RE:Plinius 5/VIII

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
<<<
VIII. Kapitel
RE:Plinius 5
>>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: RE:Plinius 5
Seite: 392–439
von: Wilhelm Kroll
Zusammenfassung:
Anmerkung:
Bild
[[Bild:|250px]]
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
[[Index:|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe

[392]

9. Die B. XXXIII–XXXVII enthalten die Mineralogie, richtiger gesagt (da diese Wissenschaft im Altertum in den Kinderschuhen steckengeblieben ist), die Lehre von den Metallen und Steinen. Die Beschreibungen dieser Stoffe nehmen den geringsten Platz ein, können auch nach dem Stande der Wissenschaft nur oberflächlich sein; doch sei bemerkt, daß bei der Schilderung des sog. Diamanten (o. Bd. V S. 323) und sonst gelegentlich auf die Krystallformen eingegangen wird (XXXVI 56. XXXVII 137. 144. 147. 178). In der Hauptsache aber handelt es sich für P. gar nicht um Mineralogie, sondern um Lithurgik, d. h. angewandte Steinkunde, so daß z. B. bei den Edelsteinen über deren medizinische und abergläubische Verwendung eingehend gesprochen wird. Vgl. A. Nies Zur Mineralogie des P. Progr. Realschule Mainz 1884. Namentlich aber hat P. den wunderlichen Einfall gehabt, die künstlerische Verwendung der Stoffe ausführlich zu schildern und dabei die Geschichte der Kunst zu erzählen; daher haben diese Bücher besondere Beachtung gefunden. Daß P. kein inneres Verhältnis zur Kunst hat, daß es ihm auch hier in erster Linie auf Anhäufung von Stoff ankommt, empfindet man überall in diesen Abschnitten und erkennt es aus gelegentlichen Urteilen wie XXXIV 38. 45f. Vgl. etwa Kalkmann 242.

Diese Chapters on the History of Art sind von K. Jex-Blake übersetzt und von E. Sellers mit Kommentar und historischer Einleitung versehen (Lond. 1896), die die Ergebnisse der Forschung geschickt zusammenfaßt. Die chemisch-mineralogischen Abschnitte sind mit Apparat, Übersetzung und Sachkommentar ediert von K. C. Bailey P.’ Chapters on Chemical Subjects. I. II (Lond. 1929/32); auch Abschnitte aus B. II. IX. XIX. XXXI sind aufgenommen. Über P.’ chemische Kenntnisse handelt v. Lippmann Abh. u. Vortr. I (1906) 1–46. Die Indices der B. XXXIII–XXXVI bespricht Urlichs Quellenreg. (s. S. 425). Oehmichen 108ff. Zur Frage des Bergbaues S. Täckholm Studien über den Bergbau der römischen Kaiserzeit [393] (Upsala 1937); zahlreiche P.-Stellen werden hier erörtert.

B. XXXIII, das metallorum naturae enthalten soll, hat es eigentlich nur mit Gold und Silber zu tun; das bietet Gelegenheit zu Tiraden gegen den Luxus, die gleich mit dem Prooemium einsetzen (1–5), aber sich über das ganze Buch hinziehen. Der leitende Gedanke für das Buch sind die Erträgnisse der Bergwerke, so daß neben Gold (4–85) und Silber (95–158) auch die Nebenprodukte des Bergbaus abgehandelt werden, bei denen (wie meist schon bei Th.) immer wieder betont wird, daß sie sich in Gold- und Silberbergwerken finden (4. 86. 95. 99. 101. 106. 111. 158). So kommen Chrysokolla (s. d.) 86–93, Minium (111–125), Quecksilber (99f. 123ff.), Stibi (101), Lithargyros (106), Ocker und Kyanos (158–164) zu ihrem Recht. Kleinere Einlagen sind die über Lötung (94), Vergoldung (125), den Wetzstein (126) und berühmte Toreuten (154–157), die nach ihrer künstlerischen Bedeutung in vier Klassen eingeteilt sind (ähnlich auch in den folgenden Büchern: s. Oehmichen Übersicht 160ff.); dagegen kann man die großen kulturhistorischen Abschnitte kaum noch als Exkurse bezeichnen. Denn beim Gold erfahren wir über technische Dinge zunächst gar nichts, sondern nur von seinem Gebrauch in Rom (das griechische Material ist dürftig und beschränkt sich beinahe auf einige Homerstellen): dem Tragen goldner Ringe (abgeschlossen 41 E.), wobei auf die Geschichte des Ritterstandes eingegangen wird (29–36); das Münzwesen (42–47), Kunstgewerbliches, Wirtschaftsgeschichtliches (133–138. 141ff.) u. dgl., immer mit dem Hintergedanken, wieviel besser es in der goldlosen Zeit gewesen sei. Von der Gewinnung des Goldes handeln § 58–81; doch ist 64f. ein Abschnitt über Vergoldung eingeschoben, und am Schluß steht etwas über Mischung mit Silber und Elektron; einen Anhang bilden goldene Statuen (82f.) und die medizinische Verwendung (84f.). – Der Teil über das Silber beginnt mit einer rein bergmännischen Belehrung, von der auch später immer wieder Spuren auftauchen; von der medizinischen Verwendung des Silbers ist 102–104, von der der Beiprodukte öfters die Rede, vom Spiegel 128ff.; daher heißt es auch in der summa am Ende der Inhaltsübersicht: medicinae et historiae et observationes CCLXXXVIII..

Betrachten wir das Autorenregister, so sondert sich die Liste derer ab qui de medicina metallica scripserunt; denn daß Detlefsen so mit Recht für scripsit der Vulgata geschrieben hat (B hat nur s.), dürfte feststehen. Es ist eine Liste von 15, von denen 8 (aber in anderer Reihenfolge) in der Ärzteliste zu B. XXI–XXVII stehen; auch die übrigen sieben kommen anderwärts vor, meist in XXXIVf., aber auch in XIIf. und sonst. Im Text ist keiner von ihnen genannt, und wir dürfen annehmen, daß P. die ganze Liste anderswoher übertragen hat, ohne einen dieser Autoren selbst einzusehen – aus Sextius? (Atenstädt Herm. LVII 241). Jedenfalls nicht aus dem Arzt Xenokrates (von Ephesos), der von X. von Aphrodisias zu trennen ist (s. u. S. 407). Die Liste bei Oehmichen 92 täuscht. – Von Griechen nennt er sonst noch Th., der im [394] Text zweimal angeführt wird (113. 126) und dessen direkte Benutzung 113f. 161 in Betracht kommt, während die kleinen Berührungen (meist mit περὶ λίθων) in 86. 94. 123. 126. 158 auf indirekter Benutzung beruhen werden; s. u. S. 395 über 35. Der 118 auch im Text erscheinende Iuba kommt außerdem für einige Notizen in 112–116 (52?) in Frage. An die beiden griechisch schreibenden Römer Iulius Bassus und Sextius Niger denkt man bei den medizinischen Angaben, an letzteren besonders 102–105ff. Am Schlusse des Index steht Metrodor von Skepsis, aus dem irgendeine Lesefrucht stammen mag (o. Bd. XV S. 1482, wo Schol. Nikand. Th. 613 zuzufügen); von den vorher aufgezählten sieben Kunstschriftstellern käme allenfalls Pasiteles in Betracht (130. 154–157); doch ist zu beachten, daß der Künstlerkatalog 156f. sich nach dem römischen Alphabet richtet (verkehrt Roßbach Rh. Mus. LIII 167), und Furtwängler Kl. Schr. II 11 könnte Recht haben, wenn er seine Zusammenstellung dem P. selbst zuschreibt (vgl. jedoch die Liste von τορευταί Athen. XI 782 b und die bei Diels Abh. Akad. Berl. 1904, 6f.: man sieht, daß dergleichen damals massenhaft umlief).

Unter den römischen Quellen steht an erster Stelle Domitianus Caesar: diese Vorzugsstellung soll der Ergebenheit gegen das Kaiserhaus Ausdruck verleihen. Daß der schon in 21 genannte Fenestella zu spät erscheint, mag ein Versehen sein; man braucht deshalb nicht mit Urlichs Quellenreg. 3f. eine Änderung des ursprünglichen Planes anzunehmen; es sondern sich leicht einige aus, aus denen P. nur Lesefrüchte entnimmt: Iunius Gracchanus 36, Piso 38 (auch 17?), Licinius Calvus 140, Vergil 6 (vgl. 72). Unter den wirklichen Gewährsmännern nimmt Varro den ersten Platz ein; für die Verwendung des Goldes und Silbers in Rom vor allem im staatlichen Gebrauch war er die ausgiebigste Quelle, und seine Schwärmerei für die einfache alte Zeit machte ihn für P. besonders verwendbar. Er wird viermal im Text genannt, kommt aber für große Teile der Abschnitte 6–57. 133–155 als Quelle in Betracht; ihm ist auch das Timaioszitat 43 entlehnt. Mit ihm konkurriert öfters der schwer zu fassende Verrius, der 63. 111 mit Namen genannt wird, an den aber schon H. Brunn 41 bei 10. 42. 112 dachte; Genaueres bei Münzer 307 (jedenfalls ist 42–47 nicht einheitlich; der Satz Servius rex primus signavit aes [43] widerspricht der Ansicht des Verrius: o. Bd. II S. 1507, 57); 61 will Kalkmann 142. 2 lieber dem Mucian zuweisen. Für das Eindringen des Gold- und Silberluxus namentlich in das Kunstgewerbe ist Fenestella (zitiert 21. 146) stärker ausgebeutet, als Münzer zugeben wollte; s. Reitzenstein Festschr. Vahlen 413 über 144ff.; vgl. auch 151ff.). An den 145 genannten Nepos hat man auch bei 27. 57. 82 gedacht; an den 50 genannten Messala bei 39. 82. 132. Notizen aus Mucianus stehen 81. 129. 155, aus Valerius Maximus 150. 153 E., aus Vitruv ist 121f. 163 etwas entnommen; wenn hier auf den Kyanos bezogen wird, was bei Vitr. von Ocker gesagt ist, wird P. selbst die Schuld tragen. S. Bd. XV S. 1848, 41 (wo ich anders urteilte).

Das Buch enthält viele technisch und kaufmännisch [395] genauen Angaben, z. B. auch über Preise. Einen wichtigen Punkt hat Münzer 390, 1 aufgeklärt: Die Angaben über die Mineralschätze Spaniens stammen aus dem im Index übergangenen Cornelius Bocchus, der ähnlich sorgfältig arbeitete wie Frontinus und vor der Mitteilung fachmännischer, auch barbarischer (iberischer) Worte nicht zurückschreckte (62. 67. 77f. 80. 89. 95–98. 106. 118. 158). Ihm wird auch die sachkundige Beschreibung der Goldgewinnung 66ff.: (o.Bd.VII S. 1565; zu 70 s. Quiring Forsch, und Fortschr. X 34f.) zuzuschreiben sein, die von iberischen Worten wimmelt; Einzelheiten könnten letzten Endes auf Th. περὶ μετάλλων zurückgehen. Gar nicht greifbar ist Annius Fetialis, bei dem alles Mögliche gestanden zu haben scheint (s. d.). Das Staatsrechtliche ist im ersten Teil (bes. 243.) so genau, daß man an eine juristische Quelle von der Art des Ateius Capito denken möchte.

Daß man sich den Sachverhalt auch hier nicht einfach denken darf, mag eine Betrachtung von 161ff. zeigen. Was P. in § 161 über den Kyanos sagt, beruht zum großen Teil auf Th. lap. 55; doch ist der Inhalt dieser Stelle mangelhaft und entstellt wiedergegeben. Denn Th. stellt keine Stufenleiter der drei Arten nach ihrer Güte auf, sondern sagt nur, der ägyptische eigne sich am besten für dicke, der skythische für wässrige Farbenmischungen: also entspricht weder Aegyptium maxime probatur noch praefertur huic (dem skythischen) etiamnum Cyprium. Ferner ist Scythicum diluitur facile eine ungenaue Wiedergabe von ὁ σκύθης (βέλτιστος) εἰς τὰ ὑδαρέστερα, und wenn es weiter heißt et cum teritur in quattuor colores mutatur, candidiorem nigrioremve et crassiorem tenuioremve, so liegt dem wohl weiter nichts zugrunde als Th.s Worte φασὶ ... τὸν κύανον ἐξ ἑαυτοῦ ποιεῖν χρώματα τέτταρα, τὸ μὲν πρῶτον ἐκ τῶν λεπτοτάτον (λεπτ. Hss.), τὸ δὲ δεύτερον ἐκ παχυτ;των μελάντατον. Ähnliches gilt von XXXVII 119, wo außer derselben Th. Stelle auch § 31 für die Tatsache benutzt ist, daß es männlichen und weiblichen Kyanos gebe. Dort wird aber im Gegensatz zu XXXIII (und auch zu Th.) die Reihenfolge aufgestellt: skythischer kyprischer ägyptischer. Was dort über Verfälschung durch ägyptische Könige gesagt wird, ist aus Th. 55 entnommen, bei dem aber nichts von tinctura steht, sondern von χυτὸς κύανος; daß es sich bei diesem wirklich um Färbung handelte (Bd. XI S. 2240, 43), wußte vielleicht weder P. noch sein Gewährsmann. – Was in XXXIII 161 noch folgt, hat mit Th. nichts mehr zu tun, sondern stammt aus römischer Quelle. P. spricht da vom caeruleum Puteolanum und Hispaniense; da Vitr. VII 11, 1 berichtet caeruli temperationes ... Vestorius Puteolis instituit faciundum, und da P. in § 162 sagt nuper accessit et Vestorianum (doch wohl caeruleum, nicht lomentum), so hat man Vitruv zu seiner Quelle machen wollen (Blümner Bd. XI S. 2239, 10. 47; vorsichtiger Detl. Philol. XXXI 407). Tatsächlich haben P. und er außer den Namen nichts gemein; so richtig Oehmichen 224, der eine jüngere Quelle wie Vestalis annimmt. Ob die Mißverständnisse des Th. dieser Quelle oder dem P. selbst zuzuschreiben sind, ist kaum zu entscheiden.

[396] Gerade in diesem Buche sind Hinweise auf Ereignisse der Kaiserzeit häufig (29–33 Augustus bis Claudius); von augusteischer Zeit ist 82. 135, von Tiberius 32, von Caligula 53. 79, von Claudius 23. 41. 54. 63. 134. 145, von Nero 47. 54. 67. 90. 140. 164, von Vespasian 41 die Rede, und an der Spitze des Autorenregisters steht Domitian. Hier geht gewiß Vieles auf eigene Erinnerung zurück, und Oehmichen 117ff. hat den Versuch gemacht, diese eigenen Zusätze des P. in den kunsthistorischen Büchern auszuscheiden. Nos vidimus heißt es 63 (vgl. 152); ein nunc, nuper u. dgl. (24. 98. 162f.) ist aber nicht immer in diesem Sinne zu verstehen.

Preisangaben (nach der generellen Bemerkung 164 für Rom geltend) finden sich 79. 90. 117f. 147. 158f. 162f.

B. XXXIV enthält die Beschreibung der Produkte der Erz-, Eisen- und Bleigruben (1–137. 138–155. 156–178). Eine weitere Dreiteilung des Inhaltes ergibt sich dadurch, daß das Bergwerkstechnische, das Künstlerische und das Medizinische nebeneinander stehen, wie das P. selbst XXXV 1 hervorhebt. Der Abschnitt über das Erz geht nach einer kurzen Bemerkung über seine Bedeutung für Rom auf das natürliche Vorkommen ein (2–4) und wendet sich dann nach einem Klagelied über den Verfall der Kunst (5) der künstlerischen Verarbeitung des Metalls zu (6–93); Genaueres über den Aufbau dieses Hauptstückes s. u. Es folgt ein technischer Abschnitt über Legierungen und Guß (94–99), und den Schluß bildet die medizinische Verwendung des Erzes und seiner Nebenprodukte wie Galmei, Vitriol usw. Beim Eisen steht nach einer Deklamation (138) und einigen historisch-kunstgeschichtlichen Paradoxa (139–141) das Technische voran, wobei der Magnet eingeschoben ist (147f.); die Heilwirkung bildet den Schluß (151–155). Der Abschnitt über Blei (und das von ihm nicht getrennte Zinn) bringt erst das Technische, dann (von 166 an) das Medizinische, wobei auch Bleiweiß und Arsenik erscheinen.

Die Quellenfrage liegt einfach, wo es sich um die Heilwirkung handelt (bes. 100–136): hier ist die Übereinstimmung mit Dioskorides’ V. Buch so schlagend, daß wir Sextius Niger als gemeinsame Quelle ansetzen dürfen; manchmal hat der eine, manchmal der andere Autor der gemeinsamen Quelle mehr entnommen. Auch das Zitat des Iollas und Nymphodoros (104) dürfen wir wohl auf diese zurückführen. Die Möglichkeit, daß Einiges von dem, was bei P. über den Bestand bei Dioskorides überschießt, aus dem nur im Index genannten Iulius Bassus (Bd. X S. 180) genommen ist, liegt natürlich vor; Mayhoffs Angaben unter dem Text sind ein guter Führer. Ohne erkennbares Prinzip teilt P. manchmal genaue Rezepte (119. 122) oder Marktpreise (160f.) mit. – An Demokrit, der den Index eröffnet, denkt man bei 151. Schwieriger liegt die Sache, wo es sich um Gewinnung und Verhüttung der Metalle handelt. Hier ist deutlich, daß P. moderne Verfahren und Zustände schildert (2–4. 142–150. 156–165), wo man gelegentlich an eigene Kenntnis denken möchte (4 ferunt nuper etiam in Germania provincia repertum). Doch drängen sich spanische Notizen so in [397] den Vordergrund, daß Münzers Vermutung (390, 1), für die Schilderung der spanischen Bleigruben (156–158. 164f.) sei Bocchus zugrunde gelegt, mir völlig gesichert erscheint; auf ihn scheint auch in 148 der bergmännische Ausdruck bulbatio zu weisen (ebenso 159 galena), auch 149 könnte man ihm zuschreiben. Offen bleibt die Frage nach der Herkunft der übrigen Partien dieses Charakters (94–98 oder 99, vgl. Bd. III S. 895f.), für die aus dem Index kaum ein anderer Name zu gewinnen ist als Bocchus. Auch in 22 weist eine Spur auf ihn (Solin. 2, 18).

Am meisten Interesse erweckt und die meisten Aporieen aufgeworfen haben die kunstgeschichtlichen Abschnitte. Ich nenne die Literatur nur, insofern sie noch Wert hat, und verweise für die ältere auf Teuffel⁷ § 313, 4. Schanz-Hosius II⁴ 775. Kommentiert ist das Meiste in Urlichs Chrestomathia; ferner von Miss Sellers (Lond. 1896, o. S. 392). Die Abschnitte über Blei und Eisen (außer 140f. über eiserne Statuen in Rhodos) gehen die Kunst nicht an.

Daß der umfangreiche Teil, der es mit der künstlerischen Bearbeitung des Erzes zu tun hat, uneinheitlich ist, fällt selbst dem flüchtigen Leser auf, und hier noch weniger als sonst kommt man mit der Einquellentheorie weiter. Als erster stellte O. Jahn (S.-Ber. Sächs. Ges. 1850, 1053.) den Zusammenhang mit griechischer Kunsttheorie her, zeigte in den pointierten Urteilen über einzelne Kunstwerke die Nachwirkung griechischer Epigramme auf und wies in der Behandlung der Erzplastiker (und Maler) einen entwicklungsgeschichtlich orientierten Kern auf (vgl. A. Brieger De fontibus libr. XXXIII etc. Greifsw. 1857). Nach mannigfachen, zum Teil sehr in die Irre gehenden Versuchen verfolgte F. Münzer (Herm. XXX 499) letztere Beobachtung weiter und verwertete sie für die Quellenfrage. Der Versuch von A. Kalkmann Die Quellen d. Kunstgesch. des P. (Berl. 1898), über seine Vorgänger hinauszukommen, ist nur teilweise gelungen (Detl. Berl. phil. Woch. 1899, 361). Das Künstlerlexikon des P. behandelte G. Oehmichen Plinianische Studien (Erlang. 1880) 106–211. Die von P. indirekt benutzten Autoren sind uns meist nur in ihrer allgemeinen Tendenz faßbar, und die Zurückführung bestimmter Stellen oder größerer Abschnitte auf sie ist nur selten möglich.

Bei § 6 beginnen die Spuren einer Darstellung, die die Legierungen (korinthisch, delisch, aeginetisch) zugrunde legte (wobei die Einordnung der angeblich erst im J. 146 entstandenen korinthischen Bronze Schwierigkeiten macht) und dann den Fortschritt der Verwendung von Geräten bis zu Bildwerken schilderte; daran schloß sich die Schilderung der Fortschritte, die diese Kunst von Pheidias bis Lysipp gemacht hatte. Doch bildet diese wirklich historische Darstellung nur einen dünnen Faden, der sich durch einen Wust anderer Exzerpte hindurchzieht, von denen sich am leichtesten die römischen Notizen aussondern lassen. Daß dieser Kern auf Xenokrates zurückgeht, hat Robert (Archäol. Märchen 28. 37. 62) gesehen und Münzer erhärtet; das Nähere bleibt dem Art. Xenokrates vorbehalten. Aber im Index erscheinen neben ihm [398] mehrere mit dem Zusatz qui de toreutice scripsit; von diesen wird im Text nur Duris (61) für ein bestimmtes Faktum angeführt, während Menaechmus, der kaum greifbar ist, Xenokrates und Antigonus unter den Künstlern erscheinen (80. 83. 84) mit der Bemerkung, sie hätten de sua arte geschrieben. Ferner nennt das Register als Kunstschriftsteller noch Heliodoros, der nur für athenische Kunstwerke in Frage kommt (Bd. VIII S. 17) und gewiß nur indirekt benutzt ist; ferner Timaios und Praxiteles. Mit Timaios ist gewiß der Historiker gemeint, und der Zusatz qui item (sc. de toreutice scripsit) bei ihm wie bei Duris ein Versehen; P. den Duris selbst einsehen zu lassen (Kalkmann 123. 1443.), liegt kein Grund vor.

So bleiben als in weiterem Umfang benutzte griechische Quellen Xenokrates (s. Schweitzer Xenokrates von Athen, Schrift. Königsberg IX 32 20–46), Antigonos und Pasiteles übrig. Über Antigonos s. Bd. I S. 2421; Münzer 519ff. sucht zu zeigen, daß er die Kunstgeschichte des Xenokrates überarbeitet habe, worin ihm Robert vorangegangen war (47ff. Dessen Vorstellung von einem pergamenischen Kanon ist nicht aufrecht zu erhalten; s. o. Bd. X S. 1873–1878; verfehlt daher auch Kalkmann 121ff.). Wie dem auch sein mag, eine Zerschneidung der kunsthistorischen Partie in Stücke, die aus dem einen oder anderen genommen seien (s. etwa Kalkmann 219f.), ist unmöglich, und man kann aus P. keine allzu genaue Vorstellung dieser letzten Quellen gewinnen (Pasquali Herm. XLVIII 162); sicher ist natürlich, daß die mindestens von der Mitte des 3. Jhdts. an lebenden Künstler nur von Antigonos genannt sein können, der am Ende dieses Jahrhunderts schrieb. Pasiteles (s. d.), der ebenfalls Bildhauer war und quinque volumina nobilium operum in toto orbe (XXXVI 39) schrieb, gehört in Pompeius’ Zeit und kann daher Künstler bis aus der Mitte des 1. Jhdts. genannt und auch auf den Standort der Werke geachtet haben, auch solcher, die sich in Rom befanden (Furtwängler Jahrb. f. Philol. Suppl. IX = Kl. Schr. II 35ff., der aber zuviel von Pasiteles weiß). Münzer 538. Über die Benutzung von Epigrammen hat Jahn 118 aufschlußreich gehandelt (über die Gattung O. Benndorf De anth. gr. epigr. quae ad artem spectant); daß sie von P. selbst benutzt seien (Kalkmann 199f.), ist unwahrscheinlich.

Direkt benutzt könnte P. von diesen Autoren nur den Pasiteles haben, und ich neige deshalb dazu es zu glauben, weil die starke in dem ganzen Abschnitt herrschende Verwirrung und die Merkwürdigkeiten der Anordnung kaum erklärlich sind, wenn man alles aus Varro herleitet – auch bei der gebotenen Voraussetzung, daß die verschiedensten Schriften des Polyhistors ausgebeutet sind, über die Tatsache seiner Benutzung besteht kein Zweifel (s. etwa Furtwängler 51–71. Oehmichen Plinian. Studien 206; gutes Referat über diese und verwandte Fragen bei Sellers LXXVII); aber im Einzelnen ergeben sich große Schwierigkeiten. Allgemeine Erwägungen sowie die Zitate Varros im Text zeigen, daß er über alle die mitgeteilten Tatsachen, soweit sie in seine Lebenszeit fallen, [399] gehandelt haben kann, und Furtwängler zählt sieben Punkte auf, von denen bei ihm die Rede gewesen sei; aber sobald man versucht, diese Mitteilungen in Varros Schriftstellerei unterzubringen, gerät man in große Schwierigkeiten. Furtwängler nimmt an, daß nicht nur in den de rebus und de locis (?) handelnden Büchern der ant. hum. Vieles gestanden habe, sondern auch in de vita sua und in res urbanae. Detlefsen Arch. Jahrb. XVI 105 denkt an die Hebdomades (und sicher waren dort die 360 [?] Statuen des Demetrios ähnlich erwähnt wie in § 17 [Non. 848, 23 L.]); Kalkmann tritt (88ff. 105) für die Disciplinae ein und 101 für de vita PR.; O. Jahn 134f. meint, daß Einzelnes im Logistoricus Fundanius de admirandis und in de proprietate scriptorum (?) gestanden habe; Schreiber 22 nimmt ein im Katalog der varronischen Schriften fehlendes Werk an: man sieht deutlich den embarras de richesse. Ganz unmöglich aber ist es, im allgemeinen zu behaupten, daß irgendeine Nachricht bei Varro nicht gestanden haben könne (Kalkmann 2213.). Sicher wird aber auf Benutzung verschiedener Schriften Varros die Uneinheitlichkeit des ganzen Abschnittes teilweise zurückgehen.

Die eigentliche Künstlergeschichte beginnt nämlich bei § 49 mit einer chronologischen Tabelle, die Künstlergenerationen von Ol. 83 bis 156 nennt und zu jeder Epoche mehrere Vertreter; es werden die bloßen Namen aufgezählt, nur bei Pheidias etwas über das Werk; bei der Generation von Ol. 90 und bei Silanion etwas über Schüler, bei letzterem auch über den – nicht vorhandenen – Lehrer. Die Zeitansätze könnten aus Apollodor stammen (Bd. I S. 2856), von dem es freilich ganz zweifelhaft ist, ob er die Kunstgeschichte berücksichtigt hat (F. Jacoby De Apd. chronicis [Berl. 1900] 23); und in keinem Falle hat ihn (trotz Kalkmann 1ff. Furtwängler 17) P. selbst eingesehen (Oehmichen 198); Vermittler können Varro und Nepos gewesen sein (über Varro Th. Schreiber De artificum aetatibus [Lpz. 1872] 12ff.). P. klagt XXXV 58 über chronicorum errore non dubio – ob auf Grund eigener Erwägung? Über die Wunderlichkeiten dieser Liste s. Robert. 38ff. Wenn nach § 52 die Kunst nach einer Pause von 140 Jahren in Ol. 156 wiederaufgelebt sein soll, so möchte Münzer das mit der angeblichen (§ 7) Erfindung der korinthischen Bronze in Verbindung bringen (Herm. XXX 538); da aber diese in Ol. 158, 3 fällt, so klafft auch hier eine Lücke. – Nunmehr bringt P. drei Künstlerlisten (Oehmichen 162). Die zunächst folgende, die nur die bedeutendsten enthält, schließt sich der Zeittabelle bis Ol. 121 (die Generation nach Lysipp) an und trägt dann Telephanes und Praxiteles nach – Letzteres zur Not dadurch entschuldigt, daß er mehr Marmor- als Erzbildner war. Bei 72 beginnt eine zweite, alphabetische Liste der reliqua multitudo (53) von Alkamenes bis Xenokrates; Übersicht mit problematischer Quellenscheidung bei Kalkmann 184. Dann ein Einschub über pergamenische Künstler, der zum Teil auf dem dort genannten Antigonos beruht (84). Während bei diesen Künstlern allerlei über ihre Werke gesagt wird, folgt nun [400] (85) eine dritte, ebenfalls alphabetische Liste von aequalitate (gleiches künstlerisches Niveau) celebrati artifices, sed nullis operum suorum praecipui. Die §§ 86–91 sind von einer vierten, ebenfalls alphabetischen Liste angefüllt: Künstler, qui eiusdem generis opera fecerunt, z. B. Philosophen, alte Weiber, Viergespanne; die am Schlusse (§ 91) stehende, wiederum alphabetische Liste von solchen, die athletas et armatos et venatores sacrificantesque darstellten, ist nur scheinbar selbständig und gehört zur vorangehenden Aufzählung. Dieses Einteilungsprinzip ließ sich gar nicht durchführen, da z. B. Athleten die Meisten gebildet hatten, also die in 91 Genannten zu Unrecht von den Vorhergehenden geschieden sind; ferner die 26 Künstler der Schlußliste natürlich nur teilweise Jäger oder Opferer in Erz gegossen hatten. P. hat aber völlige Verwirrung dadurch geschaffen, daß er verschiedenen Künstlern nur einzelne Werke zuschreibt, z. B. dem Perillos den Stier des Phalaris, also sein eigenes Einteilungsprinzip durchbricht. Von anderen Versehen will ich erwähnen, daß der bereits in 73 genannte Baton hier zum zweiten Mal erscheint. Hier am ehesten glaubt man P.’ eigene Hand zu spüren. Einen Nachtrag über Kallimachos bildet § 92.

Die erste alphabetische Liste stimmt zu der Tabelle 49ff. nicht, da sie über Ol. 83 hinaufgeht (Harmodios und Aristogeiton 70. 72, vgl. 86; Theodoros von Samos 83); überhaupt ist ja dieser späte Ansatz für den Beginn der Bronzeplastik nicht zu verteidigen. Grob in die Augen fallende Einschübe sind 60, wo nur der Homonymie wegen Pythagoras von Samos angefügt wird (vgl. Kephisodotos 87), und 79, wo der puer sufflans des Lykios doppelt erscheint. Die zweite Liste überschüttet uns mit einer Fülle meist unbekannter Namen, von denen einige bereits unter den Silberschmieden XXXIII 156 vorkamen, Stratonikos außerdem unter den Pergamenern in 84 und als Bildner von Philosophen § 90. Die dritte Liste geht weit ins 2. Jhdt. hinab (z. B. Timon 91). Es sei darauf hingewiesen, daß Varro solche Aufzählungen liebte (r. r. I 1, 8f.); aber mindestens manche Ergänzungen werden von P. selbst herstammen (vgl. z. B. Detl. Arch. Jahrb. XVI 92); Nichts war ja leichter als die Erweiterung eines solchen Kataloges (treffend B. Keil Herm. XXX 226). Es versteht sich aber von selbst und wird durch Einzelbeobachtungen bestätigt (Oehmichen 169), daß der Kern dieser Listen (obwohl sie dem lateinischen Alphabet folgen) griechisch ist.

Sicherer geht man bei der Zurückführung spezifisch römischer Notizen, deren P. viele, nicht alle streng zur Sache gehörige bringt (z. B. 93), auf Varro; solche finden sich besonders in 1. 10–32, Spuren auch in 139. 143. 148 (vgl. Reeh Quaest. Ausonianae [Halle 1916] 12); ihm wird P. auch die Zitate der Annalisten und des in 29 zitierten (im Index fehlenden) Annius Fetialis verdanken. Weniger greifbar ist, wie meist, Verrius, dessen Spuren man in 1. 13. 22. 24. 33 zu begegnen glaubt. – Nepos ist von Brunn (S.-Ber. bayr. Akad. 1875, 311) und nach ihm von Furtwängler für eine Hauptquelle erklärt worden; das trifft nicht zu, aber er wird [401] für Zeitangaben eingesehen sein, so 17 (Münzer Beitr. 342), aber auch später, da seine Stellung im Index auf Benutzung nach § 56 weist. Angaben nach Olympiaden können natürlich auch Xenokrates, Antigonos und Pasiteles gemacht haben, und sie sind für Varro keineswegs ausgeschlossen (o. Bd. I S. 627). – Messala ist 137 wörtlich für ein den Zusammenhang durchbrechendes Paradoxon zitiert. Der in 36 genannte (im Index fehlende) Mucianus kommt auch für 41. 140 und etwa noch für 74. 78. 83 in Betracht; Kalkmann 134. 141 will seine Benutzung noch weiter ausdehnen. Auf Marsus poeta wird der Witz Ciceros 48 zurückgehen, während seine Benutzung in 11 (Münzer 100) problematisch ist. Unsicher bleibt auch die Herleitung von Kaiseranekdoten (48. 62. 82) aus Deculo (Brieger 52f. Münzer 400); wahrscheinlicher ist Abhängigkeit von Fabius Vestalis in 43 (Münzer 354); daß er de pictura scripsit (o. Bd. VI S. 1872), was manche Verwirrung gestiftet hat, ist wohl durch Mayhoffs Textgestaltung erledigt. Eine direkte Lesefrucht könnte die Nennung des Metrodorus von Skepsis 34 darstellen.

Von den Notizen aus der Kaiserzeit werden manche auf eigener Erinnerung des P. beruhen; dazu könnte z. B. 38. 46. 48. 55. 63. 82 gehören (Oehmichen 117), auch die groteske Behauptung, die hervorragendsten der genannten Kunstwerke habe Vespasian im Templum Pacis und anderen seiner Bauten aufgestellt (84). Diese Frage ist mit der auch für die beiden folgenden Bücher wichtigen verquickt, woher P. die sehr ausführliche Liste der in Rom befindlichen Kunstwerke hat, die zum großen Teil aus chronologischen Gründen jünger sein muß als Varro (z. B. Urlichs Quellenreg. 18), die aber auch nur zum Teil auf Pasiteles beruhen kann; jüngere Notizen z. B. 55. 84 (Oehmichen 125). Detl. Arch. Jahrb. XVI 75. XX 113 wird Recht haben, wenn er P. ein modernes Verzeichnis benutzen läßt; ob er die Vermutung, es sei von den curatores aedium sacrarum (Bd. IV S. 1787) womöglich unter Mitwirkung des P. aufgestellt, und zwar für den Census des J. 73, läßt sich nicht aufrecht erhalten (Hauser Röm. Mitt. XX 206). Doch bildet diese Liste in keinem Falle das eigentliche Rückgrat von P.’ Darstellung.

Preisangaben finden sich 11. 37. 41. 45. 160f. 165.

B. XXXV hat nach § 1 terrae ipsius genera lapidumve (im Gegensatz zu den soeben erledigten metalla) zum Gegenstand, biegt aber unvermittelt zur pictura ab, was sich 29 dadurch aufklärt, daß dort von den Malerfarben mineralischer Herkunft gehandelt wird. Zunächst aber kommen moralisierende Betrachtungen über den Rückgang der Malerei, der auf die Bevorzugung kostbarer Materialien (Marmor, Gold) zurückgeführt wird. Dazu kommen allerlei römische Notizen, wie über die imagines maiorum, Porträtstatuen in Bibliotheken u. dgl. Bei 15 beginnt die Geschichte der Anfänge der Malerei, von der aber schon in 17 auf die italische Malerei abgesprungen wird. Dieser bis 28 reichende Abschnitt beschränkt sich aber nicht auf die älteste Zeit, sondern bringt allerlei Notizen bis aus der Regierung des Tiberius, indem krampfhaft herbeigezogen [402] wird, was sich über Maler und Gemälde in Rom sagen läßt. Der Abschnitt 29–49 befaßt sich mit der ratio pingendi (Technik) = § 29 und den pigmenta praeter metallica (Ind.), die hier nur als Malfarben betrachtet werden; den Schluß bildet eine technische Bemerkung. § 50 (über die Vierfarbenmalerei der großen Künstler) bietet Gelegenheit zu einer pessimistischen Betrachtung, an die sich in ähnlichem Ton gehaltene römische Notizen (51 f.) anschließen.

Bei 53 beginnt die Fortsetzung der in 15f. begonnenen Geschichte der Pinselmalerei, die bis 148 reicht; daß es sich nur um diese handelt, wird 61 beiläufig gesagt und ergibt sich daraus, daß der Enkaustik ein besonderer Abschnitt gewidmet ist Es sollen zunächst die celebres besprochen werden; statt dessen folgt eine Polemik gegen die angebliche Behauptung der Griechen, daß die Malerei erst mit Ol. 90 beginne, was zur Besprechung der ältesten, bis in Romulus’ Zeit zurückreichenden Maler benutzt wird (nicht in Einklang mit XXXVI 15). In dieser Kunstgeschichte bildet wiederum der von einzelnen Führern erzielte Fortschritt den leitenden Faden (Robert. 122), die Ähnlichkeit mit der Geschichte der Erzgießer ist unverkennbar (Robert. 67); daran reiht sich die Aufzählung der Werke mit Hervorhebung der in Rom befindlichen, Anekdotisches in reicher Fülle und mehrere Nachträge (in § 111). Nunmehr folgen die Pinselmaler zweiten Ranges, wobei sich Gelegenheit bietet, allerlei Italiker und Römer anzubringen, auch solche der allerjüngsten Zeit (120); eine nicht hierhergehörige, am Ende angehängte Anekdote von Lepidus (121) wirkt in diesem Sammelsurium kaum unorganisch. Bei 122 beginnen die Vertreter der enkaustischen Malerei (o. Bd. V S. 2570), über deren Technik erst 149 etwas nachgeholt wird. Vorher kommen aber noch zwei alphabetische Listen von Vertretern beider Malweisen; zuerst die der primis proximi, von denen meist nur Werke, zum Teil mit Standort, aufgezählt werden; unorganische Nachträge füllen § 145. Dann steht in 147 die zweite, nur aus Namen bestehende Liste; nur einmal wird die Zeit, mehrfach Schulverhältnisse angegeben; 147f. ist malenden Frauen gewidmet. 150 handelt über die Technik der Stoffärberei in Ägypten.

Bei 151 wird zur Tonplastik übergegangen und die anfechtbare Disposition dadurch entschuldigt, daß es sich auch hier um ein der Erde abgewonnenes Material handle. Es werden wenige Griechen genannt, dafür um so mehr Italiker bis in die letzte Zeit hinein, wobei auch auf die handwerkliche Töpferei eingegangen wird.

Der Schluß des Buches von 166 an ist mineralogisch-medizinisch. Zuerst kommen ipsius terrae commenta, Erden besonderer Art wie die Puteolana und der in der Palaistra gebrauchte Nilsand. 170–173 sind rein bautechnischer Natur und handeln von Ziegeln verschiedenen Formates. Der Rest des Buches ist in der Hauptsache dem Schwefel, Asphalt, Alaun und der Kreide gewidmet, 191–194 den per se ad medicinam pertinentia genera. Die Benutzung der Kreide zum Weißen der Sklavenfüße bietet Gelegenheit zur Deklamation gegen das Aufkommen von libertini seit der sullanischen Zeit. Den Schluß bildet [403] eine kurze Bemerkung über Erden, die Skorpione und Schlangen töten.

Bei der Quellenfrage sind die kunsthistorischen, mineralogisch-technischen und medizinischen Partien zu scheiden; darauf weist auch der Index, der bei den Griechen Autoren über Malerei und über metallica medicinaheraushebt; dazwischen stehen andere, außer Heliodor und Metrodoros qui de architectonice scripsit Demokrit, Theophrast und Apion. Über die kunsthistorischen Quellen läßt sich etwa dasselbe sagen wie zum vorigen Buch. Antigonus et Xenocrates werden 68 zitiert, fehlen aber im Index, in dem Pasiteles an erster Stelle steht. Zweifellos ist ihnen die genetische Geschichte der Malerei zu verdanken, die den von den einzelnen Künstlern gemachten Fortschritt klar herauszuarbeiten versucht – eine bedeutende Leistung. Sie werden in weitem Umfange durch Varro vermittelt sein, der 112 für Serapion, 136 für Timomachos zitiert wird und natürlich die Hauptquelle für alles Römisch-Italische ist, sich besonders für gezahlte Preise interessiert hat (Münzer 143). Den Anteil des Xenokrates von dem des Antigonos sauber zu scheiden (Robert. 71) und das Anekdotische mit einer gewissen Sicherheit auf Duris zurückzuführen (Münzer Herm. XXX 531), ist kaum angängig. Apion hat 88 nur eine Lesefrucht geliefert (falsch Bd. I S. 2805, 38). Schwache Spuren weisen auf Verrius (Münzer 277. 307. 310), Anekdotisches und jüngere Nachrichten sind aus Deculio [Carcopino Bull. de la Société nation. des Antiquaires 1929, 157ff. hat nachgewiesen, daß der Name zu D. Epulo verbessert werden muß, ebenso im Autorenverzeichnis zu B. X und X 121; es handelt sich um einen vertrauten Freund des Tiberius, CIL X 5393 genannt] (genannt 70) und vielleicht Melissus (21. 121? Münzer 362ff.) entnommen. Manches wird P. aus eigener Kenntnis schöpfen (20? 48?); daß er die Malereien in Ardea selbst gesehen und das Epigramm kopiert hat (17. 115), ist mindestens möglich.

Bei den fast nur im letzten Teil zu findenden medizinischen Angaben (s. aber auch 32. 34. 37) scheint die Übereinstimmung mit Dioskorides (176–182. 184–188. 189–195) auf Sextius Niger zu weisen, der im Index fehlt; auch in der Beschreibung der Erden 31–47 begegnet man seinen Spuren (vgl. Mayhoffs Nachweise). Hier finden sich Berührungen mit Theophrast (31. 35. 37. 198?), der irgendwie vermittelt sein wird. Preisangaben finden sich mehrfach (z. B. 70. 76. 99f. 107. 130. 156. 163). Vitruv ist in 41–43 und 46 direkt benutzt, in 166. 170–173 ausgeschrieben (kleine Zusätze finden sich); was sich sonst von Architektonischem findet, mag dem rätselhaften Metrodor entlehnt sein. Schwerlich wird viel aus Iuba stammen (39), ebenso aus Mucianus (164; etwa noch 161: Münzer 393; vgl. Oehmichen 146f. 159). Nur Nachträge dürften Longulanus und Fabius Vestalis geliefert haben, die am Schlusse des römischen Index stehen. Die Annahme von Urlichs Quellenreg. 14, der Letztere sei eine Hauptquelle für das Technische, beruht auf der falschen Beziehung von qui de pictura scripsit (o. S. 401) zu Fabio Vestale im Index. Nepos wird für die Chronologie [404] herangezogen sein (Münzer 124. 332). So sehen wir in wichtigen Fragen wenig klar.

B. XXXVI stellt etwa dieselbe Inhaltsmischung dar wie das vorhergehende. Es beginnt mit dem Versprechen, die lapidum natura zu behandeln, wendet sich aber zunächst einer Betrachtung über luxuria in marmoribus (Ind.) zu, wofür M. Scaurus mit seiner scaena und der Redner Crassus mit seinem Haus auf dem Palatium die Hauptbeispiele sind. Es folgt die Geschichte der Marmorskulptur von Dipoinos und Skyllis an (9–43), registriert als nobilitates CCXXV; die Chronologie hat in § 11 einen Riß. Die Rücksicht auf in Rom befindliche Werke – manchmal glaubt man einen Katalog vor sich zu haben – hat das Konzept verdorben, vgl. 27–29. 32 A. 33–36; ein gezwungener Übergang führt 37 zu den Laokoonkünstlern, und wieder ist die Aufstellung von Werken in Rom der leitende Faden; sehr künstlich wird 39 Pasiteles eingeführt (s. u.). Kanachos klappt in 42 nach, ebenso 43 E. die Kleinmeister.

44–50 handeln über die Verwendung des Marmors in Rom, 51–54 a über die Technik der Bearbeitung; daran schließen sich die Marmorarten (54 b–58) und verwandte Steine. Das führt auf die Obelisken, Pyramiden und Sphinxe, denen 64–82 gewidmet sind; 83 ist ein Einschub über den Pharos mit unorganischem Schluß. Von den Sphinxen an rechnet das P. zu opera mirabilia in terris, und unter diesem Stichwort finden wir die Labyrinthe, hängenden Gärten, den Tempel von Ephesos und die – zum Teil ganz aus dem Rahmen herausfallenden – Wunder von Kyzikos. Natürlich kennt P. die ,Weltwunder‘ (s. Art. Philon Nr. 49), aber er beschränkt sich weder auf die ,sieben‘, noch bindet er sich an irgendeine andere Liste (H. Schott De Septem orbis spectaculis [München 1891] 22. 29). Von 101 an folgen Romae miracula operum XVIII mit starkem Interesse für gezahlte Preise und Milos Schulden, einer Ekphrasis der Cloaca maxima (105f.) und einer Deklamation über das Theater des Curio (117–120); Italisches schließt sich an (124f.). Bei 126 kehrt er zum Thema zurück und behandelt allerlei Steine wie Magnet (s. Hennig Archiv f. Kulturgesch. XX 350–369), Gagates, Bimsstein, Spiegel-, Mühl- und Wetzstein, Kiesel, Tuff, Kalk, Sand und Gips, die teils durch paradoxe Eigenschaften und Heilkräfte teils durch technische und architektonische Verwendung merkwürdig sind; so kommt er 171–173 auf Mauer- und Zisternenbau, 178f. auf Baustile, 184–189 auf Mosaik und Estrich, 190–199 auf Glas und Obsidian. Den Schluß bildet ein Preis der Macht und Heilkraft des Feuers (200–203) mit einem Anhang über die Wundergeburt des Ser. Tullius.

Das Quellenregister enthält unter den Römern einige, unter den Griechen viele übernommene Namen; vor allem ist wichtig, daß der größere Teil der griechischen Liste von Alexander an aus § 79 (vgl. 84) stammt und nur Autoren über die Pyramiden enthält; gesehen wird P. von ihnen nur den Apion haben, dem er wohl auch andere orientalische Notizen entlehnt hat (z. B. über die Obelisken?); Ähnliches gilt von Iuba, der 163 für einen arabischen Stein zitiert wird. Die römischen Nachrichten sind großenteils aus [405] Varro entnommen (vgl. Münzer passim); einige auch aus dem 48. 59 zitierten Nepos, der sich für die Fortschritte des Bautenluxus in Rom interessiert hat; vgl. 5–7. 48–50. 109. 113–116 (Münzer 328ff.). Die Notiz über den Fortunatempel 189 verdankt P. vielleicht dem (im Index fehlenden) Verrius (Münzer 310). Allerlei Einzelheiten sind dem Mucian entnommen (genannt 131. 134); so gewiß die kyzikenischen Merkwürdigkeiten 98f. und die Notizen über den ephesischen Tempel 95ff., vielleicht auch über den Athenatempel in Elis 177 (Münzer 393). Fabianus wird für ein Paradoxon in 125 zitiert; bei der Nennung Senecas im Index möchte man an ägyptische Notizen denken.

In der Kunstgeschichte ist wohl in 9–13 ein xenokrateischer, sehr dünner Faden zu erkennen (Münz er Herm. XXX 522); doch scheint P. selbst hier Verwirrung gestiftet zu haben. Auch das Folgende ist ziemlich wirr, sicher der mehrfach genannte Varro nicht nur für die römischen Nachrichten eine Hauptquelle. Eine zweite ist Pasiteles, der in 39 merkwürdig eingeführt wird. Es heißt dort von den Thespiades im Felicitastempel: quarum unam amavit eques Romanus Iunius Pisciculus ut tradit Varro; admiratur et Pasiteles, qui et quinque volumina scripsit nobilium operum in toto orbe. Nur diese Fassung ist möglich; falsch Furtwängler 36. Kalkmann 34, 1. Es folgt eine Notiz über Pasiteles als Künstler; dann werden Kunsturteile Varros mitgeteilt. In den technischen Abschnitten zeigen die Bemerkungen über Heilwirkungen fast durchweg enge Berührung mit Dioskorides und dürfen auf Sextius Niger zurückgeführt werden, dessen Name im Index vergessen ist: s. 56. 132f. 137. 139ff. 142f. 145. 151ff. 155f. 180. In 139 geht die Bemerkung über den Amiantos letzten Endes auf Sotakos zurück (Wellmann 1928, 77), der 146 im Gegensatz zu denen, die nuperrime scripsere (eben Sextius) zu den vetustissimi gerechnet wird. Aus ihm stammt (auf dem Umweg über Iuba oder Xenokrates, s. u. S. 407) außer 146–148 auch der Abschnitt über den Aetites 149ff. (Wellmann 1935, 128). Die Berührung in 151 nicht mit Dioskorides, sondern mit Aetios darf ebenfalls auf Sextius oder Iuba zurückgeführt werden. Theophrast ist für Mineralogisches mehrmals genannt; doch bezieht sich 155 auf h. pl. und ist sicher aus Sextius übernommen. 132 und 134 gehen auf περὶ λιθῶν; aber Th. et Mucianus esse aliquos lapides qui pariant credunt stimmt nicht, ist also aus Mucian entnommen. Die anderen Berührungen finden sich 54. 127. 131. 154. 159. 182f. Zusätze in 159. 182f., Ungenauigkeiten in 155 und 183 könnte man aus indirekter Benutzung herleiten wollen (auch 132 aus Mucian nach Wellmann Qu. u. Stud. IV 4 [1935] 100); doch ist bei jenen teilweise mit Lückenhaftigkeit unseres Exzerptes, bei diesen mit Mißverständnissen zu rechnen, und namentlich an der letzten Stelle hat man den Eindruck unmittelbaren Zusammenhanges; s. Bailey zu 183. Wegen der Erwähnung der Magier 139. 142 (vgl 126f.) direkte Benutzung des Anaxilaos anzunehmen (so Wellmann 1935, 131ff.), liegt kein Grund vor (s. über B. 19. 37).

Die Benutzung Vitruvs für das, was über bautechnische [406] Fragen gesagt ist, hätte man nicht leugnen sollen; er ist eingesehen für 167f. 170–175. 177–179. 186. 188, aber es finden sich fortwährend kleine Zusätze, die nicht alle aus P.’ eigener Kenntnis stammen werden und über deren Quelle wir nichts sagen können, und einige größere Einschübe, die meist varroniseh sein werden. Richtig Detl. Philol. XXXI 385. Degering Rhein. Mus. LVII 39. L. Sontheimer (o. S. 329) 52, falsch Oehmichen 229. Poppe 15–42. Spanische Notizen (etwa 127. 160f. 165) mag der im Index fehlende Bocchus geliefert haben. Nicht weniges stammt aus jüngeren Quellen: aus P.’ eigenem Geschichtswerk 70. 124, aus Agrippas Rede (?) über seine Aedilität 121 (Münzer 407. 397). Aus eigener Erinnerung oder Beobachtung z. B. 72f. 159.

B. XXXVII hat es nach § 1 mit den gemmae zu tun und beginnt mit Notizen über berühmte Ringe und Gemmen, um sich dann – von 8 an – römischen Beispielen zuzuwenden; bei 13 schweift P. vom Thema ab und geht auf die myrrhina über, denen 18–22 gewidmet sind; es folgen Krystall und der ausführlich behandelte Bernstein (23–51), zu dem das lyncurium einen Anhang bildet. Bei 54 erklärt P., jetzt zu gemmarum confessa genera übergehen zu wollen; begonnen wird mit den laudatissimi, Diamant Smaragd Beryll Opal usw. Die callaina (callais 110) ermöglicht den Übergang zu den viridantes (113–120), auf die – indem jetzt die Farbe den Leitfaden bildet – die purpureae und die weißen folgen. Daran schließt sich von 139 an eine alphabetische Liste (bis 185), die oft nur die Namen gibt und nirgends ausführlich ist, auch auf Heil- und Zauberwirkungen – abgesehen von solchen, die bei den magi zu finden waren – nicht grundsätzlich eingeht; P. hat hier versehentlich manche schon vorher genannten Steine wiederholt. Seiner Neigung zur Anhäufung von Material und zur Aufzählung exotisch klingender Namen läßt er hier so recht die Zügel schießen. Einen Anhang bilden Steine, die nach Körperteilen, Tieren, Dingen und Farben benannt sind (186–191; vgl. dazu Bidez-Cumont I 197). § 192 enthält solche, die Zauberwirkungen haben mit dem Hinweis darauf, es gebe viel mehr, die aber nur lapides seien. Es folgen Paradoxa über Entstehung von Edelsteinen und von 196 an communiter ad omnium gemmarum observationem pertinentia, d. h. Notizen über Fälschungen und die Möglichkeit, sie zu entdecken, über ihr Vorkommen, von dem zu einer begeisterten Lobpreisung Italiens abgesprungen wird.

Sehr merkwürdig ist der Schluß, der von Edelsteinen und Perlen ausgehend über die wertvollsten Stoffe plaudert, die sich in der Natur finden (204). Den Abschluß des ganzen Werkes bildet eine Anrufung der Natura in Gebetsform (zu Catull 64, 22) mit einem kleinen Selbstlob.

Von allen Büchern enthält dieses am wenigsten römische Notizen, nennt auch im Index nur fünf römische Quellen. Unter diesen ist Varro (zitiert nur in 11) relativ am meisten benutzt; etwa noch 2. 12ff. (Triumphalakten des Pompeius) 99. Die Nennung des Maecenas hat Oehmichen Studien 79 benutzt, um ihn zu einer wichtigen Quelle für Edelsteine zu machen; [407] dagegen mit Recht o. Bd. XIV S. 225; P. kann ihm nur einzelne Notizen entnommen haben, etwa über Augustus 3. 10? (freilich wird M. kaum von seinem eigenen Siegelring erzählt haben, § 10). Die nach Münzer 365f. auf Melissus weisenden Spuren in 9f. sind zu schwach, um dessen Benutzung wahrscheinlich zu machen. Bocchus wird 24. 97. 127 für Spanisches angeführt und hat Einlagen in die Hauptquelle geliefert. Iacchus tritt 148 als Zeuge für einen ägyptischen Stein auf, müßte nach der Stellung im Register aber schon vorher benutzt sein; man setzt ihn mit dem Grammatiker Sescennius (?) Iacchus gleich (Bd. IIA S. 1853). Aus P.s eigenen Bella wird 42ff. stammen. Was über Caligula, Claudius Nero und jüngere Leute berichtet wird (17. 20. 81f. 85. 118), mag zum Teil auf eigener Erinnerung beruhen. Eine Lesefrucht aus Ovid (met. IV 741. XV 416) liegt vielleicht in 164 vor.

Die umfängliche Liste der griechischen Quellenschriftsteller (35 Namen) bezieht sich auf die Lehre von den Edelsteinen, den eigentlichen Inhalt des Buches. Hier ist die neuere Forschung, zum Teil durch Veröffentlichung unbekannter Texte, erheblich weiter gekommen; ich verweise auf Hopfner Art. Lithika o. Bd. XIII S. 747. Wellmann Quellen und Stud. z. Gesch. d. Naturw. IV 4 (1935) 86–149. Wirbelauer Ant. Lapidarien. Berl. 1937. Bidez-Cumont Les mages hellénisés (Paris 1938) I 128. II 197ff.

Es finden sich zunächst eine Reihe von Zitatennestern (23. 31–40. 86. 90f. 94–97), aus denen P. viele Autoren, darunter Dichter wie die aus 31. 40 (Sophokles ist aus technischen Gründen von den anderen abgetrennt) in den Index übernommen hat. Aber auch die älteren Autoren über Steine hat er natürlich nicht gesehen, obgleich er einige, wie Sudines, Zenothemis, Sotakos – er wird auch in dem Σωκράτους des von Mesk Wien. Stud. XX 314 edierten Traktates stecken – öfter im Text anführt. Die Frage, welche er nun eigentlich gesehen hat, ist teils aus der Beobachtung anderer Bücher teils aus der Parallelliteratur zu lösen. Hier muß nun gesagt werden, daß Mayhoffs Testimonia-Sammlung irreführt; denn erstens vermengt sie Quellen, Parallelen und Benutzer (zu ihnen gehört hauptsächlich Solin, der aber bisweilen aus anderer Quelle Überschießendes bietet; von ihm sind Isidor, Priscian und Augustin abhängig, also in keinem Falle anzuführen); zweitens führt sie Wichtiges nicht an. So fehlt zu 56–61 Hieron. in Amos III 7 (Wellmann 88), aus dem sich ergibt, daß Xenokrates die eigentliche Quelle des P. ist; dasselbe gilt von Origenes bei Pitra Anal, sacra II 341 (zu ergänzen aus Ambros. XV 1438 M.), der denselben als Quelle für P. 108f. erweist. Es handelt sich um Xenokrates von Aphrodisias, den Sohn Zenons, der von dem Arzt aus Ephesos zu scheiden ist (Wellmann 95) – wobei ein Zweifel erlaubt ist, ob P. die Scheidung immer richtig vorgenommen hat. Er war ein Zeitgenosse des P. (37 qui de his nuperrime scripsit vivitque adhuc), wird also auch 109 mit den recentissimi auctores gemeint sein, deren Mitteilungen an die aus Iuba angehängt sind. Aus ihm wird auch der Zweifel in 53 stammen, wonach [408] nec visam in aevo nostro gemmam ullam ea appellatione (Lynkurion). Wellmann 98. Seine Schrift war offenbar sehr ausführlich, schied beinahe pedantisch die verschiedenen Nuancen eines Edelsteines, zählte sein Vorkommen auf (wobei zu den in der älteren Überlieferung dominierenden östlichen Fundstätten die westlichen hinzugefügt wurden), gab eine Doxographie, wie wir sie in dem Bernsteinkapitel 31–40 finden, und führte die Heil- und Zauberwirkungen an. Da er alle von P. genannten griechischen Autoren zitiert haben kann, so liegt die theoretische Möglichkeit vor, ihn zum einzigen griechischen Autor des P. für Steinkunde zu machen. Seine Benutzung hatte übrigens schon Oehmichen 87ff. schlagend erwiesen.

Nun nennt aber P. verschiedene Gewährsmänner, die er in anderen Büchern selbst aufgeschlagen hat. Zu ihnen gehört der fünfmal im Text herangezogene Theophrast (περὶ λίθων), der für 53. 74. 97. 193 eingesehen sein kann. Was 75 aus Apion mitgeteilt wird, ist ein Nachtrag, der sich aus direkter Benutzung ergab. Schwieriger liegt die Frage mit dem viermal zitierten Iuba, da natürlich Xenokrates diesen auch benutzt hat; nicht nur die allgemeine Erwägung, daß P. eine große Vorliebe für ihn hatte, sondern auch spezielle Erwägungen führen auf seine direkte Benutzung neben Xenokrates (Bücheler Kl. Schr. III 63. Wellmann 93). Wenn es 107 heißt egregia etiamnunc sua topazo gloria est, dann Archelaos und Iuba und 109 (versteckt) Xenokrates zitiert wird (o. S. 407), von dem wir wissen (aus Origenes), daß er vom Topas sagte νῦν ἐστιν οὐ πάνυ περισπούδαστος καὶ ἔλαττον θαυμαζόμενος, so ergibt sich, daß vorher Iuba benutzt ist.

Man kann bezweifeln, ob mehr als diese vier Griechen von P. herangezogen sind. Der Vergleich mit der Parallelliteratur, die in den Lapidaires grecs von de Mély und Ruelle (Paris 1898) ziemlich vollständig, wenn auch unzuverlässig ediert ist, zeigt, daß P. aus dem großen ihm vorliegenden Material eine wohlüberlegte Auswahl trifft, indem er – ähnlich wie in der Behandlung der Künstler – die wichtigen Edelsteine ausführlich behandelt, die unbedeutenden zu einer alphabetischen Liste zusammenstellt. So zeigt der Vergleich mit Damigeron (s. d. und Wellmann 142), daß sich aus dem vorliegenden Material mehr (und Anderes) entnehmen ließ, als P. mitzuteilen für gut befand (der auch seinerseits in der Fülle barbarischer Namen und unverdauten Stoffes fast erstickt). Man sehe etwa, was Damigeron 8 über den Exebenos bringt (P. 159), 11 über den Chelonites (P. 155), 1 über den Aetites (P. 149), 26 über den Hierakites (P. 167), 34 über den Galaktites (P. 162), oder man vergleiche den von Damigeron abhängigen Aet. II 19 (über den τηκόλιθος) mit P. 184. (Übrigens ist zu beachten, daß der lat. Damigeron – wohl auf dem Wege über Solin – von P. beeinflußt ist.) Eigenartig ist P.’ Verhalten gegenüber der Weisheit der magi, von denen er Zoroaster viermal zitiert, während er den von Damig. 34 genannten Ostanes mit Stillschweigen übergeht (Wirbelauer 43). Er kann nicht genug auf sie schelten [409] (magorum vanitas 124 [bes. 124 E.] 118. 164; mendacia 155. 192; impudentia 165), teilt aber doch viel über ihre abstrusen Zaubermittel mit, so daß man mit einigem Erstaunen 192 liest nobis satis erit in his coarguisse dira mendacia magorum. Außer Leuten mit exotischen Namen wie Zachalias gehört in diese Region auch Demokritos, der fünfmal angeführt ist; von ihm (wie natürlich auch von den magi) steckt sehr viel mehr in P., als was als sein Eigentum bezeichnet ist, in beiden Fällen oft am Charakter der Rezepte kenntlich, im Falle des κατοχίτης (152) auch durch das Zitat bei Solin 3, 5 (aus dem sich außerdem ergibt, daß auch andere antimagische Rezepte wie XXVIII 85. 104f. XXXVI 139. XXXVII 169 auf Demokrit zurückgehen). Nun hat Wellmann 135 die Frage aufgeworfen, wem P. die Magierzitate verdanke, und ist auf Anaxilaos verfallen, dessen Bedeutung er überschätzt (vgl. auch Philol. Suppl. XXII 94). Ich kann auf Suppl.-Bd. VI S. 5 verweisen, möchte aber hinzufügen, daß seine auf den Spätbyzantiner Meliteniotes gebauten Schlüsse hinfällig sind, da dieser, wie Wellmanns eigene Liste (107) zeigt, von P. abhängig ist, nicht von Xenokrates; Fehlen irgendwelcher Notizen bei ihm beweist nicht, daß sie bei X. nicht standen. Wir müssen vielmehr damit rechnen, daß sowohl dieser als auch Iuba die Rezepte der Magier mitteilte, die in dieser Literatur (z. B. bei Bolos) seit Jahrhunderten eine Rolle spielten. Auch Berührungen wie etwa zwischen Epiphanios und P. (z. B. in 115–118, Wirbelauer 16) beweisen nicht unbedingt für Xenokrates, da viel tralatizisches Material durch verschiedene Kanäle geflossen ist.

10. Weltanschauung. Von einer Weltanschauung des P. im strengen Sinn zu reden sind wir nicht berechtigt: nicht auf ein einheitliches, philosophisch durchgedachtes Weltbild kommt es ihm an, sondern auf eine Sammlung möglichst vieler wichtiger und interessanter Tatsachen. In seinem Geist herrscht keine völlige Klarheit, und er vermag widersprechende Ansichten nebeneinander zu dulden. – Teilweise überholt ist O. Vorhauser Die religiös-sittliche Weltanschauung des P., Innsbr. 1860; weniger L. Rummler Plini philosophumena, Breslau 1862. Neuerdings L. Thorndike History of Magic I (Lond. 1923) 41–99. S. etwa noch Urlichs Chrestom. XV. – H. N. Wethered The Mind of the Ancient World. A Consideration of P.’ n. h. (Lond. 1937) versucht, einem breiteren Publikum den Inhalt des Werkes nahe zu bringen {die Zitate sind nach Ph. Hollands Übersetzung vom J. 1601 gegeben!). S. noch Axtell Class. Journ. XXII 104 (Lehanneur Ann. Fac. Lettres Caen VI 1890 war mir nicht zugänglich).

Der zentrale Begriff ist die natura (rerum), von deren Wirken er oft redet (Jan Reg. 259). Sie ist das schöpferische und für den Zustand der Welt verantwortliche Element, parens ac divina rerum artifex (XXII 117), sacra parens rerum omnium (XXIV 1); vgl. XXI 78. XXVII 146. XXIX 64. XXXVII E. (wo sie wie eine Göttin mit salve und fave angeredet wird). Bisweilen wird sie mit tellus zusammengestellt (XXII 1. XXV 1), nicht selten als göttlich bezeichnet (II [410] 27. 208. XXII 30. XXVII 1f. 8); ihre vis und potentia (XVII 72) und Erhabenheit (maiestas) wird gepriesen (II 101. XVIII 5. XXXVII 1); in ergriffenem Staunen betrachtet P. ihre Wunder (II 207f.). Sie spielt die Rolle der Vorsehung, die bewußt (ingeniosa VII 32. volutas XXXVII 60) und meist wohlwollend schafft (benignitas XVI 64, vgl. XVIII 1. XXXV 158f.), wenn wir auch die Gründe ihres Waltens nicht immer zu erkennen vermögen, da unserer Erkenntnis Grenzen gesteckt sind (II 4. 87. 116. VII 1. XXXVII 60). XXII 1 heißt es nihil ab rerum natura sine aliqua occultiore causa gigni fast ebenso XXIX 64; vgl. VIII 34. IX 105. X 46. XVII 32. XVIII 226t XXI 1f. XXV 19. XXVI 10. XXXI 1. XXXV 159. Von den Winden heißt es, daß sie legem habere naturae non ignotam, etiamsi nondum percognitam (II 116; vgl. 121); bisweilen erscheint sie als launisch und auf varietas bedacht (II 76. IX 102. XI 123. XXXI 43); selbst von invidia ist die Rede (VI 1. X 76).

Dieser Vorsehungsglaube ist naiv anthropozentrisch: cuius causa videtur cuncta alia genuisse natura VII 1; die Sympathie und Antipathie in der Natur (u. S. 415) ist hominum causa da (XX 1). Vgl. XI 11. XVI 62. XVIII 1. 94. Das hindert nicht, daß die Natur auch für Tiere sorgt (VIII 10. XI 12; Nachwirkung stoischer Gedanken erweist Dyroff Bl. f. bayr. Gymn. XXXIV 426). Wenn sie provida genannt (XV 7), ihre providentia und mira benignitas gepriesen wird (IX 20. XV 7. XXII 16f., o. Bd. XX S. 1163), so ist deutlich, daß P. sich in stoischen Anschauungen bewegt; aus ihnen stammt auch die pantheistische Gleichsetzung von Welt, Natur und Gott, die wir in dem hymnenähnlichen Prooemium (vor B. II) ausgesprochen finden (vgl. 208 diffusae per omne naturae subinde aliter atque aliter numen erumpens, vgl. Kosmologie 2ff.). Stoisch ist auch die Andeutung der Ekpyrosis VII 73; wenig klar gedacht magnitudo fatorum VIII 61. Zu den besonders in B. II häufigen, meist oder immer vermittelten Gedanken des Poseidonios gehört die Deklamation über die Kleinheit der Erde, die zu einem Ausfall gegen die menschliche Eitelkeit benutzt wird (II 174).

In scharfem Gegensatz dazu stehen pessimistische Äußerungen wie VII 1 parens melior homini an tristior noverca fuerit; vgl. die ganze Deklamation bis § 5 und dazu Fuchs (u. S. 412) 107, 4. – VII 18 ne quid usquam mali esset quod in homine non esset (VIII 87. XVIII 5. XIX 11. XXI 78). Es gibt rerum naturae pugna secum II 102 (discordia und pugna 104, vgl. II 238. IV 88), ja sie zeigt improbitas (XXXVI 126) und Launenhaftigkeit (VIII 34) und ist heute erschöpft (XXXVII 13). Das Los des Menschen ist beklagenswert (misereri sortis humanae subit XXV 23. Vorhauser 23f.), und er muß froh sein, wenn er nicht geradezu unglücklich ist (VII 130. 141. 167. 173; vgl. II 25). Anderseits ist das Leben ohne Krankheiten und Schmerzen eine Strafe (XXVIII 1). Einzelne besonders weise Menschen nähern sich der Gottheit (II 192). Über die Rolle der launischen Fortuna s. II 22. VII 134 und Jans Reg.

An dem meisten Leid ist freilich der Mensch selbst schuld, und zwar besonders durch Habsucht, [411] Schwelgerei und Raffinement: in ethisierenden Deklamationen, die er teils zur castigatio (XXXVII 49; vgl. XXXIII 134) teils zur Belebung des trockenen Stoffes einlegt (u. S. 436), verwirft P. fast jeden Kulturfortschritt, weil er eine Abkehr von der Natur bedeutet (Friedländer SG II10 280; s. bes. XXXIII 3 E. XXXVI 3). Oft mag altrömische Anschauung durchbrechen (u. S. 417), z. B. wenn das Nehmen von Zinsen verurteilt wird (XXXIII 48); aber er tadelt auch die Schiffahrt (XIX 5–7. XXXV 49) und, was damit zusammenhängt, jeden Import von Luxusartikeln aus der Fremde, besonders aus dem Orient: Seide VI 54, Blumen XXI 11, Heilmitteln XXII 118. XXIV 4. XXIX 24, Farbstoffen XXII 3, Perlen XXXVI 31; vgl. IX 114. X 54. XIX 152. XXXVII 12, auch XII 29. 78. Er verwirft die Wandmalerei (XXXV 118); den Gebrauch von Pfeil und Bogen (XXXIV 138); die wissenschaftliche Medizin (XIII 125 [besonders töricht]. XXII 15. XXIX 11); den Tafelluxus (X 139 [Essen gemästeter Vögel]. XV 103. XXVI 43), zu dem schon der Genuß von Fischen gehört (XII 4, wo er eine Lanze für den Vegetarianismus bricht); das Weintrinken (XIV 137) und die Schätzung gewisser Weinsorten (XXIII 33); den Gebrauch des Goldes (Jan Reg. 59 und z. B. XXXIII 8. 39ff. XXXV 157f.), des Elfenbeins (XII 5); die Prägung goldener Denare (XXXIII 42); die Verwendung von Edelsteinen (IX 117–121 vgl. XXXIII 39), Salben (XIII 20. 23. 25), Siegelringen (XXXIII 26) und Kriegsschiffen (XXXII 3). Zuwider ist ihm der Bergbau (XXXIII 1–5. 95), der Transport von wertvollem Marmor (XXXVI 2), die Inkrustation mit Marmorplatten (ebd. 51), der anspruchsvolle Totenkult, überhaupt alles, was man deliciae luxusque (V 12. VI 89. VII 5. VIII 7. 226. IX 67 [fast eine Diatribe]. 104f. 118. X 54. XII 2. 5. 78. 82ff. XVI 233. XVII 1. XXII 14. XXIX 19. XXXV 3. XXXVI 1. XXXVII 12–17. 49. Jan Reg. s. luxuria: über ihre Herkunft aus dem Orient XXXIV 34) oder gar avaritia nennen kann (II 125. XIV 4f. [sie ist am Niedergang der Wissenschaft schuld]. XXI 78. XXII 117. XXXI 42. XXXIII 48. 134. 137. XXXIV 5. XXXVI 103). Mores, gleichbedeutend mit Einfachheit (XXXVI 113) bezeichnet die altrömischen Sitten; novi mores werden abfällig beurteilt XI 158 (aeterni als Gegensatz XVI 14); ähnlich XII 2 E. , (mutata vita XV 72). XVII 7 E. XIX 24. 52. XXXIII 153. XXXV 6. 118. 157. 162. XXXVI 8. 111f. An solchen Stellen erscheint er als erklärter Lobredner der guten alten Zeit. Die Alten haben in den Wissenschaften mehr geleistet (XIV 3, u. S. 417), namentlich aber ist die ganze Kunstgeschichte auf diesen Grundton gestimmt: die alte Zeit übertraf die heutige trotz der Primitivität der Mittel (XXXIV 5. XXXV 4. 50). Klage über Rückgang der ärztlichen Kenntnisse XXXIV 108. (Auch hier abweichende Äußerung XXXVI 108.) – Übrigens war es nicht nur in Rom früher besser (XXXV 118).

Berührungen mit den Satirikern jener Zeit sind häufig; vgl. über orbitas und captatio XIV 5, depilare 123, Völlerei 137, die Tirade gegen den Neid XVIII 2ff. Es ist unverkennbar, daß P. bei diesen Invektiven von der kynisierenden [412] Popularphilosophie beeinflußt ist (o. Bd. XII S. 9. Wien. Stud. 37, 223) und sich von ihrem Pathos zu Übertreibungen hinreißen läßt, über deren volle Tragweite er sich wohl im Augenblick nicht immer klar war: dem schwerreichen Manne wäre das Leben eines Diogenes oder Dentatus unerträglich gewesen. Aus dieser Quelle stammen auch agnostische Äußerungen wie die Bezeichnung der astronomischen Forschung als furor (II 3, vgl. 87. XI 52. XXXV 168), die Verwerfung des Krieges (XXXIV 138) und die Verachtung der Athleten (XVIII 63. XXXV 168). Aber ernsthaft philosophisch interessiert ist er ebensowenig wie die Mehrzahl seiner Standesgenossen, und entlegenere Dogmen hört man ihn kaum vortragen (Ekpyrosis o. S. 410. Die Verteidigung des Selbstmordes II 27. 156. XXVIII 9 hängt wohl entfernt mit der εὔλογος ἐξαγωγή der Stoa zusammen). Platon wird XXII 111 fälschlich herangezogen. In solchen pessimistischen Äußerungen klingen aber auch Töne nach, wie man sie in Rom seit zwei Jahrhunderten angesichts der steigenden Graezisierung anzuschlagen pflegte (Knoche N. Jahrb. f. Antike I [1938] 145ff. Vorhauser 17ff.). Man wird aber gut tun, solche Ergüsse nicht allzu ernst zu nehmen und an ihren literarischen Zweck zu denken; sie gehen oft nicht über den Standpunkt des gesunden Menschenverstandes hinaus; s. etwa IV 39. X 123. 141 f. 172. XI 12. XII 6. 8. 29. 59 E. 78. 81. XIII 23. XIV 130. XV 49. 75f. XVII 94 E. XVIII 21. XXXIV 89. 108. 141. 171. XXXV 165. Eine Ausnahme bilden die von wirklicher Einsicht zeugenden Äußerungen über den Rückgang der Wissenschaft trotz der pax Romana oder gerade durch sie (II 117f. XIV 1ff.); vgl. H. Fuchs Neue philol. Unters. III 198, der mit Recht annimmt, daß diese Erkenntnis dem P. von außen zugekommen sei.

Seine Stellung zur Religion darf man nicht mißdeuten. Wenn er auch gewisse Auswüchse der Volksreligion verwirft (II 14–18, dazu Kosmol. 8; Tadel der superstitio VII 5) und gelegentlich (II 1–27) einem verschwommenen Stoizismus huldigt, so ist er doch keineswegs mit ihr zerfallen, sondern er hängt am Ritual (XVI 24 E.) und erkennt die großen Götter an (VII 191). Neben Gott und Natur (o. S. 409f. und XXV 16f. XXVII 2. 8) kennt er auch einzelne Götter (XII 82. 84) und spricht von deorum munera (XXVII 6. XXXI 41 vgl. XXIX 24) und deorum irae (XXVI 9. XXXVII 16 vgl. di XXXI 4, numina III 39. XXXVII 60. Vorhauser 8). Auch die Mythologie nimmt er großenteils gläubig hin; s. etwa V 46. VI 16. VII 9ff. 191 (abfällige Bemerkungen III 8. X 136ff. XI 52). Man muß sich auch hier von der falschen Vorstellung freimachen, daß die Skepsis der griechischen Philosophen die römische Gläubigkeit untergraben habe; lehrreich ist XIV 119 vita religione constat, ferner XXVIII 10ff., wo er die Frage polleantne aliquid verba et incantamenta carminum auf Grund von Tatsachen der römischen Geschichte bejahend beantwortet. Er glaubt blindlings an alle römischen Prodigien, z. B. II 137. 147. 199. VII 33. 35f. 71. numinum praesagia 86. X 41. XVI 132 (Münzer 239ff.) und teilt viel davon mit, obgleich er VII 179 sagt [413] naturae opera non prodigia consectamur. Er glaubt an Weissagungen im weitesten Umfang (Rummler 39); s. etwa IX 94. XVI 155. Daß er der Astrologie huldigt, ist nicht auffällig (II 32. IX 71. 99. XI 37. Jans Reg. s. cancer, leo usw. – Andeutung über σημαίνειν ἢ ποιεῖν II 97 Thorndike 94. Kroll Kosmol. 29; Philol. 93, 186ff. – Die Äußerung VII 162 bedeutet keine Verwerfung dieser ars im Ganzen). Ins Gewicht fällt, daß seine im Grunde auf dem mathematischen Weltbild der griechischen Wissenschaft aufgebaute Kosmologie durchsetzt ist von irrationalen, bis auf die Chaldäer zurückgehenden Anschauungen, die damit unverträglich sind (Herm. LXV 1, u. S. 414ff.). Aber auch hier stehen daneben skeptische Äußerungen wie VII 188 gegen den Manenkult und XXX 2 über den schädlichen Einfluß der Religion durch Unterstützung der Magie; vgl. VII 178f. XI 123. Wie wenig klar und entschieden auch hier sein Standpunkt ist, zeigt II 141, wo er, die Frage erörternd, ob man Blitze durch rituelle Handlungen erzeugen könne, sagt: imperare naturae sacra audacis est credere, nec minus hebetis beneficiis abrogare vires. – J. W. Caspar Roman Religion as seen in P.’ n. h. Chicago 1934. Eine ausführliche Behandlung des folkloristischen Abschnittes XXVIII 22–29 hat X. F. M. G. Wolters: Notes on antique folklore on the basis of Pliny’s N.H. XXVIII 22–29 (Amsterdam 1935) gegeben; hier ist auch viel Material zu P.s Weltanschauung zu finden.

Überhaupt schwankt er zwischen Gläubigkeit und Skepsis hin und her, da ihm ein festes Kriterium für das Mögliche und Wahrscheinliche fehlt. Dabei spielt eine große Rolle der Autoritätsglaube, den er mit seiner Zeit teilt: er hält sich für berechtigt, alles zu glauben, was durch einen halbwegs klingenden Namen gedeckt ist. So behandelt er das homerische Moly als eine Realität (XXV 26f.), schiebt aber die Verantwortung anderen zu. Homer, fons ingeniorum (XVII 37), primus doctrinarum et antiquitatis parens (XXV 12 vgl. VIII 191), ist überhaupt eine unanfechtbare Autorität und seine Angaben stehen auf einer Stufe mit wissenschaftlichem Beobachtungsmaterial (VII 165, vgl. Jans Reg. 8. 187), doch auch Hesiod (XIV 3) und Musaios sind große Namen. Aber auch Sophokles wird in einer Kontroverse über die Giftigkeit des trifolium angeführt (XXI 153), und die Fische aus Ovids Halieutica werden gewissenhaft aufgezählt (XXXII 11–13. 152ff.), wo es mindestens manchmal möglich gewesen wäre, zu den Quellen aufzusteigen. Solche Anführung von Dichtern mag eine Konzession an seine gebildeten Leser darstellen (Mayhoff V 490). Ganz der Gepflogenheit seiner Zeit entspricht es, daß er manches aus schriftlicher Quelle entnimmt, wo er sehr wohl die Möglichkeit gehabt hätte, sich durch Augenschein zu überzeugen; so XXXVI 15. Er glaubt dem Fabianus, den er naturae rerum peritissimus nennt, daß sich der Marmor in den Steinbrüchen von selbst ergänze (XXXVI 125 vgl. XXXIV 164). Daß durch Vergraben einer Pflanze unbekannten Namens an den vier Ecken eines Saatfeldes die Vögel verscheucht werden, bestätigt er durch scio, läßt aber durch den Zusatz von mirum dictu eine Hintertür offen (XVIII [414] 160). Besonders bereit ist er, das Ärgste zu glauben, wenn es durch römische Gewährsmänner, namentlich solche von Rang (u. Z. 58ff.) gedeckt ist: unter Claudius wird auf dem Vatikan eine Schlange getötet, in deren Bauche man ein Kind findet (VIII 37); Lucullus ist an einem Liebestrank gestorben (XXV 25), usw. Sehr bezeichnend sagt er XXX 137 vis est serio complecti quaedam, non omittenda tamen, quia sunt prodita. 10 Thorndike 44 sagt von seinem Werk: ,Perhaps it is even more valuable as a collection of ancient errors than it is as a repository of ancient science.‘

Völlig von Aberglauben durchsetzt sind die medizinischen Bücher. Man muß hier verschiedene Schichten unterscheiden. Es handelt sich teilweise um allgemein verbreiteten Irrglauben, dem sich auch die zünftige Medizin nicht verschloß; dazu gehört der Glaube an die Wirkung der Nieswurz (XXV 47ff., o. Bd. VIII S. 165) und die Giftigkeit des Stierblutes (XI 222. XX 94. XXVIII 147); auch daß Tiere aus Pflanzen entstehen können u. dgl. (XX 119. XXIX 139. XXXI 95), war ein auch von der Wissenschaft geteilter Glaube. Eine zweite Schicht bildet echte Volksmedizin: hierher gehört z. B. der Glaube an Liebestränke (XXV 25. XXVIII 19. XXXII 139. Reg. s. amatoria), an die Bedeutung des Namens (Pflanze mastos wirkt auf die Brüste XXVI 163, 30 vgl. XXVII 42. XXX 60. XXXI 15), an die Kraft der Keuschheit (urina pueri impubis Reg. 438 a; dazu XXII 65. XXIII 130. XXIV 72. XXVIII 41. XXIX 131 – zum Teil mit Vorbehalten), an die Bedeutung der Zahl (XXIII 156. XXIV 82, Reg. s. numerus). Aber diese Schicht ist völlig überdeckt und fast aufgesogen von einer anderen, die man die magische nennen kann und die bei P. stärker ist als bei irgendeinem anderen Autor (Thorndike 58ff.); sie ist durch die Namen magi, Ostanes (s. d.) und Demokritos gekennzeichnet und tritt uns außer in den medizinischen auch besonders in den landwirtschaftlichen Abschnitten entgegen: es ist die Welt der Sympathie und Antipathie, der komplizierten und unnatürlichen Mittel, der unter allen möglichen Vorsichtsmaßregeln gepflückten Pflanzen (A. Delatte Herbarius [Paris 1936] Reg. s. Plinius 125). Es ist der Vorstellungskreis, den besonders M. Wellmann Abh. Berl. Akad. 1921; 1928, dazu Herm. LXIX 228, aufgehellt hat. Manchmal hat sich angesichts der hier auftretenden Perversitäten P.’ Widerwille geregt, und in der grundsätzlichen Erörterung XVIII 4–29 nennt er den Ostanes eversor iuris humani monstrorumque artifex; aber gerade weil er auf römischem Gebiet vielem Glauben dieser Art begegnet, schließt er mit den matten Worten quapropter de iis ut cuique libitum fuerit opinetur. Daß es gegen den Biß der Aspisschlange hilft, wenn man den Urin eines Gebissenen trinke, hätte er, wie er versichert, nicht mitgeteilt, wenn nicht Varro als 83jähriger es aufgezeichnet hätte (XXIX 65). Gegen Gelbsucht nimmt man Ohrenschmalz oder Schmutz vom Schafseuter ein (XXX 93), und überhaupt sind sordes (s. Jans Reg. s. v.) wie alles Absonderliche in dieser Umgebung nicht unbeliebt. Ein Abschnitt (XXIX s. 17) trägt geradezu die Überschrift naturae benignitatem [415] etiam foedis animalibus inseruisse magna remedia (gemeint sind die Wanzen). In dieselbe Kategorie gehört die Zecke (XXX 82): eine solche aus dem rechten Ohr eines Hundes heilt angebunden alle Schmerzen. Daß phryganion gegen Malaria helfe, teilt P. mit (XXX 103), obwohl er nicht weiß, was für ein Tier das ist; aber da ein Philosoph vom Range Chrysipps dieses Mittel angegeben habe, könne er es nicht verschweigen.

Aus Demokrit stammt auch der Glaube an die in der ganzen Natur herrschende Sympathie und Antipathie, der, wenn er auch an der stoischen συμπάθεια τῶν ὅλων (vgl. II 82. 95) einen gewissen Anhalt findet, in seiner Auswirkung ganz ins Gebiet des Aberglaubens gehört (Thorndike 84ff.). Vgl. die Indexangabe zu XXXII s. 9 esse et locorum sympathiam et antipathiam, Jans Reg. 403 b und etwa IX 185. XXII 71. 106. XXIV 1ff. 44. 85. 170. XXVIII 84. 147 181. 184. 193. 198. 201. 218. 232. 248. 259. 26. 265. XXIX 60f. 73. 75. 89f. 92f. 123. 128f. XXX 20f. 25. 31. 39. 41. 47. 51. 54. 65. 80. 93. 123f. 137. 142. 147. XXXII 35. 74. 82. 102 124. 137. XXXVII 59. S. o. Bd. I S. 29. XIV S. 311.

Aber auch abgesehen von den medizinischen Partien geht die Neigung, Paradoxes mitzuteilen, durch das ganze Werk, und obgleich man auch hier nicht mit festen Grundsätzen rechnen darf, so scheint doch credo quia absurdum oft der leitende Gedanke. Vgl. XI 6 mihi contuenti semper suasit rerum natura nihil incredibile existimare de ea (XIV 20. XIX 33). Daß es ihm Freude mache, non volgata mitzuteilen nec quae constare animo advertimus, sed incerta atque dubia, in quibus maxime fallitur vita, verrät er XVII 9. Vor der Behandlung der tierischen Arzneimittel entschuldigt er sich gewissermassen: non quia ignoremus gratiorem esse universitatem animalium (die Zoologie) maiorisque miraculi. Er glaubt oder hält doch für mitteilenswert, daß ein aithiopischer Stamm einen Hund zum König hatte (VI 192), daß man den Lärm der Zerstörung von Sybaris in Olympia hörte (VII 86, dazu Exkurs von de Grandsagne I [Paris 1827] 272); daß eine Gans ihr Interesse für Philosophie bekundete, indem sie dem Lakydes nachlief (X 51); daß Trauben in Innerafrika die Größe kleiner Kinder erreichen (XIV 14); daß der Lotosbaum 100 m lange Wurzeln hat (XVI 236); daß aus zerstoßenen Widderhörnern Spargel entstehen (XIX 151; vgl. Appar. crit. zu Diosk. II 125); daß Mithridates 22 Sprachen beherrschte und sich mit allen seinen Untertanen ohne Dolmetscher verständigte (XXV 6 vgl. VII 88); daß die kleine Muschel Echeneis bei jedem Wetter Schiffe aufhalte (XXXII 2, zu Ekphrasis benutzt); daß die Sikyonier für die schlechte Behandlung von Künstlern durch Mißwachs gestraft wurden {XXXVI 9f.). Was er aus Demokrit über das Chamaeleon mitteilt – freilich mit starken Vorbehalten (XXVIII 112ff.), ist sogar dem guten Gellius zuviel geworden (X 12). Vollends an den Grenzen der Oikumene hört jede Kritik auf (Partsch S.-Ber. Sächs. Ges. 1916, s. etwa VI 35. 187f. 195), und noch in P.s eigener Zeit kamen neue Berichte über die besonders im indischen Ozean lebenden Riesentiere (IX 4–15). [416] Vgl. was er VII 21ff. von miracula über Indien und Aithiopien mitteilt, wobei er freilich meist die Verantwortung auf seine Gewährsmänner abwälzt, um dann zu den confessa (32 E.) zurückzukehren. Ähnlich ebd. 8. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich angesichts der Paradoxa und Absurditäten, die die Pseudowissenschaft ihren Gläubigen vorsetzte, bisweilen die Kritik regte. Es finden sich so abfällige Äußerungen, daß man sich wundert, warum P. überhaupt soviel von diesen vanitates (XXVI 18. XXVII 57. 85. XXVIII 85f. 89. XXIX 19. 81. XXXVII 124) mitgeteilt hat (Thorndike 61). Er gesteht ihnen nur quasdam veritatis umbras zu (XXX 17), spricht von mendacia (XXVIII 112. XXIX 68. XXX 18; vgl. VII 155. XXX 95), von portentum est quod tradunt (XXIV 18. XXVII 141), monstrifica (XXVIII 31 [IX 91]), fabulosa (X 3. XI 232. XXI 31. XXIX 29), incredibilia dictu XXV 13 (vgl. 14. XXXII 41) und rabies XXX 8, oder er äußert mindestens seinen Zweifel durch ein si credimus (z. B. IV 89. XXVI 162. XXVIII 166. XXX 110), si libeat credere (VII 21, vgl. XVII 93), mirandum (XXX 9. XXXII 34), excedit fidem (XXVIII 52), oder er verhöhnt die Magier und Demokrit (XXVIII 118. 229) und die ihnen glaubenden Ärzte (XXIX 142; vgl. inrisu coarguentur XXVIII 114; super omnia est quod ... ebd. 106). Eine Klage über die Unglaubwürdigkeit hoher Beamter steht V 12. Nüchtern-verständige Erwägungen finden sich z. B. XXIX 82 quis .. ovum bubonis umquam visere potuit, cum ipsam avem vidisse prodigium sit? quis utique experiri et praecipue in capillo? Vgl. V 4. 12. VIII 48. 80. 132. Er hätte nur dasselbe bei zahllosen ähnlichen Mitteln sagen sollen, z. B. wenn drei verschiedene Nationen angehörende Männer eine Salbe nach rechts einreiben sollen (XXIV 172) oder wenn man ein Haus gegen Behexung mit der Galle eines schwarzen männlichen Hundes ausräuchern soll (XXX 82). Bisweilen stellt sich die Skepsis am unrechten Ort ein wie X 44 oder XXXVII 40f., wo er mit schwerem Geschütz und Grobheit gegen Sophokles’ dichterische Phantasien über den Bernstein loszieht. Im allgemeinen aber hält er sich für berechtigt, alles zu glauben, was irgendwo überliefert ist, und er macht keinen Unterschied zwischen ernsthaften Forschern und abschreibenden oder faselnden Skribenten. Über griechische Leichtgläubigkeit klagt er öfters (u. S. 417); der Tadel an Cornelius Nepos V 4 steht ziemlich vereinzelt. Vgl. Studien 308ff.

Mit diesen Ansichten steht P. keineswegs allein; die Gebildeten seiner Zeit teilten sie wohl fast alle. Zum Teil hängen diese Erscheinungen mit dem Mangel an Anschauung zusammen: er ist wie seine Zeitgenossen in der Hauptsache auf Buchwissen eingestellt und angewiesen (Studien zum Verständnis 280ff.). Trotz Äußerungen wie experimentis optime creditur (XVII 24, vgl. XXVI 11. Thorndike 54) muß er vieles bringen, was er nur aus Büchern kennt, und sagt z. B. XII 32 von einer indischen Pflanze qualis sit ea incompertum habeo. Er klagt darüber, daß die Kenntnis des Weltalls wenig verbreitet sei (II 43), versagt aber oft, wo er in der Lage gewesen wäre, eigene Beobachtungen anzustellen [417] (Ausnahme o. S. 308). So glaubt er an einen Schiffahrtsweg von Petra nach Dumatha (VI 146) und merkt nicht, daß der δασύπους mit dem Hasen identisch ist (o. Bd. VII S. 2477). Anderes u. S. 428f. Wo er sich auf eigene Erinnerungen (z. B. patris mei memoria VIII 193) und Beobachtungen stützen kann, merkt er es meist durch vidi, vidimus, scio, scimus usw. an; so II 101. 150. VII 35f. 75f. 83. IX 117. XII 57. 94. 98. XIII 83. XVII 120. XVIII 66. 128. 160. 209. 319. XX 215. XXII 8. XXIV 43. XXV 9 98. XXVII 69. 99. XXXI 25. 33. 63. XXXVI 60. XXXVII 19. 27. 118. Dirksen 139. Doch ist in manchen Fällen, wo er scio u. dgl. braucht, ein leiser Zweifel erlaubt (X 35. XVI 64). Aber schon, daß er überhaupt Inschriften und Denkmäler ansieht (Münzer 399, 1), erhebt ihn über das Gros seiner Zeitgenossen.

Ein sympathischer Zug an P. ist sein ausgeprägter Patriotismus. Er zeigt sich zunächst im Verhältnis zu den Griechen. Zwar wenn er sich wegen des Gebrauches griechischer Worte entschuldigt, so sind das wohl hauptsächlich stilistische Beklemmungen (Marx Celsus XCVf.), die praktisch wenig bedeuten (u. S. 420). Aber er setzt die Griechen und ihren Charakter herab, indem er von ihrer credulitas, fabulositas, vanitas (II 248. III 42. 152. IV 4. XXXVII 31) und ihren mendacia spricht (Jan Reg. 173 b, vgl XXXVII 41); er tadelt ihren Luxus (XXXV 162), nennt sie levissima gens u. dgl. (XV 9. XXVI 15. XXVIII 112. XXXVII 31. 195) und weist auf Catos abfällige Urteile hin (XXIX 27 vgl. 13ff.) und wenn er auch ihre wissenschaftliche Überlegenheit im Grunde anerkennt (VII 8. XXI 48. 52. XXXV 1), so ist ihm doch ihre Betriebsamkeit unheimlich (XVII 42. XXIX 11). Vgl. Studien 1ff. Vorhauser 22. Im Gegensatz dazu steht die Romana gravitas (XXIII 32): Rom hat mehr bedeutende Männer hervorgebracht als die übrige Welt (VII 116); römische virtus steht über allem Zweifel (VII 130); ihr pudor hat oft verzweifelte Lagen gerettet (XXXVI 108). Die Römer haben den Erdkreis unterworfen und geeinigt (III 5. XIV 2. XXII 6. XXIV 5 vgl. XIV 4f. [mit pessimistischer Zuspitzung]. XXXVI 101) und schenken ihm Frieden (XXVII 3) und Gesittung (XXX 13): kurz, sie sind das erste Volk (XXII 10 vgl. XVII 50). Neigt er überhaupt zur Bewunderung der alten Zeit (o. S. 411. XI 78. XXIII 112. XXV 1. XXVII 1. 4. XXXV 197. XXXVI 4), so zu der der maiores (u. S. 419); so heißt es von der Verleihung der corona civica an Fabius Cunctator: qua claritate nihil equidem in rebus humanis sublimius duco (XXII 10). Diese Gefühle verdichten sich zur Verehrung für Augustus, dessen Name oft genannt wird (Jan Reg. 57); daß er coronam civicam a genere humano accepit (XVI 8), ist eine hübsche Wendung (Münzer 280). Auf der anderen Seite deklamiert er über das Spiel der Fortuna mit ihm (VII 147ff.).

Untrennbar davon ist sein Heimatgefühl. Italien ist in jeder Hinsicht das erste Land (XXXVII 201f., wo die Lobpreisung an den Haaren herbeigezogen ist), ist omnium terrarum alumna eadem et parens (III 39 vgl. dis sacra III 138. XIV 2); es hat die besten Weine, Oliven [418] usw. (XIV 8. 87. XV 8. XVI 161. XVIII 65) und stellt auch die Länder des Orients in den Schatten, deren odores in B. XIIf. beschrieben sind; es ist die eigentliche Heimat vieler Gewächse (XIV 1). Campanien erhält sein besonderes Lob (XVIII 110f.). Vgl. Vorhauser 21. Geffcken Herm. XXVII 381. Detl. Quell. und Forsch. XVIII 7. Klotz 110f. Die Stadt Rom wird so oft wie möglich erwähnt und als unvergleichlich gepriesen (III 67, dazu die problematischen Ausführungen Nissens Rhein. Mus. XLIX 278; XI 240); vgl. den Titel von XXXVI s. 24 Romae miracula (bes. § 123 E). Gernentz Laudes Romae (Rost. 1918) Reg. s. Plinius. Seine Geographie ist römisch orientiert (Suppl.-Bd. IV S. 675), ja eigentlich sein ganzes Werk. Das führt dazu, daß er oft römische Notizen auch da einmischt, wo sie nicht hingehören, wie etwa die über Kunstwerke in Rom (Sellers XCI; vgl. die Bewunderung der alten Wandgemälde in Ardea XXXV 17); gern erzählt er Anekdoten aus der römischen Geschichte, viele aus der jüngsten Zeit, aber auch von Sulla (XXII 12), Cicero, der sich monumenta in toto terrarum orbe fecisset (XXXI 63.) und kleineren Leuten wie Remmius Palaemon (XIV 50, s. auch 51 über Seneca).

Natürlich hat diese patriotische Einstellung auch auf die Auswahl der benutzten Autoren stark gewirkt. Bezeichnend sagt er XVI 48 nach Erwähnung der Meinungsverschiedenheiten der Griechen über die Benennung von Nadelbäumen: nos ista Romano discernimus iudicio. Sein Hauptautor ist Varro, den er so gründlich ausgeschöpft hat, daß er uns den Verlust vieler Schriften fast ersetzt; ihm verdankt er unendliches Material über alle Seiten der römischen Geschichte und Kultur. Cato ist ihm ein Orakel (XXIX 13ff. XVII 34ff.). Aber überhaupt hält er sich, wo es irgend angeht, an römische Quellen (Brunn 47 ; auffällig z. B. III 3). Lehrreich ist III 122 pudet a Graecis Italiae rationem mutuari; Metrodorus tamen Scepsius dicit ... Ein Annalist wie Piso erhält das Epitheton gravis auctor (II 140. XVII 244). Häufig benutzt er auch solche griechischen Autoren, die ihm vorlagen und die er gelegentlich aufschlug, durch römische Vermittlung (o. S. 310 u. ö.). So ist Herodot nur an einer Stelle selbst eingesehen (Münzer 17), wenn er auch im Index von 8 Büchern erscheint und mehrmals angeführt wird. Den echten Aristoteles hat er, soviel Material auch aus ihm stammt, nicht selbst aufgeschlagen; aber auch Theophrast ist zum großen Teil durch Vermittler benutzt (Münzer 19). Stark ausgenutzt sind Sextius Niger, den er aber unter den römischen Quellen mit dem Zusatz aufführt qui Graece de medicina scripsit, und Iuba (Münzer 411, o. Bd. IX S. 2389). Römische Titel führt er oft in wissenschaftlichem Zusammenhang an. Bei Catos Name mag der Zusatz Censorius nur ein Distinktiv sein (Jan Reg. 4), ebenso bei Piso (XIII 87); aber wenn er den vielbenutzten Mucianus mit Vorliebe ter consul nennt (Reg. 9), so glaubt er doch wohl, seinen oft zweifelhaften Behauptungen Gewicht zu verleihen. Dasselbe mag manchmal von Geschichten gelten, die er von consulares, praetorii usw. erzählt (VII 39. 44. 183. IX 67. X 4. XI 49. XVIII 27. 32. XXII 120. XXIV 43. XXVI 4f. [419] XXX 63. XXXI 11. XXXII 123; anders V 12); doch wirkt hier oft das aus der republikanischen Zeit ererbte Interesse an der Laufbahn einzelner Männer (vgl. V 36. XXXIII 17. 32f. XXXV 20). Die Nennung von Rittern (V 11. VI 160. IX 10 u. ö.) hängt wohl damit zusammen, daß er selbst aus diesem Stande hervorgegangen war (das gewöhnliche Volk heißt ignobiles VII 62). Eine scharfe Bemerkung über den Aufstieg von Freigelassenen, darunter solchen der jüngeren Agrippina steht XXXV 200f. (vgl. XXXIII 33). Auch die Bewunderung der maiores ist überkommen (z. B. IX 118. XVIII 1. 5. 21. 39. XXXIII 153. XXXV 6. XXXVI 111f. 117. Roloff Maiores bei Cic., Diss. Lpz. 1938) und verstärkt die Bewunderung der alten Zeit (o. S. 411), mit der sich der Gedanke kreuzt, daß durch die Abkehr von der Natur (o. S. 411) die Welt verschlechtert worden sei (Norden Germ. Urgesch. 129, 2). Leute wie Dentatus, Regulus, Cincinnatus erhalten das übliche Lob; Cato war optimus orator, optimus Imperator, optimus Senator (VII 100, vgl. Cic. de or. III 135); aber auch Pompeius und Caesar werden gepriesen, jener unter dem Einfluß der varronischen Beurteilung. Merkwürdig ist, wie die verschiedenen Gedankenkreise sich feindlich berühren; XXXVI 4 heißt es, die alten Römer müßten sich eigentlich schämen, weil sie zwar Verfügungen gegen Tafelluxus, aber nicht gegen Einfuhr von Marmor erlassen hätten.

Seine Urteile über die Kaiser bieten viel Überraschendes. Für Augustus hat er viel Interesse und Bewunderung (Jan Reg. 57); nur in der Deklamation VII 46 ist von soceri praegravi servitio die Rede. Tiberius erhält die Epitheta severus und saevus (XIV 144), minime comis (XXXV 28) und tristissimus (XXXVIII 23); Caligula war faex generis humani und dem Nero ähnlich (VII 45. XXXVI 111. XXXVII 17). Von Claudius berichtet er objektiv manches aus eigener Erinnerung, benutzt auch seine Schriften (Münzer 390); gegen Nero hegt er einen wütenden Haß, der sich zum Teil aus seinen eigenen Erlebnissen (o. S. 276) erklärt: er nennt ihn faex generis humani (VII 45; hostem g. h. 46) und sagt ihm allerhand Abscheulichkeiten nach (XXX 14–17. XXXIV 45. 84. 166, vgl. XVIII 7. XX 160. XXII 92. XXXV 120. XXXVII 19f. 29). Um so eifriger preist er das flavische Haus, dem er seinen Aufstieg verdankt. Der Widmungsbrief an Titus ist voll von Versicherungen der Ergebenheit (bes. § 3); er zitiert auch dessen Gedicht (praeclarum carmen) über einen Kometen (II 89) und führt ihn im Index auf; Domitian eröffnet den Index von B. XXXIII. Vespasian ist maximus omnis aevi rector und göttlicher Verehrung würdig (II 18f.) und wird möglichst oft erwähnt (salutaris exortus Vespasiani XXXIII 41). Münzer Herm. XXX 546. Zum Kaiserkult s. Scott The imperial cult under the Flavians (Stuttgart 1935) 55f.

11. Das Werk. Über seine Arbeit äußert P. sich selbst in dem pretiösen Widmungsbrief an Titus. Zieht man hier die Versicherungen der Devotion und die üblichen Bescheidenheitsfloskeln ab, so bleibt etwa folgendes Greifbare. Das Werk stellt eine Neuigkeit dar (novicium opus 1. iter est non trita auctoribus via 14, vgl. XVIII [420] 24 non volgari modo); es muß auf rhetorischen Schmuck, wie ihn etwa ein Geschichtswerk verlangt, verzichten (12; auch auf famae gratia XVIII 5), ja es muß sogar rustica (vgl. XVIII 5), externa und barbara vocabula brauchen, die die salonfähige Literatur vermeidet (13). Diese Mängel werden zum Teil wettgemacht durch den Nutzen, den es stiftet (16) und der großenteils auf dem gewaltigen, durch mühselige Arbeit erzielten Stoffreichtum beruht (17). Daß die benutzten Autoren in den vorausgeschickten Indices aufgezählt sind, wird als eine Besonderheit hervorgehoben (21).

Was die Neuheit angeht (vgl. auch XXIX 1), so hat P. Recht, wenn man an die Zusammenstellung von disparatem Material denkt; denn für die einzelnen Gebiete gab es große zusammenfassende Werke. Die n. h. tritt in eine Reihe mit anderen großen Kompilationen, die in der ersten Kaiserzeit aus dem Gefühl heraus entstanden, daß es gelte, die Ergebnisse einer ungeheuren Forschungs- und Sammeltätigkeit zu bergen, solange es noch Zeit sei. Vgl. etwa den – freilich viel einseitigeren – Leimon des Pamphilos. Daß ihm das gelungen ist, beweist schon die starke Benutzung seines Werkes durch die Jahrhunderte (u. S. 430).

Der Verzicht auf stilistischen Schmuck war kein völliger (u. S. 436). Bei der Natur des Gegenstandes (quarundam rerum humilitas XIV 7) waren freilich sordida vocabula (Studien 111) nicht zu vermeiden; dazu gehörten griechische, die besonders in den medizinischen Abschnitten massenhaft auftreten (s. aber auch Kalkmann 195) und oft durch Wendungen wie quae .. vocant (z. B. XXXV 98 sensus hominis .. quae vocant Graeci ethe) eingeführt oder ausdrücklich entschuldigt werden, vgl. XXXIV 65 non habet Latinum nomen symmetria und etwa II 63. XXII 110. XXX 49. Eine Entschuldigung wegen nominum vilitas steht XX 1; XIX 59 beruft er sich auf Vergils Geständnis quam sit difficile verborum honorem tam parvis perhibere. Furcht vor fastidium äußert er XXVIII 2, vgl. X 79. XXIX 1. 28. Inrisui sumus ista commentantes atque frivoli operis arguimur XXII 15. Schlimmer noch war, daß pudenda berührt werden mußten wie die blatta XXIX 140, vgl. 61. XIV 138 (u. S. 438); eine gewisse Prüderie äußert sich XXVIII 87. XXIX 140. – Daß er Nutzen stiften wolle (excolere vitam XVIII 5), wiederholt er gelegentlich; so XVIII 321 nos legum utilitas, quae in toto opere, in hoc quoque movet parte. XXVIII 2 ita decretum est, minorem gratiae quam utilitatium vitae respectum habere, vgl. XVIII 24. XIX 2. XXV 25. XXXI 96. XXXIII 42. Diese Rücksicht mag namentlich die Einfügung der medizinischen Bücher veranlaßt haben – abgesehen von dem Einfluß des freilich ganz anders gearteten Werkes des Celsus. Aber freilich hat ein großer Teil der von P. mitgeteilten Notizen keinen praktischen Wert – ganz abgesehen vom Ausdruck, der vieles für Männer der Praxis unverständlich machte (u. S. 438). Wem kann z. B. eine Mitteilung wie XXXVII 173 nützen: Memnonia (sc. gemma) qualis sit non traditur? Er steht ganz unter dem Einfluß der curiositas (Studien 282), die sich über jede [421] wirklich oder scheinbar interessante Nachricht freut und nur ungern an ihr vorbeigeht, und er hat eine tiefe Freude an der Anhäufung solcher Einzelheiten, hinter deren Fülle die großen Gesichtspunkte oft zurücktreten. Wenn er XXVIII 2 erklärt potius curae rerum quam copiae institimus, so entspricht seine Praxis diesem guten Vorsatz nicht; ebensowenig dem XVII 9 geäußerten: diligentiam supervacuis adfectare non nostrum est. Lehrreicher ist XVII 137 ne quid sciens praeteream, quod usquam invenerim.

Diese positivistische Einstellung hat ihn zu dem merkwürdigen Verfahren veranlaßt, seine Mitteilungen zu zählen: ihre Gesamtsumme ist nach pr. 17 20000, außerdem gibt er am Schlusse des Index zu jedem Buch die summa an, meist als res et historiae et observationes, in XX– XXXV als medicinae et historiae et observationes. Diese Zahlen fehlen zu III–V; XII und XIII haben die gleiche Summe – beides wohl auf Versehen zurückzuführen. Die Gesamtsumme ist 34 707; den Überschuß von fast 15 000 über die in pr. 17 gemachte Angabe kann man in verschiedener Weise erklären (Detl. UZ 92). Neben diesen Gesamtzahlen enthalten die Indices der medizinischen Bücher fortlaufende Zählungen der medicinae aus jeder einzelnen Pflanze bzw. Tier, z. B. XX p. 61, 34 M. mentastro XX, menta XLI, puleio XXV. Ind. XXVIII p. 95, 18 ex apro XLI, sue LX, cervo LII usw. Zu kontrollieren sind diese Zahlen schwer; denn abgesehen von der Leichtigkeit einer Verschreibung wissen wir nicht, was P. bzw. seine Helfer als eine res oder medicina gezählt haben. Diese Zahlenfreudigkeit geht aber noch weiter, indem von B. XII an mit steigender Häufigkeit die Zahl der Pflanzenarten angegeben wird; so XII p. 41, 4 de nardo; differentiae eius XII; XIV p. 45, 25 vina generosa transmarina XXXVIII. In den kunstgeschichtlichen Abschnitten werden die nobilitates operum gezählt, z. B. in XXXV s. 34ff. (Detl. UZ 81). Es ist fraglos, daß diese Zahlen dem Leser ebenso imponieren sollten, wie sie dem P. selbst imponierten (vgl. sein Interesse für Preisangaben: VII 126. 128f., o. S. 821). Detlefsens Annahme, sie träten gerade da auf, wo P. über die Angaben seiner Quellen hinausgehe und aus eigener Erkundung oder jüngerer Literatur Zusätze mache, und daß sich so jene Differenz von 15 000 erkläre – diese Zahl werde eben durch die Zutaten aus jüngeren Quellen erzielt –, ist grundsätzlich zu verwerfen. Man mag dazu die Neigung zur Anhäufung von Namen stellen, wie sie sich z. B. in den Autorenregistern geltend macht (s. auch XV 131 und die Künstlerlisten, o. S. 399).

Wirft nun schon dies ein Licht auf seine Arbeitsweise, so kommt anderes bestätigend hinzu. Wo der Neffe die literarische Tätigkeit des Onkels beschreibt (ep. III 5, 1), äußert er sich auch über sein incredibile studium und summa vigilantia und seine parsimonia temporis. Er las kein Buch, ohne sich Auszüge zu machen: selbst das schlechteste Buch könne an irgendeiner Stelle nützlich sein – ein Grundsatz, den er nur zu sehr befolgt hat, mit der Folge, daß ihm Notizen an unpassender Stelle einfielen. Selbst bei Tische und im Bade ließ er sich vorlesen [422] oder diktierte. Auf Reisen mußte ein notarius neben der Sänfte einhergehen und aufschreiben, was ihm gerade einfiel. Bei seinem Tode hinterließ er außer den veröffentlichten Büchern 160 commentarii electorum (Exzerpte); schon früher einmal hatte Larcius Licinus sie ihm für eine hohe Summe abkaufen wollen. Man begreift, daß er über Mangel an Wißbegierde bei anderen klagt (X 20); die seinige ist unersättlich (XI 4).

Daraus ergibt sich, was eigentlich selbstverständlich ist, daß er sich in großem Umfange der Hilfe von servi litterati bediente; man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß sie für manche, bei einem Werk dieser Art fast unvermeidliche Mängel verantwortlich zu machen sind. Das Werk stellte eine erstaunliche quantitative Leistung dar, war eine Kompilation großen Stiles; in diese Stoffmassen Ordnung zu bringen hätte es eines Aristoteles bedurft: den P. erdrückten sie manchmal. Es war beinahe unvermeidlich, daß bisweilen Zettel an falscher Stelle eingeordnet wurden, und so finden wir allenthalben verrutschte Notizen, die bis heute eine crux editorum bilden. Ich verweise beliebig auf VII 67. 69. VIII 73 (wo die Konstruktion durchbrochen ist). 76. 149. X 63. XVI 143. XVII 81. 109. XVIII 75 (der Satz über olyra). 114. XIX 18. 185. XX 98. 114. 158. 231. XXI 102. XXIII 11. 100. 148. XXX 47. 116. XXXII 24. 136. XXXIII 158. XXXV 155 (der Satz über Chalkosthenes) – alles Fälle, in denen Umstellungen meist nicht berechtigt sein werden. Ein Musterbeispiel liegt VII 35 vor, wo nur in F² und im verlorenen Chiffletianus ein Zusatz an falscher Stelle erhalten ist, der trotz Mommsen wohl nur von P. selbst herrühren kann (es ist zu lesen in eadem domo). Es ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sich ein nachträglicher Zusatz nur in einem Zweige der Überlieferung erhalten hat (s. Bd. I A S. 2284, 26). Vgl. auch XVII 81 und die Kontroverse über XXXV 153 o. Bd. XIV S. 66. Welzhofer 1878, 48. Noltenius o. S. 300) hat die Tatsache solcher nachträglicher Einschübe benutzt, um die Nichtvollendung des Werkes zu beweisen.

Aber es ist damit nicht abgetan. Die im Großen klare und durch die Indices klar gemachte Disposition weist im Einzelnen zahllose Mängel auf, von denen die Quellenforschung gebührende Notiz genommen hat. (Bisweilen macht P. selbst auf die Abschweifung aufmerksam; so XXXVI 116.) Cato wird öfters abrupt eingeführt, z. B. XVII 55. VI 51 hat die Rückkehr zu Varro bewirkt, daß ipsius maris unklar bleibt, bis man durch Zurückblättern auf § 39 feststellt, daß es sich um das Kaspische Meer handelt. Die Schilderung Mesopotamiens ist in zwei Teile auseinander gerissen (V 86f. und VI 117f.), wobei es ohne Wiederholungen und Widersprüche nicht abging. VII 51 hat der Zusatz aus Varro den aristotelischen Zusammenhang gesprengt; 67 fügt P. eine nicht dorthin gehörige Bemerkung ein, weil er sie in der gerade benutzten Quelle fand (vgl. 69. 72. 80); 167 verrät das auf 164 zurückgreifende hoc munus, daß 165f. eine Einlage bilden. VIII 123 unterbrechen die Sätze über lycaon und Schakal das Kapitel über den tarandrus (vgl. 217). VIII 154 weist eidem Alexandro [423] auf 149 zurück; X 111 knüpft an 108 an. X 76 knüpft an 72 an: es ist deutlich, daß der ursprüngliche aristotelische Zusammenhang zerrissen ist (vgl. 63. 95). XI 214 setzt ex eodem voraus, daß die Entstehung des Fettes aus dem Blut erwähnt war: sie steht zwar bei Ar., aber nicht bei P. (vgl. 91 E. 127. 194 [Einschub aus Th. H.]). XII 18. XIII 68 klingt so, als habe P. vor, zu den palustria überzugehen; das scheint dann ganz vergessen, aber aus 107 ergibt sich, daß ihm bereits die Behandlung des Lotos vorschwebt. XIV 119 besteht aus zwei weder unter sich noch mit der Umgebung zusammenhängenden Notizen. Der letzte Satz von XV ist nur aus Verlegenheit dorthin gestellt. XVII 53 ist aus einem jungen Autor ein Zusatz eingeflickt; 154f. sind die Sätze über die Feige ein Einschiebsel in den Abschnitt über den Weinbau (vgl. 168). XVIII 229 fügt er eine Bemerkung über Heilwirkung des Mohns ein, die zu XX 198 gehörte; umgekehrt stehen in den medizinischen Büchern Pflanzenbeschreibungen, die man in der Botanik erwartete, so XX 144. 174. XXI 27ff. 39. 116 (iam remedia enim dicemus). XXIV 98. – XXXII 59–63. 95 sind rein zoologisch, ebenso 142ff.; eine Art von Entschuldigung steht XXVIII 3. Die Anlage von XXX deckt sich mit der von XXVIII, indem hier wie dort nach Krankheiten und Teilen des menschlichen Körpers geordnet ist (XXVIII 227 ~ XXX 93); überhaupt sind die Heilmittel so über viele Bücher verstreut (vgl. Jans Reg.), daß ein dringendes Bedürfnis nach Ordnung bestand, die auch in der Medicina Plinii (u. S. 430) erfolgt ist. B. XXI ist im Grunde rein botanisch bzw. landwirtschaftlich, da es flores und coronamenta behandelt, durchbricht also die Reihe der medizinischen Bücher; erst im zweiten Teile werden die Heilwirkungen angegeben (Ind. p. 65, 11ff.). P. sagte denn auch 93 de scorpione dicemus inter medicas (= XXII 39). Wiederum eine Art Einlage bilden § 1–13, wo nach römischen Quellen fast ausschließlich über den Gebrauch der Kränze in Rom gehandelt wird, absichtlich zu einer Art von Proömium gemacht, da dort Abschweifungen gestattet und beliebt waren. Umbrüche in der Disposition werden XXV 99. 132 angegeben, ohne daß der Index darauf Bezug nimmt (o. S. 367). Nachdem in XXVI eine Ordnung nach Krankheiten durchgeführt war, heißt es am Ende überraschend verum et reliqua genera herbarum reddamus, und es folgt in XXVII eine alphabetische Pflanzenliste. Einen Fremdkörper in XXI bilden 70–85, da hier in der Hauptsache von den Bienen gehandelt wird; am Schluß verweist P. selbst auf B. XI, wohin dieser Abschnitt gehört. XXX 146 heißt es, nachdem tierische Heilmittel geordnet nach den Krankheiten aufgezählt waren: praeter haec sunt notabilia animalium ad hoc volumen pertinentium (was nicht zutrifft); deutlich handelt es sich hier und in 147–149 um Nachträge, die P. gern am Schlusse des Buches oder eines Abschnitts anbringt, ohne immer genau zu prüfen, ob sie auch dorthin passen; darauf hat zuerst Noltenius Quaest. Plin. (Bonn 1866) 10ff. geachtet und vieles richtig beobachtet (s. auch Münzer 222. Die Frage ist mit der nach der Herausgabe des Werkes [424] verknüpft, s. S. 299). Vgl. etwa XIX 87. – B. XXXI kündigt aquatilium beneficia an, aber die folgen eigentlich erst in XXXII, und unser Buch enthält in der Hauptsache aquarum mirabilia; nur der Schluß über die Schwämme fügt sich der Disposition ein. P. hat das selbst gefühlt, wie 96 zeigt: haec obiter indicata sint desideriis vitae, et ipsa tamen non nullius usus in medendo. Ausdrücklich entschuldigt sich P. XII 104 wegen einer Einlage. Einen Mangel der Redaktion bedeutet auch die Wiederholung des Schlußsatzes von X am Anfang von XI. Fälle von Wiederholungen aus B. XVII–XX behandelt Stadler Bl. bayr. Gymn. XXVIII 375f. – Bemerkungen von allgemeiner Wichtigkeit werden so gegeben, daß sie sich leicht verlieren; so XII 53 über die Größe des σχοῖνος. Vgl. II 85. III 16. IV 93.

Das disparate Material versucht P., wo es angeht, durch Übergänge zu verbinden, die oft recht gesucht sind. Darauf ist oben in der Inhaltsübersicht bereits hingewiesen. Hier erwähne ich noch VIII 108, wo davon die Rede gewesen war, daß die männlichen Hyänen natos mares castrant, und fortgefahren wird nach einem von den Weibchen handelnden Satz easdem partes sibi ipsi Pontici amputant fibri, worauf vom Biber die Rede ist. Der § IX 124 ist nur dazu da, um von den Perlen zu den Purpurschnecken überzuleiten. Vgl. X 60 den Übergang von den Kranichen zu den Störchen, XVI 6 E. von den Eichen zu den civicae coronae, XVIII 229 von den Ciceroversen zu den Saatzeiten. XXXIV 49 bezeichnet minoribus simulacris den Gegensatz zu Kolossen, obwohl unmittelbar vorher von solchen nicht die Rede war. XXXVII 85 soll die Erwähnung der Frauen nur auf Kaiser Claudius und dieser wieder auf den Sardonyx überleiten. Derartiges findet sich in Menge; ich verweise auf Joachims De Theophr. libris 26 Tadel an VIII 112. Ferner auf IX 122. X 60 b. 64. XVI 226. – X 109 ist die Vorschrift des Ps.-Demokrit (frg. 68 W.) in einen anderen Zusammenhang gezwängt: ob id geht auf etwas anderes als mutare sedem, letzteres stammt aus der Quelle, jenes ist nur zur Überleitung da.

Dieser Tatbestand ist von den Herausgebern nicht immer beachtet worden, und namentlich Urlichs und Mayhoff haben viele Umstellungen vorgenommen, die den Plinius selbst verbessern. Vgl. dem gegenüber die besonnenen Mahnungen von Detl. Jahrb. f. Philol. 77, 665. 95, 76.

12. Die Indices auctorum (bequeme Übersicht bei Detl. Bd. VI p. VI–XXIX). P. teilt pr. 17 mit, er habe sein Material ex exquisitis auctoribus centum gesammelt, und er gibt sie – aber nicht nur sie – in den indices auctorum an, die hinter der Inhaltsangabe jedes Buches stehen: diese beiden Bestandteile bilden das erste Buch, und von den Inhaltsangaben sagt er pr. 33, er habe sie hinter den Widmungsbrief gestellt. Darüber s. o. S. 300. Zu beachten ist, daß diese Verzeichnisse nur die schriftlichen, nicht die mündlichen Quellen nennen; daher fehlt z. B. der X 134 erwähnte Egnatius.

Die Autoren sind gesondert nach Römern und (auf sie folgenden) externi d. h. Griechen (Dirksen 136); in den B. XX–XXVII. XXIX. XXX sind von diesen wieder die medici abgetrennt. [425] Römer, die griechisch schreiben, stehen bei ihren Landsleuten; so Sextius Niger mit dem Zusatz qui graece de medicina scripsit (XII usw.). Ähnlich XVIII L. Tarutius qui graece de astris scripsit. Caesare dictatore qui item. (Vgl. Iulius Bassus XXff.). Zur Unterscheidung von Homonymen genügt bei Römern entweder der Zusatz von Prae- bzw. Cognomen (drei Namen werden nie angegeben), oder es wird der Inhalt der betr. Schrift bezeichnet, z. B. Caesennio qui cepurica scripsit XIX. Bei Griechen entweder ebenso (Dionysio qui Magonem transtulit VIIIff.), oder die Heimat wird zugesetzt: Euagone Thasio VIIIff. Es sind fast 500 Autoren, die in diesen Verzeichnissen erscheinen; mit den exquisiti meint er wohl die direkt benutzten, ohne daß man jedoch diesen Begriff zu sehr pressen darf.

Den Weg zur Benutzung der Indices für die Quellenforschung hat H. Brunn gewiesen (De auctorum indicibus Plinianis. Bonn 1856; Andeutung schon bei Montigny 23), indem er zeigte, daß die Autoren in der Reihenfolge erscheinen, in der sie von P. benutzt bzw. zitiert sind. Aber diese wertvolle und stets zu berücksichtigende (Cichorius 416) Beobachtung unterliegt, wie Brunn selbst schon ausgeführt hat, allerlei Beschränkungen. Zunächst hat P. nicht so sorgfältig gearbeitet, daß nicht manche im Text zitierte Autoren im Index fehlten. So vermissen wir in II Cidenas (genannt 39), in III Polybios, Eratosthenes (§ 75) u. A., in V Augustus (Cuntz Diss. 41), in VI Aufidius, in X den allerdings im Text nicht genannten Fenestella, in XX eine ganze Reihe von zitierten (freilich nicht eingesehenen) Autoren (Brunn 35), in XXV die sicher benutzten Varro und Valerius Antias (Münzer 236), in XXIX Cato Vergil Ovid Seneca, in XXXVII Apollonios Catull Menander (H. Urlichs Die Quellenreg. zu P.’ letzten Büchern. Würzb. 1878). Auch kleine Ungenauigkeiten kommen vor, die wer will auf P.’ Helfer schieben mag; so ist im Ind. VI Alexander d. Gr. als Quelle genannt, während in Wahrheit nur seine (übrigens auch über eine Mittelquelle benutzten) comites (40 usw.) in Frage kommen. Wenn Sextius zwar für VIII 91 a benutzt ist, aber dennoch im Index fehlt, so ist das berechtigt, da P. das für B. XXVIII gemachte Exzerpt verwendet hat. Anderes bei Münzer 129. Klotz Quaest. 4ff.

P. hat selbst nicht behaupten wollen, daß er alle die in den Registern aufgezählten Autoren selbst gelesen habe; der Gedanke an absichtliche Täuschung lag ihm fern. Er nennt vielmehr alle Autoren, die er zitiert fand – oder doch möglichst alle –, liefert also so etwas wie ein Literaturverzeichnis für das betr. Gebiet (Stadler Die Quellen 31. Münzer 129). Am schlagendsten ist das bei den medizinischen Büchern, deren umfangreiche Quellenregister zu einem erheblichen Teil übereinstimmen und wo deutlich ist, daß die Liste von einem Buch zum anderen übertragen wurde (Brunn 31 ff., o. Bd. XIX S. 1189f.). Dasselbe gilt von der Ärzteliste, die aus XXIX fast wörtlich nach XXX übertragen wurde; von den zu XII. XIII. XXXIII–XXXV Genannten dürfte ein Teil aus Sextius Niger übernommen sein. Ähnlich liegt es [426] in XXXIII–XXXV mit denen, die de medicina metallica scripserunt: es sind 14 Namen, die in den beiden letzten Büchern in derselben (nicht alphabetischen) Reihenfolge stehen, während diese in XXXIII geändert ist; auch ist hier ein Attalus medicus eingeschoben. Auch hier könnte Sextius die Quelle sein (über Xenocrates Zenonis s. o. S. 407). In das Register von VIII. X. XIV–XVIII übernimmt P. den alphabetischen Katalog landwirtschaftlicher Autoren, den er bei Varro fand (Brunn 46); auch in IV–VI scheint seine griechische Namensliste teilweise aus Varro de locis abgeschrieben zu sein (Kentenich 17ff.). Ähnliches gilt von den Verfassern von μελιττουργικά in XI, die er aus Hygin haben wird; das erweckt Mißtrauen gegen die lateinische, und wenn z. B. der obskure L. Vetus im Ind. III–VI immer zwischen Hyginus und Mela auftaucht, so berechtigt das weder, an seine Benutzung in allen vier Büchern noch an die gerade an der betr. Stelle zu glauben. Ähnliches gilt von den 23 Alexanderhistorikern in XII. XIII; von der alphabetischen Liste in XVIII (Amphilocho-Euphronio), wo dem P. bei E der Atem ausgegangen ist, und von der Astronomenliste Thalete-Archibio am Schluß. In XXXVI sind 13 Schriftsteller über Pyramiden aus § 79. 84 übertragen. Bei XXXI. XXXII läßt uns der Index erkennen, daß die beiden Bücher ursprünglich eine Einheit bildeten. Ähnlich liegt es mit XIV. XV; die XIV 92f. zitierten Plautus-Ateius Capito (alle nicht selbst eingesehen) haben mit XV nichts zu schaffen; ebensowenig die am Ende der griechischen Liste genannten Ärzte und oenologischen Autoren (Asklepiades-Themiso). Brunn 22. Zieht man solche Dinge in Betracht, so kann man die Brunnsche Beobachtung verwenden (z. B. Münzer 375), muß sich aber vor mechanischer Anwendung hüten.

Ferner reflektiert der Index auch in anderen als den eben angeführten Fällen die Entstehungsgeschichte des Werks. Nachträglich eingesehene Autoren werden an den Schluß des fertigen Verzeichnisses angefügt. So mag es mit Mamilius Sura stehen, der im Index VIII. X. XI. XVIII an letzter oder vorletzter Stelle erscheint; P. mag erst in XVIII (wo er 143 benutzt ist) auf ihn aufmerksam geworden sein, einige Notizen aus ihm in andere Bücher eingefügt und seinen Namen dann im Register nachgetragen haben. Ähnliches gilt von den drei Autoren de Etrusca disciplina in II, von den vier Ärzten, die in XXVIII am Schluß der römischen Liste stehen, und von Anaxilaos und Iuba ebd. am Ende der griechischen. Aus der Anordnung der Autoren im Ind. VII läßt sich eine ursprünglich verschiedene Anlage des Buches erkennen. Bisweilen lassen sich Beobachtungen an Index und Text vereinigen; so III 57. Hier schließt an die Behandlung von Cercei eine Einlage, die mit mirum est beginnt und bis prodidit (59) reicht; in ihr werden Theophrast, Theopomp und Kleitarch, am Schluß Mucian zitiert. Diesen hat P. selbst eingesehen, die anderen drei nicht (Münzer 337 führt ihre Nennung auf Nepos zurück, der im Index erscheint); nun stehen im Register alle diese Autoren – außer dem übersehenen Kleitarch – außer der Reihe (Brunn 5): wir haben es mit [427] einem nachträglichen Einschub zu tun. VII 193 steht ein Zitatennest, das sich auf die Erfindung der Buchstaben bezieht; Berosos und Epigenes waren schon 166 genannt und erscheinen an der betr. Stelle im Index; Antikleides jedoch und Kritodemos sind erst am Schluß zugefügt.

Vgl. A. Klotz Herm. XLII 323 (der die verkehrte Hypothese von Rabenhorst Philol. LXV 567 zurückweist).

Über die Art der Quellenbenutzung und -zitierung ist eigentlich schon das Nötige gesagt worden. Doch ist darauf hinzuweisen, daß er praef. 21ff. die Nennung der Gewährsmänner in den Indices (und wohl auch im Text) besonders hervorhebt: es sei benignum et plenum ingenui pudoris fateri per quos profeceris, non ut plerique ex his quos attigi fecerunt, und er erhebt gegen Autoren, die ihre Quellen wörtlich abschreiben, ohne sie zu nennen, den Vorwurf des furtum (vgl. Studien 141ff.). Daraus darf man nicht folgern, daß er in jedem Falle den gerade benutzten Autor nennt; es genügt, daß er alle von ihm eingesehenen Gewährsmänner irgendwo (und sei es nur im Index) erwähnt hat. Schwerer findet man sich mit einem Falle wie VIII 44 ab. Hier behauptet P., die 50 zoologischen Bücher des Aristoteles gesammelt und epitomiert zu haben, während es feststeht, daß er den echten Ar. kaum gesehen hat. Aber das lasen die Zeitgenossen auch kaum heraus und verstanden richtig, daß er den Inhalt der aristotelischen Schriften zusammengedrängt (und aus jüngeren Quellen erweitert) habe. Hier ist auch daran zu erinnern, daß das Werk nur halb ein Hypomnema ist (Studien 308, o. S. 420) und sich schon dadurch eine pedantische Zitierweise und eine allzu häufige wörtliche Ausschreibung älterer Texte verbot. Das äußert sich auch darin, daß er oft seine Gewährsmänner nur unbestimmt angibt (quidam X 125 u. o., nonnulli, alii; ferner proditur, adnotatum est u. dgl. (Dirksen 138, 22); ut constat inter diligentissimos auctores XXXVI 109: das entspricht einer in schöner Literatur weit verbreiteten Gewohnheit (z. B. Hornbostel De Iosephi studiis [Halle 1912] 14). Vgl. u. S. 436. Dirksen Hinterl. Schr. I 138. Münzer 3ff. und passim. Oehmichen Plin. Stud. 72. Aber auch wo er nur sachlich einer Quelle folgt, löst er oft deren Gefüge auf und kontaminiert sie mit anderen (vgl. Bd. XII S. 1854, 63): das war eine technische Leistung, die auf Bewunderung rechnen durfte.

Jüngeren Quellen entnimmt er verhältnismäßig mehr als älteren, teilweise wohl aus dem Gefühl heraus, daß deren Mitteilungen sonst untergehen würden. So etwa dem unzuverlässigen Mucianus und VIII 90–93 dem nicht besseren Trebius Niger. Nicht selten nennt er die verkehrten Quellen, d. h. Abschreiber, statt der ihm wohl bekannten Urquellen, z. B. Trogus statt Aristoteles; II 38 für eine bekannte Tatsache den entlegenen Timaios (Kosmol. 10). Natürlich benutzt er seine eigenen älteren Arbeiten. Über das Geschichtswerk und die Germanenkriege ist oben einiges bemerkt; an Reminiscenzen an die Studiosi könnte man z. B. XI 145 denken.

Wenn wir nach alledem die Wahrheitsliebe [428] des P. nicht anzweifeln dürfen, so müssen wir nicht vergessen, daß die Alten in manchen Punkten anders dachten als wir. Das ist wichtig zur Beurteilung solcher Fälle wie X 63 olorum morte narratur flebilis cantus (Arist. h. a. 615 b 2) – falso, ut arbitror aliquot experimentis. Denn daß P. solche Beobachtungen selbst anstellte, wird man bezweifeln, wenn man bei Athen. IX 393 d liest, daß Alexander von Myndos dasselbe gesagt hatte (Wellmann Herm. XXVI 551): nach antiker Anschauung – wenigstens nach der seiner Zeit – durfte sich P. eine solche Behauptung aneignen. Dasselbe gilt von III 128, wo er mit credo eine wohl aus Varro stammende, auf Poseidonios zurückgehende Ansicht über die Argofahrt vorträgt (Wendel Schles. Jahrb. III 61). Auch die (unberechtigte, s. Friedländer⁹ IV 270) Kritik an der Erwähnung numidischer Bären (VIII 131) wird trotz des miror aus der Quelle entlehnt sein (vgl. XI 165). Die verhältnismäßig ausführliche Polemik gegen Aristoteles’ Ansicht von der Atmung der Fische (IX 16ff.) trägt er als seine eigene Ansicht vor, während er sie sicher aus einem Zoologen (Th.?) entlehnt hat (Steier A. und P. 121). Wenn er V 94 sagt, daß ,alle‘ die gens Isaurica und die gens Omanadum übergangen hätten, so nahm keiner seiner Leser an, daß diese Stämme erst von P. entdeckt seien; er kennt sie aus einem Gewährsmann (Isidoros nach Klotz 163f.), der sich wohl seinerseits über die Unterlassungssünden seiner Vorgänger beschwert hatte. Vgl. VI 40; nobis videtur XVII 81 leitet wie oft eine fremde Ansicht ein; vgl. XXXVII 53. Der Anschluß an die Quelle verleitet zu Unachtsamkeiten. So schreibt er VI 121 dem Herodot nach, der Beltempel zu Babylon stehe noch (Behr Herm. XXVI 315); ähnlich liegt es, wenn er die arcus als novicium inventum bezeichnet (XXXIV 40 27), das caeruleum Vestorianum nuper erfunden sein läßt (XXXIII 162 vgl. Vitr. VII 11, 1); vgl. etiamnum VII 13 (Münzer 122), novissimus (XVIII 32), cum proderem XIII 42 (Ähnliches aus anderen Autoren bei Svennung Unters. zu Palladius XIIIff.). XV 137 bezeichnet er den vor Neros Tode eingegangenen Lorbeerhain ad Gallinas als noch stehend (Münzer 121). Ganz üblich war es, den Mittelsmann zu verschweigen, aber die von ihm zitierte Autorität zu nennen: massenhaft Fälle sind oben erwähnt, vgl. auch über die Indices S. 424ff. Hierher gehört Aristoteles VIII 44f., Ktesias ebd. 75. Wenn P. VIII 175 sagt Atheniensium monimentis apparet, wo bei Ar. nur steht Ἀθήνησιν ὅτε τὸν νεὼν ᾠκοδόμουν, so war das Streben nach einer eleganten Wendung maßgebend.

13. Irrtümer. Bei der Ausdehnung des behandelten Stoffes und dem damals allgemeinen Mangel einer wissenschaftlichen Kritik sind dem P. viele Irrtümer unterlaufen, von denen auch hier die Rede sein muß, ohne daß ihm daraus ein schwerer Vorwurf gemacht werden kann. Am schwersten wiegen Unentschiedenheiten und Widersprüche, wie über das Alter des Papyros (XIII 69 vgl. 88, dazu Münzer 152) oder der Marmorskulptur (XXXVI 9ff.). Aber dergleichen war schon dem Varro widerfahren (Münzer 144). Einzelne Versehen sind oben schon zur [429] Sprache gekommen; hier noch eine Blütenlese von Irrtümern. IV 62 ist Kos und Keos verwechselt (Oehmichen Act. Lips. III 435); V 81 der Cyrrestica ganz fremde Städte zugeteilt (Bd. XII S. 193, 47). VI 78ff. wirft er Areia und Ariane (s. d.) durcheinander (richtig 113), und Salmasius 558 b G, der das feststellt, sagt resigniert: ,sed talis ubique P.‘. VIII 39 unterscheidet er zu Unrecht alce von achlis (Montigny 19); 52 wird adnexarum simiarum auf Mißverständnis der griechischen Vorlage beruhen. X 51 kann er wirklich geschrieben haben nomine Olenii, ebenso XI 118 media altitudine, XII 195 ceteris avibus. Solche Fälle bringen die Kritiker in Verlegenheit, da sie nicht wissen, wieviel man dem P. und wieviel den Schreibern zutrauen darf. Namentlich Mayhoff ist der Versuchung erlegen, solche Versehen durch Emendation zu beseitigen; so extinguit XX 122, maximum XXXII 19, eodemque IX 177. Bedenklich sind Zusätze aus der Parallelüberlieferung wie cum lacte XXIII 145, ebenso Umstellungen verrutscher Notizen (o. S. 422) wie XVI 144. XVII 81. – VIII 200 kann er sehr wohl geschrieben haben concipiunt (caprae) ... aliquando anniculae, semper bimae, in trimatu inutiles, wenn auch bei Colum. VII 6 etwas anderes steht. IX 58 hat P. gewiß in mari (interim Birt) geschrieben und den Karpfen zu den Seefischen gerechnet, obwohl er aus Ar. 3 das Richtige entnehmen konnte (war ihm die Identität von κυπρῖνος und Karpfen klar?). Über II 122 s. Kosmol. 34, über XVI 210 (223) Renjes 85, über quoque XXXIV 69 Oehmichen 181. Vgl. etwa noch über Barum-Icarum-Icharam (VI 147) o. Bd. IX S. 823, über Orthosia (V 108) Bd. XVIII S. 1491.

XIII 100 berichtet er über Hom. Od. V 60 Verkehrtes, das vielleicht schon in der Quelle stand (Morel Phil. Woch. 1925, 428). XI 256 4 hat er Ar.’ Einteilung der Vögel mißverstanden (Montigny 30), XII 35 das Epitheton ἁδρόβωλον für einen Pflanzennamen gehalten, ebenso 114 εὐθέριστον. XIV 113 scheint die Annahme, man könne aus Honig und Wasser Wein machen, ein Irrtum zu sein (vgl. Diosk.). XV 32 versetzt er Palmyra an die Küste: las er ἁλμυρά (vgl. Diosk. I 31). XVI 12 ist utque eum locum hostis optineat widersinnig; wer den Bürgerkranz erhalten will, muß seinen Platz behaupten; 107 könnte azaniae Mißverständnis für ἀζαλέαι sein; 120 hält er κράταιγος für die Frucht des Buchsbaumes, während es ein Baum für sich ist; die alte Textänderung ist bedenklich. XVIII 338 verkehrt brumalem statt solstitialem den Sinn. XIX 98 gibt er infolge einer Vertauschung von cubitus und ἡμιπόδιον der Wurzel des lapathus die dreifache Länge; 120 verwechselt er ὤκιμον und κύμινον (mehr der Art bei Urlichs Vindiciae II 80). XXI 180 scheint Timaristos statt Timaris genannt; XXXIII 8 Midas statt Gyges; XXXV 132 Attalos statt Ptolemaios (Münzer 124ff. 377 A. Ross Archäol. Aufs. II 360). Daß manchmal auch der Sinn der Vorlagen, besonders der griechischen, von P. nicht verstanden wurde und daher auch der lateinische Text dunkel ist, hat zu XXXIV 112. 116 Bailey Hermathena XXI (1931) 39–53 gezeigt. Zwei besonders lehrreiche [430] Irrtümer (zu XI 11. XXXV 108) bei Severyns Deux erreurs de Pline l’ancien, Mél. Thomas 627–632.

Daß ihm die einfachsten Kenntnisse der physikalischen Geographie fehlen, verrät er öfters (o. S. 304); arg ist, daß er in Taprobane den Mond nur von der 8. bis zur 16. Stunde über der Erde erscheinen läßt (VI 87), was auf einem Mißverständnis des dort benutzten Gesandtenberichtes beruhen mag (vgl. VI 69). XXVI 19 verwechselt er Pharsalos und Dyrrhachion, XIII 88 Tarquinius Priscus und Superbus (Münzer 127. 185), XVIII 71 (vgl. 75) scheint er die oryza mit einer Orchidee zu verwechseln (Bd. I A S. 518, 48). XXXIII 99f. sieht man, daß ihm die Identität von hydrargyrum und argentum vivum nicht klar geworden ist. XXXIV 70 läßt er den Praxiteles Statuen der Tyrannenmörder machen.

Eigenartig ist folgender Fall. Eine Notiz des Th. H. I 9, 5 über drei Platanen (in Kreta, Sybaris, Cypern) ist in zwei Stücke zerrissen: von der ersten und dritten ist XII 11 die Rede, von der zweiten XVI 81. An jener Stelle sagt P., die gortynische sei insignis utriusque linguae monimentis, wobei er Varr. I 7, 6 im Auge hat; an dieser wundert er sich, daß nur die Griechen die sybaritische Platane erwähnen, obgleich Varro auch sie nennt – XIII 21 und XVII 38 ist eine Cicerostelle in falscher Fassung zitiert und mißverstanden.

14. Nachleben. Der große Sammelfleiß des P. wurde dadurch belohnt, daß sein Werk eine starke Nachwirkung hatte; es stand durch seinen überwältigenden Stoffreichtum so einzigartig da, daß die Folgezeit nicht daran vorbeigehen konnte. Die Buntscheckigkeit des Inhalts bewirkte, daß der eine aus diesem, der andere aus jenem Teil Auszüge machte und daß für einzelne Gebiete ganze Handbücher aus P. zusammengestellt wurden. Unter den erhaltenen Schriftstellern ist Gellius der erste, der an mehreren Stellen seines Werkes (s. Hosius’ Reg. 319) Auszüge aus ihm bringt. Apuleius (flor. 12) paraphrasiert X 117. 119; einige Lesefrüchte bei Tertullian sammelt Vitale Musee Belge XXX 153.

Die botanisch-medizinischen Bücher wurden im 3. Jhdt. von Gargilius Martialis benutzt (o. Bd. VII S. 760); leider gibt es keine vollständige Ausgabe von dessen Fragmenten; jedoch merkt Rose am Rande seiner Ausgabe die benutzten P.-Stellen an. Etwa gleichzeitig, vor Serenus und Marcellus, entstand die Medicina Plinii (o. Bd. XV S. 81), die ein nach Krankheiten geordnetes Exzerpt aus allen medizinischen Büchern darstellt; die beiden ersten Bücher folgen dem Körper vom Kopf zu den Füßen, das dritte trägt Mittel nach, die sich dieser Anordnung schlecht fügten. Dem Verfasser ist außer der Vorrede beinahe nichts eigen; die übrigen kleinen Zusätze verzeichnet Rose Herm. VIII 23. Dieses Werk ist aufgenommen in eine spätere Kompilation in 5 Büchern, hier aber durch allerlei Zusätze erweitert; diese Fassung ist nur durch alte Drucke bekannt, nämlich den römischen vom J. 1509 (C. Plinii Sec. medicina) und einen (stark verfälschenden) Baseler von 1528; diese Umarbeitung lag schon im 9. Jhdt. vor. Auf den Namen P. Valerianus hat sie P. Iovius [431] im J. 1524 getauft. Näheres bei Rose Herm. VIII 39; Anecd. gr. lat. II 105. Die ursprüngliche Fassung in drei Büchern ist stark benutzt worden: so von Serenus Sammonicus (Bd. II A S. 1675), der den vollständigen P. daneben verwendet, und von Marcellus Empiricus (Bd. XIV S. 1498), von dem dasselbe gilt (Übersicht der benutzten Stellen bei Niedermann Ausg. 350). Dagegen ist im Herbarius Apulei Platonici (ed. Howald und Sigerist, Lpz. 1927) der vollständige P. mehr benutzt als die Med. Pl. (Howald XIX, s. d. Nachweise unter dem Text). Vgl. Bd. II S. 257. Die Bücher über animalische Heilmittel sind benutzt in dem kümmerlichen Buch des S. Placitus, das Howald-Sigerist hinter Ps.-Apuleius herausgegeben haben (s. Praef. XXII).

Im 3. Jhdt. hat Solinus (o. Bd. X S. 823) für sein geographisch angelegtes Werk besonders die B. III–VI, aber auch VII–XIII und XXXVII ausgeschrieben, so daß Dreiviertel seiner Kompilation plinianischen Ursprunges sind. Daß er den P. durch Vermittlung einer von Mommsen erschlossenen ,Chorographia Pliniana‘ benutzt habe, darf heute als erledigt gelten. Ammian hat neben Solinus den P. selbst eingesehen (Gercke Jahrb. Suppl. XXII 99), Symmachus schickt ein Exemplar an Ausonius (epist. I 24); seine Worte libellos, quorum mihi praesentanea copia fuit lassen vielleicht durchscheinen, daß der Besitz des ganzen Werkes etwas Besonderes war. An einigen Stellen verrät er Bekanntschaft damit (Bresl. phil. Abh. VI 2, 88). Die Zitate bei Macrobius scheinen vermittelt (o. Bd. XIV S. 185, 4); dagegen hat Mart. Cap. für die Geographie seines 6. B. neben Solinus auch P. selbst ausgebeutet (o. Bd. XIV S. 2010, 28). Dasselbe tun Augustinus und Isidorus (Bd. IX S. 2076f.); die Benutzung durch Lydos ist unbedeutend und kaum direkt (Bd. XIII S. 2214, 57).

Über die Bekanntschaft des Mittelalters mit P. hat Sillig Allg. Schulztg. 1833 II 409 gehandelt; hier muß ich auf das Folgende verweisen und will nur Beda erwähnen, der besonders B. II, aber auch Einiges aus III. IV. VI ausschreibt (Welzhofer Abh. f. Christ [1891] 25–41). Über Dicuil Detl. Herm. XXXII 325; sonst die Register von Manitius’ Lat. Lit. d. Mittelalters I 754. II 860. III 1140. Der Steinkatalog im Gedicht des Meliteniotes Auf die Enthaltsamkeit ist eine verkürzte, in das griech. Alphabet umgefügte Übertragung des ebenfalls alphabetisch geordneten Steinkataloges bei P. B. XXXVII, Dölger Mél. Bidez I 315 f. Zur Benützung des P. durch Kolumbus s. Streicher Span. Forsch, der Görresgesellschaft I 196–250.

Über P. in den sog. Germanicusscholien s. Fels 107. v. Fragstein Isidor und die Germanicus-Schol. (Bresl. 1931) 30. 37f. 45. 75.

Man muß je später desto mehr mit indirekter Benutzung rechnen; die Nennung des Namens P. beweist an sich nichts für wirkliche Bekanntschaft.

15. Textgeschichte und Überlieferung. Über die Textgeschichte im Mittelalter läßt sich bisher Folgendes feststellen. Vor dem J. 825 gab es eine Hs. in England, die der damals schreibende Dicuil benutzte, indem er Teile aus B. II–V in sein Buch de mensura orbis [432] terrae aufnahm. In dieser Hs. war ebenso wie in DR durch Verschiebung von Blattlagen eine Verwirrung eingetreten, so daß mitten in II 187 der Abschnitt IV 67–V 34 eingeschoben ist. Vielleicht geht die ganze englische Überlieferung (zu der auch die Auszüge Roberts von Cricklade gehören) auf eine Hs. zurück, die Abt Benedikt von Weremouth im J. 678 aus Rom mitbrachte (Welzhofer Abh. f. Christ 29ff.). Detl. Herm. XXXII 325. Anscheinend ist dann eine Hs. aus England nach Nordfrankreich gelangt, und aus ihr stammt z.B. D+V [und F]; auch d ist französischen Ursprunges (S. Amand bei Valenciennes, Detl. Philol. XXVIII 291). Spuren weisen von hier nach Norddeutschland: eine Lübecker Hs. saec. XIII wurde für Cosimo von Medici gekauft (Urlichs 362. Welzh. Jahrb. f. Philol. 123, 805. C. Curtius Aufs. für Curtius [1884] 333). Eine Hs. in Reichenau wird durch einen Katalog des 9. Jhdts. bezeugt; möglich wäre, daß cod. Vindob. 234 (aus S. Blasien) saec. XII/XIII mit ihr zusammenhängt. Da es aber etwa 200 Hss. gibt, die zum Teil kaum angesehen sind, da Kreuzungen der Überlieferung fortwährend stattgefunden haben, so ist der Wert der aufgestellten Stammbäume nur bedingt; s. etwa Fels De cod. Plin. fatis etc. (Gött. 1861) 96. 108. Detl. Rhein. Mus. XV 383; Jenaer Lit. Ztg. 1874, 396; Herm. XXXII 331. Urlichs Eos II 360. Welzh. 1878, 14. 65. Auch die Einteilung der Hss. in zwei Familien (Fels 46) u. dgl. hält nicht Stich.

Einer gründlichen Aufhellung der Überlieferung stand einmal der Umfang des Werkes im Wege, dann der Umstand, daß sie in verschiedenen Teilen verschieden ist. Benutzung von Hss. durch die älteren Herausgeber (über sie Sillig I p. XXIIIff. und Jan S.-Ber. bayr. Akad. 1862 I 222) war eine zufällige; am ehesten hat Dalecamp Angaben über La. gemacht, so über die des vielberufenen Chiffletianus (Fels 40). Systematisch nach Hss. zu fahnden begann erst Sillig, der mit erstaunlichem Fleiß ein großes Material sammelte; aber es war ungesichtet, und die Vergleichungen oft ungenau. Etwas weiter kam v. Jan (außer seinen Ausgaben s. S.-Ber. bayr. Akad. 1862). Aber der erste, der ernsthaft an die Schaffung einer Recensio und einer Überlieferungsgeschichte ging, war Detlefsen, mehr in einzelnen Aufsätzen als in den sehr kurzen Praefationes; Einzelheiten klärten Welzhofer und Urlichs auf. Um eine sorgfältigere Vergleichung der bekannten Hss. erwarb sich Mayhoff Verdienste; der Apparat seiner Ausgabe ist heute der relativ beste. Es fehlen uns aber auch heute noch von wichtigen Hss. ausreichende Kollationen, die namentlich die verschiedenen Hände scheiden; denn fast alle Hss. sind stark durchkorrigiert und stellen daher teilweise eine doppelte Überlieferung dar. Schädlich war auch die mechanische Scheidung in vetustiores (daher z. B. vielfach Überschätzung von B) und recentiores mit grundsätzlicher Geringschätzung der letzteren; es ist vielleicht nicht wahrscheinlich, aber keineswegs ausgeschlossen, daß in ihnen noch Wertvolles steckt. Damit ist um so mehr zu rechnen, als sich auch in den älteren Ausgaben La. finden, die durch Hss. bestätigt [433] worden sind; so durch M (Mayh. II 558) und B (ebd. V 483). Nicht günstig war es auch, daß die älteren, zum Teil sehr gründlichen Arbeiten über die damals – leider mangelhaft – bekannten Hss. zu sehr von dem Gesichtspunkt geleitet waren, die ,beste‘ Überlieferung aufzuhellen und womöglich feste Grundsätze für die Kritik aufzustellen, die diese oder jene Hss. oder Gruppen bevorzugen sollte, während doch ein eklektisches Verfahren geboten war.

Schon im Altertum mußte der Text auf mehrere Rollen bzw. Bände verteilt werden (auf schwache Spuren einer Pentadenteilung glaubt Dziatzko Unters. 109 hinweisen zu können): Das hatte zur Folge, daß im frühen Mittelalter anscheinend keine vollständigen Hss. vorhanden waren; solche, heute auch meist verstümmelt, begegnen erst seit saec. X (z. B. im Lorscher Katalog saec. X in zwei Bänden [G. Becher Catal. bibl. ant. 109]; Hs. in Le Mans 263 saec. XII). Die Erwähnungen in Bibliothekskatalogen seit saec. VIII sammelt Manitius Philol. XLIX 380. Aus der Zeit der Maiuskel besitzen wir einige Palimpseste: codex Monei (M) in Wien, vielleicht aus Reichenau stammend (Becher 21), saec. V mit Resten aus B. XI–XV, von Mone in Bd. VI von Silligs Ausg. (Gotha 1855) sorgfältig abgedruckt, vom buchtechnischen Standpunkt beschrieben von Dziatzko Unters. 103–115 (Weiteres bei Mayhoff II p. IV); Nonantulanus (Sessorianus), jetzt in Rom Bibl. naz. 2099 saec. VI, sieben Blätter mit Resten aus B. XXIII. XXV (Hauler Comment. Woelfflin. 307); ferner einzelne Blätter in Paris (P), Lucca und Wien (O) mit Resten von B. XVIII. XXXIII. XXXIV.

Im 8. Jhdt. sind die astronomischen Exzerpte aus B. II. XVIII (sog. northumbrische Enzyklopädie) gemacht, die K. Rück Progr. Ludwigs-Gymn. München 1888 (vgl. S.-Ber. bayr. Akad. 1898 II 204) bekannt machte. Aus dieser Zeit auch die Exzerpte aus XVIII 309–365 in Cod. Lucensis (Rück 1898, 13; von Mayh. noch nicht benutzt). Ferner (falls nicht schon aus saec. VII) die aus B. XIX. XX in Cod. Salmas. (Q.; s. Riese Anth. lat. I p. XIX) unter dem Titel Apulei Platonici de remediis salutaribus, abgedruckt von Sillig in Bd. V (vgl. Fels 105. Mayh. III p. XII).

Cod. Leidens. Voss. saec. IX (A) enthält nur B. II–VI, Bamberg, saec. X (B) XXXII–XXXVII. Aus dieser Zeit stammen astronomisch-geographische Exzerpte, die Rück S.-Ber. bayr. Akad. 1888, 257. 1898, 46 ediert hat (aus B. II–IV. VI, = y).

Mit saec. XI beginnen die vollständigen Hss.; genannt seien Riccardianus (R), in der Mitte und am Schlusse arg verstümmelt, mit vielen Schreibfehlern, die eine andere Hand verbessert hat (Mayh. Novae lucubrationes Lpz. 1874, 54ff. Kroll Kosmol. 80. Fels 15. 42); Vatic. 8361 + Leid. Voss. 61 (D+V), am Anfang und Schluß verstümmelt, Quaternio 29 ist in Paris. 6796 verschlagen (= G); stammt aus Corbie (Becher 285). Daß die Angaben über D nicht immer genügen, konnte ich am Original feststellen. Eine Abschrift von D scheint der aus Lipsius’ Besitz stammende Leidens. F zu sein, [434] der von zweiter Hand stark durchkorrigiert ist; vgl. Welzh. 1878, 9. Mayhoff I 523ff. Detl. IV p. V, dem Chatelain II 14 zustimmt. – Paris. 6795 (E) saec. XI reicht bis XXII 135 und ist von zwei Händen verbessert, die in den älteren Vergleichungen nicht geschieden sind (Kroll 81. Rück S.-Ber. bayr. Akad. 1902, 229). – Luxemburg. (X+x) wenig bekannt, Kollation von van Werveke vorhanden, aber anscheinend unzugänglich (über ältere Vergleichungen Urlichs Eos II [1866] 353).

Dem 12. Jhdt. gehören die Exzerpte des Robert. von Cricklade an (o), die auf einer englischen Hs. beruhen und sich auf B. II–VII erstrecken; sie stimmen sehr zu E² (Rück S.-Ber. 1902; Progr. München 1903. Manitius III 241). Aus Paris. 6797 (d) saec. XIII ist der Toletanus (T) abgeschrieben und daher wertlos (G. Münch Wert und Stellung der Hs. d, Bresl. 1930). Wertlos ist auch Vindob. 234 (a). Über eine Hs. der medizinischen Schule in Montpellier (Cod. lat. 473) s. Campbell Class. Quarterl. XXVI 116–119. Den Cod. Cheltoniensis und Bodleianus aus Oxford saec. XII hat untersucht Campbell Americ. journ. of philol. LVII 113–123. Für die jüngeren Hss. muß ich auf die Ausgaben, bes. Mayh., verweisen, s. ferner Klebs Isis XXIV 120f. Thorndike ebd. XXVI 39. Einige Proben aus englischen und italienischen Hss. habe ich verglichen. – Faksimilia von M, O, P, A, E, G, V, B bei Chatelain Paléogr. des classics latins T. 136–142.

16. Zustand des Textes. Der Text des P. bot den Schreibern wegen seiner Unverständlichkeit und der vielen Fremdworte große Schwierigkeiten; zudem wurde er nicht mit derselben Sorgfalt behütet wie der eines Schulautors, bei dem durch den andauernden Vergleich mit anderen Hss. die schlimmsten Fehler beseitigt wurden. Das Erstere hatte zahllose Entstellungen zur Folge, die oft bewirkten, daß die erste Abschrift aus dem Original oder einer zweiten Hs. verbessert wurde, so daß manche Hss. eine doppelte Überlieferung darstellen. In großem Stil interpoliert wurde aber im allgemeinen vor der Humanistenzeit nicht (in a z. B. XXXIV 94). Eine Ausnahme bildet z. B. II 226, wo der Einschub aber nirgends von erster Hand überliefert ist; ferner wohl XXXVII 32. Streichungen von Urlichs und Mayh. sind oft verfehlt, so XXXV 142, vgl. VII 9. XXXIV 33; eine ganz unverkennbare Grammatikererklärung steht pr. 7; das Fortschreiten der Interpolation zeigt XXXVI 113; B hilft uns zu ihrer Entdeckung XXXVII 116f. IX 53 scheint zu Histrum mare zugesetzt zu sein. XIV 80 ist partem durch M als Zusatz entlarvt worden. Im Ganzen aber sind mehr unsinnige Schreibungen stehen geblieben als gewöhnlich; so semper tinctoria statt imperatoria VII 44; auguria statt a curia VII 212; in his terris statt ministeriis VIII 67; ramorum arboribus statt ramis arborum XII 9; XXXV 89 fehlt vitae. Eine Reihe von Verbesserungen, die sich aus Med. Plinii und Gargilius ergeben, steht bei Rose Herm. VIII 26, aus Solin bei Mommsen Ausg. p. IX. Alte Varianten sind z. B. vino: fico XXVI 23; opera: pictura XXXV 98; vgl. XXXVII 91. 126. Geholfen hat hier die Auffindung [435] besserer Hss., so von B (im J. 1831), der die sonstige Überlieferung an zahllosen Stellen verbessert (Fels 76ff. 92. Mayh. V p. 478). Er allein hat einen großen Teil von XXXIV 95 (vgl. XXXVI 45) und die letzten Paragraphen des Werkes erhalten (s. auch Traube Herm. XXXIII 345). Ähnliches gilt von M (Fels 10ff. Mayh. Lucubr. Plin. [Neustrelitz 1865] 53ff.; Novae lucubr. 31–54); er bietet z. B. XI 46 ore confingi statt oportere confici, XIII 60 facere velut statt faciunt sed ut, XI 220 exitus (zu verbessern in excitus) statt exilis, XIV 106 tusis statt usus; auch Lücken füllt er mehrfach aus (XI 38. XIV 46. XV 59. Mayh. II p. 558). P. leistet z. B. XVIII 93 Hilfe. Nicht wenig altes Gut ist durch die zweiten Hände gerettet, so speudian XVIII 64 durch D²; s. ferner VII 55. 73. 91 (natürlich echt). XI 94. Welzh. 1878, 5ff. Hier bedarf es noch weiterer Vorarbeiten.

17. Textkritik. Die Textkritik hat abgesehen davon, daß die Hss. auf weite Strecken unzuverlässig und teilweise auch nur mäßig bekannt sind, mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie beruhen teils auf dem künstlichen Charakter der Sprache, der den Herausgeber oft vor die Frage stellt, was er dem Autor zumuten darf, teils auf inhaltlichen Schwierigkeiten, die durch Emendation – etwa mit Hilfe der Parallelüberlieferung – zu beseitigen oft bedenklich ist. Von den älteren Herausgebern haben hier Barbaras, Gelenius und Harduin am meisten getan; das Parallelmaterial hat zuerst Salmasius Plinianae exercitationes (Paris 1629, abgedruckt Traiecti 1689) mit staunenswerter Gelehrsamkeit herangezogen. Vieles auch bei Gronovius, dessen Notaee bei Sillig Bd. VI (Gotha 1855) abgedruckt sind. Auf eine neue Basis gestellt wurde die Textbehandlung durch die genauere Bekanntschaft mit den Hss. seit Sillig (vgl. seine Praef. in Bd. I), teilweise schon verwendet. in L. Urlichs’ Vindiciae Plinianae I Greifsw. 1853. II Erlang. 1866. Das gilt noch mehr von L. v. Jan und besonders von Detlefsen; Mayhoff emendierte viel in Lucubrationes Plin. (Neustrelitz 1865) und Novae lue. (Lpz. 1874), noch mehr in seiner die Jansche ersetzenden Teubnerausgabe, recht oft unnötig, nicht selten falsch (auch Verbesserungen aus Paralleltexten wie XXXVI 180 sind oft bedenklich). Es empfiehlt sich daher, den Text von Detl. und den Apparat von Mayh. zu benutzen. Vorzügliche Emendationen bei C. F. W. Müller Progr. Johannisgymn. Bresl. 1888. Emendationen durch das ganze Werk von Brakman Donum natalicium Schreijnen (1929) 762–764, fortgesetzt in Mnemos. LVII 263–266. LVIII 79–88. 207–222. Lehrreich Walter Wien. Stud. LV 198ff.

18. Ausgaben (Auswahl, vgl. Schweiger Handb. d. class. Bibliogr. II 2, 781. Pauly RE V 1746). Die älteste ist die des Beroaldus (Parma 1476), und das 15. Jhdt. sah noch viele; von den späteren zu nennen die des Hermol. Barbarus (mit castigationes, Rom 1492f.); Dalecampius (Lyon 1587 [1606]); Gronovius (Leiden 1669); J. Hardouin (Paris 1685 [1723]); J. Sillig (Gotha 1851–1855); L. v. Jan (Lpz. 1854–1865, 2. Aufl. von C. Mayhoff 1892–1909); D. Detlefsen (Berl. [436] 1866–1882). Die Ausgaben von Sillig, Jan und Detl. sind mit ausführlichen Registern versehen. – Auswahl von Urlichs Chrestomathia Pliniana (Berl. 1857). – Übersetzungen deutsch von H. Külb (Stuttg. 1840–1856, vortreffliche Leistung), Strack (Bremen 1854 f.), Wittstein (Lpz. 1881f.); franz. von de Grandsagne (Paris 1829–1833), Littré (Paris 1848–1850), engl. von Bostock und Riley (New York 1855ff.).

19. Die Sprache. Grundsätzlich ist hier, wie bei so vielen Erzeugnissen der antiken Literatur, festzustellen, daß die sprachliche Gestaltung des Stoffes ein wesentlicher Teil der geleisteten Arbeit war und nur deshalb davon wenig oder gar nicht geredet wurde, weil sich diese Tatsache für den antiken Leser von selbst verstand. Es war keine Kleinigkeit zu zeigen, daß sich auch das gewaltige und meist ungefüge Material, das in mühsamer Arbeit gesammelt war, in einem modernen Anforderungen entsprechenden Stil behandeln ließ. Zu beachten ist dabei der Doppelcharakter des Werkes, das im Grunde ein Hypomnema war, aber doch zur schönen Literatur gerechnet werden wollte. Der hypomnematische Charakter zeigt sich von vornherein in den reichlichen, wenn auch nicht konsequenten Quellenangaben und den vorausgeschickten Indices; ferner in genauen Selbstzitaten (XXXVII 13), gehäuften Autorenzitaten (oft ohne ersichtlichen Grund wie XXXVII 31), in den wörtlichen Exzerpten aus fremden Arbeiten; doch sei schon hier bemerkt, daß, wo P. ein Exzerpt nicht ausdrücklich als solches einführt, er sich größere oder kleinere stilistische Veränderungen erlaubt, so daß es bedenklich ist, in Zweifelsfällen die Quelle durch stilistische Indizien festzustellen.

Außer durch diesen Faktor ist der Charakter von P.’ Sprache (über die nur das Nötigste gesagt werden kann) in stärkstem Maße zeitbedingt, d. h. sie steht unter dem Einfluß der Strömungen der silbernen Latinität und des Pointenstiles, als dessen Hauptvertreter wir Seneca betrachten (Bd. I S. 2243). Es ist dafür nicht unwesentlich, daß er ein rhetorisches Handbuch geschrieben und darin gerade auf Pointen besonders geachtet hat (s. o. E). Es ist in der Tat zu bewundern, wie P., der möglichst viele Tatsachen auf engem Raum zusammendrängen mußte, es verstand, auch diesen trockenen Stoff calamistris inurere und durch alle möglichen Mittel Abwechslung zu schaffen (Müller 51). Aber nicht selten unterbricht er seine fieberhafte Eile durch ekphrastische Exkurse oder ethische Deklamationen (o. S. 309). Einiges hat Norden 315 hervorgehoben, z. B. die laus Italiae III 39ff. und den Preis der mores antiqui XVIII 19. XXXV 7. Ich nenne noch die Schilderung des Tempetales IV 31, der Hyperboreer IV 89ff., des Atlas V 6f., des Nils V 51–54, des Bosporos VI 1f., der indischen Kasten VI 66, der Wirkung der menstrua VII 64ff., die Erzählung von der Perle der Kleopatra IX 119ff., ferner II 41ff. 154–159. IX 180ff. XI 20ff. 81ff. 108ff. XVI 2–6. XVIII 188f. XXXVI 72f. 105f. (Cloaca maxima); ebd. 116ff. (Theaterbau des Curio). XXXVII 21f. (myrrhina); 110f. (Türkis). Von Deklamationen nenne ich VII 145f. 188ff. VIII 149f. IX 14f. [437] 25ff. 102ff. 139f. X 49. 81ff. 121ff. XI 2–4. XIV 137ff. XV 105. XIX 2–6. 52–56. Hier kommen auch die gangbaren rhetorischen Mittel zur Anwendung (Müller 118): Fragen (VII 106. 137f. VIII 58. IX 105. 127. XVIII 251ff. XIX 54. XXXI 1ff. XXXVI 126. XXXVII 15); Ausrufe {VII 3. 132. VIII 147. XXVIII 229. XXXIII 137. 141. 153. XXXVI 118); Personifikationen wie die der Pomona XXIII 2; ἀποστροφαί wie II 54. VII 44. 117. XVIII 151ff. 266f. 328. XXVIII 6. XXXIII 39.

Aber durch das ganze Werk hindurch zieht sich das Streben nach dem Gesuchten, der Abweichung vom Gewöhnlichen; am deutlichsten in der auf Stelzen gehenden Vorrede. Rein äußerlich zeigt sich das in der Aufgabe der Konzinnität {Müller 56). Bei zweigliedrigem Ausdruck gestaltet P. mit Vorliebe die Glieder verschieden, etwa XXVII 129 datur et decoctum eius ...ad rupta convolsa, contusis, ex sublimi devolutis. VII 100 ceteris virtutum generibus varie et multi fuere praestantes. Nebeneinander stehen Plural und Singular (C. F. W. {Müller 9), Konjunktiv und Indikativ (XXI 2. XXXI 48f.). Dazu kommt die Zusammendrängung des Ausdrucks, teilweise durch den Wunsch bedingt, auf kurzem Raum recht viel Stoff zu bieten. Es finden sich kühne Ellipsen jeder Art (Müller 71). VII 197 argentum invenit Ericthonius Atheniensis, ut alii (sc. dicunt) Aeacus. V 121 ibi a Phocaea Ascanius portus ,dort liegt erst Ph., dann A. p.‘ IX 125 lentorem euiusdam cerae salivant ,sie geben als Speichel eine zähe, wachsartige Flüssigkeit von sich‘ (= Ar. ποοῦσι τὴν λεγομένην μελίκηραν). Ein Hauptmittel der Kürzung sind Ablat. absol., deren Möglichkeiten P. bis zum Äußersten erschöpft, um die Bildung besonderer Sätze zu ersparen. Häufig der Typ V 43 vastae solitudines .. usque ad .. Trogodytas, verissima opinione eorum qui ,und sehr richtig ist die Ansicht‘. VII 49 quae iusto partu quinque mensum alterum edidit ,die neben einem ausgetragenen Kinde eines von 5 Monaten gebar‘ (bei Ar. ganz klar ausgedrückt). Besonders widerspricht dem gesunden Sprachgefühl die Verwendung dieses Abl. für Tatsachen, die nicht vorausliegen. XXXVII 11 (nachdem von Scaurus’ Daktyliothek und der jüngeren des Pompeius die Rede war) multum praelatā Scauri ,doch wurde die des Sc. vorgezogen‘. Ergänzungen aus einem Glied ins andere finden sich massenhaft. XVII 186 fertili solo cum tribus gemmis, graciliore binis. V 69 Sebaste in monte, et altiore Gamala. Beliebt ist auch eine Zusammendrängung wie IV 31 in eo cursu Tempe vocant ,am Peneus liegt das T. genannte Tal‘.

Überhaupt werden alle der Prosa seit Livius gestatteten Freiheiten ausgiebig verwendet. Die Wortstellung ist künstlich (Müller 1), z. B. III 33 multo Galliarum fertilissimus Rhodanus amnis. Enallage: Varro in prodigiosa virium relatione VII 81. (Sardinia) abest ab Africa Caralitano promunturio CC III 84 ,das prom. Car. Sardiniens ist von Afr. entfernt‘. Alabanda quae conventum eum cognominavit V 109 ,nach dem der Gerichtsort benannt ist‘. Parenthesen wie mirum (dictu), aber auch längere (XXVI 85. 142. XXXVII 22) sind häufig (Müller 35). Rhetorische Mittel werden nicht verschmäht: nece venire, [438] sed venisse credimus X 61. vincendo victi sumus XXIV 5. anonymos non inveniendo nomen invenit XXVII 31. Solche Pointen sind nicht immer geschmackvoll: (von Curio) qui nihil in censu habuerit praeter discordiam principum XXXVI 120. (Von Epikurs κῆπος) usque ad eum moris non fuerat in oppidis habitari rura XIX 51. a pedibus eorum subiere in capita civium rostra XVI 8. Paronomasien wie V 54 non fluere ... sed ruere.

Auch hier fehlt es an Konsequenz. P. geht technischen Ausdrücken oft aus dem Wege (stellt daher rerum natura, plebei tribunus usw.) und setzt Rezepte in seinen Kunststil um (IX 133ff.), kann aber anderseits den Gebrauch von technischen und fremden, selbst barbarischen Worten nicht vermeiden. Er umgeht sie gelegentlich, kann sie aber im allgemeinen nicht vermeiden. Zu ihnen kann man auch die vielen griechischen Worte rechnen, deren Gebrauch er bisweilen entschuldigt (o. S. 420). S. etwa IX 52 Graecis enim plerisque nominibus uti par erit, quando aliis atque aliis eosdem diversi appellavere tractus. XVI 17. XXX 49 quod trixallis Graece vocatur, Latinum nomen non habeat (vgl. XXXIV 65); oft in der Form wie XXII 138 quae Graeci rheumatismos vocant. Derselbe Vogel, der X 175. 205 acanthis heißt, wird 116 carduelis genannt. Von peuce, das sich überhaupt hätte vermeiden lassen, erscheint XI 118 der griechische Genetiv. In den geographischen Büchern unterdrückt er manchmal Namen, die nicht Latino sermone dictu facilia (III 7) sind; vgl. III 28. 139. V 1. – Ungern redet er von pudenda und umschreibt sie gern, so VIII 97 den anus, IX 154 Ungeziefer. X 92 E. XXXIII 50. Die Benutzung des Werkes das doch dem Nutzen dienen wollte (o. S. 420), war durch die künstliche Sprache sehr erschwert. Bretzl 83 sagt über XIII 141 im Vergleich zu Th.: ,Auf Kosten der Eleganz ist in der Übersetzung Manches geschwunden, was mehr wert gewesen wäre.‘ S. 153 über XII 40: ,Bis zur Unkenntlichkeit hat P. die klassische Beschreibung ... von Tamarindus indica L. zerstört.‘ Vgl. 91ff. 182 (über XII 22 und XVI 225 mit Th. V 6, 2 Renjes 90). Die Medic. Plinii hat oft den natürlichen Ausdruck wieder eingesetzt (Rose Herm. VIII 27f.). Enger sprachlicher Anschluß an die Quellen ist nicht allzu häufig (Dirksen 138, 21) und Beobachtungen wie die von Klotz (Arch. f. Lex. XIV 427) über den Gebrauch von flumen, fluvius, amnis nur mit Vorsicht zu verwenden. Relativ getreu wird XVII 32 Varro wiedergegeben.

Diese wenigen Proben müssen genügen, um zu zeigen, daß P. einer der ausgesprochensten Vertreter des pretiösen Pointenstiles ist, den er freilich doch nicht mit solcher Meisterschaft handhabt wie Seneca. Wie er beinahe in jedem Satz durch eine überraschende oder geistreiche Wendung Esprit zeigt, kann hier nicht ausgeführt werden; es werden auch noch manche Untersuchungen z. B. seiner technischen Sprache nötig sein. – Das Beste steht bei Joh. Müller Der Stil des ält. P. Innsbr. 1883 (= Müller) und bei Norden Kunstprosa 314ff. F. Gaillard De breviloquentia Pliniana (Marb. 1904) hat auf Ellipse von Worten, Substantivierung [439] adjektivischer Neutra und freien Gebrauch von Partiz. und Abl. abs. geachtet. Feine Bemerkungen bei C. F. W. Müller Progr. Bresl. 1888; Allerlei auch bei Campbell (o. S. 301) 5–50. Ältere Literatur bei Teuffel § 313, 6.

20. Literatur (soweit nicht genannt). Über Salmasius (o. S. 435) s. Bd. X S. 838, 38. Allerlei bei Teuffel § 313. Schanz II⁴ 779. Fr. Krohn Jahresber. 231. Hanslikebd. 273.