RE:Κυβιστητήρ

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XI,2 (1922), Sp. 2299–2300
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Κυβιστητήρ ist ein Berufstänzer und Akrobat, der sich kopfüber zu überschlagen, den Kopf und Handstand und sonst allerhand Kunststücke auszuführen versteht. Erste Erwähnung bei Homer, wo die Erklärer jedoch schwanken: Il. XVIII 605 = Od. IV 18 δοιὼ δὲ κυβιστητῆρε κατ’ αὐτούς μολπῆς ἐξάρχοντος ἐδίνευον κατὰ μέσσους. Während Ameis–Hentze im Anhang zum 18. Gesang S. 155 von zwei Solotänzern spricht und ἐδίνευον somit vom einfachen Tanz versteht wie Il. XVIII 494, denken andere wie Becker–Göll Charikles I 164 oder Emmanuel De salt. 47 auch hier schon an das Überschlagen. Diese Unsicherheit der Erklärung scheint übrigens bis auf die alten Grammatiker zurückzugeben; vgl. Hesych. s. κυβηστήρ (sic), Suid. s. κυβίστησις. Ein ungelöstes Rätsel gibt auch eine alte panathenäische Amphorai auf, abgeb. bei Salzmann Necrop. de Camiros pl. XXXVII= Daremberg–Saglio Dict. I 1079 Fig. 1329, welche Brauchitsch Panath. Preisamph. 2 zwar nicht für offiziell hält, auf der aber die Andeutung des amphitheatralischen Zuschauerraums den Vorgang doch ins Hippodrom verweist, der also den hippischen Agonen zugezählt werden darf. Von zwei Reitpferden wird das eine von einem nackten Jüngling geritten, während ein anderer, mit Helm, Beinschienen und zwei Schilden ausgestattet, unter den Klängen von Flötenspiel von einem Postament oder Sprungbrett aus auf die Kruppe des zweiten Pferdes gesprungen ist und nun in Schrittstellung mit dem linken Fuß auf dieser, mit dem rechten auf dem Schwanze steht. Eine Inschrift besagt: κάδος τῶι κυβιστειτῶι): (verschrieben für κυβιστητῇ; so richtig Herwerden Lexikon gegen Kretschmer Gr. Vas. 88, der καλῶς τῷ κυβιστῇ τοι lesen möchte. Aber vgl. Poll. X 71 Φιλόχορος δὲ ἐν τῇ Ἀτθίδι παρὰ τοῖς παλαιοῖς φησι τὸν ἀμφορέα καλεῖσθαι κάδον καὶ τὸ ἡμιαμφόριον ἡμικάδιον). Wie immer das letzte Wort herzustellen sein mag, sicherlich ist es identisch mit κ. Also eine Art Kunstreiter, der in Waffenrüstung und – wohl des Gleichgewichts halber – mit zwei Schilden bewehrt auf einem von einem Nebenreiter geleiteten Pferde seine Tänze und Kunststücke aufführte – ein in der gesamten Literatur und Kunst einzig dastehendes Beispiel, das nur an dem ἀποβάτης; (s. d.) eine gewisse Analogie findet. In historischer Zeit hat dann κ. allgemein die Bedeutung Akrobat oder Gaukler. Namentlich wird erzählt, wie derartige Künstler männlichen und weiblichen Geschlechtes bei Gastmählern auftraten und als besonders beliebtes Kunststück Kopfsprünge zwischen Schwertern ausführten, die mit der Spitze nach aufwärts standen, Xen. symp. II 11 μετὰ τοῦτο κύκλος εἰσηνέχθη περίμεστος ξιφῶν ὀρθῶν. εἰς οὖν ταῦτα ἡ ὀρχηστρὶς ἐκυβίστα τε καὶ ἐξεκυβίστα ὑπὲρ αὐτῶν. VII 3. Athen. IV 129 D. Vgl. Plat. Euthyd. 294 E. Aelian. ep. 15. Stob. 29, 75. Letzterer stellt diese halsbrecherischen Übungen mit Seiltanzen und Flugversuchen zusammen. Eine Illustration bietet ein Vasenbild Mus. Borb. VII 58 (wiedergegeben bei Baumeister Denkm. I 585 Abb. 633. Daremberg–Saglio Dict. IV 1045 Fig. 607l). Ein [2300] kompliziertes Kunststück dieser Art wird von Philostr. V. Ap. I 70 Kays. beschrieben, wo ein Knabe ein hohes Salto mortale über einen zugleich in die Höhe geschossenen Pfeil macht ohne getroffen zu werden. Nach Art des Radschlagens läßt Aristophanes in Plat. conv. 190 A seine Doppelwesen sich auf den acht Extremitäten fortbewegen. Unter den Begriff κυβιστᾶν fielen dann, wie es scheint, auch alle orchestischen und Jongleurkunststücke, die im Kopf– oder Handstand ausgeführt wurden: Serv. Aen. X 894 unde et pueri, quos in ludis videmus, ea parte qua cernunt stantes (κυβιστῶντες) cernui vocantur, ut etiam Varro in ludis theatralibus docet. Das älteste Beispiel bietet, freilich ohne eine ausdrückliche Benennung, der sonderbare Kopftanz des Hippokleides zur Zeit des Tyrannen Kleisthenes von Sikyon bei Herod. VI 129 τὸ τρίτον δὲ τὴν κεφαλὴν ἐρείσας ἐπὶ τὴν τράπεζαν τοῖσι σκέλεσι ἐχειρονόμησε. Im übrigen sind wir auf eine Reihe von Vasenbildern und Bronzefigürchen angewiesen, die solche Künstler oder Künstlerinnen im einfachen Handstand darstellen oder vergegenwärtigen, wie sie in dieser Stellung mit den über den Kopf erhobenen Füßen Pfeile abschießen oder aus einem Mischkrug in ein kleineres Gefäß mit der Schöpfkelle Wein schöpfen: Inghirami Vasi Etr. I 87, 5; Bullet. Napolit. V pl. VI. Stephani Compte rendu 1863 pl. II 10. Danach Krause Gymn. u. Agon. Taf. XXII Fig. 90. XXIII 89. XXIV 94. Baumeister Denkm. I 585. Emmanuel Essai 277. Von diesen eigentlichen Verwendungen des Wortes κ. abgesehen, ist es dann noch auf andere körperliche Leistungen übertragen worden. So auf den Schwimmer, der mit Kopfsprung ins Wasser taucht: Etym. M. κ. ὁ κολυμβητής. Eustath. Il. 1083, 60 κ. δὲ ὁ ἐπὶ κύμβην, ὅ ἐστι κεφαλήν, ὑπὸ τῷ ὕδατι γενόμενος. Ferner aber findet das Verbum κυβιστᾶν Anwendung beim Ringkampf und Pankration, insbesondere beim Wälzringen: Phil. Gymn. 50 πάλη μὲν καὶ παγκράτιον ὀρθοὶ μὲν καὶ οἵδε, ἀλλὰ ἀνάγκη κυλίεσθαι. κυλίεσθων μὲν, ἀλλ’ ἐπικείμενοι μᾶλλον ἢ ὐποκείμενοι καὶ μηδαμῆ περικυβιστῶντες, ὡς μὴ ἀνιῷτό τινι ἕλκει τὸ σῶμα. Luc. Anach. 16 αἱ συνεχεῖς ἐν τῷ πηλῷ κυβιστήσεις. Gemeint sind jene Formen des Wälzkampfes (κύλισις, s. d.), wobei man sich im Augenblick der Gefahr auf dem Kopf stehend überschlägt, insbesondere die sog. Pirouette: Phil. Gymn. 36 πολλὰ τῶν ἀπόρ[ν τε καὶ δυσπαλαίστ[ν διαφεύγουσιν ἐπιστηριζόμενοι τῇ κεφαλῇ καθάπερ βάσει. Dazu Jüthner Komm. 259. Darstellungen Krause Gymn. Taf. XII b Fig. 35 b. 39b und c, Hartwig Meisterschal. Taf. XVI (= Gardiner Athl. sports 385), Taf. LXIV (= Journ. hell. Stud. XXVI 9 = Gardiner 437). Gardiner 384.

Literatur: Paciaudi De athletarum κυβιστήσει in palaestra gr.‚ Rom 1756. Krause Gymn. u. Agon. 845, 2. Stephani Compte rendu 1876, 100f. Becker–Göll Charikles I 164f. Saglio in Daremberg-Saglio I 1078ff. Séchan ebd. IV 1045. Emmanuel De saltat. discipl. 47; Essai sur l’orchestique gr. 276f. Vgl. Blümner S. Ber. Akad. Münch. 1919. VI 9.