Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am 3. Sonntag nach Epiphanias 1836

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Am 2. Sonntag nach Epiphanias 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Inhalt
Am Sonntag Septuagesimä 1836 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Am 3. Sonntag nach Epiphanias.
(Altdorf 1836.)


Röm. 8, 34. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.

 Die verlesenen Textesworte sind ein Teil jenes fröhlichen Siegesgesanges St. Pauli, welchen wir am Ende des achten Kapitels an die Römer übersetzt finden. Zwei Verse zuvor behauptet St. Paulus: Gott sei für Seine Gläubigen oder auf ihrer Seite, darum könne niemand wider sie sein. Im nächstvorhergehenden Verse jauchzt er, daß alle Ankläger in Gottes Gericht zu spät kommen, weil Gott Seine Gläubigen schon gerechtfertigt, das ist, von Schuld und Strafe freigesprochen hätte zur Zeit, da sie anfingen zu glauben. In unserm Verse jubiliert er, daß niemand die Gläubigen verdammen könne, weil sie aus Christi Fülle Gnade um Gnade, Vergebung und Leben genommen hätten, aus der Fülle Christi, der für sie gestorben ist, ja, der da lebt, der zur rechten Hand Gottes sitzt, als ein Beistand der Seinigen, der für sie bittet und bittend sie im strengen Gericht der Gerechtigkeit vertritt. Da sehen wir also klar, daß der heilige Apostel einen großen Trost und Freudigkeit aus der Gewißheit nimmt, daß Christus zur Rechten Gottes für ihn bittet. Dieselbe Freudigkeit, denselbigen Trost gönne ich euch. Darum will ich euch umsomehr heute von dem Fürbitter Christus predigen, weil die Fürbitte das zweite Stück des Priesteramts JEsu ist, von welchem Amte ich vor acht Tagen zu predigen angefangen habe.


|
I.

 Daß Christus unser Fürbitter ist, ist fürs erste eine unumstößliche Gewißheit. Es ist so gewiß, daß ER für uns bittet, als Christus ein Priester ist und zwar ein Hoherpriester; denn zum Amte eines Priesters gehört die Fürbitte ohne allen Zweifel. Darum steht auch Hebr. 7, 24. 25 geschrieben: „Christus, darum, daß ER bleibt ewiglich, hat ER ein unvergängliches Priestertum, daher ER auch selig machen kann immerdar, die durch Ihn zu Gott kommen, und lebt immerdar und bittet für sie.“ In diesem Spruch ist offenbar auf Christi unvergängliches Priestertum Seine immerwährende Fürbitte gegründet. – Die obengenannte Gewißheit von JEsu Christi Fürbitte gründet sich aber auch ferner auf das Zeugnis des heiligen Geistes durch den Mund der Apostel. Denn fürs erste bezeugt es unser Text, daß ER zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Sodann bezeugt es St. Paulus in den eben angeführten Worten des Hebräerbriefs, daß Christus immerdar lebt und für uns bittet. Derselbe Apostel in demselben Briefe (9, 24) versichert, daß Christus in das Allerheiligste des Himmels eingegangen ist, zu erscheinen vor dem Angesichte Gottes für uns. So sagt auch St. Johannes im ersten Briefe (2, 1): „Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, JEsum Christum, der gerecht ist.“ Und ähnliche Zeugnisse des heiligen Geistes finden sich in der heiligen Schrift mehr. Diese Zeugnisse überwinden alle Zweifel und Einsprachen der Welt bei denen, die nach vielem Irrtum zur Einfalt zurückkehrten, sowie bei denen, welche im einfältigen Kinderglauben durch Gottes Schutz geblieben sind. Selig, wer auf Gottes Zeugnisse sich kindlich, einfältig gründet! Die Welt vergeht mit ihrer Lust, aber Seine Worte und Zeugnisse vergehen nicht, und wer auf Gottes ewige Zeugnisse sich gründet, der wird bleiben, wie die Zeugnisse, im Frieden, durch die Fürbitte Christi, wenn Himmel und Erde vergehen und alle Augen Ihn als Richter kommen sehen.


|
II.

 Dies Amt der Fürbitte hat JEsus Christus schon auf Erden angefangen. Denn warum suchte ER so oft die Einsamkeit auf einem Berge oder in der Wüste, warum erzählen die heiligen Schriftsteller von Ihm so oft, daß ER allein weggegangen sei, zu beten? Daß es Seine größte Freude auf Erden war, mit Seinem himmlischen Vater einsame Gespräche zu halten, glaube ich wohl; aber der Inhalt Seiner Gebete zum Vater waren sicher wir, wir armen Sünder, und Seine Gebete waren Fürbitten für uns. Diese Seine priesterliche, fürbittende Liebe zeigte sich während der Zeit Seines Erdenwandels insbesondere bei Seiner Kreuzigung. Alle Menschen hatten Ihn ausgestoßen, alle ihre Sünden waren auf Ihn gefallen, ihre Freude war es, Ihn in Leid und Jammer zu versetzen, gegeißelt, verhöhnt, verspeit hatten sie Ihn, die grausamste Todesart hatten sie Ihm zugedacht, Ihm ausgewirkt, sie legten Ihm Sein Kreuz auf, und ER trug es. Sie warfen Ihn auf Golgatha auf das Kreuz, durchbohrten Ihm, um Ihn an demselben zu befestigen, Hände und Füße, zogen das Kreuz empor, daß es in die Grube fiel, die für dasselbe gemacht war. Seine Wunden rissen, Seine Schmerzen stiegen, dazu sah ER nicht allein die nächsten Handlanger dieser Henkerarbeit, sondern gleichen Sinnes Sein ganzes Volk, ja alle Menschen; denn unsere Sünden haben Ihn also geschlagen. Ihn aber, den Sanftmütigen und Demütigen, reizte alles das nicht zum Zorn; ER schalt nicht, da ER gescholten ward, ER drohte nicht, da ER litt, ER stellte es aber dem anheim, der da recht richtet. Ja, blutend, schmerzenvoll blieb ER dennoch liebevoll, opferte sich, nahte im Geiste als ein Hoherpriester dem HErrn Zebaoth, begann Sein hohenpriesterliches Amt und rief: „Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun!“ So that ER, und Sein Blut redete Besseres, als Abels Blut.

 So begann ER Sein heiliges Amt der Fürbitte auf Erden, aber ER beschloß es damit nicht. Wie der Hohepriester mit dem Blute des Opfers am großen Versöhnungstage der| Juden einging ins Allerheiligste und betend das Blut an den Gnadenstuhl sprengte, so war auch Christus nicht zufrieden, sich geopfert zu haben, sondern vierzig Tage nach Seiner Auferstehung ging ER mit Seinem eigenen Blute gen Himmel in das Heiligtum, das nicht von Menschen, sondern von Gott erbaut ist, und fing an, auf dies Sein Blut Seine Fürbitte zu gründen in dem himmlischen Tempel, von welchem Moses auf dem Berge ein Bild gesehen hat. Seitdem betet ER ohne Unterlaß für uns, wird auch nicht aufhören zu beten, bis daß ER alle, die Gott versehen hat zur Seligkeit, herzugebetet hat zu der einen Herde, der einzig wahren Kirche, bis kein Gebet mehr sein wird, aber Lob und Dank und Preis in Ewigkeit beginnt, bis Christus dem Vater das Reich übergiebt, auf daß Gott sei alles in allem! – Selige Tage der Ewigkeit! Ewiger Fürbitter JEsus Christus, bete für uns, daß wir nicht fehlen in Deiner himmlischen Kirche! Bete, bete, daß bald die Zeit abgeschnitten werde, die Welt vergehe, die Ewigkeit beginne. Komm bald, HErr JEsu!


III.
 Dies Amt der Fürbitte ist, wie es unserm Hohenpriester ziemt, voll Majestät, versöhnend und wirksam. – Es ist voll Majestät; denn nicht mehr ist ER in Erniedrigung, außer in Seinen Gläubigen, wird es auch ewig nicht mehr sein; sondern ER ist aufgefahren, und Gott hat Ihm einen Namen über alle Namen gegeben, daß in Seinem Namen sich beugen sollen alle derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind. Ihm ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Seine Fürbitte ist nicht eines Bettlers Fürbitte, sondern eines Gerechten, eines Mannes, der gehorsam war bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz, eines Mannes, der Gott ist! – Ist aber die Fürbitte so majestätisch, wird sie von einem Manne geübt, der so über alles erhaben, höher als der Himmel ist, so ist daraus klar, daß sie wirksam ist! Und ist sie die Fürbitte dessen, der Gottes Lamm ist und der Welt Sünden trug und sie zu tragen, sie wegzuschaffen, die ewige Gerechtigkeit zu versöhnen kein Opfer, nicht Leib noch Leben,| nicht Sein Herzblut schonte, da ER Macht hatte, Sein Leben zu lassen und zu nehmen; bittet ER, der für uns das Gesetz vollbrachte, die von uns verwirkten Strafen des Gesetzes trug, und büßte an Leib und Seele, – der mit solcher Liebesarbeit des ewigen Vaters Herz und Meinung traf, der auch deswegen der Sohn des Wohlgefallens und der Liebe ist und heißt, – bittet dieser, so ist nicht zu zweifeln, daß Sein Bitten in unaussprechlicher Gnade den versöhnten Vater zu den Sündern neigen, daß es zur Versöhnung wirksam, daß es versöhnend sein werde. Gottes Sohn ist Gottes Lamm, der Heilige Gottes unser Opfer, Priester, Fürbitter; wahrlich, wahrlich, das ist Gnade über Gnade – eine Liebe Gottes, in deren Betrachtung verloren selbst der, der sie übt, erstaunt ausrufen muß: „Also, also hat Gott die Welt geliebt!“ – eine Liebe, welcher zu Ehren die endlosen Lieder der Seligen im Himmel gesungen werden, – eine Liebe, welche nur von dem entarteten Gemüte vergessen bleiben kann, welche zu vergessen Sünde ist, in deren Andenken St. Paulus ruft: „Wer unsern HErrn JEsum Christum nicht lieb hat etc.“ Aber o ewiger Hoherpriester, sehr entartet ist Deine Welt! Sehr vergessen bist Du, der keinen vergißt, sehr unwert geachtet, für dreißig Silberlinge alle Tage verkauft, von einer zahllosen Menge! Denn ach, Deine Heiligen haben abgenommen, und der Gläubigen ist weniger geworden auf Erden!


IV.
 Die Fürbitte unseres himmlischen Hohenpriesters ist eine doppelte, eine allgemeine und eine besondere. Die allgemeine trägt diesen Namen, weil sie sich auf alle Menschen erstreckt. Denn wie ER für alle Menschen gestorben und durch Seinen Tod ein Opfer geworden ist, so bittet ER auch für alle – und wie man mit St. Paulus sagen kann (1. Tim. 2, 6): „ER hat sich selbst gegeben für alle zur Erlösung,“ so können wir getrost sagen: „ER hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe, ein Fürbitter für alle!“ Wenn ER aber ein Fürbitter ist für alle, so ist ER auch ein Fürbitter für die, welche unbekehrt sind und dahinleben in dem Gedanken,| als wären sie gut genug fürs Himmelreich, so bittet ER, wie am Kreuz, so jetzt noch für Seine Mörder, und wie Jesaias (53, 12) sagt, für die Übelthäter. Ja, ER ist der fromme Winzer, der nach St. Lukas’ Erzählung den HErrn des Weinbergs bittet, den Baum, an welchem drei Jahre umsonst Frucht der Buße und Besserung gesucht wurde, noch ein Jahr stehen zu lassen, damit ER ihn noch einmal mit Seinem Worte, Seiner Predigt gleichsam dünge, um ihn grabe mit Leid und Freude. Ja, ja, ihr, die ihr nicht drei, sondern dreißig, vierzig Jahre lang euch mit dem Worte Seiner Gnade habt umdüngen, umgraben lassen, ohne daß ihr aufhörtet, eure Laster abzulegen, eure Lust zu Trinken, Spielen und Lotterie, Tanz, Wollüsten, Geiz, Lügen und Betrug, – wenn ihr noch im Weinberge, noch im Lande der Lebendigen steht und das Erdreich hindert, bessere Bäume mit seinen Säften zu nähren, so ist das nur eine Frucht der Fürbitte Dessen, den ihr mit fortgehenden Sünden immer aufs neue kreuzigen möchtet, wenn es nicht Sein unabänderlicher Wille gewesen wäre, nur einmal zu sterben! ER, des Leiden, des Liebe, des Lehre, des Geist durch euer Leben beleidigt, durch eure Hartnäckigkeit fruchtlos gemacht wird, ER, von dessen Gnade ihr euren Odem habt, den ihr in Sünden verhaucht, ER, der Langmütige, Geduldige ist es, welcher für euch betet und mit Seinem Gebete die strafende Gerechtigkeit aufgehalten hat, die über euch schwebt! Ja, wenn noch eine Scham in euch ist, die ihr bei Trunk und Spiel Seiner spottet, so schämet euch vor dem frommen Fürbitter, denn von euch und Seiner barmherzigen Liebe singt der Dichter:

ER vergißt ja auch der Armen,
Die der Welt noch dienen, nicht,
Weil Sein Herz Ihm vor Erbarmen
Über ihrem Elend bricht.
Daß Sein Vater ihrer schone,
Daß ER nicht nach Werken lohne,
Daß ER ändre ihren Sinn,
Ach, da zielt Sein Bitten hin!

 ER bittet aber nicht allein für alle Menschen eine allgemeine Bitte, sondern ER betet insbesondere auch für Seine| Jünger, für Seine Gläubigen besonders brünstig. ER ist allgegenwärtig mit Seinen Augen, bemerkt allen ihren Jammer, ihre Gefahren, ihre Nöte, ihre Thränen, ihre Seufzer. ER bittet nicht, daß ihnen der Kampf des Glaubens erspart werde, auch nicht, daß er ihnen kürzer zugemessen werde, sondern ER spricht: „Ich bitte nicht, daß Du sie von der Welt nehmest, sondern daß Du sie bewahrest vor dem Übel“, das ist, vor der Sünde, vor dem grauenhaften Unterliegen in der Versuchung. ER sieht ihre Schwachheit an und Seine Stärke, ER weiß, daß Seine Stärke sie erretten kann, aber auch, daß ihr schwacher Glaube sie nicht fassen will, darum bittet ER brünstig: „Heiliger Vater, behalte sie in Deinem Namen,“ daß sie in Gemeinschaft leben, miteinander beten, miteinander glauben, des Vaters Namen anrufen und Hülfe empfangen. ER weiß, daß kein Menschenwort heiligt, weiser und besser, seliger und fröhlicher macht, darum betet ER: „Heilige sie in Deiner Wahrheit, Dein Wort ist die Wahrheit.“ ER weiß vorher, wenn eins der Seinen in eine Sünde fällt, und läßt sie darum noch nicht fahren; ER spricht zu Petrus: „Der Satan hat dein begehrt – du wirst Mich dreimal verleugnen,“ aber ER setzt auch hinzu: „Ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre, wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder!“ ER ist treu, und während ER auf Erden keins aufgiebt, das einmal sein ward durch die Taufe, bevor es stirbt, während ER ohne Ende Hirtenliebe übt, übt ER im Himmel Hohenpriestertreue. Denn ER kennt unsere Schwachheit – und hat gelitten, daß wir einen mitleidigen Hohenpriester hätten. – O Verhüllter, Unbekannter, immer Treuer! Wahrlich, von Dir singt man: „Der beste Freund, der ist im Himmel!“ Wie ich mich sehne, außer dem Leibe zu wallen, daheim zu sein bei Dir, daß ich Dich sehe und meine Ewigkeit in Deiner vollkommenen Liebe und Deinem Lob vergehe!


V.
 ER betet endlich, liebe Seelen, allezeit. Viele unter uns beten noch nicht zu Ihm, noch nicht mit Ihm; aber ehe wir| beten, wenn wir noch nicht beten, wenn wir nach Irdischem begierig des HErrn, zu dem wir beten sollen, samt dem Gebet vergessen, betet ER schon für uns, daß uns die Gnadenfrist verlängert, Buße und Glaube geschenkt werde. Und wenn unter euch allen eine Seele ist, welche beim Worte der Predigt, beim Lesen der heiligen Schrift nicht gleichgültig ist, welche die Kräfte der zukünftigen Welt, die Kräfte des gütigen Wortes Gottes zu erfahren anfängt, das ist Frucht Seines Gebetes, des ewigen Hohenpriesters, der da betet, wenn wir noch nicht beten.

 Ferner aber, wenn wir anfangen zu beten, wenn der Geist des Gebets uns Herz und Lippen öffnet zum Gebet, liebe Brüder, dann betet ER mit uns, und durch Sein heiliges Gebet wird unser armes Beten kräftig vor dem HErrn und ohne Sein vorangehendes oder mitgehendes Gebet gewinnt unser Beten nichts. Ja, vor dem HErrn der Himmel steht ein betendes Volk, die flehende Gemeinde, und wie ein Heerführer an der Spitze seines Heeres, wie ein Hoherpriester an der Spitze seines priesterlichen Volkes voran im ewigen Schmuck Seines Verdienstes, in ewiger Ehrenkrone betet Gottes Lamm, das da nie eine Fehlbitte thut, so oft es betet.

 Ferner, es kommen Zeiten, wo ein böser Geist uns reizt, wo wir versucht werden, wo unser Herz mit Fleisch und Blut sich bespricht, wo es trotz der Erinnerung des heiligen Geistes nicht beten will, wo nur ein Schritt ist von der Reizung der Sünde bis zur Empfängnis böser That, wo wir in höchsten Nöten sind, wo niemand für uns betet, weil niemand unsere Not kennt, wo wir verlassen scheinen von Gott und Seinen Engeln: da betet ER, daß wir bewahrt bleiben vor dem Übel, daß wir nicht fallen, nicht abfallen, nicht verloren gehen, nicht weggeschnitten werden vom Weinstock und ins Feuer geworfen. Und wenn unter uns je einer eine Anfechtung überwunden, eine Lust nicht vollbracht, eine lockende Sünde nicht begangen hat, der hat es dem treuen Fürbitter im Himmel zu danken, des Gebet auf himmlischen Wegen uns Kraft und Macht zuführte und dessen Geist ohne unser sonderliches| Aufmerken unsere Füße auf die Wege des Friedens richtete.

 Endlich kommen Stunden, wo wir nicht wissen, wie uns geschieht, wo wir in starke Hände fallen, Stunden leiblicher und geistlicher Kraft, Stunden des Todes, die letzten Augenblicke, wo wir nicht mehr beten können, wo wir in Gefahr sind, verloren zu gehen, wo wir dem Himmel nah, aber gleich nah der Verdammnis sind! Welch ein Trost für ein gläubiges Christenherz, daß wir dann einen Fürbitter haben, der immerdar lebt und für uns bittet! Welch ein Schrecken müßten für uns die letzten Nöte sein, wenn wir im Drang des Todes, bei den Schmerzen des Abscheidens nicht mehr beten, kein Licht mehr haben sollten, den Weg zur Heimat zu finden! Aber sieh, das Gebet des ewigen Fürbitters steht und geht, fleht und wird erhört an unseres Gebetes Statt, es schafft und wirkt uns Erquickung aus im letzten Kampf, es ist ein starker, ausgereckter Arm Gottes, der uns durchs dunkle Thal führt, die Himmelsthore öffnet und nicht still steht, bis wir daheim sind, bis unser Mund voll Lachens geworden und Großes für die Ewigkeit an uns geschehen ist!

 Brüder, habt ihr’s bedacht, daß, was ich sage, Wahrheit ist, daß JEsu Liebe vom ersten Hauche eures Lebens bis hierher, ja, ehe ein Hauch aus euren Lippen entronnen ist, für euch gesorgt und alle Wohlthaten eures bisherigen Lebens euch ausgewirkt hat, ja, nicht das allein, sondern euch auch die Thür zum Frieden, den Zugang zu dem Meer der Gnade, den Eingang ins ewige Reich der Herrlichkeit offen gehalten hat? Wenn ihr’s bedacht habt, was gebt ihr dem, der so vielen euch erzeigten Wohlthaten auch die Seines unaufhörlichen Gebets hinzugefügt hat? Womit dankt ihr Ihm? Womit habt ihr Ihm gedankt? Denkt daran, habt ihr um Seinetwillen Böses unterlassen und statt eures eigenen Gelüstens Seinen heiligen Willen vollbracht? Ist zu Dank und Preis dem ewig Liebevollen in euch ein solcher Sinn, daß ihr Ihm nachsprecht in diesem euren Streit, wie ER in Seinem: „Deinen Willen, mein Gott, thue ich gern!“?

|  Und, Brüder, habt ihr daran gedacht, daß ihr durch eure Taufe berufen, ja vorläufig schon gesalbt seid selbst zu Priestern, zu einem priesterlichen Volk, das, verzeihend alle erlittenen Fehler, segnend jeden Flucher, der Gottes Volk flucht, mit Seinem himmlischen Hohenpriester immerdar beten soll und Bitte, Gebet und Fürbitte für alle Menschen thun? Und wenn das ist, seid ihr ein priesterliches, ein betendes Volk? Wo sind eure Gebete, die vor Gott gekommen sind durch des Hohenpriesters Gebet, wo ist die Erhörung, die euch geworden? Ein Volk, das immer betet, soll immer in Erhörung leben, wo ist denn eure Erhörung, euer Leben, ist es denn Erhörung? Ist’s nicht vielmehr Unglauben, leer von Gebet, leer von Erhörung, ohne Zusammenhang mit dem Gott da droben?

 Und wenn ihr nach diesen euch vorgelegten Fragen euch gestehen müsset, daß ihr ebensowenig gedankt, als den Beruf zum Gebet und Priestertum erfüllt habt, wenn eure Sünde euch schwer wird, wenn eure Seele, bedrängt vom bösen Gewissen, nicht weiß, was thun, o dann sehet am Kreuz erhöhet den Arzt, eure Genesung, schaut gläubig auf Seine Schmerzen, ER hat sie euch abgenommen, es sind eure Strafen; ER stirbt, so leidet ER; ER steht vom Tode auf, darin Ihn Sünde niederdrückte; so siegt ER für euch! Schauet Ihn an, den Sündentilger, und betet: „Vergieb uns unsere Schuld“ und nehmet hin Vergebung von Gottes Thron; denn der Fürbitter hat sie ausgewirkt mit Seinem Leiden, euch zugewandt durch Sein Gebet, euch ausgeteilt durch diesen Mund, den Mund des Boten, der da spricht in Seinem Namen:

 „Dir ist vergeben! Gehe hin in Frieden! Sündige nicht mehr! Dank Ihm, bete zu und mit Ihm!“ Amen.




« Am 2. Sonntag nach Epiphanias 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Am Sonntag Septuagesimä 1836 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).