Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Exaudi 1834

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« Am Himmelfahrtsfeste 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Montag nach Exaudi 1834 »
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Am Sonntag Exaudi.
(Nürnberg 1834.)


Luk. 11, 1. HErr, lehre uns beten!

Vom Gebet.

 Am vorigen Donnerstag sind wir mit der Ermahnung auseinandergegangen, doch ja diese festlichen Tage zwischen Himmelfahrt und Pfingsten in rechter Vorbereitung, d. i. betend hinzubringen. Kaum getraue ich mich, zu fragen: „wer hat dieser billigen Ermahnung Folge geleistet?“ Denn ich weiß, wie wenig genau es in der Regel die Gemeinden mit Ermahnungen von der Kanzel nehmen, wie vergeßlich und träge insbesondere das Menschenherz zum Gebete ist. Der HErr sagt Jer. 15, 14 und 2, 32 nach vollster Wahrheit: „Bleibt doch der Schnee länger auf den Steinen im Feld, wenn’s vom Libanon herab schneit, und das Regenwasser verschießt nicht so bald, als Mein Volk Mein vergißt. Vergißt doch eine Jungfrau ihres Schmuckes nicht, noch eine Braut ihres Schleiers; aber Mein Volk vergißt Mein ewiglich.“ Indes bleibt es bei meiner Vermahnung: „Betet um Ausgießung des heiligen Geistes!“ Und habt ihr mir die drei Tage seit Himmelfahrt nicht nachgegeben, so sind doch bis Pfingsten noch sieben andere übrig, vielleicht werden einige unter euch der Vermahnung in diesen folgen. Damit nun diese Warnung desto nachdrücklicher wiederholt werde, will ich heute vom Gebete predigen. Dies paßt auch wohl zu diesem Sonntag, welcher Exaudi heißt, d. i. „erhöre uns, o Gott!“

 Indes ist das Gebet dreifach: Bittgebet, Dankgebet, Lobgebet. Das Lobgebet, unter allen dreien das edelste, weil es| den Menschen ganz aus sich selbst in Bewunderung des unbegreiflichen Wesens und der herrlichen Eigenschaften Gottes versetzt, paßt trefflich auf den Sonntag der heiligen Dreieinigkeit. Das Dankgebet gehört auf Pfingsten, wo wir den HErrn für die reiche Ernte an himmlischen Gütern anbeten, mit welcher ER Sein Volk begnadigt. Heute aber ist’s das Bittgebet, von welchem wir reden wollen, denn es paßt ganz für den Vorbereitungssonntag der Pfingsten, wo alle Kirchkinder um Erfahrung der seligen Ausgießung des heiligen Geistes beten sollten.

 Das Bittgebet selbst zerfällt indes, nach der Einteilung des heiligen Apostels (1. Tim. 2, 1) wieder in dreierlei: Bitte, Gebet und Fürbitte. Mit dem Worte Bitte meint St. Paulus herzliches Seufzen um Abwendung eines Übels; mit dem Worte „Gebet“ die Bitte um Mitteilung dessen, was uns fehlt. Die Fürbitte kann beides sein, nur daß wir bei ihr nicht uns, sondern andere Gotte empfehlen. Wir haben es in dieser Predigt insbesondere mit dem Gebete zu thun, ohne indes der Bitte und Fürbitte ängstlich zu geschweigen.

 Als Text habe ich diesmal ausgewählt Luk. 11, 1 und zwar die Worte des Jüngers:

„Herr, lehre uns beten!“

Ich habe Gott gebeten, ER wolle euch beten lehren, damit ich euch sagen könne, was alles in dieser Bitte liege: Herr, lehre uns beten. Indes ist die Antwort auf diese Frage zu lang, um in einer Predigt vollendet zu werden, und ich spare daher die zweite Hälfte bis auf die morgige Bibelstunde, ganz zufrieden, wenn ich euch heute kürzlich gezeigt habe, daß in jener Bitte die vier anderen Bitten enthalten sind:

1. Lehre uns, was beten heißt,
2. wer beten kann,
3. was wir beten sollen, und
4. für wen wir beten sollen.




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I.

 Jede Bitte setzt voraus, daß man wisse, was man bittet. Die Jünger möchten gern beten lernen, so mußten sie auch wissen, was beten sei. Das ist nun das Erste, was wir bei der Bitte der Jünger: „HErr, lehre uns beten“ zu fragen haben: „was bitten die Jünger, was heißt beten?“

 Beten heißt kurzum: Gott um etwas bitten. Der Betende steht dem Allerhöchsten gegenüber, der Allerhöchste, der allgegenwärtig ist, vor dem Betenden. Darum sollte es jedem Betenden sein, wie dem Sänger des 119. Psalm, der im 120. Verse spricht: „Ich fürchte mich vor Dir, daß mir die Haut schauert“, denn er steht ja vor dem Angesichte des, der Himmel und Erde neigt und beugt nach Wohlgefallen. Auch sollte jeder Betende in höchster Sammlung der Gedanken, in tiefster Andacht beten. Denn wenn einer nur zu einem Erdenkönig bitten geht, sammelt er alle seine Gedanken auf diesen König hin: der Betende aber steht vor der höchsten und alleinigen Majestät, gegen welche gerechnet alle Majestät irdischer Fürsten zergeht, wie Schnee an der Sonne. Was ich hier sage, das ist gewiß jedem unter euch einleuchtend, Ehrfurcht und tiefste Andacht ziemt dem, welcher vor Gott im Gebete steht! Ich frage euch: wisset ihr, mit wem ihr redet, wenn ihr betet? betet ihr andächtig und ehrfurchtsvoll? oder seid ihr wie die Kinder dieser Welt, welche den lebendigen Gott nicht mehr kennen, sondern einen Gott anbeten, den sie sich selbst erdachten, einen Götzen, der niemandem gleich sieht, als ihnen selbst, vor dem sie sich so wenig fürchten, als vor sich selbst? O prüft euch, ich bitte euch! und bedenket wohl, daß der Gott lästert, der ohne Ehrfurcht betet! Denkt an den Tag, wo der majestätische Gott zum Gericht erscheinen wird, wie werden da erschrecken und zu schanden werden, die Ihn gering geschätzt haben, weil ihre Augen Ihn nicht gesehen haben! Besinnt euch wohl, daß ihr nicht hier und dort Fluch statt Erhörung erntet!


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II.

 Wenn die Jünger bitten: HErr, lehre uns beten! so müssen sie sich selbst nicht zugetraut haben, recht beten zu können. Da sie nun dennoch gewiß schon oft gebetet hatten, so müssen sie ihr früheres Beten noch für kein rechtes Beten gehalten haben, es muß also ein Unterschied sein zwischen Beten und Beten, und es fragt sich: wer kann recht beten?

 Seht, Brüder, es betet die vernunftlose Kreatur in der Not. Denn es steht geschrieben Ps. 147, 9, „daß der HErr den jungen Raben ihr Futter gebe, die Ihn anrufen,“ und Joel 1, 20, „es schreien auch die wilden Tiere zu Dir.“ Ja Röm. 8 behauptet der heilige Apostel, daß die Kreatur, d. i. die ganze Natur seufze nach der Offenbarung der Kinder Gottes, nämlich nach dem Ende der Tage, wo auch sie erneut werden wird. Aber dies Schreien und Anrufen und Seufzen ist ohne Zuversicht, und es kennt das Tier den Schöpfer nicht recht! Das ist das rechte Beten nicht.

 Ferner beten auch unbekehrte Menschen, wenn ihnen eine Not zustößt oder sonst in besondern Fällen; denn auch Gottes Feinde haben eine Unruhe in sich, welche Gott sucht. Ja, man hört oft Menschen, die von Christo JEsu nichts wissen, noch wissen wollen, von Gebetserhörungen erzählen, die man ihnen auch nicht abstreiten kann. Auf Grund solcher Gebetserhörungen bilden sich dann solche Leute ein, daß sie bei Gott in Gnaden stehen, während ihnen nur darum Erhörung geworden ist, damit sie durch Gottes Güte zur Buße geleitet würden. Sie denken nicht daran, daß ER über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte regnen und Seine Sonne scheinen läßt, über Gerechte zum Segen und Wohlgefallen, über Ungerechte aber, damit sie aufwachen und an Gott denken lernen. Sie vergessen, daß Gebetserhörungen bei unbekehrten Leuten, wie alle Erweisungen der allgemeinen Liebe Gottes, unerkannte Wohlthaten des Kreuzes Christi sind. Diese Gebetserhörungen sind eine Mahlzeit, welche der Gekreuzigte mit schwerer Arbeit bereitet hat, von ihr schwelgen die Weltkinder und thun dennoch immer wie Judas, von dem geschrieben steht: „der mein Brot ißt, mit Füßen mich tritt!“ Sie hassen| den Geber und stehlen Seine Gabe. Bei allen Erhörungen sind aber dennoch die Gebete der Weltkinder keine rechten, im Beten fehlt die Zuversicht, sie wissen nicht, ob sie erhört werden, sie können am Schluß der Gebete das felsenfeste: „Amen! Amen! ja, ja, es soll also geschehen!“ nicht sprechen, und nach der Erhörung fehlt Dank und würdiger Genuß.

 Wahrhaft beten können nur Gottes Kinder, die mit Ihm durch Christum ausgesöhnt, Geist aus Geist geboren, im Frieden leben. Diese haben nicht allein Erlaubnis, sondern auch das Recht, ja sogar Befehl, zu beten, so lieb ihnen ihr Kindesrecht bei Gott ist. Es ist natürlich, daß diese recht beten können, die Weltmenschen sind nur Knechte in Gottes Hause, und was darf ein Knecht zu bitten wagen, was wagt er bei dem knechtischen Geist, den er empfangen hat, bei der Furcht, die er dem HErrn gegenüber hat? Gottes Kinder aber haben einen kindlichen Geist empfangen, der in ihnen ruft: „Abba, lieber Vater!“ der ihnen Freimütigkeit giebt, alles von Gott zu bitten, zu dem sie als Kinder freien Zugang haben.

 Wollt ihr, meine Teuren, rechte Beter werden und mit jeder Bitte freien Zugang zu Gott haben, so werdet Gottes Kinder. Fühlt ihr, daß ihr’s noch nicht seid, o, so wendet euch mit herzlichem Verlangen zu der Stimme des Sohnes Gottes, zum heiligen Evangelium, durch welches alle glaubenswillige Herzen Macht empfangen, Gottes Kinder zu werden. Thut es, meine Teuren, es hat nie jemand gereut, keiner hat jemals der Kindschaft Gottes ein übles Gerücht gemacht, der sie einmal empfangen hat.


III.

 In der Bitte: „HErr, lehre uns beten!“ liegt ganz gewiß auch die: „lehre uns, was wir beten sollen?“ Denn wie soll man doch beten, wenn man nicht weiß, was, was man beten darf und soll.

 Auf diese Frage suche ich hiermit nach Gottes Wort zu antworten.

|  Man darf um alles das nicht beten, was den Geboten und der Ehre Gottes widerspricht, denn solche Bitten können unmöglich von Ihm erhört werden. Darum darf niemand um das Gedeihen einer Sünde beten, kein Dieb um das Gelingen einer Dieberei, kein Tänzer für seinen Tanz und Tanzmusik, kein Schauspieler für sein Schauspiel, die Welt nicht für ihre heidnischen Vergnügungen und Sabbathsschänderei, die Jugend nicht um Erfüllung ihrer fleischlichen, das Alter nicht um Erfüllung seiner geizigen Hoffnung beten. Dergleichen gedeiht nur durch des Teufels, nicht durch Gottes Gnaden, des heiliger Name dadurch entheiligt, des Reich in Seinem Kommen aufgehalten, des Wille damit gehindert wird.

 Sonst aber dürfen Kinder Gottes ihren Vater um alles bitten. Jedoch ist ein Unterschied zwischen dem Gebet um das, was nicht unumgänglich und dem um solches, was durchaus nötig ist zum zeitlichen Bestehen des Leibes, wie zu der Seele ewigem Heil.

 Wer um etwas nicht unumgänglich Nötiges recht beten lernen will, der belausche den Erlöser in Gethsemane. Sein heiliges Beispiel und Leidensbild hat hier die Überschrift: „Lernet von Mir, denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Der bis in den Tod betrübte Heiland betet hier zuerst: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie Ich will, sondern wie Du willst.“ Dann aber betet ER noch einmal und spricht: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, daß dieser Kelch von Mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe Dein Wille“ (Matth. 26, 39-42).

 Der Kelch, den ER trinken mußte, war das Leiden des bittern Todes für die Sünden der Welt, der Sünden Stachel und bitterer Sold war in dem Kelch. Dieser bittere Trank preßt Ihm den Wunsch aus, sein überhoben zu werden. Seine Seele ist so hingenommen im Gefühle unserer Strafen, wir sehen Ihn so geängstet und gequält, daß es wahrlich niemand wunder nehmen darf, daß ER diesen Wunsch thut. Dennoch aber sehen wir in Ihm auch hier den, welcher ohne Sünde versucht ist. Sein menschlicher Wille war ja immer| dem Willen Seiner göttlichen Natur unterthan, und wie schön, wie erschütternd schön, wie tief beschämend für uns Sünder spricht sich hier dieser Gehorsam des menschlichen Willens gegen den göttlichen aus; schwer leidend, bis in den Tod betrübt, mit blutrünstigem Angesichte fühlt ER doch, daß die Versöhnung entweder durch den bitteren Todestrunk von Ihm, oder nie und von keinem vollendet wird, fühlt, daß ER wohl nicht in diesem Tode bleiben und untergehen werde, wohl aber die Welt ohne Seinen Todestrunk, fühlt, daß die Erfassung des Kelches für Ihn nicht durchaus, aber wohl für uns durchaus not ist, und setzt darum gleich bei dem ersten Gebete in stiller Ergebung hinzu: „Nicht Mein, sondern Dein Wille geschehe!“ Und da ER zum zweiten Male betet, da ist ER bereits entschlossen, Seine Seele ist gefaßt zur schweren Arbeit, ergebungsvoll streckt ER die Hand aus und spricht: „Ist’s nicht möglich, nun denn, so geschehe Dein Wille!“ ergreift den Becher und fähet an zu trinken und trinkt ihn bis zur Hefe aus. Gottes Lamm beugt sich unter die Stunde der Finsternis und denkt, sie wird vorübergehen und nach der Arbeit lasse sich’s wohl ruhen!

 Lernet von diesen großen Beispielen recht beten in Bezug auf alles, was nicht unumgänglich nötig ist, vergesset nie, hinzuzusetzen: „nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“

 Brüder, groß ist der Beter, welcher mit starkem Glauben Berge versetzt und große Güter gleichsam Gottes Händen entwindet, aber größer scheint mir doch, wer in völliger Aufgebung seines eigenen Willens im Vergänglichen nur eine Bitte hat: „nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Denn in einer Seele dieser Art ist der Glaube am größten und völlige Einigung mit Gott. So war St. Paulus. Dreimal betete er inbrünstig um Entfernung des Pfahls im Fleisch und des Satansengels, der ihn mit Fäusten schlug; weil aber der HErr antwortete: „Lasse dir an Meiner Gnade genügen!“ weil er erkannte, daß er trotz der schweren Kreuze dennoch im Frieden leben und sterben konnte, so fügte er sich in Gottes Willen und traute dem, der auch in Schwachen mächtig ist.

|  Anders verhält sich’s mit dem, was zu unseres Leibes zeitlichem und zu unserer Seele ewigem Leben unumgänglich nötig ist, nämlich mit dem Geiste Gottes und dem täglichen Brote. Um diese zu bitten haben wir Befehl, wir brauchen hier nicht hinzuzusetzen: „wenn es Dein heiliger Wille ist;“ denn wir wissen es aus Seinem heiligen Worte, daß es Sein eigener, hoher Wille ist, daß alle Menschen mit aller Notdurft des Leibes versorgt und ihre Seelen durch den heiligen Geist neugeboren werden. Es ist daher nicht mehr und nicht weniger, als recht und gut, wenn wir namentlich in diesen Vorbereitungstagen auf das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes um den heiligen Geist und seine Ausgießung über uns beten. Wir thun nur, was uns allezeit geboten und wozu uns allezeit Erhörung zugesagt ist. Darum, meine lieben Brüder, betet auch ihr getrost das Gebet um den heiligen Geist. Christus spricht: „So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euern Kindern gute Gaben geben, wievielmehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten“ (Luk. 11, 13). Darauf trauet und rufet getrost: „Hosianna! Erbarme Dich! Komm herein, Du Geist des HErrn!“


IV.

 Wenn die Jünger bitten: „HErr, lehre uns beten!“ so liegt hierin auch die Bitte: „HErr, lehre uns, für wen wir beten dürfen und sollen!“

 Ich setze den Fall, die Türken bekämen wieder Macht, und kämen daher in unser liebes Vaterland wie eine Flut, unsere Königreiche und Fürstentümer einzunehmen und an die Stelle des einzigen wahren Glaubens ihren Aberglauben und Schwärmerei zu setzen. Sagt mir, würdet ihr für sie beten? Ich sage ja und nein. Nein, weil ich nicht um Fortgang ihrer Pläne beten dürfte, die gottlos sind; ja hingegen, weil ich allerdings für Errettung ihrer Seelen von ihren gefährlichen Wegen beten soll und darf. Wir dürfen für Juden, Türken, Heiden beten, aber nicht für das Gelingen jüdischer, türkischer, heidnischer Pläne. So betet David oft für seine Feinde in den Psalmen Böses: er flucht ihnen, aber nur so, daß er| entweder durch Leiden und Mißlingen ihrer Pläne sie zu Verstand zu bringen hofft, oder wo das nicht zu hoffen ist, sie ausgerottet wünscht, damit nicht durch sie mehrere in ihr Verderben hineingerissen werden. So betete einst St. Augustinus: „O daß Du Deine Feinde tötetest, damit sie aufhörten, Deine Feinde zu sein!“ Er wünscht die Feindschaft gegen Gott in ihnen getötet, damit die Liebe zu Gott und das Leben in Gott lebendig werde. Wir sehen hieran, für wen man nicht beten dürfe: nämlich für hartnäckige Feinde Gottes, derengleichen Pharao war.

 Sonst aber sollen wir für alle Menschen beten, wie geschrieben ist: „Thut Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen“ (1. Tim. 2, 1). Wir dürfen beten für uns, beten für unsere Freunde, beten für unsere Feinde, beten für die, welche wir kennen und welche wir nicht kennen. Welch eine große, weite Arbeit des liebevollen Beters!

 Man bemerkt an so vielen Menschen, wenn sie vom Geist des Christentums entzündet sind, großen Drang nach christlicher Wirksamkeit: mit der Erfahrung der Liebe Christi wächst auch der Trieb, allen Menschen als Leitstern zu JEsu Christo zu dienen. Wenn unter euch solche sind, denen will ich zeigen, wie man in weiteren Wirkungskreisen sich bewegen kann, als der größte Missionar, z. B. Paulus gehabt hat in Wirkungskreisen, in denen man, so groß sie sind, mit Kräften wirken kann, welche der Macht aller Könige und Kaiser in der Welt spotten. Höret mir zu! „Geh in dein Kämmerlein, und schließe die Thür zu, und bete zu deinem Vater im verborgenen, und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich“ (Matth. 6, 6). In diesen Worten liegt mein Geheimnis, vom Kämmerlein aus hat man die versprochene große Wirksamkeit. Du lächelst: du sagst, ich sei ein Charlatan, das vom Kämmerlein habest du längst gewußt. Wohl, antworte ich, aber auch gethan? Bist du ein fleißiger Gast im Kämmerlein, oder wenn du dem gleich, der dir gebietet, ins Kämmerlein zu gehen, kein eigenes Kämmerlein hast, bist du gern auf einsamen Bergen oder in stillen Thälern, wie ER, oder wenn du das zu thun auch nicht Gelegenheit| hast, steigst du oft in die stille Herzenskammer und lässest von dieser aus deine Bitte Gott und JEsu kund werden? Nicht wahr? da fehlt es, du betest nicht, darum lachst du mich aus. Würdest du ein eifriger Beter sein, so würdest du dich gewiß nicht wundern, daß ich dem stillen Beter in der Kammer eine größere und weiterhin reichende Wirksamkeit zuschreibe, als Kaisern und Königen der Erde.

 Oder zweifelst du noch? Als Elias im Kämmerlein über den toten Knaben zu Sarepta, Elisa über den der Sunamitin betete, thaten sie Thaten der Allmacht, denn die Knaben wurden lebendig. Das Gebet wirkt bis ins Reich der Toten! Als Elias auf dem stillen Gipfel des Karmel um Regen betete, mußte die Sonne seinem Gebete folgen, Dünste und Wolken aus dem Meere saugen, und der Wind mußte sie von Westen her über Judäa führen, das Land zu wässern. So hat das Gebet seine Wirkung bis an die Sonne und verschafft Segen für ein ganzes Land. Als Israel mit den Amalekitern im Kampfe war, hob Mose den ganzen Tag betende Arme zu dem Allmächtigen empor, und sein Gebet stärkte den kämpfenden Israeliten, welche es nicht hörten, Herzen und Hände, daß sie den Sieg gewannen. So kann das Gebet über Herz und Kraft entfernter Menschen eine göttliche Kraft ausgießen. Als ebenderselbe Mose mit 600 000 Mann im Thal Pisachiroth stand, vor ihm die Meeresflut, rechts und links die steilen rettungslosen Berge, ringsum das murrende, trotzige und verzagte Volk, hinter diesem Pharaos Heeresmacht: da hatte er nur einen stillen Punkt, Sein Herz, dahin flüchtete er sich und fuhr mit seinem Glauben von da aus kräftig seufzend über alle Berge weg zu den Himmelsbergen, da antwortete der HErr dem stillen Beter mächtig: „Sage den Kindern Israel, daß sie ziehen!“ und die Meereswellen fuhren auseinander und gaben Raum, eine trockene Bahn war mitten durchs Meer, die Wasser legten sich ruhig rechts und links, wie Wächter, und Israel ging trockenen Fußes hindurch. Da vermochte das Gebet das Element zu bezwingen.

 Ist’s also nicht wahr, daß der Betende eine größere Wirksamkeit hat, als alle Könige und Kaiser der Erde. Über| die Elemente, über den Tod, über die Geister der Menschen haben die Könige der Erde keine Gewalt.

 Darum ihr, die göttlich, d. h. Großes ohne Geräusch, wirken wollt, gehet in eure Kammern, breitet eure segnende Liebe über die ganze Welt aus, über die heilige Kirche, über alle Heiden, über Nahe und Ferne, Freunde und Feinde, Gesunde und Kranke, und blickt mit glaubensvollem Auge auf zu dem, der versteht der Augen Thränen und des Herzens Sehnen, so werdet ihr inne werden, was geschrieben ist: „Mit Gott wollen wir Thaten thun!“

 O ihr, die ihr diese Stadt bewohnt, sollten euch die Augen geöffnet werden, zu sehen, wie viel Übel schon abgewendet, wie viel Gutes über eure Stadt gebracht, wie viel Ungewitter über eure Türme weggetragen, wie viel Wolken voll Gnadenregen des HErrn über ihnen entbunden worden sind, bloß durch die euch unbekannte Gewalt der wenigen unter euch, die noch Anbeter des wahren Gottes und Vaters unsers HErrn JEsu Christi sind! Solltet ihr sehen, wie bei zunehmender Weltlust und Gottesvergessenheit unter euch, über euch Gottes Zorn sich häufet, und wie nur diese stillen, von so vielen unter euch verachteten Beter noch den Zorn auf- und zurückhalten, daß er sich nicht entlade, – wahrlich, ihr würdet die betenden Frommen höher achten, als Wagen und Reiter, und ihre Gebete wider euch wie feurige Engelwagen um eure Stadt her erscheinen! So viel thut unerkannt, wie Gottes Gnade selbst, unter euch das Gebet!

 Wie still, wie weit, wie segensreich wirkt das Gebet des Christen, in stiller Kammer vereint er sich gläubig, in völliger Hingabe mit dem gegenwärtigen, allmächtigen Gott, neigt Sein Herz zu unendlichem Erbarmen und regiert Seinen starken Arm mit kindlicher Gewalt.

 Hier werden Thaten gethan, die kein Auge sieht, als das Auge des, der ins Verborgene sieht, aber an jenem Tag der Offenbarung wird es der HErr vor aller Augen darlegen, daß nicht Gewalt und Weisheit dieser Welt, sondern Gebet auf Erden Schlachten gewonnen und Reiche eingenommen, schwierige Angelegenheiten hinausgeführt und Unbegreifliches| gethan hat. Die Beter aber werden Königskronen tragen, weil sie auf Erden betend königliche Gewalt fanden und Segen ausgestreut haben über ganze Strecken Landes, obgleich auf Erden kein Mensch ihre Kronen sah noch das Haupt vor ihnen entblößte!

 O Brüder! für wie viele dürfen, können, sollen wir beten, wie vielen könnten wir betend zum Segen werden: was könnten wir wirken auf Erden! Ja, wenn wir, die wir hier beisammen sind, nun alle einmütig anfingen Gott zu bitten, daß ER über uns Seinen heiligen Geist ausgösse und uns gönnte Pfingsten zu halten im Geist und in der Wahrheit, wenn wir’s thäten mit Ernst und Inbrunst, welch ein Segen würde sich an Pfingsten in dieser Gemeinde einstellen! Der Himmel Fenster würden sich öffnen, Gnade würde herunterfließen, und wir würden, von Gottes Wasser bewässert, ein junger Garten Gottes werden, der Seinen Augen wohlgefiele. Ach! Brüder, teure Brüder! lasset euch endlich erbitten und haltet meine Reden nicht für Märlein! Höret auf, diese elende, rauschende Welt, die sich in sich selbst verzehrt, und den Fluch eines immerwährenden und zunehmenden Vergehens und Verblühens trägt, höret auf, dieses blendende Nichts für groß zu halten und den Genuß der Sünde, welche doch eure schreiende Sehnsucht nicht stillt, für gut! Wählet die zwar hier unansehnliche, aber solide und wahre Größe des Gebets und den Genuß, hier schon in der Stille durchs Gebet an Christi Herrschaft und Erhöhung teilzunehmen! Und daß ihr dieses könnet, so bekehrt euch und werdet Gottes Kinder!

 O Gott! wie klein vor nüchternen Augen ist die Welt mit ihrer Klugheit, Weisheit, Pracht, Macht, Lust und Hoffart, wie bedauernswert, daß sie mit Träbern gefüttert wird und es nicht weiß, wie elend, weil sie nicht beten kann! O bringe sie zur Besinnung, Allmächtiger, halte sie auf in ihrem Sündenlaufe! Zeig ihr, daß ihr Ding nichts, sie selbst arm ist, jämmerlich, blind und bloß, alles Weltliche sehr böse, sehr sündhaft, sehr verdammenswert, und schenke ihr den Sinn, daß sie fassen kann, daß Du bei den Kleinen groß bist und herrlich bei den Stillen im Lande! Amen.




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