Pomologische Monatshefte:1. Band:5. Heft:Die Fortschritte des landwirthschaftlichen Gartenbaus während der letzten zehn Jahre

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Pomologische Monatshefte
Band 1, Heft 5, Seite 203–208
Johann Georg Conrad Oberdieck
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Handbuch aller bekannten Obstsorten
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Pomologische Lesefrüchte aus der Gartenflora

[203]

Die Fortschritte des landwirthschaftlichen Gartenbaus während der letzten zehn Jahre, bearbeitet von F. Jühlke, Garteninspektor und Lehrer des Gartenbaus an der Akademie Eldena, correspondirendem und Ehren-Mitgliede mehrerer Vereine zur Beförderung des Gartenbaus; Berlin bei Karl Wiegandt. 1854. 321 S.[WS 1]

Die hier bezeichnete Schrift darf mit Recht als eine wichtige und gehaltvolle neuere Erscheinung auf dem Felde der Gartenliteratur bezeichnet werden, und wir wollen zu deren Studium nicht bloß Gartenfreunde überhaupt, sondern auch Alle, welche sich für den Obstbau interessiren, bestens ermuntern. In lehrreicher Weise und mit gesunder Kritik bespricht der Herr Verfasser zunächst die beim Gemüsebau und der Gartenkultur überhaupt gewonnenen Fortschritte, geht dann auf gleiche Weise zum Obstbau über, handelt in einem dritten Kapitel von der Gehölzzucht und landwirthschaftlichen Verschönerungskunst, und bespricht endlich in einem vierten Kapitel die beste Einrichtung landwirthschaftlicher Versuchsgärten. Ueberall finden sich lehrreiche Hinweisungen auf die einschlägige Literatur, gar manche anregende Ideen werden gegeben, und wird überall kurz und übersichtlich darzulegen gesucht, welche Fortschritte im Gartenbau überhaupt, den Methoden der Düngung etc., sowie im Gemüsebau, Obstbau etc. in der letzteren Zeit gemacht sind und welche sichere Erfahrungen man gewann, woraus sich denn gar mancherlei Gesichtspunkte ergeben, welche Schritte und Bestrebungen zu weiteren nachhaltigen Fortschritten als die zweckmäßigsten zunächst eingeschlagen werden mögen.

Wir können uns nicht versagen, aus dem Kapitel über den Obstbau einige spezielle Punkte näher hervorzuheben, da deren kurze Besprechung eben so sehr zur Lektüre der Schrift einladen, als manchem unserer Leser erwünscht seyn wird.

Der Herr Verfasser ist der gewiß richtigen Ansicht (p. 161. und 177.), daß neben dem Vorurtheile, welches noch so viele Landwirthe gegen hinreichende Rentabilität des Obstbaus haben, und der überall sich findenden oberflächlichen Obstkenntniß, auch dem Umstande, daß bei den bisher gegründeten Ackerbauschulen sich fast nirgends Baumschulen finden, noch Unterricht in der Obstbaumzucht gegeben, oder die für die Gemeinden so nöthigen und in Württemberg so erfolgreich wirkenden Gemeindebaumwärter herangebildet werden, ein hauptsächliches Hinderniß des Emporkommens des Obstbaus in Deutschland (vorzüglich in Norddeutschland), darin zu suchen sey, daß trotz aller vorhandenen großen Baumschulen dennoch immer noch nicht genug Obstbäume angezogen werden, weßhalb besonders auch noch wohlhabende und praktische Gutsbesitzer auf Anlage von Baumschulen sehen möchten, um daraus den Landleuten passende Obstsorten zu billigen Preisen abzugeben. Mindern würde sich, wie auch der Herr Verfasser andeutet, das ungünstige Verhältniß, wenn nicht durch unrichtige Behandlung Seitens der Obstpflanzer jährlich so äußerst viele Bäume zu Grunde gingen, auch viele herangewachsene Bäume jährlich nicht vor der Zeit dadurch zu Grunde gehen würden, daß man ursprünglich die Pflanzung viel zu dicht gemacht hatte, wo man dann nachher immer in den Zweigen herum sägen muß und die Bäume aus Mangel an Nahrung, Luft und Licht früh absterben!

Einen andern ungünstigen Umstand für das Emporkommen des Obstbaus in Norddeutschland findet der Herr Verfasser darin, daß mit dem zunehmenden Verschwinden der Wälder in den Ebenen Norddeutschlands die Obstbäume zu sehr des gegen Winde und Kälte nöthigen Schutzes entbehren, weßhalb [204] er auch glaubt, daß in Norddeutschland der Obstbau nicht, wie in Süddeutschland, mit dem Ackerbaue verbunden oder an Wegen einträglich betrieben werden könne, sondern zu näher zusammenstehenden Obstpflanzungen räth, wie man sie auch in Holland finde, wodurch dort der Obstbau und Obsthandel nach England wohl vorzüglich einträglich geworden sey. Er empfiehlt aus diesem Grunde auch die gemachten Obstpflanzungen, wo es geschehen könne, hauptsächlich an der West- und Nordwestseite mit rasch wachsendem Gehölz zu umgeben, das vorzüglich gegen die oft schon im Juli und August eintretenden Nordweststürme den nöthigen Schutz geben könne, bis die mehr herangewachsenen Obstbäume sich selbst gegenseitig schützen können und dann das wilde Gehölz, um Verdumpfung zu verhüten, gelichtet oder weggehauen werden könne. Mit dieser Behauptung ist eine Frage berührt, die für den Obstbau in Norddeutschland von der eingreifendsten Wichtigkeit ist, und es ganz besonders verdient, daß die Forschungen aller Pomologen sich ihr zuwenden, ja selbst die Regierungen suchen sollten, statistische Nachrichten darüber einzuziehen. Wir möchten glauben, daß die hier gedachte Frage noch sehr disputabel sey, und daß doch auch gar viele Erfahrungen für die Rentabilität des Obstbaus an Straßen und im Felde selbst in Norddeutschland sprechen.

Concipient dieser Anzeige möchte nach seinen Beobachtungen im Hannover’schen und in den Vierlanden geneigt seyn, zu behaupten, daß die in großer Zahl schon an den Chausseen und Wegen, oder sonst freistehend angepflanzten Obstbäume (vorzüglich fanden sich an Wegen Aepfelbäume), die allen Winden und jeder Kälte frei ausgesetzt sind, in gutem, passendem Boden nicht nur kräftiger und gesunder wachsen, als die Bäume in den freilich nur zu oft überfüllten und schon ausgesogenen Obstgärten, sondern auch öfter und reichlichere Erndten gegeben haben, ja in Stürmen, – theils weil sie gesunder sind, theils weil sie weniger Stoß- und Prellwinden ausgesetzt sind, und ihre Zweige sich freier bewegen können, – ihre Früchte fester gehalten haben, als die in Gärten stehenden Obstbäume. Bestimmtere Data in Zahlen habe ich darüber nicht sammeln können, habe auch wenig Gelegenheit zu Beobachtungen in noch größerer Nähe der See gehabt, wo vielleicht die Wirkungen der Winde schon noch verderblicher sind. Wer darüber genauere Beobachtungen sammeln, oder solche vielleicht jetzt schon mittheilen könnte, würde dem Obstbaue Norddeutschlands einen wichtigen Dienst erzeigen, zumal es im Allgemeinen sehr räthlich ist, den Obstbau aus den seit Jahrhunderten für den Obstbaum abgenutzten Gärten, wo es nur geschehen kann, in’s Feld oder wenigstens auf frische Stellen neben den Ortschaften zu verlegen.

Unter den beträchtlicheren Baumschulen führt der Herr Verfasser p. 167 ff. eine Anzahl der ausgezeichneteren an. Die beträchtlichste Baumschule in ganz Deutschland, wenigstens in Norddeutschland, ist vielleicht die neue, seit 1844 gegründete Preußische Landesbaumschule zu Alt Geltow unweit Potsdam, die ein Areal von 160 Morgen besitzt, und außer großen Vorräthen von wildem Gehölze, circa 300,000 Obstbäume heranzieht. Der benutzte Boden, der nur zwei Rthlr. Pacht per Morgen trug, ist sehr mittelmäßig; dennoch wachsen die Bäume darin rasch und kräftig, theils durch vorgängiges Rajolen der zu bepflanzenden Quartiere im September, theils durch die Methode, zwischen die drei Fuß weit von einander entfernten Reihen der Obstbäume rasch wachsende feinere Arten wilden Gehölzes zu pflanzen, das, anfangs von den Obstbäumen geschützt, später diese wieder schützt. Die Obstbäume werden größtentheils bei angewandtem Zapfenschnitte ohne Pfahl herangezogen. Die näheren Angaben über die Einrichtung der Baumschule, die ohne Zuschuß Seitens des Staats besteht, so wie die dort im Großen eingeleiteten Versuche mancher Art, wird Jeder in der Schrift gern nachlesen. – Wenn aber auch die Abthaldensleber Baumschule bei Magdeburg als zweite sehr wichtige Anstalt für Hebung des Obstbaus in Preußen genannt wird, so müssen wir dem, wenigstens was den Werth dieser Baumschule für rationellen Obstbau und die so unentbehrliche richtige Benennung der Obstsorten betrifft, ohne welche der Obstbau stets nur halben Werth hat, entschieden widersprechen. Denn, wenn wir nach dem uns vorliegenden Kataloge dieser Baumschule von 1854 urtheilen dürfen, so ist das Sortiment dort nicht nur verhältnißmäßig arm, so daß viele der werthvollsten, schon länger bekannten Sorten fehlen (wie Engl. Winter Goldparmäne, Carmeliter Reinette, Engl. Königsparmäne, Credes Quittenreinette, Harbert’s reinettartiger Rambour, Grüne Hoyerswerder, Köstliche von Charneu, Herbstsylvester, Winter Nelis, Hardenpont’s Winter Butterbirn etc.), und enthält dagegen manche für unsere Gegenden nicht passende Sorten, als Fenchelapfel [205] (welcher? ist nicht gesagt, wahrscheinlich Grauer;), König Jacob, van Mons Goldreinette, Edelreinette, Wellingtons Reinette (zu säuerlich) und andere, sondern führt auch in der größeren Zahl gänzlich unwissenschaftliche oder selbst ganz unrichtige Obstnamen auf, als: Doppelter Borsdorfer, Französischer Borsdorfer, Gestreifter Erdbeerapfel, Weißer Krautapfel, Pepin blance, Reinette grise double, Scharlachreinette, Gold-Stettiner; Bergamotte; Muscatellerbirn; Caraveilbirn; Späte Dechantsbirn; Delices d’Hardenpont späte Butterbirn; Herbstbutterbirn, Frühe Kaiserbirn, Schwarze Sommerbirn, Rothe und schwarze Malvasier, Kirsche (soll wahrscheinlich Muscateller heißen) etc. Selbst die wissenschaftlichen Obstnamen sind selten genau richtig angegeben, wie z. B. Rheinischer Bohnapfel (wo fehlt, ob großer oder kleiner), Baumanns Reinette, Duhamels Reinette (wird wohl französ. Goldreinette seyn sollen, die wieder welkt), Champagner Weinapfel, Beurré blanche d’hyver, Volkmarser Graubirn, Carl von Oesterreich, Falzgrafenbirn, Beurré d’amanty etc. Auch das Verhältniß des Zwergobstes zu dem hochstämmigen ist verkehrt; denn, während sich nur 16 Birnsorten finden, die hochstämmig abgegeben werden, und darunter als bekannte Tafelbirnen nur Beurré blanc, Forellenbirn und Napoleons Butterbirn (wahrscheinlich werden freilich wohl auch die Bergamotte und die Carl von Oesterreich als Tafelbirne gelten), finden sich deren 42 für Zwergstämme, und darunter Sorten wie Goldgelbe Winter-Apothekerbirn, Aurate, Schönste Winterbirn, Blutbirn, Gracieuse, Großer französischer Katzenkopf, Pfundbirn, Poire de Cypre, Winter Königsbirn und andere Haushaltssorten, oder für Zwerge zu stark wachsende wie Volkmarserbirn, Stuttgarter Geißhirtel, Pfalzgrafenbirn. Mag es leider auch in vielen andern Baumschulen Deutschlands noch nicht viel besser stehen, so ist es doch, welche Verdienste auch eine Baumschule um Anzucht vieler und gesunder Stämme habe, eben[WS 2] je größer sie ist (Kirschen sind z. B. als vorräthig bezeichnet 8000 Stück), um so weniger gut, wenn deren Catalog und Sortiment noch in einem Zustand ist, als ob die letzten 50 Jahre über Deutschlands Obstbau gar nicht weggegangen wären. Wir bitten, wenn diese Zeilen ihm zu Gesicht kommen sollen, den verdienten Inhaber dieser Baumschulen, deren Catalog hinsichtlich des gezogenen wilden Gehölzes (freilich rentirt das leider häufig noch besser als Obstbäume) eben so sehr reichhaltig, als correct ist, auch bei dem Obste für das Bessere zu sorgen, und namentlich auf Anpflanzung einer Anzahl richtig benannter Mutterbäume zu sehen, wie deren z. B. auch Herr Ebermann in Celle (Firma Schiebler und Sohn) unlängst auf einem neu gewonnenen Grundstücke ein paar hundert, veredelt mit Reisern des besten jetzt bekannten Obstes (die von dem Concipienten dieser Anzeige mit genauer Bezeichnung geliefert wurden), angepflanzt hat, dessen auch von Jühlke mit genannte Baumschule, auch wegen des zu Gebote stehenden großen Areals eine der bedeutendsten zu werden verspricht.

Bei Besprechung der Obstclasse der Nüsse, Stachelbeeren, Himbeeren, Erdbeeren, führt der Herr Verfasser stets eine Anzahl Sorten an, die vorzüglich zu empfehlen seyen, was schätzbar ist, da es in dieser Hinsicht wohl noch sehr an genaueren und zuverlässigen Angaben fehlt, und weiset darauf hin, daß eine der besten Sammlungen von Nüssen jetzt wohl die des Herrn Vorster auf Haus Mark bei Hamm sey. Wir können hinzusetzen, daß mit dieser die Collection des Herrn Oberförster Schmidt zu Forsthaus Blumberg bei Passau wetteifern wird, und muß man sich freuen, daß diese Männer doch einen guten Theil der werthvollsten Nüsse aus der Sammlung des sel. Burchardt erhalten haben werden, der leider hingestorben ist, ehe er mit einem gehörigen Werke über Nüsse uns beschenkt hat, und dessen Sohn, wie man hört, keinen Sinn dafür gehabt hat, die Pflanzungen des Vaters zu erhalten. Hinsichtlich der besten Stachelbeeren erfreut uns vielleicht bald einmal Herr Kunstgärtner Maurer zu Jena mit einem Aufsatze.

S. 135 macht Hr. Garten-Inspector Jühlke die gewiß sehr wichtige Bemerkung, daß man in England besonders durch durchgreifende Beschränkung der gebauten Obstsorten den Obstbau gehoben habe. Die Verbesserungen des Obstbaus sind in England hauptsächlich durch die Londoner Gartenbaugesellschaft geleitet, in deren 57 Morgen großen Versuchs-Garten zu Chiswick, wo jetzt vielleicht das größte Obstsortiment in der Welt sich befindet, man, wie der Hr. Verfasser erwähnt, nur um desto mehr Obst zu prüfen und Erfahrungen über Einfluß des Unterstamms zu machen, schon länger die in meinem 1852 erschienenen Werke, in anderer Rücksicht für Privatgärten empfohlene Methode angewandt hat, 3–4 ähnlich wachsende Obstsorten auf die Kronenzweige desselben Mutterbaums zu pfropfen. Ueberhaupt scheinen die Engländer, während bei ihnen pomologische Systeme und sonstiger gelehrter Apparat zur Kenntniß des Obstes hinter dem, was in Deutschland geleistet ist, zurückstehen, den Obstbau [206] mehr praktisch angegriffen zu haben, und mögen wir von ihnen lernen. Man sollte wohl glauben, daß zu einer Beschränkung der zu vielen jetzt in Deutschland gebauten Obstsorten auf ein mäßiges, zu übersehendes Maaß der besten schon bekannten Varietäten, nichts wirksamer seyn werde, als das im Laufe des vorigen Jahres erfolgte Erscheinen mehrerer Werke, die sämmtliche bekannte Obstsorten nebst deren Synonymen zusammenzustellen suchen. Es muß dadurch Jedem fühlbarer werden, daß unter der Last des Ganzen jede nur einigermaßen verbreitete Obstkunde und rationeller Obstbau reine Unmöglichkeit seyn würden. Möchten wir nur erst in Deutschland mehrere ähnlich conservative und sichtende, für die Dauer bestehende Anstalten haben, als die in Chiswick!

Unter den kleinern Schriften, die in neuerer Zeit die Lehre von der Obstbaumzucht populär behandelt haben, nennt der Herr Verfasser S. 145, als besonders vortrefflich, die Schrift: „Praktische Anweisung zur Obstbaumzucht von Ulrich, 5te Aufl. Stettin 1853.“ Dabei muß jedoch bemerkt werden, daß in einer Recension dieser Schrift in den Göttingischen gelehrten Anzeigen, 92tes Stück von 1854[WS 3], diese Schrift allerdings gleichfalls als für den Landmann sehr brauchbar erklärt, jedoch hinzugefügt wird, daß sie wenig oder gar nichts Eigenthümliches enthalte und, wenn auch nicht ausschließlich, doch – ähnlich wie das mit großen Ansprüchen auftretende Handbuch des Obst- und Gartenbaues von W. Löbe, Leipzig 1852[WS 4], – fast ganz nach der für ihre Zeit vorzüglichen und noch immer zu der besten gehörenden Anweisung zum Obstbau etc., für den Bürger und Landmann, von dem Hof-Garten-Inspector Bayer zu Herrnhausen (Hannover 1836)[WS 5] bearbeitet zu seyn scheine, ohne daß Herr Ulrich dieser Schrift auch nur Erwähnung gethan habe.

S. 123 bemerkt der Herr Verfasser, daß ein merkliches Hinderniß gegen die praktische Brauchbarkeit der vorhandenen Obstsysteme auch darin liege, daß es sich „in der Wirklichkeit immer mehr herausstelle, daß die Vermischung des Pollens mit unter sich verwandten Sorten ganz merkwürdige Resultate liefere.“ Mit ein wenig Aufmerksamkeit könne man diese Thatsache an vielen Aepfel- und Birnsorten sich alljährlich wiederholen sehen, und sey es gar nicht schwer, bei der Obsterndte von einer und derselben Sorte sechs Sorten zu bilden, die an Form und Farbe wesentlich von einander abweichen. – Die Thatsache, daß manche Obstsorten gern mehrerlei Formen annehmen oder in der Färbung abändern, ist allerdings bekannt, wenn gleich Beispiele, wo von demselben Baum ein halbes Dutzend scheinbar verschiedene Sorten genommen werden könnten, so leicht sich doch nicht finden möchten, aber es ist wohl noch die große Frage, ob diese Verschiedenheit in Form und Färbung der Frucht an demselben Baume von einer fremden Bestäubung herrührt. Zuversichtliche Resultate, ob und welchen Einfluß eine geschehene fremde Bestäubung schon auf die Form und sonstigen Eigenschaften der durch sie entstehenden und heranwachsenden Frucht habe, könnten wohl nur durch absichtliche Versuche erzielt werden, und es wäre dies Capitel wohl werth, daß ein Pomologe sich mit demselben geflissentlich und länger beschäftige, oder daß Jemand bereits darüber vorhandene sichere Resultate ausführlicher mittheile. Es gibt einzelne Erfahrungen, die für einen Einfluß des Pollens schon auf die gleich nach der Bestäubung erwachsende Frucht oder Kern darzuthun scheinen, und habe ich in meiner Brochüre über Probebäume deren einige angeführt (z. B. daß in den Schoten von Levkojen öfter verschieden gefärbte Körner vorkommen, die nachher Blumen von entsprechender Farbe bringen;) aber abgesehen davon, daß derartiges selten vorkommt, und bei dem Obste die anscheinend einschlägigen Data sämmtlich wohl noch zweifelhaft sind, man auch in der Nähe häufig gar keine Frucht findet, von deren Einflusse man die Abweichung unter den Früchten eines Baumes herleiten und erklären könnte, und man gewiß einen solchen Einfluß, wenn er statt fände, nicht bloß bei Kernobstsorten finden (auch übt nach allen vorliegenden Erfahrungen und Beobachtungen eine solche Bastardbefruchtung ihren Einfluß niemals auf die Samenhüllen, also hier auf die Früchte, sondern lediglich auf die Saamen aus), so habe ich meinerseits, bei häufiger Aufmerksamkeit auf den hier fraglichen Punkt bei den Früchten an Probebäumen, wo gegenseitige Bestäubung am häufigsten vorkommen muß, nichts Erhebliches beobachten können, was für den gedachten Einfluß spräche, und fand die Früchte, namentlich in regelmäßigen Jahren und bei vollerem Tragen immer im Wesentlichen überein. Dagegen habe ich oft Verschiedenheiten in Form oder Färbung beobachtet, die sich nur in einem bestimmten Boden oder bei sehr abnormer Witterung etc. fanden, öfter auch vom Grundstamme herrühren mochten, und die verschiedenen Formen, die eine Kernobstsorte öfter annimmt, sind wohl nicht schwerer erklärlich, als die verschiedenen Formen, die die Knollen mancher [207] Kartoffelsorten zeigen. Darüber aber bin ich mit dem Herrn Verfasser einverstanden, daß die Brauchbarkeit der vorhandenen Obstsysteme durch die an den Obstfrüchten so oft vorkommenden Abweichungen von der Beschaffenheit, die sie am Orte und im Boden dessen zeigten, der ein Obstsystem entwarf und Obstbeschreibungen anfertigte, wenigstens vor der Hand und bis wir über die vorkommenden Abweichungen allseitigere Beobachtungen gesammelt haben, sehr verringert werde, und habe ich deßhalb immer darauf gedrungen, das Obst durch Probebäume kennen zu lernen, wo man die Natur selbst vor Augen hat, und bei obwaltenden Zweifeln über die Aechtheit einer Sorte sich leicht vergewissern kann, indem man sie aus einer andern zuverlässigeren Quelle nochmals kommen läßt.

Auch darin muß ich dem Herrn Verfasser ganz beistimmen, wenn er S. 178 sagt, daß zur Berichtigung der noch so tief im Argen liegenden Nomenclatur des Obstes und zur gehörig sichern Ermittelung der vorzugsweise anzubauenden Obstsorten, die begonnenen Centralausstellungen, so werthvoll sie an sich sind, schwerlich recht wirksam werden können, wenn nicht erst in öfteren Provinzialausstellungen und durch dabei angestellte permanente Commissionen die Nomenclatur und der Werth der Früchte in den einzelnen Provinzen mehr festgestellt worden ist. „Ich bin,“ sagt der Herr Verfasser, „vollkommen durchdrungen von der Wichtigkeit der begonnenen Centralausstellungen; allein nach meiner allerdings nur subjectiven Anschauung und Erfahrung, welche ich über die Bestimmung der Obstsorten seit einer langen Reihe von Jahren gewonnen habe, ist es auf diesem Wege mit dem besten Willen, den tüchtigsten Kräften und den reichhaltigsten Probesammlungen von richtigen Früchten, nicht möglich, daß für die Berichtigung der Sorten auch nur annähernd etwas Vollkommenes zum Abschlusse gebracht werden kann. Centralausstellungen haben einen entschiedenen Werth, insofern die gegenseitigen Leistungen im Obstbau aus verschiedenen Gegenden durch sie zur Anschauung gebracht werden und der Wetteifer einen Impuls erhält, allein für die Berichtigung der Nomenclatur sind die Provinzialausstellungen weit wichtiger; die ersteren kommen erst dann in die Lage, hiefür erfolgreich zu wirken, wenn die letzteren ihre fleißigen Arbeiten überall vollendet haben und den Centralausstellungen vorangegangen sind. Dazu gehört aber, daß bei den Provinzialausstellungen permanente Commissionen gebildet werden, die sich mit Sachkenntniß der Berichtigung resp. Bestimmung der Obstsorten unterziehen. Jedermann weiß, daß die Berichtigung von einigen hundert Früchten nicht das Werk von ein oder zwei Wochen ist, sondern daß dazu Monate gehören. Je nach dem Orte der Aufbewahrung und der Zeitigung kann die Berichtigung der Früchte nur zu verschiedenen Zeiten erfolgen; mit dem bloßen Ansehen und dem Vergleichen der äusseren Merkmale können wohl bestimmt ausgesprochene Formen, wie z. B. der Gravensteiner, der Rothe Taubenapfel, die Forellenbirn, Grumkower Winterbirn berichtigt werden; allein für die bei weitem größte Mehrzahl sind selbst für den Geübtesten zeitraubende Methoden und litterarische Hülfsmittel zur Berichtigung erforderlich. In Betracht kömmt weiter noch die Verschiedenheit des Bodens, der Lage und des Klimas zwischen Nord- und Süd-, Ost- und Westdeutschland und die Thatsache, daß die Vollkommenheit mancher Früchte an einzelne gute Jahrgänge gebunden ist; so daß wirklich werthvolle, allgemein richtige Resultate nur aus einer gründlichen Erforschung dieser Thatsachen hervorgehen können.“ Wir wollen, indem wir diesen Bemerkungen beistimmen, nicht abschrecken, das zur Berichtigung der Nomenclatur und zur Bestimmung des Werthes der Obstsorten auf den Centralausstellungen Mögliche auch schon zu versuchen, indeß darauf aufmerksam machen, daß man dort nicht recht viel fest abschließen wird.[1] Wie verschieden der Werth von Obstsorten, die in einer Gegend ausserordentlich geschätzt und viel gebaut werden, in einer andern Gegend seyn kann, davon führt der Herr Verfasser, neben der Bemerkung, daß manche unserer besten Obstsorten, wie Pigeon rouge, Engl. Goldpepping, Grüne Reinette, Calville blanc, Wyker Pepping (Rein. v. Orleans), Schönste Winterbirn, Wildling von Motte, Sparbirn, Sommer Apothekerbirn, in Amerika werthlos befunden seyen, noch die lehrreiche Erfahrung an, daß während in Württemberg der Edle Winter-Borsdorfer [208] nicht taugte, der wieder auch in Eldenas Boden gern krebsig wird, so daß der Herr Verfasser einen solchen Stamm mit Ribstons Pepping umpfropfte, worauf er gesund wuchs, der in Württemberg so allgemein geschätzte Luikenapfel, nach seinen bestimmten Erfahrungen im nördlicheren Deutschland ohne Werth sey.[2] — Wir müssen noch hinzusetzen, daß selbst wiederholte Provinzialausstellungen allein Genügendes für richtige Kenntniß der Namen und des Werthes der Obstfrüchte nicht leisten werden, denn, abgesehen davon, daß man bei den Ausstellungen fast immer nur Herbst- und Winterfrüchte vor Augen haben kann, auch über Verschiedenheit oder Identität vieler Obstsorten erst die Vergleichung der Vegetation entscheidet, würde ja alle erfolgte Berichtigung, wenn deren Resultate und Früchte nicht an einem bestimmten Orte gesichert und der Zukunft aufbewahrt werden, in 20–30 Jahren mit dem Wechsel der betheiligt gewesenen Personen wieder verloren gehen und die Arbeit von Neuem beginnen müssen. Deßhalb ist unser Ceterum censeo, daß zu allernächst für die Anlage größerer pomologischer Gärten in verschiedenen Gegenden Deutschlands zu sorgen sey, ohne welche alle anderen Bemühungen keinen nachhaltigen Erfolg haben werden. Möchten die Regierungen die nöthigen Geldmittel dazu hergeben! Daß es nicht schon geschehen ist und die Regierungen bei einem in die Landeswohlfahrt so eingreifenden Culturzweige bisher so wenig rechte Theilnahme zeigen und rechte Unterstützung geben und man noch immer klagen muß, wie Diel[WS 6] in der Vorrede zum 10. Apfelheft: „bis jetzt thaten Privatpersonen für den Obstbau mehr, als die Staaten selbst,“ ist in der That ein großer Uebelstand. Doch diese Anzeige hat sich bereits, bei dem reichhaltigen Inhalte der Schrift, so ausgedehnt, daß wir uns versagen müssen, manches Andere näher zu berühren, und wollen wir nur noch kurz erwähnen, daß (S. 181) die neuerdings wieder beregte Erziehung der Obstbäume aus Stecklingen als praktisch werthlos erwiesen wird[WS 7]; S. 187 sich sehr zweckmäßige Rathschläge zum angemessenen Sortiren der Wildlinge in der Baumschule finden; S. 192 die Pflanzung der Obstbäume in mit fetter Erde gefüllte Löcher als schädlich bezeichnet, S. 198 als beste Manier, das Obst länger zu conserviren, dessen Einpackung in Tonnen mit zwischengelegtem trockenen Sande, so daß die Früchte sich nicht berühren, angegeben, und S. 148 als zweckmäßiges Schutzmittel gegen die Traubenkrankheit das von C. Bouché angewandte Abwaschen der Mauern, Spaliere und Reben im Frühlinge mit starker Lauge von Holzasche angerathen wird.

Wir scheiden von dem Herrn Verfasser mit herzlichem Danke für seine werthvolle Gabe.

Oberdieck.

  1. Ich kann nicht unterlassen, hier meine abweichende Ansicht wenigstens anzudeuten. Gerade die Centralausstellungen haben mir stets die wichtigsten Resultate geliefert und ich habe da die herrlichsten Vergleiche der in ihren Formen und Färbungen abweichenden Sorten anstellen können; ich konnte mich da über einzelne wichtigere Sorten in einer Stunde mehr belehren, als Jahrzehnte lange Forschungen es möglich gemacht hätten. Bei einer bald sich darbietenden späteren Gelegenheit werde ich mich darüber ausführlicher aussprechen.
  2. Vergleiche damit meine Notiz in Heft 4, S. 135, wo ich bemerklich gemacht, daß Jühlke von Metzger sehr wahrscheinlich gar nicht den ächten Luikenapfel erhalten habe, und diese Sorte unächt besitzen werde.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. F. Jühlke: Fortschritte des landwirthschaftlichen Gartenbaues während der letzten zehn Jahre. Karl Wiegandt, Berlin 1854 Google
  2. Vorlage: aber (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  3. Göttingische gelehrte Anzeigen. Jg. 1854, Bd. 2, S. 919–920 Google
  4. William Löbe: Handbuch des Obst- und Gartenbaues für Landwirthe. Leipzig 1849
  5. G. C. Bayer: Anweisung zum Obstbau und zur Benutzung des Obstes, für den Bürger und Landmann. Hannover 1836 MDZ München
  6. Vorlage: Dieß (vgl. Anzeige von Druckfehlern)
  7. Vorlage: sich als praktisch werthlos erweisen wird (vgl. Anzeige von Druckfehlern)