RE:Anemoi

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 21762180
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Anemoi (Ἄνεμοι), Windgötter oder -dämonen. Bei Homeros noch ohne solche Bestimmung. In der Ilias, da sie die Iris ‚mit ihren Augen‘ erblicken und aufspringend sie anrufen (XXIII 202) und zum Sitzen nötigen, in der Wohnung des Zephyros speisen, von Achilleus unter Gebet, Getränkspenden und Verheissung von ἱερὰ καλὰ (195f.) angerufen und von Iris als der Überbringerin der Gebete citiert werden, persönlich gedachte Wesen, und zwar offenbar nach hochaltertümlicher Anschauung, da das Begräbnisritual bei Patroklos Totenfeier, wo sie ‚über Nacht den Holzstoss stärker entfachen sollen‘ (197. 214ff.), Rudimente vorhomerischen Seelenkultes enthält (Rohde Psyche I 14–22). Genannt werden hier und sonst in der Ilias als persönlich nur Boreas und Zephyros (s. d.); beider Heimat ist nach IX 5 Thrakien, wohin sie wohl auch XXIII 229f. ‚durchs thrakische Meer‘ heimkehren. Daselbst ist auch wohl die Wohnung des Zephyros gedacht, die von Eustath. Il. XXIII 200 p. 1296, 64 wegen des βηλὸς λίθεος als eine Höhle (s. u.) angesehen wird. Da sie zu den Mahlzeiten der Götter bei den Aithiopen nicht eingeladen sind (XX. 32ff. XXIII 195. 209), so hat wohl das Schol. T Il. X 20 Recht, wenn es diese beiden A. der Ilias als δαίμονες αὐτεξούσιοι bezeichnet. Sie gelten als Befruchter oder Väter von berühmten mythischen Rossen, XX 223ff. Boreas als Gatte der Erichthoniosrosse, XVI 150 Zephyros mit der Harpye Podarge als Vater der Rosse [2177] des Achilleus. In der Odyssee X 20ff. werden sie unpersönlich (nach dem Schol. z. d. St. = πνοαί) vorgestellt, Aiolos ist ihr ταμίης, der sie mit Ausnahme des Zephyros, des einzigen namentlich angeführten, in den berühmten Rindsschlauch gebannt und dem Odysseus mitgegeben hat. Die Zahl ist hier nicht angegeben, ihre Heimat Aiolie, der sie ‚alle‘ nach ihrer Entfesselung durch die Gefährten des Odysseus zustreben (auch Zephyros, der kurz vorher, seiner Bestimmung gemäss, von Aiolie nach Ithaka zu geweht hatte). Euros und Notos stehen nur einmal XII 325. Boreas fehlt also in diesen Aufzählungen. Ergänzend aber zur Ilias tritt in der Odyssee die Anschauung auf, dass die Harpyien oder θύελλαι (auch Sing. θύελλα) oder ἄελλαι die Lebenden (Rohde Psyche 66) entrücken (ἀναρπάξασα IV 727. XX. 63f., ἀνέλοντο XX 66, ἀνηρείψαντο 77), und zwar κατ’ ἠερόεντα κέλευθα zu den Mündungen des Okeanos XX 63f., d. i. zum Eingang in die Unterwelt X 508f. XI 13ff. Rohde 66,1 ; vgl. auch Homer. Hymn. Aphr. 208, wo Tros glaubt, dass υἱὸν ἀνήρπασε θέσπις ἄελλα. Wie hier die (weiblichen) Stürme Seele und Leib ins Land der Nimmerwiederkehr entführen, so in der Ilias die (männlichen) Winde offenbar die ledige Seele des Patroklos, während sein Leib durch die Flamme verzehrt wird. Der Zweck des Leichenverbrennungsrituals, von dem hier ‚zaghaft und unklar‘ schildernden (Rohde 17) Dichter selbst nicht durchschaut noch berichtet, ist ewige Vernichtung des Leibes, ewige Verbannung der Seele (Rohde 29); der Beweggrund Angst vor deren Wiederkehr und Gefährlichkeit (Il. XXXIII 75f. Rohde 20f. 30). Aber nur der Leibesverbrennung dient die Flamme des Holzstosses; der Seelenentführung dienen vielmehr die durch Achilleus Gebet herbeigerufenen Winde: einer der wichtigsten Bestandteile dieser altertümlichen Cärimonie, den leider Rohde nicht in den Kreis seiner animistischen Erklärung aufgenommen hat, wie doch mit Glück manch andere, bisher verkannte. So wenig wie (nach Stengels irrtümlicher Auffassung, Jahrb. f. Philol. 1887, 649) die Öl- und Honigspende etwa ‚blos die Flamme nähren und beleben soll‘, so wenig kann die Beirufung der Winde blos diesem äusserlichen Zwecke gedient haben, wenn auch Homeros selbst dieser Ansicht ist. Denn dass diesem selbst hier das Verständnis für das von ihm geschilderte Ritual fehlt, beweist Rohde 17, und die Annahme, dass Achilleus den unbarmherzigen Sinn des alten rohen Seelenkults nicht selbst gehegt und gewollt haben könne, ist, wenn auch Homeros mit seinen Erklärern gemeinsam, doch eine irrtümliche Voraussetzung. Phoinikischen Seefahrern, wie Stengel 346 behauptet, sind Achilleus ἱερὰ καλὰ an die Winde keinesfalls nachgeahmt.

In den Perserkriegen stifteten 480 die Delphier auf Geheiss des Apollon in Thyia, dem Kultort einer gleichnamigen Kephissostochter (ob mit Nebengedanken an Ὠρεί-θυια, θύελλα?), den A. einen Altar, an dem man noch zu Herodots Zeiten θύειν und ἱλάσκεσθαι (= placare sc. χθονίους, vgl. Stengel Herm. XVI 1881, 349) pflegte, Herod. VII 178; ebenso die Athener (Themistokles) dem Boreas (s. d.) am Ilissos in Erinnerung an das Zerschellen der ersten Perserflotte am Athos, das man dem thrakischen Windgott, Gatten der Erechtheustochter [2178] Oreithyia ‚Schwager der Athener‘ zuschrieb, VII 189. Auch die Perser, die, durch die schlimme Erfahrung gewitzigt, bei den Ionern sich erkundigt hatten, lassen vor Artemision durch die Magier nicht blos der Thetis und den Nereïden der magnesischen Sepias θύειν, sondern, wohl auf ähnliche Anregung der Ionier, den offenbar ebenso hellenischen A. ἔντομα ποιεῖν (wiederum chthonisch, Stengel a. O.). Koroneia hatte auf dem Markte einen Altar der A., Paus. IX 34, 2. Allgemein ἐν Θρᾴκῃ nennt einen βόθρος ἐξ οὗ φυσήματα ἀνέμων γενέσθαι, καὶ μυθευθῆναι οὕτω Θρᾴκην ἀνέμων οἰκητήριον Dionysophanes beim Schol. Apoll. Rhod. I 826; vgl. Plin. n. h. II 131. 114 (Entstehung der Winde aus der Erde) und Art. Aiolie S. 1034. Die Menschenopfer des Menelaos zur Hebung der ἀπλοία beim Proteus in Αἴγυπτος(Herod. II 119) und der Hellenen aus gleichem Grunde in Aulis (Verg. Aen. II 110f. sanguine placastis ventos in der Erzählung des Sinon, der sich selbst für ein den Winden bestimmtes Opfer ausgiebt) gehören dem gleichen boiotisch-euboeisch-thrakischen Kultgebiet an. Denn das Αἴγυπτος hellenischer Sage (Epaphos Proteus) ist Euboia (Maass De Aeschyli Supplic., Ind. lect. Gryph. 1890, 22. 24), in zweiter Linie durch chalkidische Übertragung wohl auch die thrakische Chalkidike (vgl. Ἄ-θως, Θῶες, Θῶν, Θῶνις in der ‚ägyptischen‘ Menelaos-Proteussage bei Herod. a. O. und Jahrb. f. Philol. Suppl. XVI 161f.).

In Athen opferte man ein schwarzes Lamm dem Typhos, Aristoph. Ran. 847 (Schol. = καταιγιδώδεις ἄνεμοι; nicht phoinikisch trotz Movers Phöniz. I 524ff. und Stengel a. O. 347); auch erklärte man (Demon bei Suid. s. Τριτοπάτορες frg. 2, FHG I 378, vgl. Hesych. Photios s. v.) die Tritopatores = ἄνεμοι und pflegte ihnen bei der Eheschliessung ὑπὲρ γενέσεως παίδων θυσίαι und εὐχαί zu weihen (Phanodemos frg. 4, FHG I 367, aus Suidas). Die Namen dieser ‚Urvorväter‘ (θεοὶ γενέθλιοι Lobeck Agl. I 754f. 760f.) sind in orphischer Lehre (Physika bei Suid. Photios s. Τριτοπάτορες, vgl. Tzetz. Lyk. 738) Amalkeides, Protokles, Protokreon (s. d.); sie gelten dort als θυρωροὶ καὶ φύλακες τῶν ἀνέμων (Photios ἀ. παῖδες, δεσπόται corr. Lobeck 755 i), überhaupt nach Philochoros (frg. 2 aus Suid. s. Τριτοπάτορες, FHG I 384) als älteste Abkömmlinge des Helios (frg. 3 aus Photios und Hesych.: Uranos) und der Ge. Wenn sie die Fruchtbarkeit der Ehe fördern sollen, so liegt hier der Glaube an die Erzeugung des Lebensatems aus dem Windhauch zu Grunde (ἀ. ζωογονοῦντες, αὖραι ζωογόνοι, πνοιαὶ ψυχοτρόφοι Lobeck 760ff.) und an die befruchtende Epiphanie der Ahnenseelen, die einst selbst im letzten Atemzuge enteilt und zu Windgeistern geworden waren (Rohde Psyche 216f.). Athenische τῶν εὐδιεινῶν ἀνέμων εὐχαί, Proklos zu Tim. II 65 F p. 153 Schn.; ἀνέμοις πόπανον χοινικαῖον ὀρθόνφαλον δωδεκόμφαλον νηφάλιον, CIG 523, 19ff. Über die durch Themistokles in Athen eingeführten Βορεασμοί, die Aelian. n. a. VII 27 zu allgemein als θυσίαι für die πνεύματα bezeichnet, s. d. Art.

Das bis auf die dorische Wanderung von Aiolern bewohnte (Thuk. IV 42) Korinthos erinnert durch das γένος der Ἀνεμοκοῖται (s. d.) an den Aiolereponymos und Windkönig Aiolos (s. d.) der Odyssee (X 22, vgl. die Combination des Eustathios) und [2179] zugleich an den attischen Heros und ἄγγελος Εὑδάνεμος (s. d.) mit seinem Altar der Εὑδάνεμοι, welche der gleichen Kunst des Windzaubers sich gerühmt haben werden (‚Sturmbeschwörer‘ Toepffer Att. Geneal. 111, 4; falsch Welcker Gr. Götterl. II 195, 18. III 71 εὐ(δ)άνεμοι). Vgl. auch den Κωλυσανέμας Empedokles (Hesych. Suid. s. v. Diog. Laert. VIII 60. Philostrat. v. Apoll. VIII 3. Clem. Al. Strom. VI 754. Suid. s. Ἀμυκλαί, ἄυπνος δορά, Ἐμπεδοκλῆς).

In Titane hatten die A. einen Altar, wo unter Vortrag von ἐπῳδαί der Medeia einmal jährlich der Priester bei Nacht ἡμερούμενος τὸ ἄγριον θύει, δρᾶ δὲ καὶ ἄλλα ἀπόρρητα in vier βόθροι, offenbar den vier Hauptwinden entsprechend, Paus. II 12, 2. Medeias Name knüpft die Verbindung mit Chalkis = Kolchis (Maass Herm. XXIII 1888, 699ff.; Gött. Gel. Anz. 1890, 352), das auch die Sagen von Aiolos nach den westlichen ‚Aiolosinseln‘ übertrug. Wie Aiolos und Medeia Aiolerheroen sind (Philologus N. F. II 123), so wird auch dieser Toten- oder Heroenkult der A. aiolisch sein; vgl. über den in der Überlieferung freilich nicht durchweg rein gewahrten heroischen Charakter des A.-Kultes (jährliche Wiederholung, Nachtzeit der Darbringungen, schwarze Farbe der Opfertiere, ὁλοκαύματα, ἐντέμνειν und ἱλάσκεσθαι, Grubenopfer, daneben widersprechende θυσίαι wie für Götter) Stengel Herm. XVI 1881, 349f., der nur darin irrt, dass er die Windkulte und die Menschenopfer für unhellenisch erklärt und von den Persern, Ägyptern und anderen Barbaren entlehnt sein lässt. Die (schon für das vorhomerische Mykenai feststehenden) Grubenopfer verraten im A.-Kult dessen Wurzelechtheit und zugleich Ursprung aus dem Seelenkult und Begräbnisritus. Denn die Opfergrube ist (wie die hohle ἐσχάρα) die oberweltliche Mündung des unterweltlichen Leichengrabes, durch dessen offenen Schacht die (noch bei Homeros) als fliegender Windhauch gedachte Psyche die Leiche besuchen und verlassen und Opferblut (hier schwarze Lämmer) geniessen kann. Wie die ‚Winde‘ die Psyche, z. B. des Patroklos, entführen, so ist diese selbst ‚ein Hauch- und Luftwesen, wie die Winde, seine Verwandten‘ (Rohde 43 und überhaupt 32ff.). Aus einem solchen βόθρος werden auch die athenischen A.-Tritopatorenpsychen zum Besuch der Eheschliessenden ihres Geschlechts aufgestiegen sein. Bathos in der arkadischen Trapezuntia hat θυσίας für θύελλαι, ἀστραπαί, βρονταί in Zusammenhang mit pallenischer (chalkidischer?) Gigantenkampfsage, Paus. VIII 29, 2. In Megalopolis τέμενος mit jährlichem Opfer für den Anemos Boreas, Paus. VIII 36, 4. Auf dem Taygeton, einem Hauptsitz aiolischen Helioskultes, nennt Brandopfer eines Pferdes an die venti, dessen Asche durch die Winde möglichst weit verbreitet werden musste, Festus p. 181. Tarent dagegen hat Opfer (θυσία) eines ὄνος ἄφετος ἱερὸς, ἀνεμώτας genannt (Hesych. s. v.). Thurioi Boreaskult, Ael. v. h. XII 61 (im Wetteifer mit Athen). In Rom ahmte Caracalla die Spenden des Achilleus an die Winde bei den Verbrennungsfeierlichkeiten des Festus nach, Herod. IV 8, 5. Als Söhne des Astraios von der Eos und Brüder der Astra nennt die A. Apd. Bibl. I 2 , 4. Über Athene Ἀνεμῶτις, Zeus Εὑδάνεμος s. d. Art. (die von Welcker Gr. Götterl. II [2180] 196 für Zeus Πάνεμος vorausgesetzte Form Πανάνεμος beruht auf Irrtum).

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 82
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S. 2176ff. zum Art. Anemoi:

(Zu S. 2178, 10 Koroneia). Da der Altar der A. etwas oberhalb eines Tempels der Hera steht, die Seirenen auf der Hand trägt, so macht Crusius Phil. L 1891, 101, 13 darauf aufmerksam, dass nach Hesiod frg. 89 Ki. (aus Eustath. Od. XII 169 p. 1710, 39; vgl. Schol. v. 168) die Sirenen mit Gesang ἀνέμους θέλγουσι, γοητεύουσι.

(Zu S. 2180, 2). Über den Cult der Winde in Griechenland handelt Stengel Hermes XXXVI 1901, 627ff., welcher beweist, dass er sich erst nach den grossen Seeschlachten der medischen Kriege entwickelt hat, und die orientalischen Einflüsse in diesem Dienste betont. Nach Aristid. apolog. 5 verehrten die Chaldaeer τὴν τῶν ἀνέμων πνοήν; und im römischen Reiche beteten die Mithrasmysten, sowie früher die alten Perser (Herod. I 131) die Windgötter an. Vgl. Cumont Mon. myst. Mithra I 93ff.