RE:Komos 3

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
unkorrigiert  
Dieser Text wurde noch nicht Korrektur gelesen. Allgemeine Hinweise dazu findest du bei den Erklärungen über Bearbeitungsstände.
Band XI,2 (1922), Sp. 13001303
[[| in Wikisource]]
in der Wikipedia
GND: (PICA, AKS)
Linkvorlage für WP   
* {{RE|XI,2|1300|1303|Komos 3|[[REAutor]]|RE:Komos 3}}        

3. Personifikationen des K.

a) Nicht eigentlich eine solche liegt vor auf einer attischen rf. Kanne schönsten Stils, Berlin 2658. Arch. Ztg. X Taf. 37, 3, 4. Dar emb er g -S a - gli o fig. 1429, wo in einer Darstellung eines Kinder-x. ein Knabe Komos (oder vielmehr Kamos, s. o.) heißt, ein andrer Paian. Denn die Knaben sind nicht besonders als K. und Paian charakterisiert; die beiden Namen hätten schließlich auch anderen Mitgliedern dieses x., beispielsweise dem Neanias genannten, gegeben werden können. Es ist also nicht richtig, wenn Saglio diesen K. le heros du banquet personnifie nennt und Baumeister ihn II 1302 als Allegorie des K. aufführt. — Es fällt auf, hier Kinder als Komasten zu sehen. Vielleicht liegt hier die Übertragung der Tätigkeit Erwachsener ins Kindliche vor, die später in Erotendarstellungen so häufig ist. Schließlich ist aber auch der Gedanke nicht ganz abzuweisen, daß auch die Kinder an den Dionysosfesten ihren kleinen x. abhielten; vgl. Michaelis Arch. Ztg. XIX 199*. Die kleinen Kännchen, wie das Berliner eines ist, tragen nicht selten Darstellungen aus dem Kinderleben, Saglio Anm. 6, und waren danach wohl für den Gebrauch der Kinder be- stimmt, so wie ähnliches Geschirr bei uns.

b) Bei dem älteren Philostratos Eik. I 25 p. 330, 17 Kay. 49, 17 Wiener Ausg. landet Dionysos auf Andros, wo, wie im Schlaraffenlande. ein Weinstrom fließt, und führt u. a. einen Daimon (nicht: Satyrn!) K. mit sich, der naedum; xai evparonxcinaros war. Näheres läßt sich über ihn wohl nicht sagen, insbesondere nicht, wie die Figur auf dem Bilde charakterisiert war, so daß man sie als K. erkannte; Vermutungen bei [1301] Jac ob s 215: als Satyr wie o. 2, vielleicht mit Namensbeischrift.

c) Dagegen scheint eine wirkliche Personifikation des K. in dem allerdings umstrittenen, von demselben Philostratos Eik. I 2 p. 297 Kay. beschriebenen Bilde vorzuliegen. Die Beschreibung bietet Auffälliges; so meinen auch solche, die die von Philostratos beschriebenen Bilder als einst wirklich vorhanden ansehen, doch, der Autor habe sich in der Deutung der Hauptfigur dieses Bildes geirrt. Ältere Ansichten bei Jacobs 215, neuere Literatur in der Wiener Ausg. des Philostr. (Bibl. Teubn. 1893) Appendix S. XXVIHI unter K.; dazu Steinmann Neue Stud. zu d. Gemäldebeschr. d. ält. Ph., Züricher Diss., Basel 1914. Fr ie derich s a. a. 0. 152 stützte sich auf eine an sich feine Lessingsche Beobachtung, nach der die Kunst bei Personifikationen nur das Wesentliche des zu personifizierenden Begriffes darstellen darf, da Beigabe des Unwesentlichen die Personifikation unkenntlich macht. Nun schlafe aber der philostratische K., was nicht dem Wesen des x. entspreche, und trage sogar einen Jagdspeer. Ferner gebe es sonst keine Darstellungen eines personifizierten x.; ein solcher auf dem philostratischen Bilde neben der Darstellung eines wirklich gefeierten x., also die Personifikation neben dem Personifizierten, ergebe einen Widerspruch. B r u n n Jahrb. 1. Phil. Suppl. IV 278, sonst der Anwalt des Philostratos gegen Friederichs, gab doch zu, daß K. in der von Philostratos geschilderten Weise nicht dargestellt werden könne, und nahm ebenfalls an dem Widerspruch zwischen der schlafenden Figur und dem lustigen Wesen des x. Anstoß. Dargestellt gewesen sei Hymenaios oder ein Freund des Bräutigams, der t9vpoied;-, 8; 'mei; IMpais (des Brautgemachs) icpaorexios eipyez Tag yvvaixas 47- J41297E1 I3ocüan ßonear. Schon vorher hatten Heyne und Z o e g a vielmehr einen Hypnos sehen wollen. Mit Heyne nahm Matz De Philostr. fide 59 an, alles bei Philostratos von zi elocnöv zoi) xoiyon ; an Geschilderte, also die Beschreibung des wirklich gefeierten x., sei auf dem Bilde gar nicht zu sehen gewesen, sondern von Philostratos dazu fabuliert; für die Figuren der Komasten sei auf dem Bilde kein Raum, da jede Perspektive gefehlt habe. Auch Matz läßt den Philostratos in der Deutung des Bildes irren. Dagegen B r u n n N. Jahrb. XVII 1871, 32. (Auch auf den unten zur Erklärung herangezogenen Reliefs sind zwei Räume dargestellt, links ein Zimmer, charakterisiert durch den Teppichvorhang der Wand, rechts der Garten vor dem Haus, aus dem die Komasten in das Zimmer eintreten, charakterisiert durch den Priapos.) Steinmann 24 schließlich sah in der Hauptfigur nichts weiter als einen der Komasten; da er exet vios napa viovs, so unterscheide er sich in nichts von den übrigen. — Einzig Friedländer Joh. von Gaza 89 nahm sich jüngst, und mit Recht, des Philostratos an. Alledem gegenüber ist zu sagen: der auf Lessing gestützte Einwand gilt hier nicht; man kann sich die Hauptfigur sehr wohl als einen ausreichend,ja sogar trefflich charakterisierten bestimmten Einzeltypus eines Komasten vorstellen, [1302] s. u. Der Dargestellte schläft nicht; diese Angabe des Philostratos darf man nicht pressen. Denn er kommt ja als Junger zu Jungen; auch hat er noch die Empfindung, er könne sich mit der niederfallenden Fackel brennen; beides ist bei einem Schlafenden undenkbar. Vielmehr war mit sichtlicher Sachkenntnis ein schwer Betrunkener gemalt, der im Halbschlafe daher schrei t e t. Der sehr auffällige Jagdspeer ist durch Emendation der Stelle beseitigt, S. 7 Z. 1 der Wiener Ausg. Das Nebeneinander eines personifizierten K. und eines wirklich als gefeiert dargestellten x. hat gar nichts Auffälliges; vielmehr erläuterte der reale x., welche Personifikation in der Hauptfigur gemeint sei.

Wie man sich nämlich das Ganze zu denken hat, wird meines Erachtens durch erhaltene ähnliehe Kunstwerke klar, durch die sog. Ikarios-reliefs, Helbig -Am elung Führers nr. 104 und 238. Schreiber Hellenist. Reliefbilder Taf. 37-39. Hier wird ein siegreicher dramatischer Dichter oder Schauspieler dadurch geehrt, daß Dionysos bei seinem Siegesfeste erscheint; und so war, meine ich, auf dem philostratischen Bilde die Epiphanie des K. unter Symposiasten dargestellt. Nun zeigen die Ikariosreliefs mit unübertrefflich getreuer Charakterisierung vier Arten der Betrunkenheit: die würdevolle des weinschweren, gewichtigen alten Herren; die lustige und lärmende des kräftigen jungen Mannes; die komisch wirkende — wie seelenvergnügt flötend der alte Seilenos mit seinen kurzen dicken Beinchen im Tanzschritt daherstampft, wird in seiner ganzen Spaßhaftigkeit auch auf den guten Sehr eib er sehen Abbildungen nicht recht klar. Vor allem aber ist es für diesen alten Mann nicht dezent, daß sein Unterleib entblößt ist. Er hat zu einem bestimmten Zwecke sein Gewand in die Höhe genommen, um es nicht zu befeuchten; aber, postquam vesicam emoneravit, hat er ganz vergessen, das Kleidungsstück wieder fallen zu lassen, und marschiert nun so inferiore parte corporis nuda in das Zimmer zu dem Fräulein hinein; das ist eine derbe, aber bei jedem neuen Betrachten des Reliefs unendlich wirksame Komik — und schließlich die Betrunkenheit, die die Sinnlichkeit weckt. Eine fünfte Art nun charakterisiert der philostratische K.; es ist der Zustand des ganz schwer Bezechten, der schon halb schlafend und ganz stumpfsinnig durch die Straßen wankt, der aber trotz oder gerade infolge seines Zustandes das Bedürfnis empfindet, da, wo er noch Licht sieht, noch einmal einzukehren. Das alles ist sehr verständnisinnig und weinschwelgpsychologisch ganz sachgemäß gedacht. Diesem Daimon K. nun folgen andre Komasten als sein Thiasos, wie auf den Ikariosreliefs dem Dionysos der seinige, aber in einer anderen Art der Betrunkenheit wie er.

Dadurch erledigen sich wohl die anderen vorgebrachten Deutungen. Es kann kein Hypnos vorliegen; was hat es für einen Sinn, in einem Bilde auszudrücken, daß die zu fröhlichem Tun Versammelten bald einschlafen werden? Andre Gegengründe J a c ob s 211. Ein Hymenaios ist nicht so betrunken (,rot vom Wein', MEI>6(01, Hofer in Reschere Myth. Lex. III 1, 1492. Preller-Robert Gr. Myth. 14 141. Gruppe Gr. Myth. 263. Nilason 31. Schäfer De Jove spul Car« culto (Dies. phil. Hai. XX) 347ff. Als Fest dieses Gottes werden die Koiniesa (seltener Kopvetov genannt, z. B. Bull. hell. XI 380 Z. 4 und 16. XV 186 Z. 12. 188 Z. 4. XXVIII 254 nr. 73 Z. 4) gefeiert, und zwar in dem Gebirgsdorfe Panamara, unweit der von Antiochos I. Soter von Syrien gegründeten Stadt Stratoni- 10 keia. In Panamara wurde dann das Heiligtum des Zeus Panamaros, d. h. des hier verehrten karisehen Zeus gebaut, dessen Ruinen auf den Baiacabergen bei Eski-Hissar wiedergefunden worden sind ; vgl. Bull. hell. XII 82. Dieser Tempel bildete fortan den religiösen Mittelpunkt für verschiedene Gemeinden, die im Anschluß daran sich auch politisch zu einem xotvriv einigten, das öfters in den Inschriften genannt wird. Vgl. Schreiber a. a. 0. 37ff. 49. Von dem Zeus 20 Panamaros sind allmählich die Lokalgottheiten verdrängt worden. So erklärt es sich ganz einfach, daß K. nicht erwähnt wird, woran Schäfer 424 Anstoß nimmt. Die zahlreichen dort gefundenen Inschriften aus der Kaiserzeit lehren uns, daß es neben dem Hauptheiligtum auch ein Xautietov gab, und berichten manche Einzelheiten über das Fest der .Kauveta. Die Inschriften sind in mehreren Bänden des Bull. hell. zum Teil veröffentlicht ; ich zitiere diese ohne 30 Angabe des Titels. Vgl. die Zusammenstellung bei Schäfer 422f. Die jüngste Inschrift auch bei Dittenberger Syll. 113 900. Die Komyria wurden jährlich gefeiert, wie auch das Hauptfest der Panamareia. Daneben fanden zu Ehren der Hera Teleia die Heraia statt ; vgl. hierüber D e - schamps-Cousin XI 831f. XII 249ff XV 174ff. H ö fer a. a. 0. 1494f. Nilsson 28f. Schäfer 421ff. Die für die Komyria in der Syllege 113 S. 617, 2 angenommene Ausnahme trifft 40 nicht zu; s. n. Z. 50ff. Die Komyria dauerten zwei Tage, die Panamareia dagegen zehn. Jene sind aber wohl das ältere Fest und haben an Bedeutung kaum etwas eingebüßt ; denn trotz ihrer Kürze werden reichlich Spenden verteilt. Vor allem aber war die Feier von Mysterien damit verbunden; s. u. Priester und Priesterin (leas iv Xouvelots, manchmal iv Xoliveicp, so XV 188 nr. 131 Z. 2) waren für beide Feste gemeinsam und wechselten jährlich. Nur wenn die Heraia gefeiert wurden, 50 konnte, wie es scheint, eine Trennung eintreten, indem entweder Heraia und Komyria (XI 145 Z. 6. XV 202 Z. 9. 204 Z. 7) oder Heraia und Panamareia (XI 375 Z. 1. 376 Z. 25. XV 191 nr. 136 Z. 2. 6) in einer Hand waren. Demnach werden gelegentlich die Panamareia und die Komyria allein erwähnt (XI 389 nr. 5. 6. XV 196 Z. 34). Alle drei Ämter zusammen scheinen nicht von einem Priesterpaare verwaltet worden zu sein , und das ist wegen der mit dem Amte 60 verbundenen großen Ausgaben sehr begreiflich. Die Inschriften nennen eine ganze Reihe von Männern und Frauen , die das Priesteramt bekleidet haben. Oft blieb es in derselben Familie; die Priester heißen dann keel, vgl. XV 169ff. Da die Verwaltung des Amtes sehr kostspielig war, werden öfters 0v/eilore !sei eeevez erwähnt , z. B. XI 381 Z. 32, d. h. [1303] Philo' etr.) wie unsere Figur. Noeh weniger kann es sich um einen Türhüter oder um einen einfachen Komasten handeln. Unser K. war ersichtlich die durchaus in die Augen springende Hauptfigur des Bildes. Zu einer solchen kann man aber weder einen einzelnen Komasten noch den evecoQds machen, der dem jungen Ehemann den genannten Freundschaftsdienst leistet; für einen solchen Türwächter wäre ja auch der Halbschlaf in der Bezechtheit recht wenig charakteristisch. Weiter handelt es sich vielleicht gar nicht um eine Hochzeitsfeier, worauf das Wort väerycoi geführt hat; dann könnte man ja durch die offene Tür die jungen Eheleute auf dem Lager erblicken! Vielmehr kehrt wohl der K. mit seinen Komasten bei einem Symposion ein, bei dem 1:Idairen anwesend sind; die Kutpat wären also so aufzufassen wie die ‚liebenswürdige Gesellschaft', die sich der junge Mann auf dem Ikariosrelief 104 zu seiner Siegesfeier gebeten hat. Freilich kann, streng genommen, vi'nupri nicht = iralea sein; aber den Dichter und seine Gefährtin auf dem Relief des vatikanischen Kohlenbeckens kann man sich sehr wohl in übertragenem Sinne als vtieuptei denken (nach Jacobs 208f. lädt sich der K. bei einem Hochzeitsmahle zu Gaste). Ich sehe also bei gutem Willen, den Philostratos archäologisch zu erklären (eine grundsätzlich andre Auffassung vertritt M ü n - scher Burs. Jahresb. LXX 1915, 138), in dem Bilde nichts Auffallendes außer dem Umstande, daß es außer den zwei von Philostratos bezeugten Personifikationen des K. sonst keine solchen gibt. Daraus folgt aber noch nicht, daß Philostratos phantasiert oder sich geirrt oder gefälscht hat, sondern nur die Trümmerhaftigkeit unserer Überlieferung. Nicht aber sollte sich Steinmann 25 auf die in Rosthers Myth. Lex. II 12811f. bezeichneten bildlichen Darstellungen des K. berufen; denn diese Satyrn sind, wie wir sahen, etwas ganz anderes. S. d. Art. L e im o n e s.

Auf dem Sarkophagrelief in Villa Albani Baumeister Denkm. I 701 Abb. 759, auf das zweifelnd Rescher verweist, liegt kein K. vor, Helbi g- Am elung Führers II 1887. Robert Sark.-Rel. Text zu II Taf. 1, sondern Hymenaios. Andre fälschlich auf K. gedeutete Darstellungen: Jacobs 212.