fischen und Seeschweinen nähren und zusehen, wie ihr mühsam errichtetes Dorf den Wellen preisgegeben war. Die nicht unbegründete Furcht, dieses traurige Ereignis könne sich wiederholen, bewog sie, auch diesen Platz zu verlassen und sich sechs Meilen weiter nördlich anzusiedeln.


Erste Arbeiten und Erfahrungen.

Während die Neugründung im Gange war, kam ich, Florian Baucke, zu ihnen. Die lederne Kirche und Wohnung waren nur ein Notbehelf. Vierhundert Schritte von hier wollten wir eine bessere Kirche und eine bequemere Wohnung gründen. Ich fing an, Ziegel zu verfertigen, und lud meine Zuschauer dazu ein. Da konnte man von einigen das naive Geständnis hören: wir sind zu faul. Absichtlich verdarb ich etwas; sie lachten. Ich fragte, ob sie es besser machen könnten, und bezweifelte ihre bejahende Antwort. So erregte ich ihre Eitelkeit; und sie arbeiteten dann frischweg, um ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Es gelang mir, sie durch Scherzen an die Arbeit zu gewöhnen, und bald hatte ich hinlängliches Baumaterial beisammen. Einen versuchten Überfall von seiten der hinterlistigen Payaguas[11] der uns sehr gefährlich hätte werden können, vereitelte ich durch Wachsamkeit. Der Mut, mit dem ich, von fünfzig meiner Pfleglinge begleitet, sie in ihrem Hinterhalte aussuchte und angreifen ließ, verscheuchte sie. Meine Leute gewannen mich lieb, weil ich die Gefahr mit ihnen teilte.

Mein einziger Kummer war, daß ich in ihre Sprache noch nicht so weit eingeweiht war, um alle meine Gedanken verständlich ausdrücken zu können. Manche Träne vergoß ich darüber, die P. Burges mitleidig mit der Versicherung trocknete, ich würde durch meinen Fleiß bald zum erwünschten Ziele kommen. Er schenkte mir sein Wörterbuch, das er in drei Jahren gesammelt. Meine Indianer beobachteten mir gegenüber ein überraschendes Zartgefühl: jeder scheute sich, meine Sprachfehler zu erwähnen; und als einmal ein Knabe über ein verkehrt ausgesprochenes Wort lachte, verwiesen ihm die Erwachsenen seine Keckheit. „Sieh“, sprachen sie, „er bemüht sich, unsere Sprache zu erlernen; wir verstehen ihn; was willst du mehr?“ Ich tat, als hätte ich diese Rüge
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Bild 8. Kopfbedeckung der Mokobier.

nicht bemerkt, erklärte ihnen aber einige Zeit darauf bei einer schicklichen Gelegenheit, daß es mir angenehm sein würde, von ihnen über Sprachfehler belehrt zu werden; mein Zweck sei, ihre Sprache genau zu lernen, um sie dann ohne Gefahr, mich falscher Worte zu bedienen, unterrichten zu können. Von nun an verbesserten sie mich mit Bescheidenheit, und dadurch war ich im stande, im zweiten Jahre meines Hierseins den Kindern Christenlehre zu halten und im dritten zu predigen.

Neben dem Religionsunterrichte lehrte ich die Kinder lesen, schreiben und Musik. Es gelang mir in drei Jahren, zwanzig Knaben so zu unterrichten, daß sie mit größter Fertigkeit eine musikalische Vesper und ein Amt aufführen konnten, wodurch die Indianer in große Freude, die Spanier in Verwunderung versetzt wurden. – So bescheiden auch meine Kenntnisse in der Tischlerarbeit und im Drechseln waren, so erwarben sie mir dennoch vollends die Zuneigung der Gemeinde. Bald bekam ich aus ihrer Mitte Gehilfen; nur durfte ich keinen Unmut blicken lassen, wenn einer etwas verdarb oder mehrere Tage aus der Werkstatt blieb; denn diese Menschen sind mehr, als man vermuten sollte, empfindlich. Darum fehlte es auch nicht an Mißhelligkeiten zwischen ihnen und P. Burges und P. Canelas. Da diese für Nahrung, Kleidung und Werkzeuge aller Art zu sorgen hatten, wie es die Pflicht des Pfarrers in allen Reduktionen ist, so ereignete es sich manchmal, daß er den Wünschen seiner Pflegebefohlenen nicht willfahren konnte. Da gab es dann Verdruß, den ich als Mittler schlichtete; denn mir vertraute man, weil ich nie Gelegenheit hatte, ihnen etwas abschlagen zu müssen. Der herzlich gute Burges war entzückt darüber, daß man mir allgemein wohlwollte, und kein Zug von neidischer Scheelsucht trübte je unser häusliches Glück.

Besonders wichtig wurde mir des Kaziken Cithaalin Zuneigung, die ich dadurch mühsam gewann, daß ich seine drei Söhne gern um mich litt, wenn sie mir auch oft sehr ungelegen
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Bild 9. Kopfbedeckung der Mokobier.

kamen. Er hielt sie an, Christenlehre und Schule fleißig zu besuchen, und gestattete endlich, daß wir sie taufen durften, obwohl er selbst dieses heilige Sakrament noch nicht empfangen wollte. Der andere Kazike begehrte bald von uns, wir sollten ihn zum Christen machen. Er, sein Weib, seine Kinder und sechs andere Indianer verlangten das Sakrament der Taufe, das wir ihnen denn auch mit möglichster Festlichkeit, in Gegenwart vieler dazu als Paten geladener Spanier, erteilten. Diese neuen Christen wohnten täglich der heiligen Messe bei und wurden unsere folgsamsten Freunde. Sie besuchten mich oft und gaben mir dadurch erwünschte Gelegenheit, ihnen noch gute Lehren zu erteilen und die Beobachtung zu machen, daß ein freundlicher Unterricht unter vier Augen ihnen angenehmer und für sie wirksamer sei als die Predigten in der Kirche. Wir sahen uns dadurch veranlaßt, täglich zwei oder drei der noch Unbekehrten einzeln zu uns kommen zu lassen, um sie in der Lehre des Heiles zu unterrichten und nach beendeter Unterweisung mit einem kleinen Geschenke zu entlassen. Ich besorgte die Männer und Knaben, P. Burges lehrte die Weiber und Mädchen.

Die Methode des Unterrichts erforderte viel Behutsamkeit. Nie darf man zu eifrig und anhaltend sprechen, sonst wird der Neuling im Christentum der Sache überdrüssig und erscheint nicht mehr. Ist die Stimme starktönend, so glauben sie, man zürne oder wolle Gewalt brauchen; und wenn man auch glaubt, noch so einfach gesprochen zu haben, so ist es ihrer Fassungskraft noch immer zu hoch. Sind sie von andern beleidigt worden, so haftet die erlittene Kränkung so tief in ihrer Seele, daß sie zwar bei dem Unterricht erscheinen, aber nur mit dem Körper anwesend sind. Ich wußte mir einst nicht zu erklären, warum einer meiner erwachsenen Zöglinge auf meine Frage, ob er meinen Vortrag verstanden, keine Antwort gab und statt dessen mit der Zehe ein Grübchen aushöhlte und beständig ausspuckte. Aletin, der eben dazu kam, riet mir, ich möchte den Stummen entlassen, denn sein Betragen zeige an, daß er sich innerlich mit einem gehabten Verdruß beschäftige. Andere überraschten mich beim Anfang des Unterrichts mit Tränen in ihren Augen und immerwährender Bewegung des Kinnes. Ich hielt dies anfangs für Zeichen eines gerührten Herzens; nur kamen sie mir etwas zu schnell. Bald wurde ich jedoch belehrt, daß sie dadurch heimlichen Groll, der sich nicht helfen und Luft machen kann, zu äußern pflegen. In solchen Fällen endete ich die Lehrstunde schnell und überließ der Zeit die Stillung ihres empörten Gemütes.

Um für Nahrung und andere Bedürfnisse unserer Gemeinde zu sorgen, mußte ich nach Santa Fé reisen. Kaum wurde dies unter unsern Leuten bekannt, so drängten sich viele herbei, um die von P. Burges bestimmte Begleitung zu vermehren. So sehr mich diese Anhänglichkeit freute, so wurde doch dem P. Burges bang, als er die meisten Indianer sich anschicken sah, mit mir wegzureiten. Wie hätten wir die große Schar mit den nötigen Mitteln für die Reise versehen sollen? Mit Mühe und nur durch das Versprechen, sie dürften ein andermal zur Stadt ziehen, ließen sich einige bereden, zurückzubleiben. Meine Begleiter waren aber immerhin noch so zahlreich, daß ich das Mißfallen des P. Rektor voraussah. Umsonst suchte ich sie zu bereden, vor der Stadt meine Rückkehr zu erwarten; sie folgten mir wie mein Schatten. In der Stadt glaubte man, die Reduktion sei im Aufruhr; der Kommandant schickte ins Kolleg, um sich zu erkundigen, warum so viele Indianer angekommen seien; der P. Rektor, Michael de Zea, konnte seine Bestürzung nicht verbergen. Zu meiner Entschuldigung konnte ich nur den Hergang der Sache berichten. Als aber noch sechs Indianer nachkamen, trieb ich den P. Prokurator an, mich schnell abzufertigen, um nach Hause eilen zu können.

Auf dem Rückwege mußte ich meinen Begleitern erlauben, dem Wilde nachzujagen. Mittags und abends fanden sie sich allzeit an den bestimmten Orten ein. Ich saß abgesondert von ihnen, betete mein Brevier oder beobachtete sie. Unfern hatten sich fünfzehn Knaben rund um ein Feuer gelagert wie die Erwachsenen. Diese jedoch blieben in größerer Entfernung. Die Knaben waren vergnügt und bereiteten ihr erbeutetes Wild zum Mahle. Aus den Blicken, die sie dabei auf mich richteten, vermutete ich, sie wünschten mich zu ihrem Schmause zu laden. Um ihnen Freude zu machen, kam ich der Einladung zuvor und verlangte ein Stück Braten. Der Knabe Sebastian, Cithaalins Sohn, machte sogleich aus einem Staudenholze einen kleinen Spieß, steckte das ungewaschene Fleisch daran und brachte mir es dann gebraten. Ich griff zu, so sehr mich auch diese ungewohnte Mahlzeit Überwindung kostete, und ein Beifallsgelächter der Geber versüßte mir meine Anstrengung. Bald hörte ich sie sprechen: „Der Pater ist kein Ausländer; er scheint in Wahrheit einer von unserem Volke zu sein.“ Als ich ihre Frage, wie es mir schmecke, mit „recht wohl“ beantwortete, erhoben sie aufs neue ein Freudengeschrei; seit dieser Zeit schlossen sie sich noch enger an mich an. Die Überwindung des natürlichen Ekels von meiner Seite wurde ein neues Band, um sie an mich zu fesseln und ihre Zuneigung zu gewinnen.

Im letzten Nachtlager, nur einige Meilen von unserer Reduktion, verließen mich meine Begleiter bis auf wenige und eilten nach Hause, voll Sehnsucht, wieder zu den Ihrigen zu kommen. Den folgenden Tag sah auch ich meine Mitmissionäre wieder und wurde mit brüderlicher Liebe empfangen. Für die zwei Knaben, die meine Bedienung ausmachten, hatte ich einige Ellen blauen Flanell und Baumwollenzeug zu Hemden mitgebracht. Bisher waren sie fast ganz entblößt gegangen, nur ein Rehfell hatte ihnen als Schurz gedient. Ich ließ ihnen nun Kleider machen. Dieselben fielen ihnen jedoch lästig; nur durch vieles Zureden brachte ich es nach und nach zuwege, daß sie die Kleider beständig trugen. Sebastian bekam nun auch Lust, immer bei mir zu bleiben; seinem Beispiele folgten seine beiden Brüder nach. Der Unterricht in der Musik lockte noch mehr Knaben an, und unsere musikalischen Messen zogen auch ungetaufte Indianer in die Kirche.

Die Schule wurde nach und nach fleißiger besucht. Aletin forderte die Eltern auf, ihre Kleinen zum Schulbesuch anzuhalten. Von der teuflischen Gewohnheit, Kinder, die ihnen nicht gefielen, zu ermorden, hatten mir sie durch unser Zureden und unsere Wachsamkeit abgebracht.

Fünf Jahre schon lebten wir so beisammen. Nur Cithaalins wilder Charakter war schuld, daß unsere angestrengten Bemühungen keine größeren Erfolge aufweisen konnten. Die Lauigkeit, mit der dieser Kazike sich um das wahre Wohl der Seinigen bekümmerte, stand im traurigen Gegensatze zu Aletins regem Eifer. Hatte Cithaalin nur Speise in Hülle und Fülle, so kümmerte er sich sonst um nichts. Zornig, blutgierig und ungezähmt, wurde er wie unsinnig, so oft er betrunken war; Weib und Kind mußten vor ihm fliehen. Auf meine wiederholten Vorstellungen, nüchtern zu bleiben, gab er zur Antwort, dies sei ihm unmöglich, er habe schon von Jugend auf die Gewohnheit, sich zu berauschen; ich solle ihn daran nicht hindern. Aber auf seine Söhne werde er acht haben, damit nicht auch sie diese Gewohnheit annähmen.

Einst hatten unsere Indianer einen Besuch von einem andern Stamme. Die ganze Nacht hindurch genossen sie ihre berauschenden Getränke und überschrien das Getöse ihrer Trommeln und Blasinstrumente. Keiner von uns wagte es, zu den Rasenden zu gehen. Am Morgen kam es zu einem blutigen Kampfe. Mit ihren Lanzen einander verfolgend, durchbohrten sie einen, den sie mit herausgetriebenen Eingeweiden liegen ließen. Ich eilte hinzu, ihm die Nottaufe zu spenden; denn er war noch ein Heide. Aletin kam mit seinen Leuten zu meinem Schutze herbei. Ich gewann Zeit, die heilige Handlung zu verrichten, sodann die Eingeweide, die nicht verletzt waren, in ihre natürliche Lage zu bringen, die Wunde zuzunähen und den beinahe Sterbenden in meine Wohnung tragen zu lassen. Durch Umschläge mit warmem Wein und Rosmarin gelang es mir, den kräftigen Mann in vierzehn Tagen wiederherzustellen. An diesem Unglücke trug, wie der Genesene erzählte, nur die Trunkenheit Cithaalins die Schuld. Und doch mußten wir ihn sehr schonend behandeln, damit er nicht, durch strenge Rüge in Zorn versetzt, mit seinen Leuten die Reduktion verließe.

Ein andermal kam ein betrunkener Indianer in nächtlicher Stunde in seine Hütte, ergriff seine Lanze und ermordete sein Weib. Die Verwandten der Gemordeten wollten noch in derselben Nacht blutige Rache nehmen. Mit Mühe beruhigten wir sie für den Augenblick. Am Morgen hörten wir die Lärmzeichen. Wir schickten den wackern Aletin, den beginnenden Aufstand zu stillen, eilten von Hütte zu Hütte und baten die Bewohner, weder den Bluträchern noch dem Mörder beizustehen. Dieser schrie indes mitten auf dem Platze den Verwandten seines Weibes entgegen: „Hier stehe ich mit meiner Lanze; komme, wer da will, mich zu töten! Zwei Lanzenstiche werde ich aushalten, ohne mich zu verteidigen, aber auf den dritten werde ich mich rächen.“ Aletin sorgte dafür, daß niemand dieser tollen Aufforderung Gehör gab. Ich und P. Burges führten den Täter in unsere Wohnung, wo er weinte, seine Übereilung erkannte und Besserung versprach. In der Folge wurde er getauft und Leander genannt. Der Bruder der Ermordeten verzieh ihm und erhielt bei der Taufe den Namen Peter.

Cithaalins Sohn Vinzenz wäre beinahe Ursache geworden, daß sein Vater mit mir gänzlich gebrochen hätte. Er hatte einem Mädchen ein kleines Geschenk gegeben und erfahren, daß dies dem P. Burges bereits angezeigt worden sei. Eine Strafe fürchtend, nahm er sein Pferd und ritt zum P. Rektor nach Santa-Fé. Da er sonst den ganzen Tag bei mir blieb und nur über Nacht zu seinem Vater ging, erfuhr ich diese Übereilung erst am Morgen. Nach drei Tagen kam Vinzenz zurück, übergab mir ein Schreiben des Rektors, in welchem ich beauftragt wurde, zwischen dem Entlaufenen und dem P. Burges zu vermitteln. Ich eilte sogleich in das Haus seines Vaters. Die folgenden Tage erschien weder Cithaalin noch Vinzenz. Ich ließ sie um die Ursache des Ausbleibens fragen. Der Vater kam, machte mir, vor Zorn stotternd, Vorwürfe, daß P. Burges seinen Sohn habe strafen wollen, und daß ich seines Sohnes Reise nach Santa Fé nicht gehindert hätte. Ich erklärte ihm, daß ich von dem Vorgefallenen nichts gewußt, und verwies ihm mit kurzen Worten seinen Starrsinn. Er bezwang sich, sprach jedoch lange nichts und blieb stehen. Erst als er sah, daß ich gerade im Begriffe war, eine Reise zu unternehmen, fragte er, wohin mich der Weg führe. Auf meine Antwort, ich wolle mich nach der großen Insel des Paraná verfügen, um Holz für den neuen Bau unserer Kirche auszusuchen, sagte er: „Darf ich mit dir gehen?“ – „In Gottes Namen“, erwiderte ich, „aber ich gehe gleich.“ Er holte sein Pferd und begleitete mich, ohne des Zwistes weiter zu erwähnen.

Unsere Reise, von der wir in zwei Tagen zurückkehrten, verlief sehr angenehm, sowohl für meine Gefährten, denen sich herrliche Jagd bot, wie auch für mich, weil ich für meine Bauten geeignetes Holz in Menge fand.

Bei meiner Rückkehr in die Reduktion traf ich Gäste. Der Kazike Nevedagnak, ein junger Mann von außerordentlicher Größe, der sich durch Freundlichkeit und Klugheit auszeichnete, uns schon von dem beinahe vergessenen Pferderaube her bekannt, war zu Besuch gekommen. Seine wirklich anständigen Sitten, sein höfliches Benehmen und der sanfte Ernst seiner Rede nahm mich sogleich zu seinen Gunsten ein. Er stellte mir in Aussicht, bei uns zu bleiben. Dadurch war mein geheimster Wunsch schon in seinem Entstehen der Erfüllung nahegerückt; gerührt pries ich die göttliche Vorsehung. Aletin, sein Vetter, bestärkte den Kaziken in seinem Vorhaben und machte ihn mit einer Träne der Freude und Dankbarkeit auf unsere Verdienste aufmerksam: wir hätten sie zur Kenntnis Gottes geführt und zu Menschen gebildet. Als Nevedagnak sich mit seinen zwanzig Begleitern, jungen, wohlgewachsenen, fröhlichen Männern, beurlaubte, beschenkte ich ihn mit einigen Rollen Tabak, einem Hute, einem Messer und einer Hacke, die andern mit einem Messer. P. Burges gab ihnen zwei Kühe auf die Reise mit. „Mein Aletin!“ sprach Nevedagnak beim Scheiden, „was sind doch diese Väter gute, wackere, edle Männer, sie haben ein schönes Herz, sie sind nicht wie wir und tragen keinen Groll gegen uns.“

Cithaalin, der doch Nevedagnaks Schwester zum Weibe hatte, besuchte ihn nicht, denn sie waren, wie wir später erfuhren, keine guten Freunde; Nevedagnak hatte ihm früher wegen übler Behandlung seiner Schwester eine solche Ohrfeige gegeben, daß Cithaalin halb betäubt zu Boden gefallen war.

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Bild 10. Lanzen der Mokobier.

Wir berichteten an P. Provinzial und an den Kommandanten zu Santa Fé, daß wir höchstwahrscheinlich eine Vermehrung unserer Kolonie bekämen, und baten sie, den Gouverneur zu Buenos Aires zu vermögen, uns Hornvieh zu schicken. Wir erhielten – Vertröstungen. Der P. Provinzial erlaubte uns jedoch, bei den Missionen der Guaranier, vierhundert Meilen von uns entfernt, Hilfe zu suchen. Sie unterstützten uns auch sehr großmütig, indem sie uns fünfhundert Stück Hornvieh zutrieben und sich anheischig machten, uns jährlich so viel Tabak, Tee und Baumwollenzeug zu geben, als man für fünfhundert Taler kaufen könne, und zwar so lange, bis wir selbst im stande sein würden, uns durch eigene Erzeugnisse zu ernähren[12]. Sie verlangten als Entgelt nur dies eine, unsere Leute sollten ihnen jene Kinder zurückstellen, die sie ihnen vor vielen Jahren noch im Stande der Wildheit geraubt hatten. Unsere Leute waren auch auf mein Zureden sogleich dazu bereit. So hatte ich die Freude, den gütigen Guaraniern dreiundsiebzig junge Leute zurückzusenden.

Hätten nicht die immerwährenden Trinkgelage mit ihren traurigen Folgen uns Kummer verursacht, so wäre nur wenig Anlaß gewesen, über unsere Indianer zu klagen. Doch gelang es uns, wenigstens die Mordtaten zu verhindern, zu denen der Zustand der Trunkenheit oftmals geführt hatte. Es wurde ein Befehl durchgesetzt, daß, sobald die Indianer sich zu einem Freudengelage versammelten, ihre Lanzen an einen entfernten Ort gebracht werden müßten. Hierzu boten die Weiber gern die Hand. Entstand nun, wie gewöhnlich, Zank und Streit, so blieb es doch nur bei Faustkämpfen, bis wir endlich auch diese, mehr durch Aletins kräftiges Mittleramt als durch unsere Beredsamkeit, beseitigten. Brachte Aletin die Betrunkenen mit seinen Neugetauften in ihre Hütten, so machten sie ihrer Wut durch Weinen Luft, bis der Schlaf sie überwältigte. Ging es ziemlich friedlich ab, so schrieen sie aus vollem Halse und in unharmonischen Tönen Lieder, die sie sich selbst machten und in denen sie entweder ihre Tapferkeit besangen oder ihrem Verdrusse Luft machten. So sang z. B. einer: „Höret, ihr Väter, ihr verbietet uns den Trunk oder Wein. – Ja, wenn der Wein übel wäre! Ihr trinket ihn auch, wenn ihr Messe haltet.“

Cithaalin war bei all diesem Unfuge der Anführer. Ich gab mir viele Mühe, ihn milder zu stimmen und ihn dahin zu bringen, daß er sich zur heiligen Taufe vorbereite. Er wich immer aus. Endlich gelang es mir in einem vertraulichen Gespräche, die Ursache seiner beständigen Weigerung herauszulocken. Die Spanier hatten ihm gesagt, er solle nur ruhig sein, sein Volk im Zaume halten und den Spaniern keinen Schaden zufügen; im übrigen könne er leben, wie er wolle; die Missionäre müßten ihm alles Nötige verschaffen; er habe gar nicht notwendig, sich von diesen Geistlichen beherrschen zu lassen; er sei Kazike, das Oberhaupt seines Stammes, und solle es bleiben.


Schwierigkeiten von seiten der Spanier.

Ich machte dem Kommandanten zu Santa Fé die Anzeige von diesem feindseligen Benehmen der Städter, die uns um unser Ansehen bei den Indianern und den daraus hervorgehenden Gehorsam bringen wollten. Ich bemerkte dabei, daß ich mich, wenn diesem Unfuge nicht Einhalt getan würde, an den Bischof und Statthalter zu Buenos Aires, ja selbst an den Vizekönig zu Lima wenden müßte. Das tat seine Wirkung. Der Kommandant untersagte jedem Spanier, ohne seine Erlaubnis die Reduktion zu betreten. Und selbst dann mußte jeder sich erst bei den Missionären stellen und durfte nicht allein und ohne Zeugen mit den Indianern verkehren. Diese Vorsicht war dringend notwendig, da die Spanier, die Unwissenheit unserer Leute sich zu nutze machend, dieselben bei jedem Kaufe betrogen. Ich selber überzeugte mich bald nach diesem Verbote davon. Ich hatte in Santa Fé Geschäfte und nahm den Knaben Euseb, einen Sohn Aletins, mit mir. Seine Mutter hatte ihm einen schönen neuen Teppich zu seiner Kleidung verfertigt, die er anzog, um in der Stadt damit zu prunken. Eine Semmel reizte seine Eßlust. Er hatte kein Geld und wollte mich im Kolleg um solches ansprechen. Unterwegs begegnete ihm ein nach dem neuen Teppich lüsterner Spanier und versprach ihm dafür einen alten und außerdem vier Realen zu geben. Der hungrige Knabe ging auf den Handel ein, lief zum Bäcker, der ihm für zwei Realen vier Semmeln reichte. Diesen offenbaren Betrug meldete ich dem Stadtrichter, der den Spanier zur Rückgabe des Teppichs, zum Verluste seines Geldes und noch überdies zu einer Geldstrafe verurteilte.

Das Verbot, daß kein Indianer ohne Erlaubnisschein seines Missionärs sich in die Stadt verfügen dürfe, wurde erneuert, der Zweck desselben jedoch nicht erreicht. Denn die Spanier begaben sich nun in ihre mehrere Meilen vor der Stadt entlegenen Meierhöfe, handelten dort trotz unserer Wachsamkeit mit unsern Leuten und brachten ihnen ungünstige Ansichten über uns bei. Cithaalin begünstigte diesen Schleichhandel, bis er selbst einmal sehr schlimm betrogen wurde. Im Zorne darüber klagte er mir das erlittene Unrecht, und ich ergriff diese Gelegenheit, ihn vor dem Umgang mit gemeinen Spaniern zu warnen, und riet ihm, lieber nach dem Zureden der Vornehmen ein Christ zu werden und mir zu folgen. „Du hast recht, mein Pater“, antwortete er; „die Spanier, die Ziegel auf ihren Dächern haben, sind gut, schenken mir etwas und loben dich und deine Lehre; die aber, welche ihre Häuser mit Stroh decken, sind ärger, als wir in unsern Wäldern gewesen sind. Sie betrügen, lügen und sind lasterhaft. Die Taufe kann ich aber nicht empfangen; denn du sagst, wer ein Christ sei, dürfe sich nicht betrinken, und dies kann ich nun einmal nicht mehr lassen.“

Ich redete ihm herzlich zu, suchte ihm den Unterschied zwischen Trinken und Berauschen begreiflich zu machen und gab ihm den Rat, sich aus den Gesellschaften, die, wie er gestand, seiner Nüchternheit so gefährlich waren, zurückzuziehen und sich sein Lieblingsgetränk zu Hause bereiten zu lassen. Er versprach, er wolle es versuchen. Ich war neugierig auf sein künftiges Benehmen. Bald hörte ich, daß in einigen Hütten wieder das berauschende Getränke[13] bereitet und ein großes Trinkgelage veranstaltet werde, zu dem auch Cithaalin eingeladen war. Da kam er zu mir und bat mich, ich möchte ihm doch erlauben, daß er sich noch einmal recht berauschen dürfe. „Mein Lieber“, sagte ich, „ich kann es dir auf keinen Fall erlauben, denn Gott, dem alle Menschen Gehorsam schulden, hat uns die Nüchternheit befohlen.“ – „Die Spanier erzählten mir aber“, erwiderte er, „daß ihr vieles ganz nach eurem Wohlgefallen gebietet.“ – „Welche
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Bild 11. Irdene Gefäße der Mokobier.

Spanier?“ entgegnete ich, „die unter Ziegel- oder unter Strohdächern wohnen?“ – „Die letzteren“, antwortete Cithaalin. „Nun, von diesen meintest du ja selbst“, fuhr ich fort, „daß sie ärger sind, als ihr einst in eurer Wildnis waret. Verabscheust du ihre Werke, wie kannst du ihren Worten Beifall geben? Glaube du lieber jenen, deren Sitten dir gefallen; sonst wirst du nie wissen, was recht ist. Die Bösen belügen dich, weil sie dich betrügen wollen, um Nutzen von dir zu gewinnen. Ich aber bin nicht hierher gekommen, um Vorteile aus eurer Armut zu ziehen, sondern habe tausendmal mehr verlassen, als ich von dir hoffen kann. Ich brauche dich nicht, denn du hast schon gesehen, wie meine Brüder in der Stadt ohne Sorgen für Kleidung und Nahrung leben und bessere Wohnung haben, als meine Hütte ist. Niemand hat mich gezwungen, zu euch zu gehen, nur mein unablässiges Begehren und das Heil eurer Seelen war Ursache davon. Was ich suche, ist, dich und die Deinen Gott kennen zu lehren, damit ihr nicht nur hier, sondern auch im andern Leben glückselig werdet. Hätte ich keine andere Absicht als mein Vergnügen, so wäre es wohl nicht klug gewesen, mich in die Gefahr des Lebens und in diese Mühseligkeiten zu stürzen. Denn Vergnügen hätte ich erlangen können, ohne daß ich eine so weite und beschwerliche Reise gemacht und so viel Ungemach erduldet hätte. Ich habe euer nie bedurft, ihr aber bedürft meiner oder eines andern, der mir gleich ist. Dein Leben auf Erden hättest du ohne mich fristen können, aber das Leben, das dich nach deinem Tode erwartet, kannst du ohne Beihilfe eines Lehrers nicht erlangen. Sei klug und ergreife eine Lebensart, welche dich Gott und den Menschen angenehm macht!“

„Alles ist gut, was du sagst“, sprach Cithaalin, „aber erbarme dich meiner und laß mich nochmals einen Rausch verkosten. Dann will ich mich schon zwingen, wenn nicht das Trinken zu lassen, doch mich nicht mehr zu berauschen.“ – „So gehe denn“, sagte ich, „und trinke so lange, bis ich dich rufen lasse; schicke ich aber, so entferne dich sogleich. Ich versichere dich, wenn es aufs Trinken allein ankommt, will ich dir ein Getränk verschaffen, das dich nicht berauschen, dir aber trefflich munden wird.“ Damit gab er sich zufrieden, und ich entließ ihn.


Der Paraguay-Tee.

Ich bereitete nun Paraguay-Tee[14], der in unserer Wildnis nicht mehr zu finden ist und mir von den Guaraniern, die ihn pflanzen, geschickt worden war. Dann ließ ich meinen Freund Cithaalin von dem Gelage abrufen. Erst der dritte Bote brachte ihn mit. Er war noch nicht betrunken, und ich lud ihn ein, mir beim Tee Gesellschaft zu leisten. Sobald er ihn erblickte, rief er aus: „Ja, wenn ich dieses Kraut (so nennen die Indianer den Tee) täglich hätte, so würde ich auf kein anderes Getränk mehr denken. Ich kenne es schon; es behagt mir und macht kein Kopfweh.“ Ich nahm ihn beim Wort und entließ ihn ganz fröhlich. Hierauf erstattete ich dem P. Burges Bericht, daß ich nun ein Mittel wisse, Cithaalin zu gewinnen. Wir begehrten mit Erlaubnis unserer Obern von den guaranischen Missionen Tee und erhielten die Zusage, man würde uns jährlich fünf Säcke Tee und zwei Stücke Leinwand, jedes von hundert Ellen, als Almosen geben.

Cithaalin fand sich fleißig bei mir ein, um Tee zu holen, mit dem er dann auch seine vorige Trinkgesellschaft bewirtete, die ebenso wie er sich nicht mehr berauschte, aber auch von uns Tee verlangte. Wir setzten fest, daß jeder, der am Abende dem Rosenkranz beiwohnen würde, von diesem Lieblingstrank bekommen sollte. So ging ich Schritt für Schritt voran[15]. Schon hatte ich sie der Trunkenheit entwöhnt, schon zum fleißigen Besuche der Kirche gebracht; nun verlangte ich, daß jeder, der Tee trinken wolle, auch arbeiten müsse, um diese teure Ware zu verdienen.

Aletin war sogleich dazu bereit. Cithaalin machte Schwierigkeiten und suchte Ausflüchte. Da wir es aber so anstellten, daß er sah, wie sein Rivale Aletin bei der Austeilung stets mehr erhielt als er, bequemte auch er sich zur Arbeit. Aletin mit seinen Leuten besorgte die Materialien zu unsern Bauten, Cithaalin sollte das Feld bestellen. Seine Einwendung, er und die Seinen wüßten nicht damit umzugehen, nützte nichts; ich trug mich als Lehrer an und erklärte ihm, wenn er nicht arbeite, so habe er keinen Tee mehr zu erwarten.

Cithaalin stellte sich am folgenden Morgen mit zwanzig Begleitern ein. Sie erhielten ein Pfund Tee, ritten aufs Feld, tranken das bittere Kraut ohne Zucker und erwarteten mich. Ich ackerte einige Furchen und verlangte, sie möchten es ebenso machen, bekam aber die unerwartete Antwort: „Du machst es recht gut, mein Pater, arbeite nur zu!“ Ich drohte mit künftiger Nicht-Verabfolgung des Tees und bewog sie dadurch zur Nachahmung, die über meine Hoffnung gut ausfiel. P. Burges trat mir einen großen Teil seiner wirtschaftlichen Sorgen ab. Ich mußte für alles Rat schaffen, sogar Seife sieden und Kerzen ziehen. Diese Beschäftigungen sagten mir aber nicht recht zu. Manchmal warf ich mich unter einen Baum, dessen Schatten Zeuge meiner stillen Tränen wurde. Ich sehnte mich, als Prediger zu wirken, und mußte nun den Haushälter machen. Doch bald legte sich dieser Sturm in meiner Seele, und ich beruhigte mich mit dem Gedanken, daß ich auch in solcher Weise für das Wohl der Menschen tätig sei, bis mir Gottes Wille ein anderes Feld ungestörter geistlicher Wirksamkeit anweisen würde.

So vergingen mehrere Monate ziemlich ordentlich. Cithaalins Hitze und seine Ungenügsamkeit im Teetrinken gab einigemal Anlaß zu heftigen Auftritten. Er wurde jedoch wieder zur Ruhe gebracht, obgleich er dabei meine Geduld auf harte Proben stellte.

Nevedagnak, der uns einige Monate vorher liebgewonnen, führte seinen Vorsatz, sich in unsere Reduktion zu begeben, mit vierzig Familien aus. Da er mich von seiner Ankunft vorher in Kenntnis setzte, ritt ich ihm drei Meilen weit entgegen, um ihn zu bewillkommnen. Nachdem er einige Tage ausgeruht hatte, führte ich ihn nach Santa Fé, um ihn als Kaziken dem Kommandanten vorzustellen, der ihn wohlbeschenkt entließ. Nevedagnak fügte sich schnell in die Hausordnung und trug sich mit seinen kräftigen, folgsamen Leuten freiwillig zur Arbeit an. Mit Aletin schloß er bald Freundschaft, mit Cithaalin war er zwar höflich, doch nie vertraulich. Er hatte zwei Weiber, die er mit sich brachte. Sobald er aber hörte, daß, wer sich taufen lassen wolle, nur mit einem Weibe leben dürfe, entließ er die eine, die wir
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Bild 12. Wurfschleuder der Mokobier.

dann auch ernährten. Einige Monate hindurch besuchte er mit den Seinigen die christliche Lehre, und ohne der Aufmunterung zu bedürfen, verlangte er für sich, sein Weib und seine Tochter die heilige Taufe. Am Tage des hl. Dominikus machte ihn unser P. Rektor zu Santa Fé durch das heilige Sakrament zum Christen. Bei der im Ordenshause gehaltenen Tafel war der eingeladene Kommandant über die Haltung und die Artigkeit des neugetauften Dominik ganz erstaunt und sagte mir viele schmeichelhafte Verbindlichkeiten.

Cithaalin war betroffen. Er fühlte, daß die friedlich Gesinnten durch ihre Mehrzahl nun im stande wären, seine rohen Ausbrüche des Stolzes mit Gewalt zu hemmen. Er hatte zwar noch keine Gesinnung angenommen, aber auch nicht den Mut, Unruhen anzuzetteln, und so verhielt er sich ruhig; jedoch machte er noch keine Miene, sich taufen zu lassen. Ich mußte auf ein Reizmittel denken, zu dem mir endlich Nevedagnak verhalf.


Der Ehrenstab.

Aletin hatte als ehrende Auszeichnung seiner um unsere Kolonie erworbenen Verdienste von dem Kommandanten einen Stab und den Titel „Hauptmann“ erhalten. Dies machte großes Aufsehen unter den Indianern. Ich wollte dem Kaziken Dominik gleiche Ehre verschaffen. Aber er weigerte sich und sagte: „Wozu brauche ich einen solchen Stab? Ich habe meine Lanze. Der Stab ist ein ohnmächtig Ding; jeder weiß auch ohne ihn, wer ich bin. Zur Arbeit und um auf das Pferd zu kommen, bedarf ich seiner nicht. Dem Cithaalin aber wird er vielleicht besser anstehen. Es könnte sein, daß er aus Verlangen, einen solchen zu empfangen, sich in Zukunft besser gegen euch beträgt; denn er ist nicht ohne Ehrgeiz. Ich bin noch neu und zu jung, um sogleich einen Stab zu erhalten. Ich bitte also, mich zu verschonen. Ist es aber dein Wunsch, daß mit der Zeit mir ein solcher Stab zukomme, so will ich ihn vorher verdienen.“

Nevedagnak hatte recht. Der Stab in Aletins Hand ließ Cithaalin nicht ruhen. Er kam zu mir, bestürmte mich mit Fragen, warum Aletin einen Stab erhalten, ob Aletin nun allein Hauptmann sein solle, ob dieser nun mehr sei als er. Meine gelassene Antwort, daß dieses Ehrenzeichen dem Aletin wegen seiner guten Aufführung, seines Fleißes und besonders wegen der Annahme der heiligen Taufe verliehen worden sei, befriedigte ihn nicht ganz, weil er sah, daß Nevedagnak, der getauft und gut war, doch auch ohne Stab umherging. Nur mit Mühe machte ich dem Ehrsüchtigen begreiflich, daß der Kommandant erst längere Zeit von der Vortrefflichkeit eines Mannes überzeugt sein müsse, bis er ihn durch Übersendung eines Stabes für würdig erkläre, den Edeln des Landes zugesellt zu werden.

Nun galt es, meinen Mann festzuhalten. Ich beschrieb dem P. Provinzial meine Lage gegenüber dem leicht beleidigten Cithaalin und bat, mir einen Stab zu schicken, den ich dem Häuptling nach Befund seines künftigen Betragens übergeben konnte. Der Stab kam. Nachlässig legte ich ihn bald da bald dort in meinem
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Bild 13. Bogen, Pfeile und Köcher der Mokobier.

Zimmer hin, wenn ich Cithaalins Besuch erwartete. Er wandte kein Auge von diesem Ziele seiner Wünsche ab. Ich schien nichts zu merken, bis er nach mehreren Tagen mit sichtlicher Beklommenheit fragte, wer denn diesen Stab tragen werde. Ich warf kalt die Erklärung hin: „Ein Kazike, der gut und christlich leben wird.“ Cithaalin verlor kein Wort; und von dieser Stunde an ging er eifrig in die Kirche und an die Arbeit. Nun verbarg ich den Stab; sein Blick suchte ihn vergebens. Nach einigen Wochen konnte er nicht mehr länger an sich halten und platzte mit den Worten heraus: „Wo ist der Stab? Hast du ihn schon dem Nevedagnak gegeben?“ – „Nein, er ist ja noch nicht lange getauft“, antwortete ich. In kurzer Zeit kam er wieder und fragte mich sehr süß: „Wann wirst du mich denn taufen?“ – „Wenn ich aus deinem Betragen sehen werde“, entgegnete ich, „daß es dir Ernst sei, ein anderer Mensch zu werden. Mit der Entlassung des einen deiner zwei Weiber wirst du den Anfang dazu machen.“ Er ging auf alle Bedingungen ein. Sein drittes Wort war der Stab; nur sehen möchte er ihn heute noch. Ich willfahrte ihm. Nun sagte er mit glänzendem Auge: „Wirst du mir wirklich diesen Stab schenken, wenn ich mich taufen lasse?“ Mein Nein überraschte ihn sehr schmerzlich. Ich sprach viel mit ihm über die Würde dieses heiligen Sakramentes und die Notwendigkeit, es aus edleren Beweggründen zu verlangen, und verabschiedete ihn; er ging sehr mißvergnügt hinweg. Uber acht Tage mied er mich; ich sah ihn nur bei der heiligen Messe. Seine brennende Begierde gestattete ihm nicht, noch länger zu trotzen. Er bat mich sehr demütig, ich möchte ihm Hoffnung auf baldige Taufe geben. Natürlich war er schlau genug, auch fromme Beweggründe für sein Begehren anzugeben, fiel aber bei längerer Unterredung aus seiner Rolle. Ich sah, daß der Stab immer noch der Hauptgrund seines hastigen Eifers blieb. Er entdeckte mir die wahre Ursache, weshalb er die Wildnis verlassen habe und in die Reduktion gekommen sei. Er habe den Tod gefürchtet und kein Mittel wider ihn gefunden, aber gehört, daß uns das Schicksal der Menschen nach dem Sterben bekannt wäre. Um dieses zu erfahren, habe er unsern Umgang gesucht. Und weil er da gelernt, daß man entweder in den Himmel zum Schöpfer aller Dinge oder in das große Feuer zu dem Teufel komme, so wollte er die Mittel kennen lernen, zu dem himmlischen Vater zu gelangen. „Christ zu werden“, sprach er, „trage ich jetzt kein Bedenken mehr; das Morden, Lügen, Rauben und Betrügen kann ich lassen; mit einem einzigen Weibe zu leben, ist mir auch nicht zu schwer; das Berauschen werde ich freilich nicht ganz meiden können; aber ich hoffe, Gott wird mein Alter berücksichtigen und mir als Kaziken etwas mehr erlauben als einem gemeinen Indianer. Sage mir aufrichtig, mein Vater, wenn man den Schöpfer mit einem Rausche so schwer beleidigt, warum hat er den Honig und die Amap (Johannisbrot) gemacht, aus welchen wir unsern Lieblingstrank bereiten?“

Er hörte meine Unterweisung über die Güte Gottes und die Pflicht, seine Gaben nicht zu mißbrauchen, aufmerksam an und drang in mich, ihm und dem Weibe, das er behalten wolle, den Vorbereitungsunterricht zur heiligen Taufe zu geben. Vier Wochen hindurch gab ich ihnen täglich Unterricht, erteilte ihnen dann im Beisein zweier adeliger Spanier das heilige Sakrament der Taufe und segnete darauf ihre Ehe ein. Er erhielt den Namen Franz, sie den Namen Ignazia; es ist nämlich bei uns Gebrauch, die Namen männlicher Heiligen auch den Frauen zu geben. Ein Freudenmahl erhöhte und beschloß die Festlichkeit dieses Tages.


Tauffeier.

Ich fragte bei dieser Gelegenheit den Nalangain, einen Bruder Nevedagnaks, wann er diesem Beispiele folgen und sich taufen lassen werde. „Ich glaube“, sagte er, „Cithaalin fand sich zu dieser heiligen Handlung tauglich, da er sie begehrte; ich selbst aber getraue mir nicht zu, über meine Fähigkeit ein Urteil zu fällen, und will abwarten, bis du mich dazu für würdig erklärst.“ – Ich stellte mit ihm eine Prüfung an und fand zu meinem nicht geringen Troste, daß die Lehren unseres heiligen Glaubens durch Gottes unermeßliche Gnade festen Grund in seinem Kopfe und Herzen gefaßt hatten. Ich machte ihm meinen Wunsch bekannt, daß er als ein Kazike auch seine Untergebenen bewegen möge, Christen zu werden. Er führte mir auch bald darauf vierzig Personen mit ihren Kindern zu, die ich nach einer kurzen Unterweisung geeignet fand, die Gemeinde Jesu zu vermehren. Ich traf Anstalten, ihnen die heilige Taufe zu erteilen und stellte es dem Nalangain frei, sich Paten unter dem Adel von Santa Fé zu wählen. Er erwiderte, ich möchte selbst einen Paten für ihn bestimmen, ihm sei es ganz gleichgültig, ob ein adeliger oder unadeliger Christ Zeuge seiner Bekehrung sei; er trage kein anderes Verlangen als das nach der Freundschaft seines Schöpfers.

Der Kommandant von Santa Fé, dem ich über Nalangain Bericht erstattet hatte, wollte nun selbst sein Pate werden und die heilige Taufe mit Pracht in der Stadt vollziehen lassen. Der edle Täufling war aber über diesen Punkt anderer Meinung, besonders da er vernahm, daß seine Untergebenen in unserer Reduktion zu Christen umgeschaffen werden sollten. „Mein Vater“, sagte er zu mir, „ich will ja nicht der Spanier wegen getauft werden; ich verlange nichts von ihnen; ich habe ihrer in der Wildnis nicht bedurft, als ich noch ein Heide war; viel weniger bedarf ich ihrer jetzt, da ich ihnen durch die heilige Taufe gleich werde. Damit die Spanier sehen, daß ich sie weder fürchte noch etwas von ihnen hoffe, so will ich wie die andern hier in unserem Dorfe getauft werden. Es ist nicht recht, daß man meine Leute bei dieser heiligen Handlung von mir trennen will. Gott hat mir hier das Verlangen dazu gegeben, und er ist nicht allein in der Stadt, sondern auch hier und überall, wie du lehrst, und wie ich glaube. Wenn nur mein Schöpfer hier zugegen ist, sonst brauche ich niemand. Meine Leute würden mißvergnügt werden, wenn ich an einem andern Orte als sie getauft würde, da wir doch alle mitsammen hier den Gedanken dazu faßten. Ich werde eine große Freude genießen, wenn ich jene, die ich als Nachfolger meines Irrweges gesehen habe, auch als Gefährten auf dem Wege der Erkenntnis erblicke.“

Diese Antwort gab er mir in seiner Sprache mit wenigen, sehr nachdrücklichen Worten. Unter Freudentränen erwiderte ich ihm, durch seine Denkart gerührt, mit der Versicherung, daß sein schönes Verlangen erfüllt werden solle.

Man nahm die Äußerung Nalangains in der Stadt nicht ungünstig auf und entsprach meiner Einladung, zu uns zu kommen, mit Bereitwilligkeit. Am Tage vor der Taufe kamen die vornehmen Taufpaten, von vielen Spaniern begleitet, in unserem Dorfe an. Sie wurden von Nalangain mit den Worten empfangen: „Ihr seid nun da und wollt unsere Väter sein; nehmt dafür meinen Dank. Mein Gemüt wird ohnmächtig wegen eurer großen Freundschaft, die ihr mir erzeigt, ohne euch des Übels zu erinnern, das ich euch so oft zugefügt habe, da ich euch für meine Feinde hielt.“

Am folgenden Morgen verkündete Musik die Feier des Festes. Die schon getauften Kaziken machten unsern Gästen ihre Aufwartung, und Cithaalin erhielt den langersehnten Stab als Mithauptmann. Das zahlreich bei der Kirche versammelte Volk empfing die prächtig gekleideten Spanier. Nalangain schritt in seinem gewöhnlichen Anzuge gelassen und sehr ernst einher. Ich glaubte, er sei niedergeschlagen, und fragte ihn, ob er das Wasser der Taufe fürchte. „Laß mich“, erwiderte er, „das Wasser fürchte ich nicht, das Feuer allein fürchte ich, und eben deswegen will ich getauft werden.“ Eine Anzahl Spanier waren mit ihren Gewehren vor der Kirche geblieben und feuerten sie in dem Augenblicke ab, als ich dem Kaziken das Wasser auf das Haupt goß. Das nämliche wiederholten sie bei der Taufe seines Weibes und seiner Kinder. Die andern vierzig Personen empfingen ebenfalls dieses heilige Sakrament, und alle wurden beschenkt. Nalangain, nun Joseph genannt, bekam von seinen zwei Paten Kühe, Schafe und Pferde. Ein reichliches Mahl erhöhte die Freude des Volkes.

Die Spanier, welche ihre Tafel selbst besorgten und alles Nötige aus der Stadt gebracht hatten, schickten dem Joseph einige Speisen, die er mit den andern Kaziken genießen sollte. Sie hätten ihnen auch Wein gesandt, wenn ich es nicht gehindert hätte. Doch Cithaalin witterte den Rebensaft und machte unsern Gästen einen Besuch, die ihm aber, von mir darum ersucht, keinen Tropfen anboten. Ziemlich lange unterhielt er sich mit uns in Gesprächen; dann schützte er einen üblen Magen vor und begehrte Wein. Wir stellten ihm vor, sein Übel werde sich nur verschlimmern. Doch vergebens; er beharrte auf seiner Forderung, und ich sah mich gezwungen, ihm ein halbes Glas zu reichen, das ich aber geschwind mit Wasser mischte. Sein Gesicht erheiterte sich; ganz langsam, um ja das Gute recht lange zu genießen, schlürfte er das Glas aus, sprach kein Wort weiter, beantwortete Fragen nur durch Mienen und ging, kaum mit seinem Glase fertig, fort. Später erschienen Nalangain, Nevedagnak und Aletin, um sich für die erzeigte Ehre zu bedanken. Am folgenden Tage saßen alt und jung zu Pferde, um die Städter eine Strecke Weges zu begleiten. Nalangain ritt mit zehn Mann bis in die Stadt.


Kampf gegen heidnische Unsitten.
Nun waren schon vier Kaziken getauft, und die Gemeinen folgten nach und nach alle ihrem Beispiele. Von Monat zu Monat meldeten sich bald zwanzig bald dreißig zur Annahme des Christentums. Im ganzen hatte meine Reduktion eine Bevölkerung von neunhundert Menschen, von denen freilich nicht alle gern und tüchtig arbeiteten, weil noch die alte Gewohnheit des Müßigganges sie beherrschte. Infolgedessen waren sie auch jetzt noch nicht im stande, ihre Lebensbedürfnisse selbständig zu beschaffen. Es war aber schon etwas, daß sie zur Einsicht kamen, wie häßlich ihre früheren Sitten und Gebräuche gewesen. Lag nicht in dieser Erkenntnis bereits ein unendlich großer Gewinn? Sodann wohnten sie in unserer Nähe, wenn auch immer noch als Heiden; dadurch wurde uns die Möglichkeit geboten, durch unsere Wachsamkeit besonders schlimme Ausbrüche der Barbarei zu verhindern. Unter den Weibern unserer Reduktion fand
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Bild 14. Tätowierung und Ohrschmuck der Mokobierfrauen.

sich vielleicht keine, die nicht früher mehrere ihrer Kinder ermordet hatte. Denn es war etwas Gewöhnliches, die Neugebornen in den ersten Lebenstagen zu erwürgen, wenn die Kinder ihren Eltern durch ihr Geschrei oder durch die nötige Besorgung während der Reise zur Last fielen, oder wenn eine ohnehin schon zahlreiche Familie durch neuen Zuwachs in Nahrungsverlegenheit kam, oder wenn eine fehlerhafte Leibesbeschaffenheit den neuen Sprößling ihnen verhaßt machte, oder wenn endlich der Mann zweifelte, ob er der Vater dieses Kindes sei.

Die Frau eines Heiden, der mit ihr schon acht Monate in der Reduktion sich aufgehalten hatte, gebar einen hübschen Knaben. Der Mann wollte aber gerade mit ihr in die Wildnis zurückkehren und gab ihr, ohne sich zu besinnen, zu verstehen, sie solle den Kleinen erwürgen. Ich erhielt Nachricht davon, eilte zu ihm hin, suchte ihn wenigstens so lange zurückzuhalten, bis sein Kind stärker sein würde. Er gab mir selbst auf die Frage, ob er es töten lassen wolle, keine andere Antwort als diese: „Ich habe es seiner Mutter schon gesagt.“ Um das Kind zu retten, kaufte ich es ihm um vier Ellen Leinwand ab, ließ es erziehen, und stellte den Knaben vierzehn Jahre später, als mich der unmenschliche Vater wieder einmal besuchte, vor die Augen seines Erzeugers. Er sah ihn ernsthaft an, sprach: „Vielleicht ist er es“, redete dann gleich über andere Dinge und ging fort, ohne seinen Sohn auch nur mit einem Blicke zu erfreuen. Ich hatte noch öfter Gelegenheit, solche Fälle zu erleben.

Nicht empörend, aber sehr lästig wurde mir das immerwährende Begehren von Geschenken, besonders da es nicht immer möglich war, ihre unersättlichen Wünsche zu befriedigen. Gab ich ihnen nichts, so nannten sie mich ohne Umstände einen Knauser und ärgerten sich, wenn ich darüber lachte. Die Weiber begnügen sich mit geringen Dingen; während der Mann um eine Axt, um
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Bild 15. Haarfrisur eines heiratsfähigen Mokobiermädchens.

Tee, um Tabak bittet, verlangen sie dagegen nur eine Nadel oder etwas dergleichen; und sehr oft wünschten sie erst dann etwas, wenn sie sahen, daß eine andere etwas erhielt. Wenn ich von der heiligen Messe nach Hause ging, fand ich fast immer zwanzig Weiber mit ihren Kindern vor meiner Türe. Einige wollten wirklich etwas, die andern aber wollten nur hören, was andere verlangten. Da wollte dann anfangs keine mit der Sprache heraus. Fragte ich die erste: „Was willst du?“ so antwortete sie: „Nichts“, und so die andern alle. „Nun, wenn ihr nichts wollt, so geht zu eurer Arbeit!“ befahl ich und wendete mich um. Da schrie die eine: „Ich will eine Nadel“, und alle wiederholten dieselben Worte. Ich gab der ersten und ließ die andern an der Hausschwelle sitzen, bis sie vor Langeweile auch nach Hause schlichen. Geht eine zum Missionär, so lauern die andern, bis sie zurückkommt, um zu sehen, was sie erhalten hat, und laufen dann, um das nämliche zu begehren. Gab ich einem Weibe für ihr krankes Kind ein Stückchen Zucker, so brachten mir alle andern gleichfalls ihre Kinder; sie seien auch krank und wollten Zucker haben.

Erwachsenen Knaben reichte ich selbst gern Geschenke, um sie für Frömmigkeit und Fleiß zu belohnen und mehr an mich zu ketten. Sie waren mir sehr nützlich, um den Unordnungen meiner Gemeinde auf die Spur zu kommen. Infolge meiner ununterbrochenen Ermahnungen gegen die Trunkenheit scheuten sich besonders die neuen Christen, öffentlich diesem Laster zu huldigen. Sie unterließen die Musik, die früher die Freude ihrer Trinkgelage zu erhöhen pflegte, damit sie ihre ordnungswidrigen Versammlungen nicht durch den Lärm verrieten; sie kochten ihr berauschendes Getränke heimlich und schlichen in der Nacht zusammen. Ich trat dann mitten unter sie oder suchte die Töpfe, die mit dem geliebten Naß gefüllt waren, in den Winkeln ihrer Hütten und fand sie auch schnell, oder stach wie von ungefähr mit einem spitzen Stocke in die irdenen Behälter, daß der Inhalt ausrann. Dann standen meine Leute beschämt vor mir, sich verwundernd, wie ich doch immer hinter ihre Schliche käme. Lange Zeit verfielen sie nicht darauf, daß ihre Kinder die Verräter seien und mir täglich erzählten, in welchen Hütten man den Trank bereite und wohin man ihn verberge. Endlich merkten sie es doch und suchten die Schwätzer gegen mich zu bestechen, jedoch vergebens; denn ich mit meiner scherzenden Freundlichkeit und mit den Geschenken war ihnen lieber als ihre Väter, von denen sie im Rausche oft mißhandelt wurden.

Glücklicher war ich bei Abstellung eines andern Unfugs. Meine Leute hatten, ich weiß nicht wie und wann, von den Spaniern das Spielen gelernt; sie schlichen sich beizeiten von der Arbeit hinweg, um zu den Karten und Würfeln und Kugeln zu kommen. Ich verbrannte ihnen die Werkzeuge dieser zeittötenden Unterhaltung und erlaubte ihnen nur an gewissen Tagen nach der Arbeit das Kugelspiel, das sich aber nach und nach gleichfalls verlor, vermutlich darum, weil es öffentlich und unter Aufsicht geschehen mußte.

Lohn für meine Sorgsamkeit fand ich in dem Bewußtsein, meine Pflicht getan zu haben, sodann auch in dem guten Rufe meiner Reduktion, von dem ich einst auf einer Reise nach Santa Fé einen überraschenden Beweis erhielt. Die hereinbrechende Nacht machte es nämlich mir und meinen indianischen Begleitern unmöglich, noch an demselben Tage die Stadt zu erreichen. Wir waren noch zwei Meilen von ihr entfernt und lagerten uns neben einem nur mit schlechten Planken verwahrten Garten eines von Spaniern bewohnten Hauses. Der Herr desselben spähte um uns herum, erblickte mich beim Scheine des Feuers, um welches wir saßen, und grüßte mich und meine Leute mit den Worten: „Gott sei Dank, daß ihr es seid, Bewohner der Reduktion des hl. Xaver; nun können ich und mein Weib ohne Furcht sein.“ Er brachte uns reichlich Speise und erzählte mir auf meine Frage, warum er so gut von unserer Reduktion denke, daß unlängst ebenfalls zwei Familien unserer Gemeinde hier übernachtet hätten. „Ich kannte sie anfangs nicht; und da mein Weib die Melonen noch im Garten liegen hatte und die Kinder der Indianer um sie herumsprangen, glaubte ich nichts anderes, als sie würden sich dieselben aneignen und noch mehr suchen. Ich blieb mit meinen Knechten wach, um bei einem versuchten Einbruch zur Gegenwehr bereit zu sein. Nach einer Weile sah ich die Angekommenen um das Feuer knien und hörte sie beten. Ein Mädchen sang dann in spanischer Sprache vor: ,Gute Nacht wünsche ich dir, Mutter, Tochter des ewigen Vaters. Ich freue mich und frohlocke, daß du Gott zu deinem Sohne hast.‘ Als ich dies vernahm, erkannte ich, daß es Eure Leute seien, und tröstete mein Weib mit der Versicherung, daß wir von diesen nichts zu besorgen hätten. Beim Grauen des Morgens sah mein Weib im Garten nach und fand, daß auch nicht eine Frucht berührt worden war; voll Freude darüber beschenkte sie die inzwischen wach gewordenen Indianer.“ So erzählte der Spanier. Ich aber dankte dem Herrn, der mich zum schwachen Werkzeug auserkoren, in die Herzen dieses einst so wilden Volkes christliche Tugend einzupflanzen. Es ist ein süßes Gefühl, Gutes gewollt und mit höherem Beistände ausgeführt zu haben. Mühe und Nachdenken kostete es genug, um die bösen Eigenschaften meiner Neulinge zu ergründen und auszurotten.

Wer hätte wohl von den Weibern dieses Volkes vermutet, daß sie die Kunst, sich zu verstellen, im höchsten Grade besäßen? Und dennoch war solches der Fall. Oft wurde ich des Nachts zu einer Sterbenden gerufen. Ich fand sie dann ohne Atem und ohne Bewegung; sie schien meine Gegenwart durch keinen ihrer Sinne zu bemerken. In Ermanglung eines andern Reizmittels nahm ich ein Kuhhorn, füllte es mit glühenden Kohlen, legte schmutzige Schafwolle darauf und hielt es ihr unter die Nase. Sie schöpfte Atem, und ich beeilte mich, ihr die bedingte Absolution zu erteilen. Da sich aber diese Fälle sehr oft ereigneten, erschienen mir die plötzlichen Todesgefahren verdächtig, und ich nahm mir vor, genaue Beobachtungen anzustellen. Zuerst fiel mir auf, daß die Sterbenden die Augen geschlossen hielten, während sich doch sonst bei eintretendem Tode das Gegenteil zeigt. Ferner entging mir nicht, daß sie nach langen Pausen Atem holten und dann gleich wieder atemlos dalagen. Es befremdete mich, daß ich nie den Mann einer so schwer Kranken sah. Fragte ich nach ihm, so antwortete man mir, daß gerade der Mann an diesem traurigen Schicksale des Weibes schuld sei, weil er es so stark auf den Kopf und den ganzen Leib geschlagen habe; ich fand jedoch nie die Spur einer Verletzung. Ich versuchte, ob ich wohl gleichfalls den Atem so lange anhalten könne; und ich konnte es. Nun hatte ich Proben genug, daß die Weiber sich nur verstellten. Ich gab ihnen eine Prise Spaniol in die Nase; sie mußten nießen und – waren geheilt. Ich ließ es an Reden nicht fehlen, aus welchen sie merkten, ich hätte ihre Künste durchschaut, und wurde in Zukunft nicht mehr durch solche schnell erfolgte Todeskrankheiten beunruhigt. Aletin und Nevedagnak klärten mir die Ursache dieses Betragens auf. Die Weiber wollten dadurch ihre Männer zwingen, ihnen zu folgen, und sich überzeugen, ob es dem Manne leid wäre, sein Weib durch den Tod zu verlieren.


Die Zauberer.

Wie schwer tiefgewurzelter Aberglaube auszurotten sei, erfuhr ich leider nur zu oft in meiner Reduktion. Der Mensch schüttelt nicht leicht das Joch ab, an das er sich von Jugend auf gewöhnt hat. Auch die Besuche, die meine neuen Christen von ihren heidnischen Verwandten erhielten, trugen viel dazu bei, daß der Glaube an die mächtigen Wirkungen der Sprüche und Künste der Zauberer erst nach langer Zeit und durch stets wiederholte Belehrung schwand. Ihren Zauberern trauen sie zu, jede Krankheit heilen zu können, und zwar nicht durch den Gebrauch gewisser Kräuter, wie sie diese Zauberdoktoren zuweilen anwenden, sondern durch Saugen. Der Leidende liegt auf dem Boden, der Zauberer wirft sich auf dessen Leib, legt seinen Mund auf die Stelle, wo der Klagende Schmerz empfindet, grunzt, brüllt, beißt sich in die Zunge, bis er Blut merkt, spuckt es aus und gibt vor, er habe es aus dem schmerzhaften Körper gesogen; oder er zieht ein kleines Stückchen Holz oder Bein aus dem Munde mit der Erklärung, er habe es durch sein Saugen dem Leibe des Kranken entnommen. Ich entlarvte manchmal solche Betrüger und befahl ihnen, uns zu verlassen. Ohne sich zu schämen, gingen sie ganz gelassen weiter; die Betrogenen aber, wiewohl vom Betruge deutlich überzeugt – glaubten vielfach dennoch an die Macht der Zauberer.

Einer dieser Betrüger war so keck, daß er sich mir anbot, meinen Kopfschmerz zu vertreiben. Ich ließ ihn seine Künste vornehmen, um ihn dann augenscheinlich zu entlarven. Er bestrich meine Schläfe mit seinem Speichel, wendete meinen Kopf hin und her, murmelte unverständliche Worte, hielt mir dann seine Hand vor mein Gesicht, blies darüber und sagte: „Du bist gesund.“ Ich versicherte ihm das Gegenteil; doch er forderte dessenungeachtet Bezahlung. „Ich werde dir eine solche geben“, sagte ich, „wie man sie in meinem Vaterlande an Betrüger verabfolgt.“ – „Und was wäre dies?“ fragte er. Nach meiner Erklärung, daß man dort solche Leute einsperre, Hunger leiden lasse und schlage, erwiderte er kalt: „Ich gehe schon.“

Es gibt viele solche Zauberer, die sich gegenseitig oft bis auf den Tod verfolgen. Das können sie am leichtesten, wenn jemand stirbt. Die Indianer glauben nämlich, man würde nie sterben, wenn man nicht im Kampfe oder durch Zauberer ums Leben käme. Sie fragen also den Mann ihres Vertrauens, wer von den Zauberern den Verstorbenen ins Grab gebracht habe. Aus Brotneid sind diese Leute dann boshaft genug, einen verhaßten Nebenbuhler namhaft zu machen. Die Verwandten des Gestorbenen suchen dann den Unglücklichen auf und ermorden ihn.

Lange Zeit arbeitete ich mit Eifer gegen solchen Unfug und bewirkte, daß die meisten Bewohner unserer Reduktion solchen Zauberern den Zutritt in ihre Hütten nicht mehr gestatteten. Alle dahin zu bringen, war unmöglich. Aber das größte Hindernis kam von den Zauberern selbst. Als diese merkten, daß ich ihnen Abbruch tat, daß das Vertrauen des Volkes auf ihre Künste sehr erschüttert wurde, drangen sie mit Gewalt in die Wohnungen meiner Leute ein und verlangten, was sie wünschten. Dabei drohten sie, eine große Überschwemmung werde die Reduktion vertilgen; die dem Wasser nicht anheimfielen, würden von den Spaniern gefangen und zu Leibeigenen gemacht werden. „Euer Pater aber“, sagten sie, „hat nicht mehr Gewalt wider uns, als wir wider ihn haben; wir werden ihn bei seinem Gott Vater verklagen, und der Heilige Geist wird nie mehr zu ihm kommen.“ Diese und ähnliche Reden wurden mir hinterbracht. Ich konnte das nicht so hingehen lassen, weil meine armen Pflegekinder von dieser Stunde an in banger Sorge lebten. Ich berief die Kaziken und erklärte ihnen, ich würde kräftige Mittel anwenden, um diesen erbärmlichen Lügnern das Handwerk zu legen. Mein Cithaalin äußerte große Furcht vor den Drohungen der Zauberer. Ich mußte lange reden, bis er endlich, weniger aus Überzeugung, als nur damit ich zu reden aufhörte, auch seinerseits bekannte, er glaube nicht, daß sie uns eine Überschwemmung zuziehen könnten. Ich befahl den Kaziken, sie sollten am kommenden Sonntag ihre Untergebenen zur Predigt in die Kirche schicken und besonders solche zum Erscheinen nötigen, von denen sie wüßten, daß sie für Zauberer gehalten sein wollten.

Bevor ich am Sonntag das Zeichen zum Gottesdienst geben ließ, stellte ich mich vor meine Wohnung, um das Dorf übersehen zu können. Beim ersten Schalle der Glocken gingen die Kaziken durch die Hütten ihrer Untergebenen und schickten alle Bewohner, Christen und Heiden, zur Kirche. Ich hatte fälschlich geglaubt, die ganze Reduktion zu kennen; nun sah ich viele mir ganz fremde Gesichter, besonders von alten Männern und Weibern. Damit alle Erwachsenen Platz im Gotteshause fänden, mußten die Kinder diesmal vor den Türen stehen bleiben. Nach der Christenlehre hielt ich die Predigt über den Spruch: „Hütet euch vor den falschen Propheten.“ Ich erklärte die Vermessenheit der Zauberer, welche sich erdreisteten, unter dem Volke eine Sprache zu führen, die der Lehre Jesu, der alleinigen Wahrheit, geradezu widerspreche. Ich schloß mit der Drohung: wenn diese angeblichen Zauberer und Zauberinnen von ihrer Arglist nicht ablassen, so sollen sie nicht in die geweihte Erde gelegt, sondern wie die Tiere auf dem Felde begraben werden. Sollte auch diese Warnung nicht genügen, so würde ich ihre Namen auf ein Papier schreiben und unter die Füße der Statue des hl. Xaver legen. Weshalb ich diese letztere Drohung vorbrachte, wird die Folge lehren.

Meine Rede tat die erwünschte Wirkung. Eine Menge alter Männer und Weiber kam in meinen Hof. Sie brachten mir einzeln ihre Entschuldigungen vor. Einige sagten, sie würden nur von feindlich gesinnten Leuten als Zauberer verschrieen. Andere gestanden, sie hätten sich für Zauberer ausgegeben, aber nur aus Not und um Geschenke zu erhalten, sie verständen nicht das geringste von Zauberei. Dieses Geständnis mußten sie laut vor dem Volke ablegen. Ich forderte jedermann auf, mir sogleich Anzeige zu machen, wenn sich einer oder der andere in der Folge wieder erfrechen würde, den Wundermann zu spielen. Ich glaubte nun, für immer Ruhe vor diesen Unholden zu haben; ich täuschte mich jedoch.

Ein blinder Mann schlich sich in meine Gemeinde ein. Er kam zu mir und äußerte ein lebhaftes Verlangen, Christ zu werden. Ich verschob aber die Taufe lange, um seinen Wert zu prüfen und ihn mit Muße vorzubereiten. Endlich gewährte ich seine Bitte. Er machte mich nun mit seinem Wunsche bekannt, auch das heilige Sakrament der Ehe zu empfangen. Ich erstaunte, erkundigte mich und hörte, daß er schon längere Zeit durch seine zärtliche Zuneigung zu einem Mädchen der Gegenstand beißenden Spottes sei. Er wurde obendrein noch so krumm, daß er nur kriechen konnte. Aber auch dies hielt ihn nicht ab, sich ein Weib zu wünschen; und als er sich nach mehreren Monaten so weit hergestellt sah, daß er mit einem Stabe aufrecht gehen konnte, setzte er seine Bewerbungen eifrig fort. Er lebte von Almosen, die ihm so reichlich zuflossen, daß sich wirklich eine meiner Christinnen entschloß, ihm die Hand zu reichen. „Pater“, sprach er zu mir, „gib auch du mir ein Almosen.“ Auf meine Antwort, daß ich ihm ja Lebensmittel schicke, erwiderte er: „Ich verlange nicht von dir, was ich ohnehin habe; sondern ich begehre, was mir abgeht, ein Weib, und er nannte mir seine Braut. Ich traute also das Paar. Kurze Zeit darauf hörte ich Klagen: er stelle anmaßende Forderungen an die Leute und übe Erpressung. Ich wurde aufmerksam, forschte nach und vernahm, daß er heimlich Zauberei treibe. Alsogleich befahl ich, ihm künftig nichts mehr zu reichen, und beobachtete ihn scharf. Er erlaubte sich Drohungen gegen mich, erzählte, er habe mich bei Gott dem Vater verklagt, der sehr über mich erzürnt sei, und forderte die Gemeinde auf, mir nicht mehr zu gehorchen. Der Blinde wußte nicht, daß ich bei einer Gelegenheit Zeuge seiner Schmähungen gewesen; er wurde nun durch mein strafendes Wort so weit gebracht, daß er um Verzeihung bat und Besserung gelobte. – Unter der Asche glimmte der Aberglaube immer noch fort; ich dankte Gott, daß diese Glut wenigstens nicht in hellen Flammen aufloderte.

Ungeachtet dieser ermüdenden Aufmerksamkeit auf das Betragen meiner Leute war ich doch so gern bei ihnen, daß ich eine Gelegenheit, in Buenos Aires bleiben zu können, freudig ausschlug. Ich hatte nämlich von meinem Ordensprovinzial, der in Buenos Aires wohnte, den Befehl erhalten, mich mit meinen zwanzig Musikern in diese Stadt zu verfügen. Der Ruf ihrer ausgezeichneten Geschicklichkeit war bis dorthin gedrungen, und der hohe Adel war neugierig, mokobische Tonkünstler zu hören. Drei Monate vor dem Feste des hl. Ignatius sollte ich dort erscheinen. Die weite Reise von hundert Meilen machte mir weniger Sorge als der Gedanke, ob auch die Eltern meiner Musiker ihre Kinder so lange, und zwar zu den Spaniern, entlassen würden. Sie trugen aber kein Bedenken und gaben mir dadurch den sprechendsten Beweis eines schönen Vertrauens. In den letzten Tagen des April reiste ich ab und gelangte in dreizehn Tagen nach Buenos Aires. Im Kolleg gab man mir ein Zimmer, meinen Begleitern einen Saal zur Wohnung. Da diese aber von mir auf keine Art zu trennen waren, mußte ich zu ihnen ziehen. Ihre Anhänglichkeit an meine Person gefiel allgemein. Ging ich aus, so waren sie alle hinter mir her. Machte ich in einem Hause einen Besuch, so erwarteten sie mich bei der Haustüre. Von meiner Erlaubnis, allein durch die Straßen gehen zu dürfen, machten sie nie Gebrauch. Unsere Eltern, sagten sie, haben uns verboten, von dir wegzugehen, weil sie fürchten, du möchtest uns verlassen und bei den Spaniern bleiben.

Schon bei unsern Proben waren viele Menschen zugegen. Bei der Vesper am Vorabende des Festes des hl. Ignatius war aber die Menge in der Kirche so groß, daß wir das Chor schließen mußten. Neben der Andacht mag doch auch viele die Liebe zur Musik in das Gotteshaus geführt haben und die Neugierde, sie von Indianern, die noch vor wenigen Jahren Heiden gewesen, aufgeführt zu hören. Der Bischof, der die Vesper und am folgenden Tage das Hochamt hielt, der versammelte Adel, kurz alle Anwesenden waren über die Geschicklichkeit meiner Zöglinge höchlich erstaunt; dieselben wurden reichlich mit Geld beschenkt. Einige Tage darauf ersuchte mich der Bischof, ich möchte ihm durch meine Künstler Tafelmusik machen lassen. Ich trug ihnen auf, mit ihren Instrumenten und Musikalien hinzugehen. Sie wollten aber nicht ohne mich hingehen und waren erst dann bereit, als sie sahen, daß auch ich in einem Wagen zum Bischof abgeholt wurde. Sie machten auch hier ihre Sache vortrefflich. Die Bedienten brachten ihnen Speise und Wein. Die erstere genossen sie; Wein aber getrauten sie sich nicht zu nehmen, weil sie bemerkten, daß mein Auge sie beobachtete.


P. Baucke als Musiker.

Nun kam die Reihe an mich, eine harte Probe zu bestehen. Der Provinzial Alonso Fernandez wollte mich in Buenos Aires behalten. Einige Patres hatten den Auftrag, mich auszuforschen, ob ich auch gern bliebe. Ich erschrak über ihre Zumutung und stellte ihnen vor, daß ich ja in meinem Vaterlande hätte bleiben können, wenn ich gewünscht hätte, in der Ruhe eines Kollegs zu leben; daß ich ja bloß darum nach Amerika gereist sei, um Heiden in den Schafstall Christi zu führen. Sie erwiderten, es gezieme sich unter jedem Himmelsstriche, den Ordensobern auch gegen seine Neigung Gehorsam zu leisten. Dagegen war nichts einzuwenden; ich sagte ihnen nur, sie möchten mich allein lassen.

Ein anderer Jesuit, Franz Pauer[16], ein Schwabe, der dreizehn Jahre Missionär gewesen und nun im hiesigen Kolleg lebte, sollte ausforschen, was meine braunen Knaben dazu sagen würden, wenn statt meiner ein anderer Priester sie in die Reduktion zurückbringen würde. Er war längere Zeit in Santa Fé gewesen, kannte mehrere meiner Zöglinge und wußte, daß einige Spanisch verständen. Er kam zu mir und fragte mich in Gegenwart meiner Mokobier in spanischer Sprache, wann sie mit dem neuen Missionär abreisten, und wann ich meine mir für immer bestimmte Wohnung beziehen würde. Als sie dies hörten, ließen sie die Köpfe sinken und entfernten sich mit kummervollen Tränen. Der Pater wurde sehr gerührt und eilte, dem Provinzial von dem ergreifenden Schmerze meiner kleinen Freunde Nachricht zu geben. Dieser verständigte ihn, daß er bereits von dem Gedanken abgegangen sei, mich in Buenos Aires zu behalten. Mein Mitmissionär hatte nämlich die Anzeige gemacht, daß unsere ganze Reduktion sehr unruhig sei, weil die Spanier von Santa Fé die Nachricht ausgestreut hätten, ich würde nicht mehr in unsere Kolonie zurückkehren. Der Provinzial las mir selbst diesen Brief vor und gab mir unverzüglich die Erlaubnis, den Rückweg anzutreten. Somit wurde die Absicht des hiesigen Adels vereitelt, der ein Musikseminar errichten und mich zum Direktor desselben haben wollte[17].

Auf der Rückreise vergnügten sich meine Zöglinge in der Gegend des Conchasflusses mit der Jagd auf wilde Hunde. Zweiundzwanzig Meilen von Buenos Aires kamen wir an den Fluß Areco, an dem das Jesuitenkolleg von Buenos Aires eine Estanze hat. Ein Priester, zwei Laienbrüder und eine Anzahl von Negerfamilien wohnen hier. Sie besorgen den Feldbau, einen Ziegelofen, zwölftausend Stück Hornvieh und einige tausend Pferde und treiben Maultierzucht. Wir rasteten einige Tage und zogen dann im Vorgefühl der Freude, die Gemeinde von S. Xavier bald wiederzusehen, der Heimat zu, die wir auch glücklich erreichten.

Wir gingen nunmehr wieder unsern gewohnten Beschäftigungen nach. Vorzüglich gab ich mir Mühe, nützliche Handwerker heranzubilden. Die Gelehrigkeit der Indianer kam mir dabei wohl zu statten. So träge sie sich zur Feldarbeit anschickten, so willig waren sie, eine Kunst oder ein Handwerk zu erlernen. Mein Aufenthalt mit meinen Musikern zu Buenos Aires hatte in dieser Hinsicht sehr wohltätig gewirkt; denn ich hatte die Zeit gut ausgenützt, um mich und die Meinigen in einigen notwendigen Künsten und Handwerken zu unterrichten oder mehr zu vervollkommnen. Bald hatte ich fünfundzwanzig Indianer so weit, daß sie auch ohne meine leitende Gegenwart ganz taugliche Wagen machten. Vier Knaben lieferten nette durchbrochene Bildhauerarbeit: sie verfertigten den unteren Teil eines Altares, einen Tabernakel, zwei Altarverzierungen mit eingelegten Spiegeln.[WS 4] Sechs andere Knaben verstanden sich auf das Vergolden. Ich hatte Kammacher, Tischler und Drechsler. Leider fehlte es uns an den nötigen Werkzeugen, welche unsere Mühe bedeutend erleichtert hätten. Der Umstand, daß alle Schmiedearbeiten hierzulande sehr teuer waren, bewog mich, in Santa Fé einen Amboß, Hämmer, Feilen und dergleichen zu kaufen und drei Jünglinge öfters mit mir nach Santa Fé zu nehmen, damit sie in der Schmiede des Kollegs das Handwerk lernten; dies gelang ihnen auch und gewährte unserer Kolonie große Vorteile.


Wirtschaftlicher Fortschritt.

Der Müßiggang der Weiber, welche die meiste Zeit mit Nichtstun vergeudeten, war mir schon lange ein Dorn im Auge. Ich beratschlagte mich mit den Kaziken und schlug vor, sie die Weberei und die Färberei lernen zu lassen. Die Männer billigten den Vorschlag, viele Weiber waren gleichfalls zufrieden; nur einige träge Vetteln äußerten darüber ihren Verdruß, wurden aber nicht beachtet. Von der Wolle, die mir unsere siebzehnhundert Schafe gaben, teilte ich jeder meiner angeworbenen Weberinnen so viel mit, als sie zu einer Decke nötig hatten; und sie waren so eifrig, daß ich in drei Monaten dreiundsiebzig gut gearbeitete Decken erhielt. Diese verkaufte ich und erhielt dafür achtundvierzig Zentner Tee, fünfzehn Zentner Tabak und Zucker. Diese eingehandelten Waren teilte ich unter mein Volk aus. Nur die trägen Weiber wurden nicht bedacht und so zum Entschlusse geführt, im künftigen Jahre auch zu weben. Die kleinen Mädchen gewöhnten sich nach und nach auch an die Arbeit. Wie die Knaben unter der Aufsicht eines alten zuverlässigen Indianers standen, so hatte ich auch den Mädchen eine alte verwitwete Kazikin zur Vorsteherin gegeben. Bisher hatten die Mädchen nichts zu tun, als täglich der heiligen Messe, der Christenlehre und dem Rosenkranz beizuwohnen und bei der Ernte und den leichteren Verrichtungen mit Hand anzulegen. Eines schönen Tages ließ ich die alte Kazikin nach der Messe mit vier Mädchen in meine Wohnung kommen, um die bessere Wolle von der schlechteren zu sondern. Es geschah. Bald sammelten sich Zuschauerinnen, die sich nach und nach dazusetzten und mithalfen. Den folgenden Tag kamen von selbst schon zwanzig mit der würdigen Vorsteherin, die mir im Namen der Mädchen den Wunsch aussprach, spinnen, weben und färben lernen zu dürfen. Sofort beschloß ich den Bau eines Arbeitshauses. Eine Indianerin, die lange Jahre als Gefangene bei den Spaniern mancherlei schöne Arbeiten gelernt hatte, mußte die Lehrerin machen. Die Freude, in einem Jahre so ganz in der Stille und ohne Zwang eine Deckenfabrik errichtet zu haben, die mir dreihundert Decken lieferte, war mir ein süßer Lohn. Der Wohlstand meiner Reduktion nahm dadurch sichtlich zu. Die besten Decken konnten wir um fünfundzwanzig, die mittleren um zwölf, die schlechteren um sechs Taler verkaufen, wodurch ich in den Stand gesetzt wurde, für den Unterhalt meiner Leute reichlicher zu sorgen. Die Männer trieben jetzt auch die Schafzucht mit größerem Eifer, um ihren Weibern Wolle zu verschaffen. Anstatt bloß mit Fellen von Tigern und Fischottern konnte man sich fortan mit bunten Teppichen bekleiden.

Diese Früchte fleißiger Arbeit öffneten den Bewohnern meiner Reduktion gänzlich die Augen. Sie dankten Gott für die heilige Religion, die, während sie sich bloß mit dem Himmel zu beschäftigen scheint, auch das irdische Glück der Menschen befördert. Meine Indianer tauschten die Teppiche, die ihre Weiber verfertigten, unter meiner Aufsicht, damit sie nicht von listigen Spaniern betrogen würden, gegen veredelte Schafe um und fingen einen ordentlichen Handel an. Ihre nette, selbstverfertigte Kleidung und ihr wachsender Wohlstand lockten immer mehr Heiden an, die ich dann für das Reich Jesu und für ein arbeitsames und gesittetes Leben gewann.

Mein Ordensbruder, P. Joseph Brigniel[18], ein österreichischer Untertan aus Klagenfurt, lebte längere Zeit in meiner Reduktion. Er war früher dreißig Jahre lang Missionär bei den Guaraniern gewesen, wurde dann Rektor im Kolleg zu Corrientes und kam darauf zu mir. Von da mußte er als Rektor nach Santa Fé, blieb aber dort nicht die drei Jahre, die ein Rektor in seinem Amte zubringen soll, sondern kehrte noch vor Ablauf derselben in meine Kolonie zurück. Dieser vielerfahrene Mann konnte sich nicht genug darüber wundern, daß es mir gelungen war, meine Wilden in gesellige fromme Ackersleute und Handwerker umzuschaffen. Er spendete mir großes Lob; solches gebührt jedoch nicht mir, dem schwachen Werkzeuge, sondern der Hilfe des Allerhöchsten. „Nur zwei Dinge gehen Ihnen noch ab“, sagte er eines Tages scherzend, „erstens, Sie müssen auch die erwachsenen frei und müßig umherschweifenden Jünglinge an eine geordnete Lebensweise gewöhnen; und zweitens, Sie müssen auch noch das Schusterhandwerk erlernen.“ Ich entgegnete ihm: „Für das erstere muß Rat geschafft werden; es ist wirklich ein Übelstand, der gründlicher Abhilfe bedarf. Den Anfang dazu habe ich bereits gemacht. Den zweiten Wunsch kann ich vielleicht schon in einigen Tagen erfüllen.“ Ich hielt getreulich Wort. Durch Zertrennen alter Schuhe lernte ich neue verfertigen und stellte mich dem freundlichen Spötter bald mit meinem neuen Kunstprodukte vor.

Mit großer Entschiedenheit verlegte ich mich nunmehr auf die Regelung der Lebensweise der Jünglinge und jungen Männer. Viele dieser jungen kräftigen Leute gaben sich einzig damit ab, auf die Jagd zu gehen oder in den Wäldern umherzustreifen und nach wildem Honig zu suchen. Ich machte meinen Kaziken darüber ernstliche Vorstellungen. „Die Schwächeren in der Gemeinde“, sagte ich, „müssen für den Unterhalt dieser kräftigen Jünglinge arbeiten, während diese selber dem Müßiggang frönen. Das ist gegen alle gute Ordnung. Und was soll in Zukunft aus unserer Gemeinde werden, wenn die Jünglinge den Müßiggang nicht aufgeben? Wie Unkraut werden Laster jeder Art üppig in unserer Gemeinde wuchern.“ Die Kaziken mußten mir beistimmen. Nun gab ich ihnen den Auftrag, all die leichtsinnigen Taugenichtse für den folgenden Morgen nach der heiligen Messe zu mir zu bestellen. Aletin stürmte noch am nämlichen Tag unter seinen Leuten umher und führte schon am Abend eine nicht geringe Anzahl dieser Burschen mir zu. Ich bemerkte, daß sie überrascht und betroffen waren. Ich sprach deshalb mit Freundlichkeit ihnen zu, sie sollten am nächsten Morgen sich wieder bei mir einstellen; sie hätten nichts Schlimmes zu fürchten. Darauf beschenkte ich sie mit Tabak und entließ sie.

Schnell verbreitete sich die Nachricht, ich würde allen mit Tabak aufwarten. Am andern Morgen stellten die Kaziken mir achtzig kräftige junge Jagdliebhaber vor. Diesen redete ich mit Entschiedenheit zu: es sei für mich ein herber Schmerz und eine drückende Sorge, sehen zu müssen, wie so wackere und kräftige Jünglinge im Müßiggang ihre schönste Zeit verlören. Ich verglich sie mit Raubvögeln, verzehrten sie doch, was nur arbeitsame Menschen genießen sollten. Selbst die zarten Kinder in der Gemeinde verständen es bereits, sich ihr tägliches Brot selber zu verdienen: welcher Vorwurf für blühende, kräftige Burschen, die immer nur in den Wäldern umherschweifen wollten! Ohne ihnen Zeit zu einer Entschuldigung zu lassen, fragte ich gleich, zu welcher nützlichen Beschäftigung sie Lust hätten. Fünfzig wählten ein Handwerk. Ich schickte sie sogleich in die verschiedenen Werkstätten. Den andern wies ich Arbeit in meinem Garten zu. Einige Zeit darauf führte ich den P. Joseph in die Werkstätten und zeigte ihm die früheren Müßiggänger jetzt an emsiger Arbeit. Der Pater lächelte zufrieden und mag sich an die Worte erinnert haben, die er bei einer andern Gelegenheit zu mir sprach: „Sie sind ein Preuße (ich bin nämlich ein Nieder-Schlesier) und machen das Unmögliche möglich wie Ihr König.“

Meine Indianer machten in den Handwerken ungemein gute Fortschritte. Das gab mir Mut zu neuen Versuchen, die mir über Erwarten gut gelangen. Ich ließ für die Kirche zwei Teppiche mit Figuren und Blumen verfertigen, die trefflich ausfielen.

Ich baute sogar eine Orgel mit fünf Registern; sie wurde allgemein bewundert, und in Santa Fé bot man dafür achthundert Taler. Die Bewunderung stieg, als man hörte, daß ich bei deren Anfertigung ausschließlich der Hilfe der von mir angelernten Indianer mich bedient hatte.

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Bild 16. Pflug der Reduktionsindianer.

Gleichzeitig mit Handwerk und Gewerbe hatte sich, um das hier einzuflechten, auch der Feldbau entwickelt und so ausgedehnt und vervollkommnet, daß die Reduktion bald selbständig von ihrem Ertrage leben konnte.

Der Boden war, zumal an den höher gelegenen Stellen, zum Anbau sehr geeignet und sehr fruchtbar, und die Felder brachten trotz der einfachen Ackerwerkzeuge reiche Ernten an Weizen, Gerste, Mais, Erbsen usw.

Die Arbeit war gemeinsam und ähnlich geregelt wie in den älteren Guarani-Reduktionen[19].

Die Ernte dauerte vierzehn Tage und war die fröhlichste Zeit des Jahres. Zu essen gab es genug. Das Trinkwasser wurde in Fässern auf Lastwagen herbeigeführt, und Knaben mit vollen Krügen liefen den ganzen Tag unter den Arbeitern herum, um ihnen zu trinken zu geben. Das Trinken von Mate (Paraguay-Tee) hörte Tag und Nacht nicht auf; Kau- und Rauchtabak, Salz und alles Nötige wurde reichlich ausgeteilt. Was während einer solchen Erntezeit innerhalb vierzehn Tagen daraufging, berechnet P. Baucke selbst auf einen Zentner Tabak, zwei Zentner Tee und dreißig Ochsen, manchmal darüber.

Singend und jubelnd saßen abends die Indianer an ihren Feuern und trieben bis in die Nacht hinein ihre Kurzweil.

Besondere Freude machte es ihnen, wenn ihnen am Schluß der Ernte erlaubt wurde, ebensoviele Tage, als sie gearbeitet hatten, mit ihren Kaziken hinauszureiten, um wilde Pferde zu fangen. Das war ihnen lieber als alle Bezahlung.

Immermehr fühlten die Indianer auch selbst den Segen, den ihnen das Christentum in geistiger und leiblicher Beziehung gebracht hatte, und wie vorteilhaft sich ihr jetziger Zustand von der
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Bild 17. Egge der Reduktionsindianer.

Zeit abhob, da sie wie die Tiere des Waldes wild und mordgierig umherschweiften und nicht wußten, wo ein und wo aus.

Ein neues christliches Geschlecht war herangewachsen und ein schönes, nützliches Gemeinwesen entstanden zum Vorteil auch der spanischen Kolonie und der spanischen Krone, um die sich die Missionäre durch ihre mühevolle Schöpfung das größte Verdienst erworben hatten.


Vorurteile gegen die Reduktionen.

Aber gerade diese Verdienste, schreibt P.Baucke, waren es, welche den Neid gegen uns und unsere Unternehmungen hervorriefen. Dieser Neid griff zu einer gefährlichen Waffe, zur Verleumdung. Und wirklich gelang es dem nimmer rastenden Neide nur zu bald, den Namen und guten Ruf der Jesuitenmissionäre zu verdächtigen und die Fürsten der Erde mit Mißtrauen gegen uns und unsere Tätigkeit zu erfüllen[20].

Man redete von großen Schätzen, die in unsern Reduktionen aufgehäuft sein sollten. In Wirklichkeit hatten wir anfangs mit Not und Elend zu kämpfen. Auch in der Folgezeit bestand unser Glück hauptsächlich in unserer Genügsamkeit, zu der wir ebenso unsere Pflegebefohlenen, oftmals nicht ohne Schwierigkeit, anzuhalten pflegten.

Man machte uns den Vorwurf, wir hätten mit unsern Reduktionen die spanischen Städte in gefahrdrohender Weise umzingelt. In Wirklichkeit durften wir die Kolonien nur an solchen Stellen anlegen, die von den spanischen Obrigkeiten untersucht und als zur Ansiedlung geeignet erklärt worden waren. Ja die Spanier selbst bestanden stets darauf, daß die Neubekehrten in der Nähe von Städten angesiedelt würden; man betrachtet nämlich solche Kolonien als die beste Schutzmauer gegen den Andrang der noch wilden Indianer.

Wir sollen Vorratshäuser oder Magazine zu verbrecherischen Zwecken angelegt haben. Was waren denn in Wirklichkeit diese Magazine? Nichts anderes als Häuser, in welchen jeder Indianer seinen eigenen Vorrat an Lebensmitteln aufzubewahren hatte, und wo außerdem jener Teil der Ernte geborgen wurde, der zum Unterhalt der Kranken und Altersschwachen bestimmt war. Wöchentlich entnahm jede Familie diesem Vorratshause so viel, als sie bedurfte. Der Indianer, der nicht zur Sparsamkeit angeleitet wird, vergeudet leicht in kurzer Frist, was ihm für die Zukunft nützlich und nötig ist. Hätten wir nicht für seine kommenden Tage gesorgt, dann stand zu befürchten, er werde wieder in seine Wälder zurückkehren, um dem Mangel an Nahrung auszuweichen.

Wir sollen Waffenhäuser errichtet haben, um dereinst an der Spitze unserer kampftüchtigen Indianer die Spanier mit Krieg zu überziehen. Allerdings hatten wir besondere Räume für die Waffen. Ich selber besaß einen solchen Raum, in dem fünfzig Lanzen und Pfeilbogen standen. Diesen Vorrat hatte ich angeschafft, um für den Fall eines Kampfes mit wilden Indianern meine Leute mit Waffen zu versehen; denn nicht alle waren im Besitze geeigneter Waffen. Ferner bewahrte ich in dieser Kammer fünfzig eiserne Lanzenspitzen und zwölf Säbel; diese Waffen hatte der Kommandant von Santa Fé selbst überschickt. Dabei ließ er mir den Auftrag zukommen, ich solle mit diesen Waffen meine Leute versehen, damit sie gegen ihre eigenen Feinde sich verteidigen und die Stadt Santa Fé beschützen könnten.

Ich will hier nicht von den unleugbaren Verdiensten sprechen, die sich die alten Missionen um König und Land überhaupt erworben haben, sondern in schmuckloser Sprache nur dasjenige erwähnen, was meine eigene Reduktion zum Wohle der Spanier, zu deren Ruhe und Sicherheit geleistet hat.

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Bild 18. Sattel der Mokobier.


Kämpfe mit feindlichen Indianern.

Während der achtzehn Jahre, die ich als Missionär dahier verlebt habe, sind meine Leute fünfunddreißigmal bald allein bald in Vereinigung mit den Spaniern ausgerückt, um die feindlichen wilden Indianer zu bekämpfen. Ich selbst bin zehnmal mit ihnen ausgezogen, so oft ich nämlich einen Missionär in der Reduktion zurücklassen konnte. Durchstreiften nur die Spanier die Wildnis, so kam ihnen der Feind gar häufig nicht einmal zu Gesicht; waren aber meine Mokobier bei ihnen, dann fehlte es nicht an abgeschnittenen Kopfhäuten wilder Indianer.

Einmal hatten Abiponer Pferde und Hornvieh, Eigentum der Bürger von Santa Fé, weggetrieben und die Leute ermordet, die in ihre Hände gefallen waren. Der Kommandant suchte Hilfe bei mir: ich mußte zu der Vorwache, die zehn Meilen vor der Stadt, an der Grenze der Wildnis, ihren Standort hatte, dreißig Mann stoßen lassen. Der Kommandant versprach[21] goldene Berge, er wollte die Wache mit allem Nötigen versorgen und außerdem der Kolonie S. Xavier eine Unterstützung zukommen lassen. Ein ganzes Jahr hindurch versahen meine Mokobier diesen Posten.

Ich hatte ein Gerücht vernommen, es seien heidnische Indianer im Anzug gegen die Stadt begriffen. Ich brach sofort mit vierzig Mokobiern auf, um zu erforschen, von welcher Richtung her der Angriff zu erwarten sei. Erst am zweiten Tage erblickte ich im Walde frische Asche, einige Häute von geschlachteten Füllen und da und dort verschiedene Gerätschaften, die von den Indianern an dieser Stelle verborgen worden waren, offenbar in der
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Bild 19. Sattel der Mokobier.

Absicht, sie nach der Rückkehr von Santa Fé hier wieder zu holen. Sogleich schickte ich einen reitenden Boten nach Santa Fé, der diesen Weg von vierzig Meilen in achtzehn Stunden zurücklegte. Der Kommandant wurde von mir zur Vorsicht ermahnt und aufgefordert, seine Streitkräfte gegen die Räuber ausrücken zu lassen. Ebenso ließ ich dem spanischen Wachtposten und meiner Reduktion von unsern Entdeckungen Nachricht zukommen und überallhin Warnungen ergehen. Meine Meldung war noch zeitig genug in Santa Fé eingetroffen. Dennoch blieb der Kommandant untätig, bis ihn die Kunde aufschreckte, seine eigene Meierei sei ausgeplündert, die Knechte erschlagen, dreihundert Pferde geraubt. Mit meinen Kriegern hielt ich Wache in der Nähe der Stelle, wo die Feinde ihre Gerätschaften zurückgelassen hatten, in der begründeten Hoffnung, sie würden dahin wieder ihren Weg nehmen. Im Grunde
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Bild 20. Pferdezaum der Mokobier.

genommen täuschte uns diese Voraussicht keineswegs. Nur hatte der Feind einen andern Weg jenseits des Flusses eingeschlagen und als er uns bemerkte, in aller Eile die Flucht ergriffen; meine Leute setzten ihm nach, vermochten ihn jedoch nicht mehr einzuholen.

Am folgenden Tage erst rückten die Spanier heran, und zwar gegen uns, weil sie uns für die Feinde ansahen. Sie mußten sich aber bald überzeugen, daß sie die Verfolgung des wirklichen Feindes viel zu spät unternommen hatten; dieser war längst entwischt. Nun wollten die Spanier die ganze Gegend durchstreifen. Sie erbaten sich von mir zwanzig Mann. Jedoch wurde mir von diesen bald mitgeteilt, daß die Spanier ihr Vorhaben aufgegeben und den Rückzug angetreten hätten.

Die wilden Indianer wurden von Tag zu Tag kecker; sie drangen aus ihren Wäldern hervor und wagten sich bis in die Umgebung von Santa Fé. Auf allen Wegen herrschte derartige Unsicherheit, daß kein Kaufmann es mehr unternehmen konnte, ohne militärische Bedeckung seine Waren zu befördern. Ein reicher Kaufmann namens Joseph de Andino suchte zwanzig beladene Wagen ungefährdet nach Peru zu schaffen. Für jeden Wagen wurden nach Landessitte zehn Ochsen mitgeführt. Außer den Treibern begleiteten noch vierzehn spanische Soldaten die Karawane. Aber vierzig Meilen von Santa Fé entfernt wurde sie von den Wilden angefallen. Nur ein Soldat rettete sich durch die Flucht, die ganze übrige Mannschaft fiel unter den Lanzen der Feinde, die das Vieh und was ihnen von den Waren zu Gesichte stand, mit sich nahmen und die Wagen verbrannten.

Dieser mißlichen Lage der Spanier sollte ich in Zukunft abhelfen und mit meinen Mokobiern die Reisenden gegen Bezahlung beschützen. Auf Anhalten des Stadtkommandanten ließ ich bei einer solchen Gelegenheit zwanzig Mann als Sicherheitswache mitgehen. Sie waren mit den Kaufleuten kaum an dem Orte der vorher erzählten Mordszene angelangt, als die Wilden abermals aus dem Gebüsche hervorbrachen. Meine Mokobier ritten sogleich auf die andere Seite, um von den hohen Wagen verdeckt zu werden. Sobald aber die Feinde gegen die Wagen heranstürzten, warfen sich die Meinen mit gleicher Schnelligkeit auf die Beutelustigen, stießen zwei von den Pferden, eilten den Flüchtigen nach und töteten noch drei. In Santa Fé war des Jubels über die Heldentat der tapfern Leute von S. Xavier kein Ende; ein jeder erhielt sieben Taler, und vier, die tapfersten aus ihnen, noch überdies neue Hüte und gefärbte Leinwand.

Einige Monate später teilten mir Leute, die Holz aus dem Walde nach Hause brachten, mit, sie hätten am Saume des Waldes bald da bald dort heidnische Indianer reiten sehen. Die Stunde der Vergeltung war gekommen. Es war jener Trupp, welchen meine Leute von den Kaufmannsgütern mit blutigen Köpfen heimgeschickt hatten. Schnelle Gegenwehr war nötig. Ich schickte zwanzig Mann gegen Norden, ebensoviele gegen Westen, um die Stellung des Feindes zu beobachten. Zweihundert mußten sich bereit halten, um jeden Augenblick die Pferde zu besteigen. Beim Einbruche der Nacht stellte ich meine Kampflustigen aus dem Felde auf. Alle waren mit einem Küraß von Ochsenhaut gewappnet, ihre Gesichter geschwärzt. Der Lärm ihrer mißtönenden Hörner, ihrer gellenden Pfeifen, ihr eigenes fürchterliches Geschrei waren schauerlich. So standen sie bis zum folgenden Tag
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Bild 21. Steigbügel der Mokobier.

um 9 Uhr; und da sich kein Gegner sehen ließ, rückten sie ruhig wieder nach Hause. Vermutlich zogen die Feinde fort, weil sie sahen, daß sie unsere Wachsamkeit nicht täuschen konnten.

Während meine Mokobier der Schlacht entgegensahen, war ich in meiner Wohnung von ihren jammernden Weibern und schreienden Kindern belagert. Ging ich zu meinen Kämpfern auf das Feld, so rannte mir ein Schwarm Weiber und Kinder nach, die bei mir ganz sicher zu sein glaubten. Die alten Weiber fingen hinter dem Rücken der Schlachtordnung Tänze und Gesänge an, die noch aus ihrem Heidentume herstammten und den Sieg an ihr Volk fesseln sollten. Gesang und Tanz waren gleich gräßlich. Bald zischten die Weiber wie die Schlangen, bald streckten sie drohend dem noch unsichtbaren Feinde die Hände entgegen, bald schrieen sie ihre Söhne und Enkel an, die unter den Waffen standen. Ich war herzlich froh, als das Geheul ein Ende nahm.

Nach acht Tagen kamen acht Abiponer von der Reduktion des hl. Hieronymus mit einem Briefe ihrer Missionäre, des P. Joseph Nabalon, eines Spaniers, und des P. Joseph Lehmann[22] aus der österreichischen Provinz, dieses Inhalts: „Die wilden Abiponer mit andern wilden Völkern stehen vierhundert Mann stark bei St Hieronymus. Schon haben sie alle Pferde und viertausend Stück Hornvieh weggenommen, und bereits schicken sie sich an, den Raub in Sicherheit zu bringen. Wir bitten, kommt mit euern Mokobiern, um ihnen die Beute abzujagen.“ Mein lieber Domingo war nicht zu Hause. Cithaalin war träge, das Feuer seiner jungen Jahre erloschen. Aletin aber war sogleich bereit, mit vierzig Mann zu Felde zu ziehen. In zwei Stunden traten sie den Marsch an, beeilten sich nach Möglichkeit und fanden die Kolonie St Hieronymus entmutigt auf dem Hauptplatze ihres Dorfes stehen; die Feinde aber genossen im Tale ruhig und ungestört ihr Mittagsmahl. Aletin auf seinem abgematteten Pferde rief den erschrockenen Beraubten zu: „Fort mit gesamter Macht gegen den Feind; besteiget eure Pferde und folget mir!“ Die Abiponer wollten den eilenden Helden bereden, sich und die Seinen erst mit frischen Pferden zu versorgen. „Nein!“ donnerte ihnen Aletin entgegen; „keine Zeit ist zu versäumen. Ich merke wohl, einige aus euch fühlen wenig Lust zum Streite, weil sie Verwandte unter den Gegnern haben. Auch ich habe Verwandte dort, doch dies hält mich nicht auf. Nur vorwärts, sonst erfahren sie noch, daß Hilfe angekommen ist.“ So war es auch.

Die Räuber hatten die Ankunft der Mokobier erfahren, unterbrachen ihr Mahl, ließen das erbeutete Vieh im Stiche und entflohen so schnell, daß Aletin kein eigentliches Treffen mehr liefern konnte. Meine Mokobier setzten den Flüchtigen nach und erlegten zwei der Feinde. Der Ruf ihrer Tapferkeit breitete sich immer weiter aus.

Ein Jahr später wollte der heidnische Kazike Alaiquin die Hilfe, die wir der Kolonie des hl. Hieronymus geleistet hatten, und seine erlittene Niederlage an uns rächen. Er lagerte sich dreißig Meilen von Santa Fé und zehn von uns entfernt in einem sehr dichten Walde und machte von dort Ausfälle auf die Spanier und auf meine Mokobier. Ich hielt diese Streiferei anfangs für unbedeutend. Als mir aber bekannt wurde, daß die Wilden in Santa Fé gemordet und geplündert hatten, schickte ich hundert Mann, diese ungebetenen Gäste aufzusuchen. Dieselben hatten jedoch unsere Gegend wieder ganz verlassen und lebten, wie wir nach emsigem Forschen erfragten, bei St Hieronymus. Die dortige Mission wagte es nicht, sie allein zu vertreiben; daher wurden wir und der Kommandant von Santa Fé ersucht, diesem Unwesen ein Ende zu machen. Der Kommandant entschuldigte sich mit wichtigen Geschäften und meinte, meine Mokobier wären hinreichend, um diesen Zug glücklich zu bestehen.

Meine Leute nahmen die Aufforderung zu dem Feldzuge mit Freuden an; nur verlangten sie, ich solle sie begleiten, was ich ihnen auch nicht abschlug. Mit zweihundertsiebzig Mann zog ich aus. Zwanzig Meilen von der Reduktion des hl. Hieronymus, in einem Teile der Wüste, der „Storchennest“ heißt, bemerkten wir Indianer, die auf Strauße Jagd machten. Sie waren aus der Gemeinde des hl. Ferdinand und von groben Sitten. Da unsere Nachtlager nicht weit voneinander lagen, besuchten sie mich, mit Kürassen bekleidet und Lanzen in der Hand. In solchem Aufzug geht man nur in den Streit; meine Mokobier waren daher über diese Unart erbost; nur mit Mühe konnte ich sie besänftigen. Als wir des Morgens an ihnen vorüberzogen, stellten sie sich auf, als wollten sie uns angreifen. Der Zorn meiner Begleiter loderte hoch auf; es gelang mir jedoch, sie auch diesmal zu beruhigen. Ohne weiteres Abenteuer kamen mir in St Hieronymus an. Die heimlichen Freunde der wilden Abiponer berichteten dem Kaziken Alaiquin sogleich, daß Hilfstruppen angekommen seien. Dieser fand es geraten, so schnell zu entfliehen, daß wir ihn gar nicht zu Gesichte bekamen. Wir setzten ihm zwar, verstärkt durch fünfzig Mann der Reduktion St Hieronymus, nach, fanden Spuren, wo er Rast gehalten hatte, zogen dann noch mehrere Tage lang nordwärts, mußten aber schließlich, durch Sümpfe und Gewässer aufgehalten, unverrichteter Dinge wieder umkehren. Sehr ermattet gelangten wir nach Hause ohne einen andern Erfolg, als daß wir durch unser bloßes Erscheinen den Feind vertrieben hatten.

Viele Monate flossen wieder ruhig in den Strom der Zeit; nur einmal brachte mich die Fürsorge für meine Leute in große Gefahr. Sie hatten nämlich die üble Gewohnheit, Tabak mit Salz vermischt zu kauen. Darum wurde ihnen wöchentlich dreimal Salz ausgeteilt, was mit bedeutenden Unkosten verbunden war. Um diese zu ersparen oder doch zu verringern, wünschte ich irgendwo Salz zu finden. Einige Indianer hatten mir von einem See erzählt, der jährlich austrockne und den ganzen Boden mit Salz überdecke. Ich suchte ihn, von einigen des Weges Kundigen geführt, auf. Auf dem Zuge war ich so glücklich, einen Tiger zu erschießen, aber so unglücklich, von einem unleidlichen Durste gequält zu werden, weil sich in der gänzlich ausgedörrten Gegend nirgends eine Quelle mit süßem Wasser zeigte. Unsere Pferde tranken Salzwasser; auch meine Indianer begnügten sich damit, mir aber verursachte dasselbe große Beschwerden. Endlich kam ich an den Ort meiner Bestimmung. Ich sah einen Fluß, oder richtiger zu reden, das Bett eines Flusses; denn er war ganz ausgetrocknet und hatte nur eine weiße Kruste hinterlassen. Diese scharrte ich auf und gab sie meinen Begleitern zu kosten. Sie waren mit diesem Salze zufrieden. Daher ließ ich mehr zusammenschichten und gedachte, es bei Gelegenheit nach Hause zu bringen.

Als wir auf dem Heimwege in einem dichten Walde Mittag hielten, wurden wir durch ein Geräusch aufgeschreckt und sahen uns plötzlich von einem Pfeilregen begrüßt. Meine Leute schrieen die unwillkommenen Gäste an. Diese erkannten uns an unserer Sprache als Mokobier, hielten mit ihren Geschossen inne und beobachteten uns schweigend. Es waren unbekehrte Stammesgenossen, die uns für Feinde angesehen hatten und nun ihre Voreiligkeit bereuten – für mich freilich schon zu spät. Ich war nämlich bereits an der rechten Hand verwundet. Die Wunde blutete sehr stark; die Geschwulst nahm sichtlich zu, und der Schmerz wurde unerträglich. Ein kleines Stück Bein, scharf und zugespitzt, wie es die Wilden an die Spitze des Pfeiles stecken, war eingedrungen und haftete in meiner Wunde. Wäre dieses Stück Bein in einen edleren Teil meines Körpers eingedrungen, ich wäre dem Tode nicht entronnen. So aber wurde ich durch einen Ordensbruder, einen Wundarzt, den mir P. Rektor schickte, in Monatsfrist wieder geheilt. Meine Gemeinde war über meine Verletzung derart entrüstet, daß es mir große Mühe kostete, die Leute von einem Rachezug abzuhalten.

Ich machte Anstalt, das Salz in Sicherheit zu bringen, bevor ein zu befürchtender Regen es auflösen konnte, und verfügte mich mit fünf Wagen und fünfzig Mann zu der bemerkten Stelle. Wir waren noch nicht fünf Meilen von zu Hause entfernt, als uns Boten ereilten und die Nachricht brachten, die Abiponer von St Hieronymus seien bereits auf dem Wege, um sich mit meiner Reduktion zu einem Kampfe gegen jene zu vereinigen, die mich verwundet hätten; diese hätten sich mit andern Stämmen verbunden und seien gesonnen, die ganze Umgegend auszumorden und dann Santa Fé anzugreifen. Ihr Lager hätten sie gerade dort aufgeschlagen, wo ich das Salz gefunden. Ich kehrte alsogleich in meine Mission zurück, fertigte einen Boten in die Stadt ab, um den Kommandanten von diesem Ereignisse in Kenntnis zu setzen und zu melden, daß meine Leute mit den Abiponern, zweihundert Mann stark, gegen die Wilden zögen.

Am folgenden Tage kamen unsere Leute dem Feinde bereits sehr nahe. Sie schickten Spione aus, um deren Stellung und den geeignetsten Ort zum Angriffe zu erforschen. Den Spionen gelang es auch, die Feinde bei der Abendmahlzeit zu sehen und deren Feuer zu zählen; es fiel ihnen jedoch auf, die Feinde in vollständiger Ausrüstung anzutreffen. Wie wir später erfuhren, waren sie darum ständig in Waffen geblieben, weil ihre auf den Bäumen spähenden Wachtposten am Tage aus einer Staubwolke auf unsere Ankunft geschlossen hatten. Mit anbrechendem Morgen begann die Schlacht mit allen gräßlichen Szenen barbarischer Roheit. Domingo, Cithaalin und der Kazike der mit uns vereinten Abiponer, Nereguini, drangen mit neun Indianern in großer Hitze vor. Ein Hagel von Pfeilen verdichtete sich um ihr kleines
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Bild 22. Lasso der Mokobier.

Häufchen, und Nereguini sank, von einem Pfeile getroffen, der durch das Auge in den Kopf fuhr, leblos zu Boden. Indes waren die Gefährten herangesprengt, von den Pferden gestiegen und so nahe an die Feinde gerückt, daß diese ihre Pfeile nicht mehr abschießen konnten und mit den Lanzen stürmten. In einer Stunde war das Gefecht beendet. Vom Feinde blieben zweiundsiebzig tot, auf unserer Seite nur einer; neun, unter ihnen Cithaalin, waren verwundet. Meine Mokobier kehrten mit vier abgeschnittenen Köpfen der Wilden in die Reduktion zurück; die Köpfe hatten den vorzüglicheren der feindlichen Kaziken angehört. Von den abgeschnittenen Nasen und Ohren der Erlegten hatten sie den Pferden Halsgehänge gemacht und eine Menge Lanzen, Pfeile, Tiger und Otterfelle erbeutet.

Ich wendete meine Augen von diesem ekelhaften Einzug weg auf die sechsundvierzig gefangenen Kinder beiderlei Geschlechts, die ich mit Liebe aufnahm und mit väterlicher Sorgfalt pflegte. Domingo erzählte mir, daß sein Untergebener Ohari, als er seine Schwester und deren Mann unter den feindlichen Leichen liegen sah, voll Wut hingeschrieen habe: „Recht ist euch geschehen! warum waret ihr nicht besser?“ Daß ein alter Mann, ein sonst andächtiger und guter Christ, sich bei dieser Gelegenheit zur alten Gewohnheit zurückverloren hatte, gebratenes Menschenfleisch zu essen, erfüllte mich mit Abscheu.

Von dieser Stunde an verbreitete sich der Ruf der Tapferkeit meiner Mokobier weit und breit und war so fest gegründet, daß kein Feind es wagte, unsere Reduktion zu beunruhigen. Traf es sich, daß wir auf unsern Reisen Wilden begegneten und diese uns erkannten, so ergriffen sie so eilig die Flucht, daß sie nicht selten ihre Pferde zurückließen. Mich nannten sie nur den Pater, der den Leuten die
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Bild 23. Wurfschlinge (Bola) der Mokobier.

Köpfe abzuschneiden befehle. Die Stadt Santa Fé fürchteten die wilden Indianer aber so wenig, daß sie ungescheut deren Ochsen, Kühe und Pferde raubten. Die Spanier streiften zwar einigemal in die Wildnis, um die Täter aufzufinden, aber immer ohne Erfolg, bis sie fünfzig meiner Indianer zu Hilfe nahmen und von diesen lernten, die Feinde in den Waldungen aufzustöbern und zu schlagen.

Einst trafen die mit meinen Leuten vereinigten Spanier dreißig Familien unter der Anführung eines jungen Kaziken, der nach dem Ruhm eines tapfern Kriegers dürstete. Die Leute hatten sich in Schlachtordnung jenseits eines Flusses aufgestellt. Meine Mokobier waren hinter der Front der Spanier verborgen. Als sie aber am Ufer durch eine Öffnung der Spanier hervordrangen und über den Fluß setzten, schrieen die Feinde: „Die Mokobier!“ und suchten flüchtig den Wald zu erreichen, waren aber nicht so glücklich, den Nacheilenden ganz zu entkommen: vier wurden getötet. Die Spanier und meine Helden, letztere mit anerkennenden Lobsprüchen überhäuft, zogen unbeschädigt nach Hause.

Jeder kann aus dem Gesagten beurteilen, ob es wahr sei, was man in Spanien erzählt: die Kolonien der Jesuiten seien den spanischen Städten gefährlich gewesen. – Ich wende mich vom Schlachtfeld hinweg zum stillen Hause des Herrn und will den religiösen Zustand meiner Gemeinde beschreiben.


Religiöse Übungen.

Dadurch, daß ich die Kirche, wie ich schon früher erzählte, verschönerte und den Indianern noch nie Gesehenes vor Augen stellte, brachte ich es bald dahin, daß sie fleißiger, als sonst geschehen war, den Ort besuchten, von dem aus ihre Seelen mit dem Worte und Brote des Lebens vertraut gemacht werden sollten. – In der Folge baute ich eine neue Kirche aus gestampfter Erde und schmückte sie mit einem Altar aus Bildhauerarbeit, den ich von der Guaranimission zum Geschenk erhalten hatte. Der Besuch der Kirche mehrte sich. – Als dann die Kinder in der heiligen Messe sangen und Instrumentalmusik aufführten, füllte sich das Gotteshaus ganz, und ich erreichte dadurch meinen Wunsch, einer zahlreichen Versammlung predigen zu können. Ja die Kirche wurde bald zu klein; und ohne durch mich aufmerksam gemacht worden zu sein, blieben die Weiber mit den kleinen Kindern vor der Türe, um mich nicht zu stören, wie sie zu meiner Überraschung sagten.

Ich machte im Hause des Herrn eine Änderung und richtete zwei Altäre auf. Den hohen Altar zierte die Statue des Schutzpatrons meiner Reduktion, des hl. Franz Xaver. Sie war in Lebensgröße, ganz in Damast gekleidet; Gesicht und Hände bestanden aus Wachs; die Statue war ein Geschenk des P. Prokurators Peter Machoni, eines Sardiniers. Der Seitenaltar prangte mit der schön bekleideten Statue der Mutter Gottes; diese samt einer Glocke hatte mir der P. Provinzial zugeschickt. Diejenigen, die noch nicht getauft waren, fürchteten sich vor der Statue des hl. Xaver und wurden nur nach und nach herzhafter, als sie sahen, daß sie niemand ein Leid zufüge.

Die Liebe zur Kirche erzeugte bei vielen Neubekehrten den Wunsch, in ihr auch die letzte Ruhestätte zu finden. Eine junge, sehr andächtige Witwe, die jeden Mittwoch fastete und täglich in die Christenlehre kam, rief mich an ihr Sterbebett und bat dringend, ich solle sie in der Kirche begraben; denn obwohl sie wisse, daß auch der Friedhof geweiht sei, möchte sie doch ihren Leib gern dort liegen haben, wo dieser so oft im Leben dem Unterrichte beigewohnt. Ich erfüllte ihren Wunsch. Auch andere ersuchten mich um diese Gnade, die ich jenen zu erteilen erklärte, die sich durch einen besonders frommen Lebenswandel auszeichnen würden. Es gelang mir dadurch, viele Christen zu großem Eifer anzuspornen. Auch die minder frommen Bewohner unserer Kolonie zeigten opferwillige Liebe zu ihrer Kirche, denn keiner starb, ohne dieser einige Pferde zu schenken, nachdem sie in Santa Fé zufällig gehört hatten, daß es bei den Spaniern Sitte sei, bei herannahendem Tode der Kirche Güter zu vermachen.

Sogar die Kinder gaben zur Zierde der Kirche ihre Beiträge. Einst zog ich der Statue der Mutter des Herrn, am Vorabende eines der Erinnerung an sie gewidmeten Festes, ein neues Kleid an. Der Knabe Sebastian half mir dabei. Ohne etwas zu beabsichtigen, sagte ich zu ihm: „Das Kleid ist zwar hübsch, aber die papierene Krone steht nicht gut dazu.“ „Pater“, antwortete er, „dem wäre leicht abzuhelfen. Sieh unsere Mädchen an, die in die Christenlehre kommen; fast jede hat große und kleine Silberplatten am Halse hängen, welche ihre Väter einst, da sie noch Wilde waren, den Spaniern abgenommen haben. Sage ihnen nur einmal, daß sich dieser Schmuck für die heilige Jungfrau besser schicke als für sie.“ Ich tat dies, und alsogleich nahmen sie das Silber von ihrem Halse ab und reichten es mir lächelnd dar. Die mit dieser Zierde nicht versehen waren, liefen nach Hause und holten sie. Ein Mädchen hatte kein Silber, erinnerte sich aber, daß die Tochter eines Heiden solches besitze, und eilte hin, um es ihr abzukaufen, indem sie ganz geschwätzig erzählte, wozu sie es brauche. Als die kleine Heidin hörte, daß ihr Silber zum Schmucke der Mutter Gottes dienen sollte, weigerte sie sich, es zu verhandeln: „Ich selber will es ihr schenken“, sprach sie. Die andere Kleine, ärgerlich darüber, sagte ihr geradezu, von ihr werde die seligste Jungfrau nichts annehmen, weil sie nicht getauft sei. Die Heidin wehrte sich tapfer und erwiderte: „Bin ich auch noch keine Christin, so will ich doch eine werden, und eben darum will ich ihr etwas schenken, damit sie mich bald eine werden läßt.“

Ich nahm das geopferte Silber und hing es an die Kleider der Statue. Jedes Mädchen suchte das von ihr dargereichte Silberstück zu erkennen und freute sich herzlich, daß die Statue so schön glänze. Mehrere Wochen hindurch ließ ich ihnen das Vergnügen, täglich ihre Gaben zu bewundern. Dann eröffnete ich ihnen meinen Wunsch, das Silber einschmelzen und eine Krone daraus verfertigen zu lassen. Der neue Vorschlag gefiel ihnen wohl, und frohen Mutes willigten alle ein. So bekam ich eine Kaiserkrone für die Liebfrauenstatue und einen silbernen Schein für den hl. Xaver, und lauter Jubel erschallte, als die Mädchen ihr Silber so kunstreich umgestaltet erblickten.

Vor dem Feste Mariä Geburt führte ich eine neuntägige Andacht ein. Ich zierte den Altar auf das feierlichste, beleuchtete ihn herrlich mit Wachskerzen und hielt täglich eine Predigt; dann wurde das Hochwürdigste Gut ausgesetzt, der Rosenkranz gebetet, eine musikalische Litanei abgehalten und der heilige Segen erteilt. In der Oktave geißelten sich die Männer, nach der Entfernung der Weiber, dreimal in der Kirche. Die Weiber wollten das nämliche auf dem Platze bei dem heiligen Kreuze tun, ich erlaubte es jedoch nicht. Nach vollendeter Andacht kamen die Kaziken insgesamt zu mir, um für diese Begehung des Festes zu danken und mich zu bitten, noch mehrere gleiche zu veranstalten. Es war aber zu besorgen, die Hochachtung und Wertschätzung einer solchen Feier würde sich bei öfterer Wiederholung vermindern. Darum gab ich ihnen nur das Versprechen, alljährlich diese Andacht wiederholen zu wollen. Während dieser festlich begangenen Zeit waren alle Erwachsenen zur Beichte und Kommunion gegangen.

Ihre Beichte verrichteten sie mit größter Genauigkeit und Aufrichtigkeit. Ich mußte sie oft zurückhalten, daß sie ihre Sünden nicht laut vor der ganzen Versammlung hersagten. Weib und Mann erzählten sich nicht selten ihre Vergehen. Es ereignete sich, daß ein Weib zu mir kam und mir sagte: „Pater, mein Mann läßt Euch sagen: er habe heute diese oder jene Sünde zu beichten vergessen.“ Anfangs mußte ich dulden, daß die Männer in den Beichtstuhl Riemen mitbrachten, auf welchen sie die Zahl ihrer Übertretungen der Gebote eingekerbt hatten. Die Weiber nahmen für jede Gattung von Sünden einen anders gefärbten Faden, und um die Zahl zu bemerken, machten sie Knoten hinein. Ich schaffte diesen Gebrauch nach und nach ab und lehrte sie ihr Gewissen auch ohne diese Behelfe erforschen. Ich hielt sie oft zur Beichte an, weil ich mich überzeugt, daß ihr Eifer sehr erkaltete, wenn sie dieses Sakrament längere Zeit hindurch zu benützen verabsäumten.

Der Tag, an welchem die Kinder zur ersten heiligen Kommunion zugelassen wurden, war ein Fest auch für die Eltern. Diese kamen mit ihren Kleinen vor dem Gottesdienst in die Kirche. Ich wiederholte nochmals kurz den Unterricht über das heiligste Sakrament, das sie empfangen sollten. Während des Gebetes knieten sie alle in Ordnung vor dem Altare; auf ihren Köpfchen hatten sie Blumenkränze, in der Hand Wachskerzen, die mit Sträußchen geziert waren, und gemeinsam mit den Eltern empfingen sie das heilige Mahl.

Für die Fastenzeit hatte ich eingeführt, daß während dieser der Betrachtung des Leidens unseres Herrn gewidmeten Tage keiner auf das Feld oder in den Wald gehen durfte. Am Mittwoch und Freitag sollten sie der Predigt und noch einem besondern Unterrichte über die Beichte beiwohnen. Jede einzelne Woche mußte ein Kazike mit seinen Untergebenen erscheinen, die Weiber nach der heiligen Messe, die Männer um 5 Uhr nachmittags; dabei wiederholte ich ihnen die ganze christliche Lehre. Am Donnerstag wurden sie in der Kirche, nach dem Geschlechte abgeteilt, geprüft; sie antworteten kniend mit aufgehobenen Händen. Freitags und Samstags beichteten sie, Sonntags gingen sie zum Tische des Herrn. So hielt ich es jede Woche mit einer Abteilung, bis alle meine Gläubigen das Gebot der Kirche erfüllt hatten. Am Karfreitag wurde ein feierlicher Umgang gehalten, bei dem einige besonders Andächtige Kreuze schleppten, andere sich mit fünf zusammengerollten Riemen geißelten und der Rosenkranz gebetet wurde. Darauf hielt ich die an diesem Tage gebräuchlichen Zeremonien, errichtete ein heiliges Grab auf dem Hochaltare, nach römischer und spanischer Sitte mit großer Beleuchtung. Bei allen diesen gottesdienstlichen Handlungen wurde ich durch die ungeheuchelte Frömmigkeit meiner lieben Pfarrkinder jederzeit erbaut.


Eine politisch-religiöse Festfeier.

Wie ich am Karfreitag den Umgang veranstaltete, um meinen Indianern ehrerbietige Untertänigkeit gegen den Herrn des Himmels und der Erde einzuflößen, so bestimmte ich einen andern Umgang, um ihnen jährlich auf feierliche Art ihre schuldige Unterwürfigkeit gegen den König von Spanien ins Gedächtnis zu rufen. Ich ahmte darin die Sitte der spanischen Städte nach, die auf solche Weise die Indianer als spanische Untertanen eine Art wiederholter Huldigung leisten lassen. Man pflegt diesen Umgang am Festtage des Stadtpatrons zu halten. Die Bewohner der Stadt und die Obrigkeiten erscheinen in Abteilungen, jede von einem Vorsteher geführt; einer der Vornehmsten wird gewählt, die Person des Königs vorzustellen, und wird der „königliche Fähnrich“ genannt. Einen solchen Aufzug ließ auch ich am Feste des hl. Franz Xaver, des Schutzpatrons unserer Kolonie, jährlich halten. Einer aus den Kaziken wurde zum königlichen Fähnrich erhoben. Sechzehn Abteilungen zu Pferd, jede fünfundzwanzig Mann stark, die Führer an der Spitze, erschienen im Festzuge. Die Pferde waren alle gleichfarbig, nur der Führer ritt eines von verschiedener Farbe. Die Kleidung der Berittenen je einer Abteilung war ganz gleich. Nach dem Führer ritten zwei Trommelschläger, dann zwei Fahnenträger, jeder in einer besonders dazu verfertigten Kleidung. Nach diesen sechzehn Abteilungen ritt eine andere auf Maultieren und eine folgende auf Eseln. Manche hatten als Kopfbedeckung Hüte mit Federbüschen, andere eine Art Kopfbund mit schönen Papageifedern, wieder andere Soldatenmützen von roter oder blauer Farbe. Die Schilde waren aus Ochsenhäuten gefertigt, stellenweise durchbrochen und mit gefärbtem Glasstaube überzogen. – All dieses Volk wartete auf dem Felde draußen. Indessen wurden im Dorfe die gehörigen Vorbereitungen getroffen, um den Stellvertreter des Königs würdig zu empfangen. Vor der Kirche waren die Kinder aufgestellt, auf einer Seite die Knaben, auf der andern die Mädchen. Die Frauen standen auf dem Hauptplatze; sie trugen Kürbisse in der Hand, die ausgehöhlt und mit Körnern gefüllt waren, um Beifallsgeräusch hören zu lassen; manche von ihnen trugen Köpfe erlegter Feinde in der Hand oder auf Stangen.

Sobald der Zug vom Felde her sich dem Dorfe näherte, wurden Siegeslieder angestimmt. Der königliche Fähnrich in deutscher Kleidung, mit Stiefel und Sporn, hatte zwei Begleiter zur Seite, welche die Quasten der rotdamastenen, mit Silber und Seide verbrämten Fahne trugen. Vor ihm ritten zwei Richter mit dem Zeichen ihres Amtes, einem dünnen schwarzen Stäbchen, in der Hand. Man stieg bei der Kirche ab. Der „Alferez Real“, d. i. der königliche Fähnrich, trat mit dem Hute auf dem Haupt, die Fahne in der Hand, zum Altar, setzte sich dann auf einen verzierten Stuhl, der auf der Evangelienseite bereitet stand, wohnte dem feierlichen Gottesdienste bei und entblößte sein Haupt nur bei der Wandlung. Nach dem Hochamte ging der Zug auf den Platz zur Ehrenpforte. Dort wurde die Fahne aufgestellt und zwei Ehrenwachen hinbeordert. Alle übrigen eilten zum vorbereiteten Mahle.

Ehe sich die freudetrunkenen Gäste dem Genusse der Tafel hingaben, schickten sie mir ein mit einem Teppich gedecktes und mit Speisen besetztes Tischchen zu; über dieses sprach ich einen Segen und sandte es dann zurück. Nach Tisch, um 2 Uhr, ertönte der Lärm der Hörner und Pfeifen. Eine Gesandtschaft lud uns Missionäre ein, bei dem Sitze unter der königlichen Fahne Platz zu nehmen und den Spielen der Indianer zuzusehen.

Zuerst gaben sie ein Gefecht zu Pferde. Sie waren gräßlich bemalt, wie sie dies in jedem Kriege zu tun pflegen. Sie verfolgten sich, schossen Pfeile ab, die durch baumwollene Knöpfe an den Spitzen unschädlich gemacht worden waren, und rannten mit stumpfen Lanzen aneinander. Einige sprangen von den Pferden und zogen andere von den ihrigen herab, um sich selbst mit unglaublicher Schnelligkeit auf das fremde Pferd zu schwingen. Nach einer Weile stiegen alle von den Pferden ab und übergaben dieselben den alten Weibern zur Obhut. Nun begann ein Kampf zu Fuß. Sie teilten sich in zwei Haufen, die gegeneinander zogen. Knaben sammelten indes die im Treffen zu Pferde auf die Erde gefallenen Waffen und reichten sie den Heranziehenden dar. Diese, einander näher rückend, machten allerlei Stellungen und Sprünge, legten sich flach auf den Boden, liefen unter gellendem Geschrei in gebückter Haltung aufeinander zu. Dieses Ringen, Pfeileschleudern, Lanzenbrechen dauerte eine Zeitlang. Dann setzten sie sich wieder, um ein wenig auszuruhen, bis Trompetensignale sie aufs neue in den Scherzkampf riefen. Endlich ließ ich ihnen sagen, sie hätten uns genug Beweise ihrer Geschicklichkeit gegeben, nun sollten sie zu mir kommen, um die wohlverdiente Belohnung zu empfangen. Ich beschenkte sie dann alle mit Hüten, Mützen, Pferdezäumen, Hacken, Leinwand, Flanell, Messern, Nähnadeln, Schellen, Tabak, Korallen, Rosenkränzen und andern Kleinigkeiten, und ihre Freude äußerte sich in lauten Jubelrufen.

Dieses Fest war meinen Leuten der froheste Tag im Jahre. Die Kunde von ihm verbreitete sich nicht nur bis nach Santa Fé, sondern auch in die Wildnisse der Indianer. Der Kommandant der Stadt schrieb mir, er sei gesonnen, im künftigen Jahre selbst dieser Feierlichkeit beizuwohnen. Von den noch heidnischen Mokobiern kamen bei diesem Anlasse viele, auch aus weiter Entfernung; manche gewann ich so für meine Kolonie und dann für den Glauben an Jesus.

Acht Tage vor dem Feste des hl. Xaver schickte ich zwei Kaziken und zwölf Mann nach Santa Fé, um den Kommandanten und mehrere Adelige dazu einzuladen. Diese Aufmerksamkeit wurde mit Wohlgefallen aufgenommen. Obwohl ich wußte, daß die Spanier mit militärischer Bedeckung zu mir reisen würden, um sich gegen mögliche Anfälle der Wilden zu sichern, sandte ich ihnen doch meinen lieben Kaziken Domingo mit fünfundzwanzig Indianern auf halben Weg entgegen. Ich selbst ritt am Vorabende des Festes eine ziemliche Strecke weit, um den hohen Besuch zu empfangen. Ich hatte zweihundert Mann eine Meile von unserem Dorfe im Dickicht des Waldes als einen Hinterhalt aufgestellt und war nur von wenigen begleitet, als ich den Kommandanten traf. Nach gewechselten Begrüßungen mußte ich neben ihm reiten, die andern folgten reihenweise. Ins Gespräch vertieft, kamen wir zum Ort des Hinterhaltes. Ich gab das verabredete Zeichen; meine Indianer brachen mit ihren Lanzen hervor
P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768) b 098.JPG

Bild 24. Pulverhorn der Mokobier.

und hatten uns im Nu umzingelt. Anfangs erschrak mein Begleiter. Da er aber meine Leute erkannte, lachte er und spendete ihnen Lob, weil sie ihn so geschickt zum Gefangenen gemacht hätten. Durch dieses Gefolge verstärkt, rückten wir in die Reduktion ein. Die andern Gäste fuhren uns auf Wagen nach und bildeten den Schluß des Zuges. Bei der Kirche empfing uns die Jugend. Der Kommandant ging in das Gotteshaus, vor dessen Türe ich ihm das Weihwasser reichte. Nach geendetem Gebete verfügte er sich in meine Wohnung; dort war sein Nachtlager bereitet. Die andern Mitgekommenen schliefen in den Betten ihrer Wagen. Nahrungsmittel in Fülle wurden ausgepackt. Es fehlte nicht an Zuckerwerk und edlen Weinen. Ich hatte für nichts zu sorgen als für Rindfleisch, das mir nach einigen Wochen ebenfalls sehr reichlich erstattet wurde.

Am Festtage selbst beichteten alle Angekommenen zur ungemein großen Erbauung meiner Indianer und gingen darauf mit diesen gemeinschaftlich zum heiligen Abendmahle. Zur festgesetzten Stunde begann der feierliche Einzug, zu dem sich alle auf dem Felde gesammelt hatten. Der Kommandant ritt unmittelbar vor dem erwählten königlichen Fähnrich, seine Soldaten auf beiden Seiten. Sonst war die Ordnung wie im vergangenen Jahre. Der Alferez Real nahm überall den ersten Platz ein, der Kommandant erst den zweiten. Nach dem Gottesdienste, bei dessen Hauptteilen die Spanier aus ihren Feuerröhren Salven gaben, zogen wir zur Ehrenpforte; die aufgestellte Fahne wurde ebenfalls mit einer Salve begrüßt. Hierauf eilten die Soldaten mit meinen Indianern zum Schmause.

Ich führte die vornehmen Gäste zu den Tischen der fröhlichen Menge und dann zu unsern eigenen. Eine gut eingelernte Musik meiner Knaben und Tänze, die gleichfalls von ihnen aufgeführt wurden, sowie ein Lied, das sie zu Ehren des Königs und des Kommandanten in ihrer Sprache sangen und das ich den Gästen übersetzte, vergnügte diese so sehr, daß der Kommandant ausrief: „Ich wünschte, daß unser gnädigster Herr heute bei seiner Tafel eine solche Unterhaltung hätte.“ Etwas später kamen auf meine Anordnung die Kaziken, um ihre Aufwartung zu machen. Es wurde ihnen und meinen Tonkünstlern und Tänzern Speise und Wein gereicht. Ich verbot den letzteren, damit unser Vergnügen keine Schlappe erlitte. Aber der Kommandant sagte: „Zur Speise gehört auch ein Trunk.“ Sie sollten den spanischen Wein verkosten. Ich dachte mir: ein spanischer Wein macht eine indische Furie, und beeilte mich, ihn selbst auszuteilen. Ich trug zwei Flaschen in mein Nebenzimmer, goß sie in ein Geschirr und drei Teile Wasser hinzu und brachte diese Mischung meinen Leuten. Die Spanier lachten über diesen entgeisteten Rebensaft; aber die Kaziken beantworteten meine Frage, wie er ihnen schmecke, mit dem Ausrufe: „O wie süß ist er!“

Nach aufgehobener Tafel führte ich meine Gäste zur Ehrenpforte. Unter ihr saß, von den Quastenträgern der königlichen Fahne umgeben, der Alferez Real zu Pferde, um die Huldigung auf folgende Weise zu empfangen: Von den auf den beiden Seiten aufgestellten Abteilungen ritt von jeder Seite gleichzeitig ein Mann aus, die sich schnell vereinigten und mitsammen gegen den Alferez im Galopp anritten. Acht Schritte vor ihm zogen sie die Zügel stark an, so daß das Pferd sich auf die Hinterbeine setzte; sie selbst senkten die Lanze und kehrten in ihre Reihe zurück.

Nach also geleisteter Huldigung wurden die Kümpfe zu Fuß und zu Pferde wie im vergangenen Jahre gehalten und dann von dem Kommandanten die Geschenke ausgeteilt, die mich wenig kosteten, weil die Spanier die meisten mitgebracht hatten.

Als der sehr vergnügte Kommandant uns auch am folgenden Tage seine Gegenwart schenkte, überraschte ich ihn durch eine neue Probe der Geschicklichkeit meiner Männer. Ich ließ auf dem Platze sechs Säulen aufrichten und Kürbisse darauf setzen. Diese mußten meine Leute im schnellsten Ritte mit Pfeilen herabschießen und mit den Lanzen herabstechen. Endlich hielten sie ein Wettrennen zu Pferde. In diesen beiden Übungen zeigten sie große Fertigkeit und errangen sich dadurch neue Geschenke. Am folgenden Morgen nach angehörter heiliger Messe kehrten meine werten Gäste in die Stadt zurück. Wir alle begleiteten sie fünf spanische Meilen weit, und fünfundzwanzig Mann bis Santa Fé, wo man dieselben mit Geschenken an Kühen und Schafen beehrte.

Man wird mir diese Erzählung vergeben, da sie zum Teile auch beweist, wie die Feste zugleich Gelegenheit zu religiösen Übungen boten. Selbst das rauschende Vergnügen war stets vom Gebete begleitet; und so sehr meine Pfarrkinder dabei auf die Lustbarkeit bedacht waren, so genossen sie dieselbe doch erst, nachdem sie am Morgen oder am Vortage ihr Gewissen durch das heilige Sakrament der Buße gereinigt hatten.


Christliches Tugendstreben.

Es fehlte unter meinem Volke nicht an Proben verschiedener Tugenden, durch welche unsere Neubekehrten sich als würdige Christen bewährten. Eine Heidin lebte mit einer Neubekehrten in Zwietracht, die endlich auf sehr rohe Art zum Ausbruche kam. Die Christin bat mich, sie zu lehren, wie sie sich dabei zu verhalten habe. Meine Ermahnung zur Nachgiebigkeit wurde von ihr mit solcher Verleugnung ihrer selbst beobachtet, daß sie sich jederzeit entfernte, so oft die Heidin im Zorn aufflammte, und daß sie einst, als die andere sie zu Boden warf, um sie zum Raufen zu bringen, geduldig aufstand und gelassen mich besuchte und bei mir blieb, damit die Widersacherin sie nicht in Zorn versetzen könne.

Von Liebschaften, die mit Verführung endeten, hörte man in meiner Gemeinde nichts, wohl aber von sehr erbaulichen Zügen der Behutsamkeit, mit der man über sich und andere wachte, um Reize zur Übertretung des sechsten Gebotes zu unterdrücken. Ein tapferer angesehener Indianer ritt einst durch einen Wald; ein Mädchen zu Pferd begegnete ihm und lachte ihn an. Er hielt dies für eine Einladung zum Genuß verbotener Liebe und sagte ihr, wenn sie etwas von ihm haben wolle, solle sie absteigen. Und da sie dieses tat, nahm er seine Wurfschlinge doppelt und geißelte sie mit den Worten: „Warte, ich will dir die Sünde austreiben.“ – Ein junges Weib, die Gattin eines Viehhüters, war allein in ihrer Hütte. Ein junger Spanier, der verlaufenes Vieh suchte, kam zu ihr und begehrte etwas zu essen. Sie gab ihm einen Braten und sprach mit ihm, ohne Arges zu denken. Plötzlich wollte er sie umarmen. Sie erschrak und wich zurück. Da aber seine Liebkosungen damit nicht beendet waren, nahm sie einen Feuerbrand und vertrieb den Begehrlichen. – Ihre Sorge beim täglichen Baden nicht von Personen des andern Geschlechts gesehen zu werden, war sehr groß; und wehe dem Fremden, der gesucht hätte, sie dabei zu überlisten! – Der Gedanke an den Tod äußerte seine Kraft als bewährtes Tugendmittel fast bei allen. Dieser Gedanke trieb sie auch an, sich bei größerer Todesgefahr mit Gott zu versöhnen. Jedes Weib beichtete, wenn die Zeit der Entbindung herannahte. Zogen meine Leute gegen einen Feind, so kamen sie, wenn es die Zeit nur irgend zuließ, vorher zu mir, um durch Bekenntnis der Sünden ihr Gewissen zu reinigen.

Wenn sie gebeichtet hatten, sagten sie mir oft, wie unendlich wohl ihnen nun sei, und wie sie den Tod gar nicht mehr fürchteten. Ich muß bekennen, daß diese Sprache keine vorübergehende Stimmung der Seele ausdrückte, sondern daß diese neuen Christen von einem überirdischen Gefühle wahrhaft und ganz durchdrungen waren. Denn wenn ich ihnen in ihren letzten Stunden beistand, überzeugte ich mich, daß sie nicht nur ohne Furcht, sondern sogar bereitwillig dem Tode entgegensahen, aus Verlangen, zu ihrem himmlischen Vater zu kommen. Ich erlaubte mir manchmal zu fragen, ob sie nichts beunruhige, ob sie der Gedanke nicht quäle, ihre Kinder zurücklassen zu müssen. Die Antwort war verneinend. „Du, mein Vater“, sprachen sie, „hast immer für meine Kinder gesorgt und wirst es auch ferner tun. Daß ich hier zu leben aufhöre, betrübt mich nicht, du hast uns ja gelehrt, daß wir zu Gott kommen. Das glaube und hoffe ich auch.“ So verschieden sie mit großer Ruhe, zum Troste meines Herzens. Diese Ergebenheit in Gottes Willen hatte ich am meisten damals zu bewundern Gelegenheit, als die Blattern in meinem Dorfe herrschten.

Die Blattern in der Reduktion.

Die Blattern verwüsten das Land wie die Pest. Wird von den Indianern, die noch in der Wildnis leben, bemerkt, daß einer aus ihrer Mitte mit diesem Übel behaftet sei, so fliehen alle und überlassen ihn seinem traurigen Schicksale. Nur stellen sie ihm vor sein Lager einen Krug mit Wasser, einen Braten und einige Früchte des Waldes auf einer Ochsenhaut hin. Trifft es sich, daß mehrere zugleich an den Blattern daniederliegen, so kann der minder schwache Kranke den schwächeren pflegen; die Gesunden sehen sich nicht mehr nach ihnen um. In solcher Verlassenheit erwarten die Unglücklichen den Tod oder suchen, wenn ihre starke Natur das Gift besiegt, die entflohenen Verwandten, gar oft vergebens. Die meisten von der Seuche Ergriffenen sterben, nicht sowohl wegen der Bösartigkeit der Krankheit selbst, als wegen der Art, mit der sie sich dabei benehmen. Fühlt der Indianer beim Ausbruche des Übels Hitze, so badet er sich im Flusse und holt sich den Tod.

Im Jahre 1760 drang die Blatternseuche auch in mein unglückliches Dorf. Ein Jüngling von achtzehn Jahren wurde davon auf einem Schiffe zu Santa Fé angesteckt, das er, vergeblich gewarnt, in der Absicht betrat, um Tee zu kaufen. Am 7. September brach bei ihm die Krankheit aus. Meine Angst wurde über alle Beschreibung groß, als ich mich überzeugte, daß achthundert meiner lieben Neubekehrten sie noch nicht überstanden hatten und nun in so großer Gefahr schwebten. In wenigen Tagen lagen schon achtzig danieder. Tag und Nacht, soviel es meine angegriffenen Kräfte zuließen, war ich Priester und Arzt. Mit einigen Knaben, die mir Geschirre mit Gersten- oder Linsenwasser nachtragen mußten, lief ich von Hütte zu Hütte, reichte den Kranken einen aus verschiedenen Samenkörnern bereiteten milchartigen Trank, hörte die Erwachsenen Beichte und erteilte die Firmung; denn durch päpstliche Erlaubnis war uns Missionären die Ausspendung dieses heiligen Sakramentes gestattet, wenn die Gefahr des Todes da war. Mein Mitpriester in der Mission, P. Peter Pole (oder Poule), ein Engländer, war erst kurze Zeit bei mir und der Sprache meiner Leute noch gar nicht kundig. Er konnte also beim besten Willen nichts anderes tun, als die heilige Wegzehrung reichen, die letzte Ölung spenden und die Verstorbenen beerdigen. Manchen Tag hatten wir vierzehn Leichen, besonders in den zwei letzten Monaten dieses Jahres.

Meine Gesundheit wurde durch diese immerwährende Anstrengung so übel mitgenommen, daß ich kaum mehr im stande war, meiner Pflicht Genüge zu leisten. Ich bat daher den Pater Rektor zu Santa Fé, mir den P. Manuel Canelas, der schon vor mehreren Jahren in meiner Reduktion gelebt hatte, zu schicken und, wenn möglich, zur Pflege der gefährlichsten Kranken eine spanische Wärterin zu besorgen. Canelas, der bald mit zwei verwitweten Spanierinnen aus dem Dritten Orden zu mir kam, erschrak über mein Aussehen und trug sich sogleich an, in dieser Nacht noch meine Geschäfte zu übernehmen, damit ich nach so langer Zeit doch auch einmal eine ganze Nacht und entkleidet ruhen könnte. Der erquickende Schlaf, dem ich mich ungestört überlassen durfte, gab mir meine Kräfte bald wieder; und da sich auch die Zahl der Kranken minderte, konnte Canelas in die Stadt zurückreisen. Mit Ende des Januar hatten die Blattern ausgewütet. Zweihundertzwanzig Menschen waren dem mörderischen Gifte erlegen.

Unter den Dahingerafften hatte ich meine besten Musiker und Handwerker verloren; schmerzlich empfand unsere Gemeinde noch lange Zeit diesen Verlust. Meine Kaziken hatten bereits in der Wildnis die Blattern überstanden, konnten daher ohne Gefahr in der Krankenpflege mir hilfreich zur Hand gehen: ein einziger Trost für mich in jenen Tagen des Leidens. Der edle Domingo gab Proben christlicher Seelengröße, die nur von seinem sterbenden Sohne übertroffen wurden. Diego, so hieß dieser, gab mir eines Tages seine Verwunderung darüber zu erkennen, daß die Blattern ihn so lange verschonten. Ich sagte ihm, viele Menschen blieben gänzlich von ihnen verschont; er solle sich nur nicht fürchten. „Ich fürchte mich ohnehin nicht“, erwiderte er, „obwohl ich weiß, daß ich daran erkranken und sterben werde.“ Er hatte leider wahr gesprochen. Einige Tage später erkrankte er. Sein Vater, dessen Miene den herbsten Kummer verriet, wich nicht von seiner Seite. Eines Tages traf ich bei dem Kranken Vater und Mutter, die mit Tränen im Auge und mit bebendem Herzen ihn zu trösten suchten. Plötzlich wandte er sich um und ließ Schmerzenstöne hören. Sein Vater geriet in Angst, die Ungeduld möchte sein geliebtes Kind überwältigen. „Was ist dir, mein Sohn, bist du ungeduldig?“ fragte er. „Nein, Vater“, schluchzte der Kranke; „aber es peinigt mich, daß ich nicht mehr so leicht an Gott denken kann wie vorher.“ Wenige Augenblicke darauf war er tot. Er hatte etwas Eigentum besessen, das ihm von seinem Vater geschenkt worden war; davon vermachte er einen Teil seinen Brüdern, einen Teil den Armen und vier Pferde der Kirche. Domingo, der mit rührender Standhaftigkeit den Verlust dieses Sohnes ertrug, schenkte dessen noch schöne Kleider an andere Knaben und verteilte am Tage der Beerdigung vier Strich Weizen unter die Armen.

Auch Cithaalin, wiewohl von rauher und aufbrausender Gemütsart, ertrug eines Sohnes Tod mit Gelassenheit. Sein Anton fühlte das Lebensende herannahen. „Heute ist Freitag“, sagte er, „es wäre wohl gut, wenn ich heute sterben könnte, denn an einem Freitage starb auch unser Heiland. Aber ich sterbe erst morgen, am Samstage, am Tage Unserer Lieben Frau; diese wird mich rufen.“ Nach Mitternacht wünschte er zu wissen, ob der Hahn schon gekräht habe. Da man ihm antwortete: „Noch nicht!“ verlangte er, man solle es ihm doch sagen, sobald es geschehe. Man willfahrte seinem Wunsche. Da sprach er voll Freude: „Der Tag bricht also an; ich werde sterben und zu meiner himmlischen Mutter eilen.“ Bald darauf war er eine Leiche.

Mein bester Violinspieler kam gleichfalls aufs Krankenlager und fühlte seine bevorstehende Auflösung. Nachdem ich ihm die heiligen Sakramente gespendet, ersuchte er mich, seine Eltern zu rufen. Diese redete er also an: „Lieber Vater und liebe Mutter! Obwohl ich noch länger bei euch bleiben möchte, um euch zu helfen, weil ihr schon bei Jahren seid, so liebe ich dennoch Gott noch mehr als euch. Darum will ich euch verlassen und zu Gott gehen, aber euch bei ihm nicht vergessen. Dir, Vater, schenke ich meine Pferde, die drei besten ausgenommen, die ich der Kirche verehre. Zwei Kühe soll meine Mutter nehmen, die andern und die Schafe soll meine Frau behalten; was ich sonst noch habe, soll meinen Brüdern gehören. Lebet alle wohl und trachtet, daß wir bei Gott zusammenkommen.“ Darauf betete er mit mir, bis sein Mund sich für immer schloß.

Bekehrungen.

Der barmherzige Gott hatte meine Bemühungen, gute, fromme Christen heranzubilden, reichlich gesegnet. Diese Erfahrung machte ich oftmals am Sterbebette meiner Pflegebefohlenen. Welch süßer Trost für mein Herz! Auch fand ich öfters besondere Veranlassung, die Wege der Vorsehung zu bewundern. Hier sollen einige Beispiele folgen.

Zwei hochbetagte Mütterchen, jedes über hundert Jahre alt, kamen aus der Wildnis in unsere Reduktion, um einige ihrer Enkel, die hier als Christen lebten, zu sehen. Sie waren von ihren Kindern und Kindeskindern begleitet, von denen sie auf dem Pferde gehalten wurden. Angekommen, mußten sie in der Hütte liegen bleiben, weil ihre Schwäche ihnen nicht erlaubte zu stehen. Ich besuchte sie oft, brachte ihnen erzählungsweise das Nötigste für den Empfang der heiligen Taufe bei und zeigte Teilnahme an ihrem Befinden. Nach einigen Monaten fing ich an zu fragen, ob sie an meine Erzählung sich noch erinnerten und ob sie Lust hätten, sich taufen zu lassen. Sie zeigten sich willig, ich taufte beide, und acht Tage später waren sie begraben.

Auch die Großmutter Cithaalins, der selbst schon sechzig Jahre zählte, kam zu uns. Sie wurde von diesem Kaziken mit einer Liebe und Sorgfalt behandelt, die sich auch um das Wohl ihrer Seele bemühte. Er selbst redete mit ihr vom Christentum und drang in sie, die Taufe zu verlangen. Überdies bestürmte er mich, ich solle eilen, sie ihr zu spenden. Ich konnte nicht, denn ich fand bei ihr immer den heftigsten Widerspruch. Sie hatte gegen unsere heilige Religion nichts einzuwenden; nur wollte sie beim Glauben ihrer Väter bleiben. Auf meine Vorstellung, daß diese nicht bei Gott, sondern im Hause des Feuers (so nennen die Indianer die Hölle) wären, antwortete sie: „Können es meine Vorfahren dort aushalten, so kann ich es auch. Bisher ist noch keiner zurückgekommen, um sich zu beschweren. Ich freue mich schon jetzt, zu ihnen zu kommen.“ Dem Cithaalin trug ich aus, sie zu fragen, ob sie denn in der andern Welt nicht bei ihren Enkeln, die getauft sind, leben möchte. Aber sie erwiderte: „Ihr seid nur wenige; derer, die vor mir gestorben, sind viele, und ich will bei diesen vielen sein.“ So hatte sie immer Ausflüchte. Cithaalin geriet darüber in die heftigste Unruhe. Eines Tages wollte ich eben zu Pferde steigen, als er zu mir kam und dringend flehte, ich möchte sogleich zur Großmutter gehen und sorgen, daß sie sich taufen lasse. Ich fragte, ob sie krank sei. Er antwortete mit „nein“. Ich versprach ihm also, sobald ich mein Geschäft beendigt hätte und von der Meierei, wohin ich mich eben begab, zurückgekehrt wäre, würde ich der Großmutter einen Besuch machen. Bald jedoch entschloß ich mich anders. Ich fühlte mich innerlich gedrängt, sogleich zu ihr zu gehen, ließ mein Pferd stehen und eilte hin. Sie war freundlich und heiter. „Denkst du noch an das, was ich immer vom Glauben an Jesus mit dir zu sprechen pflegte?“ fragte ich; „hat es dir gefallen?“ – „Es ist schon gut, was du sagtest“, antwortete sie. – „Wenn nun der Glaube, in dem ich dich unterrichtete, gut ist, warum willst du ihn nicht annehmen? Warum willst du nicht Sicherheit haben, nach deinem Tode in den Himmel zu gehen? Schon längst hätte ich dich getauft, hättest du nur eingewilligt. Wann willst du endlich deine Zustimmung geben?“ – „Jetzt“, erwiderte sie. – Diese unerwartete Erklärung setzte mich derart in Staunen, daß ich wähnte, sie nicht richtig verstanden zu haben. Ich fragte: „Willst du getauft werden?“ – Und sie begehrte, sogleich die Taufe zu empfangen. Ich schickte nach dem Taufwasser und ließ ihren Enkel Cithaalin und dessen Frau, welche Patin sein sollte, herbeirufen, erweckte mit der Großmutter Reue und Leid, Glaube, Hoffnung und Liebe und nahm, als sie ihr Haupt gegen mich neigte, durch das Bad der Wiedergeburt ihre Sünden hinweg. Ihr Dank war rührend: ohne Aufhören pries sie den glücklichen Zustand, in dem sie sich nunmehr befände. Dem sonst so barschen Cithaalin standen Tränen der Freude in den Augen, alle Umstehenden fühlten innige Teilnahme an diesem Glücke. – Dann stieg ich zu Pferde. Aber kaum war ich um die Ecke des Platzes gebogen, als mir die Glocke einen Sterbefall verkündete. Ich erschrak, denn ich hatte nicht gehört, daß jemand erkrankt war, eilte zurück und vernahm, daß die Großmutter, die eben erst Christin geworden war, verschieden sei. Wunderbar ist die Gnade Gottes, die dem Menschen gerade zur rechten Zeit zu Hilfe eilt, dachte ich voll Dankbarkeit gegen die göttliche Erbarmung und genoß den süßesten Trost des Priesters, Werkzeug bei der Rettung einer Seele gewesen zu sein.

Nicht selten ereignete es sich, daß die Tugend in auffallender Weise belohnt, die Verkehrtheit und der Ungehorsam ebenso bestraft wurde. Ein noch ungetaufter, aber sehr frommer Knabe reiste mit mir nach Santa Fé. Als er dort im Turme ein Brett verfehlte, stürzte er aus einer Höhe von sechs Klaftern herab, ohne sich im mindesten zu beschädigen. Jedermann schrieb diesen günstigen Ausgang der besondern Gnade des Herrn zu, die den Frommen beschützte. – Ein mutwilliger Jüngling verließ an einem Sonntage die Christenlehre, um auf die Jagd zu reiten. Seine Mutter warnte ihn und fragte, ob er sich nicht fürchte, wegen dieses Ungehorsams auf freiem Felde von Gott gestraft zu werden. In keckem Übermute erwiderte er: „Was liegt mir daran, wenn ich auch auf dem Felde sterbe?“ Nachmittags brachte man seine Leiche in die Reduktion. Die Mutter aber rief beim Anblick der Leiche aus: „Du ungehorsamer Sohn, nun hast du den Lohn deiner Sünde!“

Im allgemeinen zeigten sich meine Neubekehrten willig und gelehrig gegenüber den Unterweisungen im christlichen Sittengesetze. Jedoch begriffen sie manchmal nur mit Schwierigkeit den Unterschied zwischen göttlichen und menschlichen Geboten. So kam es zu Mißverständnissen. Hatte ich Veranlassung, jemand von einer Vorschrift der Tagesordnung auszunehmen, dann verlangten sie von mir, ich solle sie auch von solchen Geboten lösen, die göttlichen Ursprunges sind. So kam Cithaalin, wie ich bereits erzählt habe, mit dem Gesuche zu mir, ich möchte ihm erlauben, sich zu berauschen. Ein anderer bat mich eines Tages, ich möchte ihm erlauben, eine Haut zu nehmen. Ich gestattete es. Doch fiel mir auf, wie der Mann dieses Begehren an einem Tage, an welchem nicht geschlachtet wurde, stellen konnte. Ich rief ihn zurück und hörte zu meinem Erstaunen, daß er keine Tierhaut, sondern ein Mädchen wolle; denn beides drücken sie durch das Wort lochiguemga aus, jedoch mit einem Zusatze, den er ausließ, wie dies gewöhnlich geschah, wenn kein Mißverständnis zu befürchten war. So sagt man statt vacca lochiguemga, eine „Kuhhaut“, meist lochiguemga allein. Ebenso machte es sich mein begehrlicher Indianer bequem und sagte statt aalo lochiguemga , was „Mädchen“, „Haut eines Mädchens“ bedeutet, auch nur das letzte Wort. So wurde ich anfangs verleitet, in sein Verlangen einzuwilligen, ohne ein so arges Mißverständnis zu ahnen. Nach seiner gegebenen Aufklärung sprach ich freilich anders und belehrte ihn, daß dieses wider das sechste Gebot sei, welches Gott gegeben habe, und von dessen genauer Beobachtung ich ihn nicht lossprechen könne, weil ich es nicht gegeben hätte. „Ich glaubte“, erwiderte er, „du könntest es erlauben; nun weiß ich es besser und werde dich nicht weiter belästigen.“

Auf einer Reise nach Santa Fé war ich gezwungen, in einem Walde zu übernachten. Meine Begleiter bemerkten, daß der Wind unter einem Baume Feuerfunken aufwehte, woraus wir schlossen, daß hier kürzlich jemand gewesen sein mußte. Wir sahen umher und erblickten auf einem Baume einen Indianer, dem wir zuriefen, herabzusteigen. Als er nicht wollte, schrie ihm mein Diener Balthasar zu, er werde, wenn er nicht Folge leiste, ihn ermorden. Da stieg er herab, küßte mir demütig die Hand und sprach mir unverständliche Worte, fing aber, da er dieses merkte, an, etwas Spanisch zu reden. Ich erfuhr, daß er ein Guaranier sei und einer Barke darum entlaufen sei, weil ihn der Schiffer geprügelt habe. Nun war er gesonnen, eine indianische Völkerschaft aufzusuchen. Meine Leute sahen ihn sehr mitleidig an, und Balthasar überraschte mich mit der Bitte, daß er ihn – erschlagen dürfe. „Das ist ja wider das fünfte Gebot!“ rief ich erstaunt. „Ganz recht“, erwiderte mein Diener; „aber du predigest ja, daß man mit dem Nächsten Mitleid haben müsse; und es scheint mir besser, daß ich ihn töte, als daß er in der Wildnis herumirrt und vielleicht verhungert oder durch einen Tiger getötet wird.“ Ich erklärte meinem auf so mörderische Art Mitleidigen, daß ich den Entlaufenen mit nach der Stadt nehmen werde. Dort lieferte ich ihn auf seine Barke. Man wollte ihm die Eisen anlegen, aber ich gestattete es nicht und gab ihm einen Brief an seinen Missionär mit.


Gründung der Reduktion St Peter.

Mein Pater Provinzial hatte mich schon öfters beauftragt, andere Reduktionen zu errichten. Da aber meine Leute drohten, mit mir zu ziehen, wenn ich wohin immer gehen würde, und da auch die Spanier meine Abreise nicht zuließen, weil meine Kolonie die Vormauer ihrer Stadt war, mußte ich achtzehn Jahre hier bleiben. Da ich aber ein unsäglich großes Verlangen fühlte, tiefer in den Gran Chaco einzudringen, so beschloß ich, jene Mokobier, die drei- bis vierhundert Meilen weiter entfernt in diesem Tale lebten, zum christlichen Glauben zu bringen. Aber auch daran wurde ich durch die Anhänglichkeit meiner Gemeinde gehindert. Um mir die Erreichung meines Wunsches, den ganzen Mokobierstamm zu christianisieren, in etwa möglich zu machen,

P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768) b 100.JPG

Bild 25. Die Reduktion des P. Baucke in S. Xavier.

erboten sich meine drei Kaziken, einige angesehene Männer aus ihrer Mitte zu ihren zahlreichen Stammverwandten in die Wildnis zu schicken, um der Lehre Jesu neue Anhänger zu gewinnen. Ihre dringenden Abmahnungen, ihr Flehen, daß ich doch nicht mich selbst den Beschwerden eines so weiten Umherziehens unterziehen und sie nicht der Gefahr aussetzen solle, meinen Verlust betrauern zu müssen, erfüllte mein Herz mit der Freude eines Vaters, dem die zärtlichst besorgte Liebe seiner Kinder die Last mühevoller Erziehung vergilt. Ich willigte in ihren Antrag, wählte zehn ansehnliche und fromme Indianer, die sich mit Bereitwilligkeit dem Geschäfte der Werbung unterzogen, versah sie hinreichend mit Pferden und an der Sonne gedörrtem Fleische sowie mit einem Passe, den sie vorweisen sollten, falls sie mit Spaniern zusammenkämen. Damit sie von umherstreifenden Städtern oder von Angehörigen anderer christlicher Missionen nicht etwa beim ersten Anblick für Wilde angesehen würden, ließ ich ihnen ein weißes Fähnchen machen, das auf der einen Seite das Bildnis der schmerzhaften Mutter des Herrn trug, auf der andern mit dem Bilde des hl. Xaverius geschmückt war. Auch Geschenke mußten sie mitnehmen, um sie in meinem Namen an ihre Landsleute und besonders an die Kaziken auszuteilen, mit denen sie etwa zusammentreffen würden.

Am Tage ihrer Abreise beichteten sie; dann zogen sie ganz gerüstet zur Kirche, stiegen von den Pferden und kamen mit ihren Lanzen in die heilige Messe, lehnten dieselben aber an die Mauer, als sie nach der Kommunion des Priesters sich gleichfalls dem heiligen Mahle näherten. Beim Segen vor dem letzten Evangelium ergriffen sie ihre Waffen und empfingen meinen innigsten Segenswunsch. Nach dem Gottesdienste stiegen sie zu Pferde, hielten aber bei dem Kreuze, um mich zu erwarten. Meine Kaziken gaben ihnen indes gute Ermahnungen, an welchen ich es gleichfalls nicht fehlen ließ. Und so zogen sie fort.

Nach vier Monaten und einigen Tagen kamen sie – einen ausgenommen, der zum Verräter an seiner Pflicht geworden war – wieder zu uns, von drei fremden Kaziken begleitet. Der vornehmste von diesen hieß Elebogdin. Nach einiger Zeit führte ich die Neuangekommenen Mokobier nach Santa Fé. Hier suchte besonders der Kommandant durch Freundlichkeit und Geschenke sie zur Ansiedlung in der Nähe zu bewegen. Sie ließen sich jedoch auf keine bestimmte Erklärung ein, sondern antworteten nur, daß sie mit mir, der ich sie berufen hätte, über diese Frage verhandeln würden. Bei den weiteren Besprechungen stellte ich es ihrer freien Wahl anheim, ob sie meiner Gemeinde sich anschließen oder eine eigene Reduktion gründen wollten. Sie wünschten das letztere, was den Spaniern gleichfalls angenehmer war, weil sie dadurch auch gegen Westen hin eine Vormauer zu gewinnen hofften. Nach zwei Monaten schied Elebogdin von uns mit dem Versprechen, nach einem Vierteljahre mit seinem Volke bei uns zu erscheinen.

Die Zeit seiner Abwesenheit wollte ich ausnützen, um die Vorbereitungen zur Errichtung einer neuen Reduktion zu treffen. Die Bürger von Santa Fé zeigten sich sehr bereitwillig, durch Geschenke an Vieh, an Kirchengeräten sowie an andern nötigen Gegenständen die künftige Gemeinde gründen zu helfen. Nicht so günstig zeigte sich uns der Kommandant. Dieser glaubte sich dadurch verletzt, daß ich dem Pater Provinzial über das Vorgefallene Bericht erstattet und dieser den Statthalter zu Buenos Aires davon in Kenntnis gesetzt hatte. Der Kommandant wollte sich nämlich das Verdienst der Zivilisierung wilder Horden allein zuschreiben und sich dadurch die Gnade des Königs erwerben, keineswegs aber diesen Ruhm den Jesuiten gönnen.

Ohne mich etwas wissen zu lassen, suchte der Kommandant für die zu errichtende Reduktion eine Gegend westlich von der Stadt aus. Es war sonst Sitte, bei einer solchen Ortsbestimmung auch den Missionär zu Rate zu ziehen. Da ich aber vom Kommandanten beiseite geschoben wurde, schrieb ich ihm hierüber einen Brief und machte ihn besonders darauf aufmerksam, daß nach dem ausdrücklichen Befehle des Königs den Indianern die Wahl ihres künftigen Aufenthaltes frei zu lassen sei, damit sie nicht mißvergnügt in ihre Wildnis zurückfliehen möchten. Die Antwort des etwas aufgeregten Herrn lautete, die Gegend sei gut gewählt, ich könne mich selbst davon überzeugen. Wäre sie aber den Indianern nicht genehm, so könnten sie sich meiner Mission des hl. Xaverius einverleiben. Ich suchte die bezeichnete Örtlichkeit auf und fand sie völlig unzweckmäßig. Allerdings fand sich dort ein See mit trinkbarem Wasser vor. Aber dieser trat bei anhaltender Hitze sechzig bis siebzig Schritte weit zurück; dadurch entstanden Sümpfe und Lachen, von denen die Luft in der ganzen Umgebung verpestet wurde. Wie sollten Menschen und Tiere durch solchen Morast an das Wasser kommen? Von der Unmasse der geflügelten und ungeflügelten Insekten, die sich dort als Landplage aufhielten, brauche ich weiter kein Wort zu verlieren. Die Waldungen in der Umgebung hätten zum Teile erst ausgehauen werden müssen, um den Zutritt erfrischender Luft und Boden für den Ackerbau zu gewinnen. Es fehlte an Weideplätzen; das Vieh hätte in den Wäldern seine Nahrung suchen müssen und wäre den zahlreichen Tigern und andern Raubtieren zur Beute gefallen. Durch diese Tiere wären die Indianer selbst beständig aufs unheimlichste gefährdet worden, nicht weniger durch feindliche Wilde, deren beständige Streifereien häufige Kämpfe zur Folge gehabt hätten. Meiner Meinung waren auch alle Spanier, die den Kommandanten an diese ihm allein so zusagende Stelle begleitet hatten. Der Kommandant zeigte sich jedoch über unsere Vorstellungen ungehalten. Ich machte mir über seinen Verdruß wenig Sorge, sondern schickte mein Gutachten an den Statthalter nach Buenos Aires, der es mit seinem gütigen Beifall beehrte.

Nach drei Monaten kam Elebogdin mit vierhundert Mann zu mir. Alle Männer meiner Gemeinde ritten den Ankömmlingen entgegen, und feierlich, unter dem Geläute der Glocken, führten wir sie in unser Dorf. Ich wies ihnen dann unter einer Allee hoher, schattenreicher Bäume, die fünfhundert Schritte von uns entfernt war, ihr Lager an und versah sie wöchentlich mit zehn Ochsen. Elebogdin besichtigte mit mir und den Kaziken den vom Kommandanten ausgesuchten Grund und verwarf ihn als gänzlich unbrauchbar. Ich machte dem Kommandanten meine Aufwartung. Er empfing mich mit kalter Höflichkeit und ließ dann, nachdem ich verabschiedet war, Elebogdin vor sich kommen. Diesem gegenüber gab er sich Mühe, seine Wahl zu rechtfertigen. Vergebens; der Kazike sagte ihm gerade heraus, daß er dorthin niemals ziehen würde. Als aber der Kommandant ihm die Hoffnung nahm, einen andern Platz zu erhalten, entfernte sich der Kazike voll Unwillen und zeigte mir seinen Entschluß an, uns wieder zu verlassen.

Es gelang mir aber, ihn zu bereden, so lange bei mir zu verweilen, bis Nachricht von Buenos Aires eintreffen würde. Denn dorthin schickte ich durch den Pater Provinzial sofort Bericht über die Lage der Dinge und erbot mich, die fremden Indianer einstweilen aus den Mitteln meiner Reduktion zu verpflegen. Die Weisung des Statthalters blieb nicht lange aus; sie gab mir den Auftrag, mit den Indianern selbst einen schicklichen Ort zu suchen, an den der Kommandant dann hundertfünfzig Mann schicken müsse, um bei Herstellung der Kirche, der Wohnungen des Missionärs und der Indianer behilflich zu sein.

Bis in den vierten Monat streiften wir herum. Endlich fanden wir ein Feld, auf dem ein Meierhof angelegt werden konnte; acht Meilen weiter erhob sich eine waldige Anhöhe, umlagert mit großen Teichen, die ein für das Vieh trinkbares Wasser gaben; am Fuße der Anhöhe belebte ein tiefer und fischreicher Bach die Gegend; auf dem jenseitigen Ufer zeigte sich herrlicher Boden zum Feldbau. Schöne Waldungen rund herum ergötzten das Auge; der große Wald, der mehrere hundert Meilen sich erstreckte, lag nur sechs Meilen entfernt. Elebogdin war über die Gegend entzückt. Also hatte man die Stelle zur Niederlassung gefunden. Rasch ging es ans Werk. In einem Monat waren viertausend Baumstämme gefällt, die Schranken für den Meierhof gezogen, eine Hütte für die Hirten und eine andere für den Missionär aufgerichtet, damit auch dieser bei seinem Besuch einen Unterstand hätte.

Nun meldete ich dem Kommandanten, daß wir ohne weiteren Aufschub die neue Reduktion gründen könnten, und ersuchte ihn, die bestimmte Hilfsmannschaft zu schicken. Er entschuldigte sich mit Hindernissen. Damit aber der Eifer der heidnischen Indianer nicht erkalte, rodete ich den Wald vor der Anhöhe aus, errichtete eine Einfassung von mehreren tausend Palisaden, eine Scheuer, die einstweilen als Kirche diente, und eine Wohnung für mich. Letztere glich einer Kaufmannsbude, stand von allen Seiten offen und gewährte dem Sturmwinde, den Gewittern und dem Regen unbehinderten Zutritt. Gern duldete ich all dieses Ungemach, so beschwerlich und lästig es mir zuweilen auch fiel; denn mich tröstete das lohnende Bewußtsein, es für das Wohl meiner Mitmenschen zu ertragen.

Nochmals ersuchte ich den Kommandanten, mir die angeordnete Hilfe endlich zukommen zu lassen, mußte aber aufs neue eine abschlägige Antwort vernehmen. Es hieß, er brauche seine Leute gerade jetzt zum Dienste des Königs. So geht es dem Missionär bei seinen Bemühungen für das Heil der Seelen, wenn Weltleute, die wenig oder nichts davon verstehen, die Anordnungen dazu geben sollen und von keiner ändern Absicht dabei geleitet werden, als sich selber zu Ansehen zu bringen und fremde Ware als eigene zu verkaufen. Ich mußte hoffen und harren, bis der Kommandant seines Widerstandes schließlich müde und überdrüssig würde. Einstweilen ließ ich noch tausend Palmbäume schlagen. Als aber die verlangte Hilfe immer noch ausblieb, schrieb ich dem Kommandanten in ruhigem Tone, aber mit Nachdruck einen Brief und stellte ihm vor, ob er es wohl verantworten könne, daß er so wenig, so ganz und gar nicht dem Befehle des Königs Folge leiste. Der Wille des Monarchen sei doch, daß die spanischen Behörden jede zu errichtende Reduktion unterstützten. Statt der Antwort kamen fünfzig Mann: für mich die willkommenste Antwort auf mein Drängen. In vierzehn Tagen hatten wir sechzehntausend Ziegel verfertigt, unendlich viel Holz gehauen und wollten schon eine Kirche zu bauen anfangen, als der Kommandant selbst mit sechzig Mann erschien. Ich ritt ihm mit meinen Indianern entgegen und näherte mich ihm freundlich. Er aber war sehr zurückhaltend und unfreundlich, bekrittelte unsere Arbeit und fragte höhnisch, ob sie denn einen großen Tempel aufrichten sollten. Ich blieb ruhig. Als er aber auch seine eigenen Leute, die seit vierzehn Tagen mit mir gearbeitet hatten, und besonders ihren wackeren Anführer barsch behandelte, machte ich ihm kurz meine Verbeugung und ritt mit meinen Indianern unserer Wohnung zu. Am andern Morgen, nach angehörter heiliger Messe, traf der Kommandant seine Anordnungen, verteilte seine Leute zu verschiedenen Arbeiten, machte aber von den durch mich bereit gelegten Materialien keinen Gebrauch. Ich und die Meinen rührten uns nicht, denn die königliche Ordre lautete, die Kommandanten mit ihren Soldaten sollten für die zur Annahme des Christentums Geneigten die nötigen Bauten aufführen. Er verlangte, ich möchte ihm den Plan des werdenden Dorfes senden. Ich tat es, beifügend, er möge ganz nach Belieben verfahren; ich hätte dabei gar nichts zu tun und würde die von mir bereiteten Materialien zu anderweitigen Zwecken verwenden; meiner einzigen Pflicht, Religionsunterricht zu erteilen, würde ich auf das genaueste Nachkommen.

Er sah ein, daß er mit seiner Mannschaft allein länger als vier Monate Arbeit haben würde. Seine Offiziere machten ihm dringende Vorstellungen über sein schroffes Benehmen mir gegenüber, und er wurde nachdenklich. Den folgenden Tag wohnte er wieder der heiligen Messe und der Christenlehre bei, besuchte mich in meiner Hütte und machte mir den Vorschlag, ihm beim Baue mit meinen Indianern zu helfen. Ich willigte natürlich ein und gab meine Vorarbeiten dazu her. Die Spanier jubelten, weil sie nun Hoffnung hatten, bald wieder nach Santa Fé zu kommen. Meine vierzig Indianer von S. Xavier beeiferten sich, ihre bereits erworbenen Kenntnisse in den verschiedenen Handwerken an den Tag zu legen. Am meisten freute es mich, daß der Kommandant mich ersuchte, den ganzen Bau nach meinen Ansichten anzuordnen. Er selbst hatte nun seine Freude am schnellen Fortschritt der Arbeit, lud mich fast täglich zu seiner Tafel und sagte mir viel Verbindliches, als in drei Wochen die Kirche und die Wohnungen des Missionärs und der Gemeinde vollendet waren.

Am Tage seiner Abreise geschah die feierliche Übergabe der neuen Reduktion auf folgende Weise. Alle Spanier und Indianer kamen beritten auf den Platz und stellten sich zu beiden Seiten der Kirche auf. Der Kommandant stand bei dem Gotteshause, ich zu seiner Rechten, Elebogdin zur Linken. Er nahm uns beide bei der Hand, ging mit uns vorwärts und sprach: „Ich, Franz Anton de Vera y de Muxica, als Bevollmächtigter der Krone übergebe dir, Florian Baucke, und gegenwärtigem Elebogdin im Namen Ihrer königlichen Majestät diesen Grund und Boden als eigentümlich; dies geschehe im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit.“ Während des Gehens raufte der Kommandant dreimal Gras vom Boden, gab es mir in die Hand, und ich mußte es in die Luft werfen. Mit diesen Gebräuchen war die ganze Sache abgetan, und uns gehörte ein Bezirk von zwei Meilen gegen Süd und vier Meilen gegen Nord, gegen Ost und West aber, soviel wir brauchten in der Weise, daß kein Fremder sich innerhalb dieser Grenzen ohne unsern Willen ansiedeln durfte. So wurde durch mich die Reduktion des hl. Petrus gegründet im Jahre des Herrn 1763.

Aus dem Eifer, mit dem ich in dieser neuen Mission arbeitete, schloß meine Gemeinde zu S. Xavier, ich würde nicht mehr zu ihr zurückkehren. Daher besuchten mich abwechselnd, und zwar ein ganzes Jahr hindurch, je dreißig bis vierzig Mann von St Xaverius. Sie zogen nach St Peter, blieben da einen ganzen Monat und arbeiteten fleißig mit. Sie freuten sich, Zeugen zu sein, wie ich meine neue Reduktion gerade nach dem Muster der älteren entrichtete. Elebogdins Untergebene waren so fleißig in der Kirche und bei der Erklärung des Wortes Gottes, daß ich nach vorgenommenen strengen Prüfungen doch schon im ersten Jahre hundertelf Personen taufen konnte[23]. Bis jetzt war ich das ganze Jahr hindurch allein in diesem Weinberge Gottes tätig gewesen. Nun traf ich Vorsorge, daß mir für die Zukunst Gehilfen geschickt würden. Ich erhielt vom Pater Provinzial aus Cordoba zwei Priester, P. Antonius de Bustillos und P. Raymund Wittermayr[24], den Sohn eines zur katholischen Kirche bekehrten holländischen Kaufmanns zu Cádiz. Ersteren behielt ich bei mir in St Peter; den P. Raymund schickte ich in die Reduktion S. Xavier. Einige Monate verweilte ich noch bei meinen neuen Zöglingen in der Gesellschaft meines Mitbruders; 1765 kehrte ich wieder zur geliebten Reduktion S. Xavier zurück.

Ruhig und friedlich lebten wir hier und hörten nur, wie Portugiesen und Spanier die alten Guarani-Missionen verfolgten. Häufiger kamen uns von allen Seiten Erzählungen zu, wir Jesuiten hätten ein Reich in Paraguay und einen eigenen König Nikolaus[25]. Es würden goldene Münzen gezeigt, welche dieser Jesuitenkönig in Paraguay habe prägen lassen. Der Ruf dieser erdichteten Begebenheiten war derart verbreitet, daß man ihm sogar in einigen Städten Paraguays Glauben schenkte. Wir lachten über diese Fabeln, deren Ungrund vor Augen lag, und konnten uns auch nicht überreden, daß unser Sturz beschlossene Sache sei. Wir erfüllten unsere Pflichten nach wie vor und bekehrten noch neue Heiden. 1766 kam wieder ein Kazike zu mir und verlangte, daß ich ihm eine neue Reduktion errichten solle; in fünf Monaten würde er mit seinem Volke kommen. Leider kam dieser Plan nicht mehr zur Ausführung; denn nunmehr brach der Sturm los, der die Vernichtung der Reduktionen zur traurigen Folge hatte.




Drittes Kapitel.
Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay.


Das Verbannungsedikt.

Bereits waren die Jesuiten aus Frankreich und Portugal verwiesen. Wir in Paraguay hatten aber das feste Vertrauen, der König von Spanien werde niemals zulassen, daß man über uns das Gleiche verfüge[26]. Aber das Unglaubliche geschah.

Am 16. Juli 1767 um 4 Uhr morgens wurde das Jesuitenkolleg in Santa Fé von Soldaten umringt[27]. Abgesandte Beamte kamen zur Pforte, verlangten, der Pater Rektor solle eilends zu einem Kranken gehen. Als er kam, nahmen sie ihn und den öffnenden Pförtner gefangen, drangen ins Haus, in jedes Zimmer, trafen einige betend, andere mit dem Ankleiden beschäftigt, jagten alle in den Speisesaal und hielten sie hier so lange eingesperrt, bis alle Zimmer ausgeräumt waren. Nachmittags mußten die Väter ihr Ordenshaus und die Stadt verlassen, das Bild des Gekreuzigten am Halse, das Brevier unter dem Arme, ohne ihren Freunden auch nur ein letztes Lebewohl sagen zu dürfen. Jeder durfte einen Koffer mit Wäsche, der aber öffentlich auf dem Platze durchsucht wurde, auf die Wagen mitnehmen, auf denen sie nach Buenos Aires abgeführt wurden.

Die ganze Stadt war in Aufregung, als dieses unerwartete und harte Verfahren bekannt wurde. Die Tränen der Bewohner sagten es, wie sehr diese Priester geliebt und nun bedauert wurden. Diese aber mußten in ihrem Wagen auf dem Felde übernachten. Schildwachen verhinderten, daß irgend ein teilnehmender Mensch mit ihnen reden konnte. Die Sklaven des Kollegs dnrchrannten wie unsinnig die Stadt und schrien: „Ach, unsere Väter! wo gehen wir nun hin?“

Den 21. Juli saßen ich und mein Mitbruder eben beim Mittagsmahle, als ein spanischer Knabe kam und uns vom Schicksale unserer Brüder in der Stadt die erste Kunde brachte. Mir fiel das Messer aus der Hand, und ohne mir einen beruhigenden Grund angeben zu können, schüttelte ich ungläubig das Haupt, bis mein Freund, der Offizier Don Franz de Andino mit vier Soldaten ankam und mir einen Brief des Kommandanten überbrachte. Seine Miene, seine Zähren[WS 5], die die Wangen herabliefen, sprachen laut genug unser Unglück aus. Das Schreiben des Kommandanten besagte, daß die Jesuiten des Kollegs auf höchsten Befehl nach Buenos Aires abgeführt worden seien, daß aber rücksichtlich der Missionäre noch nichts bestimmt sei. Er beauftragte mich, mein Amt wie vorher zu verrichten und den Indianern von dem Vorgefallenen vorläufig ja nichts zu sagen. Der Offizier entfernte sich schon nach einer Viertelstunde.

Er hatte mich kaum verlassen, als das Wehklagen meiner Indianer in mein Zimmer drang. Gleich darauf hörte ich, daß sie mit Weib und Kind rüsteten, um in die Wildnis zu ziehen. Ich lief zu ihnen; den einen tröstete ich, den andern mußte ich mit Gewalt vom Pferde reißen, alle lärmten, keiner beantwortete mir meine Fragen. Der spanische Knabe hatte seine traurige Nachricht der Gemeinde mitgeteilt. Die Kaziken waren im höchsten Grade bestürzt; ich ließ sie rufen und bat sie, die Ruhe herzustellen. Cithaalin wollte sich gar nicht sehen lassen; er konnte vor Schluchzen kein Wort mit mir reden. Ich stellte ihnen vor, sie möchten nur noch ein wenig Geduld haben, denn es sei ja noch nichts entschieden. Aber sie hatten bereits einige Männer nach Santa Fé geschickt, um die Wahrheit zu erforschen; und diese brachten die Gewißheit zurück, daß in der Stadt kein Pater mehr zu finden sei. Nun packten sie neuerdings zusammen. Ich trat unter sie und sprach: „Meine Kinder! Sollte es auch so kommen, daß ich euch verlassen müßte, was noch gar nicht ausgemacht ist, was nötigt euch denn, schon vor der Zeit von mir euch zu entfernen? Warum wartet ihr nicht? Gesetzt auch, ich müßte euch wirklich verlassen, so versichere ich euch, ihr werdet einen andern Vater erhalten der für euch sorgt. Bleibet noch bei mir und laßt mir den Abschied nicht allzu bitter werden!“

Meine lieben, getreuen Kinder folgten meiner Mahnung, Cithaalin ausgenommen. Dieser erklärte: wenn man es wagen sollte, auch mich wegzuführen, wie die Väter in Santa Fé, würde er sich entweder an den Spaniern vergreifen, oder er müßte vor Weh und Jammer sterben. Um beidem auszuweichen, wolle er inzwischen in die Reduktion des hl. Hieronymus ziehen. Er ging auch wirklich mit vierhundert Leuten seines Stammes fort.

Tags darauf erhielt ich aus der Reduktion St Peter, die sechzehn Meilen von uns entfernt war, die Nachricht, die ganze Gemeinde sei in die Wälder entwichen, nur die zwei Priester befänden sich noch dort. Rasch entschlossen eilte ich mit Domingo und fünf Indianern von S. Xavier den Flüchtigen nach, ritt die ganze Nacht hindurch und hörte in der Frühe von ihren Missionären, daß die Flüchtigen die Richtung gegen Norden hin eingeschlagen hätten. Ich las rasch die heilige Messe und setzte den Entflohenen mit so gutem Glücke nach, daß ich sie am Abende in einem Walde antraf. Mein Flehen, von Domingos Zureden unterstützt, bewog sie, wieder in ihr Dorf zurückzukehren. Ohne länger bei ihnen zu verweilen, beeilte ich mich, nach S. Xavier zu kommen, um auch hier etwaigen Unordnungen vorzubeugen. Ich veränderte in der Hausordnung nichts und hielt den Gottesdienst wie vorher. Dem Kommandanten gab ich von allen Vorgängen Kunde. Er und die ganze Stadt waren über Cithaalins Entweichung nicht wenig erschrocken, denn sie fürchteten ihn sehr. Indessen hatte ein unbesonnener Spanier in St Peter geäußert, man würde nun bald kommen, um „die Patres zu holen“; nun zog die ganze Gemeinde zum zweitenmal weg. Ich fand sie wieder und brachte sie abermals zurück.

In der folgenden Woche schickte mir der Kommandant die Anzeige, daß auch wir Missionäre fort müßten, und ersuchte mich, ihm an einem bestimmten Tage gut bewaffnete und treue Indianer in die Stadt zu senden, sie sollten den königlichen Kommissären das Geleite in meine Reduktion geben. Ich ließ ihm durch den Überbringer des Briefes melden, er möchte sorgen, daß die Kommissäre jedenfalls ohne Soldaten zu mir kämen, denn sonst wäre zu befürchten, sie würden auf dem Wege von den Indianern, die in ihrer Erbitterung gegen die Spanier keine Grenze mehr kännten, ermordet werden.

Die Gemeinde von St Peter entwich abermals; ich brachte sie jedoch ein drittes Mal in ihr Dorf zurück. Während meiner Abwesenheit hatte man aber in S. Xavier den Plan entworfen, sich in die tieferen Waldungen zu begeben und uns Missionäre mitzunehmen. Als ich meine Leute wiedersah, hatten sie bereits unsere Herden weiter getrieben. Mein Mitmissionär, ein junger Mann, war dem Unternehmen so wenig abgeneigt, daß auch er schon seine Bücher und Gerätschaften eingepackt hatte. Ich sollte nun die Kirchengeräte zusammenrichten und dann sogleich mit ihnen aufbrechen. Ich widersetzte mich jedoch diesem Ansinnen. „Kinder“, rief ich aus, „ihr werdet durch solches Beginnen die Verfolgung der Spanier auf euch laden.“ „Wir fürchten sie nicht“, entgegneten sie, „sie reden nur immer mutig und halten stand gegen die Wilden, solang wir bei ihnen sind; sind sie aber allein, so zittern sie und laufen davon. Schießen sie auf uns, so springen wir seitwärts und ducken uns auf die Erde, so werden sie wenig treffen; und haben sie abgefeuert, dann gehen wir mit unsern Wurfspießen auf sie los, lassen sie nicht mehr laden und streiten mit unsern Lanzen, die ihnen von alter Zeit her bekannt sind. Würden sie uns dann doch noch weiter verfolgen, so haben wir Winkel genug in unserem Lande, die sie nicht finden werden, sollten sie auch, wie du zuweilen getan hast, mit langen Augen (so nannten sie mein Fernrohr) nach uns ausschauen.“

„Überlegt wohl, was ihr vorhabt“, fuhr ich fort. „Würde ich mit euch ziehen, so würde ich mir und allen meinen Mitbrüdern einen üblen Namen machen. Man würde in allen Ländern sagen, diese Väter seien wirklich Aufrührer gegen ihren König gewesen und hätten dieses Land für sich behalten wollen. Was würdet ihr auch mit mir gewinnen? Ich werde alt; die vielen neuen Mühseligkeiten werden mich krank machen, ich werde sterben. Wer wird dann eure Kinder taufen, euch predigen, euren Kindern Unterricht erteilen? Von den Spaniern, die ihr so empfindlich beleidigt, dürft ihr nicht hoffen, daß sie euch einen andern Priester zukommen lassen werden. Dann würdet ihr wieder in eure alten bösen Gewohnheiten zurückfallen und Heiden werden. Bleibet also lieber ruhig hier und erwartet andere Geistliche, die durch ihren Eifer und ihre Sorgfalt für euch ebenfalls eure Liebe verdienen werden.“

Diese Rede wirkte. Meine Indianer brachten mir noch die Einwendung vor, daß sie bei andern Priestern nicht sicher sein würden. „Du wirst es ja ebenfalls gehört haben“, sagten sie, „wie man mit unsern Vorfahren an einem Orte bei der Stadt Santiago (de Tucuman) umgegangen ist. Täglich kamen zwei Priester aus der Stadt zu ihnen; aber eines Tages wurden sie unvermutet von den Spaniern umringt, gefangen genommen und als Sklaven weggeführt. Doch wenn du uns versicherst, daß wir einen neuen Priester erhalten werden, der dein Freund ist und es aufrichtig und väterlich mit uns meint, so wollen wir ein Jahr lang ruhig hier bleiben. Nach dieser Zeit, so hoffen wir, werden wir dich wiedersehen. Erscheinst du nicht, so können wir heute noch nicht sagen, was wir tun werden.“

Gott hatte meine Worte gesegnet. Die Ruhe war wieder hergestellt und für die nächste Zukunft gesichert. Ich ließ nun meinen Domingo mit fünfundzwanzig gut bewaffneten Indianern nach Santa Fé reiten, um die Kommissäre und den neuen Missionär abzuholen; nach einigen Tagen langten diese an. Der Oberkommissär war der ehemalige Stadtrichter von Santa Fé, Don Pedro de Miura, der Missionär Don Michael de Zibureu, ein Weltpriester, Doktor der Theologie, ein sittsamer, gelehrter, wackerer Mann, Sohn eines verstorbenen Kommandanten zu Santa Fé, und sehr vermöglich. Einige Spanier waren als Zeugen mitgekommen. Zum Unglück hatte man zur Bedienung einige freche Burschen mitgebracht, die meine Vorratskammer ausraubten und meinen Garten plünderten. Die Gemeinde wurde über deren Treiben in hohem Grade unwillig. Die Entrüstung äußerte sich so laut, daß ich Gewalttätigkeiten befürchtete. Denn weil sie sahen, wie die Bedienten über meine Habe herfielen, so glaubten sie, die Reihe werde auch bald an die ihrige kommen. Den Kommissären, die ohnehin den widrigen Eindruck, den ihre Gegenwart auf meine Indianer machte, bemerkt hatten und sich gewaltig fürchteten, stellte ich nachdrücklich vor, es sei hohe Zeit, dem Unfug ihrer Diener ein Ende zu machen, wenn sie selbst nicht Hunger leiden oder Mordtaten veranlassen wollten. Die Kommissäre gerieten in Sorge und baten, ich solle den Dorfbewohnern melden, sie dürften jeden Angekommenen, der sich ein Unrecht erlaube, nach ihrem Gutdünken bestrafen. Ich verlangte, die Kommissäre selbst sollten dies den Indianern erklären und einen Beweis geben, daß die Sicherheit meiner Gemeinde ihnen am Herzen liege. Sie taten es, und das Ungewitter verzog sich.

Das erste Geschäft war die Inventaraufnahme meiner kleinen Habseligkeiten. Sogar der mindeste Hausrat wurde aufgeschrieben: wie lang, wie breit die Tische, von welchem Holze, ob die Füße gedrechselt oder glatt seien. Ich hatte ein Tischchen mit kreuzweise verschränkten Füßen, wie man sie in Deutschland häufig antrifft. Don Pedro, der seine Beschreibung genau machen mußte, fragte mich, wie er diese Füße in spanischer Sprache nennen solle. Ich antwortete: „preußische“, und er schrieb es hin. Nachdem alle Kisten und Kästen schon durchsucht waren, fragte man nach dem Geld. Ich erklärte ihnen, daß die Reduktion kein Geld besitze, weil wir unsern ganzen Bedarf durch Umtausch gedeckt hätten. Ich zeigte ihnen meine Barschaft: nach deutscher Münze drei Gulden und einige Kreuzer. Ich sollte einen Eid darüber ablegen, daß ich nicht mehr besitze. Ich beteuerte die Wahrheit meiner Aussage auf meine priesterliche Ehre. Da wurde den Spaniern das Herz weich, und Don Pedro rief mit Tränen im Auge ans: „Sind das die großen Reichtümer, die man bei den armen Missionären sucht? Behalten Sie dieses Geld für sich; Sie dürften es vielleicht nötig haben, um sich auf Ihrer Reise Brot zu kaufen. Wir haben nur Befehl, das Geld der Reduktionen abzufordern, nicht aber jenes, was Ihnen zu eigen gehört.“ – Wollte Gott, sie hätten es mit meinem andern Eigentum ebenso gemacht! Ich besaß viele Bücher, die ich teils aus Europa mitgebracht teils hier eingehandelt oder von guten Freunden zum Geschenk erhalten hatte; ferner drei schöne Feuerrohre, musikalische und mathematische Instrumente und verschiedene Werkzeuge. Alle diese Sachen nahmen die Herren vor meinen Augen für sich, mir ließen sie nichts als das Bild des Gekreuzigten, ein altes Brevier und zwei kleine geistliche Bücher.

Aus meiner Wohnung ging man, die Kirchensachen aufzuschreiben und sodann das Vieh, soweit möglich, zu zählen. Ich übergab gegen vierundzwanzigtausend Stück Hornvieh, zwölfhundert Stuten zur Zucht der Maultiere, vierhundert junge Maultiere, fünfzehnhundert Pferde, siebzehnhundert Schafe und fünfhundert Zugochsen. Meine Indianer sahen betrübt zu. Damit sie aber nicht allzu traurig würden, zeigte ich eine fröhliche Miene, so schwer es mich ankam.

Herzlichen Trost fühlte ich zugleich mit unendlicher Wehmut, als meine Pfarrkinder mich baten, noch einmal ihre Beichte zu hören und sie mit Gott zu versöhnen. Ich brachte die ganze Zeit in der Kirche zu, während die Kommissäre noch überall Nachsuchungen anstellten und mich nur rufen ließen, wenn sie eine Schwierigkeit fanden.

Von hier reiste die Kommission nach der Kolonie von St Peter. Ich gab ihnen fünfundzwanzig Mann als schützende Begleitung mit. Sie drangen aber in mich, persönlich mitzugehen. Da ich merkte, daß sie nur unter meinem Schutze sich für sicher hielten, überließ ich meine Leute indes dem neuen Pfarrer und meinem betrübten Mitbruder Raymund Wittermayr, der beständig weinte. Den für St Peter bestimmten Weltpriester Don Franz de Reyes nahmen wir sogleich mit. Hier dauerte die Aufzeichnung des Besitzstandes vier Tage. Dann ging die Reise nach St Hieronymus, wohin ich sie aus triftigen Gründen nicht begleitete; nur sandte ich auf ihr Verlangen vierzig Mann als Bedeckung mit.


Abschied von den Indianern.

Nachdem auch in St Hieronymus alles erledigt war, kehrten die Kommissäre mit den vier Missionären der beiden Reduktionen nach S. Xavier zurück, um auch mich und meinen Gefährten wegzuführen. Sie wollten dies sogleich ohne Aufschub tun; aber weil man die Vorspannochsen nicht finden konnte, mußten sie noch verweilen. Ich brachte in Erfahrung, daß meine Leute die Ochsen weggetrieben und versteckt hatten; auf mein Zureden wurden die Tiere jedoch gesucht und herbeigebracht. Mein Herz wollte mir zerspringen, da die Trennung nun unvermeidlich war. Um den Schmerz des immer fortgesetzten Abschiednehmens zu verringern, gab ich meinen Wunsch zu erkennen, niemand solle mir das Geleite geben, und besonders solle mein teurer Domingo zurückbleiben, um den neuen Pfarrer zu schützen und ihm mit Rat und Tat an die Hand zu gehen. Aber vergebens. Als wir aufbrachen, saß Domingo mit fünfundzwanzig Indianern zu Pferde und ritt mit uns. Die ganze Gemeinde rang die Hände und wehklagte, so daß sogar die Kommissäre tief erschüttert wurden. Von allen Zungen erschallte der Ruf: „Gehet und reiset, Väter, aber kehret in kurzer Zeit zurück!“

Auf der Reise nach Santa Fé kamen wir an der Wohnung meines Freundes vorbei, jenes Offiziers, der zu St Peter bei mir gewesen war und mir die Nachricht unserer Vertreibung nach S. Xavier gebracht hatte. Er und seine ganze Familie zerflossen in Tränen. Wir durften nicht stillhalten; und als er nachritt und um Erlaubnis bat, mich sprechen zu dürfen, wurde sie ihm abgeschlagen und ihm bedeutet, dies wäre wider den ausdrücklichen Befehl des Königs. Seine Frau sandte uns Lebensmittel nach, die man uns anzunehmen gestattete.

Vor der Stadt mußten wir Halt machen. Sechs Soldaten kamen, um uns sechs Missionäre zu bewachen und zu verhindern, daß wir uns mit jemand besprächen. Da die Kommissäre dem Kommandanten berichteten, es seien Indianer mit uns gekommen, ließ er dem Domingo befehlen abzuziehen. Dieser aber, seines Zornes nicht Meister, redete derart, daß ich erstaunte und mir dachte, ich würde wohl in Ketten nach Spanien gebracht worden sein, wenn ich mir seine Ausdrücke erlaubt hätte. „Es kann nicht wahr sein“, donnerte er sie an, „daß euer König[28] befohlen, uns unsere Väter zu rauben, noch viel weniger, daß wir mit ihnen gar nicht reden sollen. Ihr habt dies vielleicht unter euch ausgesonnen. Eure Tücke, die ihr gegen uns und gegen unsere Väter schon bewiesen habt und jetzt wieder beweisen wollt, ist die Ursache, daß uns dieses Unglück getrosten hat. Meint ihr, daß ihr durch die Vertreibung unserer Väter glücklicher sein werdet? Ihr habt keinen Grund, dieses zu glauben. Ihr wisset gar wohl, wie wir mit euch verfahren sind, ehe wir mit diesen Vätern lebten. Was könnt ihr jetzt Gutes von uns hoffen, da ihr uns unsere Väter wegführt, die uns zum christlichen Leben und zum Gehorsam gegen den König angeleitet haben? Seid ihr nur Afterchristen? Sind eure Wunden schon geheilt, die wir euch einst geschlagen? Gebt acht, wir können sie erneuern! Ich kenne wohl die Beweise der Freundschaft, die ihr uns gegeben, nachdem wir uns dem Kreuze unterworfen haben. Nicht ihr habt uns mit euren Schwertern und eurer Feuerwaffe untertänig gemacht; unsere Väter haben uns durch die Lehre Jesu bezwungen. Wir sind dadurch nicht eure Sklaven geworden. Es kann nicht sein, daß unser König euch solche Befehle gegeben hat, denn unsere Väter haben uns seine christliche Milde immer gerühmt. Wäret ihr gute und getreue Christen wie wir, so würdet ihr gleich uns die Abreise dieser Väter empfinden. Saget eurem Kommandanten, daß er den Stab, den er trägt, erst unlängst erhalten hat. Ich trage den meinen schon länger; der Statthalter hat ihn mir aus freiem Willen überreichen lassen. Er soll uns einen Beweis seines Mutes geben und nicht in der Stadt sitzen bleiben. Will er uns bekriegen, so darf er nicht glauben, daß wir davonlaufen werden. Er soll in seiner Stadt, aber nicht uns befehlen. Ich werde nicht eher zurückreisen, als bis es mir selbst gefällig sein wird; und wenn er will, so soll er ausrücken und uns mit Gewalt von hier wegtreiben. Auf seinen Befehl weiche ich nicht; und ich werde unsere Väter so weit begleiten, als es die Kräfte unserer Pferde zulassen.“

Diese Rede machte auf den Kommandanten keinen geringen Eindruck. Er schickte sogleich die Antwort, Domingo könne uns das Geleite ganz nach seinem Belieben geben. Es sei nie sein Befehl gewesen, ihn zu entfernen. Ein Soldat müsse diese Lüge ersonnen haben; er werde den Schuldigen abstrafen lassen, sobald er ihm angezeigt würde. Obwohl die Wache zugegen war, schickten uns die Spanier Zuckerwerk, eingelegte Früchte und andere Lebensmittel. Der Oberkommissär sandte mir baumwollene Strümpfe und Taschentücher.[WS 6]

Den folgenden Tag mußten wir nahe bei der Stadt über zwei Flüsse setzen und dort noch zwei Tage bis zum 6. September bleiben. Der Kommandant hatte uns sogleich bei unserer Ankunft vor Santa Fé fragen lassen, ob wir Wäsche und andere Kleidungsstücke nötig hätten. Wir mußten ihm unsere Wünsche schriftlich anzeigen. Schon den folgenden Tag erhielt ich sechs neue Hemden, fünf weiße Taschentücher, ein paar schwarze Strümpfe, ein Hauskleid, Schuhe und ein großes Brevier; das meinige war mir ins Wasser gefallen, und als ich es an der Sonne trocknen lassen wollte, von einem Hunde zerrissen worden. Auch an unserem neuen Standorte besuchten uns die Spanier trotz des Verbotes. Der Kommandant tat, als sähe er es nicht, denn Domingos Rede tat noch immer ihre Wirkung. Freunde brachten uns aus der Stadt Eßwaren und Weine und speisten mit uns. Den letzten Tag kamen auch einige Frauen, küßten uns die Hand und gaben uns dabei Geld, das sie in Papier gewickelt hatten, in die Hand. Mein Freund Don Narziß de Echague, der die meiste Zeit bei mir verweilte, gab mir drei Goldmünzen und sprach: „Eher Märtyrer als Bekenner“, und er meinte damit, wenn ich durchsucht werden sollte, möchte ich mich lieber martern lassen als den Wohltäter verraten.

Wir Jesuiten bekamen ein jeder einen Wagen. Ferner wurden zwei Wagen herbeigeschafft, um das Küchen- und Tischgeschirr mitzuführen, das man uns bis nach Buenos Aires lieh. Es war das Geschirr, das noch vor kurzer Zeit unserem Kolleg in Santa Fé gehört hatte.


Die Fahrt nach Buenos Aires.

Am 6. September mußten wir die Reise nach dem über hundert Meilen entfernten Buenos Aires antreten, von einem Offizier mit sechs Soldaten bewacht. In der Nacht des 7. September kamen wir in ein spanisches Dörfchen, das eine Kapelle hatte. Wir glaubten, den 8., am Feste Mariä Geburt, hier eine heilige Messe hören zu dürfen. Die Soldaten und die Fuhrleute gingen in die Kirche; wir aber durften unsere Wagen nicht verlassen. Da sie wieder zu uns kamen, baten wir, daß einer aus uns eine heilige Messe lesen und die andern die heilige Kommunion empfangen dürften. Es wurde uns abgeschlagen, worüber sich Domingo sehr ärgerte. Den 10. gelangten wir zu der einst uns gehörigen Meierei St Michael. Die Sklaven kamen, um sich von uns zu verabschieden; sie wurden aber von den Soldaten zurückgewiesen. Sie weinten bitterlich und schickten uns durch die Soldaten ein Lamm, Hühner und vier große Käse. Obwohl wir langsam reisten, konnten wir das Stoßen unserer Wagen nicht mehr ertragen, sondern bestiegen Reitpferde.

Am 14. waren wir in dem kleinen Marktflecken Capella del Rosario, dreiundvierzig Meilen von Santa Fé. Am folgenden Tag beredete ich meinen treuen Domingo, nach Hause zurückzukehren. Er wäre gern nach Buenos Aires gezogen, um den Statthalter zu bewegen, mich in die Reduktion zurückkehren zu lassen. Ich machte ihm aber klar, daß solches nicht in der Macht des Statthalters liege. Und nun erst entschloß er sich zur Rückkehr. Er und seine Leute bestiegen die Pferde. Sie ritten zu meinem Wagen, stiegen ab, küßten mir unzählige Male die Hände und weinten. Nur Domingos Auge blieb trocken; sprachlos stand er vor mir. Plötzlich wurde er leichenblaß, Hände und Füße zitterten ihm. Die Spanier eilten herbei, weil sie glaubten, der Schlag habe ihn gerührt. Nach langer Weile kam er zu sich. „Sieh, Vater“, sprach er, „alle deine Söhne weinen um dich; ich allein weine nicht und kann auch nicht weinen. Es ist nicht darum, daß ich kein Leid in meinem Innersten empfinde, sondern es geschieht wegen der Heftigkeit des Schmerzes, weil du von uns scheidest. Es ist mir, als könnte ich nicht genug atmen. Vater! Gott vergelte dir, was du uns gelehrt, was du bei uns ausgestanden hast; vergiß niemals, daß wir dich als Vater geliebt haben. Du hast es ja verdient, von uns geliebt zu werden. Ich habe noch immer Hoffnung, daß wir dich wieder sehen werden; denn ich glaube nicht, daß dich der König uns für immer entreißen wird. Mußt du auch nach Spanien reisen, so wollen wir doch ein Jahr warten. Kommst du wieder nach Buenos Aires, so gib uns Nachricht; ich werde nicht versäumen, dich abzuholen.“ – Ich gab ihnen meinen Segen, und sie ritten davon.

Wir setzten bald über den Fluß Montiel und sahen wieder einige Häuser. Ein Spanier erzählte hier, daß die Indianer vom Stamme der Pampas schon in ein Dorf eingebrochen wären und Feuer angelegt hätten, durch das dreiundvierzig Spanier das Leben eingebüßt hätten. – Wir mußten oft über Flüsse setzen und auf freiem Felde unser Nachtlager halten. Den 29. September blieben wir am Flusse Areco, an dem das Jesuitenkolleg von Buenos Aires seine größte Meierei besaß. Wir durften nicht hineingehen.

Am 4. Oktober sahen wir Buenos Aires und fuhren nach 9 Uhr in die Stadt zum Kolleg Belen Bethlehem. Zwei Kompagnien Grenadiere erwarteten uns mit aufgepflanztem Gewehre. Der Zulauf der Städter war so groß, als wenn die Hinrichtung vieler Missetäter anzusehen gewesen wäre. Wir Missionäre wurden in dem Hause neben dem Kolleg untergebracht, in welchem man sonst die geistlichen Übungen abzuhalten pflegte. Beim Eingang standen achtundvierzig Grenadiere mit ihren Offizieren. Unsere Koffer und Lebensmittel wurden von den Wagen genommen und die Schlüssel abgefordert. Nach drei Tagen erhielten wir die durchsuchten Koffer wieder, aus welchen man alles, was nicht Wäsche oder Kleidung war, herausgenommen hatte. Die Lebensmittel, Wein u. dgl., beliebten der Herr Major und die andern Offiziere unserer Wache für sich zu behalten.


Gefangenschaft in Buenos Aires.

Der Major und die Offiziere besuchten uns alsogleich und nahmen uns alle Papiere, die wir in der Tasche hatten, Federn und Tinte und sogar die Bildchen, die wir im Breviere liegen hatten, weg, wenn etwas darauf geschrieben war. Zwei Missionäre wurden besonders eingeschlossen. Vor der Zimmertüre eines jeden dieser beiden stand eine Schildwache. Was sie nötig hatten, wurde ihnen in diese Zimmer gebracht; nicht einmal zu dem mit einem Gitter verwahrten Fenster, das in den Garten ging, durften sie gehen, damit sie ja mit keinem Menschen sprechen könnten. Es läßt sich kein anderer Grund dieses Verfahrens denken, als daß man die Stadt glauben machen wollte, diese zwei seien besonders große Verbrecher. Die beiden Patres drangen darauf, man möge ihnen doch die Gründe bekannt geben, warum man sie so hart halte, und möge die Gründe prüfen. Aber erst nach zwei Monaten wurde im Auftrag des Statthalters ein Verhör vorgenommen; man stellte jedoch keine andern Fragen an sie als diese: aus welchem Lande sie gebürtig, wann sie in den Orden eingetreten seien, ob sie bei ihrem Abzuge aus dem Kolleg kein Geld mitgenommen hätten, und dergleichen Fragen. Dennoch wurden sie aus ihrer engen Haft nicht entlassen.

Ich war so glücklich, nach einigen Wochen die besondere Gunst des Majors, der uns bewachte, zu gewinnen. Er und seine Offiziere besuchten mich und meine fünf Zimmergenossen. Er führte mich auch manchmal in seine Wohnung im nahen Kolleg. Dasselbe war mit unserem Wohngebäude durch einen bewachten Gang verbunden, den sonst keiner aus uns betreten durfte. Auch in unsern Garten durften wir nicht gehen. Der P. Anton Guttierez[WS 7], Rektor von Asuncion, ersuchte mich, die Gefälligkeit des Majors gegen mich zu benützen, um die Erlaubnis zu erhalten, unsere Mitbrüder im Kolleg besuchen zu dürfen. Ich trug dem Major diese Bitte vor; er hörte sie lächelnd an und begleitete sie mit der Bemerkung: „In der Tat, Ihre Mitbrüder haben einen guten Fürsprecher gewählt. Ich habe Sie, mein Freund, schon lange zu mir in das Kolleg versetzen wollen, dachte aber. Sie würden sich nicht gern von Ihren Schicksalsgefährten trennen. Doch wissen Sie was? Schreiben Sie mir fünfzehn Ihrer Mitmissionäre aus; ich werde sehen, was sich machen läßt.“ Nach einigen Tagen kam ein Unteroffizier mit zwanzig Grenadieren und holte mich und die fünfzehn von mir bezeichnten Jesuiten ab. Wir fanden im Kolleg, wohin man uns brachte, große Zimmer. Ich durfte mir einen Mitbruder auswählen, der mit mir ein Zimmer bewohnen sollte. Etwas später erlangte ich auch die Gunst, daß wir alle im Garten spazieren gehen durften. Wie wohl war uns, wenn wir vom Balkon des Gartenhauses die herrlichste Aussicht auf den Silberfluß genossen! Erblickten wir in weiter Ferne ein Schiff, so schmeichelten wir uns mit der Hoffnung, es bringe den Widerruf unserer Verbannung.

Wir baten, man möchte uns doch gestatten, die heilige Messe zu lesen. Der Statthalter[29] schickte uns die rohe Antwort zu: „Wozu diente dies? höchstens dazu, daß die Jesuiten noch mehr Entheiligungen begingen! Man kann auch ohne Messelesen leben.“ Der Bischof erlaubte uns, daß anfangs täglich einer, später aber alle das unblutige Opfer des Neuen Bundes darbringen durften, aber nur bei geschlossenen Türen.

Zwei Missionäre starben. Kein Glockengeläute durfte ertönen; wir mußten unsere Brüder ganz in der Stille dem Grabe übergeben. – Unsere Kost wurde uns spärlich und elend zubereitet gereicht, obwohl der König den Gastgeber gut dafür bezahlte. Dieser trug jedoch keine Scheu, Gedrückte noch mehr zu drücken. All unsere Freunde, sie mochten sein, wer sie wollten, wurden in unser trauriges Schicksal verwickelt; mehrere wurden aus ihrer Wohnung entfernt und nach Montevideo oder nach benachbarten Inseln verwiesen. Ilson, gewesener Statthalter von Paraguay, schickte unserem P. Anton Miranda, seinem alten Freunde, eine goldene Dose mit Goldmünzen gefüllt, um dessen Elend zu erleichtern; – er wurde in der Nacht verhaftet, auf ein Schiff gebracht und auf eine achtzig Meilen von Buenos Aires entfernte Insel verbannt.

Täglich wurde die Wache gewechselt und auf ein gegebenes Zeichen die Musterung über uns vorgenommen. Wie Soldaten mußten wir uns aufstellen, um gezählt zu werden; und fehlte einer, so wurden alle Winkel durchstöbert, bis man ihn gefunden hatte.

Während wir auf solche Weise von außen gequält wurden, mehrten sich unsere Leiden durch inneren Verrat. Die Jesuiten, welche im Hause der geistlichen Übungen wohnten, waren meistens Amerikaner (d. h. wohl Kreolen), die den Gedanken, ihr Vaterland verlassen zu müssen, nicht ertragen konnten. Es fehlte daher nicht an Äußerungen des Unwillens, die den Statthalter, falls sie ihm bekannt wurden, erzürnen mußten. Zwei Priester, unserem Orden noch nicht durch die Gelübde verbunden, verlangten vom Statthalter, aus unserer Gesellschaft entlassen zu werden und in ihrem Vaterlande als Weltpriester leben zu dürfen. Um ihn ihren Wünschen geneigt zu machen, wußten sie Mittel zu finden, an ihn zu schreiben und über alles, was sie sahen und hörten, Bericht zu erstatten. Ich entdeckte diese unedle Handlungsweise durch einen ihrer Briefe, den ich in der Wohnung eines Offiziers fand. Es gelang mir auch, sie durch den Major, der mein Freund und uns sehr geneigt war, aus dem Hause in einen andern Gewahrsam, nämlich zu den Bethlehemiten, zu versetzen.

Durch diesen Major erfuhren wir auch, wie es nach unserem Abzug in unsern vormaligen Gemeinden zuging. Die Quelle seines Berichtes war der Statthalter selbst. Acht Tage nach unserer Entfernung kehrten die Bewohner der Kolonie St Peter in ihre Wildnis zurück. Meine Mokobier zu S. Xavier verhielten sich aber ruhig und gehorchten ihrem Pfarrer. Die Wilden trieben ihr Unwesen wieder überall; sie brachen aus ihren Waldungen hervor und verlegten die Wege nach Peru. Die Pampasindianer fielen in das Dorf Magdalena, etwa eine spanische Meile von Buenos Aires entfernt, ein, raubten die Kinder und mordeten die Erwachsenen. Sie wurden von der Reiterei verfolgt und, als sie sich schon sicher glaubten, überfallen. Zwölf Indianer wurden getötet, sechs gefangen, die übrigen fanden ihr Heil in der Flucht. Die Spanier, durch diesen Sieg ermutigt, drangen noch tiefer in die Waldungen, sahen sich aber am dritten Tage umringt und mit Wut angegriffen und fielen unter den Streichen der Indianer. Vergebens erwartete man ihre Rückkunft. Keiner kam. Der Statthalter schickte Dragoner aus, um Nachricht zu erhalten. Nach vier Wochen rückten diese wieder mit der Kunde ein, das Schlachtfeld gefunden und die von den Tigern abgenagten Knochen ihrer Waffenbrüder gesehen zu haben. Durch Gefangene erfuhren sie die näheren Umstände der Niederlage. Nun wurden zweitausend Mann abgesandt mit dem Befehle, so tief als möglich in die Wildnis einzudringen und die Erschlagenen zu rächen. Ob und wie es diesen gelungen, erfuhren wir nicht, denn wir mußten Buenos Aires verlassen, noch ehe über diese kriegerische Unternehmung Nachricht eintraf.

Während unseres Aufenthaltes in Buenos Aires erschütterte uns das herzzerreißende Schicksal unserer jungen Ordensbrüder. Sie hatten sich in Europa mit heiligem Eifer eingeschifft, um in unsern Missionen im Weinberge des Herrn zu arbeiten. Der Gedanke, daß sie bei ihrer Ankunft den Wirkungskreis ihrer sehnlichsten Wünsche verschlossen sehen würden, kam ihnen nicht in den Sinn. Zehn Monate lang waren sie durch Stürme auf dem Meere umhergetrieben worden. Ohne die traurige Zukunft auch nur zu ahnen, freuten sie sich beim Anblicke Montevideos, endlich wieder Land betreten zu dürfen. Sie warfen die Anker und verließen hoffnungsfroh das Schiff – da kam der niederschmetternde Befehl, kein Jesuit dürfe von Bord gehen, das Schiff müsse wieder nach Spanien zurück, denn der Orden sei vernichtet.

Mehrere Jesuiten lagen auf dem Schiffe gefährlich krank. Man bat, doch wenigstens diese ans Land bringen zu dürfen; aber man erhielt die höhnende, unmenschliche Antwort, es sei einerlei, ob sie zu Wasser oder zu Lande stürben; auf dem Schiffe würden sie nicht einmal einen Totengräber nötig haben. Als aber der Schiffskapitän Vorstellungen machte, die kranken Jesuiten könnten ihm seine ganze Mannschaft anstecken, wurden neun Jesuiten in einer Barke ausgeschifft, um nach Buenos Aires zu den Bethlehemiten gebracht zu werden. In der ersten Nacht ihrer Fahrt schleuderte sie der Sturm an die Felsen, und die Flut nahm jene gastlich auf, welchen man auf dem Lande keinen Ruheplatz gegönnt hatte. Der Leichnam eines Novizen wurde an der Küste von San Sacramento gefunden und dort auf Befehl des portugiesischen Statthalters prächtig begraben.

Der spanische Statthalter in Buenos Aires dagegen ließ einige ans Gestade geworfene Leichen der Jesuiten ohne Sang und Klang einscharren. Solches Verfahren erfüllte alle Bewohner mit Abscheu. Ihr Gefühl wurde noch mehr empört, als man die Kirche des großen Jesuitenkollegs vermauerte und die Kirchengeräte von Gold und Silber in die Wohnung des Statthalters brachte. Der Unwille gegen dessen Betragen äußerte sich laut. Er schrieb ihn der Aufregung zu, welche wir im Volke verursacht haben sollten. Daher verdoppelte er unsere Wachen und ließ uns melden, er werde uns, falls wir mit den Bewohnern der Stadt auf was immer für eine Art in Verbindung träten, auf öffentlichem Platze aufhängen lassen. Diese übertriebene Drohung erschreckte uns zwar nicht, jedoch ließen wir ihm durch unsern Major antworten, wir seien in seinen Händen und müßten uns die Strafe gefallen lassen, falls uns bewiesen würde, daß wir sie verdient hätten und es der Befehl des Königs sei. Verbindungen mit den Spaniern hätten wir seit unserer Gefangennahme überhaupt nicht gepflogen und würden sie aus Gehorsam gegen seinen Willen auch künftig nicht pflegen; das Zeugnis der uns bewachenden Offiziere werde uns rechtfertigen[30].


Abfahrt nach Spanien.

Ende März 1768 hörten wir, zu Montevideo sei eine Kriegsfregatte des Königs von Spanien gelandet. Wir vermuteten, der Zeitpunkt unserer Abführung nach Spanien sei gekommen. Hierin hatten wir uns nicht geirrt. Wir wurden aufgefordert, unsere Bedürfnisse schriftlich anzuzeigen, und erhielten nach einigen Tagen ganze Kisten voll Kleidung und Wäsche, Hüte, Schuhe und jeder ein Pfund spanischen Tabak. Es wurde uns bedeutet, uns reisefertig zu machen; die Offiziere der Fregatte kamen nach Buenos Aires, um uns kennen zu lernen. Ich hatte das Glück, ihnen von unserem Major gut empfohlen zu werden. In Buenos Aires wurde die Verproviantierung des Schiffes besorgt und in Barken nach Montevideo geliefert. Wein, gesalzenes Fleisch, Schinken, geräucherte Zungen, Zwieback, Zucker, Früchte aller Art und von der besten Gattung wurden für die Fregatte angeschafft. Die Kosten beliefen sich auf viele tausend Pesos; denn der König hatte befohlen, für unsere Nahrung und Kleidung reichlich zu sorgen. Hätten wir auch alles das wirklich erhalten, was des Königs Güte uns zugedacht, so hätten wir in der Folge nie Ursache gehabt, über Mangel und Not zu klagen.

Den 1. April 1768 verließen wir Buenos Aires wie Verbrecher. Des Morgens zog doppelte Wache vor unser Haus; nach dem Mittagsmahle wurden wir abgezählt. Wir baten, daß ein sehr schwer kranker Missionär und ein anderer Jesuit aus dem Kolleg zu Cordoba, den unser hartes Geschick um den Verstand gebracht hatte, bei den Bethlehemiten untergebracht würden. Der erstere kam dahin, der andere mußte mit uns. Bei der Hauspforte stand eine Kompagnie Grenadiere, die uns in die Mitte nahm und abführte. Die Soldaten hatten die Gewehre scharf geladen und den Befehl erhalten, auf jeden, der zu entfliehen suchen würde, Feuer zu geben. Obwohl man uns zur Zeit der gewöhnlichen Mittagsruhe aus der Stadt brachte, so waren doch sehr viele Menschen auf den Straßen und bemitleideten uns herzlich. Wir wanderten über eine halbe Stunde weit bis an den Ort, an dem die Barken zu landen pflegen. Dort fanden wir ein großes Zelt aufgeschlagen, in welchem wir auf durchnäßter Erde (denn es regnete, und der Regen drang in das Zelt) ohne Betten schlafen sollten. Wir waren froh, als man uns am andern Tage gebot, in zwei Schiffen zur Fregatte zu fahren. Ein heftiger Sturm machte diese Reise gefährlich und die endliche Ankunft bei der Fregatte „Esmaralda“ erwünscht. Der Kapitän Don Pedro Billano, ein kurzer, dicker, rascher Mann, empfing uns ziemlich frostig, versorgte uns hinlänglich mit Speise, aber alle gleichmäßig, eine Maßregel, mit welcher unsere siebzig- und achtzigjährigen Greise natürlich nicht zufrieden sein konnten, weil der Genuß harter, für sie unverdaulicher Speisen ihre Gesundheit untergrub. Sie klagten untereinander darüber, wurden aber beim Kapitän angezeigt. Derselbe drohte, er werde die Unzufriedenen in Eisen schlagen lassen.

Am 15. Mai wurden Ochsen, Schafe, Hühner und grünes Gemüse auf unsere Fregatte gebracht, und den folgenden Tag lichtete sie die Anker zur Reise nach Spanien. Ein Sturm hätte uns beinahe die weitere Reise erspart; die Geschicklichkeit unseres Kapitäns rettete uns. Wir im unteren Schiffsraume hatten täglich mit Ungemach zu kämpfen. Hunderteinundsiebzig Jesuiten lagen hier im engen Raume beisammen. Unsere Betten waren viel zu kurz und zu schmal, und wir fanden keine Nachtruhe. Zudem quälte uns Ungeziefer jeder Art. Unsere gefährlich Kranken erfüllten uns mit banger Sorge, weil wir ihnen nicht helfen konnten und befürchten mußten, von ihnen angesteckt zu werden. Dieser Gefahr half aber der Kapitän bald mit Menschenfreundlichkeit ab, indem er die Kranken von uns absonderte. Ich für meine Person muß es ihm dankbar nachrühmen, daß er mich, als ich selbst erkrankte, väterlich pflegen ließ. Ich hatte dieses ausgezeichnete Betragen der Empfehlung meines guten Majors in Buenos Aires zu danken. Zwei Jesuiten starben auf unserer Fregatte; man versenkte ihre Leichen ins Meer[31]. Die Nahrung, die man uns reichte, war karg; wenn ich allein aus besonderer Vorliebe des Kapitäns bessere Nahrung erhielt, so blutete mein Herz, da ich sah, wie meine Brüder am Hungertuche nagten. Das Mittagsmahl machte ein kleines Stückchen gesalzenes oder frisches sehr mageres Rindfleisch und ein Löffel voll Linsen und Bohnen aus, die untereinander gekocht waren; dazu gab man uns ein Gläschen Wein. Am Abend brachte man uns Schinken, in kleine Stückchen geschnitten, einen Löffel gesalzener Suppe und ein Gläschen Wein. Für den ganzen Tag erhielt jeder zwei Gläser Wasser.


In Puerto de Santa Maria.

Wir waren so glücklich, nach einer Fahrt von vier Monaten in Cádiz einzulaufen. Kommissäre erschienen, besichtigten unsere Koffer und fragten, ob und wieviel Geld wir bei uns hätten, mit dem Beifügen, die Frage geschehe keineswegs, um es uns abzunehmen. Selbst unsern Tabak, den wir in bleiernen Büchsen mit uns führten, mußten wir gegen die Vertröstung, ihn wieder zu bekommen, abliefern.

Die Fregatte durften wir nur verlassen, um in eine Barke zu steigen, die uns nach Puerto de Santa Maria brachte. Dort ward uns vergönnt, das feste Land wieder zu betreten und unter Begleitung von mehreren tausend Menschen in das Haus der Missionäre zu wanken. Unsere ausgemergelten Gestalten erregten das Mitleid aller Spanier, obwohl sie uns, den ausgestreuten Gerüchten und Verdächtigungen[32] zufolge, für Rebellen und arge Ketzer hielten. Die Fenster unserer Wohnung waren groß wie Türen; jedes hatte einen mit Gitterwerk eingefangenen Balkon, so daß wir außerhalb der Fenster stehen oder sitzen konnten. Die Armen waren den ganzen Tag unter denselben und nahmen die kleinen Gaben, die wir ihnen hinabwarfen, in Empfang. Wir hörten sie oft ausrufen: „Schade, daß diese mitleidigen Priester Ketzer sind!“ So hatte man den gemeinen Mann betört!

Die spanischen Jesuiten waren bereits nach Italien abgeführt. Nur wir amerikanischen warteten hier noch auf einige Fehlende, die durch Stürme oder andere Ursachen verhindert worden waren, zeitig in Europa zu landen. Die Aufsicht über unsere Verpflegung hatte der König dem Marquis Ferry, einem Irländer, einem freundlichen, mitleidigen Herrn, anvertraut, der uns oft besuchte und sich erkundigte, ob wir an irgend etwas Mangel litten; „denn“, sagte er, „es ist der ernstliche Wille unseres Königs, euch anständig zu behandeln“. Er verlangte von uns zu hören, wie wir auf der Fregatte gehalten worden seien. Schon wollten einige die unwürdige Behandlung von seiten des Kapitäns schildern, als ich noch zum Glücke für ihn dazwischen trat; denn ich wußte aus dem Munde des Marquis, daß eine begründete Klage von uns ihn um seine Stelle bringen würde.

Die Zeit wurde uns nicht lange. Wir erhielten tröstliche Besuche, weil jedermann, der vom Marquis einen Erlaubnisschein hatte, mit uns ungehindert sprechen durfte. Nur eine einzige Schildwache stand vor dem Eingänge unseres Hauses.

Unser edler Pflegevater suchte auch noch anderswo Wohnungen für uns aus, weil unser Missionshaus übermäßig angefüllt war und aus diesem Grunde keine Bequemlichkeit gestattete. Die Marquise Borgia nahm zweiundsiebzig Jesuiten samt den Novizen in ihren Palast und pflegte einige Kranke aus ihnen mit wahrer Mutterliebe. Der Guardian der Franziskaner hielt gleichfalls um die Jesuiten an, die aus Deutschland wären, und neunundzwanzig zogen mit mir zu den würdigen Söhnen des hl. Franz, die ihr Kloster am Ende der Stadt auf einem hohen Berge hatten. Wir wohnten hier in einem geräumigen Saale, der eine Ecke des Gebäudes bildete. Von einer Seite überblickten wir Cádiz und jedes Schiff im Hafen, von der andern sahen wir gegen Xerez de la Frontera und die herrlichen Olivenwälder. Die meisten aus uns waren musikalisch. Wir durften uns in Konzerten ergötzen, und bald nahm die ganze Stadt teil an unserer Unterhaltung; und da wir zu bestimmten Stunden Musik machten, lustwandelte der Adel unter unsern Fenstern. Wo nur irgend ein Kirchenfest feierlich begangen wurde, da lud man auch uns dazu. Der Marquis gestattete uns diese Aufheiterungen gern; ihn freute es, wenn wir ihm erzählten, wie herrlich man uns bewirtete. Am Feste des hl. Franz von Assisi beleuchteten seine Ordenssöhne des Nachts ihren Turm, und wir spielten auf selbem Symphonien.

Wir würden hier ganz zufrieden gewesen sein, wenn uns nicht bange Sorge für die Zukunft den Genuß der Gegenwart getrübt hätte. Doch trösteten uns die Berichte über die Art, wie der König die Jesuiten in Spanien behandelt hatte: sie war dem Benehmen Portugals in eben dieser Sache gerade entgegengesetzt. In Spanien wurden zwar auch die Kollegien umstellt, aber die Ordensbrüder doch anständig behandelt. Was sie an Geld oder andern Sachen besaßen, wurde ihnen gelassen; sie durften annehmen, was ihnen gute Freunde schickten, und ihre Verpflegung war sehr gut. Man muß bekennen, daß der König nichts unterließ, was seine Milde ihm eingab. Wie hat er aber doch so hart gegen den Orden sein können? Man sagt, die Ursache davon sei noch in der königlichen Brust verschlossen. Der König ist ein frommer, gewissenhafter Herr. Ob es seine Minister gleichfalls sind, wird Gott mit der Zeit an den Tag geben.

Nach und nach fing man an, strenger gegen die Jesuiten zu verfahren. Es kam der Befehl, daß kein Jesuit aus Italien nach Spanien zurückkehren dürfe. Falls ein Priester des Ordens es wage, dieses Land wieder zu betreten, so werde er für immer eingekerkert; versuche dies ein Laienbruder, so solle er am Galgen sterben. Ich werde nie glauben, daß solche Verordnungen aus dem gütig gesinnten Herzen des Königs hervorgegangen seien.

Ein bejahrter Mann und ein junges Herrchen kamen zu uns und legten uns die Fragen vor: Wie lautet Tauf- und Zuname? woher sind Sie? wie lange sind Sie Jesuit? was für Ämter haben Sie bekleidet? wie kamen Sie nach Indien? wie lange waren Sie dort? wie lange waren Sie in der Mission? und in welcher? waren ihre Eltern alte Christen[33] und Katholiken? – Nur diese und keine andern Fragen wurden an uns gestellt. Von dem Verbrechen der Rebellion und der Ketzerei, die man uns allgemein vorwarf, war gar keine Rede. Dessenungeachtet wurden zwei Deutsche, die Missionäre in Chile gewesen, von uns getrennt und zu den Kapuzinern gebracht. Man behandelte sie dort gut, gab ihnen aber keine Ursache ihrer Versetzung an. Es scheint, man habe diese Übersiedelung nur darum veranlaßt, um die Leute glauben zu machen, die Kommission habe doch etwas entdeckt, was strengere Untersuchung fordere; eine solche aber erfolgte nie. Aus eben diesem Grunde mag ein Arrest für zwölf Gefangene in einem andern Hause angeordnet worden sein; man sprach schon von Jesuiten, die dort in Banden gelegt werden sollten; aber – dieser Kerker erhielt keine Bewohner.


In die Heimat zurück.

Die tausendzüngigen Gerüchte, die uns bald Angenehmes bald Unangenehmes vorgaukelten, machten allein den hiesigen Aufenthalt uns schwer. Daher war uns der Befehl sehr willkommen, daß wir uns reisefertig machen sollten. Wir Deutschen hatten schon früher die Bitte eingereicht, man möchte uns nicht nach Italien, sondern in die Niederlande schicken. Der König genehmigte unser Gesuch und befahl, daß jeder deutsche Jesuit nochmals befragt werden solle, ob er nach Italien oder den Niederlanden gebracht zu werden wünsche. Achtzehn aus uns unterzeichneten sich zur Fahrt ins nordische Meer; die andern Deutschen waren durch die Beschreibung der gefährlichen Seereise in der Nordsee bewogen worden, die Reise nach Italien vorzuziehen.

Den 19. März 1769 fuhren wir auf einer holländischen Fregatte ab. Unser Kapitän Andreas Cornelis von Rotterdam sorgte für uns, obwohl er lutherisch war, sehr gut und unterschlug das Geld nicht, das ihm der König von Spanien für unsere Verpflegung reichen ließ. Der Marquis Ferry übergab uns, jedem einzeln, fünfundsiebzig Doppien[34] als königliches Geschenk. Die Fahrt war angenehm, denn der Kapitän achtete uns und ließ uns gut bewirten. In der Frühe hatten wir die Wahl zwischen warmem Getränke und Butter und Käse samt einem Gläschen Aquavit; bei den gewöhnlichen Mahlzeiten wartete er uns mit spanischen Weinen auf. Ein Liebhaber der Musik, war er gern in meiner Gesellschaft; er lud mich oft in seine Kabine ein zu einem vertraulichen Gespräche bei einem Glase Punsch. Ich verehrte ihm für seine Güte einen Pelz von Otterfellen, von dem ich wußte, daß er ihn gern gekauft hätte, und gewann dadurch seine Zuneigung noch mehr.

Lieber als jede neue Freundschaft war mir die glückliche Ankunft in Ostende. Von hier reiste ich nach Brügge, verweilte acht Tage in dieser Stadt, setzte meinen Weg weiter fort, bis ich den 13. Mai in Eger ankam. Dort erwartete ich den Befehl des Pater Provinzials, in welches Kolleg ich mich begeben sollte.

Ob wir Jesuiten dann Ruhe hatten, ist unnötig zu beschreiben; unser Schicksal ist der ganzen Welt bekannt.




P. Florian Baucke, ein deutscher Missionär in Paraguay (1749 - 1768) b 141.JPG

Karte: Die ehemaligen Jesuitenmissionen in Paraguay.[WS 8]

Anmerkungen

  1. Vgl. darüber A. Huonder S. J., Deutsche Jesuitenmissionäre des 17. und 18. Jahrhunderts, Freiburg 1899, Herder.
  2. So schreibt Baucke seinen Namen in der von ihm selbst korrigierten Abschrift seiner Aufzeichnungen. In seinen im Generalarchiv zu Buenos Aires aufbewahrten Briefen und im handschriftlichen Katalog der Missionäre von „Paraguay“ (1748) lautet der Name Paucke. Vgl. P. Hernandez S. J., El Estrañamiento de los Jesuitas del Rio de la Plata. Madrid 1908, 304.
  3. Huonder a. a. O. 140.
  4. Über diese Missionshospize siehe Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 35 f.
  5. Wie P. Baucke, so sprechen auch andere Missionäre mit hohem Lobe von der portugiesischen Königin Maria Anna aus dem Hause Österreich als einer vorzüglichen Wohltäterin der Missionen und der Missionäre. Siehe Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 52.
  6. Am 15. Juli 1570 war der selige Ignaz von Azevedo mit 39 Gefährten auf der Fahrt nach Brasilien von calvinischen Seeräubern unter Jakob Soria (Sourie) angegriffen und ermordet worden.
  7. Uber die Estanzen (estancias, Viehweiden, Landgüter) und überhaupt über den wirtschaftlichen Betrieb in der Mission Paraguay vgl. im Kirchenlexikon von Wetzer und Welte. 2. Aufl., den Artikel „Paraguay“, Bd IX, besonders Spalte 1466 ff: „Wirtschaftliches System der Reduktionen“. Uber die Anzahl dieser Estanzen braucht man sich nicht zu verwundern, denn der Bestand der Kollegien, die keine andern Fundationen hatten, hing größtenteils von der günstigen Entwicklung ihrer Estanzen ab.
  8. Geboren 1686 zu Plattling in Bayern; in die Gesellschaft Jesu eingetreten um 1704; ging um 1717 nach Paraguay, wirkte in verschiedenen Reduktionen, war Rektor des Kollegs zu Santa Fé, Oberer der Paraná-Missionen und Provinzial von Paraguay, gab verschiedene Verteidigungsschriften heraus. Siehe Huonder. Deutsche Jesuitenmissionäre 146.
  9. Zur besseren Orientierung diene folgendes: Das Gebiet der ehemaligen Jesuitenmissionen in Paraguay umfaßte im Sinne der älteren Missionsberichte das ganze spanische Kolonialreich zwischen den Anden und dem La Plata. Die Mission zerfiel in 4 Gruppen, die gut zu unterscheiden sind: 1. Die Chiquitos-Mission, zum Teil im heutigen Staate Bolivia; sie zählte 1767 in 10 Reduktionen über 20 000 christliche Indianer. 2. Die Guarani-Mission a, Paraná und Uruguay, zum großen Teile im heutigen brasilianischen Staate Rio Grande do Sul und in den argentinischen Provinzen Corrientes und Misiones. Sie bildeten den Kern der alten Jesuitenreduktionen von Paraguay. Hier wohnten 1767 über 90 000 christliche Indianer in 30 Reduktionen. 3. Die Chaco-Mission am westlichen Ufer des Paraná zwischen Corrientes und Santa Fé umfaßte 1767 rund 10 000 Indianer in 15 Ortschaften. 4. Die Pampas-Mission in Nordpatagonien, in welcher 1767 zwei Reduktionen bestanden (vgl. Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 139). Das Arbeitsfeld P. Bauckes war die Gran Chaco-Mission unter den „berittenen Indianern“, wie diese wilden kriegerischen Nomadenstämme im Gegensatze zu den mehr seßhaften und friedlicheren Guaranis genannt wurden. Über Standort, Kopfzahl, Lebensweise usw. der verschiedenen Stämme vergleiche den Aufsatz „Die Völkergruppierung im Gran Chaco im 18. Jahrhundert“. Nach der spanischen Handschrift eines unbekannten Verfassers veröffentlicht von A. Huonder S. J. in der Zeitschrift „Globus“ LXXXI 387 ff. Von den Mokobiern (Mocobi, Mokowi) heißt es dort (S. 389): „Sie wohnen an beiden Ufern des Rio Grande oder Vermejo, unterhalb der Tobas, ihrer Nachbarn; einige Gruppen siedeln mehr entfernt vom genannten Fluß nach dem Salado, d. h. nach Südwesten hin. Sie zählen im ganzen 2000–3000 Seelen, abgesehen von jenen, die mehr in den vom Rio Grande und Pilcomano weiter entfernten Wäldern hausen. Die Mokobis sind sehr tapfer, kriegerisch, gelehrig, überhaupt trefflich veranlagt.“
  10. Die Abiponer-Nation (span. Abipones) stieß an die Mokobis und bewohnte das östliche Grenzgebiet des Chaco an den Ufern des Rio Grande und in dem Mittelland zwischen diesem Flusse und dem Pilcomayo, unweit von der Mündung beider in den Paraguay. Die Abiponer kamen an Zahl und kriegerischer Gesinnung den Mokobis gleich, ohne diese in der Tapferkeit, Gelehrigkeit und in ändern guten Eigenschaften zu erreichen. – Die Sprachen der Tobas, der Mokobis und der Abipones waren untereinander ziemlich verwandt und verhielten sich etwa wie das Italienische, Französische und Spanische. Vgl. „Die Völkergruppierung im Gran Chaco im 18. Jahrhundert“: Globus LXXXl 389.
  11. „Die Payaguas“, so schildert der schon erwähnte Bericht des 18. Jahrhunderts (Globus LXXXI 389) diesen Stamm, „sind die hinterlistigsten, niederträchtigsten und in ihrem Heidentum hartnäckigsten Indianer (dieses Gebietes)…. Sie treiben in ihren leichten Kanoes überall auf dem Rio Paraguay als Flußräuber ihr Unwesen und leben von Fischfang usw.“
  12. Über den hohen wirtschaftlichen Aufschwung der älteren Reduktionen, besonders unter den Guaranis, über verschiedene Landesprodukte, über Gewerbe, Industrie und Handel, über Eigentumsverhältnisse und Güterverteilung, über Nahrung, Kleidung und relativen Wohlstand vgl. Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX, bes. Sp. 1466 ff.
  13. Es war dies die Chicha [spr. tschidscha], ein aus Mais, Zuckerrohr, Honig oder den Früchten des Johannisbrotbaumes gegorenes, berauschendes Getränk, das bei den meisten südamerikanischen Stämmen bekannt ist.
  14. Die Blätter des Ilex Paraguayensis, der in den Wäldern Paraguays (herbales) wild wächst, liefern noch heute das beliebteste Volksgetränk in Südamerika. Durch Aufschütten heißen Wassers auf die getrockneten Blätter erhält man einen gesunden, stärkenden Tee. Über die Verdienste der Jesuiten um die Kultur dieser wichtigen Nutzpflanze siehe „Handbuch der Geographie und Statistik“ I 3, von Dr J. E. Wappäus, Leipzig 1863–1870, 1154 f.
  15. Vgl. hierzu Nr 104/05 der „Kathol. Flugschriften zur Lehr und Wehr“, Berlin, Verlag der „Germania“: „Pastor Pfotenhauer und die Erziehungsgrundsätze der Jesuiten, ein Beitrag zur Würdigung des Werkes ,Die Missionen der Jesuiten in Paraguay“’ von A. Huonder, Berlin 1886.
  16. Vielleicht ist hier gemeint P. Sigismund Baur (Paur), geb. 1719 zu Weisingen in Schwaben, in die Gesellschaft Jesu eingetreten 1740, in Paraguay seit 1748. Siehe Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 140.
  17. Es ist bekannt, welch eine wichtige Rolle die Musik bei Missionierung wilder Völker oft spielt und wie sehr Musik zur Veredlung der rohen Gemüter beiträgt. Auch auf diesem Gebiete haben namentlich die deutschen Patres sich große Verdienste erworben, so bei den Guaranis P. Sepp ans Tirol, P. Böhm aus Amberg, P. Brigniel aus Klagenfurt, bei den Chiquitos der Schweizer P. Martin Schmid und P. Johann Mesner. Nähere Angaben bei Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 83 ff. Über die musikalischen Leistungen P. Bauckes bei den Mokobiern schreibt P. Martin Dobrizhoffer, der Vorgänger Bauckes in der Reduktion S. Xavier: „In der Musik hatten die Mokobier einen vortrefflichen Lehrmeister, den P. Florian Baucke, einen Schlesier. Er war nicht bloß ein geschickter Geiger, sondern auch ein stattlicher Komponist. Durch seinen täglichen Unterricht brachte er es dahin, daß nicht wenige ganz artig geigen und singen lernten und dadurch ihren Gottesdienst in der Kirche zur innigen Freude des Volkes verherrlichten. Da sich der Ruf hiervon im ganzen Lande ausbreitete, wurden die mokobischen Tonkünstler samt ihrem Meister bald nach Buenos Aires und bald nach Santa Fé eingeladen, wo sie unter einer wohlgeordneten Instrumentalmusik nach allen Regeln der Tonkunst Messe und Vesper absangen. Alle bewunderten das Sanfte und Harmonische ihrer Töne, und manche Spanier weinten dabei wohl auch eine Zähre mit, wenn sie sich an den Schrecken erinnerten, den ihnen die Mokobier, die Väter dieser Jünglinge, noch vor wenigen Jahren so vielmal einjagten, als sie ihre furchtbaren Kriegshörner und Stimmen bei ihren feindlichen Anfällen erschallen ließen“ (Geschichte der Abiponier. Aus dem Lateinischen übersetzt von Kreill, 3. Teil. 136 f).
  18. Geb. 24. März 1699 zu Klagenfurt in Kärnten, in den Jesuitenorden eingetreten am 9. Oktober 1716; ging nach Paraguay 1728. Siehe Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre, bes. S. 141.
  19. Über den wirtschaftlichen Betrieb in den Redaktionen siehe Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX 1466 ff: „Wirtschaftliches System der Reduktionen“, und „Kathol. Missionen“, Jahrg. 1897, S. 155: „Der wirtschaftliche Betrieb in den Reduktionen von Paraguay“.
  20. Die hier angedeuteten Anklagen und Vorurteile gegen die Reduktionen gingen besonders von den eifersüchtigen spanischen Kolonisten aus und hatten bereits unter König Philipp V. zu eingehenden Untersuchungen geführt. Das Ergebnis einer zehnjährigen Untersuchung kam in dem vielgenannten Dekrete vom 28. Dezember 1743 zum Ausdruck. Dieses Dekret enthält eine ruhmvolle Rechtfertigung und Freisprechung des Ordens. Näheres Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX, bes. Sp. 1475 ff.
  21. Der Kommandant von Santa Fé konnte nicht ohne weiteres über die Streitkräfte der Reduktion verfügen. Die Indianer-Reduktionen standen unmittelbar unter der Krone und waren von der Kolonialregierung nur so weit abhängig, als der König bestimmte. Näheres Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX 1471 ff.
  22. Joseph Lehmann, geb. 1723 zu Landeck (Tirol?), in die Gesellschaft Jesu eingetreten 1747, ging bereits als Scholastiker nach Paraguay. Vgl. Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 145.
  23. Wie wir aus Kobler 613 erfahren, legte P. Baucke in St Peter auch den Grund zur wirtschaftlichen Entwicklung. Er befahl sowohl für die Gemeinde überhaupt als auch für die einzelnen Familien insbesondere den Anbau der nötigen Felder, legte einen großen Garten an, für den er aus seiner Baumschule in St Xaverius Obstbäume verschiedener Art kommen ließ, bestimmte zwei große Felder für die Kultur der Baumwolle und erzielte schon im ersten Jahre eine reiche Ernte von 25 Zentnern Baumwolle. Von den Spaniern erbettelte er für die neue Reduktion 700 Stück Hornvieh, 52 Pferde und mehr als 200 Schafe.
  24. Vgl. Huonder, Deutsche Jesuitenmissionäre 151. – Vor P. Wittermayrs Ankunft versah, während P. Baucke sich in der neuen Reduktion St Peter aufhielt, ein anderer Missionär die Seelsorge in St Xaverius. Dieser hatte bereits einige Jahre unter den Abiponern zugebracht, jedoch die Sprache der Mokobier bald so weit erlernt, daß man ihm die Reduktion anvertrauen konnte. Vgl. Kobler 612.
  25. Über den sog. „König Nikolaus“ und andere Verleumdungen vgl. Duhr, Jesuitenfabeln (1904) 234 ff.
  26. Siehe Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX 1475 f: Der Untergang der Reduktionen.
  27. Vgl. den Aufsatz „Die Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay, ein denkwürdiges Blatt der Missionsgeschichte.“ Nach den Tagebuchblättern des P. Joseph Peramas S. J. in der Monatsschrift „Die Kathol. Missionen“ (28. Jahrg., 1899/1900). Dort werden einige Einzelbilder aus diesem herzzerbrechenden Trauerspiele mit ergreifender Anschaulichkeit vor Augen geführt. Das Verbannungsdekret, das der arme verblendete Karl III. am 2. April 1767 unterschrieben hatte, war, wie die „Kathol. Missionen“ mit Recht sich ausdrücken, „die Todeswunde der Indianermissionen Südamerikas, aber auch das Todesurteil der spanischen Herrschaft in der Neuen Welt“.
  28. Der arme schwache König Karl III. von Spanien war das Opfer der rücksichtslos mit allen Mitteln tückischer Verleumdung betriebenen Hetze gegen die Jesuiten, das willenlose Werkzeug in der Hand des Ministers Aranda geworden, der wie Pombal in Portugal und Choiseul in Frankreich ein Todfeind des Jesuitenordens war. Vgl. Weld, History of the Suppression of the Society of Jesus, London 1877.
  29. Es war der Marquis von Bucarelli, „seit lange einer der Hauptwidersacher der Jesuiten in Paraguay, der sich beeilte, das königliche Dekret mit der größten Rücksichtslosigkeit zur Ausführung zu bringen“. Vgl. das scharfe Urteil über diese Gewaltmaßregeln, das der Protestant Wappäus fällt (Handbuch der Geographie und Statistik I 3, 1013 f).
  30. Hören wir, was der Protestant Wappäus über diese Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay sagt. „Es gehört jetzt nicht mehr viel Mut zu der Behauptung, daß diese Maßregel ebenso ungerecht gegen die Missionäre als verderblich für die Indianer und damit für jene Länder überhaupt ein Unglück gewesen; denn neuere Schriftsteller, welche die Geschichte der Missionen an Ort und Stelle gründlich studiert haben, wie u. a. Funes, Demersay und Martin de Moussy, haben die Ungerechtigkeit der Vertreibung der Jesuiten aus ihren Missionen auf das klarste nachgewiesen, und daß ihre Missionstätigkeit unter den Indianern Süd-Amerikas eine bewunderungswürdige gewesen, ist fast ohne Ausnahme von allen europäischen Reisenden anerkannt, welche mit deren Schöpfungen in Süd-Amerika bekannt zu werden Gelegenheit gehabt haben… Die Feinde des Ordens triumphierten, die Mehrheit der Bewohner des spanischen Süd-Amerika aber wurde, wie ein neuerer argentinischer Publizist sich ausdrückt, mit Schrecken erfüllt über diese harten Maßregeln gegen die Jesuiten-Patres, welche sich als die treuesten Untertanen Spaniens, als eifrige und unermüdliche Stützen des Katholizismus, als die Verbreiter der Zivilisation unter den Indianern und als Förderer des Unterrichts unter den Kreolen zu betrachten gewohnt waren. Ein Jahrhundert (Wappäus schrieb um 1865) ist seitdem verflossen; sie sind dort nicht ersetzt, aber heutzutage noch lebt ihr Andenken in Segen unter den Indianern fort, welche von der Regierung der Patres mit Begeisterung wie von einem goldenen Zeitalter reden“ (Handbuch der Geogr. und Statistik I 3. 1013). Vgl, die Zeugnisse des deutschen Amerikaforschers Dr Karl v. Steinen in den „Kathol. Missionen“, Jahrg, 1893, S. 136, und des deutschen Kapitäns Jerrmann ebd. Jahrg. 1904/05, S. 191.
  31. „Wir waren übrigens noch die glücklichsten; denn die vor uns die Überfahrt gemacht, hatten viele Genossen auf der Reise eingebüßt. Von 32 derselben, welche das Schiff führte, das unmittelbar vor der Esmaralda abgefahren war, war die Hälfte gestorben und ins Meer gesenkt worden. Wie wir später, als wir in Puerto de Santa Maria, wo fast alle Missionäre aus Amerika zusammentrafen, fanden, sind bei dieser Überfahrt gegen 500 Jesuiten auf dem Meere gestorben.“ Kobler 686.
  32. „Eine Flut von Schmähschriften, gefälschten Aktenstücken und lächerlichen Fabeln, wie derjenigen von Kaiser Nikolaus I. von Paraguay, ging damals hauptsächlich von Portugal aus und wurde durch die antijesuitische Partei durch ganz Europa kolportiert“ (Wetzer und Weltes Kirchenlexikon IX 1476).
  33. Christianos viejos (alte Christen) im Gegensatz zu den aus bekehrten Juden- oder Maurenfamilien stammenden, denen die Spanier nie recht trauten und die sie stets als Spanier zweiter Klasse behandelten.
  34. Eine Doppia, italienische Goldmünze, betrug damals 28–30 Mark.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Quelle unleserlich
  2. Hornung ist ein alter deutscher Name für Februar.
  3. Alumnat: Klosterschule (Internat) der Jesuiten.
  4. Vorlage: Punkt am Satzende fehlt.
  5. Zähren ist eine veraltete Bezeichnung für Tränen.
  6. Vorlage: Punkt am Satzende fehlt.
  7. José Antonio Gutiérrez (1742-1791)
  8. Beschreibung der Abbildung gemäß Abbildungsverzeichnis ergänzt.