RE:Wilhelm Kroll †

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XVIII,1 (1939), Sp. -005-011
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WILHELM KROLL †

Wilhelm Kroll wurde am 7. Oktober 1869 in dem schlesischen Ort Frankenstein geboren, aber seine Lebensheimat ist Breslau geworden, wohin der Vater nach einigen Jahren übersiedelte. Hier ging der Knabe in die Schule und wuchs zum Jüngling heran, hier wurde er Privatdozent und hier hat er die letzten 24 Jahre seiner Lehrtätigkeit zugebracht. Sein Vater war Jurist und gab seinem Elternhaus den Lebensstil einer preußischen Beamtenfamilie der 70er Jahre, die bei schmalen Einkünften die Würde des Standes nach außen zu repräsentieren sich verpflichtet fühlte. Das hat den Sohn nicht wenig bedrückt, der mit seinen mannigfachen künstlerischen und wissenschaftlichen Interessen über die traditionellen Grenzen hinausstrebte und sich dafür eigene Wege zu bahnen gezwungen sah. Das Gymnasium Johanneum vermittelte ihm eine solide humanistische Schulung: von den Lehrern war vor allem der Direktor C. F. W. Müller eine geformte Persönlichkeit, deren Wirken von den Schülern als innerlicher Gewinn empfunden wurde. Auch hier ging der junge Kroll seine eigene Bahn und las privatim griechische und lateinische Schriftsteller, die er sich von seinen kümmerlichen Ersparnissen im Antiquariat kaufte. Von großer Bedeutung für seine Zukunft sollte es werden, daß er in diesen Jahren bei einer Engländerin Privatstunden in ihrer Sprache nahm, und das mit solchem Eifer, daß er damals bereits zu seinem Vergnügen Tauchnitzbände verschlang.

Als er Ostern 1887 das Abiturientenexamen bestanden hatte, entschied er sich für das Studium der klassischen Philologie und fand zu seiner Verwunderung dafür die Zustimmung des Vaters. Erst nach vielen Jahren erfuhr er, daß hierfür das Votum seines Direktors ausschlaggebend gewesen war, der dem [-006] Vater versichert hatte: „Lassen Sie ihn studieren, was er will, es wird in jedem Fall etwas aus ihm.“ Er begann das Studium in Breslau. Aber schon im Wintersemester 1887/88 ging er nach Berlin, und die beiden dort verbrachten Semester sind von größter Bedeutung für ihn geworden, weil sie ihn mit der Fülle der Bildungsmittel der Großstadt bekannt machten und er hier akademischen Lehrern von größtem Format begegnete. Vor allem haben Hermann Diels und Carl Robert sein Herz gewonnen und seinen Blick für die ganze Weite der Altertumswissenschaft geöffnet.

Als er nach Breslau zurückkehrte, trieb er in frischem Arbeitsmut sogar umfangreiche Sanskritstudien bei Hillebrandt. Eine von Hertz gestellte Preisarbeit „de studiis Symmachi“ wurde die Grundlage seiner Dissertation, mit der er im Februar 1891 den philosophischen Doktorgrad erwarb. In dieser Erstlingsarbeit verband sich das Studium der Spätantike mit der Geschichte der Philologie: und beide Arbeitsgebiete haben ihn sein Leben hindurch festgehalten.

Richard Reitzenstein wies ihn auf die Notwendigkeit einer Neuausgabe von Proklos Kommentar zur Platonischen Republik hin. Diels hatte als Preisaufgabe der Berliner Akademie eine Bearbeitung des Damaskios aufgestellt. Jetzt fielen für Kroll die Würfel seines Lebensschicksales. Er reiste nach Venedig und Florenz, um Handschriften der Neuplatoniker zu vergleichen und tauchte zum ersten Male in den Zauber italienischen Lebens ein, der ihn nie wieder losgelassen hat. Im Sommer 1892 kehrte er nach Deutschland zurück und begab sich nach Bonn, das damals die Hochburg philologischer Wissenschaft war. Buecheler, Usener und Loeschcke waren auf der Höhe ihrer Wirksamkeit. Und es war die Berührung mit diesen überragenden Persönlichkeiten, die ihm das Bonner Semester als eine wissenschaftliche Förderung besonderer Art erscheinen ließ. Namentlich von Usener hat er viel gehabt. Darüber hinaus aber hat der sonnige Reiz des Bonner Lebens in seiner Gesamtheit ihm reichen Gewinn gebracht. Hier erreichte ihn die Nachricht, daß er den Akademiepreis errungen habe, und die dadurch gewonnenen Mittel erlaubten ihm schon im Herbst 1892 einen ausgiebigen Studienaufenthalt in Italien, der ihn bis nach Sizilien hinauf führte und in Rom seinen festen Mittelpunkt fand. Die hier vorbereitete Ausgabe des Proklos ist in den Jahren 1899 und 1901 erschienen.

Jetzt steuerte er geradlinig auf die Habilitation zu, die im Jahre 1894 an der Breslauer Universität bewerkstelligt wurde. Und wieder war es die Geistigkeit [-007] der Spätantike, der seine Habilitationsschrift galt. Die Ausgabe, Würdigung und Erklärung der „chaldäischen Orakel“ hob mit sicherem Griff ein seltsames Zeugnis orientalischer Religiosität in griechischem Gewande aus dem Dunkel der Zeit. Daß man den begabten jungen Philologen auch in Berlin zu schätzen wußte, ging aus dem ehrenvollen Auftrag Mommsens hervor, die von Schoell vorbereitete, aber durch seinen Tod abgebrochene Arbeit an der Ausgabe von Justinians Novellen zu vollenden. Kroll sagte zu und hat die Arbeit pünktlich vollendet: sie erschien schon 1895. Aber wer einmal den Zaubergarten spätantiken Lebens betreten hat, wird immer tiefer in seine geheimnisvollen Wege hineingezogen. Eine verunglückte Ausgabe der Astrologie des Firmicus Maternus lockte dazu, die Aufgabe neu anzufassen. Kroll griff zu und hat sie, unterstützt von seinem Freunde Skutsch und später von Ziegler, 1897 und (Bd. 2) 1913 vollendet. Die auf Wendlands Veranlassung gemeinsam mit Viereck übernommene Ausgabe des byzantinischen Dialogs über die Astrologie von Hermippos (1895) darf als ein Parergon dieser Studien erscheinen. Aber die Astrologie hatte ihn nun einmal gepackt, und so brachte Meister Usener ihn mit Franz Cumont zusammen, der einen umfassenden Katalog der griechischen astrologischen Handschriften plante: die auf diesem Boden erwachsene Freundschaft mit dem großen belgischen Erforscher der Spätantike ist für Kroll einer der großen Lebenswerte geworden. Sein Anteil an der Katalogarbeit erschien im Jahre 1903 (Bd. 6) und 1906 (Bd. 5, 2).

Während dieser Jahre wirkte der junge Privatdozent als Lehrer in Breslau, ging auch wohl einmal ein Wintersemester nach Italien zu weiteren Handschriftenvergleichungen und regte sich als belebendes Element im Kreise der heimischen Philologen. Da war ganz plötzlich seine Wartezeit zu Ende. 1899 kam er als ordentlicher Professor nach Greifswalde und durfte sich darüber freuen, daß er die Zwischenstufe des Extraordinarius übersprungen hatte. Hier traten erfrischende Aufgaben an ihn heran, und Kollegen von so verschiedenartiger Ausprägung wie Gercke, Zimmer, Seeck, A. Körte und Pernice gaben seiner Wirksamkeit neue Anregungen und Aufgaben, während der alte Susemihl seiner Neigung zum Humor erwünschte Nahrung bot. Im Januar 1900 verlobte er sich mit der Tochter des Gymnasialdirektors Wegener und heiratete im April. Jetzt hatte er ein eigenes Heim wie ein richtiger Professor und konnte seine Studenten an offenen Abenden in eigener Häuslichkeit um sich versammeln.

[-008] Seine Studienreisen erstreckten sich jetzt nach England und Frankreich und häuften immer neues Material an astrologischer Literatur. Im Jahre 1898 war aber bereits eine andere Art wissenschaftlicher Tätigkeit an ihn herangetreten. Er hatte die Redaktion der Bursian’schen Jahresberichte für die klassische Philologie übernommen und seiner Wissenschaft damit ein notwendiges Hilfsmittel erhalten. Hier wurde nicht mehr eigene Forschung, sondern opferwillige Hingabe gefordert, um der Wissenschaft durch redaktionelle Zusammenfassung der Arbeiten anderer Leute wertvolle Dienste zu leisten. Kroll hat sich dieser Aufgabe mit Hingebung unterzogen und diesen Jahresbericht bis 1914 betreut. Und er gab ihn nur auf, um größere Aufgaben der gleichen Art besser bewältigen zu können.

Sieben Jahre dauerte die Greifswalder Wirksamkeit. Im Jahre 1906 ging Kroll nach Münster und hat da mit jugendlicher Frische das Studium der Altertumskunde durch Begründung eines die verschiedenen Zweige dieser Wissenschaft vereinigenden Instituts für Altertumskunde reformiert. 1913 kehrte er nach Breslau zurück, wo er nun als Lehrer und Forscher bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1935 eine umfassende Wirksamkeit entfaltete. In diesen Jahren, welche die Höchstleistung seines Lebens abgrenzen, bewies er eine Vielseitigkeit der Interessen und eine Arbeitskraft, die von der philologischen Öffentlichkeit in ihrer ganzen Bedeutung kaum richtig eingeschätzt werden konnte, weil sie den Blicken der Welt zum größten Teil entzogen blieb. Es ist ganz erstaunlich, wie Kroll die ihm auferlegte Riesenlast organisatorischer Arbeit bewältigte und trotzdem noch Zeit zur Lösung eigener Forschungsaufgaben fand, die in der Richtung seiner früheren Studien lagen, zum guten Teil aber auf anderen Feldern seines Fachgebietes erwuchsen.

Der Münsterer Zeit gehört noch seine „Geschichte der klassischen Philologie“ (1908, 2. Aufl. 1919) an, die in gewissem Sinne seine Übersicht über „die Altertumswissenschaft im letzten Vierteljahrhundert“ von 1905 und seine Arbeit über „das Studium der klassischen Philologie“ aus demselben Jahre (3. Aufl. 1910) ergänzt. Seine astrologischen Editionen schloß er 1908 mit der Ausgabe des Vettius Valens ab. Und als einen Nachklang dieser Studien darf man in gewissem Sinne seine Edition der Alexandergeschichte des Pseudo-Kallisthenes von 1926 bezeichnen.

Seine Untersuchung über die Kosmologie des Plinius 1930 kann ebenso wie [-009] der Aufsatz über die Religiosität in der Zeit Ciceros dem Grenzgebiet zwischen Religionsgeschichte und Philosophie zugerechnet werden, aber diese letzte Studie gehört gleichzeitig einem anderen Interessenkreis an, der sich im Jahre 1908 durch seinen Kommentar zu Ciceros Brutus und die 5 Jahre später (1913) herausgegebene Erklärung des ciceronianischen Orator ankündigt. Krolls akademisches Lehrgebiet ist seit Münster immer ausschließlicher das Lateinische geworden, und so wandte er auch seine Forscherarbeit dem Klassiker der lateinischen Prosa zu. Den genannten beiden Kommentaren ließ er im Jahre 1922 einen schon in jungen Jahren geplanten, aber erst jetzt zur Vollendung gediehenen Kommentar zu Catull folgen (2. Aufl. 1929). Was alle diese Kommentare auszeichnet, ist eine erstaunliche Belesenheit in der antiken Literatur, die mit einer Fülle von Belegstellen und Parallelen aufwarten kann, um Sprache und Gedanken des Autors aus seiner Welt heraus verstehen zu lehren. Der alte Boeckh sagt einmal in seinen Ausführungen über die Methode der Hermeneutik: „Eine große Anzahl von Zitaten ist dem Philologen unentbehrlich, das Zitieren in größter Genauigkeit ist recht eigentlich philologisch; denn die Philologie beruht auf äußeren Zeugnissen, während der Philosoph sich selbst innerer Zeuge sein muß“ (Enzyklopädie der philologischen Wissenschaften, 2. Aufl. 1886 S. 122). Wilhelm Krolls Kommentare verdienen solches Lob, recht eigentlich philologisch zu sein. Schon früh hat Kroll von seinen Lehrern die heilsame Scheu vor großen Worten und bloßen Einfällen gelernt und hat diese lobenswerte Zurückhaltung bis zuletzt geübt: so sind alle seine Arbeiten stoffreich und vermitteln dem Leser ein solides Wissen. Das tritt am stärksten in seinen „Studien zum Verständnis der römischen Literatur“ 1929 und vollends in seiner „Kultur der ciceronianischen Zeit“ (2 Bände 1933) zutage, und wer in diesen Werken, zumal in dem letzten, den geistreichen Gedankenflug vermissen sollte, wird durch die umfassende und in lebendiger Sprache vorgetragene Übersicht über die Fülle der Tatsachen reichlich entschädigt. Diesem Ziel hat Kroll nachgestrebt, und er hat es erreicht.

Noch in Münster wurde er vom Teubner’schen Verlag für die Neubearbeitung von Teuffel’s „Geschichte der römischen Literatur“ gewonnen, und es ist ihm in Gemeinschaft mit anderen Gelehrten gelungen, diesem schlechthin unentbehrlichen Nachschlagewerk der Philologen die notwendige Neugestaltung zu geben, um es der Generation der Gegenwart dienstbar zu machen. Seine [-010] Neigung zu grammatischen Studien ließ ihn nach dem Tode von Skutsch 1914 in die Redaktion der „Glotta“ eintreten. Hier lieferte er ständig Bericht über lateinische Syntax, Sprachgeschichte und Metrik und griff mehrfach durch eigene Aufsätze in die Forschung ein.

Von allergrößter Bedeutung für das Gesamtgebiet der Altertumswissenschaft wurde aber sein Entschluß, die Redaktion der Paulyschen Realenzyklopädie zu übernehmen. Der bisherige Herausgeber Wissowa sah sich 1906 genötigt, seine Tätigkeit einzustellen, wenn er sich noch die Kraft zur Durchführung eigener Arbeitspläne bewahren wollte. Er teilte dem Verlag mit, daß ihm dieser an sich sehr schwere Entschluß durch die Gewißheit erleichtert würde, in Wilhelm Kroll einen geeigneten Ersatz zu finden. Und dieses Gefühl hat Wissowa nicht getrogen. Schnell arbeitete sich Kroll in die Technik der Redaktion ein, und es gelang seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, in Deutschland wie im Ausland das Vertrauen zu gewinnen, welches ihm die Werbung immer neuer Mitarbeiter und die planmäßige Durchführung des Arbeitsprogramms ermöglichte. Nur wenige Menschen, auch unter den Mitarbeitern der RE, haben eine Vorstellung von der in tausend Einzelleistungen sich zersplitternden nervenaufreibenden Arbeit einer solchen Redaktion. Kroll besaß nicht nur die Kenntnisse, sondern auch die Nerven, welche die Aufgabe erforderte. Und er verstand Freundlichkeit und Ernst mit psychologischem Geschick zu verbinden, um die Manuskripte terminmäßig von den Mitarbeitern zu erhalten. Dabei wußte er ganz genau, wo er die Zügel straff anzuziehen und wo er sie locker zu lassen hatte. Schematische Auffassung seines Redaktorenamtes war ihm fremd. Und auf diesem Wege hat er in 33jähriger Arbeit es erreicht, daß die Neugestaltung der RE nicht ein riesiges Nachschlagebuch enzyklopädischer Excerptenweisheit geworden ist, sondern vom ersten bis zum letzten Band den eigentümlichen Charakter behalten hat, der ihre internationale Anerkennung sicherstellt. Die RE ist eine Sammlung von kurzen, aber hochwertigen Monographien, welche durch zwischengelegte Orientierungsartikel zu einer organischen Einheit verbunden werden.

Aber nicht nur als Redaktor, auch als Artikelschreiber hat Kroll fleißig an der RE gearbeitet. Nicht selten mußte er für einen ausfallenden Mitarbeiter einspringen, aber zuweilen konnte er auch eigener Neigung folgend eine Monographie dem Werke einverleiben. Dahin gehört vor allem sein großer Artikel [-011] über Hermes Trismegistos und seine Studie über Kallisthenes, den Verfasser des Alexanderromans. Und noch seine letzte Arbeit über Plinius und über Ciceros rhetorische Schriften hat der RE gegolten.

Die vielen aus dieser Schriftleiterarbeit erwachsenen persönlichen Verbindungen hat er eifrig gepflegt und ist in späteren Jahren besonders mit den angelsächsischen Ländern in engere Berührung gekommen. Im Jahre 1930/31 weilte er als Gastprofessor an der Universität Princeton und bereiste im Anschluß daran zahlreiche andere Universitäten in Nordamerika. Seit 1928 ist er auf Vortragsreisen mehrfach in England gewesen, und die kollegiale Dankbarkeit der Philologen von Oxford und Cambridge hat ihm von beiden Universitäten die Würde des Dr. litt. eingetragen. Und von jeder Reise kehrte er mit frischem Arbeitsmut an seinen Schreibtisch zurück.

Mitten aus dieser rastlosen Tätigkeit riß ihn am 21. April 1939 ein plötzlicher Tod. Noch standen genug Aufgaben vor ihm, aber sein Lebensbild ist voll gerundet. Was an seinem 70. Geburtstag, dem 7. Oktober 1939, die ganze philologische Welt dem Lebenden bezeugt haben würde, das wird dem Toten von einer dankbaren Nachwelt zum Ruhm gesagt werden: daß er nicht nur ein gründlicher und zuverlässiger Forscher, sondern darüber hinaus der Haushalter und Schatzmeister deutscher Altertumswissenschaft gewesen ist.

Professor D. Dr. Hans Lietzmann