Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Rogate 1832

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« Am Sonntag Quasimodogeniti 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag Rogate 1834 »
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Am Sonntag Rogate.
(Kirchenlamitz 1832.)


Joh. 16, 23–30. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen, so wird ER es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in Meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei. Solches habe Ich zu euch durch Sprichwort geredet. Es kommt aber die Zeit, daß ich nicht mehr durch Sprichwort mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von Meinem Vater: An demselbigen Tage werdet ihr bitten in Meinem Namen. Und ich sage euch nicht, daß Ich den Vater für euch bitten will: Denn ER selbst, der Vater, hat euch lieb, darum, daß ihr Mich liebet, und glaubet, daß Ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen, und gekommen in die Welt: wiederum verlasse ich die Welt, und gehe zum Vater. Sprechen zu Ihm seine Jünger: Siehe, nun redest Du frei heraus, und sagest kein Sprichwort. Nun wissen wir, daß Du alle Dinge weißt und bedarfst nicht, daß Dich jemand frage. Darum glauben wir, daß Du von Gott ausgegangen bist.

 Schon lange habe ich diesen Sonntag herbeigewünscht, um einmal vom Gebete zu euch reden zu können. Das Gebet ist für eine Seele so notwendig, als das Atmen für den Leib; es ist, wie ein Alter sagt, das Atmen der Seele. Wenn ein Leib ausgeatmet hat, ist er tot, eine Seele, welche nicht betet, ist auch tot. Ich aber wünschte, daß alle eure Seelen möchten leben, darum muß ich auch wünschen, daß sie atmen, d. i. beten! Wenn einmal das Beten in eurer Gemeinde einheimisch geworden sein wird, so wird es überhaupt mit dem Christentum besser stehen. Christen haben es zum Charakter, daß sie beten: das ist so gewiß, daß die Heiden z. B. auf Otaheiti ihre| bekehrten Landsleute „Betende Menschen“ zu nennen pflegen. Nun denn, so will ich in Gottes Namen und mit betendem Herzen ans Werk greifen und nach unserm Evangelio etliche Fragen vom Gebet aufwerfen und beantworten. Der HErr segne unsre Betrachtung, daß viele sich heute in Gott entschließen mögen, öfter und anhaltender und mehr im Geist und in der Wahrheit zu beten, als bisher geschehen ist. Amen.


I.
Was heißt beten?

 Beten heißt: „Mit Gott reden“. Wenn man mit einem Könige dieser Welt reden darf, so demütigt man sich, wir erkennen den Abstand, welcher zwischen uns und ihm ist, wir beobachten unsre Worte, unsern Ton, unsre Gebärden, daß nichts der Ehrfurcht widerspreche, welche einem Unterthanen vor seinem Könige ziemlich ist. Wenn man also mit Gott redet, so muß alles dies in einem viel höheren Grade vorhanden sein: denn vor Gott sind alle Könige der Welt nur Staub und Asche und nicht wert, genannt zu werden. Wenn man vor einem Könige steht, so denkt man an nichts andres: wenn also ihr im Gebete etwas anderes denkt, so beleidigt ihr die höchste Majestät: ihr betet nicht andächtig. Wenn man mit einem Könige redet, erlaubt man sich nicht, dazwischen hinein mit andern Leuten zu reden: wenn ihr also betet und dazwischen hinein weltliche Dinge etc. redet, so verletzt ihr die tiefe Demut, welche euch vor Gott geziemt. Wer betet, der erinnere sich immer, daß es Gott ist, mit dem er redet, mit andächtigem, demütigem, von Gottes Gegenwart erfülltem Herzen, aus voller Seele, abgeschieden von der ganzen Welt, einsam auf Ihn gerichtet, rede er, denn so muß es sein. Es giebt keine höhere Würde, als mit Gott reden zu dürfen.


II.
Zu welcher von den dreien Personen aber in der Gottheit soll man reden?
 Antwort: Diese drei sind eins. Ob sie wohl drei sind, ist doch keine jemals allein. Wenn man zum Vater betet, ist gleichermaßen Sohn und Geist angebetet: betet man zum Sohn,| so ist gleichermaßen der Vater geehrt: betet man zum heiligen Geist, so höret gleichermaßen auch Vater und Sohn, von welchem ER in Ewigkeit ausgeht. Wer den Vater anbetet, muß zugleich an den Sohn denken: denn es ist kein Vater ohne einen Sohn. Wer den Sohn anbetet, ehret zugleich den Vater, von dem er gezeugt ist: denn es ist kein Sohn, der nicht einen Vater habe. Wer Vater und Sohn anbetet, der betet auch zugleich den heiligen Geist an: denn des heiligen Geistes Werk ist es, daß er den Vater und Sohn erkannt hat. Der heilige Geist wirkt das rechte Gebet. Es kann niemand den Vater ehren, außer im heiligen Geist: und niemand kann JEsum einen HErrn heißen, außer im heiligen Geiste. Man darf also jede Person anrufen, wenn man keine von ihnen leugnet. Oder man rufe den ewigen dreieinigen Gott mit Seinen dreien Personen an. ER höret immer, Seine Augen zählen alle, die zu Ihm beten, Seine Ohren hören alle Gebete, alle Seufzer, die auf Erden zu Ihm geschehen, ER zählet alle Worte, alle Thränen, die nach Ihm verlangen. ER ist allen nahe, die Ihn anrufen! ER ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns!

 Nur rufe man nicht einen Vater an, der keinen Sohn hat. Wer den Sohn ehret, der ehret allein den Vater recht. Sie sollen alle den Sohn ehren, gleichwie sie den Vater ehren. Wer nicht an den Sohn glaubt, den liebt der Vater nicht und erhört ihn auch nicht in Dingen, die ewige Seligkeit anlangend. Wer nicht glaubt, daß JEsus Gottes Sohn ist, nicht glaubt, daß ER zu unserm Heil ins Fleisch gekommen, zu unsrer Erlösung gekreuzigt, gestorben und auferstanden ist: der ist nicht von Gott und kommt nicht zu Gott und sein Gebet dringt nicht zu Gottes Herzen. So ein großer Ernst ist es Gott, als ein Dreieiniger angebetet zu werden, daß ER kein andres Gebet anerkennt, als welches


III.
im Namen Seines Sohnes JEsu Christi geschieht.
 „Wahrlich, wahrlich,“ spricht der Sohn, „ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in Meinem Namen, so wird| ER es euch geben. Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei.“ Im Namen JEsu also sollen wir beten. Was heißt aber das im Namen JEsu beten? Darüber hat man sich vielfach gequält und es doch nicht herausgebracht, und ist doch in den Worten so klar enthalten. Was bedeutet es denn, wenn Beamte sagen: sie thun etwas im Namen des Königs? Ist’s nicht so viel, als: es ist so gut, als ob der König es selber thäte? Wenn wir also zu Gott im Namen JEsu beten, so ist unser Beten so gut, als wenn JEsus für uns bete. Wenn Gott verheißet, die Gebete zu erhören, welche im Namen JEsu geschehen, so verheißet ER, diese Gebete so aufzunehmen, als ob sie aus dem Munde Seines heiligen Kindes JEsu kämen. Warum aber sollen wir in Seinem Namen, warum nicht in unsrem eigenen Namen beten? Weil unser Name vor Gott nicht angenehm ist, weil er der Name von abgefallenen Kindern und sündhaften Menschen ist, die ihm nicht mehr gefallen können. Hingegen der Name JEsu ist angenehm vor Ihm, es ist der Name des gerechtesten Menschen, der mit dem ewigen Gottessohn zu einer Person ewiglich vereinigt ist. Der Name JEsu ist der Name dessen, welcher sich erniedrigt hat und gehorsam geworden bis zum Tode am Kreuz und hat Seinen Leib und Sein Blut hingegeben fürs Leben der Welt. Der Vater hat das höchste Wohlgefallen an diesem Seinem Sohne. ER ist ein Opferlamm geworden, hat sich selbst für unsre Sünden geopfert, und was ER vom himmlischen Vater bittet, das geschieht.
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 Brüder! Wie wenig haben wir bisher im Namen JEsu gebetet? Wie unvollkommen ist drum unsre Freude bisher geblieben! Lasset uns alles, was wir beten, im Namen unsers ewigen Hohenpriesters beten, damit wir erhöret werden! Viele von euch haben schon oft gebetet, aber sie haben so gar wenig Erhörung gefunden, daß sie auch gezweifelt haben, ob Erhörung erfolgen könne, ob Gott höre, ja ob ein Gott sei! Viele, die um das tägliche Brot oder sonst etwas gar oft geseufzt haben, haben sich kein Brot, nichts sonst herabgebetet, und sind daher auf den Gedanken gekommen, daß überhaupt| das Beten nichts helfe, sondern das Arbeiten, trotzdem daß geschrieben steht: „Wenn der HErr nicht das Haus baut, so bauen die Bauleute umsonst.“ Das lag allein daran, daß sie nicht im Namen JEsu gebetet haben, sondern auf ihre eigene Tugend oder auf ihr eigenes Elend hin Gott zur Barmherzigkeit bewegen wollten. Aber unsere eigene Tugend, wie unser eigenes Elend rührt Gott nicht, es sei denn, daß JEsus Christus Sein Vaterherz durch Seine Tugend und Sein Verdienst, durch Sein Kreuzeselend und Seine Todesangst, für uns ausgestanden, wieder zu uns neige. Was wir also beten, so wollen wir uns nicht auf unsere Gerechtigkeit oder auf unser Elend hin zu Gott nahen, sondern Ihm in unserem Gebete JEsum Christum nennen, als den, auf dessen Fürsprache wir uns verlassen, als den, der mit Seinem eigenen Blute ins Allerheiligste des Himmels eingegangen ist und für uns bittet. Das rührt das Herz des himmlischen Vaters. Ja, wer alles im Namen des Sohnes thut, unter Seiner Anrufung, der ist Gott so angenehm, daß er ihn selbst schon höret, ehe er sich noch auf den Hohenpriester JEsus beruft. Denn der Hohepriester JEsus hat auch uns erkauft zu Priestern vor Gott und Seinem Vater, hat uns und allen Seinen Gläubigen priesterliche Rechte erworben, nämlich zu Ihm hintreten zu dürfen und Ihn um das zu bitten, was unser Herz nach Seinem Wort, aus Seinem reichen Schatze für uns oder unsre Brüder begehrt. ER hat uns den Zugang geöffnet zu solcher Gnade, daß wir frei zu Ihm treten und sprechen dürfen: „Abba, lieber Vater,“ und Vater unser, daß wir ohne weitere Vermittlung, als die einmal auf Golgatha geschehene, gleich zu Ihm, dem Dreieinigen beten dürfen, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater bitten.
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 Indes können nicht alle Menschen im Namen JEsu und so zutrauensvoll zu dem Vater bitten. Es seufzet wohl alle Kreatur mehr oder minder, ja, es steht geschrieben, daß die jungen Raben zu Gott schreien. Warum sollte man also behaupten, daß nicht auch unbekehrte Menschen, Heiden, Juden, Türken, Maulchristen und Werkchristen zu Gott rufen könnten? Ja, wir geben sogar zu, daß sie in Dingen des irdischen| Lebens, welche im Bereich der allgemeinen Liebe Gottes liegen, Erhörung finden. Aber eigentlich beten, mit Gott reden, wie Kinder mit ihrem Vater, und im Namen JEsu beten, das können nicht alle Menschen. Und es fragt sich daher


IV.
Warum können nicht alle Menschen so kindlich und im Namen JEsu beten?

 1. Antwort. Wer mit Gott reden will, muß so mit ihm reden, wie er es aus Seinem Worte gelernt hat. Wenn aber einem Menschen das Wort Gottes in lauter Sprichwörtern besteht, in lauter unbekannten Reden, wenn er nicht weiß, was Gott in Seinem Worte meint, wohinaus es eigentlich mit demselben will: wie soll der recht mit ihm reden können? Darum können so wenige Menschen mit Gott recht reden und zu Ihm beten, weil so wenige Ihn aus Seinem Worte recht erkannt haben. Darum können so wenige im Namen JEsu beten, weil ihnen die Person, das Amt, das Werk und Verdienst JEsu, Seine Lehre in ihrem Zusammenhange, wie in ihren einzelnen Teilen und Sprichworten, ein Rätsel, eine unbekannte Sache ist. Was sollen sich solche Leute denken, wenn sie hören, sie sollen im Namen JEsu beten? Und wenn sie hinter allen Gebetsformeln, die sie hören, lesen und sprechen, auch niemals vergäßen, dazuzusetzen: „im Namen JEsu“, es wäre doch nicht im Namen JEsu gebetet.

 2. Zweitens können darum so wenige Menschen kindlich und im Namen JEsu beten, weil sie niemals erfahren haben, was die Jünger JEsu erfuhren, daß der Vater sie liebe, und weil sie niemals an Ihn haben glauben lernen. Die meisten Menschen, wenn sie nicht verstehen, was es mit der Lehre von der Liebe des Vaters in Christo JEsu sagen wolle, begehren Sein und Seiner Liebe auch nicht. Es ist ihnen bequemer, an die Welt, als an Gott zu denken, bequemer, Gottes, als der Welt vergessen, sie sind von der Erde und wollen am liebsten Erdenmenschen bleiben, und so bleiben sie’s auch. Wer aber in dem Herzen durch den heiligen Geist erfährt, was die Liebe des Vaters sei, wer erkennt, was für eine unbegreifliche| und unergründliche Liebe es ist, daß Gott Seinen eingeborenen Sohn für uns in den Tod gegeben hat, wem die Liebe Gottes ausgegossen wird ins Herz, der liebt Ihn wieder und die Liebe thut ihm den Mund auf, daß er kindlich zu Ihm betet, wie Kinder ihren lieben Vater bitten, und die Erkenntnis JEsu und die Liebe zu ihm bewirkt es, daß ER niemals anders, als in JEsu Namen betet, der Mund spreche es oder nicht.

 Es ist indes auch gar kein Wunder, daß die wenigsten Menschen Gottes Liebe nicht erfahren und Ihn nicht lieben, und eben darum zu Ihm auch nicht kindlich und im Namen JEsu beten können: denn beides hat seinen guten Grund.

 3. Darum, daß sie nicht glauben an JEsum Christum, daß ER von Gott ausgegangen sei. Die Jünger glaubten an Ihn. Sie sahen und erkannten, daß ER alle ihre Gedanken erriet und daß vor Ihm nichts verborgen sei, und darum glaubten sie, daß ER von Gott ausgegangen sei. Aber das glauben die meisten unter uns jetzt nicht, das ist die größte Sünde, und um dieser willen wird es ihnen nicht geschenkt, kindlich und im Namen JEsu zu beten. Viele von euch geben wohl zu, daß JEsus von Gott ausgegangen sei, ja, sie geben alles zu, aber sie bleiben dabei die gleichgültigsten Menschen von der Welt, können dabei ihr altes Leben fortführen und schämen sich, sich zu bekehren. Ihr Glaube ist kein Glaube. Wäre ihr Glaube der rechte Glaube, so wäre er eine Kraft Gottes, welche das Herz erneut, so müßte aus ihm die Liebe zu Gott kommen, ja eben er ist die Erweisung der göttlichen Liebe, welche Gottesliebe weckt. Der Glaube ist nicht eine menschliche Meinung oder Einbildung, daß etwas so oder anders sei, sondern der Glaube ist eine herzliche, gewisse Zuversicht, stärker als das Leben, daß Gott in Christo unser gnädiger Vater ist. Der Glaube an Christum ist nicht bloß dies, daß man zugiebt, JEsus Christus habe einmal gelebt, sondern er ist mehr, er ist das sichere Vertrauen, daß ER für uns und für alle Menschen auch der fernsten Zeiten gelebt habe, daß ER für alle ein Opfer der Versöhnung und in diesem für alle eine ewige Freude bereitet habe. Wer die in| alle Zeiten, ja in alle Ewigkeiten fortwirkende Kraft des Blutes Christi noch nicht erfahren hat, wird nicht aus Erfahrung glauben. Wer noch nicht unterscheiden kann zwischen der alten Geburt und der neuen Geburt, wer keine Änderung des Innern von Anfang des Lebens her wahrgenommen hat, der glaubt nicht, und weil er nicht glaubt, so liebt er nicht, und weil er nicht glaubt und nicht liebt, kann er nicht beten und wagt’s auch nicht, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm, er lebt ohne Gebet und ohne Leben der Seele fort.

 Doch aber, wenn nun einer glaubt, wenn er liebt, wenn er die Liebe des Vaters erkannt und erfahren hat,


V.
was soll, was darf er beten?

 Für diejenigen, welche glauben, welche lieben, welche die Liebe des Vaters erkannt und erfahren haben, ist es nicht nötig, diese Frage zu beantworten. Sie wissen schon, was sie beten sollen, sie kommen über den Stoff des Gebetes so wenig in Verlegenheit, daß sie ohne Unterlaß beten, daß sie bei der Arbeit, wie in der Ruhe, im Schlafen, wie im Wachen zu beten nie aufhören. Ihr ganzes Leben ist ein ununterbrochenes Seufzen und der Grund aller ihrer Gedanken, ihres Wollens und Liebens zu dem, der sie so hoch geliebt hat. Ihre Seele ist, mehr oder minder brünstig, in beständigem Gespräch mit ihrem Gott. All ihr Denken ist zu Ihm gerichtet, all ihr Wünschen ist beten, all ihr Gefühl ist Liebe und Sprache der Liebe gegen Ihn, all ihr Wollen ist: „nach dir, nach dir, mein Gott, verlanget mich.“ Sie brauchen keine Belehrung mehr, was sie beten sollen. Aber die, welche so weit noch nicht sind, so viel noch nicht von der Liebe Gottes in ihrem Herzen erfahren haben, die wohl gern beten möchten, aber nicht wissen, ob es denn Gott gerade so angenehm sei, wie sie beten könnten: diese bedürfen eines Unterrichts von dem, was sie beten sollen, einer Regel, an welche sie sich halten, eine Ordnung, in der sie beten können, damit ihr schwacher Glaube sich desto sicherer aufrichte und desto schneller durch die Kräfte des Gebetes zunehme.

|  Eigentlich darf man um alles beten, um was zu beten das Gewissen nicht verbietet. Es sei irdisch oder himmlisch, man darf dem lieben Vater im Himmel alles vortragen, und was man ihm nicht sagen darf, das darf man überhaupt niemandem sagen. Nur das darf man reden, was im Gebet zu Gott gesagt werden kann, alles andre nicht. Indes ist ein Unterschied in der Zuversicht, mit welcher man um die verschiedenen Dinge beten darf. Wenn man um irdische Dinge betet, kann man selten die große Zuversicht haben, die man bei geistlichen Dingen hat. Was zur Mehrung Seines Reichs und zur Seligkeit der Seelen dient, das können wir ganz getrost verlangen, ohne Zweifel, daß, was wir beten, auch geschehen werde. Bei Dingen des irdischen Lebens wissen wir nicht, ob uns, was wir bitten, gut ist, und müssen deshalb immer bedenken, daß der himmlische Vater es besser weiß, und Seinem Willen Raum lassen. In den meisten Fällen ist es da am geratensten, zu beten: „Dein Wille geschehe“.

 Soll aber angegeben werden, um was man am meisten beten sollte, so wäre es fürs erste und hauptsächlichste um den Geist des Gebetes selbst. Deshalb steht auch das Evangelium so nahe an Pfingsten, damit man erinnert werde, welches die beste Vorbereitung für Pfingsten sei, nämlich das Gebet um den heiligen Pfingstgeist. So thaten auch die Jünger. Sie waren, nachdem der HErr aufgefahren war, einmütig beisammen und beteten, daß die Verheißung des Vaters vom Ausgießen des heiligen Geistes nun bald in Erfüllung gehen möge, und als sie am Pfingsttage selbst beteten, da kam es herab und erfüllte ihre Herzen und that, wie sie begehrten. Freilich setzt das Beten um den Pfingstsegen schon einen Anfang seines Besitzes voraus, und es ist auch wahr: wer um ihn betet, hat ihn schon in Anfängen empfangen. Aber so viel, als nötig ist, darum beten zu können, giebt der heilige Geist denen gern, welche es begehren. Und dann heißt es: wer da hat, dem wird gegeben.

 Darum, meine Geliebten, betet, daß der heilige Geist auch über euch und in euch ausgegossen werde; denn ohne ihn, was hilft alles Hören von Predigten? Es kann einem dabei Gottes| Wort nach wie vor Sprichwort und Rätsel bleiben. Wenn aber Gottes Geist ein Herz erleuchtet, dann versteht es, was Gott meint und wird voll Licht und Gnade. Ohne Ihn erkennt man die Liebe Gottes nicht und liebt Ihn nicht: aber wenn ER über uns ausgegossen wird, dann wird zugleich Liebe Gottes gegen uns und Liebe gegen Gott in uns ausgegossen. Ohne Ihn glaubt kein Mensch an Christum, ja ohne Ihn verachten alle Menschen den Glauben an Christum als eine Thorheit und verstehen ihn nicht; aber wenn ER uns heimsucht, so verstehen wir, ehe wir’s denken, das Geheimnis des Glaubens, daß er ist eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet und an dem nicht zweifelt, das man nicht sieht. Um diesen Geist, der Fülle der Gnade geben kann und will, um diesen Geist betet, meine Brüder, betet ernst, anhaltend: so wird ER kommen und euch besser beten lehren und von einer Gebetskraft in die andere führen. Bittet, so werdet ihr nehmen, suchet, so werdet ihr finden. So doch auch ihr, die ihr arg seid, spricht Christus, könnet euern Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird mein himmlischer Vater denen Seinen heiligen Geist geben, die Ihn darum bitten. Haltet Ihn getrost beim Wort, der da verheißen hat, und ER wird Sein Wort gerne halten. Amen.




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