Pomologische Monatshefte:1. Band:2. Heft:Gemachte Erfahrung, wie verpflanzte junge Obstbäume, die nicht ausschlagen wollen, fast mit Sicherheit in Trieb gebracht werden können

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 2, Seite 60–64,
unter: Praktischer Obstbau und Obstbenutzung
Johann Georg Conrad Oberdieck
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Ueber die neue Himbeere Merveille des quatre saisons à fruit blanc
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Verfahren, Senfbirnen zu bereiten
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Gemachte Erfahrung, wie verpflanzte junge Obstbäume, die nicht ausschlagen wollen, fast mit Sicherheit in Trieb gebracht werden können.
Mitgetheilt vom Superintendenten Oberdieck.

Wie Zufall und widrige Umstände so oft schon die Veranlassung zu den nützlichsten Erfahrungen geworden sind, so haben sie auch mich im laufenden Jahre auf ein Verfahren geleitet, durch welches angepflanzte junge Obstbäume, die nicht austreiben wollen, falls sie überhaupt noch Leben haben, und nicht etwa durch Krankheit, Erfrieren oder dergleichen zu Grunde gehen, fast mit Sicherheit in Trieb gebracht werden können, und glaube ich durch Mittheilung meiner Beobachtung, die eben sowohl auf wilde Bäume und Bosketgewächse Anwendung leiden wird, Allen, welche Bäume in größerer Zahl anpflanzen, einen nicht unwesentlichen Dienst leisten, und manchem schönen jungen Baume das Leben retten zu können.

Bei Uebersiedelung meiner Baumschule von Nienburg nach Jeinsen war es nicht zu vermeiden, daß die ausgenommenen jungen Bäume in Nienburg zum Theil 2–3 Tage mit entblößten Wurzeln – glücklicher Weise bei feuchter Witterung – lagen, ehe sie auf der Eisenbahn verladen werden konnten. Kunstgerechtes Einballiren der Wurzeln war bei circa 5000 Stämmen theils wegen der Kosten, theils wegen Zeitmangel nicht möglich, da mir nur viereinhalb Tage zu Gebote standen, um das Ausnehmen der Bäume, zur Verhütung aller etwaigen Unordnungen und gehöriger Conservirung der an die Stämme angebundenen Namenhölzer, selbst leiten zu können. Eben so gingen in Jeinsen mehrere Tage hin, bis die abgeladenen, vorerst in Ställen und Scheunen niedergelegten Bäume auf dem für sie provisorisch bestimmten Winterquartiere eingeschlagen werden konnten, was langsamer ging, da sie, um allergrößtentheils hier gerade so wieder aufgestellt zu werden, wie sie in Quartieren und Reihen in Nienburg gestanden hatten, nach Quartieren und Reihen (mit Buchstaben und Nummern bezeichnet) eingeschlagen werden mußten, wobei die Arbeit doch zugleich, da schon stärkere Nachtfröste eingetreten waren, und Frost drohete, [61] so beschleunigt werden mußte, daß fast immer 6–8 Stämmchen zusammen gebunden eingeschlagen wurden, so daß die Erde sich wohl häufig nicht genau genug an die Wurzeln anlegen konnte. Der Winter verging, bei wohl langer Dauer, aber nicht hohen Frostgraden, für die Bäume günstig, und da zwischen die Reihen der eingeschlagenen Bäume noch Dünger und Kaff gelegt worden war, konnten die Wurzeln vom Froste nicht gelitten haben, ja selbst diejenigen Bäume, die im Herbste bei unbedeckten Wurzeln ein paar Frostnächte von 2–3 Graden mit durchgemacht hatten, konnten durch Frost nicht beschädigt seyn, da ich öfter erfahren und durch Versuche erprobt habe, daß unbedeckte Wurzeln selbst von 5–6 Reaumurschen Frostgraden nicht leiden. Aber beim Einpflanzen der Stämme in einen neu eingefriedigten Garten von Mitte März bis etwa Mitte April, war abermals gar Manches nicht zu vermeiden, was das Leben der Bäume schwächen mußte. Die Witterung war fast beständig trocken und die Luft ausdorrend; auch waren die zu der Arbeit mir zu Gebot stehenden, wenn gleich in hinreichender Zahl angewandten Arbeiter, die derartige Arbeit noch nie besorgt hatten, unerachtet wiederholter Ermunterungen zum Gegentheile, beim Einpflanzen der Stämme und Beschneiden der Wurzeln gern zu sorglos, setzten die Stämme häufig zu flach ein, zerschlugen die ziemlich klosige Erde beim Anwerfen an die Wurzeln nicht genug und traten sie nicht gehörig fest an (Angießen war, wegen zu großer Entfernung des Wassers im Allgemeinen nicht möglich); insbesondere aber war es nicht zu vermeiden, daß bei und nach dem Beschneiden der Wurzeln und Ordnen der Stämme nach Buchstaben und Zahlen, so wie sie in jeder Reihe eines Quartiers eingesetzt werden sollten, nicht die Wurzeln der Mehrzahl der Bäume, eine Stunde und länger einer austrocknenden, sonnenhellen Luft ausgesetzt gewesen wären. Dazu gesellte sich bis zur Mitte des Mai’s eine anhaltende Dürre, so daß die Erde um die Wurzeln der eingesetzten Bäume wenige Feuchtigkeit behielt, ja die jüngeren Stämmchen fast in trockener Erde standen, und so geschah es, daß als die Frühlingswärme die volle Vegetation hervorlockte, in der Baumschule Anfangs wohl die größere Hälfte der Stämme nicht austreiben wollte. Stärkere Regenschauer um die Mitte des Mai’s lockten noch einen großen Theil der schlafenden Bäume hervor; doch schliefen selbst gegen Johannis noch reichlich 500 Stämme, und fingen manche darunter an abzusterben. Weit besser grünten diejenigen circa 300 Hochstämme aus, die, zu Standbäumen in der von mir beabsichtigten neuen pomologischen Anpflanzung bestimmt, sämmtlich in meinem Beisein eingesetzt und nach dem Einpflanzen mit einem Eimer Wasser angegossen waren, wozu das Wasser in Fässern angefahren wurde; doch fanden sich auch unter diesen ein paar Dutzend an sich kräftige Stämme, die nicht ausgrünen wollten, obgleich es nunmehr an Feuchtigkeit im Boden schon länger nicht fehlte. Um Sorten nicht zu verlieren, hatte ich zwar den ganzen Mai hindurch von den schlafenden Bäumen nach und nach noch Reiser und Probebäume gesetzt; doch wäre wohl immer noch machche Sorte verloren gegangen, wenn ich nicht etwa 14 Tage vor Johannis, mit einigen Bäumchen einen Versuch gemacht hätte, sie in Trieb zu bringen, der, auf den ersten Anblick gefährlich scheinend, doch ausgezeichneten Erfolg hatte. Ich hatte bei Stecklingen von Blumen, die seitliche Wurzeln treiben, namentlich von Georginen, wohl oft bemerkt, daß wenn ein Steckling nicht Wurzel schlagen wollte, die Bewurzelung ziemlich rasch erfolgte, wenn ich ihn aus der [62] Erde herausnahm, ihm an seinem Ende einen frischen Anschnitt gab und ihn eben, unter gehörigem Angießen wieder einsetzte, ingleichen, daß durch Liegen an der Luft welk gewordene Pfropfreiser, in Wasser gesetzt, nicht einsaugen, wenn man ihnen an ihrem Ende nicht einen frischen Anschnitt gibt. Ich ließ daher ein halbes Dutzend junger Kernobstbäume, die schon anfingen an den beschnittenen Spitzen der Zweige abzusterben und am Stamm bereits eine etwas welk aussehende Rinde hatten, wieder ausnehmen, beschnitt die Wurzeln frisch und rein und ließ sie dann, beim Wiedereinsetzen einschlämmen, damit die Erde sich recht genau und dicht an die frischen Schnittwunden der Wurzeln ansetzen möchte. Schon nach 5–6 Tagen zeigten sie merklichen Trieb. Dieselbe Operation wurde daher mit 24–30 andern, zum Theil schon bis zur Krone herangewachsenen Stämmen wiederholt, und war der Erfolg eben so günstig und noch rascher, da viele schon nach 3–4 Tagen trieben. Der Versuch wurde nun auf einige Bäumchen ausgedehnt, die zwar eine Anzahl kleiner Blätter getrieben hatten, aber kränklich aussahen, wobei, um stärkere Ausdünstung zu verhindern, die vorhandenen Blätter abgeschnitten wurden, und zeigte auch bei diesen sich bald guter Erfolg, so daß ich nunmehr so dreist wurde, um und bis 14 Tage nach Johannis, so wie meine Arbeiter Zeit erübrigen konnten, ein paar hundert junge Stämme auf die gedachte Weise zu behandeln. Zum Gegenversuche, und da ich immer noch fürchtete, bei etwa eintretender Dürre möchten die umgepflanzten Stämme sich nicht halten, ließ ich eine Anzahl anderer noch schlafender Stämme mit verdünnter Jauche stark begießen; doch zeigte sich nach 8–12 Tagen wenig Erfolg, während die umgepflanzten fast sämmtlich ausgrünten, und wenn dieß etwa nicht gleich nach dem ersten Umsetzen der Fall war, eben in Trieb kamen, wenn sie wiederholt ausgenommen und nach frisch beschnittenen Wurzeln eingeschlämmt wurden; (bei mehr als einem Dutzend geschah dieß 3 Mal). Auch bei Kirschen und Pflaumen hatte mein eingeschlagenes Verfahren den besten Erfolg, und namentlich kamen zu meiner Verwunderung ein paar schöne Glaskirschen-Hochstämme, die schon ganz verwelkend aussahen, wieder in guten Trieb. Waren bei manchen Stämmen die dünneren Zweige schon abgestorben, so trieben sie nach dem Umsetzen aus dem noch Leben habenden Stamme aus, was selbst mehrfältig bei Pflaumen und Kirschen der Fall war, wenngleich diese aus dem Stamme nicht so leicht ausschlagen. Die Triebe an den umgepflanzten Stämmen wurden bald so stark, daß man nicht zweifeln konnte, daß sie seitliche junge Wurzeln getrieben haben mußten, und bestanden sie ohne Ausnahme eine harte Probe günstig in der im Juli eintretenden beträchtlichen Hitze, wo der Erdboden wieder sehr wenige Feuchtigkeit behielt, während eine Anzahl nicht umgepflanzter, schlafend gebliebener Stämme in dieser Hitze ganz einging. Ich habe mit einzelnen werthvollen Stämmen, die, ohne umgesetzt zu seyn, damals noch schliefen, oder kaum beginnenden, vielleicht selbst wieder zurückgehenden Trieb zeigten, noch bis zur Mitte des August und fast immer mit günstigem Erfolge, wenn bei herrschender größerer Trockniß die umgesetzten Stämme öfter reichlich begossen wurden, mein Belebungsverfahren vorgenommen, wenn gleich an diesen so spät in Wachsthum gekommenen Stämmen die Triebe schwerlich hinreichend reif werden dürften, um einen ernsteren Winterfrost auszuhalten, und es wohl nöthig werden wird, diese Stämme [63] auf einem frostfreien Zimmer zu durchwintern. Nur höchst wenige umgesetzte Stämme sind schließlich doch ausgegangen, bei denen das Umsetzen entweder zu spät geschah, oder die überhaupt krank oder beschädigt gewesen seyn mögen; wie denn unter so vielen versetzten Stämmen nie Alles gedeihen wird. Auch zeigen unter den nochmals umgepflanzten Stämmen verhältnißmäßig weit mehrere raschen Trieb, als unter denen, die Anfangs wohl Blätter, aber keine Triebe machten, von denen gar viele jetzt kränklich aussehen und erst im nächsten Frühlinge in besseren Trieb kommen können.

Untersuchte man beim Umsetzen die Wurzeln, so waren diese bei einzelnen, doch wenigen Stämmen, theilweise oder sämmtlich an den Enden faul geworden, in anderen Fällen schlecht oder theilweise gar nicht beschnitten; sehr häufig aber waren sie auch in ganz normalem Zustande und hatten sich nur gar keine jungen Saugwurzeln, ja an den Schnittwunden an den Enden der Wurzeln nicht einmal ein Wulst an der innern Rinde zum demnächstigen Austreiben junger Wurzeln gebildet.

Man wird den Erfolg die eingeschlagenen Verfahrens sich nur erklären können, wenn man annimmt, daß ein umgepflanzter junger Baum, gleich den obgedachten Stecklingen, zuerst hauptsächlich durch die Schnittwunden an seinen Wurzeln, und durch diese weit mehr Säfte einsauge als durch die Haarwurzeln, (denen gewöhnlich eine so große Wichtigkeit zur ersten Ernährung des Baums beigelegt wird, die aber erst dann eigentlich wirksam werden können, wenn junge Wurzeltriebe sich aus ihnen entwickeln), ja durch diese Schnittwunden namentlich wenn noch Einschlämmen hinzukommt und nasse Erde sich recht unmittelbar an sie anlegt, sich hinreichend mit Saft anfülle, um zunächst seitliche Wurzeltriebe aus seinen Wurzeln hervorzuschieben, bis demnächst solche auch an den Schnittwunden der Wurzeln hervorbrechen. Ist ein Baum schon im Herbste versetzt, so mag die Wurzel, selbst wenn sie schlecht, oder vielleicht gar nicht beschnitten wäre, während der Wintermonate und gegen den Frühjahrstrieb so viele Verbindungen mit der Erde eingehen, daß ohne Weiteres Säfte genug für Bildung seitlicher Wurzeltriebe vorhanden sind; wiewohl ich meinerseits öfter erfahren habe, das im Frühlinge und selbst oft ziemlich spät versetzte Kernobstbäume und Pflaumen, (Kirschen werden wegen ihres frühen Triebes im Allgemeinen besser im Herbste umgesetzt, wenigstens ausgehoben), besser wuchsen, als im Herbst verpflanzte. Bei meinen schlafend gebliebenen Stämmen, hat wohl theils das nicht gehörig feste Anliegen der Erde an den Wurzeln, theils die Dürre im April und Mai, wie überhaupt die durch längeres Liegen an der Luft geschwächte Lebenskraft der Wurzel diese gehindert, hinreichende Säfte einzufangen, doch aber muß, da sie später auch bei feuchter Witterung und hinreichend getränktem Boden nicht ausgrünten, nach nochmals beschnittener Wurzeln aber in wenigen Tagen kamen, angenommen werden, daß beim Beschneiden und Einpflanzen im Frühlinge die Gefäße und Zellen an den Schnittwunden der Wurzeln, durch längeres Liegen an austrocknender Luft und Sonne, eingeschrumpft und abgestorben, wenigstens ganz verstopft gewesen seyen, die durch das neue Beschneiden der Wurzeln nun wieder geöffnet und zum Einsaugen hinreichender Säfte befähigt wurden. Zugleich sieht man wohl, welches Gewicht auf scharfes und glattes Beschneiden der Baumwurzeln zu legen sey, und wie man gut thut, den Baum nach beschnittenen [64] Wurzeln so rasch als möglich einzusetzen. In nächstem Frühlinge werde ich Versuche machen mit solchen Stämmen, die dieß Jahr zwar Blätter, aber keine Triebe gemacht haben, ob, wie ich zum Voraus vermuthen möchte, diejenigen darunter, die ausgenommen und an den Wurzeln nochmals gut beschnitten sind, vielleicht rascher treiben, als solche, die stehen geblieben sind.

Ist Jemand in der Lage, mein Verfahren bei nicht austreibenden Bäumen anwenden zu müssen, so wird es zweckmäßig seyn, das Umpflanzen und neue Beschneiden der Wurzeln schon früh, wenigstens noch im Mai vorzunehmen, und nicht zu warten, ob der Baum bei eintretendem Johannistriebe vielleicht noch ausschlagen werde.