Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Palmsonntage 1836

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« Am Sonntag Oculi 1837 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag Quasimodogeniti 1836 »
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Am Palmsonntage.
(Altdorf 1836.)


Joh. 19, 25–27. Es stunden aber bei dem Kreuze JEsu Seine Mutter, und Seiner Mutter Schwester, Maria, Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun JEsus Seine Mutter sahe, und den Jünger dabei stehen, den ER lieb hatte, spricht ER zu Seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn. Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter. Von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

 Unmittelbar vor der Geschichte unseres Textes hatte unser gekreuzigter Heiland einen herrlichen Beweis Seiner, auch in den Qualen Seines Todes Ihm beiwohnenden göttlichen Macht und Majestät gegeben, hatte, selbst gekreuzigt und gequält, dem mitgequälten Schächer einen Anteil an dem ewigen Leben, einen Platz im Paradiese versprochen. Auf diese Erweisung Seiner Barmherzigkeit und Gnade, diese königliche Handlung, folgt eine andere, welche die eigene Person des Mittlers näher angeht, welche ihn uns in Seinem häuslichen Leben näher kennen lehrt, eine Handlung der zartesten Liebe und Demut. Die Nacht zuvor, in Gethsemane, da der Herr den Hirten anfing zu schlagen, hatten sich die Schafe zerstreut, nun aber der Hirte, am Kreuze ausgespannt, Sein Leben für die Schafe läßt, fängt ER bereits wieder an, sie alle zu sich zu ziehen. Eines um das andre sammelt sich zu Seinem Kreuze, bis Lukas von der Stunde, da unsere Textesgeschichte vorfiel, sagen konnte, daß alle Seine Verwandten von ferne standen und die Weiber, die Ihm aus Galiläa nachgefolgt waren und zusahen.[1] Es| muß doch in den Herzen der Verwandten, Jünger und Weiber eine große Gewißheit von der Heiligkeit des HErrn gewesen sein; denn wäre dies nicht gewesen, so würden sie sich Seiner gewiß geschämt und nicht sich zu Seinem Kreuze hinangedrängt haben. So stehen denn die Seinen von ferne, und das Kreuzgemeindlein lagert bei dem Kreuze. Aus der Mitte dieser Seiner Lieben traten noch näher, dicht unter die Arme Seines Kreuzesbaumes zwei, die Mutter Maria und der Jünger Johannes, den JEsus lieb hatte.
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 Es macht gewiß einen eignen Eindruck, wenn man sich die Mutter JEsu und den Jünger so nahe bei dem Gekreuzigten stehend denkt. Wir sind es von Jugend auf gewohnt, diese Personen uns unter dem Kreuze zu denken; aber man vergegenwärtige es sich lebhaft! Wenn heute ein Missethäter hingerichtet würde, und seine Mutter wollte mit ihm aufs Blutgerüste steigen, so würde das überall, wo es kund würde, das größte Aufsehen erregen. Ebenso ist es hier, und noch viel größeres Erstaunen muß es erregen, wenn wir die Mutter und den Jünger dieses Gekreuzigten bei Seinem Kreuze sehen. Wahrlich, tiefer ist der HErr erniedrigt, als alle Menschen, aber hie und da hat ER doch auch mitten in Seiner Niedrigkeit eine Auszeichnung, die Seiner würdig war. Über Ihm verliert die Sonne ihren Schein, und die Sterne kommen hervor, über Ihm wird der Himmel traurig; unter Ihm, um Ihn her beben die Felsen, die Gräber der Heiligen thun sich auf, die Seinen schämen sich nicht, inmitten eines spottenden, schadenfrohen Haufens unter Thränen von Seinem Ende Zeugen zu werden, und eine namenlose, unaussprechliche Liebe, ein ungeheurer Schmerz der Liebe treibt Seine Mutter, Seinen Freund, unter dem Kreuze Platz zu nehmen und so Genossen Seines Leidens und Vorbilder Seiner heiligen Kirche zu werden. Wir haben ein altes Kirchenlied in unserm bayrischen Gesangbuch,[2] des Anfang ist: „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn!“ In demselben stehen einige Verse, welche wohl den Heiligen unter dem Kreuze wie aus dem Herzen gesungen sein mögen. Denn, was| klingt liebevoller und schmerzlicher, als wenn der heilige Sänger weint:

„Ach! möcht ich, o mein Leben,
An Deinem Kreuze hier
Mein Leben von mir geben,
Wie wohl geschähe mir.“

 Auf den Jünger Johannes und das Verhältnis seines Herzens zu dem Gekreuzigten will ich heute weniger Rücksicht nehmen, als auf das der heiligen Mutter zu ihrem Sohne. Sie steht unter dem Kreuze, sie sieht jeden Schmerz ihres geliebten Sohnes, sie kann Seine Thränen, die wallenden, sich schlagenden Blutstropfen, die tiefen Seufzer Seines gepreßten Herzens bemerken. Sie sieht Seine tiefe Erniedrigung und denkt dagegen an die Verkündigung des Engels vor Seiner Geburt, an die Erzählung der Hirten, an die Anbetung der Weisen. Wie ganz anders ist es geworden! Sie erinnert sich an den Lobgesang Simeons, und nun versteht sie seine Worte: „Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen!“ aber es ist ihr auch unbegreiflich, wohin diese dunklen Wege führen sollen, sie weiß nicht, warum sie diesen Mann so wunderbar gebären mußte, wenn es bloß darum war, Ihn ans Kreuz zu überliefern. Sie erinnert sich an Seine schöne Jugend, wie ER zunahm an Alter, Weisheit[3] und Gnade bei Gott und den Menschen, und die Frage: „Daher bist Du kommen von Deines Leibes Kraft!“ drückt sie nieder. Sie erinnert sich an Seinen heiligen Gehorsam, sie findet in ihrem ganzen Geiste nicht, daß ER auch nur die Erinnerung einer Sünde bewahrt hätte: ihr Sohn ist wie keiner, ER folgte Seiner Mutter in allen Stücken, nur nicht, da sie nicht haben wollte, daß ER in dem sein sollte, was Seines Vaters war; nur nicht, da sie sich in Seine Heilandsgeschäfte auf der Hochzeit zu Cana mischen wollte, d. i. nur nicht, wo der Mutter menschlicher Wille mit dem des hochgelobten Vaters im Himmel nicht übereinkam: die Mutter denkt am Kreuze daran, sie erkennt in Ihm einen vollkommenen Heiligen und kann nicht anders, und weiß nicht,| warum dieser Heilige unter die Übelthäter gerechnet werden und ein solches Ende nehmen muß. Sie erinnert sich an die herrliche Thatenpracht ihres Kindes, wie das Meer, wie Wind und Satan Ihm haben gehorchen müssen, sie schaut in Sein Angesicht, und wahrlich, es paßt zu ihrem Herzen, was der heilige Sänger spricht:

„Du edles Angesichte,
Davor sonst schrickt und scheut
Das große Weltgewichte,
Wie bist Du so bespeit,
Wie bist Du so erbleichet,
Wer hat Dein Augenlicht,
Dem sonst kein Licht nicht gleichet,
So schändlich zugericht?“

 Ach, in welche Tiefen, in welche Dunkelheiten muß die fromme Mutter steigen! Mütter, die ihr je an dem Sterbebette eines Kindes gestanden habt: was waren eure Kinder gegen dieser Mutter heiligen Sohn! was litten eure Kinder auf ihren Totenbetten, wenn man ihre Leiden gegen diese Leiden des unschuldigsten aller Menschensöhne betrachtet! wie wenig verloret ihr an euren Kindern, gegen den Verlust dieser Mutter gerechnet! Und doch, welch einen Schmerz hattet ihr! Ich bitte euch, erwäget den Schmerz dieser Mutter neben dem Kreuz des heiligen Sohnes! Erwäget’s, wenn ihr’s könnet! Welch ein Herz ist dies Mutterherz, das solche Schmerzen trägt und aufrecht bleibt? Ist eine Mutter groß und standhaft, wie diese Mutter? Ist sie nicht eine Mutter, die zu einem solchen Sohne paßt? Wohl ist kein Weib auf Erden, wie dies Weib und, wo man solche Schmerzen so groß und edel tragen soll, da muß eine Gnade des heiligen Geistes im Herzen walten, um welcher willen der Engel richtig sagt zu Maria: „Gegrüßet seist du, du Gebenedeiete unter den Weibern!“

 Doch aber, was ist aller Ruhm eines Menschen gegen Deinen Ruhm, Du mein gekreuzigter HErr und Heiland? Er hängt am Kreuze in schwerer Arbeit: auf Seinen Schultern liegen die Sünden der ganzen Welt, die will ER ins Meer der Barmherzigkeit tragen und daselbst versenken, auf daß ihrer| nicht gedacht werde! Vor Seinem Blicke aufgethan ist die Vergangenheit und die Zukunft aller Menschen, die in die Welt kommen sollen und kamen, aufgethan ist ihm der Blick über die ganze Erde hin, alle Nationen sind Sein Augenmerk, Seine Herden, Seine Schafe, Sein Herz schlägt lauter für sie vor Liebe, als es vor Angst und Schmerzen schlägt! ER ist in schwerem Streit begriffen; aber er kämpft um den Preis, für den der Schächer ein Angeld ist, welcher in der Verheißung ausgesprochen liegt: „Ich will Dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Ende zum Eigentum!“[4] Welche Geschäfte hat ER zu thun, wie arbeitet ER, wie Großes will ER, wie Großes thut und duldet ER dafür! Ja, ER weiß, daß mit der Mittagsstunde, welche nun nahte, noch schwerere Leiden über Ihn hereinbrechen würden! ER weiß, daß Gott um Mittag von Ihm gehen, Ihn verlassen würde, daß mit Gott alle Kreaturen von Ihm weichen würden, selbst des Tages Licht, daß ER am Mittag würde allein gelassen werden, die Kelter zu treten, daß ER, ach ER Sein Haupt in den zeitlichen Tod neigen dürfte, den ewigen Tod überwinden müßte, daß ohne diese Arbeit Seine Arbeit nur halb geschehen, nur unvollendet zurückbleiben, kein Mensch selig werden könnte! Ach, Seiner Seele ist bange in Seinen großen Erlösungsgeschäften, man sollte denken, hingenommen in solche Arbeit hätte ER keine Gedanken übrig für die einzelnen Seelen, fürs Allgemeine bemüht, vergäße ER Sein Haus, Sein irdisches Haus! ER, der schon zur Zeit Seines Lebens gesagt hatte: „Wer den Willen thut meines Vaters im Himmel, der ist meine Mutter, Bruder und Schwester!“ wer wollte es Dem verdacht haben, wenn ER, bemüht, viele Mütter, Brüder und Schwester für das ewige Leben zu gewinnen, vergessen hätte, Sein eigenes Haus zu bestellen und Seine Mutter zu versorgen! Aber ER, des heiliger Geist durch der Apostel Mund spricht: „Wer seine Hausgenossen nicht versorgt, der ist ärger, als ein Heide!“, ER mußte in allen Stücken vollkommen sein, denn einen solchen Hohenpriester sollten wir haben, der da wäre heilig, unschuldig, unbefleckt,| von den Sündern abgesondert und höher, denn der Himmel ist;[5] ER behält das Große im Auge und vergißt das Kleinere nicht; ja, vielmehr, das Kleine ist Ihm groß, ER sieht Seine Mutter am Kreuze weinen. ER erinnert sich, welche Ehre ER selbst von Ewigkeit her dem mütterlichen Namen mitgeteilt! ER erinnert sich, daß eines von den zehn Geboten, die ER auf Sinai gegeben, der grauen Häupter Ansehen ehret und dem Vaternamen Gottes auch in den irdischen Stellvertretern Ehre giebt; darum muß eines Seiner sieben letzten Worte die Mutter ehren, darum muß ER noch am Kreuz das vierte Gebot verherrlichen. Freilich ja! Alle Schafe suchte ER, der fromme Hirte, welches Schaf sollte ER mehr suchen, als das, welches Ihn geboren? Seine Gedanken sind Gedanken des Friedens und der Liebe über alle Kreaturen, Sein Herz ist eitel Segen, Sein Leben verschwendet, Sein Blut vergießt ER vor überschwenglicher Liebe und Barmherzigkeit. Ach! sollte ER die Mutter nicht lieben, die nur in Ihm lebt, deren Leben mit Ihm stirbt, die keine Freude mehr auf Erden hat, wenn ER von der Erde geht, die lieber mit Ihm im Grab, als mit den andern Menschen im Leben wäre? Sein Herz beschließt zu eilen, ehe die Mittagsstunde kommt, ER bestellt Sein Haus, ehe Ihn der ewige Tod überfällt, ER wirft alle Erdensorge ab, ER macht Sein Testament, auf daß ER dem Feind, dem ewigen Tode mit ganzer Seele entgegengehen möge! Sein Auge sucht mit inniger Liebe das Auge Seiner Mutter: ER findet, ER hält es, ER letzt sich an ihrem Anblick, ER dankt ihr, Sein Auge wird größer, glänzender, verheißender, nach Ostern, an Pfingsten, im Himmel, will ER ihr den Dank bezahlen, Sein Auge glänzt majestätisch, ER scheidet von ihr, spricht mit ruhiger, sanfter, tröstender Stimme: „Weib, siehe, das ist dein Sohn!“ und zum Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ Ja! König, Dorngekrönter, Preiswürdiger: so handelst Du! Du hängst nur unter Missethätern, damit um so mehr vor aller Welt erscheine, daß Du kein Missethäter, daß Du oder keiner der Missethäter Heil und Heiland bist! Um| Dich ist nur darum solche Sündennacht, damit Deine Herrlichkeit, o Sonne des Lebens, desto prachtvoller glänze, Du Sonne in dunkler Nacht! Ja, so heilig handelt der heilige, sterbende Christus. Wenn Salomos Mutter, Bathseba, zu ihm kam, so stand er auf von seinem Thron, ging ihr entgegen, betete sie an, setzte sich dann wieder auf seinen Stuhl, und seiner Mutter ward der Stuhl zu seiner Rechten gesetzt,[6] so ehrte der König Salomo seine Mutter! Aber was ist das gegen diese Ehre, welche der Herr der Herrlichkeit, der ewige Friedefürst und Salomo, Seiner Mutter von Seinem Kreuze herab anthat! ER stieg nicht von Seinem Kreuze, ER ging ihr nicht entgegen, ER betete sie nicht an, ER starb aber für ihr ewiges Heil, ER gab ihr einen Sohn, der sie nicht verließ, ihr treu blieb bis an ihr Ende, ER tröstete sie in ihrem größten Schmerz mit liebreichem Munde; während Sein Geist die ganze Welt umfaßte und um sie warb, vergaß ER Seine Mutter nicht!

 War Maria schon zuvor mit Leib und Seele nur Liebe für ihren heiligen und erhabenen Sohn, wie erst nun, nach solchem Beweis Seiner Liebe! Wenngleich dadurch der Wert ihres Sohnes nur desto größer erschien, ihr Verlust desto schwerer, ihr Schmerz desto herber und durchdringender wurde, so lag doch eben darin, in dieser Liebe des Sohnes eine so sanfte Tröstung, eine so gewaltige Stärkung, daß ihr die auferlegte Schmerzenslast nicht schwerer, sondern leichter wurde!

 O Brüder und Schwestern! Wie schön ist diese Geschichte! Lasset uns doch anbeten vor dem HErrn, der Gott ist, und doch so groß als Mensch, so gut und freundlich, so leutselig und barmherzig!




 Doch, Brüder! nachdem ihr die Geschichte gehört, kann ich euch nicht ohne eine Vergleichung des Betragens andrer Söhne mit dem Betragen dieses Sohnes, nicht ohne Auslegung von dem dreifachen Segen dieses demütigen Beispiels des großen| Königs in eure Häuser zurückgehen lassen. Ich will mich kurz fassen in einer Sache, wo viel zu reden wäre: schenket mir Geduld, auf daß ihr Segen empfanget!
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 Wie ganz anders ist das Betragen der Söhne und Töchter in der Welt gegen ihre Eltern. Dieselben Kinder, denen in den Tagen der ersten Kindheit Vater und Mutter das Himmelreich waren, die völlig in ihnen lebten, ohne sie nicht leben konnten, können hernach so völlig das Gegenteil werden, daß ihnen niemand weniger zu ihrem Glücke nötig ist, als die Eltern, daß keine Gesellschaft für sie unerträglicher und langweiliger ist, als eben die des grauen Vaters, der grauen Mutter. Sie sehen wohl, daß Vater und Mutter keine größere Freude haben, als bei dem Sohne zu sein, als Zeugen seines Wohlergehens; aber die Kinder sehen es für eine große Plage und Aufopferung an, wenn sie auch nur eine Stunde bei ihnen sein sollen. Die Eltern geizen nach jedem Wort des Sohnes, der Sohn ist einsilbig gegen sie, wenn er gegen alle andern gesprächig ist, trocken und langweilig, wenn er sonst gegen alle anmutig und freundlich, leutselig und gütig ist. O wie wenig Worte des Dankes hört ein graues Haupt von dem geliebten Kind, das es reden gelehrt hat! Und wie noch viel weniger Werke des Dankes geben sich kund. Oft erfährt es eine arme Mutter, daß ihr Sohn sie nicht einmal in den bedeutendsten Angelegenheiten seines eigenen Lebens, das doch ihr eigenes Leben ist, zu Rate zieht, und wenn sie es im Überschwang ihrer Liebe wagt, ihm in sein Thun ein Wort darein zu reden, wehe ihr dann, ihr armes, liebevolles Herz wird von dem Sohne rauh und heftig zurückgewiesen, und oft bedeutet, daß die Mutter nichts angehe, was den Sohn angeht. Das erfährt eine Mutter, die von ihrem Sohne keine Unterstützung braucht, die ihren Sohn unterstützt, der dafür auf ihr Ende wartet, damit er die Mutter los habe und mit Freuden in Empfang nehme, was sie nachgelassen. Wie aber geht es erst armen Müttern, welche wohl Unterstützung brauchen könnten, wie schnöde werden sie behandelt! Es giebt Tiere, welche aus angeborenem Triebe ihre Alten pflegen und ihnen das Nötige darreichen, wenn sie es nicht mehr selbst gewinnen können:| diese Tiere sind menschlicher, als manche Kinder, und diese Kinder sind tierischer, als jene Tiere. Denn mancher Sohn ist im fremden Land und vergißt die arme Mutter in der Heimat ganz und gar; mancher Sohn hat genug zu leben für Weib und Kind, ja, er hat übrig, denn er kann zum Biere gehen, kann manche kleine Summe im Spiel verlieren, manchen Tag mit Weib und Kind herrlich und in Freuden leben: wie leicht könnten sie mit diesen überflüssigen Ausgaben den Segen ihrer Eltern gewinnen, ihre Augen mit Freudenthränen, ihr graues Haupt mit Ehren zieren; aber nein! Während der Sohn am Sonntag Abend beim Bier sitzt, während er Geld verschwendet und verliert, sitzt die Mutter bei trocknem Brote, alt, oft krank. Ja, ja, oft ist die Mutter auf dem Krankenlager, auf dem Siechbette. Christus hat wohl gesagt, daß, wer einen Kranken besuche, der besuche Ihn; aber dem Sohne fällt nicht ein, seine Mutter zu besuchen; er könnte seiner Mutter Arzt sein, die Freude über einen Besuch würde sie mehr erquicken, als alle Arzenei, aber der Sohn besucht sie nicht. Er ist ihrer Schwachheiten und Gebrechen im Leben so müde geworden, als hätte er selbst keine, als würden seine Kinder an ihm nichts zu tragen haben, wenn er in die Jahre kommt: er hat seiner Mutter in gesunden Tagen oft einen kräftigen Fluch hinterhergeschickt, was Wunder, wenn er in ihrem Siechtum unempfindlich ist? Er tröstet sie nicht: Christus hat am Kreuz hängend nicht vergessen, die Mutter zu trösten, da hängt eine Mutter selbst in ihrem Kreuze und wird nicht getröstet. Vielleicht thut der Sohn ein Überflüssiges und bringt seine Mutter, um ihrer ein für allemal los zu sein, in ein Hospital: dann meint er, sie versorgt zu haben! Als ob fremde Menschen gleichsam größerer Liebe gegen eine alte Mutter fähig wären, als der Sohn ihres Leibes, den sie mit Schmerzen geboren hat. Ja, wohl hat mancher Sohn schon seine Mutter aus dem Hause in ein Spital oder irgendwohin geschafft, wohl verpraßt mancher sein Gut, das ihm Vater oder Mutter sauer verdient haben, während die Mutter nur mit Mühe, wie eine Bettlerin, einen Groschen vom Sohne empfangen kann, den alten, ausgedienten, müden kranken Leib zu laben. Endlich etwa stirbt sie, liegt allein in| einer Zelle; ist sie in jedem Elend bei ihrem Sohne unterm Kreuz gestanden, ihr steht man im höchsten Jammer nicht bei, oder man steht ihr bei auf eine kalte, frostige Weise! Man wischt ihr den Schweiß vom Angesicht ohne Liebe, man legt ihr das Kissen zurecht, jedes Mal wünschend, daß es das letzte Mal sein möchte, man wartet aufs Ende ohne Thränen, man sieht ihm zu, man hört den letzten Seufzer ohne Gebet zu Gott, man drückt die gebrochenen Augen gleichgültig zu und geht dann weg, als wäre nichts geschehen, nicht, als hätte man die beste Freundin, das liebevollste Herz verloren, sondern, als wäre man genesen von einer Plage, als wäre einem eine Last abgenommen. Sagt, mir, Brüder, habe ich da zu viel Böses von Kindern gesagt? Giebt’s keine solche Söhne? Sind unter euch keine? Und wenn ihr gestehen müsset: ja, es giebt solche, wenn vielleicht mancher unter euch die Stimme Nathans, des Propheten, in seiner Seele hört: „Du bist der Mann!“ ist dann ein solch Benehmen nicht himmelschreiende Missethat? Ist denn kein viertes Gebot vom Sinai gegeben und dem Menschen ins Herz gepflanzt? Hat denn Gott kein heiliges Beispiel unbefleckter, kindlicher Liebe am Kreuz vor aller Augen aufgestellt, kein viertes Gebot an Seinem Sohn erklärt? Hat nicht der Sohn am Kreuze, obwohl ER der HErr vom Himmel war, sich herablassen müssen, durch Sein ganzes Leiden und durch Seinen Tod das vierte Gebot zu hohen Ehren zu heben? Lebt denn kein Gott mehr, Missethat zu rächen, oder ist er zu schwach dazu geworden? Weissagt euer Gewissen, ihr verfluchten Kinder, euch keinen Fluch? Nagt euch kein Wurm, protestiert in euch nichts mehr gegen euer Benehmen? Ist keinem solchen Sohne vom Grabe seiner Mutter, an dem er stand, ein Schauer des Gerichts aufgestiegen? Unglücklicher Sohn, der du noch also deine Mutter behandelst, was meinst du, wird dich für Qual der Reue ergreifen, wenn du deine Mutter zu Grabe tragen wirst, und der Geist des gerechten Gottes dich dann erinnert, daß du deine Mutter und in ihr das vierte Gebot, und in ihm deinen Gott so hoch beleidigt hast und nun nichts mehr ändern kannst? Das Seufzen der Tagelöhner, die den Lohn verkürzt empfangen, hört der HErr, meinst du, ER| werde nicht das letzte Seufzen deiner von dir verlassenen, nach deiner Liebe hungernden, von dir nicht mit Liebe, sondern mit Eis der Lieblosigkeit gespeisten Mutter gehört haben? Das Seufzen des bedrängten Fremdlings schreit zu Ihm, und deiner Mutter Druck und Seufzen soll nicht gegen deine Seele seufzen?

 O daß ein jeder unter uns an seine Brust schlüge, ein jeder seine Sünde suchte und erkennete und beweinte und sich zum Anblick des gekreuzigten JEsu mit Hilferuf wendete! Für unbußfertige, in ihren Sünden hartgewordene Übertreter des vierten Gebotes ist das Kreuz JEsu nur ein Spiegel ihrer Strafen! Sünder, der du nicht willst aus dem Schlafe kommen, der du deine Sünden nicht mit wachen Augen erkennen und betrachten willst: diese Bluts- und Schweißtropfen, diese Striemen, diese Wunden, dieses Kreuz JEsu zeigen dir die zeitlichen Strafen, welche du mit Übertretung des vierten Gebotes verdient hast: Christus leidet, was deine Thaten wert sind! Sünder, diese Angst der Seelen, diese Todesangst im Garten Gethsemane, welche dem Heiligen Gottes Schweiß nicht, aber Blut aus den Adern gedrängt hat, diese harret dein! Sünder, diese Finsternis, die Ihn umgab von der Mittagsstunde an bis zum Tode, diese wird deinen Geist umfangen und deines Falles Zeuge sein, wenn du vom Totenbette in den Ort der Qual und Pein hinabfällst! Sünder, diese Unterschrift von Gott, welche deinen Heiland an diesem Kreuze peinigt, Ihn zu lautem Geschrei und jammernden Klagen bringt und treibt, diese wird dein Los sein in der Ewigkeit der Ewigkeiten, wenn du nicht die verlassene Mutter suchst, und nach Reue und Thränen, nach heiliger Buße sie hebst und legst und trägst! O Sünder ohne Reue, wie schwer sind diese Strafen der allmächtigen Kraft Christi geworden: wie schwer werden sie dir erst werden, wenn du in der Hölle und in der Qual sein wirst!

 Ihr aber, reumütige Sünder, die ihr aufgeweckt seid zur Erkenntnis eurer Sünden, fahret fort, euch kennen zu lernen, ja, vergleichet eure Übertretung mit Gottes Gebot, mit JEsu| Demut, unterworfen unter das vierte Gebot, ja, lernt euch besser kennen, wendet euer Auge nicht bald von euch weg, wenn gleich der Anblick eures Lebens, eures Herzens nichts Erquickendes, sondern nur Beschämendes, Erschreckendes hat! Schaut euch nur an im Lichte des Gesetzes, bis ihr eures Schmutzes, eures häßlichen Anblickes satt seid, bis ihr eure Sünden verabscheuet, bis euch das Andenken an sie zu glühenden Kohlen auf euren Häuptern wird, bis ihr hungert und dürstet nach Linderung eurer Reuepein, nach Frieden der Vergebung, nach Gerechtigkeit, die vor Gott gilt! Wenn ihr aber zu solchem Ernste der Reue und Buße werdet durchgedrungen sein, zu solchem Verlangen nach Gott und Seiner Gnade, dann wird euch zum Troste werden, was ich euch von dem dreifachen Segen unseres Textes gesagt habe und nun in ganz kurzen Sätzen sagen werde:

 1. Ein Sohn, der reumütig seine Missethat beweint, die er an Vater und Mutter begangen hat, der erkenne, daß seine Strafen, am vierten Gebot verdient, darum auf den unschuldigen Christum geworfen sind, daß er sie selbst nicht leiden dürfte! Du, Reumütiger, wirst nicht gestraft werden, wenn du das glaubst! Denn zweimal und doppelt, an deinem Stellvertreter und dir zugleich, straft der ewige Gerechte nicht! Die Strafe lag auf Ihm, auf daß du Frieden hättest. Nimm hin, glaube, glaube in Gottes Namen die Vergebung deiner Missethat um Christi willen! Gott vergiebt, und wo Gott vergiebt, da vergiebt dir auch dein seliger Vater, deine verewigte Mutter, welche du bis in den Tod beleidigt hast! Die Seligen zürnen nicht, wo Gott nicht zürnt! Dein Vater, deine Mutter haben dir diese Gnadenstunde erbeten, da du aus JEsu Leid empfingst Vergebung und Frieden und deiner Eltern Segen!

 2. Ein Sohn, der, obzwar guten Willens, nicht mehr wie sonst ein Ungehorsamer, dennoch nicht vollbringen kann, was er selbst gern möchte, der bei treuem Fleiß doch inne wird, daß er nur Sünde thut, daß er ungehorsam ist und von der Unart seines Herzens übereilt wird, der, obwohl voll Reu und Leid, wohl auch ein wenig glaubend, daß er Vergebung| gefunden, dennoch keine Gerechtigkeit gewinnen kann, sondern nur Ungerechtigkeit sammeln kann: der wisse, daß darum JEsus unter das Gesetz gethan ist, auf daß ER die erlösete, die unter dem Gesetz sind, auf daß ER an unserer Statt alle, auch die strengsten Forderungen des Gesetzes erfüllete, damit wir bei unserm mangelhaften Wesen nicht immerdar die Anklage des Gesetzes auszuhalten hätten, auf daß wir, frei vom Gesetze, uns der Gnade freuen könnten! Ja, o Seele, die über ihre Sünden betrübt ist, und betrübt, daß sie nicht thun kann, wie sie will, daß sie keine Gerechtigkeit erwerben kann: wisse, o Seele, JEsu Christi heiliger Gehorsam wird von Gott dem, der da glaubt, also auch dir, wenn du glaubst, zugerechnet, als hättest du ihn geleistet, du hast keine Gerechtigkeit, keine Tugend von dir selbst, aber JEsus ist dein, Ihn hast du, in Ihm hast du Gerechtigkeit. ER ist mehr, als alle Gerechtigkeit, wer Ihn hat, hat für das göttliche Gericht genug, ist reich zum Überfluß, hat Freude die Fülle und liebliches Wesen. Darum bei all deinen Mängeln freue dich des Heilands und sprich: „Ich freue mich des HErrn, und meine Seele ist fröhlich.“
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 3. Endlich, Seele, die du gern möchtest zu deines JEsu Ehre leben! dein JEsus hat für dich gelitten und auf Gottes Throne bittet ER dir aus den Geist der Kindschaft Gottes! Bete und glaube, so wirst du unvermerkt den Geist empfangen, der, weil ER Gottes Kinder zeugt, auch auf Erden fromme Kinder macht, und den Ungehorsam umwandelt zum Gehorsam und die Schande seiner Mütter zu derselben Freude! Bete und glaube, so wird dein gegen deine Eltern bisher liebloses Herz Liebe empfangen und Kraft, den alten Menschen zu überwinden; ja, du wirst eine übernatürliche Liebe empfangen, daß du deiner Eltern gehorsames Kind sein kannst. Du wirst einen neuen Menschen in dir befinden, welcher sich gern ermahnen läßt, und statt der Ermahnung zu widerstreben, durch dieselbe heranwächst nach dem Maße des vollkommenen Mannes JEsu. Deine inwendig wohnende Kraft wird durch Ermahnung wachsam zum Sieg. Du wirst in dir Lust haben, deinen Eltern zu gehorchen und zu dienen, und Vermahnung des| göttlichen Wortes wird dir Lust zur That machen! Du wirst es schön und für das beste Werk finden, den Eltern im kleinen zu dienen, du wirst es im Lichte des heiligen Geistes für größer erkennen, als Welten erobern, du wirst dich des Werkes freuen und wirst dich mehr freuen. Du wirst in der Kraft deines Glaubens dies beste Werk, dies größte Werk vollbringen! Ohne Ihn können wir nichts thun, wer aber ein Rebe am Weinstock ist, der wird Kraft empfangen von dem Weinstock, Frucht zu tragen, und der Weingärtner wird ihn reinigen, daß er mehr Frucht bringe! Du wirst es wissen, daß du auf Gottes Wegen gehst, und diese tröstliche Gewißheit wird ein gutes Gewissen machen und fröhlichen Mut, und wirst erfunden werden als einer, an dem erfüllt ist, was der Dichter betet: „Wollst uns ein fröhlich Herz und edlen Frieden geben.“




 Brüder! Am Sonntag vor Weihnachten habe ich euch vermahnt zum Frieden mit allen Menschen! An Ostern kommt der Friedfertige und bringt im Evangelium den Frieden aus dem Grabe, spricht: „Friede sei mit euch!“ An Karfreitag hat ER den Frieden gewonnen für alle, an Ostern giebt ER ihn, nicht wie die Welt giebt. Wollet ihr nicht zur Vorfeier des großen Friedensfestes, des Festes unsrer Erlösung in euern Häusern Frieden machen und den alten Sauerteig des Unfriedens ausfegen? Wollen nicht die Söhne und Töchter mitsammen eins werden, ihrer Eltern Willen forthin in allem, was Christi ist, ihrem Willen vorzuziehen und in schöner Eintracht zu gehorchen und zu dienen? Meinet ihr nicht, daß Christus mit Wohlgefallen auf solche Entschlüsse herabsehe und sie mit Kraft zur Erfüllung ausstatten werde? Ach! es ist eines von den auf die letzten Zeiten geweissagten Stücken, daß der Ungehorsam gegen die Eltern überhand nehmen werde! Wenn doch meine herzlich geliebten Brüder in dieser Gemeinde mit mir diesem Verderben der letzten Zeit und ihrem Gerichte zu entrinnen strebten und rängen! O lasset uns weinen, daß wir ungehorsam gewesen, lasset uns beten, daß wir gehorsam werden, lasset uns freuen, daß JEsus uns Freude| am Gehorsam giebt! Ja, JEsu, bester Sohn der besten Mutter, gieb, daß wir armen, ungehorsamen Kinder durch Kraft Deines Blutes fromme Kinder werden und die lieben, grauen Häupter mit Liebe, Friede und Freude krönen, auf daß es ihnen bei uns wohl werde, und sie eine Erquickungsstunde haben, bevor sie im Frieden zur ewigen Freude fahren! O JEsu, JEsu! Amen.





  1. Luk. 23, 49.
  2. Altes Gesangbuch von 1811.
  3. Luk. 2, 52.
  4. Psalm. 2, 8.
  5. Ebr. 7, 26.
  6. 1. Kön. 2, 19.
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