Pomologische Monatshefte:1. Band:4. Heft:Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen …?

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 4, Seite 137–143
Johann Georg Conrad Oberdieck
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Pomologische Monatshefte:1. Band:5. Heft:Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen …?
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Erwiderung
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Etwas über die Traubenkrankheit
[137]
Sollen wir unsere Obstbäume durch Aussäen von Kernen vorzüglicher Früchte, ohne Veredlung heranzuziehen suchen, oder muß die Anzucht veredelter Obstbäume, als allgemeine Regel, stets beibehalten werden?
Vom Superintendent Oberdieck.

Vorbemerkung. Der vorstehende Aufsatz wurde ursprünglich von mir schon im Jahre 1830 geschrieben, und erschien in allen seinen Grundzügen damals im Hannover’schen Magazine von 1830 Nr. 63 ff. Da die Frage seitdem an Wichtigkeit zugenommen hatte, und unläugbar eine der wichtigsten für den Obstbau ist, hatte ich ihn im November v. J. für unsere Monatsschrift, nach dem Stande meiner jetzigen Kenntnisse und Erfahrungen vermehrt und umgearbeitet und bereits für den Druck an Herrn Garteninspektor Lucas abgesandt, als ich erst Kunde von der von der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie gestellten Preisfrage über die Lebensdauer der ungeschlechtlich fortgepflanzten Gewächse und den darüber erscheinenden Preisschriften erhielt. Ich wollte ihn daher vom Drucke wieder zurücknehmen, sobald er irgend durch diese Preisschriften überflüssig würde, was indeß Lucas und ein anderer sehr gelehrter Pomolog, dem ich von dem Aufsatze geschrieben hatte, widerriethen. Seitdem habe ich die Schrift des Herrn Dochnahl einsehen können, mit deren Resultaten auch mein Aufsatz zum Theil übereinstimmt; da er indeß den Gegenstand theils aus einem etwas weiteren und anders gestellten Gesichtspunkte auffaßt, so daß die obgedachte Frage nur ein Haupttheil seiner Untersuchungen wird, auch manche weitere Beweise und Erfahrungen beibringt, theils die zunächst gekrönte Preisschrift, wie Herr Dochnahl am Schlusse seiner Schrift bemerkt, ganz Entgegengesetztes zu erweisen sucht, so wird es immer nicht überflüssig seyn, als eine weiter zu hörende Stimme auch meinen Aufsatz, wie er einmal ist, zu publiciren, wobei ich jedoch, da er für unser Journal nicht allzu ausgedehnt seyn durfte, diejenigen, welche über die vorliegende Frage noch ausführlichere Untersuchungen einzusehen wünschen, auf Herrn Dochnahls Schrift „die Lebensdauer der durch ungeschlechtliche Vermehrung erhaltenen Gewächse etc. Berlin bei Wiegandt 1854.“ namentlich auf die darin zahlreich beigebrachten Auszüge aus Schriften über Garten- und Obstbau, auch auf einen mir bisher unter vielen Ephoratarbeiten unbekannt gebliebenen Aufsatz des Herrn Geheimenraths v. Flotow verweise (Verhandlungen [138] des Vereins zur Beförderung des Gartenbaus in den königl. preußischen Staaten; Berlin 1840. Lieferung 30.), der gleichfalls die Theorie der Herren Knight und van Mons gründlicher bestritten hat. – Die Schrift des Herrn Dochnahl würde vielleicht glücklicheren Erfolg gehabt haben, wenn nicht der Fehler begangen wäre, daß – namentlich im ersten und wichtigsten Theile, – zu oft Behauptungen als Axiom oder erwiesene Wahrheiten hingestellt werden, auf welche dann später, als auf gelieferte Beweise Bezug genommen ist, während das, was als beweisend gesagt wird, sich oft versteckt, oder wenigstens nicht klar und zusammengestellt genug hervortritt, wie auch zu wenig eigene Erfahrungen und Beobachtungen beigebracht werden. Der Werth der an sich fleißig gearbeiteten Schrift besteht hauptsächlich in einer sehr reichhaltig gegebenen Uebersicht der Stimmen der Autoren pro und contra, sowohl in Beziehung auf die Hauptfragen, als mehrere wichtige Nebenfragen, z. B. den Einfluß, den der Grundstamm auf Gesundheit des Obstbaums hat.

Jeinsen den 26. Januar 1855.

Die als Gegenstand der hier folgenden Untersuchungen bezeichnete Frage hat in neueren Zeiten eine besondere Wichtigkeit für die Obstbaumzucht erhalten, und gehört unter diejenigen, über welche die Meinungen der Pomologen sehr getheilt gewesen sind, und zum Theil noch sind. Wenn auf der einen Seite seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts die Zahl derjenigen nach und nach größer wurde, die die Veredlung junger Obstbäume als überflüssig betrachteten und der Meinung waren, man könne ohne diese mühselige und zeitraubende Arbeit, durch sorgfältige Aussaat von Kernen edler Früchte, eben sowohl das beste Obst erhalten, ja bekomme dadurch reichlichere Erndten; so fehlte es anderntheils in England, Holland, Frankreich und selbst Deutschland nicht an sehr achtbaren Männern, die die Veredlung der Obstbäume sogar als schädlich schilderten, und alle Krankheiten und Gebrechen unserer Edelstämme, Krebs, Unfruchtbarkeit, leichtes Erfrieren, Kleinheit und frühen Tod derselben, eben von dieser Operation und überhaupt der fortwährenden Anzucht veredelter Stämme herleiteten, während sie von ungeimpften Sämlingen prädizirten, daß sie gesund, groß, dauerhaft, beständig fruchtbar und höchst alt würden. – Daß sich unter unsern Obstbäumen der kranken, wenig tragbaren, verkrüppelten und früh eingehenden Stämme nicht wenige finden, kann nicht geläugnet werden; auch ist es wahr, daß man in neueren Zeiten nicht bloß durch Zufall, sondern durch planmäßige Bemühungen von unveredelten Sämlingen eine Menge der köstlichsten Früchte erhalten hat, die die älteren Obstsorten an Güte zum Theil sogar übertreffen, und es wird daher wohl der Mühe werth seyn, einmal genauer zu untersuchen, ob das Echtmachen als etwas Ueberflüssiges oder vielleicht gar Schädliches müsse betrachtet werden, oder es wenigstens nach und nach dahin könne gebracht werden, daß die Anzucht veredelter Stämme überflüssig werde. Es könnte scheinen, daß die uns vorliegende Frage durch die Praxis bereits genügend zum Vortheile der Anzucht veredelter Stämme entschieden sey, indem der Anbau unveredelter Sämlinge wenigstens bisher nirgends die Veredelung, als allgemeinere Regel, hat verdrängen können. Indeß werden doch nicht nur in manchen Gegenden Deutschlands unveredelte Obstbäume noch in größerer Menge aus Kernen [139] guten Obstes herangezogen und ausgepflanzt, sondern die Wissenschaft hat auch ein schließliches Resultat über die uns vorliegende Frage noch nicht gezogen, welche durch die bisher gemachten Erfahrungen zu einer genaueren Beantwortung erst jetzt reif zu seyn scheint, und daher wohl zur Besprechung in einem Archive für die gesammte Obstkunde sich eignet. Ich will mich bemühen, die Materialien, die ich seither, zur Beantwortung der in Vorwurf genommenen Frage, gesammelt habe, zur Begründung eines sichern Resultates zusammenzustellen, und hoffe, daß selbst diejenigen, die mit mir im Voraus entschieden gegen die Anzucht ungeimpfter Sämlinge stimmen, den nachstehenden Untersuchungen nicht ohne Theilnahme folgen werden, die an manche wichtigere Fragen der Pomologie und Pflanzenkunde hinleiten, und wissenschaftliches Interesse stets behalten.

Es wird zweckmäßig seyn, eine historische Uebersicht der Entstehung und allmäligen Entwicklung unserer streitigen Frage voranzuschicken, um uns dadurch auf den zur Beurtheilung derselben angemessenen Standpunkt zu stellen.

Die Obstbaumzucht begann im grauen Alterthume, wie es nicht anders seyn konnte, mit der Anpflanzung unveredelter Sämlinge. Man brachte die Kerne von dem in den Wäldern vorgefundenen wilden Obste in einen guten Boden, oder sie erwuchsen durch Zufall darin, und so erhielt man nach und nach bessere Sorten, die um so mehr zum Obstbau ermunterten. Dabei war aber auch schon in den ältesten Zeiten die Kunst, junge Stämme zu veredeln, bekannt, auf die vielleicht ein Zufall leitete, die aber bald allgemeiner wurde, indem man gute Sorten zu erhalten wünschte, und schon früh bemerkte, daß die aus Kernen der besseren Obstsorten gezogenen Bäume nicht eben solche und eben so gute Früchte wieder lieferten, als die Muttersorte trug.

Schon Aristoteles gedenkt des Pfropfens[1], Palladius beschreibt das Copuliren[2], und Columella kennt schon drei Arten künstlicher Fortpflanzung, zwei Arten des Pfropfens und das Oculiren[3]. Man suchte die Obstsorten auch wohl durch bloßen Samen fortzupflanzen, was man daraus schließen mag, daß Columella (de re rustica V. 10.) angibt, wie dazu der Same beschaffen seyn müsse, und daß Plinius schon eine sehr beträchtliche Anzahl von Spielarten des Obstes kannte; aber man zog die künstliche Vermehrungsart vor, ja man erfand schon früh alle späteren Künste der Veredlung. Man pfropfte die Obstsorten nicht nur auf die allerverschiedensten Unterstämme, indem man hoffte, andere und bessere Früchte dadurch zu erzielen, sondern Plinius erzählt auch von einem Baume, welchen er gesehen habe, der allerlei Arten von Obst getragen habe[4]. [140] So blieb es bis auf die neuesten Zeiten; man zog nur veredelte Stämme an, und nur zufällig, oder aus Nachlässigkeit wuchs etwa ein Wildling auf, und vermehrte hin und wieder einmal die Zahl edler Früchte, die man fortpflanzte, wie die mehrerlei[WS 2] Bezis, die wir aus Frankreich erhalten haben, als Motte, Montigny, Lechasserie, Chaumontel und Andere beweisen. Ja, man kam von der Anzucht unveredelter Sämlinge um so mehr ab, da man die Wildlinge für die Baumschulen nur aus Kernen schlechter Obstarten und insbesondere des Holzapfels und der Holzbirn erzog, weil man solche für dauerhafter und besser hielt, wobei, wenn dann einmal ein Wildling unveredelt aufwuchs, die Früchte, die er trug, desto schlechter ausfielen. Nach und nach aber änderte sich diese letzte Ansicht; die Holzäpfel verschwanden immer mehr, und ihre Kerne waren nicht immer zu haben, oder man bemerkte, daß die Wildlinge aus Edelkernen ein rascheres Wachsthum hatten; kurz man nahm zu Unterlagen Wildlinge aus Kernen von allerlei guten Obstarten, und hielt bald dafür, daß solche die besten seyen. So besonders seit der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Um so öfter ereignete es sich nun, daß aus ungeimpften Wildlingen mehr oder weniger gute, und selbst vorzügliche Varietäten von Obst gewonnen wurden, die man gern sammelte; doch blieben Alle der Meinung, man könne die Methode, unveredelte Stämme zu erziehen, nicht allgemeiner machen, weil in der Regel die Früchte solcher Bäume schlechter ausfielen, als die des Mutterstammes, ja oft selbst der wilden Urart ganz ähnlich würden. So: Beckmann, Rammelt, Manger, Münchhausen und Andere. Aber schon Jacobi (im Hausvater Th. I. p. 582) ermunterte zur Anzucht unveredelter Stämme aus guten Kernen, weil man Hoffnung habe, dadurch neue Sorten zu erhalten, und Ehrhard (Beiträge zur Naturkunde, IV. p. 69.) meinte, daß das übertriebene Pfropfen und Oculiren unnöthig sey, indem er selbst ungeimpfte Stämme erzogen habe, die die schönsten Früchte getragen hätten. Ja, da man unter den echt gemachten Stämmen nach und nach immer mehr klein bleibende, kranke und nicht lange dauernde bemerkte, und dagegen den gesunden Wuchs und das hohe Alter der wilden Apfel- und Birnbäume und selbst so mancher aus Edelkernen erzogenen Sämlinge bewunderte, so fing man an, die Veredelung als eine Verkrüppelung und als Ursache der geringeren Größe und Dauerhaftigkeit der Obstbäume zu betrachten. Dieser Ansicht war unter Anderen der Kurpfälzische Gartenbau-Direktor Schell zu Schwetzingen, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Akademie nützlicher Wissenschaften in Erfurt veranlaßte, eine diesen Gegenstand betreffende Preisfrage aufzugeben. Er meinte, man habe vielleicht mit Unrecht bisher angenommen, daß die Obstfrüchte sammt und sonders nur Spielarten der bei uns vorkommenden wilden Aepfel und Birnen seyen; es möchten sich wenigstens wohl mehrere und auch edle Muttersorten unter ihnen auffinden lassen, die man mit Sicherheit und in bleibender Güte aus dem Samen erziehen könne. „Mit Mühe,“ schrieb er an die Akademie der Wissenschaften, „konnte ich glauben, daß alle unsere so zahlreichen Obstfrüchte mit so auffallender Verschiedenheit an Blättern, Aestebau, Gestalt der Früchte, vorzüglicher Güte, verschiedener Reifzeit und Dauer, lauter Spielarten der [141] Natur und alle aus Samen ungenießbarer Früchte entstanden seyen. Es schmerzte mich, wenn ich eine wohlgebildete Goldreinette öffnete, und mir sagen mußte, dieser gesunde Samen, von einem so köstlichen Apfel genährt, kann ihn nicht wieder erzeugen; die jungen Bäumchen, die von diesen Kernen erwachsen, müssen erst durch die Kunst verkrüppelt und so veredelt werden, wenn sie diese nämliche gute Frucht wieder hervorbringen sollen. Oefters bewunderte ich die wilden Holzäpfel- und Birnbäume, die dieser Operation nicht unterworfen sind, ihr gesundes Ansehen, die Dauer ihres Lebens, und fand, wie nachtheilig diese künstliche Veredlung für die Dauer der Fruchtbäume ist, und um so mehr, wenn solche von einer ungeschickten Hand verrichtet wird“ etc. Da diese Betrachtungen allerdings Gewicht hatten und Interesse darboten, so wünschte nun die Akademie zu wissen, ob nicht unter unsern Obstfrüchten sich wenigstens einige edle Muttersorten möchten auffinden lassen, die man mit Sicherheit und ohne Veränderung in Gestalt und Güte aus dem Kern, ohne Pfropfen, erziehen könne; wie und wo die vielen guten Sorten möchten entstanden seyn, und ob man bestimmte Versuche darüber habe, daß der von gutem Obste ausgestreute Same immer neue Spielarten und insbesondere auch schlechtere Früchte hervorbringe, so daß man, bei beständiger Fortpflanzung durch den Samen, in absteigender Linie zuletzt den Holzapfel und die Holzbirn wieder erhalten würde. – Es wurde nachher den vom Professor C. L. Wildenow in Berlin und Ober-Commissär Homeyer zu Limmer eingelaufenen Schriften der Preis zuerkannt, die unter dem Titel: „Wildenow’s und Homeyer’s gekrönte Preisschriften über die von der Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt aufgegebenen pomologischen Preisfragen,“ zu Erfurt 1801 herauskamen.

Wildenow in seiner gehaltreichen Schrift zeigt, wie unter dem Einflusse der Kultur alle organischen Wesen, und insbesondere die Pflanzen, mehr oder weniger abändern, so daß zwar die Art bleibe, aber Spielarten entständen, die, bei weiterer Fortpflanzung und der hinzukommenden gegenseitigen Befruchtung der entstandenen Abarten, immer wieder andere neue Formen annehmen; wobei aber die Natur beständig ein Bestreben zeige, zu der ursprünglichen Form wieder zurückzukehren. Unsere Kernobstsorten hält er für lauter Spielarten des Holzapfels und Johannisstamms und des wilden Birnbaums (Pyrasters), von deren Samen in südlicheren Gegenden und in gebautem Boden zuerst die besseren Sorten entstanden seyn möchten. Es sey daher, da man nie wieder alle Umstände, die auf die Entstehung einer Varietät eingewirkt hätten, vereinigen könne, schlechterdings unmöglich, nur mit Wahrscheinlichkeit aus dem Kern einer guten Sorte dieselbe Frucht wieder zu erhalten. Auch zeigten es die Wildlinge, die in Deutschland hin und wieder aufgewachsen seyen, noch mehr aber die Versuche mancher Gärtner im Elsaß und andern Gegenden Frankreichs, die aus dem Samen Aepfel und Birnen aufzuziehen bemüht seyen, daß man unter tausend Stämmen einer bestimmten Sorte von Aepfeln oder Birnen kaum zehn erhalte, die wie der Mutterstamm Früchte trügen, und daß noch seltener unter dieser Zahl ein oder der andere Baum sey, der bessere Früchte hervorbringe, indem die meisten geringer an Güte ausfielen, manche dem Holzapfel nahe, oder gleich seyen. Uebrigens glaubt er, daß [142] die Veredlung keinesweges der Gesundheit und Lebensdauer der Bäume zuträglich sey, räth auch sehr, Versuche zur Gewinnung neuer Früchte aus Kernen zu machen, und sich dazu selbst der künstlichen Befruchtung zu bedienen, – ein Rath, der damals, wo es noch für manche Jahreszeiten an guten Sorten sehr fehlte, höchst nützlich war und die schönsten Früchte getragen hat. – Ihm selbst sey nur ein Versuch, Birnen unveredelt zu erziehen, bekannt, der aber wegen schlechten Bodens keinen erwünschten Erfolg gehabt habe; doch kenne er viele Stämme von Steinobst und besonders von Pfirsichen, die ganz vorzüglich durch die Aussaat fortgekommen seyen, obgleich einige ganz schlechte unter ihnen gewesen wären; auch zeigt er auf Nordamerika und Chili hin, wo nach neueren Nachrichten, (Schriften der naturforschenden Freunde in Berlin, II. pag. 367. und Molinas Naturgeschichte von Chili, übersetzt von Brandes, 1786. p. 167.) nicht nur höchst zahlreiche Spielarten unserer Obstfrüchte entstanden seyen, sondern sich unter diesen auch äußerst viele finden sollten, die unseren besten Früchten an Güte nichts nachgeben.

Ganz entgegengesetzter Meinung ist Homeyer, dessen Schrift jedoch sehr unwissenschaftlich ist. Er glaubt, daß es unter unsern Obstsorten eine gute Anzahl edler Muttersorten geben müsse, die von Anfange an in irgend einem Lande da gewesen wären, und behauptet, daß man jede Obstsorte durch den Samen in unveränderter Gestalt und Güte fortpflanzen könne. Die Natur habe so gut tausend, als eins geschaffen, und wenn im Anfange nur der wilde Birnbaum und Holzapfel da gewesen wären, wo dann der Samenstaub zu der ersten Spielart hätte herkommen sollen? (An den Einfluß der Kultur denkt er nicht.) Dürfe man nach der Analogie schließen, so sey der Einfluß einer fremden Bestäubung bei Obstbäumen sogar in Zweifel zu ziehen, indem wohl Blumen und Kohlarten eine solche annähmen, aber in den Wäldern von Sommer- und Wintereiche, Tanne und Fichte keine Bastarde entständen. Zudem habe noch Niemand erwiesen, daß, wenn man den Samen irgend einer guten Obstsorte säe, daraus wirklich eine verschiedenere oder schlechtere Sorte entstehe; alle Schriftsteller, die davon redeten, sprächen immer nur von „man sieht“ und „es pflegt“, hätten aber keine eigene Erfahrung, und bis das Gegentheil bewiesen werde, müsse darum auch hier das Naturgesetz gelten, daß Gleiches Gleiches hervorbringe. – Die Erfahrungen, auf welche Homeyer seine Ansichten stützt, sind höchst unbedeutend; er bezieht sich auf einen Birn- und Apfelsämling in seinem Garten, die nur wegen des schlechteren Bodens etwas kleinere Früchte getragen hätten; sagt, daß sowohl er, als nach Nachrichten im Hannover’schen Magazine von den Jahren 1791–94, auch Andere, gute und große Pfirsiche aus Kernen erzogen hätten, und führt eine in Ehrhardt’s Beiträgen zur Naturgeschichte (St. 6, Seite 148.) enthaltene Nachricht des Gartenmeisters Kranz zu Celle an, der ein Beet Apfelwildlinge als Hecke aufwachsen ließ, wozu man die Kerne aus Aepfeln genommen hatte, die als Ausschuß getrocknet werden sollten, und auf dem die jungen Stämme hernach Rambours, Peppings, Reinetten, also eben solche, auch eben so gute Früchte getragen hätten, als die, deren Früchte man gesäet habe.

Entschieden diese Schriften gleich wenig zum Vortheile der Anzucht unveredelter Sämlinge, so wurden sie doch Ursache, daß [143] man solche häufiger als bisher aufwachsen ließ, und es entstand nach und nach ein überall reges Bestreben, durch die Kernsaat neue Spielarten zu erhalten und in’s Publikum zu bringen, wodurch, neben guten, auch manche sehr mittelmäßige Sorte verbreitet wurde.

Schon Geiger war wenige Jahre nachher der Meinung, daß besonders der Landmann nicht mehr glauben dürfe, es müßten alle Stämme veredelt werden, und schrieb deshalb ein kleines Werk: „die Obstbaumzucht, oder neue, überaus leichte Art, wie man ohne alles Belzen und Künsteln nicht nur die gesundesten Obstbäume erziehen, sondern auch neue Gattungen von gutem und schönem Obste erlangen kann, München 1804.“ Er räth darin, durch öfteres Versetzen und Beschneiden der Wurzeln und Krone den jungen Stämmen den wilden, dornigen Wuchs zu benehmen, und sie fähiger zu machen, gute Früchte zu tragen; meint auch (Seite 20 der Vorrede), daß zum Theil wohl die Aepfel und Birnen unveredelt schlechtere Früchte lieferten, keineswegs aber das Steinobst, da selbst Aprikosen und Pfirsiche überaus gute Früchte gäben. – Vielleicht würde man schon damals ziemlich allgemein ungepfropfte Stämme angepflanzt haben, wenn nicht die Bemühungen Christ’s und anderer Pomologen die erhaltenen guten Sorten zu sammeln und zu beschreiben, Lust erweckt hätten, diese zu besitzen, und nach einer wissenschaftlichen Vollendung der Pomologie zu streben.

(Fortsetzung folgt.)

  1. Aristot. de plantis II. 6.
  2. Pallad. de re rustica Lib. IV. Tit. X.
  3. Columella de re rustica, liber de arboribus c. 26.
  4. Historia naturalis XVII. 26. „Tot modis insitam arborem vidimus juxta Tiburtes Tullias, omni genere pomorum onustam[WS 1] alio ramo dulcibus, alio haccis, aliunde vite, ficis, piris, Punicis malorumque generibus.“ Es klingt dies, nach den neueren Erfahrungen über die Thunlichkeit des Pfropfens auf Stämme ganz anderer Baumarten, fabelhaft, und war Manches dabei wohl nur angebrachte Täuschung, oder Uebertreibung von Plinius Seite, beim Niederschreiben nach späterer Erinnerung. Trug der Baum, den Plinius sah, vielleicht nur verschiedene Arten des Kernobstes, war also ein Probebaum, wie man sie jetzt hat?

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: insitum […] onustum (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  2. Vorlage: wie Diel die mehrerlei (vgl. Anzeige von Druckfehlern)