RE:Archelaos 34

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 453–454
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34) Ὁ Χερρονησίτης, Verfasser eines Buches Ἰδιοφυῆ (Athen. IX 409c. Diog. La. II 17. Plutarch. Cim. 4; Αἰγύπτιος nennt ihn Antigonos von Karystos 19; er stammt also wohl aus der ägyptischen Stadt). Die Fragmente, welche sich alle auf die Tiergeschichte beziehen, giebt Westermann Paradoxogr. 158ff. (zu frg. IX ist nach Bergk PLG⁴ II 82* hinzuzufügen die Erwähnung bei dem Philosophen Hierax, Stobaeus floril. X 77, welcher aus Nicand. Ther. 823 und einem dem erhaltenen ähnlichen aber reicheren Scholion schöpft: die Bezeichnung ὁ φυσικός geht daher auf seine Flüchtigkeit zurück, ἐν τοῖς Ἰδιοφυέσι hat richtig der Scholiast). Form und Inhalt bezeichnet Antigonos (19) durch die Worte τῶν ἐν ἐπιγράμμασι ἐξηγουμένων τῷ Πτολεμαίῳ τὰ παράδοξα (vgl. 85 ἐπιγραμματοποιοῦ). Dass hier die Worte τῷ Πτολεμαίῳ bedeuten müssen ‚dem jetzt regierenden‘, erkannte Wilamowitz (Antigonus v. Kar. 23, dagegen Susemihl Litt.-Gesch. I 467, 12), und der gehässige Ton der Polemik des Antigonos macht schon an sich wahrscheinlich, dass A. sein Zeitgenosse war. Dazu passt, dass auch der 214 v. Chr. ermordete Herophileer Andreas gegen A. polemisiert, und dass nach Westermanns Vermutung (a. a. O. p. XXXVII) als Zeit- und Kunstgenosse des A. Philostephanos von Antigonos bezeichnet wird. Mit dem Interesse des Ptolemaios Philadelphos für seltene Tiere und seiner Menagerie kann man nach den Fragmenten die Ἰδιοφυῆ nicht in Verbindung bringen; alles weist auf die Zeit des Ptolemaios Euergetes (über die früheren Ansätze vgl. Susemihl I 466). Die beiden kurzen Epigramme bei Antigonos 19 geben sich als wirkliche Aufschriften; sie setzen bildliche Darstellung zwar nicht in Wirklichkeit aber in der Phantasie des Lesenden voraus, vgl. εἰς ὑμᾶς – ταύτην γράψασθε γενέθλην – ἴδ’ ἐξ οἵων οἷα (vgl. z. B. Nikomachos bei Hephaistion 27 οὗτος δή σοι κτλ.); einem ähnlichen Gedicht entstammt wohl frg. 4 a βοὸς φθιμένης πεποτημένα τέκνα[WS 1]. Nach derartigen Überschriften folgten längere Ausführungen, wie sie frg. 9 und 10 voraussetzen, frg. 3 an einem Beispiel zeigt. Keinesfalls aus diesem nach dem Stoff geordneten und in Abschnitte geteilten Epigrammkranz (ähnlich waren die Epigramme des Philostephanos über die Natur der verschiedenen Seen, Flüsse, Quellen nach geographischen Gesichtspunkten zu Abschnitten verbunden, vgl. Reitzenstein Ind. Lection. Rostoch. 1891/92 [454] S. 9) kann Anth. Pal. XVI 120 das Epigramm auf Lysipps Alexanderstandbild mit der Überschrift Ἀρχελάου οἱ δὲ Ἀσκληπιάδου genommen sein. Der Verfasser desselben ist nicht näher zu bestimmen; gegen Asklepiades spricht der Stil. Dem Dichter der Ἰδιοφυῆ kann sehr wohl das von Athenaios XII 554E erwähnte Buch eines A. ἴαμβοι gehören, in welchem die Gründung eines Tempels der Ἀφροδίτη Καλλίπυγος erzählt war, da auch Kallimachos in den Iamben (d. h. Choliamben) Tempelgründungsgeschichten behandelt hat.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S VI (1935), Sp. 11–12
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[Abschnitt korrekturlesen]

S. 453, 19 zum Art. Archelaos Nr. 34:

Die Vorstellung, daß die Epigramme des A. Aufschriften waren oder sein sollten, ist abzulehnen. Es handelt sich bei den Ἰδιοφυῆ um Epigramme, die zuerst einzeln an den König gesandt, dann zu einer Art von Lehrgedicht zusammengefaßt wurden (Studien zum Verständn. 185. 225). Der Titel, der wohl ‚Eigenartiges‘ (Paradoxes) bedeutete, war von den gleichnamigen Gedichten des Königs entlehnt (die nicht Ἰδιοφυεῖς geheißen haben können, wie Knaack o. Bd. II S. 395, 40 annimmt) und mochte sehr verschiedenes decken; unklar ist, wie ein Gedicht auf Kimon darin stehen konnte. Aber einmal gab es vielleicht noch einen anderen Dichter A., und zweitens pries Ptolemaios in seinem gleichnamigen Gedicht die Phainomena des Aratos. Rätselhaft bleibt auch das Verhältnis zu Orpheus: Plin. n. h. XXVIII 43 zitiert Orpheus et A. dafür, daß Menschenblut gegen Angina und Fallsucht helfe; ebd. 34 für die Heil- und Zauberkraft tötlicher Waffen; im Index nennt er als Quellen Orpheo qui Ἰδιοφυῆ scripsit, Archelao qui item; er nennt Orpheus im Index zu Buch XX–XXVII. XXIX. XXX und macht zwei Angaben aus Orpheus allein (frg. 328f. K.). Dieser Befund spricht nicht dafür, daß sich A. etwa auf die Autorität des Orpheus berufen habe; Wellmann Abh. Akad. Berl. 1928, 4 will in A.’ Werk die dichterische Paraphrase des Ps.-Orpheus sehen, der ein Neupythagoreer aus dem Anfange des 3. Jhdts. v. Chr. gewesen sei. Das trifft kaum zu; s. Art. Anaxilaos o. S. 5. Eher könnte man annehmen, daß des A. Gedicht später dem Orpheus untergeschoben wurde; auch sonst war ja dichterisches Eigentum vielfach zwischen Orpheus (s. d.) und anderen Autoren strittig (z. B. test. 222 Kern). Das Material bei Kern Orphicorum frg. 326ff.

Wenn das, was aus A. berichtet wird, einen Maßstab für den Gesamtinhalt der Ἰδιοφυῆ abgibt, so war das Buch ein wahrer Tummelplatz der Pseudowissenschaft (vgl. Studien 308); daß Skorpione aus Krokodilen, Bienen aus Rindern (Malten Kyrene 30; o. Bd. III S. 434, 48[WS 2]), Wespen aus Pferden, Schlangen aus menschlichem Rückenmark entständen, war dort zu lesen; Muränen paarten sich mit Nattern, Rebhühner wurden durch das Brausen des Meeres trächtig; ägyptische Schlangen, die Mauleselleichen fräßen, ließen sich vom Basilisken verscheuchen (o. Bd. III S. 100); der Mäuseleber wächst an jedem Tage des zunehmenden Mondes ein Lappen zu (o. Bd. I S. 39). Für das geistige Niveau am Ptolemäerhofe ist das Buch ein wenig erfreuliches Zeugnis: die Polemik des Andreas hatte kaum Erfolg, und Leute wie Bolos wiederholten leichtgläubig allen von A. mitgeteilten Unsinn. Auf welchen Wegen er den Späteren vermittelt wurde, hat daneben nur sekundäres Interesse; daß er auf dem Wege über Alexander von Myndos zu Ailian gelangte, zeigt Wellmann Herm. XXVI 559 (vgl. XXIII 562). Benützung durch Xenokrates, aus dem ihn Ps.-Plut de fluv. kennt: Atenstädt Herm. LVII 238. Einiges aus ihm berichtet Varro, aus dem ihn wieder Plinius kennt; doch kommt er diesem noch auf anderem Wege (Xenokrates?) zu. Das Eigentum des A. sucht aus Varro zu vermehren [12] O. Hempel De Varronis rerum rust. auctoribus (Lpz. 1908) 36, und gewiß können Angaben wie die von den spanischen Stuten, die vom Winde schwanger werden, deren Fohlen aber höchstens drei Jahre leben, auf ihn zurückgehen (II 1, 19). Aber da Varro auch die Georgika des Ps.-Demokrit (indirekt) benutzt, so liegen auch andere Möglichkeiten vor.

Die poetischen Fragmente bei Diehl Anth. lyr. VI 233.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. πεπλανημένα τέκνα Supplementum Hellenisticum, edd. Lloyd–Jones etc. Berlin 1983.
  2. Korrigiert durch Wikisource. Im Original: 464.