Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Rogate 1834

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« Am Sonntag Rogate 1832 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Himmelfahrtsfeste 1834 »
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Am Sonntag Rogate.
(Nürnberg 1834.)


Joh. 5, 25–29. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören; und die sie hören werden, die werden leben. Denn wie der Vater das Leben hat in ihm selbst; also hat er dem Sohne gegeben, das Leben zu haben in Ihm selbst. Und hat Ihm Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum, daß ER des Menschen Sohn ist. Verwundert euch des nicht; denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden Seine Stimme hören; und werden hervorgehen, die da Gutes gethan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Übels gethan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

 Als der Erzvater Noah aus seinem Kasten gegangen war, opferte er dem lebendigen Gott Brandopfer. Der HErr aber roch den lieblichen Geruch und sprach in Seinem Herzen: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Samen und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Und wie ER gesagt hat, so geschieht es bis auf den heutigen Tag, gerade als käme es von selbst. Die Gestalt der Erde, wie sie gegenwärtig ist, die milden Lüfte, in welche sie gehüllt ist, die warmen Regentropfen, die das Land segnen, die Blüten und Gräser allzumal beweisen es, daß der Herr gesonnen ist, Seinen Bund auch heuer wieder gelten zu lasten.

 Meine Brüder! Auch in der Verneuerung der Erde im Frühling erkenne ich aber nicht allein die Macht des Vaters, sondern auch die Herrlichkeit des Sohnes. Dafür habe ich zwei Gründe: fürs erste thut Gott alles durch Seinen lieben Sohn, und auch jenen Bund, mit Noah aufgerichtet, hat ER| aufgerichtet und aufrecht erhalten bis hieher durch Ihn, von welchem geschrieben steht: „Ohne Ihn ist nichts gemacht, was gemacht ist“ und „ER trägt alle Dinge durch Sein kräftiges Wort“. Fürs zweite aber bin ich auch der Meinung, daß alle Herrlichkeit des Frühlings, ja des ganzen Jahres mit seinen Zeiten, Tagen und Stunden, ja, alles, was wir genießen mit unserm Leibe, lauter Wohlthaten sind, die uns der gekreuzigte Christus erwarb. Hätte ER nicht die Welt vom Fluche der Sünde entlastet, hätte der Vater nicht Seine Aufopferung zu unserer Erlösung vorhergesehen, so würde die Erde nicht bloß von einer Sündflut, sondern von einer Feuerflut unwiederbringlich zu Grunde gerichtet worden sein, kein Mensch würde nach dem Falle lebendig geblieben sein, kein Baum würde mehr blühen. Alle Herrlichkeit der Erde im Frühling ist von der durchbohrten Hand ausgestreut. Es ist meines blutenden Heilands Verdienst und Arbeit, was ich im Frühling sehe.

 Jedoch, das Gras verwelkt, die Blume fällt ab und verliert die schöne Gestalt, der Frühling, dazu das ganze Jahr und eins nach dem andern vergeht. Die Herrlichkeit JEsu in der Natur ist vergänglich: das schwache, vergängliche Lob der Kreatur. Suche und finde, o Herz, die Herrlichkeit deines JEsu in der Natur, aber bedenke, daß sie nur das erste Seiner Reiche ist, halte dich bei ihr nicht auf, komme mit mir, lasse uns in unsichtbare Reiche eintreten und die unsichtbare und unvergängliche Herrlichkeit JEsu beschauen. So hoch die Himmel über der Erde sind, so viel höher ist die Herrlichkeit JEsu im Reich der Gnade und der Herrlichkeit, als Seine Herrlichkeit im Reiche der Natur.

 O JEsu, thue Du uns selbst durch Deinen heiligen Geist die Augen auf und zeige uns Deine Fülle himmlischer und geistlicher Güter, und lasse uns aus ihr nehmen und satt werden! Um Deiner Liebe willen! Amen. (Joh. 5, 25–29.) Unser Text redet von der Herrlichkeit JEsu in einer doppelten Auferweckung, nämlich:

_I. unserer Seelen, und
II. unserer Leiber.
| Lasset uns den Text auslegen und dann einige für uns heilsame Bemerkungen zu demselben zu Herzen fassen.

 O JEsu, steh uns mit Deinem heiligen Geiste bei! Amen.


I.

 1. „An welchem Tage ihr von diesem Baume essen werdet, werdet ihr des Todes sterben,“ sagte der HErr im Paradiese zu Adam. Da sie nun aßen, so geschah, was der Wahrhaftige gedroht hatte: die Menschen starben an der Seele und fingen an, auch am Leibe zu sterben. Wie der Leib tot ist, in welchem keine Seele mehr ist, so ist die Seele tot, in welcher die Gottheit nicht mehr wohnt, welche nicht mehr in Gott lebt und webt, deren Weisheit nicht mehr Gottes Weisheit, deren Ruhe nicht mehr Gottes Friede und Freude, deren Wille nicht mehr Gottes Wille ist. Wie der gestorbene Leib von seiner Seele, so kann die tote Seele keine Auskunft mehr von dem geben, welcher sie zu Seinem Tempel erschaffen hatte und ihr näher befreundet war, als sie selbst dem Leibe.

 So tot sind nun alle Seelen von Natur, schlummern dahin bis zum Tode des Leibes, fragen nach Gott nichts. So tot, meine Lieben, sind die meisten Menschen, und ihre Leiber sind nur Särge entseelter Seelen. So tot sind viele unter uns hier, obwohl sie vielleicht nicht eine Ahnung von den Todesbanden haben, mit denen sie umgeben sind. Denn wie ein toter Leib von seinem Tode nichts weiß, so träumen auch viele tote, von göttlichem Leben entleerte Seelen von nichts weniger, als vom Tode.

 O ihr Toten, die ihr tot seid, weil Gott in euch nicht lebt, gestorben, weil ihr dieser täglich mehr hinsterbenden Welt lebet und ihren tödlichen Lüsten: wer ist so mächtig, euch aufzuwecken zum Leben, zu welchem ihr geschaffen seid? wer bringt euch zu Gott und Gott in euch? wer macht, daß eure Seelen grünen, wie das Gras, und blühen, wie der Frühling?

 2. Herrlicher Sohn Gottes, das ist die Gewalt Deiner Stimme. „Die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes| hören.“ Kennet ihr sie, die Stimme des Sohnes Gottes, die allmächtige? Sie kommt nicht mit viel Rauschen, sie ist nicht das Brüllen eines majestätischen Löwen oder gar ein lauter Donner. Sie kommt mit einem stillen sanften Sausen und ist dennoch so durchdringend, daß sie Mark und Bein, Herzen, Sinne und Gedanken voneinander scheidet. Sie heißt Evangelium. Der Sohn Gottes hat durch das Leiden Seines Todes die Feindschaft hinweggethan, Gott ist versöhnt! Um des sterbenden Sohnes willen will ER die Sünder wieder annehmen zu Seinen Kindern, sie wieder zu Seinen Tempeln machen, in ihnen leben, weben und sein. Sie sollen auferstehn und zurückkehren zum Leben des Paradieses, da auch Gott im Menschen war! In Wahrheit! für tote Seelen ein wahres Evangelium, die freudenreichste Botschaft, die es giebt! Und wie gnädig ist diese Stimme von der belebenden Liebe JEsu: alle toten Sünderseelen ladet sie ein zur Auferstehung, keine ist ausgenommen, so tot ist niemand, d. i. so sündenbeladen, so aller Bosheit voll ist niemand, daß ihm diese Stimme nicht auch gelte!
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 3. Und dennoch, so köstlich, so wert aller Annahme der Inhalt, so lieblich der Klang dieser Stimme ist, die Stimme des guten Hirten, der Seine Schafe in den Gräbern der Sünde wieder sucht; ja, so gewaltig, so mächtig die edle Sohnesstimme ist, so kommen doch nicht alle toten Seelen zum Leben; denn etliche Seelen wollen nicht zum Leben zurückkehren, das aus Gott ist. Es heißt: „Die Toten werden die Stimme des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben.“ Sie werden alle die Stimme hören, aber nur die werden leben, welche sie hören werden. Es ist also hier ein doppeltes Hören, dessen Verschiedenheit ich an einem naheliegenden Beispiel zeigen werde. Ihr alle, die ihr hier vor mir sitzet, höret meine Worte; aber etliche hielten sie für ein Geschwätz eines Lotterbuben, sie gefielen euch nicht, und deshalb hörtet ihr nicht mehr darauf, waret bloß darauf bedacht, sie baldmöglichst wieder aus dem Sinn zu bringen. Wenn ihr so seid, dann höret ihr mit den Ohren, aber nicht mit dem Herzen, ihr hört, als hörtet ihr nicht, ihr werdet| aus dem Hören keinen Glauben, noch Glaubensstärkung davonbringen, sondern tot bleiben und tot hinweggehen.

 Nun aber wären auch etliche unter euch, die hörten meine Worte und nähmen sie zu Herzen, wären darauf bedacht, sie zu behalten in einem feinen und guten Herzen, beteten während des Hörens, daß auch sie möchten lebendig werden in Gott. Diese hören nicht bloß mit den Ohren, sondern auch mit dem Herzen. Und dies Hören mit dem Herzen ist es, von dem es hier heißt: „welche aber die Stimme hören werden, die werden leben.“

 O Brüder, o Schwestern, hört! Die Stimme des Sohnes Gottes ist allmächtig, die toten Seelen aufzuwecken. Aber ER selbst hat Seiner Allmacht diese Schranken gewiesen, daß sie nur an denen sich durch Auferweckung der Seelen verherrliche, welche sich wollen auferwecken lassen, die aber todes- und sündenfroh dahinleben, aufbewahrt würden bis auf den Tag des Zorns! O lasset lieber den Sohn Gottes hier an euch durch Erweisung Seiner allmächtigen Gnade, als dort durch Erweisung Seiner allmächtigen Gerechtigkeit und Strafe verherrlicht werden! Höret, höret die Stimme des Sohnes Gottes, damit ihr lebet!

 4. O welch ein Leben sollt ihr in Auferweckung eurer Seelen finden!

 Sonst, da ihr noch tot waret, durchkrochen Leidenschaften und böse Lüste, fleischliche Begierden eure armen Seelen, wie Würmer und Motten in verwesenden Leichnamen schleichen. Nun aber seid ihr lebendig geworden, nur eine Leidenschaft ist in eurem Herzen, die Liebe zu JEsu Christo, keine Lüste, keine Begierden mehr, aber die Lust an Seinem heiligen Worte, die Begierde abzuscheiden und daheim zu sein bei Ihm und Seinem Vater ist in euch. Euer Herz ist himmlisch gesinnt, fühlt sich hier nicht mehr daheim, trachtet aufwärts. Das Reich Gottes ist zu euch gekommen, nun wünschet ihr nichts mehr, als aus der gefährlichen Nähe des Erd- und Weltreichs entnommen und in die ewige, ungestörte Ruhe des Himmels euer stilles Reich zu retten. Der Anfang des ewigen Lebens ist gemacht, ihr seid bereits vom Tod zum Leben| hindurchgedrungen, ihr sterbt nicht mehr, das Leben nach dem Tod ist für euch kein fremdartiges und neues mehr, sondern dies euer angefangenes Leben in gereinigtem Fortschritt!

 Sieh! so neu kann alles im Menschen durch die auferweckende Stimme des Sohnes Gottes werden. Welch ein Gegensatz gegen sonst! Was der Mensch vorher liebte, worein vertieft er lebte, das ist ihm nun fremd und häßlich, denn es ist Sünde. Was er aber vormals scheute, das Reich Gottes, das ist nun sein Aufenthalt und seine Freude. Selbst wenn Ungemach über ihn kommt, wenn inwendiges Weh und Kummer ihn belastet, fühlt er sich im Gegensatz der Welt noch glücklich und möchte nicht um aller Welt Gewinn mit der glücklichen Welt tauschen. Es kann ihn ja nichts von der Liebe scheiden, die in Christo JEsu ist, dem HErrn!

 Wie groß und herrlich bist Du, HErr JEsu, in Deinen Erlöseten! Wie mächtig ist Deine Stimme! Lob Dir und Preis! Fahre fort, daß Dir Kinder aus dem Tod geboren werden, wie Tau aus der Morgenröte!

 5. Nicht wahr, meine Lieben, auch unter euch manches Herz wünscht dies Leben zu erfahren! Manches wünscht die Macht der Stimme des Sohnes Gottes in sein eigenes totes Herz, hat längst Seine Stimme und zwar gern vernommen, ohne doch ihre auferweckende Kraft zu gewinnen! Seelen! die ihr keinen Gefallen habt am Tode eurer Seelen, wisset, daß auch ER keinen Gefallen hat am Tode des Sünders, ER will in der Auferweckung toter Seelen Seinen Ruhm finden! Seid getrost und achtet auf das Wort, das geschrieben ist: „Es kommt die Stunde und ist schon jetzt!“ So sagte JEsus, ehe ER litt, schon zur Zeit Seines Erdenwandels wurde manche Seele auferweckt und lebendig, denkt an Petrum, der voll himmlischer Freude zu JEsu Füßen fiel und rief: „wohin sollen wir gehen, Du hast Worte des ewigen Lebens!“ Denkt an die heiligen zwölf Apostel, an die 70 Jünger, an die 500, denen ER sich vor Seiner Auffahrt im auferstandenen Leibe zeigte. Gewiß lauter erweckte Seelen, und die zum Beweise dienen, daß schon zur Zeit Seines Erdenlebens die Stunde der Auferstehung war. Wie aber kam erst die Auferstehung| der Seelen an Pfingsten! Da kam die Stunde, von welcher unser HErr in unserm Texte redet, da gingen die heiligen Apostel aus, wie Schnitter in die Ernte, und brachten volle Garben: 3000 weckte allein Petri Predigt auf! Diese 3000 hatten auch zuvor lange tot gelegen und ihre Stunde erwarten müssen, da aber ihre Stunde kam, da waren sie hocherfreut.

 Auch für euch, Kinder, kommt die Stunde der Auferstehung und ist schon da! Sie ist schon da, wer glauben will, kann glauben, die Kräfte des heiligen Geistes weben, ihr könnet leben, wenn ihr anders wollet! Und sie kommt! Wisset ihr nicht? Pfingsten ist vor der Thür! Und warum anders feiert ihr Feste, als daß man erlebe die großen Thaten Gottes an sich selbst, wovon die Festgeschichten reden! Auf die Thüren und Thore, der König der Ehren kommt, eure Gnadenstunde ist ja, ihr Toten an der Seele sollt die Stimme des Sohnes Gottes hören und leben und der HErr will in Euch verherrlicht werden!


II.

 Wie herrlich ist der HErr in der Gemeinde, wenn ER Seelen gewinnt, wie anbetungswürdig! Aber diese Seine Herrlichkeit sehen nur wenige. Denn die Gemeinde Gottes ist klein und die Welt lacht und spottet und ärgert sich an der Erweckung der Seelen, es ist ihr etwas recht Verächtliches, wenn Seelen gewonnen werden. Ja, so wenig achtet sie, daß hierin eine Verherrlichung JEsu sei, daß sie vielmehr ihre eigene Herrlichkeit viel höher und größer achtet; denn es ist wahr, daß sie hundert Seelen verkehrt, bis Christus eine bekehrt, und daß sie hundert Seelen tötet, bis ER eine lebendig macht. Darum muß noch eine andere Verherrlichung sein auf JEsum Christum, wo nicht bloß Seine Kinder, sondern auch alle Gottlosen samt allen Teufeln Seine Herrlichkeit anbeten und alle Feinde sich zum Schemel Seiner Füße legen werden.

 1. Da die Menschen vom Baum der Erkenntnis Böses und Gutes gegessen hatten, ward ihnen gesetzt, einmal zu| sterben, auf daß sie auch den Tod kennen lernten. Seitdem fingen sie an zu sterben, und jeder Augenblick ist nun ein letzter, ein Sterbensaugenblick für einen Leib geworden. Die Leiber werden geboren, damit sie sterben. Wie viele Leichname sind seit Abel verweset. Wie viele hat die Sündflut in Thälern zurückgelassen, oder auf Berge getragen. Wie viele Millionen, in den Staub gebettet, predigen mit tiefer Totenstille laut das Wort der Rache des Heiligen: „Du sollst zur Erde werden, von der du genommen bist!“ Und wie tief, wie tief schlafen sie! wer will sie auferwecken, ja, wer nur ihre Gräber finden, und wer in den Gräbern den Keim der Auferstehung? wer aus den Würmern der Verwesung den Moder der Menschen? Siehe! so tief, so tief schlafen wir, so aufgelöst wird unser Leib im Tod; und doch, wenn diese Ohren für keine Stimme mehr offen sein werden,

 2. Eine Stimme werden sie hören. „Es werden alle, die in den Gräbern liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören!“ Die Stimme aber, welche die Leiber aus dem Staube weckt, ist kein sanftes, freundliches Evangelium mehr. Es wird ein anderes Prangen sein, nicht mehr Füße menschlicher Boten werden die Stimme JEsu in die Welt hinaustragen. Es wird ein Getümmel sein vom Himmel her, die heiligen Engel, und in der Mitte einer, wie eines Menschen Sohn. Sie werden schreien mit lauter Stimme und ein Feldgeschrei erheben, und der Hall ihrer Posaunen wird fürchterlich zwischen die lauten Chöre der rufenden Krieger JEsu tönen. Und ER selbst wird rufen, daß alle Gräber beben und die Erde kreisen wird. Das wird die Stimme des Sohnes Gottes an die Toten sein!

 3. Diese Stimme werden alle, die in den Gräbern liegen, hören. Das Evangelium, die Stimme zur Auferweckung unserer Seelen konnte man mit den Ohren hören und ihr mit dem Herzen widerstehen. Die Stimme des, der zum Gerichte kommt, müssen alle Schläfer hören seit Abel. Sei ins tiefste Thal begraben, lasse, wenn’s möglich wäre, deinen Leichnam in den Bauch der Erde versenken, die Erde wird dich ausspeien, und du wirst hören müssen und hervorgehen. Lasse deinen Sarg| ins Meer versenken, wo es am tiefsten ist, hänge einen Felsen daran, damit du unten in der Tiefe liegen bleibst, dich keine Welle wegbewegt; sei taub fürs Geräusch der überirdischen Welt: eine Stimme wirst du unter Wellen und Strudel hören, du wirst auffahren wie ein schneller Fisch, auch das Meer wird seine Toten wiedergeben. Auf Erden waren zwei Fälle möglich: JEsum hören oder nicht. Dann ist nur ein Fall, in welchem alle sind, sie müssen hören. Die Erde wird blühen, wie Gras und Unkraut, wie Dorn und edles Gesträuch wird’s überall stehn: eine reiche, volle Ernte wird es werden, volle Arbeit für den Schnitter.

 4. Aber doppelt wird das neue Leben sein, zu welchem die Stimme des Sohnes Gottes ruft. „Es werden hervorgehn zur Auferstehung des Lebens, die da Gutes gethan haben, die aber Böses gethan haben zur Auferstehung des Gerichts.“ Hier auf Erden ist nicht allemal eine Vergeltung offenbar und viel Böses, für welches doch nicht Buße gethan ist, bleibt ungestraft. Der Gottlose grünt, wie ein Palmbaum, und was er macht, das gerät wohl. Viele Menschen, die an eine Gerechtigkeit nicht glauben können, ohne sie zu schauen, schütteln den Kopf über die Wege Gottes, und manche zweifeln, ob ein Gott sei, da ER nicht straft. „Richtet nicht vor der Zeit,“ am wenigsten den Richter der Welt, der da recht behält, wenn ER gerichtet wird. Alle Seine Wege, Seine volle heilige Gerechtigkeit wird offenbar werden an jenem Tage, je nachdem er gehandelt hat, wird einem jeden gegeben werden, nämlich Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben; aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, Ungnade und Zorn. Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses thun, Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die Gutes thun aus wahrem Glauben (Röm. 2, 7 ff.).

 Dann wird der Name JEsu groß werden, dann wird er herrlich werden über alle Namen, Freund und Feind wird Seine Gerechtigkeit preisen, und die zur Hölle fahren müssen, werden gestehen, daß ER ihnen ein Urteil gesprochen hat, wie| sie selbst hätten sprechen müssen nach der Wahrheit! Dann wird der Sohn Gottes Seine Feinde alle zum Schemel Seiner Füße sehen, dann werden Ihn ewige Triumphlieder verherrlichen, und von Seiner Herrlichkeit werden selig und heilig und satt sein alle, die Ihn hier geliebt und um Seinetwillen gethan haben, was Ihm wohlgefiel!

 5. Wann, wann, ruft ihr, wann wird diese Zeit werden, wann, rufen die, welche Seine Erscheinung lieb haben, wann wird JEsus kommen in Seiner großen Herrlichkeit, auferwecken die Toten, verwandeln die Lebenden und richten und aus dem Gerichte nehmen, richten die Ungläubigen um ihrer bösen Werke willen, aus dem Gerichte nehmen, verschonen die Gläubigen, die in Geduld mit guten Werken nach dem ewigen Leben trachten?

 Antwort. „Es kommt die Stunde.“ So gewiß nach dem Winter der Frühling kommt, so gewiß kommt die Stunde. Ja! sie eilt herzu! Das Haupt JEsus ist schon zur Auferstehung hindurchgedrungen, alle Zeichen erfüllen sich nach und nach, und wir sehen, daß die Verheißung zu Ende eilt. Wenn die Heiden sich bekehren, dann knospen schon die Bäume der Zukunft Christi. Siehe, sie bekehren sich, der HErr ist nahe! ER wird kommen, harre ein wenig, und wird die auferstandene Welt entweder mit heiligem Geist oder mit Feuer taufen! Sei getreu in deinem Werk, stehe, wohin dich der HErr hingestellt hat, thue das Deine; selig wird sein der Knecht, welchen der HErr wird finden also thun!

 Erkennet nun, meine Teuren, die Herrlichkeit JEsu in dieser doppelten Auferweckung. Von Ihm aus geht Leben, Leben in tote Seelen, Leben in tote Leiber; ER erweist sich als der Fürst des Lebens, und Seine Gläubigen können in jeder Beziehung singen: „Christus ist mein Leben!“

 Erkennet Seine Herrlichkeit, denn Ihm hat der Vater gegeben, das Leben zu haben in Ihm selber. Denn in diesem Menschen JEsu ist der ewige Gottessohn, welcher mit dem Vater ewig lebte, ehe die Welt war. In Ihm ist Leben und| aus Seiner Fülle giebt ER Leben allen, die zu Ihm kommen, und stößt keinen weg, der zu Ihm betet!

 Erkennet Seine Herrlichkeit, denn Ihm hat der Vater, wie wir oben sahen, das Gericht übergeben! Niemand konnte besser Gericht halten als der Sohn. Denn der Sohn war Mensch geworden, hatte gelitten wie wir und den Kelch aller Leiden bis auf die Hefe geleert; ER hat in den Tagen Seines Leibes erfahren, was es heißt, ein Mensch sein und in der Menge der Versuchungen schweben; ER hat aus Erfahrung gelernt, was für einen Kampf wir kämpfen und wie elend wir sind! Nun ist ER ein billiger und barmherziger Richter, dazu der liebreichste Freund der Menschen, und wahrlich, der Vater konnte uns keinen freundlicheren Richter geben, als Ihn, der für uns starb, der für uns ins Gericht ging! Der Menschensohn wird die Toten auferwecken und richten, nun Brüder, beuget euch vor Ihm, der über alle Könige erhöht ist, gekrönt mit Preis und Ehren, der den Erdkreis richten wird mit Gerechtigkeit und die Völker nach Seiner Wahrheit!




 Brüder! Erkennet ihr die Herrlichkeit JEsu in der doppelten Auferweckung, so wisset, daß in ihr eure eigene größte Verherrlichung beruht.

 Wenn JEsus hier viele Seelen aus dem Todesschlafe erweckt, so ist das auf Erden Seine größte Herrlichkeit, und Seine Engel im Himmel beten Ihn dafür an! Aber was, meine Geliebten, könnte für uns herrlicher sein, als der neue Lebensgeist, welcher durch die Stimme JEsu, d. i. durch die Predigt des heiligen Evangeliums in unsere Seelen kommt? Ist dieses neue Leben, welches wir mit Christo in Gott haben, nicht weit vorzüglicher, als jedes, auch das größte und herrlichste Leben, das wir in der Zeit und Welt finden können? Dies neue Leben besteht im Glauben, der nicht sieht und dennoch eine gewisse Zuversicht von nie gesehenen und unsichtbaren Dingen hat. Ihr nennet die Vernunft groß, und die Weisheit ist unter euch hochgeehrt, aber ist nicht der Glaube noch mehr und ehrwürdiger, welcher, was Vernunft und Weisheit sucht, nämlich das ewige Leben, bereits empfangen hat?| Ihr nennt es groß, wenn jemand viele und große Thaten thut. Was aber ist größer, als wenn der Hochmut gebeugt wird und stolze Seelen klein gemacht werden? Das aber thut der Glaube. Man hat wohl gesehen, daß Glück und Unglück, Gewalt und Klugheit, ja auch der Tod an stolzen Seelen vorüberging, ohne daß sie dieselben zu demütigen vermochten. Der Glaube aber thut es allemal sicher, er zeigt den Seelen JEsu heilige Größe, da sinken sie in den Staub. Du nennst es groß, wenn ein ungebeugter Stolzer die Last des Lebens trägt, allen Schmerz und jedes Leid sich selbst gleichbleibend aushält; ist aber nicht der Glaube noch größer, der den Stolz beugt, klein macht und dennoch stark, alles Ungemach zu tragen? Oder hast du nie gesehen, daß gläubige Seelen Lämmern gleich dem Lamm Gottes nachgingen, geduldig in Kreuz und Trübsal und still im Tod. Wie klein ist der Glaube und wie groß! Du sagst, es sei viel, wenn einer das Glück der Welt genieße, ohne ein Tyrann zu werden, und es ist wahr! Aber wo hast du ein Weltkind gesehen, das jemals nicht Schaden an seiner Seele nahm, wenn es die Welt gewann? Das kann nur der Glaube. Der Glaube weigert sich, das Glück der Welt anzunehmen, er ist zufrieden, arm zu sein in dieser Zeit, wie Christus. Wenn aber ja der Wille Gottes ihm darin nachgeht, wenn’s ihm zugedacht wird, kein irdisches Kreuz zu tragen, dann achtet er das für sein schwerstes Kreuz, daß er nicht wie andere Kinder geschlagen wird vom lieben Vater. Aber desto wachsamer ist er, desto mehr geht er dem himmlischen Gute nach, wohl wissend, daß alles vergeht und nichts Vergängliches glücklich macht, daß die Seligen im Himmel arm sind an Erdengütern! Ach, er betet und überwindet in der schweren Prüfung des Glücks!
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 Wie groß ist der Glaube, der da versteht im Glück zu leben, ohne glücklich zu sein im Glauben, weil er allein glücklich ist in Hoffnung des ewigen Lebens! Das ist der Glaube, er ist im Tode selbst getrost! Er sieht im Sterben das Bittere wohl, er leidet und ringt, aber er weiß, daß Christus überwunden hat und daß es nur scheint, als stürben wir. Er läßt sich keine Todesbäche irren, er weiß, daß, wer| an JEsum glaubt, nicht stirbt, ob er gleich stirbt. So stirbt er denn getrost und trinkt den bittern Kelch und ist größer als der Tod!

 Brüder, ist etwas Größeres auf Erden, als ein Christ, ein Mensch, der Christi neues Leben in sich trägt, welcher spricht: „Ich lebe, aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir,“ welcher es spricht und mit seinem Leben für sehende Augen Beweis genug liefert, daß er von Christo ergriffen und nicht mehr von dieser Welt ist? Warum also jaget ihr der Vergänglichkeit nach, warum trachtet ihr, hier zu gelten und Namen zu haben? was habt ihr, wenn ihr habet, wonach euer Herz begehrt? was, wenn euch andere beneiden? Ich weiß eine Grenze, da wird der Beneidete doch bemitleidet, während der arme, entsagungsvolle Christ glücklich gepriesen wird, das Grab! Siehst du bloß auf das, was so kurz währt? Geht deine Klugheit, deine Sorge weiter nicht, als bis zum Leichenpomp? Lasset das von euch nicht gesagt werden, teure Brüder!

 Tretet her zu mir, stellen wir uns weg von der eitlen Welt, und sprechen und beten zu dem, der da herrlich ist und gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 JEsu, Verherrlichter, wir wollen hier gering und klein und gedemütigt werden bis in den Tod, wollen uns auf Erden genügen lassen an der verborgenen Herrlichkeit und dem himmlischen Manna des Glaubens. Wir wollen lieber bei dir sein, du hier gekreuzigter, dort verherrlichter, nun unsichtbarer gegenwärtiger Heiland, lieber bei dir und auf deine Gnadenblicke harren, als die Gunstblicke der Welt in Fülle empfangen. Wir wollen Dich damit verherrlichen auf Erden, daß wir Deinem heiligen Geist und Seiner seligmachenden Lebenswirkung unsere Seelen überlassen, mache aus uns etwas zu Lobe Deiner herrlichen Gnade! Wir wollen tot werden vor der Welt, verachtet, nichts, sprechen mit Paulo: „Die Welt ist mir gekreuzigt und ich der Welt.“

 Wir wollen’s gern, HErr JEsu. Denn in der Demütigung ist Deine Gnade groß, und wenn Du uns hier vor der Welt genug gedemütigt und nur verborgen getröstet hast, so wird die Zeit kommen, wo Du Dich in unserer Auferweckung verherrlichen| wirst und uns mit Dir! Denn die Welt wird Dich sehen, daß Du groß bist, und uns, daß wir Dein sind! Dann wird unser Gebeine neu grünen, wie Gras, und ewig nicht mehr im Tode verwelken! Du reichst uns dann unvergängliches Leben, und Deine Herrlichkeit ist unsere Herrlichkeit, und wie die Deine währt für und für, so wird auch die unserige kein Ende nehmen. Wir werden bei Dir sein ewiglich! Getreuer Heiland, gieb, daß wir also beten können in Wahrheit. Wecke uns auf, daß wir leben, denn also in Wahrheit beten können die Toten nicht! HErr JEsu, höre uns, wecke uns, werde herrlich in uns und an uns! Amen.




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