RE:Cophinus

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 1211–1213
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Cophinus (κόφινος, mit langem ι erst bei Nonn. Pan. met. ev. Ioann. VI 52), ein einfacher, starker, topf- oder sackförmig gestalteter, aus Weidenruten oder andern jungen Zweigen geflochtener Korb; heute neugriechisch κοφίνιον = Korb, italienisch cófano = mehr tiefer als breiter Korb [1212] mit flachem Boden und coffa = Ballastkorb, französisch coffre, wovon unser ,Koffer‘ (über andere romanische Formen s. G. Körting Lat.-roman. Wörterb. 1891, 220). H. Lewy (Die semit. Fremdw. im Griech. 1895, 115) leitet das Wort wohl mit Recht aus dem Semitischen her, da es sich mit hebräisch הֹפֶןhōfen für *hofn ,hohle Hand, eigentlich aber blos Höhlung‘ vergleichen lasse. In der Sprache des Talmud bezeichnet קופרתת‎ Körbe, in welchen Getreidegarben gesammelt wurden (H. Vogelstein D. Landwirtsch. in Palaestina z. Zeit der Mišnâh I 1894, 65), auch schalenförmige Körbe, in welchen Körner oder Stroh auf Lasttieren zu den Magazinen geschafft wurden, während die quffi der arabischsprechenden Fellachen im heutigen Ägypten etwa 20 cm. Höhe und 50 cm. Durchmesser haben (ebd. 71 Anm. 5). Etwa seit Beginn unserer Zeitrechnung war es bei den Juden Cultusbrauch, die für den Sabbat im voraus bereiteten Speisen und heisses Wasser in einem mit Heu gefüllten cophinus aufzubewahren (Iuv. III 14 u. Schol. VI 542 u. Schol.; vgl. H. Rönsch Jahrb. f. Philol. CXXIII 1881, 692f. L. Friedländer zu Iuv. III 14), weshalb Sidonius Apollinaris (ep. VII 6) sagen konnte: ordinis res est, ut Aegyptius Pharao incedat cum diademate, Israelita cum cophino. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass hiefür gerade diese Bezeichnung gebraucht ist.

Einige Atticisten verwarfen das Wort κόφινος und wollten dafür ἄῤῥιχος gesetzt haben (Bekk. An. gr. I 102, 1. Moir. 50), obwohl es von attischen Schriftstellern gebraucht war, wie denn auch ἄῤῥιχος als eine Art des κόφινος erklärt wird (Bekk. ebd. I 208, 25. 446, 30. Schol. Ar. av. 1309). Der C. war ein geflochtenes Gefäss (Poll. VII 173. Isid. orig. XX 9, 9. Suid.), das tief und hohl (Etym. M. 534, 21), dem ἄῤῥιχος, einem Flechtwerk, worin Obst vom Lande in die Stadt getragen wurde, ähnlich war (Phrynich. bei Bekk. ebd. 67, 17) und zu den landwirtschaftlichen Geräten gehörte (Poll. I 245), wenn er auch andern Zwecken dienen konnte. So wurde er mit Federn angefüllt (Ar. av. 1310), wurde darin Dünger getragen (Xen. mem. ΙΙΙ 8, 6. Plut. Pomp. 48. Poll. VII 134; vgl. Isid. a. a. O.; mit dem Zusatze stercoris bei Ambros. de Isaac et vit. beat. I 1, 2. Schol. Leid. Iuv. III 14), sollten in κόφινοι von der Mauer einer belagerten Stadt Leute zum Aufsammeln hinabgeschleuderter Steine herabgelassen werden (Aen. Tact. 38, 4), wurde ein κόφινος bisweilen in Boiotien einem insolventen Schuldner öffentlich auf dem Markt über den Kopf gestülpt, wodurch er ehrlos wurde (Nicol. Damasc. FHG III 458). In den Septuaginta wird das Wort gebraucht für einen bei der Ziegelanfertigung durch die Israeliten in Ägypten gebrauchten Lastkorb (Ps. 80, 7; ebenso~Vulg. u. Isid. a. a. O.) und zur Aufbewahrung des Fleisches eines jungen Ziegenbockes (Iud. 6. 19). Ferner wurden Speisereste in einem κόφινος gesammelt (Lucillius in Anthol. Pal. XI 207. 3. Math. 14, 20. Marc. 6, 43. 8, 19. Luc. 9, 17. Joh. ev. 6, 13, δυώδεκα κύκλα κοφίνων bei Nonn. Pan. a. a. Ο. Poll. VI 94. Sibyll. orac. bei Lactant. inst. IV 15, 17). Bei der Obsternte wurde ein κόφινος gebraucht (Poll. X 129; vgl. Geop. VI 11, 1); junge Hühner [1213] wurden in ihm gehalten (Geop. XIV 8, 3. 9, 1, wofür ein cribrum gebraucht bei Col. VIII 5, 16); ein langer κόφινος diente, in ein mit gesalzenen Fischen gefülltes Gefäss gesetzt, als Sieb, um das abgesonderte γάρον aufzunehmen (Geop. XX 46, 2); in ihm oder wie heute in Töpfen wurden frühzeitige Gurken (ebd. XII 19, 3. 4; vgl. Col. XI 3, 51; in τάλαροι bei Theophr. c. pl. V 6, 6) oder Rosen gezogen (Geop. XI 18, 4).

Bei den Boiotern endlich war der κόφινος ein Mass zu drei Choen, d. h. ein Mass von 9,09 Liter, für Trockenes wie Flüssiges (Strattis bei Poll. IV 169; vgl. Geop. IX 10,1. 8. Hesych. F. Hultsch Gr. u. r. Metrol.² 1882, 542).

Von den Römern wurde das Wort schon spätestens in der ersten Hälfte des 1. Jhdts. v. Chr. übernommen, da Laberius einem Mimus den Namen C. gab (bei Gell. XVI 7, 2. Non. 544, 26).

Identificiert wird später κόφινος (Corp. gloss. lat. II 166, 15. 354, 32. III 322, 13. 461, 68; vgl. quasillarius III 461, 74) oder cofinus (IV 319, 47. 383, 13. Schol. Iuv. III 14) mit qualus, bezw. qualum, κόφινος (Corp. gloss. lat. II 354, 32) oder cophinus (Schol. Leid. Iuv. a. a. O.) mit corbis und κόφινος mit corbula (Corp. gloss. lat. ebd. u. II 492, 65). Ausser den schon genannten Schriftstellern gebraucht noch Vegetius C. für einen Korb, in welchem die Beutel mit der Hälfte des den Soldaten einer Legion geschenkten Geldes aufbewahrt (r. m. II 20), die beim Aufwerfen eines Grabens herausgenommene Erde fortgeschafft (ebd. 25), oder aus welchem Kreide in eine Art Reitbahn geschüttet wurde (mulom. II 28, 38).

E. Saglio giebt (bei Daremberg et Saglio Dict. I 1497 fig. 1924 nach Dubois-Maison-neuve Introd. à l’étude des vases, pl. LIV 3) von der Malerei einer griechischen Vase, wo man Landleute auf den Markt Lebensmittel tragen und Tiere führen sieht, die Abbildung eines Mannes, welcher auf den Schultern eine Stange wie eine Eimertrage trägt, an welcher auf jeder Seite ein länglicher, nach unten ziemlich oval gestalteter Korb herabhängt. Ein anderer, von ihm nach einem pompeianischen Gemälde abgebildeter (fig. 1925 nach Antich. d’Ercolano II p. 175), liegender, mit zwei Henkeln versehener Korb, aus welchem der nicht bestimmbare Inhalt (wohl Früchte) herausfällt, hat die Form eines länglichen Bienenkorbes oder einer umgekehrten hohen Kappe, scheint noch durch einige geflochtene Reifen oder Bänder grössere Festigkeit zu erhalten und soll nach Saglio dem noch heute in den südlichen Ländern unter dem Namen cofin, coufin, italienisch cofino (cofano?) gebrauchten Korbe ganz ähnlich sein. Auf dem Relief einer Brunnenrinne sind zwei Jünglinge, welche mit Trauben gefüllte Körbe zu einem calcatorium (s. o. Bd. III S. 1339 über die Abb. bei Zoëga und Panofka) tragen, dargestellt; diese Körbe haben auch dieselbe Gestalt wie der heutige cofano (s. auch Guhl und Koner Leben der Gr. u. Röm.⁶, herausg. von R. Engelmann 1 893, Fig. 337 f.).

[Olck.]