RE:Agamemnon

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 721729
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Agamemnon (Ἀγαμέμνων: die antike Etymologie [Plat. Kratyl. p. 395 A] ἀγαθὸς κατὰ τὴν ἐπιμονήν trifft ziemlich das richtige, vgl. Pott Philol. Suppl. II 322ff.). Wahrscheinlich ursprünglich eine an verschiedenen Orten des Peloponnes und Boeotiens verehrte Gottheit, die man in späterer Zeit mit Zeus identificierte (Lykophr. 335. 1123ff. 1369ff. und Tzetzes dazu. Staphyl. b. Clem. Alex. protr. II 38; rationalistischer Erklärungsversuch Eustath. p. 168, 11 [Il. II 25]); vielleicht ein chthonischer Gott wie Zeus Trephonios und Zeus Amphiaraos, – sein Grab zeigte man in Amyklai (Paus. III 19, 6) und Mykenai (Paus. II 16, 6; vgl. [Aristot.] Pepl. 1. 2, Rose Aristot. pseudepigr. 569); in der Gegend von Klazomenai und Smyrna hatte er bei heissen Quellen einen Kult (Paus. IX 40, 11. Philostr. Her. p. 160, 22 Kays.; vgl. auch die Ἀγαμεμνόνεια φρέατα, s. u.). Jedenfalls ist [722] er auch ursprünglich verwandt mit achaeischen Gottheiten wie Menelaos (s. d.) und Helene (s. d.), die in Therapne und Sparta Feste und Heiligtümer besassen (Welcker Gr. Götterl. III 254. Ross Arch. Aufs. II 341ff.), wohl auch mit dem von Herodot VI 56 (vgl. dazu Valckenaer) erwähnten Zeus Lakedaimon. Auf ein hohes Alter des Kultes deutet auch die Art seiner Verehrung in Chaironeia, wo man ihn in der Gestalt eines hölzernen Stabes (δόρυ) verehrte; so scheint wenigstens die Nachricht des Pausanias (IX 40, 11) zu verstehen zu sein; altertümlich war auch der Brauch, dass der jedesmalige Priester dies formlose Idol, dem man täglich Speiseopfer brachte, in seinem Hause aufbewahren musste. In historischer Zeit, wo man in einem solchen Stabe nicht mehr den Gott selbst sah, identificierte man jenen mit dem aus Il. II 100ff. bekannten Scepter des A., vgl. Schreiber Arch. Ztg. XLI 289. Den Kult in Amyklai nahmen nach der Wanderung die Dorer für sich in Anspruch (Herodot VII 159) und wussten sogar den Schauplatz der homerischen Sage dorthin zu verlegen (s. u.). Der Kult der Atriden und anderer Heroengeschlechter in Tarent (Ps.-Aristot. π. θαυμ. ἀκουσμ. 106) hat mit dem Zeus A. nichts zu thun; er knüpft lediglich an die homerische Dichtung an.

In dieser erscheint A. als Sohn des Pelopiden Atreus, Bruder des Menelaos und Gemahl der Klytaimestra (über die Form dieses Namens vgl. Robert Homer. Becher 52; etwas anders v. Wilamowitz Comm. Gramm. IV [Ind. Gryph. 1889–90] 11); seine Kinder sind Chrysothemis, Laodike, Iphianassa und Orestes. Er ist König von Mykenai und besitzt nach regelrechter Erbfolge das Scepter des Pelops (Il. II 100ff., vgl. Eustath. dazu); seine Macht reicht über einen grossen Teil des Peloponnes (Il. II 108. 569ff. Thuk. I 9. Bethe Theban. Heldenlieder 186); als Oberfeldherr der gegen Troia verbündeten Achaeer stellt er die meisten Schiffe, hundert an der Zahl, und giebt den seeunkundigen Arkadern noch sechzig (Il. II 576. 612). Sein Aussehen wird als königlich und gewaltig geschildert (Il. II 478ff. III 167ff.); er ist besonders im Speerwurf ausgezeichnet (Il. III 179. XXIII 891). In seiner ἀριστεία (Il. XI) zeigt er sich als einen tapferen Krieger; die beliebte Frage Achivi qui quot occiderint wusste man später für ihn mit der Zahl sechzehn zu beantworten (Hygin. fab. 114). Er wirbt die achaeischen Fürsten zum Teil persönlich zum Kriege (Il. XXIII 296ff. Od. XXIV 115ff., vgl. Paus. I 43, 1. Hygin. fab. 95. Apollod. Exc. Vat. 13; Fragm. Sabb. f. 115b [Rh. Mus. XLVI 167, 3ff.]. Tzetz. Lyk. 276), befragt das Orakel des Apollon (Od. VIII 77ff. mit Schol.) und fährt nach einem glücklichen Wahrzeichen (Il. II 300ff.; vgl. 112. 286f.) von dem Versammlungsort Aulis ab. Das Opfer der Iphigeneia ist der homerischen Dichtung noch unbekannt. Im zehnten Jahre des Krieges erbeutet A. die Tochter des Apollonpriesters Chryses (bei Späteren Astynome genannt, Dictys II 17 etc. Eustath. Il. III 58) und verweigert die Rückgabe gegen Lösegeld. Chryses fleht zu Apollon um Rache, dieser sendet Pest in das Lager der Achaeer; nun giebt A. in einer von Achilleus berufenen [723] Volksversammlung nach, verlangt aber dafür Briseis, die Sclavin des Achilleus (von Späteren Hippodameia genannt, Dictys II 33). Darüber entbrennt Streit, A. lässt Briseis durch Talthybios und Eurybates holen; Achilleus zieht sich grollend zurück (Il. I). Nach einem ermutigenden Traum mustert A. sein Heer; da der Zweikampf des Menelaos und Paris keine Entscheidung bringt, führt A. die Achaeer zur Schlacht. Der unglückliche Ausfall derselben veranlasst ihn, durch eine Gesandtschaft dem Achilleus Versöhnung anzubieten (Il. IX); als auch dies vergeblich ist, folgt ein neuer Kampf, in dem A. trotz persönlicher Tapferkeit das Vordringen der Troer nicht hindern kann. In einem Augenblick der Mutlosigkeit rät er zur Flucht (Il. XIV 75), kehrt aber von Diomedes gescholten zur Schlacht zurück. Weiteres Vordringen der Troer. Die Gefahr für die achaeischen Schiffe veranlasst die Teilnahme des Patroklos am Kampfe, dessen Tod die Aussöhnung des A. mit Achilleus, der von ihm die schon versprochenen Geschenke annimmt (Il. XIX 55–150).

Die weiteren Schicksale des A. erzählt die Odyssee. Nach Troias Fall erhebt sich Streit wegen der Abfahrt. Einige fahren ab; A. bleibt mit Anderen, um den Zorn der Athene (wegen Kassandra?) zu versöhnen (III 136ff.). Wie er schon fast daheim ist, verschlägt ihn beim Cap Malea ein Sturm ἀγροῦ ἐπ’ ἐσχατίην, wo Aigisthos im Hause seines Vaters Thyestes wohnt (IV 514ff.). Während die Helden vor Troia kämpften, hatte der feige Aigisthos ruhig in Mykenai (μυχῷ Ἄργεος ἱπποβότοιο) gesessen und versucht, obgleich von den Göttern gewarnt (I 35ff.), das Weib des A. zu bethören. Sie widerstand zuerst der Verführung (φρεσὶ γὰρ κέχρητ’ ἀγαθῇσιν), aber endlich verstrickte sie die μοῖρα θεῶν, Aigisthos brachte den ihr als Hüter beigegebenen Sänger auf eine wüste Insel und führte Klytaimestra ἐθέλων ἐθέλουσαν in sein Haus (III 262ff.). Als nun der Sturm sich legt, und A. freudig den Boden der Heimat betritt, meldet es der Späher, den Aigisthos auf eine Warte gesetzt hat, seinem Herrn; Aigisthos ladet den A. zu Gaste und lässt ihn beim Mahle mit seinen Gefährten durch eine Schar von zwanzig handfesten Männern ermorden, als ὥς τίς τε κατέκτανε βοῦν ἐπὶ φάτνῃ (IV 519ff.). Sieben Jahre herrscht Aigisthos, dann ereilt ihn die gerechte Rache des Orestes (III 305ff.). Diese That des Orestes wird wiederholt als rühmlich gepriesen (I 298. III 198); daraus folgt, dass die Odyssee von dem Muttermorde noch nichts weiss. Auch erscheint Aigisthos durchaus als der Hauptschuldige, während Klytaimestra nur das verführte Weib, nicht die Mörderin des Gatten ist. Erst in der Nekyia (XI 421ff.), also einem der spätesten Teile der Dichtung, beteiligt sie sich am Morde, indem sie Kassandra erschlägt; als frevelhaft wird noch hervorgehoben, dass sie den sterbenden Gatten verlässt, ohne ihm die Augen zuzudrücken und den Mund zu schliessen; auch hier ist von Gattenmord nicht die Rede. Und wenn Orestes, nachdem er Aigisthos erschlagen, die Leichenfeier für Aigisthos und seine Mutter feiert (III 309f.), so kann man nur annehmen, dass sie sich selbst getötet hat (Robert Bild [724] und Lied 162; anders urteilt Seeliger Die Überlieferung d. griech. Heldensage b. Stesichoros. Progr. Meissen 1886 S. 18).

Von den nachhomerischen Epen lassen besonders die Kyprien und die Nosten die Gestalt des A. hervortreten. Neu ist in den Kyprien (Prokl. p. 19f. Kinkel) der vergebliche Zug gegen Mysien und die Heilung des Telephos im Hause des A. (auf die Angabe des Proklos, der hier Argos nennt, ist kein Verlass). Dadurch ward Aulis zum zweiten Sammelplatz des Heeres; es folgt die neue Episode vom Opfer der Iphigeneia (genaueres über die verschiedenen Versionen des Opfers und die wechselnden Namen der Töchter des A. s. u. Iphigeneia). Der Streit mit Achilleus wird in einem Streit auf Lemnos vorgebildet, und der in der Spätzeit mit besonderem Behagen ausgesponnene (vgl. Philostr. Her. p. 176ff. Kays. Apollod. Exc. Vatic. 14. Schol. Eur. Or. 432. Dictys II 15. 29) Gegensatz zu Palamedes wird erzählt. Die Nosten (Prokl. p. 53 Kinkel) scheinen Heimkehr und Tod des A. im wesentlichen übereinstimmend mit der Odyssee erzählt zu haben. Von Neuerungen kennen wir nur den Schatten des Achilleus, der dem A. vor der Abfahrt von Troia warnend erscheint. Die Kassandraepisode bei Troias Zerstörung wird ja schon von der Odyssee vorausgesetzt. Ob Pylades wirklich schon in den Nosten vorkam, könnte man trotz Proklos bezweifeln; ebenso, ob von den Kindern der Kassandra und des A., Teledamos und Pelops (Paus. II 16, 6, vgl. Stiehle Philol. VIII 74f.) die Rede war.

Mit der hesiodischen Epik beginnt eine einschneidende Umgestaltung der Sage. Aus dem veränderten Bilde des Pelopidenhauses und seiner Schicksale, die nun als eine Verkettung von Gräueln erscheinen, blickt unverkennbar die tendenziöse Erfindung der Dorer hervor, die inzwischen von dem Peloponnes Besitz ergriffen haben (Robert Bild und Lied 187ff.). Auf dieselbe Quelle geht die eingeschobene Figur des Pleisthenes zurück, der nun als Sohn des Atreus und der Aerope, Gemahl der Kleolla und Vater des A. erscheint (Tzetz. Il. 68, 20; andere Gruppierungen derselben Namen Apollod. III 2, 2, 2. Schol. Eur. Or. 4); auch Anaxibia, die Schwester des A., als Gemahlin des Strophios, Mutter des Pylades, begegnet hier zum ersten Mal. Die Untreue der Klytaimestra wird hier durch den Zorn der Aphrodite gegen die Töchter des Tyndareos motiviert, – vielleicht, weil sie sich ihrer Schönheit gerühmt hatten (Schol. Eur. Or. 249. Seeliger S. 4).

Mit Benutzung des Hesiodos hat dann, wie es scheint, Stesichoros (sein angebliches Vorbild Xanthos hat Robert Bild und Lied 173 beseitigt) der Sage ein neues Gepräge gegeben. Er verlegt (unter dorischem Einfluss) die Sage nach Lakedaemon (Schol. Eur. Or. 46, nach dem sie bei Simonides ebenfalls dort spielte; Pindar Pyth. XI 32; Nem. XI 34 nennt dafür Amyklai) und entnimmt aus Hesiodos die Einführung des Pleisthenes (Robert a. a. O. 190) und den Zorn der Aphrodite, der hier durch ein von Tyndareos vergessenes Opfer motiviert wird (Schol. Eur. Or. 249). Klytaimestra tritt von nun an als die Hauptschuldige und Mörderin ihres Gatten in [725] den Vordergrund; wahrscheinlich verwandte bereits Stesichoros als Motiv der blutigen That das Opfer der Iphigeneia (eine Anspielung darauf bei Pindar Pyth. XI 22f.). Mit dieser veränderten Rolle der Klytaimestra hängt auch notwendig die Änderung zusammen, dass die Ermordung des A. beim Bade stattfindet; ein unentwirrbares Netz (Aisch. Ag. 1115) oder ein Gewand ohne Halsöffnung und Ärmel (Eur. Or. 25 mit Schol.) wirft ihm die Listige über und erschlägt ihn dann mit einem Beil, indem sie ihm eine Kopfwunde beibringt (Robert 171ff.). Auch Kassandra wird getötet; den kleinen Orestes entreisst die Amme Laodameia (Schol. Aisch. Choeph. 733; bei Pind. Pyth. XI 17 heisst sie Arsinoe; ihr eigener Sohn dafür von Aigisthos getötet, Pherekyd. fr. 96, wohl aus Stesichoros) den Händen der Mutter und übergiebt ihn dem treuen Talthybios, der den Knaben zu dem am Fusse des Parnass hausenden Oheim Strophios bringt. Damit ist die schon bei Hesiodos angebahnte Verbindung mit Apollon vollzogen (nach einer, wohl älteren, Version – vielleicht der Nosten – wird Orestes von Talthybios nach Korinth gerettet, Dict. VI 2). Da Apollon dem Orestes einen goldenen Bogen als Schutz gegen die Erinyen schenkte (fr. 40), kam auch der Muttermord bei Stesichoros vor, und zwar von Apollon geboten (s. Klytaimestra, Orestes). Ferner war auch der Traum der Klytaimestra (fr. 42) und die Erkennung der Geschwister am Grabe (herbeigeführt durch die Amme und Talthybios, Robert 167) erzählt.

In der Tragödie schliesst sich Aischylos in den Hauptzügen an die Lyrik an. Als Ort der Handlung nennt er Argos (Ag. 24. 503. 810 etc.; Mykenai war bereits zerstört); Klytaimestra, die den Mord vollführt, lässt er zur Rechtfertigung alle bei Früheren einzeln genannten Gründe anführen: Iphigeneias Opferung (1415ff.), die Buhlschaften mit Chryseis und Kassandra (1437ff.), auch den Alastor (s. d.) des Atridenhauses (1500ff.). Auch Aigisthos, der hier bereits im Hause des A. wohnt, weiss ein Motiv zur That anzugeben: er hat seinen Vater Thyestes gerächt (1578ff.). Mit drei Schlägen ist A. getötet, wie ein Fisch im Netze verstrickt (1380ff.); um die Rache des Toten zu vereiteln, ist der μασχαλισμός an ihm vorgenommen (Choeph. 439, vgl. Rohde Psyche 253, 1). Orestes ist bereits vorher bei Strophios untergebracht (Agam. 877ff.), daher tritt Talthybios nur als κῆρυξ auf (Robert 166); auch die Amme wird anders verwandt als bei Stesichoros. Dagegen schliesst sich Aischylos in der Scene am Grabe des A. und ihrer Motivierung durch den Traum der Klytaimestra und das Totenopfer an Stesichoros an; neu und nicht sehr glücklich erfunden (vgl. die von Euripides daran geübte Kritik) ist die Erkennung durch Fussspur und Haarlocke. Strophios ist nur ein δορύξενος (880), von einer Verschwägerung mit A. ist hier nicht die Rede. Sophokles knüpft wieder mehr an die epische Tradition an; ihr entlehnt er die Namen Chrysothemis und Iphianassa; die Handlung spielt wieder in Mykenai; anderes wird der lyrischen Umbildung entnommen, so die Kopfwunde (El. 98f.), die Figur des Talthybios, der hier als [726] Paidagog erscheint, die Scene am Grabe und ihre Veranlassung, der Traum der Klytaimestra. Freilich erscheint dies alles etwas anders gestaltet (der Traum nach dem Vorbild des Traumes der Mandane bei Herodot, mit Verwendung des aus der Ilias bekannten Scepters; die Erkennung der Geschwister nicht mehr am Grabe). Das wichtigste in der sophokleischen Bearbeitung ist die Ausgestaltung und Vertiefung der Figur der Elektra; sie hat den Orestes gerettet und dem alten Diener übergeben, sie brütet Rache und ist die Seele der blutigen Sühne; die bei Aischylos von Klytaimestra zur Rechtfertigung des Gattenmordes angeführten Gründe werden in erregter Wechselrede widerlegt. Den Streit mit Achilleus hatte Sophokles in den Σύνδειπνοι behandelt, die Erscheinung des Achilleus vor der Heimfahrt in der Polyxena. Euripides nennt als Residenz der Atriden bald Mykenai bald Argos. Er hatte die Geschicke des Atridenhauses in mehreren Tragödien behandelt; die ältere Generation im Pleisthenes (Hygin. fab. 86), den Kreterinnen (Schol. Soph. Ai. 1297. Apollod. III 2, 2), Thyestes (Schol. Ar. Ach. 433); die Geschichte des A. im Telephos (Hygin. fab. 101), Palamedes (Hyg. fab. 105), der aulischen Iphigeneia und Hekabe; die dritte Generation in Elektra, Orestes, taurischer Iphigeneia. Er fusste im wesentlichen auf Stesichoros; auch bei ihm rettet (als Paidagog verwandt) Talthybios den kleinen Orestes (El. 16); die Leiche Kassandras bleibt unbegraben liegen (Tro. 448ff.). Ein neues Motiv der Klytaimestra zur That erscheint zum ersten Mal: A. hatte ihren Jugendgemahl Tantalos, einen Sohn des Thyestes (auch Aigisthos selbst gelegentlich ihr Jugendgemahl genannt, Schol. Lyk. 183), ermordet und sie zur Heirat gezwungen (Iph. A. 1148ff.; vgl. Paus. II 18, 2. Apollod. Fr. Sabb. f. 115a [Rh. Mus. N. F. XLVI 166, 10ff.]). Auf spätere dramatische Behandlungen der Atridensage gehen Hygin. fab. 88 (Tzetz. Chil. I 452ff.) sowie der Dulorestes des Pacuvius (vgl. Robert 184) zurück.

Sonst bemerkenswert: Versammlung der Achaeerführer durch A. vor dem Zuge gegen Troia, Localsage von Aigion (Paus. VII 24, 2); A. mit dem Palladion nach Attika verschlagen und des Idols von Demophon beraubt (Kleitodem fr. 12); die Liebe zum schönen Argynnos, späte Erfindung (vgl. Preller Rh. Mus. IV 404), Prop. III 7, 21f. Plut. Gryll. 7. Athen. XIII 603d. Clem. Alex. protr. II 38 (p. 32P). Kämpfe des A. gegen Sekyon, Paus. II 6, 7.

Häufig wird die bekannte Sagengestalt des A. als Beispiel königlicher Macht und Würde gebraucht: als Bezeichnung des Pompeius (Cass. Dio XLII 5, 5. Appian b. c. II 67), im Pluralis (Ael. V. H. II 11); allegorisches Beiwort des Äthers bei Metrodoros (Hesych. s. Ἀγαμέμνονα); Ἀγαμεμνόνειος spöttische Bezeichnung des Menedemos (Laert. Diog. II 131); Agesilaos ahmt das Opfer des A. in Aulis nach (Paus. III 9, 3).

Sprichwörter, die an A. anknüpfen: Ἀγαμεμνόνειος δαὶς (nach Od. IV 531ff.) ἐπὶ τῶν ἐπ’ ὀλέθρῳ εὐωχουμένων (Eustath. p. 1507, 61ff.); Ἀγαμέμνονος θυσία (Zenob. I 13. Diog. I 6) ἐπὶ τῶν δυσπειθῶν καὶ σκληρῶν, wohl weil A. sich [727] gegen das Opfer der Iphigeneia sträubte (die Paroimiographen erklären, weil ihm der Opferstier entfloh); Ἀγαμεμνόνεια φρέατα (Hesych. s. v. Zenob. I 6. Apostol. I 33. Eustath. p. 461, 14ff. [Il. IV 171]), ἐπὶ τῶν μεγάλων ἔργων· ἱστοροῦσι γὰρ τὸν Ἀγαμέμνονα περὶ τὴν Αὐλίδα καὶ πολλαχοῦ τῆς Ἑλλάδος φρέατα ὀρύξαι (nach Anderen hatte er den Euripus gegraben, Philostr. Nero p. 221, 2ff. Kays.); ἀντ’ εὐεργεσίας Ἀγαμέμνονα δῆσαν Ἀχαιοί (Harpokr. s. Ἑρμαῖ. Zenob. II 11. Diog. I 99. Liban. ep. 194), ἐπὶ τῶν ἀχαρίστων; vgl. Welcker Ep. Cycl. II 295. In späterer Zeit kommt A. auch als Personenname vor (Diod. XXXVII 26. CIG 1519. Phot. bibl. 127b 27).

Darstellungen: Im Zusammenhang troischer Scenen auf den Tabulae Iliacae (O. Jahn Griech. Bilderchroniken). Thronend, hinter ihm sein Herold Talthybios und sein Diener Epeios, hochaltertümliches Relief von einer Armlehne (vgl. Petersen Röm. Mitt. VII 32ff.) aus Samothrake im Louvre (Clarac II 116, 238. Friederichs-Wolters nr. 34); die Deutung der sf. Amphora Brit. Mus. 577 (= Cat. étr. 138) auf dieselben Personen ist unsicher. Epeios, im Epos als achaeischer Held auftretend, erscheint seit Stesichoros (fr. 18) als Diener und Wasserträger der Atriden; als solcher war er gemalt im Apollontempel zu Karthaia (Athen. X 456f.); im Auftrag des dabeisitzenden A. verfertigt er das hölzerne Pferd, rf. Schale (Gerhard Auserl. Vasenb. 229–230, 1); reisst die Mauer Troias ein in Polygnots Iliupersis (Paus. X 26, 2), vgl. Epeios. Zusammenstellung der Atriden mit der Familie des Tyndareos an der Basis der Nemesis des Agorakritos zu Rhamnus (Paus. I 33, 8); mit troischen Helden: rf. Kantharos des Epigenes Wiener Vorlegebl. B 9, Ciste Mon. d. Inst. IX 22, etruskischer Spiegel Gerhard 181 (auf der altkorinthischen Vase Müller-Wieseler DaK I 18 findet sich der Name des A. in einer willkürlichen Zusammenstellung von Heldennamen).

In mythologischen Scenen: Bei Achilleus Abholung von Skyros, auf römischen Sarkophagen (Robert Die antiken Sarkoph.-Reliefs II 22). Beim Opfer der Iphigeneia (s. d.): Gemälde des Timanthes (Plin. n. h. XXXV 73); Reliefs an einem Terracotta-Becher (Robert Homer. Becher 51), am Altar des Kleomenes in Florenz Wiener Vorlegebl. V 9 (die auf derselben Tafel abgebildete mediceische Marmorvase hat nur der Ergänzer zum Iphigeneiaopfer zu machen versucht, vgl. Friederichs-Wolters nr. 2113); etruskische Aschenkisten Wiener Vorlegbl. V 10, 2–5; Mosaik ebenda V 10, 1. Den Telephos bedrohend (vgl. Jahn Arch. Aufs. 160ff.): (ältere Version) rf. Pelike Jahn Arch. Aufs. Tf. I; (euripideische Version, vgl. Jahn Telephos und Troilos und kein Ende 4ff.) rf. unteritalische Vase Arch. Ztg. (Denkm. u. Forsch.) IX Tf. 106, Relief eines silbernen Trinkhorns der Ermitage ebenda Tf. 107, etruskische Aschenkisten Brunn Urne Etr. 90ff., variiert am pergamenischen Altar (Robert Arch. Jahrb. II 245ff.); bei Heilung des Telephos, etruskischer Spiegel Gerhard 229, Aschenkiste Arch. Ztg. V (1847) Tf. 8, am pergamenischen Altar (Arch. Jahrb. II 251). Bei Philoktets Verwundung, rf. Stamnos Mon. d. Inst. VI 8. Jahn Arch. Beitr. 399. Die Episode [728] mit Chryses kommt nur auf den Tabulae Iliacae (s. o.) vor (das Relief in Cambridge, Overbeck Her. Gall. XVI 11, ist modern). Streit mit Achilleus: vielleicht auf einer späten sf. Lekythos (Millin Vas. peints I 66; frühere Deutungen s. Reinach Bibl. des mon. fig. II 39); Wandgemälde Helbig 1306. 1307; Tabula Iliaca (s. o.). Bei der Wegführung der Briseis, auf rf. Vasen: Kotyle des Hieron Wiener Vorlegebl. C 6 (A. führt sie selbst fort, – Weiterbildung der Drohung Il. I 184, vgl. Robert Bild und Lied 96), Krater in Wien Wiener Vorlegebl. 1890–91 IX (die Gravierung eines Bronzegefässes Mon. d. Inst. VI 48 ist vielmehr auf Orpheus zu deuten). Unter den um den Zweikampf mit Hektor losenden Achaeerhelden in der Gruppe des Onatas zu Olympia (Paus. V 25, 9) war A. allein inschriftlich bezeichnet. Odysseus führt die erbeuteten Rosse des Rhesos dem A. vor auf der Dolonschale des Euphronios (Arch. Ztg. XL 47). Der Kampf mit Koon (nach Il. XI 221ff.) war auf dem Kypseloskasten dargestellt (Paus. V 19, 4). Die Rückgabe der Briseis vielleicht auf rf. Schale Brit. Mus. 831 (Gerhard Trinksch. u. Gef. E F) und rf. Amphora in Lecce (Bull. d. Inst. 1881, 191, vgl. Jatta Museo di Lecce 6f.). Am Grabe des Patroklos, rf. Vasenbild, Mon. d. Inst. IX 32. 33; bemalter Sarkophag aus Corneto, Bull. d. Inst. 1877, 101; Wandgemälde aus Vulci, Mon. d. Inst. VI 31. A. schlichtet den Streit um Achilleus Waffen: Vasenbilder, vgl. Robert Bild u. Lied 213ff., Relief Pacca in Rom Mon. d. Inst. II 21 (Matz-Duhn 3959); Duris stellt auf einer rf. Schale (Wiener Vorlegebl. VI 1) dem Waffenstreit die Abstimmung der Achaeer gegenüber, worin ihm ein anderer Vasenmaler, wahrscheinlich Brygos, folgt (a. a. O. VI 2). Aus dem Typus des Waffenstreits entwickelt Hieron (Wiener Vorlegebl. A 8) eine neue Scene: A. verhindert durch sein Dazwischentreten einen Kampf zwischen Odysseus und Diomedes, von denen jeder ein Palladion im Arme hält. A. empfängt das Palladion, etruskischer Spiegel aus Orvieto, Bull. d. Inst. 1878, 42. In der Iliupersis des Polygnot war A. dargestellt, den Schwur des Aias entgegennehmend (Paus. X 26, 3). Bei der Opferung der Polyxena, Reliefbecher, abgebildet Robert Homer. Becher 73 (ob A. auf der gleichen Scene eines Gemäldes der Pinakothek [Paus. I 22, 6] anwesend war, ist ungewiss). Bei Hekabe und Polymestor, rf. Amphora Mon. d. Inst. II 12. Ermordung des A. auf etruskischen Aschenkisten, Brunn Urne Etr. 74ff. 85, 4 (zu erwähnen hier auch die rf. Schale Berlin 2301, abgebildet Arch. Ztg. 1854 Tf. 66, 2; vgl. Robert Bild u. Lied 178: Klytaimestra eilt mit geschwungenem Beil auf die Thür des Badegemachs zu, in dem A. weilend zu denken ist; der rf. Krater Petersburg 812 = Millin Vas. peints I 58 ist nicht hierher zu beziehen). In der Unterwelt, Nekyiabild des Polygnotos (Paus. X 30, 3). Erkennung zwischen Elektra und Orestes am Grabe des A., melisches Terracotta-Relief Mon. d. Inst. VI 57 (die Echtheit der Inschriften zweier hierher bezogener Vasen, Neapel 1755 [Millingen Anc. uned. mon. 14]. Gargiulo Racc. 106 [= Inghirami Vas. fitt. II 140] ist sehr zweifelhaft); der Schatten des A. in der Grabesthür auf Sarkophagen, wahrscheinlich [729] nach einem Gemälde des Theon von Samos (Robert Bild u. Lied 177f.), Ant. Sark.-Reliefs II 165.

Anmerkungen (Wikisource)