RE:Aigina 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 964968
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Aigina (ἡ Αἴγινα). 1) Insel im saronischen Meerbusen, mitten zwischen der Ostküste von Argolis und der Westküste von Attika, ca. 85,4 qkm. gross, ein von Bergen erfülltes Dreieck mit der Spitze, zugleich dem höchsten Punkt (534 m., jetzt Oros), nach Süden. Eine grössere, aber wenig fruchtbare Strandebene findet sich nur an der Nordwestküste, wo hart am Meere, fast ganz an der Stelle der jetzigen Stadt, die mit der Insel selbst gleichnamige Hauptstadt lag mit einem sicheren Kriegs- und Handelshafen. Strab. VIII 375. Unter den Trümmern derselben ist das Interessanteste die Ruine eines dorischen Tempels, von welchem jetzt noch eine dorische Säule aufrecht steht (früher zwei, s. Altertümer von Ionien Cap. VI Taf. 1. Exped. scientif. de Morée III pl. 38f. Klenze Aphorist. Bemerk. 159ff. Taf. I 1), vielleicht des von Paus. II 29, 6 erwähnten Tempels der Aphrodite. Ausser diesem erwähnt Pausanias (c. 30, 1) eine Gruppe von drei Tempeln, des Apollon (vgl. CIG 2140 Z. 35), der Artemis und des Dionysos, sowie einen Tempel der von den Aigineten besonders hochverehrten Hekate, welcher alljährlich ein Fest mit mystischen Ceremonien gefeiert wurde (vgl. Lukian. navig. 15); ferner am ansehnlichsten Platze der Stadt das Aiakeion (s. d.), und daneben das auf einem runden Unterbau ruhende Grabmal des Phokos, Sohnes des Aiakos, und in der Nähe eines Nebenhafens, des sogenannten κρυπτὸς λιμήν, das ansehnliche Theater, dessen Stützmauer zugleich als Unterbau für die Sitze an der einen [965] Langseite des Stadions diente (c. 29, 9ff.). Auch ein Tempel der Demeter Thesmophoros stand in der Stadt selbst oder in der unmittelbaren Nähe derselben. Herod. VI 91. Südwärts der Stadt, auf einer Terrasse unter dem Oros, dem antiken Panhellenion, lag, von einem Haine umgeben, ein Heiligtum der Ἀφαία (s. d.). Paus. II 30, 3. Anton. Lib. 40; vgl. Roehl IGA 352. 354. Auf dem Gipfel des Berges stand ein alter Altar des Zeus Hellanios oder Panhellenios (Paus. II 30, 4. Pind. Nem. V 10. Theophr. de signis pl. Τ 24), dessen Stiftung auf Aiakos selbst zurückgeführt wurde. Eine Stunde östlich von der alten Stadt, in deren Umgebung sich noch zahlreiche, in den felsigen Boden brunnenartig eingesenkte Gräber vorfinden (vgl. Ross Archaeol. Aufs. I 45f.), lag eine Ortschaft Oie, in welcher ein Heiligtum der Damia und Auxesis, deren aus Ölbaumholz gefertigte Kultbilder die Aigineten aus Epidauros geraubt hatten, sich befand, in welchem man diese Gottheiten mit Opfern und Reihetänzen, wobei Spottlieder auf die aiginetischen Frauen von diesen selbst gesungen wurden, verehrte. Herod. V 83. Im Mittelalter hat man aus Furcht vor Seeräubern die Hauptstadt von der Küste weg an diesen Platz verlegt, deren verlassene Häuser noch jetzt unter dem Namen Palaeochora stehen. Etwas über eine Stunde östlich von hier liegt auf dem Gipfel eines 190 m. hohen Berges, gerade oberhalb des Hafens der Ostküste und nahe der Nordostecke der Insel, die herrliche Ruine eines dorischen Tempels, der nach den Sculpturen der Giebelfelder, sowie nach einer in der Nähe entdeckten Inschrift (vgl. Ross Archaeol. Aufs. I 241ff.) der Athene (vgl. Herod. ΙII 59) geweiht war. Derselbe ist aus gelblichem Kalktuff (nur das Dach aus Marmor), welcher durchgängig bemalt war, errichtet, hatte sechs Säulen auf den Schmalseiten und zwölf Säulen auf den Langseiten; eine doppelte Reihe von fünf kleineren Säulen im Innern der Cella trug das Dach; vgl. Altert. von Ionien Cap. VI Taf. 2–8. Exped. scientif. de Morée ΙII pl. 47ff. Nicht mit Sicherheit zu bestimmen ist die Lage des Τριπυργία genannten Platzes, welcher drei Viertelstunden von einem Heiligtume des Herakles entfernt war (Xen. hell. V 1, 10); doch sind beide wahrscheinlich an der Nord- oder Nordostküste zu suchen.

Der Ruhm, welchen A. durch seinen Handel, Gewerbefleiss und seine Seemacht in der Zeit der Blüte Griechenlands genoss, hat auch die graue Vorzeit der Insel mit reichem mythischem Glanze verherrlicht. Zeus selbst, erzählt die Sage, hatte die eponyme Heroine, Aigina, die Tochter des Flussgottes Asopos, nach der damals noch menschenleeren, Oinone oder Oinopia genannten, Insel gebracht, wo sie dann den Aiakos, den späteren Herrscher der nach ihr Aigina benannten Insel, geboren, welchem Zeus Menschen aus Ameisen (μύρμηκες) als Unterthanen erschaffen habe (Pind. Isth. VII 18ff. Apollod. III 12, 6), eine Sage, aus welcher wir schliessen dürfen, dass der achaeische Volksstamm der Myrmidonen (welche durch etymologische Spielerei von μύρμηκες hergeleitet werden) die älteste Bevölkerung der Insel bildete; von ihnen stammt der Kult des Ζεὺς Ἑλλάνιος oder Πανελλήνιος, welchen [966] letzteren Beinamen man durch die Sage zu erklären suchte, dass zu Folge einer allgemeinen Dürre Gesandte aller griechischen Staaten zu Aiakos, dem Frömmsten der Menschen, gekommen seien, damit er in ihrer aller Namen zu Zeus um Regen bete, ein Gebet, welches sogleich Erhörung fand. Apollod. a. a. O. Diod. IV 61. Isokr. IX 5. Schon in den frühesten Zeiten, unter der Herrschaft achaeischer Fürsten, hatten die Bewohner der Insel sich vorzugsweise der Seefahrt gewidmet; wir finden sie als ein Glied der ionisch-achaeischen Amphiktyonie von Seestaaten, welche in Kalauria ihren Mittelpunkt hatte. Strab. VIII 374. Einige Zeit nach der Dorisierung des Peloponnes wurde auch A. durch Dorier von Epidauros aus, angeblich unter Führung des Τριάκων, in Besitz genommen und dorisiert (Herod. VIII 46. Paus. II 29, 5. Schol. Pind. Ol. VIII 39): es blieb nach diesem in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Epidauros, indem die Aigineten dort wie eine Colonie in der Mutterstadt sich Recht sprechen lassen mussten. Herod. V 83, doch s. Busolt Gr. Gesch. I 71, 1. Dabei entwickelte sich aber besonders der Handel: auf A. sollen zuerst Münzen geprägt worden sein, eine Erfindung, welche die Tradition dem Pheidon, König von Argos (um Ol. 8), welcher seine Herrschaft auch über A. ausgedehnt hatte, beilegt (Ephoros bei Strab. VIII 376); und in der That sind uns noch hochaltertümliche Silbermünzen von Α., mit einer Schildkröte bezeichnet, von vielen Fundorten im griechischen Osten erhalten, und das aiginetische Münz- und Gewichtssystem war in ganz Hellas weit verbreitet (vgl. Boeckh Metrolog. Unters. 76ff. F. Hultsch Metrologie² 187), die sogenannten χελῶναι galten später geradezu als peloponnesisches Courant, aiginetischer Handel (Αἰγιναία ἐμπολή) aber war sprichwörtlich bei den Griechen für jede Art von Kleinkram. Ephor. a. a. O. Diese bedeutende Entwicklung des Handels und der Seemacht war nun einerseits die Veranlassung, dass die Aigineten aus dem Verhältnisse der Abhängigkeit von Epidauros sich lösten, andererseits, dass die Athener bald darauf einen freilich verunglückten Versuch, die Insel sich zu unterwerfen, machten, Begebenheiten, welche wahrscheinlich zwischen die J. 580 und 550 v. Chr. fallen. Herod. V 82ff.; vgl. C. O. Müller Aegineticorum liber, Berlin 1817, 68ff. Duncker Gesch. d. Altert. IV 311f. Schon vorher waren sie beteiligt an der Gründung der Handelsstadt Naukratis in Ägypten, Herod. II 178. Rasch vermehrte sich nun die Bevölkerung der Insel, deren Zahl in der Zeit der höchsten Blüte mindestens eine halbe Million betragen haben muss, wenn wir der Angabe des Aristoteles (bei Athen. VI 272 d und Schol. Pind. Ol. VIII 30), dass allein 470 000 Sklaven sich auf der Insel befanden, Glauben schenken dürfen. Natürlich konnte der Bedarf an Getreide für eine solche Menschenmenge nur vom Auslande, namentlich aus der Hauptkornkammer, aus dem Pontos (vgl. Herod. VII 147), befriedigt werden; zur Erleichterung und Sicherung dieser Getreidezufuhr scheinen die Aigineten einen Handelsplatz am Pontos, Namens Αἴγινα, angelegt zu haben (vgl. Müller Aegin. 83f.), sowie sie auch sonst Colonien aussandten, nach [967] Kydonia auf Kreta und nach Italien in das Land der Umbrer (Strab. VIII 376), die indessen mehr den Charakter von Handelsfactoreien gehabt zu haben scheinen. E. Curtius Hermes X 228. Auf der Insel selbst aber erhob sich Industrie, wie die Bereitung von Salben (Athen. XV 689 d), Thongefässen (Steph. Byz., vgl. H. Blümner d. gewerbl. Thätigkeit der kl. Völker 89) und ähnliches, und bildende Kunst, besonders die Bildnerei aus dem berühmten aiginetischen Erz (Plin. n. h. XXXIV 75), zu hoher Blüte. Die Geschichte von A. erhielt eine entscheidende Wendung durch die Kämpfe mit Athen, welche mit heftiger Erbitterung seit dem Beginne des 5. Jhdts. v. Chr., fast nur durch die Perserkriege – während deren die Aigineten, nachdem sie zuerst sich dem Grosskönige unterworfen, mit Ruhm an den Schlachten bei Salamis, Plataiai und Mykale teil nahmen – unterbrochen, geführt wurden. Anlass zu dieser Erbitterung gab ebensosehr die Abneigung der dorischen Adelsgeschlechter, in deren Händen die Regierung von A. war (vgl. Müller Aeginet. 133ff.), gegen die mehr und mehr in Athen sich entwickelnde Demokratie und die mit derselben wachsende Seemacht Athens, wie auch anderseits die Furcht der Athener vor der in so drohender Nähe Attikas gelegenen übermächtigen Nachbarin (der Augenbutter des Peiraieus, wie Perikles oder Demades sie genannt haben soll, Aristot. rhet. IIΙ 10. Plut. Pericl. 8; Demosth. 1. Athen. III 99 d), die sich nicht scheute, die Küste von Attika mit Raubzügen heimzusuchen. Herod. V 89. VI 87ff. Der Krieg nahm, besonders durch des Themistokles Fürsorge für Verstärkung der athenischen Flotte, eine für Athen immer günstigere Wendung, und im J. 455 sahen sich die Aigineten aus Mangel an Zufuhr genötigt, sich den Athenern zu übergeben, welche sie zwangen, ihre Befestigungen zu schleifen, ihre Kriegsschiffe auszuliefern und einen jährlichen Tribut zu bezahlen. Thuk. I 108. Diod. XI 78. Um aber jede Erhebung der Insel im Keime zu ersticken, vertrieben die Athener im J. 431 sämtliche Bewohner von der Insel, welche sie mit attischen Kleruchen besetzten; die Vertriebenen wurden von den Spartanern aufgenommen und in dem Grenzdistricte von Argolis und Lakonien, der Thyreatis, angesiedelt (Thuk. II 27), wo sie im J. 424 von den Athenern unter Führung des Nikias überfallen, grossenteils zu Gefangenen gemacht und dann hingerichtet wurden. Thuk. IV 57. Plut. Nic. 6. Nach der Schlacht bei Aigospotamoi (404) gab Lysander den Überbleibseln der alten Bevölkerung die Insel zurück, welche nun wieder bei jeder Gelegenheit auf Seite der Feinde Athens stand (vgl. Müller Aegin. 189ff.); ja die Aigineten hatten sogar einmal das Gesetz erlassen, dass jeder Athener, der auf der Insel ergriffen werde, als Sklave verkauft werden solle. Plut. Dion 5. Nach der Zeit Alexanders d. Gr. gelangte die Insel zunächst in den Besitz der Makedonier, die sie mehrmals als Waffenplatz gegen Athen benutzten. Ol. 126, nach der Befreiung Athens vom makedonischen Joch, schloss sich A. dem achaeischen Bunde an, wurde aber bald darauf von den Athenern erobert, die es an den König Attalos verhandelten. Mit der Erbschaft [968] desselben gelangte es in den Besitz der Römer und wurde vom Triumvir Antonius den Athenern geschenkt, denselben aber schon von Augustus wieder genommen; seitdem behielt es mit geringen Unterbrechungen eine wenigstens scheinbare Autonomie, bis es unter der Herrschaft der byzantinischen Kaiser ein Teil des Thema von Hellas wurde. Vgl. Müller Aegin. 191ff. E. About Mémoire sur l’île d’Egine in Archiv. Miss. Scientif. Littér. III 481. Geologisch Reiss und Stübels Ausflug n. d. vulkan. Gebirgen von A. und Methana 1867. Münzen Head HN 331. Inschriften CIG 2138ff. und Add. Le Bas II 1675ff.

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 36
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S. 967, 64 im Art. Aigina Nr. 1 ist zu lesen:

Ol. 126, nach der Befreiung Athens vom makedonischen Joche, schloss sich A. dem achaeischen Bunde an, wurde aber bald darauf von P. Sulpicius Galba erobert, der es den Aitoliern schenkte, die es an den König Attalos 211/210 verhandelten (Bd. II S. 2164, 5ff.).

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Band S XV (1978), Sp. [S_XV 4]–5
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Der Artikel „Aigina 1“ aus Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (Band S XV) wird im Jahr 2072 gemeinfrei und kann dann (gemäß den Wikisource-Lizenzbestimmungen) hier im Volltext verfügbar gemacht werden.
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     S. 964ff. zum Art. Aigina:

1) Ausgrabung und Topographie. 1894 unternimmt V. Stais systematische Ausgrabungen auf ‚Kolonna‘ etc. etc.