RE:Hydatius 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,1 (1914), Sp. 4043
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2) Spanischer Chronist, nach dem sehr seltenen Namen zu schließen, wohl Verwandter, vielleicht Enkel, des Vorhergehenden, geboren in Limia, einer Stadt der Provinz Callaecia (Mommsen Chron. min. II 13, 1; vgl. CIL II p. 350. 903). Die erste bekannte Tatsache aus seinem Leben ist, daß er 407 die heiligen Stätten in Palästina besuchte. Da er zu dieser Zeit infantulus et pupillus war (Mommsen II 17, 40; vgl. 13, 3), kann er nicht vor 393 geboren sein, wahrscheinlich aber auch nicht sehr viel später. Denn 416 trat er in den Klerus ein (II 19, 62 b) und wurde 427 Bischof (II 14, 6. 7), vielleicht von Aquae Flaviae (II 32, 201. 207). Im J. 431 wurde er als Gesandter zu Aëtius nach Gallien geschickt, um dessen Hilfe gegen die Sueben zu erbitten, und kehrte 432 mit dem Comes Censorius nach Spanien zurück (II 22, 96. 98). Im J. 445 leitete er in Asturica gemeinsam mit Turibius, dem Bischof dieser Stadt, eine Untersuchung gegen die Priscillianisten (II 24, 130). Ein Brief des Papstes Leo vom 21. Juli 447 überträgt ihm die Fürsorge für ein calläcisches Konzil, das gegen dieselben Ketzer berufen werden sollte (Leo magn. epist. 15, 17 = Migne L. 54, 692). Am 26. Juli 460 wurde er aus Aquae Flaviae von den Sueben als Gefangener fortgeführt, durfte aber im November wieder zurückkehren (Mommsen II 32, 201. 207). Seine Chronik reicht bis zum J. 468. Damals hatte er das siebzigste Jahr sicher schon überschritten, wird also wohl nicht sehr lange nachher gestorben sein. An ihn gerichtet ein Brief des Turibius bei Leo magn. epist. 15 = Migne L. 54, 693.

Von H. sind zwei kleine Schriften erhalten, die man als Chronica und Fasti zu unterscheiden pflegt. Beide stehen untereinander im engsten Zusammenhange, insofern die erste die historischen Tatsachen nach Kaiserjahren und Olympiaden geordnet, die zweite das Consularverzeichnis enthält, dem freilich auch historische Tatsachen hinzugefügt sind. In der Berliner Hs. (Cheltenhamensis 1829 aus dem 9. Jhdt.), der einzigen, welche den H. zwar nicht lückenlos, aber doch in leidlicher Vollständigkeit enthält, sind daher die Fasti den Chronica unmittelbar angereiht. Die Lücken werden teilweise ausgefüllt durch mehrere Epitomen, die aber auch selbständige Zusätze machen, sodaß es nicht zweifellos ist, was in ihnen auf H. selbst zurückgeht.

Die Fasti gehören nur zum kleinsten Teil dem H. an; in ihrer Hauptmasse sind sie eine Abschrift der Chronik von Konstantinopel, weshalb Mommsen sie nicht mit Unrecht unter dem Titel Consularia Constantinopolitana herausgegeben hat. Wahrscheinlich gehen sie auf ein Exemplar dieser Chronik zurück, das Akanthia, die Witwe des Praefecten Kynegios, nach Spanien mitgebracht hatte, als sie im J. 389 den Leichnam ihres Mannes aus Konstantinopel dorthin überführte (Mommsen I 245, 388, 1). Jedenfalls reicht die Übereinstimmung mit dem Chronikon Paschale, das gleichfalls aus der Chronik von Konstantinopel geschöpft hat, nicht weiter als bis zu diesem Jahre. Die Fortsetzung von 390 bis 468 wird dann von H. hinzugefügt sein. Darauf [41] weist namentlich hin, daß unter dem J. 415 der Brief eines spanischen Presbyters zitiert wird und daß die Sonnenfinsternis vom 11. November 402 verzeichnet ist, die in Nordspanien, dem Heimatlande des H., total war, in Konstantinopel dagegen nur bei ganz klarem Wetter, wie es in dieser Jahreszeit selten ist, und auch dann nur in geringem Umfange bemerkt werden konnte (Ginzel Spezieller Kanon der Sonnen- und Mondfinsternisse, Berlin 1899, 91). Überhaupt ist es für diesen Teil der Fasti charakteristisch, daß sie fast nur Ereignisse verzeichnen, die sich auf Spanien (402. 409. 411. 415), Gallien (392, 1. 413 b 1) und Africa beziehen (398. 399. 405. 413 b 2. 464, 3). Aus Italien werden nur die Sterbefälle und Thronbesteigungen der Herrscher verzeichnet und auch diese sehr unvollständig (392, 2. 395. 423. 461. 464, 1. 2), aus dem Orient, über den die Chronik von Konstantinopel am vollständigsten berichtete, garnichts mehr.

Außerdem hat H. den Anfangsteilen der Chronik von Konstantinopel noch zahlreiche Notizen aus anderer Quelle hinzugefügt, von denen sich die letzte unter dem J. 318 findet. Für diese Zusätze ist es charakteristisch, daß sehr viele um ein oder zwei Jahre von ihrem richtigen Datum verschoben sind. So steht der Tod des Kaisers Tacitus unter dem J. 277 statt 276, der Tod des Probus 283 statt 282, die Thronbesteigung Maximians 286 statt 285, die Sonnenfinsternis vom 4. Mai 292 unter dem J. 291, die Thronbesteigung des Constantius und Galerius unter demselben Jahre statt 293, das Preisedikt unter 302 statt 301, die Abdankung Diokletians und Maximians 304 statt 305, die Sonnenfinsternis vom 6. Mai 319 unter dem J. 318. Von dieser wird angegeben, sie sei um die neunte Stunde eingetreten, was von den Ländern des römischen Reiches nur für das nördliche Gallien Geltung hat. Danach scheint die Quelle dieser Zusätze eine Chronik von Trier gewesen zu sein. Hierzu paßt auch, daß die Totalitätszone der Finsternis vom 4. Mai 292 über dieselbe Gegend hinzieht (Ginzel a. O.).

So unzuverlässig die Datierungen in diesem Teil der Fasti sind, so sehr nähern sie sich in dem, was der Chronik von Konstantinopel entnommen ist, der absoluten Sicherheit. Ihre fortlaufenden Nachrichten beginnen mit der Thronbesteigung Konstantins als des Gründers der Stadt (306) und laufen dann, nur einmal durch jene Finsternisnotiz aus der Trierer Chronik (318) unterbrochen, bis zum J. 389 fort. Innerhalb derselben findet sich nur eine einzige falsche Jahresbestimmung, 351 statt 350 für die Absetzung des Vertranio, und auch bei dieser ist es nicht unmöglich, daß der Fehler nur auf eine leichte Korruptel im Tagdatum zurückgeht. Denn schreibt man VIII id. Ian. statt VIII kal. Ian., so kann das J. 351 richtig sein (Seeck Geschichte des Untergangs der antiken Welt IV 429).

Dem Teil ihres Inhalts, der fortlaufend durch Zeitgenossen geführt und daher vollkommen zuverlässig ist (306–389), schickte die Chronik von Konstantinopel ein Consularverzeichnis voran, das schon mit Brutus und Collatinus begann. Denn da sich dieses im wesentlichen gleichlautend bei H. und in dem Chronikon Paschale findet, muß es ihrer gemeinsamen Quelle entnommen sein. [42] Diese Liste kann nur in Rom entstanden und von dort nach Konstantinopel übertragen sein, weil sie ein Auszug aus den Capitolinischen Fasten ist, die auf dem römischen Forum in die Wände der Regia eingegraben waren (CIL I² p. 81ff.). Er ist in der Weise gemacht, daß aus der Namenreihe jedes Consuls nur ein Name, in der Regel, wenn auch nicht immer, der letzte, mit vielen Fehlern und Lücken abgeschrieben ist. Bei keinem Jahre werden mehr als zwei Namen genannt. Bei den mehrstelligen Kollegien sind die Namen weggelassen und durch eine allgemeine Notiz ersetzt. So heißt es über das Decemvirat unter dem Consulat von 302: his conss. decemviri creati priores et posteriores annis II, über die tribuni militum consulari potestate unter dem Consulat von 309: his conss. tribuni plebis facti III an. I und entsprechend bei den andern Militärtribunaten. In ähnlicher Weise sind die Jahre der Anarchie und die Diktatorenjahre angemerkt. Ganz vereinzelt sind historische Notizen hinzugefügt, namentlich solche von literarischem Interesse, wie Geburt und Tod von Cicero, Sallust und Vergil, das bellum Iugurthinum und Catilinarium; ferner Nachrichten, die für das Christentum von Bedeutung waren, wie Geburt und Tod Christi, das Martyrium des Petrus und Paulus, die Kriege gegen die Juden, der Untergang der Verfolger Nero und Domitian und spätere Christenverfolgungen. Diese Notizen, die meist unter falschen Jahren stehen, sind zum größeren Teil wohl der Chronik von Konstantinopel entnommen, zum Teil wahrscheinlich von H. hinzugefügt. Seeck Idacius und die Chronik von Konstantinopel, Jahrb. f. Philol. 1889, 601. C. Frick Die Fasti Idatiani und das Chronicon Paschale. Byzant. Ztschr. I 283.

Im Gegensatze zu den Fasti sind die Chronica eine zwar recht schwache, aber durchaus selbständige Arbeit des H. Sie sind als Fortsetzung der Chronik des Hieronymus gedacht und schließen sich daher in der Berliner Hs. an diese an. Da sie mit dem Tode des Valens (378) abbricht, beginnt H. mit der Thronbesteigung des Theodosius (379) und führt sein Werk bis auf das J. 468 herunter. Er ordnet den Stoff nach Kaiserjahren und Olympiaden; aber da das letzte Jahr des einen Herrschers mit dem ersten des folgenden zusammenfällt (Mommsen Chron. min. II 16, 26), entsteht schon dadurch chronologische Verwirrung, die durch die Unachtsamkeit des H. noch gesteigert wird. Wie er selbst in der Vorrede angibt, hat er die Ereignisse, die seiner Bischofswahl (427) vorausgingen, vel ex scriptorum stilo vel ex relationibus indicantum geschöpft, d. h. aus schriftlichen und mündlichen Quellen. Unter den ersteren sind besonders seine eigenen Fasti benutzt, außerdem vor allem kirchliche Schriftsteller und Urkunden. Vom J. 427 an geht seine Darstellung auf seine eigene Erinnerung zurück. Für die Geschichte Spaniens im 5. Jhdt. ist sein Werk trotz seiner chronologischen Unzuverlässigkeit die wichtigste Quelle; doch aus den andern Teilen des römischen Reiches weiß er nur sehr wenig zu berichten.

Editio princeps von Paulus Profitius (Ludovicus de S. Laurentio), Romae 1615. J. Sirmondus Idatii episcopi chronicon et fasti consulares, Parisiis 1619. Auf diese Ausgabe gehen die späteren [43] zurück; von ihnen ist nur zu nennen Roncalli Vetustiorum latinorum scriptorum chronica, Patavi 1787, II 337, weil die Historiker, die vor Mommsen schrieben, ihn zu benützen pflegten. Von diesem rührt die erste kritische Ausgabe her, in der auch die Hss. der verschiedenen Epitomen vollständig benutzt sind: Mon. Germ. hist. auct. antiquiss. tom. IX Chron. min. I p. 197–247 (die Fasti), tom. XI Chron. min. II p. 1–36 (die Chronica), Berlin 1892. 1894.

Anmerkungen (Wikisource)

Siehe auch die Dublette Idatius von Alfred Kappelmacher in Bd. IX,1, Sp. 876–879, der teilweise abweichende Angaben bietet.