Pariser Bilder und Geschichten/Ein Besuch bei Thiers

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Textdaten
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Autor: N. N.
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Titel: Ein Besuch bei Thiers
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 9–11
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.
Ein Besuch bei Thiers.

Auf dem Platze St. Georges wird dem Fremden ein elegantes Hotel gezeigt, dessen Vorhof mit einem vergoldeten Gitter eingefaßt, und dem hoch emporgewachsene Baume ein frisches anmuthiges Aussehen verleihen.

„Hier wohnt der kleine Thiers!“ verkündigt lakonisch der Cicerone, denn er weiß, daß dieses Wort hinreicht, die Aufmerksamkeit des Ausländers oder des Provinzialen auf das bezeichnete Haus zu lenken.

„Nicht übel für einen ehemaligen Proletarier,“ dachte ich bei mir, als mir diese kurze Andeutung zu Theil wurde.

„Ist es schwer, sich dem Herrn Thiers vorzustellen?“ frug ich.

„Unmöglich, wie Sie wohl denken können, ohne besondere Empfehlung,“ lautete die Auskunft meines Führers, der, wie ich später erfuhr, Vieles in seinem Leben versucht hatte, dem viele Pläne gescheitert waren, ehe er zu seinem gegenwärtigen Beruf gelangt war.

„Warum diese Unzugänglichkeit?“ frug ich weiter.

„Wäre die Thüre zu dem berühmten Manne immer und Jedem offen, so hätte er keinen Augenblick zu seiner Verfügung, in dem Maße wurde er von allerhand Zudringlichen überlaufen und bestürmt. Jeder Schüler brächte ein Manuscript und verlangte Rath, Urtheil, Empfehlung; jeder Zeitungsleser kramte ihm seine politische Weisheit aus, um sich vom Staatsmann loben zu lassen, jedes Stückchen Ehrgeiz würde Unterstützung verlangen. Neugierige, Enthusiasten und Enthusiastinnen würden die Zimmer des Hotels füllen, Autographenliebhaber die ganze schriftstellerische Thätigkeit des Berühmten in Anspruch nehmen. Sie sind ein Fremder und kennen unser Paris nicht, wo Jeder ausgebeutet wird, der sich nicht wehrt.“

Ich war belehrt und wir gingen weiter.

Nach einiger Zeit gelang es mir, ein Empfehlungsschreiben an den ehemaligen Minister zu erlangen und ich verfügte mich in das wohlbekannte Hotel. Der Corridor, das Vorzimmer oder vielmehr Wartesaal, die vielen Diener in Livrée, Bilder und Statuetten, die Marmortreppe mit dem prunkenden Teppich über dieselbe gebreitet, verkündeten den Reichthum eines Fürsten. Ein Diener meldete mich und zurückkehrend ließ er mich wissen, daß sein Gebieter in diesem Augenblick dringend beschäftigt, sich für den nächsten Tag um sieben Uhr Morgens meinen Besuch erbitte. Ich glaubte unrichtig gehört zu haben und frug: „Um sieben Uhr Morgens?“

„Ja wohl, mein Herr,“ erwiederte der Diener.

Und als ich mich zur angezeigten Stunde einfand, war Herr Thiers bereits in fertiger Toilette, im schwarzen Frack, dem Lieblingskleid des Staatsmannes, in seinem Arbeitssaale von Geschäften in Anspruch genommen. Der Luxus eines gebildeten, kunstsinnigen Mannes in dem Arbeitssaale wirkte viel wohlthuender auf mich, als der banale Ausdruck des Reichthums in den anderen Theilen des Hauses, durch die ich kam.

Herr Thiers empfing mich höflich mit einfacher Freundlichkeit und in einem Nu war ein lebhaftes Gespräch im Gange.

Sein Aeußeres ist wenig anziehend, aber es interessirt durch sein besonderes Gepräge. Eine hohe breite Stirn ist sichtlich der Schauplatz einer lebhaften, ununterbrochenen Gedankenjagd. Hinter Augenfasern glänzt ein Auge, sprühend von Geist und südlichem Feuer und von durchdringender Schärfe; die Gestalt ist klein, es fehlt ihr nicht an einem komischen Anstrich. In dem ganzen Wesen spricht sich etwas Koboldartiges aus. Man glaubt gar nicht, [10] daß aus diesem Munde mit den ironischen Winkeln etwas Anderes als neckender Hohn heraus kommen könne. Man ist erstaunt den Mann ernst reden zu hören und glaubt am Ende, daß selbst dieser Ernst nichts als Scherz sei.

Herr Thiers spricht viel, unterscheidet sich aber von den meisten Redseligen dadurch, daß er auch viel zuhört, wenn Andere sprechen. Er erzählte von seinen Reisen durch Deutschland, um die dortigen großen Schlachtfelder bei Jena, Leipzig, Wagram zum Gebrauch für seine Geschichte zu betrachten. Er sprach vergleichend von Wien und Berlin, und ich mußte finden, daß er eben so wie seine Landsleute sammt und sonders von deutschem Leben und Empfinden, deutscher Kunst, deutscher Anschauungsweise und deutschem Charakter keinen Begriff habe, und daß er so wie die Andern sein Urtheil über unser Land und Volk in die fertigen französischen Phrasen zwängt, die auf unsere Verhältnisse und Zustände gar nicht anzuwenden sind. Nur die Pointen, welche mit unterliefen, gehörten dem geistreichen Redner an.

„In Berlin ward ich frostig aufgenommen," erzählte er, „ich weiß nicht ob daran meine ausgesprochenen Rheingelüste oder das nordische Klima und der sandige Boden, der keinen Wein hervorbringt oder gar die deutsche Philosophie, welche in der Stadt an der Spree so übermäßig von Jung und Alt, von allen Ständen und Geschlechtern getrieben wird, Schuld waren. In Wien wurde ich viel gastfreundlicher empfangen. Man schien an der Donau viel mehr meine rednerische als meine politische Richtung zu berücksichtigen. Selbst Herr von Metternich war sehr zuvorkommend und behandelte mich wie einen berühmten Künstler. - Wien machte auf mich den Eindruck eines Fashionable, der sich nur um Vergnügen und Zerstreuung, um Tänzerinnen, Schauspielerinnen, Pferde, Tafel und Lustparthien kümmert und gerade so viel von Bildung erhascht, als zu einem angenehmen Verkehr erforderlich. - Berlin hingegen kam mir wie ein Stubengelehrter vor, der viel weiß und viel denkt; aber immer morose und ein schlechter Gesellschafter ist.“

Eine ganze Stunde war ich bei Herrn Thiers geblieben, sie war wie eine Minute verflogen und als ich ihn verließ, da schwirrte es in meinem Kopfe von tausend Gedanken, welche durch die Unterhaltung mit dem Exminister angeregt und belebt wurden.

Ich fand bei Herrn Thiers eine leichte Weise des Benehmens, welches die Mitte hält zwischen Intimität und Vornehmthuerei. Die Conversation wurde durch ihn so rasch angeknüpft, so lebhaft geführt, daß sich alles Gezwängte und Peinliche einer ersten Begegnung im Nu verlor, und was ich besonders anziehend an dem politischen Kobold fand, der Europa fortwährend geneckt, ist das große Interesse, welches er an allen Fragen nimmt oder zu nehmen scheint, die er im Gespräche zur Verhandlung bringt. Er läßt Einen immer fühlen, daß er sich belehren lassen wolle und gesteht dadurch Jedem, der mit ihm spricht, ein Stückchen Ueberlegenheit zu. Dieser eigenthümliche Kitzel der alltäglichen Eitelkeit hat dem begabten Manne auf seiner politisch-constitutionellen Laufbahn wesentliche Dienste geleistet, indem er ihm Anhänger und Stimmen gewann.

Louis Adolph Thiers ist am 16. April 1797 zu Marseille, der südlichen Seestadt, geboren. Sein Vater war ein Hafenarbeiter von nicht ganz untadelhaftem Lebenswandel, aber seine Mutter war die würdige Tochter einer ehrenwerthen Kaufmannsfamilie und von dieser Seite hat Herr Thiers eine ausgezeichnete Verwandtschaft, denn André Chenier, der berühmte Poet und Girondist, war sein Vetter. Die große Dürftigkeit, in welche die Familie seiner Mutter verfiel, erklärt die ungleichartige Verschwägerung.

Als Napoleon I. den Universitätsunterricht in Frankreich einführte, war Thiers gerade in dem Alter, seine Studien zu beginnen. Er trat in das Lyceum zu Marseille mit einem kaiserlichen Stipendium versehen, das ihm seine Mutter ausgewirkt. Im Anfange überließ er sich ganz seinem Muthwillen und kümmerte sich wenig um die Wissenschaft. Er hatte fortwährend Zank und Streit mit seinen Mitschülern, und selbst seinen Lehrern gegenüber ließ er es an der schuldigen Achtung fehlen. Man erzählt, daß er es sich einmal beikommen ließ, Pech auf den Stuhl seines Professors zu legen, um ihn, wie er sagte: „unabsetzbar“ zu machen. Ein andermal zog er während der Vorlesung einen jungen Kater aus seinem Pult, dessen Pfoten er in Nußschalen gesteckt hatte, und ließ ihn unter dem Tische los. Erschreckt durch das Geklapper der ungewohnten Fußbekleidung, sprang das Thier mit kläglichem Geschrei wüthend umher. Man denke sich den Aufruhr in der Schule. Der Unruhstifter ward zu acht Tagen Haft verurtheilt. Die Strafen wirkten nicht; aber eine Zurechtweisung, in welcher man dem Alumnen die Wohlthat vorhielt, die er leichtsinnig vergaß, verletzte und demüthigte ihn so sehr, daß sie eine plötzliche Umwandlung in seinem ganzen Wesen hervorbrachte. Diese Demüthigung machte den Knaben ernst, arbeitsam bis zur Unermüdlichkeit, besonnen. – Ein wunderbarer Charakterzug bei einem Kinde. Von nun an erhielt der kleine Thiers fortwährend und bis zum Jahre 1815 den ersten Preis in seiner Klasse.

Durch die Vorbereitungsschulen gelangt, ging er nach Aix, um daselbst die Rechte zu studiren. Frei von jenen Fesseln, die ihm die kaiserliche Unterstützung angelegt hatte, gab er sich seinen Widerstandsgelüsten auf eine ernstere Weise hin, als früher, wo er durch muthwillige Streiche Professor und Mitschüler in Aufruhr gebracht. Die politische Bewegung, die zu jener Zeit überall hin, in jedes Dorf, in jede Gemeinschaft, in alle Geister eine strenge Scheidung brachte, riß ihn in ihre Wirbel fort, und in einem Alter von 18 Jahren war Thiers, seiner unansehnlichen Aeußerlichkeit zum Trotz, Mittelpunkt, Führer der liberalen Partei unter seinen Mitschülern, denen sich andere gleichgesinnte junge Leute anschlossen. Die unbedingten Anhänger der Bourbons unter den Bürgern sowohl als unter den Schülern und Professoren haßten auf’s Bitterste den jungen Rebellen, dessen Wort sich schon damals geeignet zeigte zu überreden, hinzureißen und besonders zu überführen. Der junge Mann arbeitete mit einem Eifer und einer Ausdauer, die man seinem leichten beweglichen Geiste gar nicht zugemuthet hätte; er übte sich auf’s Anhaltendste im Denken, im Ordnen und Ausdrücken seiner Gedanken.

Die Akademie zu Aix schrieb einen Preis auf die beste Lobrede zu Ehren des berühmten Marquis von Vauvenargués aus. Der angehende Jurist behandelte die Aufgabe. Er besorgte zwei Kopien der Ausarbeitung, von denen er Eine unter der üblichen Form der Akademie zustellte und die Andere seinen intimsten Freunden vorzulesen sich das Vergnügen bereitete.

Die Mitbewerbung des kleinen Thiers um den Preis blieb nun kein Geheimniß. Auch gelang es den Akademikern, von denen ein Theil den Bourbons eben nicht ergeben war, Zeichen zu erhalten, an denen sie die Arbeit des gehaßten Gegners zu erkennen vermochten. Auf diese Weise geschah es, daß die Stimmen getheilt waren und die Preisvertheilung vertagt wurde.

Das nächste Jahr legt der kleine Revolutionair ganz einfach die bekannte Arbeit der Akademie vor. Die Richter sehen sich gezwungen, ihr ein „accepit“ zuzuerkennen. Mit dem Preise gekrönt wird eine Lobrede Vauvenargués, die aus Paris gekommen war, und auf die alles Lob der gelehrten Gilde ohne Unterschied der politischen Meinung geschüttet wurde. Welches war das Erstaunen der Preisrichter, als sie das Siegel von dem Papier, das den Namen des Verfassers einschloß, rissen und unsicher zaudernd „Adolph Thiers“ lasen, der die Sendung der Rede von Paris aus veranstaltet. Der vollgedrängte Saal bricht in ein lautes Gelächter aus. Die Akademiker senken beschämt und geärgert die Blicke. Die politische Leidenschaft mischt sich nun in die Angelegenheit, und der Preisgekrönte wird von den Einwohnern zu Aix im Triumphe durch die Straße getragen.

Für den jungen Thiers gab es nur einen Weg, den er einschlagen konnte: den nach Paris.

Als er seine Rechtsstudien vollendet hatte, machte er sich in der That mit seinem Freund und Schulkameraden Mignet auf die Reise, und sie gingen Beide nach der Haupt- und Residenzstadt an der Seine, nach dem Mekka des Ehrgeizes, nach dem Eldoraldo aller glücksuchenden Franzosen. Herr Thiers mußte nach Paris gehen, denn diese Stadt und dieser Mann sind wie für einander geschaffen. Beide unbeständig, beweglich, rastlos, fieberhaft, in stetem Wechsel mit Neigung und Leidenschaft, gehören zusammen. Der junge Pilger brachte nach dem Ziel seiner Wallfahrt nichts mit als seine 20 Jahre, die Gabe der Rede, die Preisschrift im Koffer, schimmernde Schlösser, wie sie die Jugend baut, in der Seele und den festen Willen, emporzukommen, so hoch es geht.

Die Tempel des Glückes zu Paris haben eiserne Thüren, in die man auf dreierlei Arten zu gelangen vermag, entweder durch einen goldenen Schlüssel, der alle Thüren öffnet, durch Kraft, welche zertrümmert, oder indem man geschmeidig hexenhaft [11] durch das Schlüsselloch schlüpft. Letzteren Weg nahm der kleine biegsame Glücksritter aus Marseille.

Im Anfang hatten die beiden Schulfreunde recht schlimme Tage, in einer ärmlichen Wohnung der Passage Montesquieu untergebracht, waren sie so verlassen, wie man es nur in Paris sein kann, wo man oft von jedem vergessen wird, nur nicht von dem Hunger, der stets und regelmäßig seine Armenbesuche macht.

Der kleine Thiers lief umher, überall anklopfend, überall seine Dienste anbietend in Redaktionskanzleien und Ministerien. Umsonst! Da packte er seine beiden Preisschriften zusammen, schrieb mit großer Gewandtheit einen Brief, in welchem er die ganze Schönheit seines Styls heraustreten ließ, und in welchem die drollige Geschichte der Mystification der realistischen Akademiker erzählt war und trug das Päckchen in die Deputirtenkammer zur Abgabe an Herrn Rochefoucauld-Liancourt, einem der Häupter der liberalen Partei. Der Zufall fügte es, daß der Glücksucheude gerade an dem Tage und in der Stunde den Vorsaal des Palais Bourbon betrat, als Manuel durch Diener der Gerechtigkeit von der Rednerbühne gerissen und in’s Gefängniß fortgeführt wurde, weil er sich zu erklären vermaß, daß er „mit allem Widerwillen seiner Seele“ die Rückkehr der Bourbonen nach Frankreich gesehen. Der junge Südländer sah die Scene, und als man ihm den Namen des Mannes sagte, der die Mißhandlung erfuhr, näherte er sich dem Deputirten, und hingerissen von seinem heißen Blute – denn damals hatte er noch heißes Blut – rief er: „Rache! Die Abeordneten sind unantastbar. Wehe denen, welche die Charte zerreißen!“

„Schweigen Sie,“ ermahnte Manuel in mildem Tone den unvorsichtigen Jüngling, „wollen Sie sich denn einsperren lassen? Wie heißen Sie?“

Thiers gab dem Fragenden seine Karte.

Einige Tage nachher hatte unser kleiner Held zwischen der Stelle eines Secretairs bei Rochefoucauld-Liancourt und der eines Mitarbeiters am Constitutionel, dem einflußreichsten Oppositionsblatte, zu wählen. In richtiger Beurtheilung des Dargebotenen entschied er sich für Letztere. Und somit hatte er die erste Stufe zu seinem Glück betreten. Von nun an ward ihm seine Fähigkeit und Gewandtheit zur Schwinge, und er flog so hoch, als sich ein Mensch nur wünschen kann, der ohne ein Anrecht auf eine Krone zur Welt gekommen. Von allen Journalisten der Opposition war er es, der am Kühnsten, am Schneidensten, am Schonungslosesten die Feder führte, Niemand wie er verstand die Pfeile zu werfen, spitz und scharf geschossen, die ohne gewaltsame Risse bis in’s Herz des Feindes drangen. Alle schriftstellerischen und nicht schriftstellerischen Notabilitäten erblickten in dem kleinen Journalisten einen David, der es mit einem Goliath aufzunehmen vermöchte. Herr Talleyrand, der eben nicht verschwenderisch mit Anerkennung war, wollte das Schlänglein, das im Constitutionel so giftig züngelte und biß, in der Nähe betrachten und ließ sich den jungen Zeitungsschreiber vorstellen. Mehr noch als die Artikel gefiel dem alten Diplomaten das Gespräch Thiers’; er lud ihn ein, öfters zu kommen und weihte ihn in die Staatskünste ein.

Bald setzte der junge Schriftsteller durch seine Geschichte der französischen Revolution Frankreich in Erstaunen und die Tuilerien in Schrecken. Das Werk galt für eine That und verschaffte ihm nach der Julirevolntion einen Sitz in der Kammer der Abgeordneten. Wo möglich noch mehr denn als Schriftsteller machte sich Herr Thiers als Redner geltend. Und wenn er von der Rednerbühne herab sprach, auseinandersetzte, erzählte, besonders wenn er ausfiel und die Wappenmänner auf der Ministerbank angriff, lauschte ganz Europa ängstlich, damit ihm ja kein Wörtchen verloren gehe. Thiers als Redner ist ein Wunder. Weder durch das Organ, noch sonst durch einen äußern Vortheil begünstigt, ist es lediglich die natürliche Anmuth des Gedankens und des Ausdrucks, ist es die Feinheit der Wendungen, sind es die tausend Einfälle, welche sich so leicht und frei aneinander fügen, denen es zuzuschreiben, daß man sich umstrickt und fortgezogen fühlt, wenn man auch die Ansicht des Redners verwirft. Thiers auf der Rednerbühne unterhält und belustigt, er tödtet durch Erheiterung das strengste Urtheil. Und erst wenn er ausgesprochen, kann sich der Unwille gegen ihn wenden. Jetzt ist er stumm. Alles Einflusses entledigt, ist er ganz und gar mit seinen historischen Arbeiten beschäftigt. Thiers wird so hart von dem Parteihaß nicht nur in seinem politischen, sondern in seinem Privatleben angegriffen, daß er mit Maria Stuart sagen kann: „Ich bin besser als mein Ruf.“

Nichts ist ungerechter als der Vorwurf, der ihm allenthalben gemacht wird, daß er seine Ueberzeugung geändert, denn er hat nie eine gehabt.