Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Oculi 1837

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« Am Sonntag Judica 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Palmsonntage 1836 »
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Am Sonntag Oculi.
(Neuendettelsau 1837.)


 Es ist ein gewöhnlicher Vorwurf, den man den eifrigsten Predigern des Evangeliums macht, daß man sagt: „Sie verdammen alles“. Aber so gewöhnlich er ist, so ungerecht ist er zugleich, und ihn möchte ich, wenn es möglich wäre, heute widerlegen, und damit ein Hindernis wegschaffen, welches auch in dieser Gemeinde leicht die Seligkeit mancher erlösten Seele aufhalten könnte. Indem ich nun mich besann, was doch eigentlich mit jenem Vorwurf gemeint sei; so fand ich, daß es die Predigt des Gesetzes war und ist, von der man, wie vom Zaun, den erwähnten Vorwurf brach. Ich will daher einmal in aller Liebe euch heute eine Predigt von dem Gesetze halten, und zwar den ganzen Inhalt der Predigt in drei Teile zerlegen:

1. Was heißt Gesetz predigen?
2. Warum wird Gesetz gepredigt?
3. Warum hören so viele die Predigt des Gesetzes nicht gern?

 Der HErr verleihe selber meinen Worten Nachdruck und erleuchte durch dieselben eure Seelen, damit ihr euch kennen lernet und Jesu Christo, dem gnadenreichen Heiland entgegengehet. Amen.


I.
 Unter dem Worte Gesetz versteht man für gewöhnlich nichts anderes, als den Willen Gottes, nach welchem alle Menschen ihr Herz und ihren Wandel richten sollen und zwar, wie dieser Wille auf dem Berge Sinai in zehn Geboten geoffenbart ist,| oder, es ganz kurz zu sagen: Gesetz ist der in den zehn Geboten geoffenbarte Wille Gottes. Wenn darum ein Prediger Gesetz predigt, so thut er nichts, als er legt dem Volke den Willen Gottes vor, so wie er ihn aus den zehn Geboten kennen gelernt hat, er sagt den Leuten, was sie thun und lassen müssen, wenn sie nicht Gott zum Feinde haben wollen. Nun ist es natürlich, daß der Prediger nicht immer die zehn Gebote wörtlich aufsagt, wenn er Gesetz predigt, denn die sollen ja Leute, welche in christliche Schulen gegangen sind, von Jugend auf wissen. Aber er predigt aus den zehn Geboten, in den zehn Geboten ist gar vieles enthalten, und er sagt aus dem weiten Inhalte derselben seinen Leuten eben gerade das, was er sieht, das, was sich gehört, das von ihnen beachtet werden muß.

 Doch ist das noch nicht Gesetz gepredigt, wenn man bloß die Gebote Gottes erklärt, das würde fürs erste so übel nicht genommen werden. Es gehört ein Zweites dazu: der Prediger muß nämlich gemäß dem göttlichen Worte beweisen, daß kein Mensch die Gebote hält, weil der Mensch, so wie er von Natur ist, keinen Willen für Gottes Gebote hat und es mit deren Erfüllung nicht gern genau nimmt. Das nun zu beweisen ist nicht schwer: man hat viele deutliche Bibelstellen, z. B. Röm. 3, und die Erfahrung ist auch dafür, denn es kann kein Mensch auf längere Zeit mit einem andern zusammenleben, ohne die Bemerkung zu machen, daß er den oder jenen Fehler wider Gottes Wort an sich habe. Ja, woher kämen denn die zahllosen Klagen über die böse Welt und das Mißtrauen, welches die Weltkinder selbst in sich setzen, wenn nicht daher, daß eines das andere nicht für gut hält, daß keines von dem andern etwas Gutes erwartet. Also die Leute davon zu überzeugen, daß sie die Gebote nicht halten, d. h. nicht vollkommen halten, ist nicht schwer; davon zeugt schon das gemeine Sprichwort: „Vollkommen ist Keiner!“

 Es gehört aber zur Gesetzespredigt ferner ein Stück, welches den Gemeinden schon härter eingeht. Denn der Prediger muß nicht bloß dem Volke beweisen, daß es die Gebote Gottes nicht hält, sondern auch, daß kein Mensch imstande ist, Gottes Gebote zu halten, wenn er es sich schon vornähme. Er muß aus| dem zehnten Gebote, welches von der Erbsünde handelt, beweisen, daß der Mensch ein böser Baum ist, von welchem man keine gute Frucht erwarten darf, daß er von Geburt an böse ist, daß er böse von Art ist und darum, wenn man einen Menschen oder eine Gemeinde seine Lebetage gar noch nicht gesehen hat, man ihr doch allen Ruhm, alle Tugend, alles Gute nicht bloß ohne Gefahr zu lügen, absprechen könne, sondern nach dem Worte Gottes und der ewigen Wahrheit sogar absprechen müsse. Denn es ist einer wie der andre; sie mangeln alle des Ruhms, den sie vor Gott haben sollten und müssen, wenn sie zur Erkenntnis ihrer selbst kommen, alle mit David beten: „Ich bin aus sündlichem Samen gezeuget, meine Mutter hat mich in Sünden empfangen“. Das nun geht dem Volke schon schwerer ein: jeder läßt sich gern loben und schmeicheln, und schlecht sein will keiner, wenn er’s gleich vor Gott und Menschen wäre. Ja, wenigstens so viel will jeder für sich behaupten, daß er, wenn er gewollt hätte, besser hätte werden können, so viel wenigstens, daß er, wenn er wolle, sich bessern könne, daß er eine gute Anlage und ein gutes Herz habe. Darum sind ja die zwei Sprüche: „Der Mensch kann alles, was er will“ und „Ich habe doch ein gutes Herz“ und „Wenn man nur ein gutes Herz hat“ so erstaunlich allgemein geworden, obschon kein wahres Wort an ihnen ist und sie dem Worte Gottes schnurgerade entgegen sind.
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 Doch auch das noch würde sich der Mensch etwa gefallen lassen: es wird diese Lehre nun schon nahe an 6000 Jahre nachweislich gelehrt und hat mit nichts ausgerottet werden können, da hätte die Menschheit Zeit genug gehabt, sich an dieselbe zu gewöhnen. Aber nun muß der Gesetzprediger, nachdem er Gottes Gebote gelehrt, angewendet und bewiesen hat, daß der Mensch sie weder halten könne, noch viel weniger gehalten habe, muß er erst Gottes Urteil aus der heiligen Schrift über alle Menschen, d. h. über alle Übertreter der zehn Gebote vorbringen. Nun ist es natürlich, daß Gott, der Herr, nichts Gutes von dem Menschen urteilen könne, der Seine Gebote, den Willen Seines Schöpfers nicht nur nicht hält, sondern auch nicht halten kann, es ist leicht zu erraten, daß| jener heilige Gott, welcher gebietet: „Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig“, „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, daß der mit einer stückweisen Erfüllung Seiner Gebote nicht zufrieden sein kann, daß er einen vollkommenen Gehorsam verlangt. Es ist darum zwar ein schauriges und furchtbares, aber nichtsdestoweniger ein solches Wort, zu welchem alles Volk Amen sagen muß, wenn geschrieben steht: „Verflucht sei, wer nicht alle Worte dieses Gesetzes erfüllt.“ Weniger scharf, als Gottes Wort, darf nun der Geistliche auch nicht sein. Wenn er etwas wegthut von dem Ernste, wie er sich in Gottes Worte zeigt, so will Gott von ihm hinwegthun das Teil des Lebens, das ihn selig machen kann; er muß also die Gesetzespredigt mit einem scharfen Ernste treiben und allen Menschen ohne Unterschied, welches Standes sie sind, welches Leben sie auch geführt haben mögen, ankündigen, daß sie von Natur und von wegen ihres Lebenswandels vor Gott (denn was Menschen urteilen und mit Recht nach der ihnen möglichen Einsicht urteilen können, geht den Gesetzprediger nichts an) nichts anderes, als verlorene, verdammte Menschen seien nach Gesetz und Gottes Wort.
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 Das ist’s nun, was Veranlassung giebt, zu sagen: „Der Prediger verdammt alles“. Man unterscheidet nicht, daß der Prediger nur reden darf, was Gott der Herr in Seinem Worte redet, daß er für sich gar nichts, sondern vollkommen abhängig ist von Gottes Worte. Eine große Schuld tragen hier diejenigen Prediger, welche die Gemeinden, statt sie von ihren Sünden und ihrer Verdammniswürdigkeit in Gottes Namen zu überweisen, lieber in ihrem eignen Namen und aus mancherlei unreinen Absichten loben. Da heißt es denn: warum verdammt bloß dieser Prediger und nicht auch die andern? und die Antwort auf diese Frage, welche so leicht ist – daß nämlich der eine redet, was er vor Gott und nach Gottes Wort schuldig ist, der andre aber auf seine eigne irdische Wohlfahrt sah – diese Antwort bringen die Leute nicht heraus, weil sie nicht mögen; sie hätten lieber die andre, nämlich: „Die uns loben, sind Gottes Diener, die uns strafen, taugen| nicht“. Möchte bei euch das Vorurteil verschwinden! Möchte euer Herz der Wahrheit geöffnet werden durch das Licht und die Kraft des heiligen Geistes.


II.

 Wenn es nun so ist, so kann man die Frage aufwerfen: Wenn alle Menschen Sünder und den ewigen Strafen anheimgefallen sind, warum predigt man denn das den Menschen? Wäre es nicht besser, man ließe sie gehen, wie sie wollen, da sie doch einmal verloren sind, man gönne ihnen die kurze zeitliche Freude, da ein ewiges Leiden ohnehin auf sie wartet? warum gönnt man ihnen die zeitliche Freude nicht, warum verbittert man ihnen denn auch diese durch die Predigt des Gesetzes, aus welcher doch nur Erkenntnis der Sünde kommt? Wenn man diese Fragen gegen die Prediger aufbrächte, so hätte man einen Schein der Rechtmäßigkeit, denn Menschen könnten freilich einmal auch etwas Ungeschicktes mit dem Gesetzpredigen machen, allein die Prediger, wenn sie anders sich nicht unverantwortliche Sünden aufladen wollen, müssen ja Gesetz predigen, das Gesetz ist ja Gottes Wort und es zu predigen Gottes Befehl.

 Man richtet also jene thörichten Fragen gegen Gott auf, man murrt damit wider JEsum und das sollte man nicht; denn ER ist ja nicht ein Mensch, daß ER Fehlerhaftes thäte, ER ist der Allerhöchste, vor welchem und vor dessen Weisheit jedermann sich beugen muß. Doch aber haben wir eine Antwort auf jene Fragen, eine Antwort, welche schön und barmherzig ist, und wert, von euch allen, meine Geliebten, mit rechter Aufmerksamkeit angehört zu werden.

 Nämlich der ganzen Antwort läßt sich der Spruch voraussetzen: „So wahr Ich lebe, spricht der HErr, Ich habe nicht Lust an des Sünders Tode.“ Der HErr ist ja barmherzig und gnädig, warum sollte ER denn der Menschen Verderben wollen? Ist’s denn wahrscheinlich, daß ER den Menschen ihr Verderben zeigen lasse, um sie dann mit desto größerem Schmerze in dasselbe hinabsinken zu lassen? das steht doch von Ihm nicht zu erwarten und darum auch von Seinen treuen Knechten nicht.| Weder ER noch Seine Knechte wollen verderben. ER und sie wollen retten, ja, gerade weil sie die Leute nicht wollen verderben lassen, weil sie ihnen ein ewiges Heil nahe bringen wollen, gerade darum predigen sie das Gesetz und gerade das Gesetz muß den Anfang des Heils schaffen und den Heilsweg eröffnen. Wollet ihr wissen, wie, so höret:
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 Durchs Gesetz soll der Mensch die Gefahr erkennen lernen, in welcher er schwebt. Er soll in dem Gesetz und der Gesetzespredigt wie in einem Spiegel die wahre Gestalt seiner Seele erkennen, weil er ohne das Gesetz und die Gesetzespredigt sie nicht kennen lernen kann, weil sein Gewissen nicht hell, nicht ausgebildet, nicht untrüglich genug ist, ihm richtigen Bescheid über sich selbst zu geben. Er soll in dem Gesetze nicht bloß sehen, wie viele Flecken und Sünden an seinem Leben kleben, er soll auch sehen, daß er sich selbst nicht helfen kann, daß er sich selbst nicht bessern, nicht reinigen, nicht waschen kann, er soll im Gesetz den drohenden Zorn und Fluch Gottes erkennen, er soll erkennen, daß Gott ihm mit Recht zürnen, drohen und wirkliche Strafe auflegen kann, er soll den Zorn und die Strafen Gottes nahe erkennen, nahe, wie den Tod, von dessen Ankunft auch niemand zu sagen weiß, obschon sie allezeit nahe ist. Aber warum soll er die Gefahr erkennen? Nun darum, damit er sich nach Hilfe umsehe und für Hilfe empfänglich werde. Die Erkenntnis der Sünde und die Aussicht der nahen Strafe soll ebenso zu einem Helfer führen, wie die Erkenntnis einer Krankheit zum Arzte treibt. Für den Arzt aber braucht der Kranke nicht mehr zu sorgen, sobald er seiner bedarf, ist er da, so braucht auch der nicht für Hilfe und einen Helfer zu sorgen, welcher die Not erkennt, denn für den hat Gott gesorgt, der war da, ehe wir geboren waren, nämlich JEsus Christus, der Herr. Eben weil Gott des Sünders Tod nicht will, sondern daß er sich bekehre und leben möge, eben deswegen läßt er ihn durch die Predigt von der Sünde erschrecken, damit er nach Hilfe frage und dann den allezeit gegenwärtigen Heiland im Glauben fasse. Je mehr der Mensch seine Gefahr erkennt, desto eilender wird er sich zu Christo wenden, desto mehr wird er sich nach Ihm sehnen, desto brünstiger nach Ihm rufen,| desto eher erhört er. Je mehr Sünde er erkennt, desto mehr hat Christus mit ihm getragen, desto mehr wird er zu Ihm gezogen, desto dankbarer wird er Ihm verpflichtet sein, desto freudiger wird ihm der Umgang mit seinem Heiland sein. Je weniger Sünde und Strafe einer erkennt, desto weniger, muß er glauben, hat Christus für ihn getragen, desto weniger ist er Ihm schuldig, desto weniger Ihm verpflichtet, ein desto schlechterer Christ, ein desto unseligerer Mensch ist er. Je mehr also ein Geistlicher auf Erkenntnis der Sünde dringt, je ernstlicher er Buße predigt, desto weniger kann man ihm eine feindliche, desto mehr muß man ihm eine freundliche Gesinnung zutrauen, desto mehr Erquickung gönnt er seiner Gemeinde, einen desto größeren Genuß der Liebe Christi wünscht er ihr, desto weniger will er seine Gemeinde verdammt wissen, desto mehr thut man unrecht, wenn man ihm Verdammungssucht zuschreibt. Ein Geistlicher will ja durch seine Gesetzespredigt nicht die Leute erst zu Sündern machen, sondern die Leute, weil sie schon Sünder sind, zur Erkenntnis der Sünde bringen, seine Bemühung ist ja, in die Wahrheit zu leiten, in die Wahrheit der Buße und in die Wahrheit, die so lieblich aus dem frommen Angesicht der sterbenden Christen spricht.
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 O meine Brüder! Erkennet ihr nicht, wie schwer sich diejenigen an ihren Predigern versündigen, welche sagen: sie verdammen alles? Wenn wir nicht Sünder wären, wenn auf uns nicht Gottes Zorn läge, warum hätte denn Gottes Sohn Mensch werden, warum so unaussprechliches Leid des Leibes und der Seele ausstehen müssen? ER brauchte doch nicht zu leiden, denn ER hätte ja mögen Freude haben, warum hätte ER denn das Kreuz erduldet, wenn es nicht darum gewesen wäre, daß ER im Kreuze unsere Strafen, unsere Plagen auf sich nähme, daß ER unser Leid weglitte, damit nicht wir sie in der Ewigkeit leiden müßten? Hat denn nicht Gott durch Sein Leiden, das wir im Bilde in unsern Kirchen so oft sehen, hat ER nicht in Seinem Leiden uns einen offenbaren, sichtbaren, unwidersprechlichen Beweis davon geliefert, daß ER die Sünde hasse, daß ER sie verfluche? Ist’s denn nicht wahr, daß Gott uns in Christo verdammt hat, steht’s nicht geschrieben: „Er ist| geworden ein Fluch für uns“. Wenn ihr aber in Christi Leid Gottes Urteil über uns erkennet, warum wollt ihr denn in das Geschwätz der Welt einstimmen, welche mit Blindheit geschlagen ist, und den Geist der Erkenntnis nicht empfängt? Und dann, ist’s denn so gar ein schwerer Kummer, sich als ein fluchwerter Sünder zu erkennen, giebt’s denn für die Schmerzen der Buße keine Linderung, muß man denn in ihrem Schmerz hängen bleiben, hat denn Christus etwa bloß so sehr gelitten, damit ER uns zeigte, was wir in der Ewigkeit leiden müßten? Ist ER nicht ein Fluch für uns geworden, auf daß der Segen Abrahams unter uns käme, hat Ihn nicht Gott darum sogar zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in Ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt? Ist nicht eben dasselbe Leiden, dadurch wir unser Verdienst und unsern Fluch erkennen, auch die Ursache unserer ewigen Seligkeit, die Gewißheit der ewigen Seligkeit, der unwidersprechliche Beweis der Liebe Gottes zu uns, die wir nicht fassen können, die uns zu hoch ist. Steht nicht über Seinem Leiden: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er Seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“? und wenn eure Prediger euch in JEsu Leid zeigen, was ihr verdient, und euch sagen: „Eure Sünden haben Ihn geschlagen“ setzen sie nicht dazu: „Aber eben mit Erduldung eurer Schläge hat ER euch von euren Sünden errettet, eben in Seinem Leid ist eure Gnadenwahl?“

 Ist nicht der Johannes, welcher Buße predigt und des Volkes Verdammniswürdigkeit offenbart, derselbe, der auch mehr als einmal mit Lust und Freude ruft: „Dieser ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt“? O darum, darum gebt euch lieber in die Bußpredigt, ergebt euch in die Buße, damit ihr dadurch die Freude des Glaubens erfahret, denn es hat noch keinen gereut, der durch Buße zum Glauben drang, und es ist eine Sache, welche, wer Erfahrung davon hat, bis in den Tod versucht, daß mitten in einer leidenvollen Welt die glücklich sind, welche durch Buße zum Glauben, durch Glauben zum Frieden hindurchgedrungen sind und durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, im Evangelium lebendig geworden sind für die Ewigkeit!


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III.

 Wenn es nun aber mit der Gesetzespredigt so gemeint ist, warum sind doch so viele Menschen gegen dieselbe? warum wenden sich so viele mit Haß, mit Erbitterung von den Predigern des Evangeliums weg? warum erkennen sie denn die Liebe Gottes und der treuen Prediger Seines Wortes nicht? warum geht da mancher aus der Kirche und spricht: „Da herein, zu diesem Geistlichen komme ich nicht wieder“, warum eilt er da hinweg, wo Gottes Gnadenwille auch an ihm in Erfüllung gehen könnte wie an tausend andern? warum sind auch unter euch schon so manche, welche sich gegen die Predigt des Evangeliums stellen und mit Schimpf und Hohn dem frommen Gotte lohnen, der nur ihre Seele und Seligkeit zu bereiten sucht?

 Darüber, teure Seelen, höret noch wenige Worte:

 1. Sehr vielen fehlt es leider an den nötigen Geistesgaben oder an dem aufgelegten Willen, eine Predigt ohne Vorurteil, mit heißem Hunger nach Wahrheit anzuhören, sie sind gleich müde, von geistlichen Dingen zu hören, und weil im ersten Teile der Predigten nach der Ordnung des göttlichen Wortes meistens das Gesetz, im zweiten das Evangelium waltet, so haben sie die Predigt so satt schon im ersten Teile, daß sie beim zweiten Teile nicht mehr aufmerken, da hören sie denn bloß den Teil, der vom Gesetz handelt, und den, der von dem ewigen Heile handelt, der vom Gesetz zum Evangelium leitet, überhören sie. Ist dann die Predigt zu Ende, so wissen sie vom Evangelium nichts mehr, und schimpfen dann über den Prediger des Gesetzes, dessen Absicht sie nicht kennen. Andere hören überhaupt keine Predigt im Zusammenhange, sondern sie merken bloß einen Satz oder zwei, und am liebsten solche, welche von dem Gesetz genommen sind.

 2. Andere, wenn sie im ersten Teile der Predigt hören, daß alle Menschen Sünder seien, können das von sich selber nicht glauben, weil sie blind sind gegen ihre Fehler. Sie sind nicht so redlich, daß sie sich aufrichtig von ihrem Thun und Lassen Rechenschaft geben könnten, sich anzuschuldigen alles, was sie thun und lassen, sie sehen an sich selbst nichts als Gutes, und wenn ihnen dann aus Gottes Wort das Gegenteil| gezeigt wird, glauben sie eher, Gottes Wort lüge, als daß der Satan ihr Herz und Auge mit Blindheit geschlagen habe. Diese beiden jetzt genannten Gattungen sind bedauernswerte Leute, denen man wünschen muß, daß Gott ihnen einen Paulus ordiniere, aufzuthun ihre Augen.

 3. Bei andern ist es wieder anders. Viele nämlich spüren in ihrem Gewissen, daß Gottes Wort sie trifft, und das sind viele, vielleicht die meisten, denen es so geht, wenn der Prediger die Sünden der Menschen auslegt, ist’s gerade, als wenn in ihrem Herzen jemand spräche: der Mann bist du, der das gethan hat. Bei ihnen ist es, als wenn die Toten auferständen, wenn der Prediger redet, denn der Geist zeigt ihnen während der Predigt ihre alten, längst vergangenen Sünden wieder; von denen sie geglaubt hatten, sie wären längst gebüßt, abgethan, vergessen, die kommen wieder auf, und sie erschrecken, wie schlecht sie nach Gottes Wort sind. Allein weil sie ihre Ehre vor Menschen nicht verlieren wollen, weil sie meinen, ihr guter Name würde verloren gehen, wenn sie geständen, wer sie sind, weil sie zu viel zu bekennen hätten, weil sie sich zwar nicht schämen, heimlich, ja auch öffentlich zu sündigen, aber sich schämen, ihre Sünden einzugestehen, so wollen sie ihr schreiendes Gewissen damit überschreien, daß sie die Predigt und den Prediger lästern, sie wollen lieber die Predigt zur Lüge machen, als ihr Leben strafen, ob es gleich gewiß ist, daß wenn die Predigt nicht wahr ist, es dann auch für sie keine Rettung und keine Seligkeit mehr giebt.

 4. Wieder andere hätten zwar keine so groben Sünden zu gestehen, aber sie merken doch, daß auch sie nicht so gut sind, daß sie die Bekehrung nicht mehr brauchten, sie merken, daß, wenn das wahr ist, was der Prediger sagt, dann sind sie erst im ABC des Christentums, dann dürfen sie getrost von vorne anfangen, dann dürfen sie in Gottes Namen erst an Bekehrung denken, und das wollen sie nicht, da kommen sie aus ihrer bequemen Ruhe, aus ihrer Selbstachtung, aus ihrem Selbstgefühle, da müßten sie tiefer sich kennen lernen, als mit dem Stolz bestehen kann, da müßten sie sich weiter heruntersetzen, als ihnen lieb, da riskieren sie, je länger, je weniger sich achten| zu können und ach, ein Leben ohne Stolz, das ist für sie undenkbar, da muß eher alles, was der Prediger sagt, nichts sein, da lügen sie sich selbst vor: es wird nicht so sein, da schreien sie sich selbst ein: es ist nicht so, bis sie leichtsinnig werden, bis sie sich’s aus dem Sinn schlagen können, bis sie durch des Teufels Gnade den Gedanken von Bekehrung weg haben und wieder in die Sicherheit der Sünde und in die Verachtung des göttlichen Wortes zurückgesunken sind.
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 5. Wieder andere haben eben einiges vor, was sie nicht lassen wollen, was sie aber nach der Predigt als Sünde erkennen und lassen müßten. Sie haben einen bösen Handel, den können sie nicht ins Stocken geraten lassen, sie haben ein Gewerbe, das sie entweder ganz aufgeben, oder wenigstens ganz anders führen müßten, wenn es recht sein, wenn es sich mit der Predigt vertragen sollte, oder sie haben eben sich eine Freude gemacht, die sie noch nicht lassen können, etwa mit Spielen oder Trinken. Obwohl es nun versichert wird, daß es bei Christo bessere Freude gebe, Freude, welche keine Reue nach sich zieht, Freude, die das Herz bessere und erneuere, so wollen sie sie doch für die unbekannte, noch unerfahrene Freude der gegenwärtigen sündlichen nicht wagen, sie trauen nicht, daß man’s bei Christo besser habe. Und ob es gleich eine Verheißung ist, die fester, als des Himmels Säulen und der Erde Grundfeste steht, daß nämlich, wer um des Himmelreichs willen Acker, Haus, Gewerbe etc. verläßt, es hundertfältig hier wiedernimmt und in jener Welt das ewige Leben, ob man gleich an JEsu Jüngern und viel tausend noch lebenden, ernst gesinnten Christen die Beispiele hat, daß Christus die Seinigen nicht verhungern läßt, ob sie schon ihre Geschäfte nicht weltlich, nicht betrügerisch, nicht wider Gottes Wort führen, so wollen sie doch es nicht wagen und halten es für geratener, in den Sünden ihrer Gewerbe zu bleiben und es darauf ankommen zu lassen, was hinter dem Tode folgt, ob der Prediger hinter dem Tode recht behalten wird oder nicht! Sie bekehren sich nicht, sie lästern die Gesetzespredigt, weil man um der Gesetzespredigt willen erst Früchte der Buße bringen müßte, ehe man zu Christo kommen kann! Sie wollen nicht Buße thun, so kommen sie| nicht zu Christo, und rächen sich nun damit, daß sie lästern und sich ein Christentum bauen, das zu ihrem Sündenleben paßt, einen breiten Weg, der nicht wie der, von dem Christus spricht, zum Verderben führen soll, ein Weg, auf dem Wirtshäuser und Spielhäuser und allerlei Leute sich einstweilen die Seligkeit freigebig zusprechen, bis sie am Ende das Gegenteil finden werden.
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 Alle diese Menschen wandeln in Selbstbetrug, sie wissen’s in der Tiefe ihrer Herzen, aber sie lassen’s nicht aufkommen, es plagt sie manchmal in der Stille, aber sie unterdrücken es. Wenn sie sich nicht betrügen wollten, so würde der Funke von Erkenntnis, der aus der Predigt in sie fällt, leicht zur Flamme der Bekehrung angeblasen werden können, so würden sie sich bald in demselben Lichte sehen, in welchem sie Gott sieht. Ihr nun, meine Brüder, zu deren Gewissen ich das Vertrauen habe, daß ihr einsehet, daß, was ich heute gesagt, die volle Wahrheit ist, ihr, meine Teuren, werdet von mir heute gebeten, für eure Seelen besser besorgt zu sein, als jene blinden und boshaften Menschen, von denen ich geredet habe, zu euch lasset mich hoffen, daß ihr nicht so blind, nicht so stolz, nicht so verstockt und boshaft seiet, daß ihr die Buße und das Gesetz verwerfet! Zu euch lasset mich hoffen, daß ihr noch einsehet, für die ewige Seligkeit sorgen sei wichtiger, als fürs Zeitliche sorgen! Zu euch lasset mich hoffen, daß ihr die Gnade Gottes erkennet, welche euch Gott durch den Verweser des höchsten Amtes gethan und gegeben hat, die Gnade, einen Buß- und Gnadenprediger zu haben, den zu haben viele tausend Gemeinden nicht allein im Vaterlande, sondern auch in der Heiden Land, mit ewigem Dank erkennen würden! Auf, meine Kinder! Erkennet eure Sünden, erkennet eure Seelengefahr, erkennet euern einigen Retter, euern Heiland! Erkennet, daß Christus JEsus nun einmal keinem, als nur dem bußfertigen Sünder angehören, daß die Gerechten, die der Buße nicht zu bedürfen wähnen, an Ihm keinen Teil haben, fanget an, in euch zu gehen, Gottes Gnadenzuge zu folgen und dem Lichte des Lebens nachzueilen, das euch zum Frieden führt, dem Worte Gottes. Das ist das ewige Leben, daß ihr den erkennet, den| Gott gesandt hat zu eurem Heile, Christum JEsum, der da kommt mit Wasser und Blut, nicht mit Wasser allein, sondern mit Wasser und Blut, mit Seinem Blute, für euch vergossen und vielen zur Vergebung der Sünden! O herzu in dieser Zeit, da man sein Blutvergießen feiert, herzu zu dem, der alle Mühseligen zu sich ladet, und keinen von sich stößt, der zu Ihm kommt, zu Ihm und nehmet aus Seiner Fülle Buße und Vergebung, Gnade um Gnade und ewiges Leben!

 O JEsu, JEsu! Amen.




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