Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Estomihi 1836

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Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag Oculi 1836 »
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Am Sonntag Estomihi.
(Altdorf 1836.)


Gal. 6, 14. 15. Es sei ferne von mir rühmen, denn allein von dem Kreuz unsers HErrn JEsu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Denn in Christo JEsu gilt weder Beschneidung, noch Vorhaut etwas, sondern eine neue Kreatur.

 Es haben alle Menschen eine Neigung beides zum Loben und zum Tadeln, gleichwie zur Liebe und zum Haß. Diese Neigung aber soll durch das Christentum und durch den Geist JEsu Christi nicht ausgetilgt, sondern nur gereinigt und auf die rechten Gegenstände hin gerichtet und bei ihnen festgehalten werden; denn in einer Welt, wo es Böses und Gutes giebt, kann und darf ebensowenig alles geliebt und gelobt, als alles gehaßt und getadelt werden, sondern es kommt auf eine heilige Gerechtigkeit an, welche je nach dem wahren Wert der Dinge Lob und Tadel, Haß und Liebe austeilt. Wäre diese Gerechtigkeit bei allen Menschen, statt so vielfacher Heuchelei und Gleisnerei, so wäre die Erde schon zum Himmel umgewandelt. Sie ist aber ein seltener Gast bei den Menschenkindern, und es bleibt nichts übrig, als daß sie bei immer mehreren unter uns einkehren und bei uns bleiben möge, bis wir zu unsern Vätern versammelt werden. Bis das geschieht, wollen wir uns wenigstens die Sehnsucht nach ihr wachsen lassen, und ich will darum heute nach meinem Texte predigen

von dem Rühmen.

Der barmherzige Gott segne es! Amen.




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I.

 Die Welt, d. i. die Menschen, welche nicht wiedergeboren sind aus Wasser und Geist, sind nicht einig über das, was des Rühmens und Lobens wert ist. Es rühmt eben ein jeder am liebsten das, was er hat oder was er hofft, zu bekommen; denn das rühmen, was andere haben und uns selber fremd ist, will deswegen keinem leicht sein, weil jeder in dem gerühmten und gelobten Gute nur sich selber rühmen möchte, wie man denn deshalb auch häufiger die Redensart braucht: „sich einer Sache rühmen,“ als „eine Sache rühmen“.

 Am wenigsten des Ruhmes wert sind die äußeren Güter, welche so gar hinfällig sind, daß sie, bevor man sich ihrer noch ausgerühmt hat, ja, wenn man das Wort noch auf den Lippen hat, entronnen und nicht mehr unser sein können. Von ihnen heißt es mit Wahrheit: „Die Welt vergeht mit ihrer Lust“ und wie Salomo sagt: „Alles ist eitel.“ Der Reiche rühmt sich seines Geldes; aber über Nacht kann er dem Gelde durch den Tod, oder das Geld ihm durch Diebe entrissen sein. Wer viele Häuser hat, rühmt sich der Häuser, die in einer Nacht ein Raub der Flammen werden können. Ihr rühmt euch gern eurer Hopfengärten, was ist aber euer Ruhm, wenn Gott einmal den Gärten keinen Segen giebt, wenn der Hopfen nicht gerät, wenn eure Äcker öde stehn? Andere, die keinen Reichtum haben, rühmen sich leiblicher Vorzüge, der eine findet, daß er stark ist an Kräften; aber eine springende Ader, ein Schlagfluß kann in einem Augenblick die Kraft eines Riesen lähmen. Jungfrauen und Frauen rühmen sich gern, daß sie schön seien; das ist aber eben, als wollte ich mich des Schnees rühmen, der jetzt fällt und im Kot liegt, es ist eben, als wenn eine Zwetschge sich rühmen wollte, daß sie so schön bereift ist, da doch ein Kind, ja eines Vogels Schwingen im Vorüberfliegen den Reif, wie nichts, abwischen kann. Es ist doch der Mensch in seinem Leben wie Gras, und alle seine Herrlichkeit wie des Grases Blume, die am Morgen steht und am Abend im Ofen liegt, oder von welchen doch so bald gesagt wird: „das Gras ist verdorrt, die Blume ist abgefallen.“ Wieder andere rühmen sich ihrer| Ahnen, die doch in den Gräbern liegen und hier auf Erden unvermögend geworden sind, deren Gedächtnis, je edler sie waren, die Nachkommen, die jetzt leben und sich rühmen, so gar ruhmlos in den Schatten stellt. Wieder andere rühmen sich nicht der Hingeschiedenen Verwandten, sondern der noch lebenden, daß sie edle Frauen, wohlbegabte oder fromme Kinder, Geschwister etc. haben; was ist’s aber? Sie rühmen sich derer, die heute rot und morgen tot sind, und was hilft’s, edle Verwandte haben, wenn man selbst unedel ist? Endlich giebt es viele, die gern erzählen, daß sie angesehene Leute zu Freunden haben oder daß sie viele Freunde haben; aber davon schweige nur; wenn im Frühling eine einzige Frostnacht kommt, so sterben zahllose, schöne Blüten, so sind die Freunde, wenn einmal nur eine Nacht lang der Wind der Verleumdung weht, wenn du deiner Güter, deiner Gaben beraubt wirst. Menschengunst, auch frommer Menschen Gunst ist Rauch im Wind und eitler Dunst!
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 Nicht minder ist’s ein eitles Rühmen, wenn man sich geistiger Güter rühmen will. Es giebt Leute, welche von Gott besondere Talente empfangen haben. Alsbald dünken sie sich erhaben über andere Leute und sehen mit hochmütiger Vornehmheit auf andere herab. Und doch sind beide, der Talentvolle und der Talentlose, wenn es ernst gilt, einer so blind wie der andere; sie wissen alle beide nicht, wie man von allem Übel los werde und durch des Todes Pforten zu dem ewigen Himmelreich komme; es geht ihnen beiden gleich, Unglück trifft sie, den Unweisen oft weniger als den Weisen, und vor dem Tod erbleicht Talent und Thorheit gleichermaßen. Ebenso eitel ist es, wenn einer an der von Gott verliehenen Mischung der Seelenkräfte, an seinem Temperamente ein so großes Wohlgefallen findet, daß er etwa sanftmütiger als andere, oder gutmütiger, oder von leichter entzündetem, natürlichem Mitleid ist u. dgl. Aber alles das ist noch lange kein himmlisches Wesen, es darf nur das Evangelium kommen und alles, was nicht aus Glauben kommt, verachten, als einen Gegenstand bezeichnen, für welchen Buße zu thun ist, so fühlt sich ein jeder am wunden Fleck berührt und seine Lebensfreude| und Krone ist dahingenommen, der Sanftmütige, der Gutmütige, der Mitleidige wüten dann gleich Tigern und losgelassenen Schlangen, wider die heilige Lehre und den, der nicht nur der Sanftmütigste etc. in Wahrheit ist, sondern auch allen Menschen wahre Sanftmut etc. allein bringen und schenken kann, wider Christum. Andere geistige Güter, darauf sich der Mensch etwas zu gute thut, sind Ämter und Würden. Mancher geht demütig einher, solang er nichts ist vor den Menschen, so wie er aber aus dem Staube emporgehoben wird, dünkt er sich höher, als der Staub, tritt seinesgleichen in übermütiger Verachtung mit Füßen, vergessend, daß die Königsstatue, welche ein Töpfer aus einem Stück Thon gemacht hat, und der Thron, den er für sie aus dem anderen gemacht hat, ein und derselbe Stoff sind und daß sie beide wieder müssen zu Erde werden, von der sie genommen sind. Es ist ein eitles Rühmen, du magst dich eines Sterns, einer goldnen Kette, einer Krone rühmen, es ist doch für alle eitlen Rühmer nur eine Hölle, in welcher das keinen Unterschied mehr macht.
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 Endlich rühmt sich der Mensch auch geistlicher Güter. Geistliche Güter sind von den geistigen, wie Gnade und Natur unterschieden: geistige Güter sind solche, welche der Mensch mit auf die Welt bringt, geistliche aber solche, welcher man durch Christum teilhaftig wird und durch Sein Wort und Geist. Wenn einer voll Mühe und Kummer über seine Sünden zum Beichtstuhl kommt, so wird er oft durch die heilige Absolution erfreut, Mühe und Kummer verschwinden, und er fühlt die Gnade der Vergebung der Sünden; statt nun in demütigem Danke, mit stillem Preise hinzugehen und dem HErrn die Ehre zu geben, der alle seine Gebrechen geheilt hat, rühmt er geschwätzig nicht den Geber der Gnade, sondern die Gnade, schwillt in Worten über, wie ein siedender Topf, und weil er sich der Gnade rühmt, als wäre sie nicht Gnade, weil er einen Hochmut aus ihr macht und andere, die nicht getröstet sind, gegen sich verachtet, ist ihm sein Rühmen zum losen Verbrechen ausgeschlagen und das Rühmen hat ihn aus der Gnade geworfen. – Wieder ein anderer fühlt in sich Kräfte, sich zu überwinden, und legt nun einen Fehler nach| dem andern ab; aber während es ihm gelingt, äußere Fehler abzuthun, sich äußerlich zu waschen, schwillt sein Herz inwendig von Werkheiligkeit und geistlichem Hochmut, die Krankheit hat sich nach innen gewendet; er rühmt die Überwindung mit frommen Worten, er giebt äußerlich Gott den Preis, aber der Satan läßt ihn bei allen solchen Worten nur an sich selbst denken, er dankt und preist nur sich, und während er noch meint, ein Lobsänger Gottes zu sein, ist er einstimmig mit der Hölle Liedern, die hochmütig Gott schmähen und der höllischen Kräfte Wunderwerke loben. O Tugendstolz der Bekehrten, Werkheiligkeit, wahrlich, wahrlich, wer dir entgeht, der geht den schmalen Pfad! Aber wahrlich, wahrlich, sehr schmal, sehr schmal ist der Pfad, und wenige wandeln auf ihm.

 Endlich giebt es auch solche Ruhmredige, welche sich der Trübsal rühmen, aber nicht, weil sie Gnade ist und in Demut getragen eine süße Frucht der Läuterung wirkt, sondern weil sie glauben, mehr Trübsal zu überwinden, stärker zu sein als andere Leute, und, es ist thöricht, vergessen, daß die Kraft auch zum Leiden von oben her kommt. Sie gehen unter ihrem Kreuz einher, immer herumblickend, ob sie erkannt werden als Kreuzträger, sie tragen ihr Kreuz zur Schau, sie tragen Christi Kreuz mit Christi Kraft, sie rühmen sich, als wäre es ihre Kraft, da entschwindet Christi Kraft und die Kraft des Satans hilft ihn überwinden. Ihre himmlische Erstgeburt ist entflohen und nur der Wahn, der eitle Stolz, das eitle Rühmen ist übrig geblieben. Ach, wie oft erleben das Seelsorger, daß die Kranken, die Sterbenden, die dem Tode nahenden Menschen, die, welche nun bald vor Gottes Richterstuhl treten, daß sie sich in Betracht ihrer guten Tage ihrer Tugend und Tugendarbeit, und in Betracht ihrer Krankheit ihrer Geduld und ihres stillen Sinnes rühmen; großer Gott, am Rande des Verderbens, am schwindelnden, gehen sie noch hin, als eitler Ehre Begierige, als Hochmütige, die sich etwas zuschreiben, Gott lästernd, dem alle Ehre gebührt, und dem Menschen allein die Sünde!

 Alles dies nun genannte Rühmen ist Stolz und weiter nichts, wo aber Stolz herrscht, da ist man entweder nie ein| Christ gewesen oder man hat aufgehört, es zu sein! Wehe, dies Rühmen ist verderblich und hat im Reich des HErrn nur einen Fluch.


II.

 Von allem diesen Rühmen ist die heilige Kirche fern, welche vielmehr mit dem heiligen Apostel Paulus spricht: „Es sei ferne von mir rühmen, denn allein von dem Kreuze unsers HErrn JEsu.“ Wenn man vom Kreuze Jesu spricht, so meint man natürlich nicht, daß man jenen Pfahl ehren will, an welchem der HErr gestorben ist, sondern Ihn selbst, den HErrn, den man aber deswegen insbesondere rühmt, weil ER sich nicht geschämt, weil Ihn die Liebe zu uns gedrungen hat, für uns den schmachvollen Tod des Kreuzes zu sterben, weil ER durch Seinen Tod am Kreuze für uns alle Strafen unserer Sünden gebüßt und uns allen ewige Belohnung des himmlischen Reichs erworben hat, ja nicht des himmlischen Reichs allein, sondern auch des irdischen, der Erde. Weil nun Christus alles gethan, was wir, so nötig es zu unserm Heile war, dennoch nicht haben thun können, so nehmen wir alle Ehre, allen Ruhm, welchen die Welt sich selbst und ihren Nichtigkeiten beilegt, und flechten dem Gekreuzigten daraus einen Ehrenkranz, ja, wir werfen uns selbst zu Seinen Füßen, höchst begierig, selbst etwas zu werden zur Ehre und zum Lobe Seiner herrlichen Gnade. Ja, wir erkennen es, daß die ganze Welt nur etwas ist, Seine Ehre zu mehren, und ein Loblied des Lammes zu singen, welches am Kreuze sich in heißer Liebe für uns geopfert hat. Die heilige Kirche, die hier streitet, ist zwar noch ferne von der Heiligkeit jener triumphierenden Kirche, die aus Engeln und verklärten Menschen im Reich der Ewigkeit zu Gottes und Seines Lammes Ehren dient; aber, so weit wir von ihr entfernt sind, ist doch der Kirche Meinung, der streitenden, eine und dieselbe mit der der triumphierenden, und spricht sich aus in einem Liede: „Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig, zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob! Lob und Ehre und Preis und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ Offb. 5, 12. 13.

|  Und warum denn wird dem Lamme alle Ehre, aller Ruhm übergeben, warum rühmt sich denn die heilige Kirche des Lammes als ihres einzigen Gutes? Darauf antwortet unser Text mit folgenden drei Sätzen.

 1. „Durch Christum ist mir die Welt gekreuzigt,“ darum rühme ich mich allein meines HErrn Christi, als meines höchsten Gutes. Die Welt, d. i. fürs erste der Teufel, sodann der Tod, sodann die Sünde, denn was ist in der Welt als Sünde? Wenn ich nun sage, die Welt ist mir gekreuzigt, so ist das ebenso viel, als: der Teufel, der Tod, die Sünde ist gekreuzigt durch Christum, und es ist mir geschehen, d. i. ich habe davon großen Nutzen. Es ist ein Geheimnis, aber ein seliges, wohl dem, der es versteht. Der Teufel gab Juda ein, daß er Christum verrate, und den Juden, daß sie Ihn kreuzigten, und da er’s hinausbrachte, so meinte er, den König des Himmelreichs überwunden zu haben. Aber nein, er hatte ihn bloß in die Ferse gestochen, und Christus hatte ihm dagegen den Kopf zertreten; nicht Christus war gekreuzigt, sondern der Satan war entkräftet durch Christi Kreuz, durch Sein Leiden hat Christus Macht über den Satan bekommen, und wir sind durch Christi Macht des Satans Macht entnommen und achten ihn nun weiter nicht, als man einen Leichnam eines am Kreuze gerichteten Mörders achtet, wir verachten den Satan unter dem Schirme Christi. So ist uns auch der Tod gekreuzigt, vernichtet und getötet durch das Kreuz unseres HErrn JEsu, denn ER hat für uns den zeitlichen und ewigen Tod geschmeckt an Seinem Kreuze, und hat, weil ER dem Tode sich preis gab an unserer Statt, ihm die Macht über uns genommen, so daß, wer unter JEsu Schirm sitzt, die Verheißung hat: „Wer an Mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; wer an mich glaubt, der wird den Tod nicht schmecken ewiglich!“ Christus ist gekreuzigt und getötet, mit ihm unser Tod; Christus stand auf, er ließ im Grabe den Tod und hat uns Unsterblichkeit und ewiges Leben hervorgebracht. Der Tod ist tot, und die heilige Kirche ist unsterblich in Christo Jesu!

 So sind auch alle Sünden in Christo gekreuzigt. Die| Sünden verklagten uns vor Gott, ein zahlloses Heer gewaltiger Kläger; sie verlangten, daß alle, die sie geboren, gerichtet würden, verdammt, den Sold der Sünde zu zahlen, und die Gerechtigkeit Gottes sprach samt dem Gesetze Ja und Amen zu den Klagen. Da machte sich Christus anheischig, die Klagen der Sünde zu stillen, den Sold für alle Menschen zu zahlen, die Gerechtigkeit zu versöhnen und das Gesetz zu erfüllen, und ER that es. Da muß nun die Sünde schweigen, ihre Pön ist gezahlt, die Gerechtigkeit selbst samt dem Gesetz haben keinen Anspruch mehr an uns, es ist als hätten wir nie gesündigt, die Sünde, die ganze Welt voll Sünde ist tot! Die Sünde ist für uns so gut wie nicht vorhanden, und wir werden ihretwegen die Seligkeit nicht verlieren. Das haben wir dem gekreuzigten Christus zu danken, Seiner rühmen wir uns! Wer Hölle, Tod, Sünde und Teufel für uns vernichtete, Gnade, Frieden, Leben wiederbrachte, dem sei Ruhm! Wir rühmen uns hinfort allein des Kreuzes Christi.
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 2. Der zweite Grund, warum wir Christo alle Ehre geben, ist ausgesprochen in den Worten: „Ich bin der Welt gekreuzigt.“ Ich habe kein Anrecht mehr an die Welt, meine Verbindung mit ihr ist ab, sie war mir vorher nahe, ich war an sie gebunden mit hundert Banden, sie war mir vertraut wie ein Weib, meine tägliche Gefährtin; die Sünde führte mich am Band, ihr Gehorsam zu leisten in ihren Lüsten, der Tod schreckte mich samt dem Teufel, ich vermochte ihm aber nicht zu entfliehen; ich war in ihrer grauenhaften Nähe wie in einem Kerker eingekerkert, wie sollte ich los kommen, wie sollte ich’s machen, daß sie mich nicht mehr bewachte, mich gehen ließe meinen Gang, sich nicht mehr um mich bekümmerte, wie man sich um den Leichnam nicht mehr bekümmert, der am Kreuze hängt oder im Grabe liegt? Christus hat’s gethan, ER ist für mich gestorben, ER hat mich geliebt, der ich nicht liebenswürdig war, mit einer Liebe, die mir unbegreiflich, obwohl selig ist; diese Liebe übt ER noch immer an mir, was ich bin und habe, ist die Gnade Seiner großen Liebe; da mir diese Liebe gepredigt ward, hat sie mich hingerissen, hingenommen, überwunden, ich stürzte vor ihr nieder und| weinte Thränen des Dankes, daß sie so groß ist, ich ward ergriffen von einem starken, ausgereckten Arm und an das Herz des Mannes gedrückt, der für mich gestorben ist; mir ward Mut gegeben, die Welt zu verachten, von ihren Kindern mich zu scheiden und vor aller Welt zu sprechen: „Mein Freund ist mein, und ich bin sein!“ Wer das von sich sagen muß, der wird zuerst gehaßt von der Welt, angefeindet, verfolgt, die Welt giebt ihm auch eine Dornenkrone, einen Schmachmantel, ein Rohr statt eines Scepters, er muß unter Hohn und Spott, unter Speichelregen und durch Ströme der Lästerung waten; er ist in der Welt, wie in einem Exil: aber es dauert nicht lange, wenn die Welt merkt, daß man des HErrn Eigentum ist, daß sie nichts gewinnen kann, daß sie nicht verführen kann, wenn sie sieht, daß der Herr für die Seinen streitet, hilft sie sich durch Verachtung; eilends kommt ihr die Erkenntnis, daß an Christi Jüngern nichts ist, daß sie lauter zorniges, elendes, verrücktes und schlechtes Volk sind, sie stößt sie von sich, läßt sie allein gehen, kümmert sich nicht mehr um sie, und die Glieder Christi lernen jetzt den Spruch: „Ich bin der Welt gekreuzigt,“ ich bin ihr tot, sie hat mich aufgegeben, mein Andenken begraben. Einen Augenblick thut es weh, ist ungewohnt und seltsam, im zweiten Augenblick erkennt man die Scheidung für gut und im dritten ist sie schon süß, bald dankt man dem Lamme, dem gekreuzigten, und Seiner Liebe, daß sie uns hingerissen und frei gemacht hat von der Liebe zu der Nichtigkeit! Ach, wie selig ist man bei solcher Verarmung an aller Welt Liebe! Fröhlich singt man: „Wäre ich von dieser Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb!“ und der HErr spricht: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu Mir gezogen aus lauter Liebe.“ Ach! da wird es einem so wohl bei Ihm und, weil man nichts mehr zu rühmen hat, weil man sich über Christo vergessen, nur reich ist in Ihm, heißt es nun im Siegerton: „Es sei ferne von mir rühmen etc.“
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 3. Der dritte Grund, warum man allein in Christo JEsu sich rühmen mag, ist der: „Durch Ihn wird man zur neuen Kreatur, die in Seinem Reiche allein etwas gilt.“| Denn in Christo Jesu gilt nicht mehr Beschneidung, noch Vorhaut, keine Vorzüge, die man von Natur hat, kein Stolz auf Eigentum, sondern allein eine neue Kreatur. Die neue Kreatur ist nichts anderes, als der Glaube, der in Liebe thätig ist. Den Glauben wirkt der heilige Geist durch das Wort des Kreuzes, durch die Predigt des heiligen Evangeliums. Kein Mensch kann von eigener Kraft an Christum glauben, kein unbekehrter Mensch, kein Mensch, welcher noch nicht neu geboren ist, glaubt. Denn der Glaube ist nicht jener Wahnglaube, da man etwa die Geschichte von JEsu Leiden und Sterben für wahr hält, für möglich, sie nicht in Abrede stellt, nicht darüber streitet, sie in ihren Würden und Ehren läßt, sondern der Glaube ist jene Gotteskraft, die das Herz erleuchtet, daß es Christum erkennt als den einzigen liebenswürdigen Heiland, der alle Gedanken und Sinne des Herzens auf Ihn, den Unsichtbaren richtet, als sähe man Ihn, der ein Vertrauen auf Ihn bewirkt, welches felsenfest ist, ein Vertrauen, eine solche Gewißheit, daß man in Ihm angenommen, der ewigen Seligkeit teilhaftig ist, daß eine heilige Liebe zu Ihm entbrennt, daß es einem nicht mehr Plage ist, sondern Lust und Freude, Seinen heiligen Willen zu vollbringen. Der Glaube ist thätig in heiliger Liebe, und weil er in JEsu Nähe, in JEsu Umgebung bringt, so macht er auch JEsu ähnlich, daß man wird, wie ER, daß man seinen Lebenslauf möglichst nach dem Seinigen einrichtet, von dem es heißt: „Er ist umhergezogen und hat wohlgethan!“ Der Glaube macht ganz andere Menschen, er macht klein alle Wichtigkeiten der Welt und groß alle kleinen Pflichten der Liebe; er macht treu in Erfüllung der auferlegten Pflicht und lehrt alle Dinge genau nehmen, auf daß man im Kleinen treu werde und nicht als einer erfunden werde, der selbst nicht treu im Kleinen, zum Großen untauglich ist. Der Glaube fängt von innen an, nicht von außen, er macht ein gutes und neues Herz, nimmt die Furcht weg vor Gott, gießt Liebe ein, reinigt von böser Begier und lehrt in Wahrheit beten: „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu Dir.“ Der Glaube nimmt das Vergnügen zu dem, was weltlich ist,| und giebt Vergnügen am Heiligen. Wie der Ungläubige sich im Hause Gottes und bei Seinem Werk langweilt, so wirkt der Glaube Langeweile, wenn man in der Welt ist: man sehnt sich von dannen und hätte gern Taubenflügel zu Christo hin! Und wie Herz und inwendiges Leben eine neue Kreatur werden, so von innen heraus der ganze Mensch: die Augen sehen nicht mehr zum Verbotenen, die Füße eilen nicht mehr zu Sünden, die Hände wirken nicht mehr Sünde, und der Mund wird des Lobes Christi voll, statt weltlicher Worte, und der Leib wird ein Tempel des heiligen Geistes, wo man, man esse oder trinke, alles thut im Namen und zur Ehre des HErrn. Man wird ein Wunder durch den Glauben vor den Augen seiner Gespielen: denn es ist nicht möglich durch weltliche und menschliche Mittel, daß ein Mensch so von Grund aus anders werde! Die neue Geburt ist von oben her, und wohl dem, der sie hat! Der dankt dafür, der preist den, der sie erworben durch Tod und Leiden, und es ist fern von ihm rühmen, denn allein von Christi Kreuz.




 Zu Christo also, wer gern rühmen möchte ohne Hochmut, in heiliger Demut! Zu dem Gekreuzigten, von der Welt Vergessenen und Verachteten; in Ihm sind heimliche Wunder und Schätze. Wes Ruhm Christus geworden ist, dem gefällt freilich nichts mehr in der Welt; aber er hat in Christo Fülle der Freude und liebliches Wesen; er lobt und bewundert freilich nichts mehr, was weltlich heißt, er tadelt es, er macht ihm kein freundliches Gesicht, aber er ist desto freundlicher gegen den liebenswürdigen JEsus, für den findet er nicht Worte, nicht Lob, nicht Liebe genug. Sein Leben wird ein Sinnen, wie er Ihm gefalle, ein Forschen, wie er Seinen Willen thue, sein Leben wird dem Leben der Engel gleichen, die auch ihre ewigen Tage hinbringen in JEsu Dienst und Lob, in Demut und Andenken Seiner! Sein Leben wird engelisch, und das ist zu gut! das ist zu selig, wer wollte, das nicht wünschen, wer nicht sagen: „Selig das Volk, das rühmen kann!“ Amen.

 O JEsu! Amen! Amen.




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